Ausgabe 
31.7.1902 Zweites Blatt
 
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frankoftscher Orden nachBelgien Hal wiederum in großem Umfange begonnen;

Bern, 30. Juli. Amtlich wird gemeldet: Dank der guten Dienste der deutschen Reichsregierung haben die schweizerische und die italienische Re­gierung, um ihre bezüglichen Vertretungen wieder in normale Verhältnisse bringen, beschlossen, unter gleichzeitiger Abberufung ihrer respektiven Gesandten Dr. jur. (Sartin und Silvestrelli die vorläufige Leitung der re­spektiven Gesandtschaften den ersten Sekretären derselben, Legationsrat Feroinaud du Martheray und Cavaliere de Martino bis zur bald bevorstenden Ernennung neuer Titu- lare zu übertragen.

Konstantinopel, 30. Juli. In der Garnison von Lvnstautiwopel zeigt sich Unzufriedenheit. Die Regierung hat von der Tabakregie einen Vorschuß von 60000 Pfund erhalten, um damit einen Monatsso ld bezahlen zu können.

In diplomatischen Kreisen folgt man mit größerer Aufmerksamkeit als sonst um diese Jahreszeit den Vor- gängen in Mazed onien. Sonst gelangte die Bewegung während der Sommermonate zum Stillstände. Allein in diesem Jahre hat die mazedonische Agitation weiter ge­arbeitet. Troß aller Dementis wird von einwandfreier Seite bestätigt, daß kürzlich Kämpfe bei Strumnitza stattge- sunden haben. Zahlreiche Banden halten sich im Rayon von Prile und Kruschera auf. Am 24. Juli kam es bei Cvamu und Kasa-Gewgeti zu großen Zusammenstößen, wobei neun türkische Soldaten getötet wurden.

Tripolis, 30. Juli. Das italien i sche Geschwcr- der ist heute zum Besuche der anderen tripotitanischen Häfen abgegangen. In Tripolis blieben der Panzerkreuzer ,/Garibaldi" und drei Torpedobootszerstörer zurück.

Manbara (Britisch Ostafrika), 30. Juli. Die Majore Radcliffe und Bright, die britischen Kommissare für die »Festsetzung der Grenze zwischen Deuts ch - O st - asrikaund Uganda, sind hier eingetroffen.

Kap Haitien, 30. Juli. Die hauptstädtischen Truppen sind geschlagen; das KanoneitbootCretea- pierrot" bedroht Port-au-Prince.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 31. Juli 1902.

* * Provinzialdirektor Dr. Breidert hat heute «seinen Urlaub angetreten. Er wird von Regierungsrat Dr. Wagner vertreten.

* * An der hiesigen Universität promovierte heute auf Grund seiner DissertationDe captivis Romanorum ßtud. phil. Eugen Köser aus Gießen.

* * Das Großh. Regierungsblatt, Beilage Nr. 12, ausgegeben am 29. Juli ds. Js., enthält: 1. Oeffentliche Anerkennung einer edlen That. 2. Bekanntmachung, die Er­gebnisse aus der Rechnung der Staatsschuldenverwaltung für das Etatsjahr 1898/99 betreffend. 3. Namensveränderungen. 4. Dienstnachrichten.

* * Staatsschuldenverwaltung. Eine im Großh. Regierungsblatt, Beilage Nr. 20, veröffentlichte vergleichende Zusammenstellung der Aktiven und Passiven der Großh. Hess. Staatsschuldenverwaltung zu Ende 1898/99 ergiebt: 1. Aktiva: 17 501 626 Mk. 51 Pfg. (eigentliche Staatsschuld 12 471 102 Mk. 32 Pfg., Staats­rentenablösungsschuld 4 738 528 Mk. 88 Pfg., Landeskultur­rentenschuld 291 995 Mk. 41 Pf.); 2. Passiva: 259482771M. 83 Pf. (eigentliche Staatsschuld 254 468 182 Mk. 95 Pfg., Staatsrentenablösungsschuld 4 738 518 Mk. 88 Pf., Landes­kulturrentenschuld 276 060 Mk.), verglichen bleibt ein Passiv­stand zu Ende des Etatsjahres 1898/99 von 241 981 141 Mk. 22 Pfg.

T? D i e Wirts chaftsgenossenschaft des Ver­bandes D. Post- u. Telegr.-Assist., E. G. m. b. H., von der einzelne sich soviel versprochen, wird mit Ablauf des Jahres ausgehoben. Äe hat bei den Ver- bändlern nicht genügend Anklang gefunden. Von 20 000 Mitgliedern des Verbandes haben sich nur 300 der Ge­nossenschaft angeschlossen mit einem Geschäftsanteil von je 50 Mk. und selbst ein Teil dieser Mitglieder hat selten oder gar nicht Waren von der Genossenschaft bezogen. Die Mehrheit der Post- und Telegr.-Ass. im Verband steht auf dem Standpunkt, daß der Staats- und Gemeinde­beamte nicht den Geschäftsleuten ins Hand­werk p f u s ch e n soll; sie sagen sich mit Recht, der Gehalt der Beamten wird vom Staat bezw. der Gemeinde gezahlt und zwar aus Mitteln, die von der Gesamtheit aufgebracht werden. Staat und Gemeinde aber haben ein großes In­teresse daran, daß die Gesamtheit steuerkräftig bleibt, es kann daher nicht Aufgabe der Beamten sein, Teile der Gesamtheit durch Gründung von Konsumvereinen rc. zu schädigen.

t? Die Kosten des Lebensunterhaltes in Familien. Um festzustellen, welche Ausgaben der Lebens­unterhalt einer mittleren Beamtenfamilie durchschnittlich pro Monat erfordert, läßt der Verband deutscher Post- und Telegr.-Assiftenten von einzelnen seiner Mitglieder in allen Teilen des Reiches (abgesehen von Bayern und Württem­berg) rnonatliche Haushaltungsrechnungen aufstellen; die Formulare liefert der Verband. Die Rechnungen werden monatlich abgeschlossen, dem Verbandsvorstand übersandt, hier von geeigneten Personen gewissenhaft geprüft, und weiter behandelt.

? Salzschlirf, 30. Juli. Ter gestrige Tag war für unser so schon aufblühendes Bad die Zahl der Kurgäste in diesem Jahre ist bis jetzt schon auf 2300 gestiegen ganz besonders bedeutungsvoll, denn er brachte uns die Einweihung der neuerbauten e vangelischeu Kirch e. Bisher waren die evangelischen Bewohner und Kurgäste Salzschlirfs kirchlich schlecht versorgt. Bis zum Jahre 1897 mußten sie zum Gottesdienst nach dem hessischen Orte Landenhausen wandern, was namentlich für viele Kurgäste sehr beschwerlich oder ganz unmöglich war. Seit dem Jahre 1897 begannen die Fuldaer Geistlichen regel­mäßige Gottesdienste zu halten, wofür ihnen von der Kur­verwaltung die nötigen Räume zur Verfügung gestellt wur­den, erst vierzehntägig, dann jeden Sonntag. Als für das wachsende Bedürfnis die Räume immer weniger genügen wollten, faßte man ernstlich den Bau einer cüang. Kirche ins Auge. Nachdem die Kurverwaltung auch dafür einen herrlichen Bauplatz geschenkt hatte, wurde im vorigen Jahr im Vertrauen auf die Beihilfe des Gustav Adolf-Vereins und der evang. Kurgäste zur Ausführung geschritten. Und nun erhebt sich das schmucke Kirchlein auf dem Bergabhang am westlichen Ende des Kurparkes, ganz nahe beim Bahn­hof. In einfachen gotischen Formen aus Sandstein erbaut, grüßt es als erstes den in Salzschlirf Einfahrenden mit feinem schlanken Turm. Es faH 230 .Sitzplätze, hol ca

40000 Mk. gekostet und macht mit feiner einfachen, aber würdigen inneren Ausstattung, seiner in Holzvertäfelung ausgeführten Deckenkonstruktion dem Erbauer, Baurat Wolff von Fulda, alle Ehre. Leider konnte es mit feinen bescheidenen Raumverhältnissen nur einen kleinen Teil der fteftgemeinbe fassen. Waren doch außer den Evangelisch<en des Orts und den Kurgästen die Festteilnehmer inStromen von außen gekommen, darunter die Vertreter der staatlichen und kirchlichen Behörden: der Oberpräsident von Hessen- Nassau, Graf von Zedlitz-Trützschler Exz., der Prä­sident des Casseler Konsistoriums, von Altenbeckum Exz., der Generalsuperintendent Pfeiffer von Cassel, Major Freiherr Riedesel zu Eisenbach u. a. Um li/2 Uhr bewegte sich der Festzug vom Kurhaus nach der Kirchs. Dort wurde die Kirche nach kurzen Wecheworten des Generalsuperintendenten, des Baumeisters und des Super­intendenten Ruhl von Fulda, von letzterem, dem mit seinen Kollegen die geistliche Versorgung der neuen evang. Ge­meinde Salzschlirf obliegt, mit dem ihm dazu übergebenen Schlüssel eröffnet. Drinnen wurde der Gottesdienst durch einen Chorgesang des Fuldaer evang. Kirchengesangvereins eröffnet. Darauf hielt Generalsuperintendent Pfeiffer die Weiherede, der er den von I. Maj. der Kaiserin in die von ihr geschenkte Altarbibel eigenhändig eingeschriebenenSpruch Offenb. Joh. 21, 7 zu Grunde legte. Nach vollzogener Weihung setzte die vom Gustav-Adolfverein gestiftete Orgel ein und führte unter Posaunenbegleitung den mächtig dahin brausenden Gemeiirdegesang, worauf Pfarrer Hatten­dorf von Fulda den Altardienst und Superintendent Ruhl von Fulda die erste Predigt in der neuen Kirche hielt, in der er auf Grund von 1. Petr. 2, 5. 6. der Gemeinde die Bedingungen darlegte, unter denen das Gotteshaus seine herrliche Bestimmung unter ihr erfüllen könne. Nach Schluß des Gottesdienstes überreichte Konsistorialpräsident von Altenbockum noch einige von Sr. Maj. dem Kaiser ver­liehene Ordensdekorationen, so vor allem dem um den Bau hochverdienten Superintendenten Ruhl, und Oberpräsident Graf von Zedlitz schloß sich mit einigen markigen Worten evangelischer Bekenntiristreue an. Die darauf folgende Fest­tafel füllte den großen Saal der Kurhauses wieder mit einer großen Schar feiernder Gäste, unter denen auch die Kurgäste zahlreich vertreten waren. Aus der endlosen Zahl von Trinksprüchen, die ausgebracht wurden, sei nur der er­wähnt, der auf Ihren Gießener Landsmann, den feit über 30 Jahren hier angestellten Stationsvorsteher Mo hl, den Schwiegersohn des eigentlichen Begründers des Baues, Sanitätsrat Martini, ausgebracht wurde, und den er durch seine unermüdliche Thätigkeit für die Begründung einer evang. Gemeinde in Salzschlirf und den Bau der Kirche redlich verdient hat.

Altenstadt (Wetterau), 26. Juli. Bei der heute zum drittenmal abgehaltenen Bürgermeisterwahl siegte, wie derLaut. B." meldet, abermals H. Ph. Wi Kroll mit 118 Stimmen. Der seitherige Bürgermeister Wagner erhielt keine Stimme, dagegen Landwirt Brack 31. Wie man hort, soll abermals Reklamation eingereicht werden und dürfte das Ende in diesem Jahr nicht mehr zu er­warten fein.

Darmstadt, 31. Juli. (Eig. Drahtbericht.) Herr Georg Ludwig Lintz ist vom Großherzog zum 2. land­wirtschaftlichen Lehrer an der landwirtschaftlichen Winterschule zu Büdingen ernannt worden.

Mainz, 30. Juli. Nach einer heute nachmittag bei der Bürgermeisterei eingelaufenen Nachricht von der Reichs­rayonkommission hat dieselbe die Genehmigung erteilt, daß die Stadt Mainz die zu erbauende städtische Reinigungs­anstalt ohne Rayonbeschränkungen im 1. Festungs- rayon errichten darf. Dieser Beschluß ist um so wichtiger, als er auch für die noch weiter zu errichtenden Bauten maß­gebend sein dürste und einen Bruch mit den bestehenden Be­stimmungen bedeutet. Es ist nachts 2 Uhr, da schwankt ein letzter Gast aus dem Wirtshaus, dessen Läden rasch heruntergelassen werden. 9lur sehr wenige Häuser weit tragen ihn aber die unsicheren Beine, dann lehnt er das müde Denkerhaupt wider ein Haus, öffnet weit den Mund, gluckst, stöhnt mehrmals und ruft verzweiflungsvoll den Namen des hessischen Sozialistenführers und dann ist ihm leicht. Oben aber thut sich ein Fenster auf und eine gellende Stimme schreit:So e Gemeinheit! Geh'n Se doch eniroer an's annere Haus!" Thränenden Auges blickt er empor und lallt mit schwerer Zunge:Ja, do schennt der da driwwe!"

P. A Worms, 30. Juli. Die Anmeldungen zum 26. Mittelrheinischen Kreisturnfest lausen in den letzten Tagen sehr lebhaft ein. Telegraph, Telephon und Eilbriefe bringen stündlich Neuanmeldungen. Bis gestern nachmittag war das Eintreffen von ca 2 20 Turnver­einen mit zirka 4000 auswärtigen Turnern vor- gemerkt. Der Wohuungs- und Geschäftsführenoe Ausschuß hat alle Hände voll zu thuu. In den verschiedenen Volks­schulen ist mit der Herstellung großer Schlafsäle für Turner­massenquartiere bereits begonnen worden. Die Vorfeier am letzten Sonntag hat die vom Geschäftsführenden Ausschuß gestellten Erwartungen bei weitem über troffen. Der Besuch muß als ein recht guter bezeichnet werden. So waren z. B. im Voranschlag nur 900 Einlaßkarten für Erwachsene und 800 für Kinder oorgemerkt, Dauerkarten natürlich ab­gerechnet. Die Zahl der Erwachsenen erreichte jedoch die slatttiche Hohe von 2100, die der Kinder 781. Ein günstiges Vorzeichen für das kommende Fest.

Frankfurt a. M., 30. Juli. In der heutigen außer­ordentlichen Generalversammlung der Museums- Gesellschaft wurde der bisherige zweite Dirigent des Kaim- Orchesters, Siegmund v. Hausegger aus München, an Stelle des im nächsten Jahre zurücktretenden Kapellmeisters Kogel mit 28 gegen 7 Stimmen zum Dirigenten gewählt.

? Frankfurt a. M., 30. Juli. Nach mehr als halbjährigem Jagen im Sudan hat der bekannte Jäger und Reisende Menges heut seine Beute an lebenden Tieren in unseren Zoologischen Garten eingebracht. Alle Fenster, an denen bte Karawane vorüberzog, waren dicht besetzt mit den Köpfen Neugieriger, und thatsächtich kann man sich schwer etwas Interessanteres denken, als diesen Transport frischgefcmgener Wüstentiere. Die Raubtiere in schweren, eisenbeschlagenen Kasten, eröffneten den Zug. Auf ihren Behältern Lagen die Kisten mit Affen einer wahrhaft rtefigen Art, mit wildem Gesicht und tückischen, tieftiegenöen Augen. Strauße und seltsame Antilopen folgten, und den Schluß bildeten 10 Giraffen, die jede von vier Mann am Halfter geführt, mit größter Vorsicht vorwärts gebracht wurden. Wagen, Fahrräder, und was die Straße passierte, wurden angehalten, bis die scheuen Gefangenen, «schritt vor Schritt, vorbeitransportiert waren. Mancher Sprung wurde noch im letzten Moment durch den Zug an dem Halfter toupiert, und oft wurden die Führer von den nutt-

wlltigen Riesentieren ganze Strecken weit fortgeriffen. Im Garten selbst hatte man em Stück der Außenwaid entfernt, und so gelangten die Tiere geradewegs an das Antilopen­haus, wo jetzt die ganze Herde Giraffen, je nach Verträglich­keit zu 1 bis 3 Exemplaren in Ställe verteilt, von der er­müdenden Seereise ausruht.

Vermischtes.

* ©u m binnen, 30. Juli. Der Oberleutnant im hiesigen Artillerie-Regiment, Hildebrand, der im vorigen Jahre in Insterburg den Leutnant Blaskqwrtz im Duell erschoß, ist der Rest der Festungshaft er­lassen worden. (Das Duell fand am 4. Noveuber v. Js. statt. Am 18. November wurde Hildebrand zu « Jahren Festung verurteilt und im Dezember wurde das Irteil vom Kaiser bestätigt. Blaskowitz hatte bekanntlich H. im trunkenen Zustande thätlich beleidigt. Diese Begradigungen sind jedenfalls kein Mittel zur Einschränkung der Zweikämpfe. D. Red. desGieß. Anz.")

* Hamburg. 30. Juli. Zum Schiffsunglück auf der Elbe wird gemeldet: Für ein Denkmal, das den Opfern derPrimus"-Katastrophe auf dem Friedhöfe zu Ohlsdorf in der Mitte des als Ruhestätte für die Verun­glückten bestimmten Platzes errichtet werden soll, hat dem Vernehmen nach der K a i s e r aus seiner Prioatschatulle einen Beitrag von 500 Mark gestiftet. Die Kaiserin über­mittelte demVaterländischen Frauenverein" 6 00 Mark für die Hinterbliebenen der bei der Schiffskatastrophe an 20. Juli Verunglückten. Gestern abend fand eine eingelende Be­sichtigung des Wracks desPrimus" durch den Ersten Staatsanwalt, Geh. Justizrat Muhle-Altona statt. Auch die Hantburger Polizei hatte einen Vertreter gesandt. Nach der Besichtigung wurde die Erlaubnis zum Wegschla^en des Rades gegeben. Der Taucher Beckedorf gedenkt denPrimus" bis Freitag aufzurichten. Es wurde festgestellt, daß die Hansa" den Kohlenbunker desPrimus" durchschnitt. Hätte der Heizer ein kleines Schott zwischen dem Kohlen­bunker und dem Maschinenraum sofort nach der Kollision geschlossen, so hätte sich derPrimus" länger über Wasser halten können. Steuermann Peters und der (Eigentümer des Dampfers, Pickenpack, waren kurz vorher zur Besich­tigung anwesend.

* Dampfer Unglück. Aus Singapore wird tele­graphiert, daß bet einer Kollision der Dampfer Prince Alexander und Bau-Hen-Guin der erstere sank. Der letztere wurde schwer beschädigt nach Singapore geschleppt. Vom Prince Alexander sind 40 Mann ertrunken.

Lissa bon, 30. Juli. Heute wurde ein leichter- Erdstoß verspürt. Schaden wurde nicht angerichtet. Der Stoß war am stärksten in den Küstenstrichen.

* Vor seinem Geburtstag stische erhängte sich in Berlin der 26 Jahre alte Hausdiener Friedrich Lemke. Der junge Mann lebte mit seiner Mutter, die eine Freundin alkoholischer Genüsse ist, in Unfrieden. Er hatte sich des­halb schon einmal von ihr getrennt, wohnte aber feit einem halben Jahre wieder mit ihr zusammen und unterstützte sie. In der letzten Zeit aber gab es von neuem häusliche Auf­tritte, die immer heftiger wurden. Vorgestern feierte L. seinen Geburtstag. Die Geschenke, die er dabei erhielt, baute er gestern, als seine Mutter sich auf ihrer Arbeitsstelle befand, auf dem Tisch in der Wohnstube auf, rückte den Tisch nach der Wand zu und erhängte sich dann vor ihm am Spiegelhacken. Als die Mutter nach Hause kam und ihn fand, war er tot.

* Berkin, 29. Juli. Einen fast unglaublichen bösen Streich zweier Gymnasialabiturienten, die sich für die im nächsten Monat auf einer hiesigen Lehr­anstalt stattfindende Abschlußprüfung in den vorzeitigen Besitz der bereits festgestellten Prüfungsaufgaben zu setzen suchten, meldet derBerl. Lok.-Anzt.": Zwei Oberprimaner eines hiesigen Gymnasiums sahen wegen ihrer wenig glän­zenden bisherigen Leistungen schon vor Ferienanfang dem Ausgang ihrer im August beginnenden Prüfungsarbeiten mit einiger Bangigkeit entgegen. Beide Schüler faßten den Plan, sich gemeinsam in den Besitz der für die schriftlichen Arbeiten dem Provinzial-Schulkollegium von der Leitung der Lehranstalt zur Entscheidung gestellten Aufgaben zu setzen. Tas Provinzialschulkollegium läßt die auserwählten Themen der Schuldirektion erst unmittelbar vor dem Be­ginn der Prüfung in verschlossenem Kouvert zustellen, nach­dem die Schulleitung mindestens zwei Monate vorher die Aufgaben zur Auswahl überreicht hat. Auf die Gepflogen­heit gründeten die beiden Abiturienten ihre unlauteren Pläne. Zunächst verschafften sie sich in dem Bureau ihres Schuldirektors den amtlichen Stempel der Anstalt und be­gaben sich bann, mit Laternen, Kerzen und einem großen Bund Nachschlüssel versehen, am Nachmittag in das Haus Linkstraße 42, wo die dort bclegencn Bureauräume des Provinzialschulkollegiums gegen i/24 Uhr geschlossen werden. Bei Schluß der Dienststunden gelang es den jungen Leuten, sich in die Bureaus, von niemandem bemerkt, einzuschleichen. Hier blieben sie die ganze Nacht über und fanden nach stundenlangem Herumsuchen wohl die für sie in Betracht kommenden Briefschaften, die sie vorsichtig lösten und nach Einsichtnahme der zufammengestellten Aufgaben wieder mit dem mitgebrachten Tirektionsstempel versahen. Aks sie aber aus dem Hause schleichen wollten, hatten sie die Rechnung nicht mit einer Aufwärterin gemacht, die zu früher Morgen­stunde das Haus aufschloß und die beiden auf dem Treppen­flur überraschte. Die Frau schlug bei dem unerwarteten Zusammentreffen sofort Lärm, und nun nahmen zwei Haus­bewohner uno ein herbeigeeilter Schutzmann die Sünder in die Mitte und führten sie nach dem Polizeirevier, wo sie über ihr Treiben ein Geständnis ablegten. Sie wurden daraufhin entlassen, aber ihre leichtfertige Handlungsweise dürfte für sie noch unangenehme Folgen haben.

"Das wachsame Glasauge. In Ceylon erzähll man sich eine lustige Geschichte von einem Theepflanzer mit einem Glasauge. Er wollte eines Tages seine Pflanzung verlaffen, wußte aber, daß die Eingeborenen mit der Arbeit aufhören würden, sobald er nur fort wäre. Da kam ihm ein glücklicher Gedanke. Er rief die Leute zusammen und sagte folgendes zu ihnen:Ich selbst werde abwesend sein, aber ich lasse eines meiner Augen hier, das Euch bei dec Arbeit beaufsichtigen wird." Dann nahm er zum größten Erstaunen der (Eingeborenen fein Glasauge heraus und stellte es auf einen Baumstumpf. Einige Zeit arbeiteten die Ein­geborenen wie Elefanten, da sie sich von dem Auge bewacht glaubten. Dann aber kam einem der Eingeborenen ein glück-