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31/01/1902 Drittes Blatt
 
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Aus Stadt und Fand.

(Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten ist nur unter genauer Quellenangabe:Gieß. Anz." gestattet.) Gießen, 31. Januar 1902.

el Staufenberg, 30. Jan. Bei der gestern ini hiesigen Gemeindehause vollzogenen Wahl eines Ersatzmitgliedes zum Kreistag für den verstorbenen Bürgermeister Geißler in Lollar ftir die Landgemeinden Lollar, Staufenberg, Rutters­hausen, Daubringen, Mainzlar und Trais a. d. Lumda wurde Bürgermeister Nies in Lollar gewählt. Beim ersten Wahl­gang erhielt sein Gegenkanditat Bürgermeister Benner in Trais von 21 abgegebenen Stimmen 10, Bürgermeister Nies 9 Stimmen. Im zweiten Wahlgange siegte Bürgermeister Nies mit 12 Stimmen gegenüber Bürgermeister Benner, der 9 Stimmen erhielt.

)( Grünberg, 30. Jan. Rentner Hermann O e h l, ein geborener Grünberger, der ui den letzten Jahren in Bern lebte und im verflossenen Herbste dort starb, bedachte in seinem Testameute seine Vaterstadt mit einem Kapital von 20 000 Mark. Die Zinsen der Stiftung sollen nach der Ver­fügung des Stifters zu Wohlthätigkeits- und sonstigen gemein- nützigen Zwecken verwendet werden. Schon zu seinen Leb­zeiten übersandte der Verstorbene alljährlich einen ansehn­lichen Betrag zur Unterstützung bedürftiger Personen hiesiger Stadt.

Neueste Meldungen.

Originaldrahtrneldungert des Gießener Anzeigers.

Frankfurt a. M., 30. Jan. Bei der heute stattgehabtcn Landtags-Ersatzwahl für den verstorbenen Abg. Pre­diger Karl Sänger wurden 824 Stimmen abgegeben. Hier­von erhielten: Redakteur Rudolf Oeser (demokr.) 471 Stimmen und Walter vom Rath (nall.) 353 Stimmen. Ersterer ist somit gewählt. Der von hier kommende Güterzug 91r. 5091 fuhr gestern abend 10*/2 Uhr im Bahnhof Bischofsheim einem Rangierzug in die Flanke. Die Lokomotive und 11 Wagen e ntgleisten, wodurch bedeutender Materialschaden entstand. Verletzt wurde Niemand.

Berlin, 30. Jan. DieNordd. Allg. Ztg." wendet sich heute abend au leitender Stelle gegen dieFreis. Ztg.", die den gestern vomVorwärts" veröffentlichten geheimen Erlaß des Staatssekretärs des Reichsmarine- amtes als ein Eingeständnis, mit der Vorlage des Flotten gesetzes den Reichstag über die wirklich ent­stehend en Kosten getäuscht zu haben, bezeichnet und erklärt, daß man nach alledem zum Staatssekretär des Reichsmarineamts kein, Vertrauen mehr haben könne. Das offiziöse Blatt schreibt, daß diese Anschuldigungen durchaus unzutreffend seien, da dieFreis. Ztg." eine Reihe von Umstünden nicht berücksichtige, die ihr aus der Be­gründung zum Flottengesetz bekannt sein müßten. Der Vorwärts" habe den Erlaß an einer wichtigen Stells ver­stümmelt, indem er die Adresse fort gelassen habe, an die der Erlaß gerichtet sei. Derselbe sei an das mili­tärische Departement im Reichsmarineamt gerichtet und den übrigen Abteilungen schriftlich mitgeteilt worden. Der ganze Artikel derFreis. Ztg." Jet von dem Bestreben diktiert, die Marineverwaltung zu oiskredi- tier en, um auf diese Weise der Erweiterung unse­rer Marine Schwierigkeiten zu machen. Wie dieBerl. N. Nachr." zu der Veröffentlichung des Erb­

lass es imVorwärts" erfahren, sollte die Rückäußer- ung der militärischen Abteilung über unsere Leistungs­fähigkeit bezüglich der Beschaffung der Schiffsbemannung nicht ohne weiteres die Grundlage für, gesetz­geberische Forderungen bilden, sondern ganz allein als Material bei Aufstellung der betreffenden Forderungen dienen. Gegenüber einer Meldung derGermania", daß bezüglich der Besetzung der Lehrstelle des verstor­benen Prof. Scheffer an der Berliner Universität eigentümliche Pläne bestehen, erklärt diePost", an maßgebender Stelle sei man der Meinung, daß nur eine Kra ft allerer st en Ranges für die Besetzung in Frage kommen könne, eine Kraft, die sowohl als Forscher wie als Dozent allen Anforderungen entspreche.

Berlin, 30. Jam In der Zolltarif-Kommission des Reichstages wurde zunächst die Erörterung über den § 8 Abs. 1 und 2 fortgesetzt mit den dazu gestellten Anträgen Fischbeck und Goth ein, die den gestern von Graf Posa- dowsty formierten Antrag aufgcnominen haben. Die An­träge Fischbeck und Gothein werden von verschiedenen Seiten bekämpft. Staatssekretär Posadowsky bedauerte bei dieser Gelegenheit, daß die Kommission sich so lange bei Berathung aussichtsloser Anträge aufhalte. Er erklärte, daß Ur­sprungszeugnisse als Regel für Zollabfertigungen un­möglich seien. Es sei ganz ausgeschloffen, daß die Re­gierung einen solchen Antrag annehmen würde. Abg. Fisch­beck zog infolgedessen seinen Antrag wieder zurück und es begann die Beratung über die früher gestellten Anträge Graf Kanitz, v. Heyl u. Gen. betr. die Einführung von Ur­sprungszeugnissen, die Staatssekretär Graf Posa­dowsky gestern mit der Bemerkung bekämpft hatte, daß, wenn sie angenommen würden, keine Aussicht auf Ver­ständigung über die Zolltarif-Vorlage vorhanden sei. Diese Anträge wurden von der Kommission angenommen. Es folgte die Erörterung über den Abs. 4 des § 8, zu dem ein "Antrag Kanitz gestellt ist, dahin lautend: Auch können, so­weit nicht vertragsmäßige Bestimmungen entgegenstehen, für ausländischeWaren dieselbenZölle festgesetzt werden und für die Abfertigung dieselben Maßregeln angeordnet werden, die im Ursprungsland e für deutsch e War en in Geltung sind. Ueber diesen Antrag fand eine längere Diskussion statt, in der Abg. Gothein ausführte, daß dieser Antrag künst­liche Zollkriege heraufbeschwören würde und wer diese Zollkriege nicht wolle, der müsse den Antrag ablchnen. Tie Beratung wird morgen früh fortgesetzt.

Berlin, 31. Jan. Bei dem gestrigen Empfang der Eisenbahn-Präsidenten der preußischen Eisenbahn­direktionen, deren Wortführer Geheimrat Kranold war, der dem Minister v. Thielen zu seinem 70. Geburtstage namens sämtlicher Beamten und Arbeiter Glück wünschte, führte v. Thielen derNat.-Ztg." zufolge aus, er rechne auf die Präsidenten, daß sie alles thun würden, um die Mißlich- keit der gegenwärtigen Lage ab stellen zu helfen und dafür zu sorgen, daß den Arbeitslosen Arbeit ge­geben und den Mutlosen Mut eingeflößt werde, überhaupt zur Hebung der Landeswohlfahrt nach Kräften beizutragen.

Bielefeld, 31. Jan. Gestern abend brach in der Neu­städter Kirche auf unaufgeklärte Weise Feuer aus, durch das die herrliche Orgel völlig zerstört wurde.

Pößneck (Thüringen), 31. Jan. Hier beging die 80jährige Superintendentenwitwe Thielmann Selbstmord, nachdem sich ihre Tochter vergiftet hatte. Beide litten an Verfolgungswahnsinn.

London, 30. Jan. Der Ausschuß^ welcher mit der Untersuchung der gegen die mit dem Ankauf von Pfer­den in Oesterreich-Ungarn betrauten Offiziere erhobenen Bestechungsbeschuldigungen beauftragt ist, erstattete Bericht. Darin werden die Beschuldigungen als ungerechtfertigt bezeichnet, zugleich aber ertlärr, daß die Offiziere Beurteilungsirrtümer begangen hätten, da die gezahlten Preise namentlich zu Anfang viel zu hoch gewesen seien. Der Bericht erwähnt einen Fall, be i dem bei genauen Erkundigungen 1 2 00 0 P f u n d Härten gespart werden können, und tadelt die Montierungsver­waltung, weil sie unterlassen habe, bei dem Ausbruch des Krieges oder noch in der FrrebensKeit festzustellen, auf welche Weise der Bedarf an Pfeaden im Auslande, nament­lich in Oesterreich-Ungarn, am besten gedeckt werden könne.

London, 30. Jan. Unterhaus. Auf Anfrage erklärte Balfour, er könne nicht sagen, wann die Schrift­stücke bezüglich der Mitteilung der niederländi­schen Regierung im Bureau des Hauses nieder- gclcgt werden würden. Er glaube, die niederländische Re­gierung werde die englische Antwort erst morgen er­halten. Es' sei daher unmöglich, die Schriftstücke in dieser Woche vorzulegen, er hoffe aber, daß dies in kürzester Zeit der Fall sein werde. Balfour fügte hinzu, die chm von einem Abendblatt über die Angelegenheit zugeschriebene Unterredung beruhe auf Erfindung. Gibson Bowles fragt, ob ein schriftliches Uebereinkommcn zwischen der englischen und deutschen Regierung bezüglich des Baues der Bagdadbahn bestehe. Balfour erwidert: Nein. Gerald Balfor erklärt hierauf, der Handelsminister mache sorgfältige Studien über die Wirkung, welche der deutsche Zolltarif auf den englischen Handel haben werde.

Brüssel, 30. Jan. Während der heutigen Sitzung der^Kam m er , in welcher über den Antrag auf gerichtliche Verfolgung des sozi.alistischen Abg. Maeets beraten wurde, kam es zu stürmischen Szenen. Als Woeste für den Antrag eintrat, ertönten von den Tribünen die Rufe: Hocy das allgemeine 'Wahlrecht, nieder mit der Kurte." Der Präsident befahl, einen Schreier zu ver­haften. Während dessen sanden im Hause tärmenoe Aus- emandersetzungen zwischen sozialistischen und klerikalen Ab­geordneten statt, wobei der Klerikale Verhaegen, der dem Präsidenten eine an den Zwischenrufen von der Tribüne beteiligte Person bezeichnet haoen sollte, von den Sozia­lste!/, ls Polizeispion bezeichnet wurde. Infolge des,e.i kam es zu Thätlich ketten. Der Präsident ließ die Tribünen räumen, wobei fünf Personen verhaftet wur­den. Nachdem die Ruhe wiederhergestellt war, wurde die Beratung wieder ausgenommen. Da aber der sozialistische Abg. Terwagne jetzt noch sortfuhr, Verhaegen zu be­schimpfen, schloß der Präsident die Sitzung.

Madrid, 31. Jan. Die Kammer lehnte mit 143 gegen 34 Stimmen den Antrag ab, dem Finanzminister die Mißbilligung des Hauses auszusprcchett, weil er keinen Kredit mit Rücksicht auf die Hellschreckcnplage beantragte, durch die der Süden von Spanien bedroht sei.

Teplitz, 30. Jan. Bei der Landtagsergänznngs- w ah l un Landgemcindebezirk Teplitz-Dux-Bilin wurste K. H« Wolf gew ählt.

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Gießener Theaterverein.

Das Gastspiel der Irene Triesch.

Frl. Irene Triesch ist, obgleich sie nun allenthalben als einer der allerersten deutschen Bühnensterne anerkannt wird, uns Gießenern gut Freund geblieben. Von angestrengtester Arbeit und kurz vor einer großen Gastspielreise riß sie sich los und eille, auf die Bitten unseres Thcatervereins-Vor- standes, für ein paar rnühereiche Stunden zu uns, um den Angehörigen des Gießener Theateroereins einen Festabend zu bereiten. Sie erschien uns iin flackernden Scheine von Suder­mannsJohannisfeuer*), das uns die Direktion unseres Stadttheaters im vorigen Jahre mehrfach und auch schon einmal in diesem Winter angezündet hat. Den Johannis­feuersprung, die Feuertaufe zum Kampfe gegen unholde Geister der Kritik, hat diese Dichtung Sudermanns längst hinter sich und es steht die Berliner Feuerprobe des neuesten dramati­schen Werkes Sudermanns, das den Titel führtEs lebe das Leben", dem viel verehrten und vielgeschmähten ostpreußischen Poeten unmittelbar bevor. Doch unser ist heute noch das Johannisfeuer".

Bei dem alten germanischen Naturfest der Sommer­sonnenwende, dein Siegesfeste des Sonnengottes, das mit Beginn der christlichen Zeit Johannes dem Täufer, dem Größesten, so von Menschen geboren", gewidmet war, glaubten unsere Allvorderen verborgene Schätze heben zu können. Die hessischen Mädchen aber zupften, süße Gedanken im Herzen, die weißen Sttahlenblüten der Johannisblume, des Chrysanthemum, lange bevor Goethes Faust diese Blüten zur Klassiizität erhob, und die Männer errichteten vor ihren Häusern, auf den Wegen und auf dem Markte Johannis­bäume, geschmückt mit Blumen und Kränzen. Wir Gießener aber, die wir gestern Irene Triesch wiedersahen auf den Bret­tern, die ihr das Leben bedeuten, und die wir darauf nach der Aufführung, noch em paar kurze Stunden in an­geregtem Geplauder mit ihr zusammensaßen, wir brachten ihr dankbar Johannisblumen dar und errichteten ihr in unserem Herzen die schmuckesten Johannisbäume. Und heute danken wir ihr dafür, daß sie aus Sudermanns Johannisfeuer- Dichtung verborgene Schätze hob, sie, ein Glückskind der Göttin Kunst, von deren Altar sie die heilige Flamme chres Herzens holte.

Die germanffchen Johannisfeuer waren nach alter Ueber- lieferung ursprünglich eine Mahnung zu ernstem Sinnen und Handeln; es war seit allersher die Rede, daß man sich durch dieses Feuer vor allerlei tückischen Dämonen schützen könne, und seit undenklichen Zeiten galt den nordischen Germanenvölkern der Herd für heilig, als der Altar des Hauses, der Herd,

*) Erschienen in der I. G. Cottaschen Bnchhdlg. Nachf. in bllcktgarl. Preis 2 Mk.

dessen Feuer man in der Johannisnacht erneuerte, um ihm neue Kraft zu geben. Gegen die tückischen Dämonen im Herzen wehren sich mit aller Kraft Marikke und Georg, aber das Herdfeuer des Hauses, dem sie so vieles verdanken, ist ihnen hellig. Sie scheiden von einander nach der kurzen Seeligkeit der Johannisnacht, derFreinacht", die ihren halb ertöteten wilden Wünschen die Erfüllung brachte für ein paar Augenblicke des Glücks.

Frl. Triesch offenbarte uns gestern, daß in der Suder- mann'schcn Dichtung doch mehr steckt, als der Dichter bewußt gegeben hat.

Die Wicdersehensfeier der Gießener mit der Triesch stand unter dem Zeichen der Begci'terung. Und wunderbar, sie brachte es zu Wege, nicht nur einen großen Persönlichkeits­erfolg zu erringen, sondern auch dem ganzen Stücke und der ganzen Darstellung zu volllommenem Erfolge zu verhelfen. Das Notstandsdrama interessierte diesmal unverhältnismäßig mehr als im Vorjahre, und wir wollen hoffen, daß der gestrige schöne Abend für die ganze schwöre Gastspielnotstands­zeit, vor der die große Künstlerin jetzt steht, das beste Omen bedeutett Sie hat das Kunststück fertig gebracht, daß das Johannisfeuerwerk des litterarischen Pyrotechnikers, der im Vorjahre als ein St. Georg dem Lex Heinze-Drachen sieg­reich entgegentrat, uns in diesem Jahre beinahe wie eine echte Dichtung erschien.

Irene Triesch schöpfte in ihrer Gestaltung der Marikke aus eigner unendlicher Fülle. Sie traf die Mischungen in dem Charakter dieses Mädchens, das halbHeimchen", halb Wildling ist, ganz wunderbar. Was uns sonst rein theatra­lisch nebeneinandergesetzt erschien, das strömte in ihr zu­sammen zu echter Menschlichkeit. In ihrer sanften Ergeben­heit und rührenden Duldsamkeit ahnte man, wenn auch nicht gerade den Teufel, von dem sie ja selber zu sagen hat, daß er in ihr sitze, so doch die verhaltene ftümienbe Leidenschaft, und wenn das jähe Temperament aufloderte, das elementare Blut der mit voller Kraft Hassenden und Liebenden, Fürchtenden und Wagenden, Bangenden und Hoffenden, so kam das nicht unvermittelt, sondern war das Durchbrechen mühsam zurückgedrängten Ge­fühls. Und diese Charakteristik löste sich nie in Einzelmomente auf, sondern war ganz Einheit, überwand selbst die Hilfs- losigkeit des letzten Aktes und rundete ihn zur vollen lebens­wahren Harmonie. Sie bot in hinreißender Darstellung eine Revision des .Johannisfeuers", die das Urteil erster Instanz umstößt und den Dichter mangels gravierender Beweise freispricht. Das beste an ihrer Marikke ist die unbeschreiblich feine Innerlichkeit, die diese konttruirte Gestalt in jedem Zuge lebendig werden läßt, das psychologisch Konfuse, das ihr Sudermann gab, restlos entwirrt, die es uns ganz vergessen läßt, daß das Heimchen litterarisch «in doch nur dürftiges Gewächs ist und trotz des bischen Sinnlichkeit doch zu der­selben Familie zählt, der die Goldelse, das Gänseliesel und

andereHeldinnen" der Auch - Lilleraturdamen Marlitt, Eschstruth und Konsorten angehören. In einem huschenden Lächeln, einem wilden Augenblicksschrei, einer plötzlichen, kaum merkbaren Kopfwendung und in tausenderlei anderem Un­scheinbaren liegt ihr Köstlichstes. In solchen Einzelheiten, die zu einem Ganzen unmerklich geformt sind, zeigt sie am klarsten, wie sich ihre Seele ganz erfüllt hat mit der Wesenheit, die sie gestaltet. Sie hält uns im Banne, sie wirkt immer über­zeugend und immer auch bezaubernd.

Und so mische ich mich in den Chor der Jubelnden mit einem getreuen: Evoe Irene! Ich hätte ihr gestern einen Triumph gewünscht, wie ihn Europas Generale, als sie aus dem besänftigten China zurückkehrten, nicht glänzender hätten feiern dürfen. Und hätte die Huldigung alles gewöhnliche Maß weck überschritten, sie wäre doch demütig schlicht ge­blieben. Sie bedarf keines Sklaven, wie er dereinst in Rom dem sieggekrünten Feldherrn, der, umbraust vom Jo triumphe! die via triumphalis einherzog, immer wieder mahnend zurief: Bedenke, daß Du ein Mensch bist! Fräulein Irene Triesch besitzt nicht die zarten Schwächen der Durchschnittsweiblich- keit, sie bleibt ein bescheidener Mensch, auch als glorreiche Triumphatorin.

Die ganze Darstellung wurde, pne gesagt, durch die Triesch gehoben. Sie riß unsere wackeren Künstler zu un­gewöhnlichen Thaten fort. Die Unseren hatten sich dem Stücke mit außerordentlicher Liebe und größtem Fleiß gewidmet und ihm das allerbeste ihrer Gestalttlngskrast geliehen. Herr Ramsey er war als Vogelreuter eine Prachtgestalt. Hen Schneider, der erst am Tage vorher für den leider erkrankten Herrn Gerlach eingesprungen war, machte trotzdem aus dem zwecken theatralischenNotstandskinde" ein echtes Menschen­kind, einen Menschen von feinem, vornehmem Empfinden. Daß er ihm die abstoßende, jämmerliche Schwäche nicht nehmen konnte, versteht sich von selbst; er machte aber doch das unglaubhafte möglichst glaubhaft unb sympathisch durch taktvolle Diskretion. Freilich von einer Herrschernatur hatte er ganz und gar nichts. Für das thörichtherzigeZotlelchen" fand Frl. Brand au alle Züge ahnungsloser Unart wie rührender Innigkeit. Aber auch auf einem weltfernen Gute im barbarischen" Littauen pflegt eine Negierilngsbamneisterbraut nicht halblange Konflrniandenkleider zu kragen. Für bie alte WeSzkalnene wäre Frau Jenny wohl die geeignetere Dar­stellerin gewesen, und Frau Kruse hätte für die»Madam Vogelreuker genügt. Mildernungeniein sympathischen" Hilfs­prediger Haffke gab sich Herr Zoder zwar alle Mühe, aber diese prächtige Figur kann man sich doch noch wärmer im Ton und vor allem schärfer in der mimdarklichen Charakteristck denken.

Nehmen wir alles in allem, so haben wir festzustellen, daß der gestrige Theaterabend, der eindrucksvollste der ganzen bisherigen Spielzeit war. Paul Wittko.