Ausgabe 
31.1.1902 Drittes Blatt
 
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153, Jahrg

Freitag, 31» Januar 1903

Nr. 36

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Siehen

Frehr

Herr Schlumberger die Köpfe zerbrochen. (Heiterkeit.) Ich habe

Erscheint täglich mit Ausnahme deS SoimtagS.

DieGießener Kamillenblätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der ^elfische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universtlälsdruckerei (Pietsch Erben), Gießen.

Studienstelle, eine Gelegenheit zu theoretischem Meinungsaustausch. Ich fürchte, wir raisonniren zu viel im deutschen Reiche (Heiterkeit), statt im<; zu einigen in dem Moment, wo unsere wirthschaftliche Existenz in Frage steht.

Abg. $k'tl (Soz.): In Amerika bestehen ganz dieselben r-'tTcrf(impft, wie bei uns. Ueberall, wo solche bestehen, ist aber

5 Uhr. Das Haus ist gut besetzt.

Am Bundesrathstisch: Graf PosadowSky,

° $ Auf der ^Tagesordnung steht zunächst die Fortsetzung der »nntten Berathung der Novelle zum Branntweinsteuer- Gesetz, dte im Mai vor. I. plötzlich abgebrochen wurde, weck «ck bei der namentlichen Abstimmung über die ^orterhaltung und Erhöhung der Branntweinsteuer die Beschlußunfähigkeit des Hauses berm^geslellt hatte. Angenommen in der dritten Lesung ist nur ?ie^ine Bestimmung des Artikels I ad. 1, die für neu entstandene Brennereien das Kontingent von 80 000 auf 50 000 Hektoliter

scheinend noch keine Zeit gefunden, sich mit dieser Frage zu befassen. Hoffentlich wird diese Sache nun bald erledigt.

Abg. Schlumberger (Hosp, der Nat.-Lib.)': In einer Reso­lution ist ein Zuschuß zum internationalen Arbeitsamt in Basel beantragt worden. Vor 10 Jahren wäre ein solches Arbeitsamt ein sehr nützliches Institut gewesen; heute hat ein solches Amt viel von seiner Bedeutung verloren. Ohne Beiheiligung von Rußland, Eng­land und besonders Amerika hat eine solche Einrichtung kaum noch praktischen Werth. Der Zollverein hat Deutschlands wirthschaft­liche Macht gegründet; die europäische Zolluneinigkeit werde den Vereinigten Staaten von Amerika den alten Kontinent wirthschaft- lich preisgeben. Diesseits des Ozeans schwärmt man noch für die Parole:Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!" In Amerika ist man, ohne es zu sagen, viel vernünftiger geworden; dort ver­einigen sich Alle zu dem einen Ziel von ihrem Standpunkt aus mit vollem Recht, das Ausland wirthschaftlich zu unterjochen. Wir zanken uns in bitterem Interessen- und Klassenkampf um die im Vaterland erzeugten Güter, während Amerika dafür gesorgt hat, daß es im deutschen Reiche zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern kein werthvolles Streitobjekt mehr geben wird. Ohne Amerikas Beitritt wäre ein europäisches Arbeitsamt nichts als eine akademische

hinein und Sie werden vor diesen Leuten erschrecken! (Zwischen- ' ruf rechts: Tas sind ja Polen!) Ja, aber das ist dieselbe Gegend. ! Auf unsere Arbeiter auf dem Lande trifft jetzt der Spruch zu: Der Mensch lebt nicht vom Brod allein. Sie haben auch Bildungs­bedürfnisse. Es fehlt ihnen das Koalitionsrecht, es fehlt ihnen . die Zeitung (Widerspruch rechts), die sozialdemokratische Zeitung! (Aha! rechts.) Tie Landarbeiter müßen mehr Recht haben. In den Städten haben wir die Gcwerbegerichte. Ja, auf dem Lande sind die allerdings noch nöthiger als in der Stadt, damit die Landarbeiter sehen, daß sic nicht nur Arbeitsthiere sind, sondern auch Antheil haben an der Rechtsprechung. Sie meinen, der Land­arbeiter werde uns fern bleiben. Nein, der Landarbeiter ist der geborene Sozialdemokrat. Mit dem Bauer, das gebe ich zu, da werden wir vielleicht Schwierigkeiten haben; denn der ist der spezifische Vertreter des Kleinbetriebes. Aber mit dem Landarbeiter ist das anders, Sie werden es ja bei den nächsten Nachwahlen sehen. Mit der Zuchthausvorlage hat man ja hier im Reichstage tem Glück gehabt, dafür hat man aber verschiedentlich auf dem Wege der Landesgesetzgebung die Koalitionsfreiheit des Arbeiters zu untergraben gesucht. So säen Sie (rechts) Erbitterung gegen sich und besorgen damit die Geschäfte meiner Partei. Die im Abge­ordnetenhause von Herrn v. Podbielski gegen uns erhobene An­klage, wir haßten das Land, ist unbegründet, aber wir haben einen hinreichend breiten Rücken, um auch diese Anschuldigung zu tragen. Der Ausfall der Wahl in Döbeln liefert auch den Beweis dafür, daß wir in der Lage sind, konservative und national-liberale Kandidaten zusammen aus der Schanze zu schlagen. Bei den nächsten Wahlen wird sich das in noch stärkerem Maße zeigen.

Abg. JacobSkötler (kons.): Die Angriffe des Abg. Pauli gegen das Jnnungswesen entbehrten jeder Begründung; Herr Pauli hat unS nicht einen einzigen Beweis nennen können für die Behauptung, daß sich die neue Handwerksgesetzgebung nicht bewährt habe. Auch die Thätigkeit der Handwerkskammern beginnt schon sehr günstige Wir­kungen zu äußern; in Düsseldorf habe ich das selbst zu erfahren Gelegenheit gehabt, zum Beispiel hinsichtlich der Vorarbeiten für die Betheiligung des Handwerks an der nächsten dortigen Industrie­ausstellung. Die Zwangsinnungen sollen die idealen Ziele des Handwerkes verwirklichen helfen: Regelung des Arbeitsnachwei­ses, Reichsunterstützung für invalide Handwerker und vieles Andere wehr. Manche Mißstände ergeben sich allerdings daraus, daß viele Leute sich mit dem Hinweis darauf, daß sie ihr Handwerk nicht handwerksmäßig betreiben, den Jnnungspflichten zu entziehen suchen. So hat ein Berliner Malermeister, der sich vorher durch­aus als Handwerker fühlte und Mitglied der Innung war, als die letztere Zwangsinnung wurde und ihm einige Lasten auferlegt werden sollten, sich dieser damit entzogen, daß er erklärte, sein Malereibetrieb sei nicht handwerksmäßig, sondern fabrikmäßig. Der Handelsminister hat das bestätigt. In Handwerkerkreisen hat das Erbitterung erregt. Ich weiß nicht, nach welchen Grund­sätzen das geschehen ist, ich erkenne an, daß die Abgrenzung der Begriffe fabrikmäßiger und handwerksmäßiger Betrieb recht schwierig ist, aber man sollte doch wenigstens den Versuch machen, zur Feststellung prinzipieller Merkmale zu gelangen. Bedauerlich ist es, daß die großen Betriebe, die aus den Ein­richtungen der Innungen die erheblichsten indirekten Vortheile be­ziehen, nicht zu den Beiträgen der Handwerkskammern herangezogen werden können. Ueberhaupt sucht sich die Großindustrie gern den Lasten der sozialen Gesetzgebung zu entziehen.

Abg. Hoffmann-Hall (südd. Vp.): Ich wollte meinem Be­dauern darüber Ausdruck geben, daß die schon seit so vielen Jahren in Aussicht gestellte Medizinalreform noch immer nicht in Angriff genommen ist. Diese Reform muß sich auch gegen die Kurpfuscher wenden, die jetzt in mancher Beziehung sogar besser stehen, als die geprüften Aerzte. Wenn ein Arzt bei einer Entbindung einen Fehler macht, dann wird er streng bestraft, während der Kur­pfuscher wegen seiner Unkenntniß bei der Bestrafung noch privilegirt wird. Die Frauen sind nach der Ueberzeugung weiter sachkundiger Kreise für den ärztlichen Beruf wenig geeignet. Ich bin über­haupt gegen das medizinische Studium der Frauen. Wenigstens sollte man getrennte Universitäten einrichten. In Upsala hat man das gemeinsame Studium; aber man hat sich dort zu dem strengen Verbot veranlaßt gesehen, daß männliche und weibliche Studirende .auf der Straße überhaupt zusammengehen. Dort waren 119 Medizin studirende Frauen; davon haben nur drei approbirt, von denen eine starb, eine heirathete und nur eine die Praxis wirklich ausübte. (Heiterkeit.) Das Krankenkassenwesen hat die Stellung der Aerzte sehr verschlechtert, in Folge der dadurch verursachten Preisdrückerei. Für die Thierärzte wird hoffentlich recht bald eine neue Prüfungsordnung herauskommen. Auch das Apothekenwesen muß neu geregelt werden. Im Interesse der Kranken muß ferner endlich ein genügender Schutz gegen Geheimmittel geschaffen werden, damit das Publikum nicht mehr wie bisher durch zahllose irre­führende Anpreisungen düpirt wird. Bezüglich der Thierärzte hat mir der Staatssekretär mitgetheilt, daß Baiern im Bundesstaat beantragt habe, die Maturitas zur Voraussetzung des thierärztlichen Studiums zu machen: die Sache sei noch in der Schwebe. DaS ist sie schon seit 30 Jahren; in zahlreichen Gutachten ist eine solche Bestimmung verlangt worden. Wo liegt das Hinoerniß? Ich ver- muthe, bei der preußischen Medizinalverwaltung. Diese hat an-

Schaffung eines internationalen Arbeitsamtes zu befürworten. Der Reichskanzler sollte sich deswegen sobald wie möglich mit den aul» ländischen Regierungen in Verbindung setzen. Die geforderte In­stitution ist eine dringende Nothwendigkeit; wir werden deShaw auch dem Anträge Basiermann zur Unterstützung des in Basel nach dieser Richtung gemachten Anfanges zustimmen. Bezüglich der Frauenfrage ist unsere Stellung bekannt. Wir wünschen völlige Gleichberechtigung der Frauen, die soweit geht, daß wir selbst da­gegen nichts einzuwenden hätten, wenn wir einmal einen weiblichen Reichskanzler bekämen. (Heiterkeit.) Ich glaube, er würde mehr leisten, als mancher männliche. (Erneute Heiterkeit.) Der An­trag Bassermann, betreftend die Aufhebung deS Verbots der Theil« nähme von Frauen an sozialpolitischen Bestrebungen, geht lange nicht weit genug. Wie soll ein Polizist unterscheiden, waS politisch und was sozialpolitisch ist. Man sollte daher alle Beschränkungen der Frauen bezüglich des Versammlungsrechts aufheben. Was ist das für ein widerspruchsvolles Vorgehen! In demselben Augen­blick, wo die preußische Regierung den Frauen die Universckäten öffnet, verbietet ihnen der Berliner Rektor die Theilnahme an Ver­sammlungen eines wissenschaftlichen studentischen Vereins. Wie will der Rektor dieses Vorgehen seiner eigenen Frau gegenüber vertreten? Nun, hoffentlich wird sie ihm die Hölle dafür he,ß ge­macht haben. (Große Heiterkeit.) Diese Auflösung grenzt ja bei­nahe an jenes polizeiliche Verbot eines Arbeiterballs, weil Frauen daran theilnehmen sollten. (Heiterkeit.) Selbst in Sachsen, daS doch sonst so sehr darüber wacht, daß der Staat nicht in Gefahr geräth, ist den Frauen die Theilnahme an politischen Vcrsamm- lungen gestattet; ist es da nicht eine Schande, wenn Preußen, da» doch auch ein Kulturstaat fein will, so arg zurücksteht?

Präsident Graf Ballestrem: Herr Abgeordneter, ich muß Sie doch ersuchen, wenn Sie von Staaten des deutschen Reiches sprechen, andere Ausdrücke zu wählen. Das WortSchande" dürfen Sie da nicht gebrauchen.

Abg. Bebel (fortfahrenh): Herr von Hehl sprach von dem Ter­rorismus der Gewerkschaften; er sollte doch wissen, daß die Arbeit­geber einen viel schlimmeren Terrorismus ausüben. In den Staatsbetrieben werden gewerkschaftlich organisirte Arbeiter über­haupt nicht beschäftigt, und Herr von Hehl selbst duldet auch in seiner Fabrik keine organifirten Arbeiter. Vor einigen Jahren hatte sogar ein süddeutscher Fabrikant einen Spitzel bei der Ber­liner Polizei engagirt, um zu erfahren, ob seine Arbeiter Sozial­demokraten sind. Weiter sagte Herr von Hehl, Millerand habe nichts geleistet. Nun, ich wünschte, daß bei uns ein Millerand auf der Ministerbank säße und solche Gesetzentwürfe vorlegte, wie Millerand. Freilich, in einer kapitalistischen Gesellschaft, deren Prototyp ein Schlumberger ist, ist an solche Gesetze nicht zu denken. Nun zu Herrn von Massow, der am Sonnabend auf einer anti­semitischen Mähre in den Reichstag geritten kam. (Heiterkeit.)) Er sollte doch mehr Geschmack haben, als mit dem Grafen Pückler zu konkurriren. Wir sind hier die Wortführer der Namenlosen gegen die Namenträger, deren Vorfahren seit Jahrhunderten da» Volk audgebeutet und unterdrückt haben. (Unruhe rechts.) Un» zu unterdrücken, gelingt Ihnen nicht. Daher Ihr Aergerl Und waS hat Herr von Massow gesagt! Er sagte, schade, daß das rothe Meer die Klappe nicht rechtzeitig zugemacht hat, um die Juden zu verschlingen. Nun, dann würde es keinen Christus gegeben haben, Christus war bekanntlich ein Jude. Und dann würde Herr von Massow nach wie vor als Heide in den ostelbischen Urwäldern sitzen. (Heiterkeit.) Herr von Massow lobte die Arbeiter und Woh- nungsverhältnisie auf dem Lande. Wäre dem so, so würden bie Arbeiter auf dem Lande bleiben. Darin hat Herr von Massow Recht, daß die Wohnungsverhältnisse in der Stadt schlecht siiid, aber wir Sozialdemokraten thun ja Alles, um sie zu bessern. Eine Arbeitersanitätskommission unter Leitung des Herrn Dr. Zadel hat schon vor Jahren in Berlin die Arbeiterwohnungen untersucht, und dabei sind haarsträubende Zustände zu Tage getreten. Aber auf dem Lande ist es noch schlimmer. Ich erinnere nur an daS Wort des Kaisers von den Schweineställen in Kadinen. Herr von Massow warf uns Hausknechtsmanieren vor, ich glaube, sein Auftreten wäre besser so zu bezeichnen. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.)) Der Geh. Rath Fischer hat unsere Angriffe gegen die sächsischen Gewerbeinspektoren zurückgewiesen; ich bleibe aber dabei, daß die sächsischen Gewerbeinspektoren sich nicht immer ihrer Aufgabe be­wußt sind, die Arbeiter gegen Uebergriffe zu schützen. Wenn sie das thun, erkennen wir es gern an. (Beifall bei den Soziale bemofraten.),

Abg. Crüger (frcis. Vp.) begründet die Resolution betreffen# Vorlegung einer Jnnungsstatislik und polemisirt gegen den J?lbg. Jacobskötter, sowie gegen den Abg. Hofmann. Mißstände kämen überall vor: auch mit dem Studium der Frauen würden sicherlich zuweilen schlechte Erfahrungen gemacht. Man müsse aber stet» bedenken, daß es sich hier um neue Einrichtungen handele. Die Schwierigkeiten, die heute noch den Frauen bei ihrer Thätigkeit im öffentlichen Leben gemacht werden, müßten beseitigt werden. Die Mehrheit seiner Freunde werde für den Antrag Bebel betreffend 1 Unterstützung deS Arbeitsamts in Basel stimmen.

Staatssekretär Dr. Gras b. Posadowsky: Schon im Oktober vorigen Jahres habe ich das reichsstatistische Amt beauftragt, Er­hebungen anzustellen, wie sich die Verhältnisie innerhalb bet Innungen nach Abschluß der neuen Organisation gestellt haben. Shtf Grund der hier gegebenen Anregungen werde ich aber erwägen, ob die Fragebogen einige neue entsprechende Fragen erhalten können« Was das Arbeitsamt anlangt, so haben wir naturgemäß bett Wunsch, daß andere Staaten dieselben Lasten für sozialpolitische Zwecke aufwenden wie wir. Das ist für uns im internationalen Wettbewerb von der größten Bedeutung, kann sogar im gegebenen Moment uns veranlassen, von den Zollsätzen etwas nachzulassen« Das Arbeitsamt in Basel werde ich aus den mir zur Verfügung stehenden Fonds unterstützen. (Beifall.) Es ist auch wieder über das Geheimmittelwesen geklagt worden. Man redet immer von der Intelligenz des Volkes, die so kolossal gesttegen sei. Da sollte : man annehmen, daß das Publikum hier sich selbst schützen könnte. Gegen Alles kann der Staat das Publikum nicht schützen. Soweit : ein Schutz nöthig ist, werden wir ihn zu schaffen suchen. Die Neu­ordnung des thierärztlichenStudiums beschäftigt jetzt den Bundesrath. Das Apothekerwesen wird wahrscheinlich in der Weise neu geordnet > werden, daß zunächst das Zeugniß der Reife für Prima eines i Gymnasiums ober Realgymnasiums verlangt wird; bann folgt eine 1 dreijährige Lehrzeit, Die für Abiturienten nur zwei Jahre beträgt. : Der Abschluß der Lehrzeit giebt die Gehilfenprüfung, der ein Servirjahr und dann vier Halbjahre an der Universität folgen, worauf das Apothekerexamen gemacht wird. Schließlich sollen noch : zwei weitere Servirjahre folgen.

Hierauf vertagt sich Haus die weitere Berathung auf i Freitag 1 Uhr.

Schluß 6 Uhr

fcetabMjt j. . dn umfangreicher Kompromißantrag Prinz Arenberg und Gen. (Ctt.) vor, der von Mitgliedern der m-M-n und den Nattonal-Liberalen Dr. Paasche und Sieg nnterfdirieben ift. Der Antrag, der die Beschlüße zweiter Lesung vollständig umändert, bezweckt in erster Linie, daß die staffel- könmae Brennsteuer, die mit dem 1. Oktober vorigen Jahres fort- gefallen fit wieder auf zehn Jahre erneuert ttstrd und tote bisher A Ausftchrvergütungen und Essigbereitungs-Pramien.bertoanbt Serben soll. Außerdem enthält der Antrag noch e,ne Reihe weiterer Bestimmungen, zu Gunsten der kleinen und der lcrndwirth- schaftlichen Brennereien. Der früher vorgesehene Denatunrungs- atoang ist in dem Antrag nicht enthalten.

Die Berathung sollte mit der namentlichen Abstimmung über Artikel I ad. 2 (Forterhebung der um 50 Proz. erhöhten Brenn- fteuer auf ein Jahr) beginnen. Der Antrag auf namentliche Ab­stimmung wird jedoch zurückgezogen. Der Artikel I ad. L totrb hierauf in einfacher Abstimmung einstimmig abgelehnt

' Abg. Dr. Paasche (nat.-lib.) beantragt, den bisher an­genommenen Artikel I ab. 1, und den Antrag Prinz Arenberg an die Kommission zurückzuweisen. . .,

Abg. Dr. MÜller-Sagan (freif. Vp.): Eigentlich meine ich, baf? schon angenommene Artikel nicht an die Kommission zuruckgehen dürfen. Ich will jedoch einer Kommissionsberathung nicht wider­sprechen, beantrage jedoch, die Materie an die Tarifkommission zu verweisen (Weiterleit), unter Wahrung unseres prinzipiellen Stand- **Unf 96g. Singer (Soz.) hält auch die Zolltarif-Kommission für die geeignetste, um ba§ Gesetz zu k-erathen, da die Verhandlungen der­selben in unmittelbarem Zusammenhang mit bieier Materie stehen, da sowohl Zolltarif, wie auch das Brennsteuergesetz mit der land- wirthschaftlichen Nothlage begründet werden.

Der Anttag Müller-Sagan wird abgelehnt.

Das Gesetz und der Antrag Arenberg gehen an Du frühere Branntweinsteuer -'Kommission zurück.

Es folgt die Fortsetzung der zweiten Berathung des Etats des Reichsamts des Innern beim TitelGehalt des Staats- fdretär§." w

Neu eingegangen ist eine Resolutton Dr. Crüger (freff. Vp.), die eine Uebersicht über den gegenwärtigen Bestand der Innungen und Handwerkskammern fordert.

Abg. Peutz (Soz.): Die Angriffe des Abg. Oertel gegen die sächsischen Konsumvereine sind unberechttgt. Der Konsumverein Leipzig-Plagwitz zum Beispiel, den er u. A. angriff, kann sich wohl sehen lassen mit seinen Arbeiterlöhnen. Er hat den acht­stündigen Arbeitstag eingeführt und zahlt einen Wochenlohn von 27 Mk. Die Dividende fließt doch auch wieder dem Arbeiter zu. Im Uebrigcn sorgen Sie dafür, daß die Mitglieder der Konsum­vereine höhere Löhne bekommen, dann _toerben sie Angestellte der Konsumvereine auch besser bezahlen können. Sie können auf diesem Gebiete so wenig wie auf einem anderen die ökonomische Entwicklung aufhalten. Wo bei den Konsumvereinen Mißstände find, freien wir Sozialdemokraten dagegen auf. Herr v. Massow verlangte eine Reform des Gesetzes über den Unterstützungswohn- fitz. Sowen dies ®efep wirklich mangelhaft ist, sind wir bereit, an einer Reform mirzua' beiten. Wir sind auch diejenigen, die m* onvtier tue eine Beseitigung des Wohnungselends kämpfen. 6bet Sie zeven ;a alles Geld für Heer und Marine und andere improbuttiue Zwecke aus, odaß für Kulturarbeit nichts mehr da ist! Daß wir uns zuwei.'en mit dem Grafen Mirbach beschäf­tigen, kann uns Herr v. Maßow nicht verdenken. Hat doch Graf Mirbach im Jahre 1895 im He:wenhause die deutschen Fürsten auf­gefordert, einen neuen Reichstag auf Grund eines neuen Wahl­gesetzes zu berufen. Daß wir einen Mann, der so den Staats­streich proklmnirt, zuweilen unter die Lupe nehmen, ist natürlich. Herr v. Massow meinte auch, wir behandelten die Junker zu schlecht. Ja, aber wir haben doch von Zeit zu Zeit Prozeße wie den Harm- losen-Prozeß, in denen die Junker eine sehr üble Rolle gespielt haben. Es ist bekannt, daß die Junker d'e Juden vielfach haßen, aber dieselben Junker, die die Juden haßen, lieben die Toaster der Juden und nehmen sie wenn sie sie kriegen können. Wir wißen, daß besonders. Judentöchter von den Junkern geliebt wer­den wenn sie sie kriegen können, Herr v. Maßow. Sehr er- fteulich war es für uns, daß Herr Weißenhagen, was für einen Centrumsmann immerhin etwas ist, neulich den Achtstundentag für die Frauen und Kinder in den Fabriken verlangt. Auch die Landwirthschaft sollte, und zwar auch in ihrem eigenen Interesse, alles daran setzen, um die Kinderarbeit zu beschränken. Allerdings wird die landwitthschastliche Arbeit in d-r frischen Luft geleistet, aber sehr oft bei brennender Sonne oder zuweilen auch bei Wind und Wetter: solche Arbeit können die Kinder nicht aushalten. Sehen

Parlamentarische Verhandlungen. Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet. Deutscher Reichstag.

180. Sitzungvom 30. Januar,

Sie sich mal bei uns in Anhalt an, wenn die Kinder auf den großen Rübenfeldern arbeiten bei der glühendsten Hitze: daß da die ganze Kraft des Kindes ausgesogen werden muß, ist klar. Kein Wunder, daß der Bildungsgrad der Bewohner des Landes noch ein sehr niedriger ist. Die Landschulen lassen sehr viel zu wünschen übrig; wir werden stets bereit sein, hier für eine Steuerung ein­zutreten. Ihr Ideal ist allerdings die Volksschule, die Religion und Demuth anerzieht, wenn auch das Bildungsniveau ein niedriges bleibt. Ein sozialdemokratischer Redakteur hat das ja erfahren; der wurde im Gefängniß, als man seine Bildung feststellen wollte, gefragt: wie heißt der Vater Abrahams? Auf diese Dinge wird in manchen Kreisen in erster Linie Werth gelegt. Wir sind durch­aus keine Feinde der Landwirthschaft; wir sind sogar bereit, große Mittel für die Landwirthschaft zu bewilligen, wenn sie nur richtig verwandt werden. Dann bleiben wir wenigstens vor diesem Wuchertarif bewahrt. Wenn Sie aber wirklich ein Herz für die Landwirthschaft haben, so geben Sie zunächst einmal den Land­arbeitern höhere Löhne und gewähren Sie ihnen das Koaliiwns-T - _UYo - . .

recht Besonders auch in den Zuckerfabriken werden traurige Löhne ! eine Zollunion größeren Stils undurchführbar. An dem Gedanken gezahlt. Sehen Sie sich einmal die Landarbeiter in Magdeburg einer em-opäischen Zollunion haben sich schon ganz andere Leute als an, die dahin aus dem Osten kommen; die sehen geradezu zigeuner- Herr si<* a-'rhrn*: ) **

haft aus. Sehen Sie einmal m die Lütte Gaße in Magdeburg mich zum Worte gemeldet, um zunächst unsere Resolutton auf