Ausgabe 
29.11.1902 Viertes Blatt
 
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Nr. 281

Eriche»»« tlgfl* ttufcei 6onniugA.

Dein «Birfcenei Anzeiger roeibm tm Wechsel mit dem kesfischen Landwirt btt -tetzener Kamliien- blätter viermal in bei Woche beigelegl.

Rotationebrud u. Der» lag bei viüh (Jd)en Univeil.-Buch- u. Stein» bvuife vet (thetl d) U i ben) «UMtion, tf-ipebiUMl unb Tvuatieti

Lchatpratze 7.

tlbtcfii Hh Deveichent Anzeiger Dtetzen.

FermprrchantchtußAr 61.

Samstag 29. November 1NOL

Viertes Blatt.

152. Jahrgang

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Eezag-peet-i monatlich viertel« läbrhd) Alk 2.20; durch lbbole- u. HioelgsleUen iiiuimthd) 6o Pt., durch die Post Alk 2. Dienet- |äbrl auelcbl Bestell g. 21nnai)mt von Unjctgen lüi dt« Iage»nummet bi# vormittag# 10 Uhr. ßetlenpreil. lokal ISP«, aufliuärti 20 Plg.

Ceionti»eclltd)i tOi den poltL m. öligem, teil P. Wittko. sür .Stobt und taub* und .(Äerichtsiaal' 4 u 11 Plato, lüi ben An- zententeili Hans Beck.

Sten von Nottenvorg und die A.eiheU der Wissenschaft.

Leipzig, 27. Nov.

Ter ffirrator der Universität Bonn, Dr. von Rottenburg, ein alter Mitarbeiter Bismarcks in der Reichskanzlei und später NnterstaatSsekretär im Reichsnmt des Innern, be­trachtet seinen Posten an der rheinischen Universität, den er seit April 1896 bekleidet, nicht lediglich als ein stilles Verwaltungsamt oder, wie cs sonst wohl hie und da ge­schieht, als einen Ruheposten. Tie alte Regsamkeit und in Bismarcks Schule straff angespannte Arbeitsenergie wirkt in ihm trotz seiner schwer erschütterten Gesundheit fort. Er nimmt eifrigen Anteil an dem wissenschaftlichen Leben der Hochschule, deren materielles Wohl er bei der Regierung vertritt, er lebt, selbst ein Mann von reichem Wissen, mit und und unter den Professoren und vertritt ihre Interessen nicht mit, wo es sich um Neubauten und Anschaffungen für die Institute handelt, sondern auch in freimütigen öffentlichen Kundgebungen, und eS ist zurzeit kein Universi- tütökurator in Preußen, der so mit seiner Persönlichkeit für die Rechte der Wissenschaft gegen reaktionäre Be­strebungen eintritt, und so häufig von sich reden macht, wie Herr von Rvttenburg.

Neuerdings hat er auf dem Ncktoratsessen in derLese" zu Bonn, mit dem der Rektor der Universität, Professor Zitelmann, sein am 18. Okt. angetretenes Amt gesellig cin- leitete, eine Rede zu Gunsten der wiss"nsschaftlichen Freiheit aehalten, die dadurch um so größere Bedeutung gewinnt, als oer Kronprinz des Deutschen Reiches und Prinz Eitel Friedrich an dem Mahl teilnahmen. In seiner eindring­lichen und eindrucksvollen Rede, die alle wissenschaftlichen, wie überhaupt weite Kreise unseres Volkes interessiert, führte Herr von Rvttenburg nach dem Bericht derKöln. Ztg". u. a. aus:

,^Jch glaube nicht, daß ein Grund vorhanden ist. sorgen- volk isst die Zukunft zu blicken. Aber es läßt sich nicht leugnen, daß der Horiziont nicht vollständig Äar ist, daß kleine Wolken am Himmel der Wissenschaft sich bilden. In gewissen Kreisen macht sich das Bestreben geltend, die wissenschaftliche Forschung an bestimmte Grenzen zu binden: man sucht darauf binzuwirken, daß in Zukunft nur noch solche Männer an die Hochschulen berufen werden, welche sich auf gewiffe wesentliche Sätze einschwören lassen. Ter Anfang wird gemacht in der theologischen Fakultät: aber daß auch hier der Satz gilt, ce n'est que le Premier Pas qui coute, dafür liegen bereits Anzeichen vor. derartigen Be­strebungen gegenüber drängt sich die Frage auf, wer ist berufen, darüber Bestimmung zu treffen, was in der Wissen­schaft wesentlich und was nicht wesentlich sei. Nur eine Antwort kann man auf diese Frage geben: es werden jedenfalls die Kurzsichtigsten sein, die sich zur Uebernahme dieses Zensoramtos bereit sinden werden. Die Weitsichtigen werden eine solche Zumutung weit von sich weisen, sie werden sagen, die wissenschaftlichen Lehren und Vorstel­lungen müssen in den Fluß der Zeiten gestellt bleiben und derjenige, der dieser Wahrheit nicht nachachtet, der schneidet der Wissenschaft den Lebensfadeu ab. Unter den mannig­fachen Großthaten. welche die Geschichte der Wissenschaft seit Schluß des Mittelalters zu verzeichnen hat, ragen be­sonders zwei hervor: die Entdeckung, daß die Erde nicht den Mittelpunkt der Welt bildet, sondern wie andere Pla­neten sich um die Sonne bewegt, daß das Weltsystem durch die Kraft der Atttaktton zusammengehalten wird. Ko- pernikus sowohl wie Newton stellten sich mit diesen Ent­deckungen in den schneidendsten Widerspruch mit den wesent­lichen Sätzen der Wissenschaft, wie ibr Zeitalter sie auf­faßte, und so haben sich denn auch diejenigen, welche sich damals für berufen hielten, eine Zensur au^uüben, ganz entschieden gegen Kvpernikus wie gegen Newton ausge­sprochen. Es ist bekannt, daß der bedeutendste Schüler des Kopemikus gezwungen wurde, zu widerrufen. Es war oder keineswegs die katholische Kirche allein, welche diesen

Standpunkt einnahm, die protestantische Geistlichkeit hat genau denselben Standpunkt eingenommen. Sie hat rund­weg erklärt, Kvpernikus sei ein Narr, der die edle Kunst der Astronomie umkehren wolle. Erstaunlich ist, daß sogar einer der größten, wenn nicht der größte Denker des 16. und 17. Jahrhunderts, Lord Bacon, sich entschieden gegen Kvpernikus ausgesprochen hat. Als Voltaire sein Werk über die Elemente der Ncwtonschen Theorie drucken lassen wollte, verweigerte der Zensor das Jmprimattir. Und auch hier das Auffällige, daß einer der hervorragendsten Denker der Zeit, Bernouilli, sich gegen die neue Lehre erklärt. Nun, die Thatsache, daß ein Mann wie Bacon die Lehre, daß die Erde das Zentrum des Weltalls bilde, für wesentlich ansah, die Thatsache, daß ein Mann wie Bernouilli für Descartes gegen Newton Partei ergriff diese Thatsachcn. zwingen sie nicht zu dem Schluß, daß cs ein Unding ist. die wissenschaftliche Forschlung in Bande schlagen zu wollen? M. H., das glaube ich sogar für die Theologie aussprechcn zu dürfen. Es giebt wohl kaum eine Wissenschaft, auf deren Gebiet sich so viele Streitigkeiten abgespielt haben, wie auf dem Gebiete der Theologie. Bei diesem Streite kann cs sich aber nicht um querelles allcmandes gehandelt haben, nein: auch für Theologen gilt der Satz omnis homo bonus praesumitur, und wir sind durch denselben zu der Annahme gebunden, daß die Theologen nur um wesentliche Fragen gestritten haben. Wer wollte sich nun aber unterfangen, ans allen diesen Streitigkeiten de" wesentlichen Kern heraus- zuschälm? Wenn man" ben deutschen Pr s s'or auf etwas einschwören will, so schwöre man ihn darauf ein, daß er, wie Se. Magnificenz vorher gesagt hat, ehrlich strebe, und ich füge hinzu, daß er strebe, wie ein Deutscher im Bismarck- schen Sinne: nichts fürchtend als Gott allein. Ich halte die besprochene Bewegung auch "für aussichtslos. Wenn man dem deutschen Professor alles, was er als wesentlich lehren soll, vorschreibt, so drückt man ihn auf das Niveau des Faustschen Famulus, des trockenen Schleigers Wagner, herunter. Tas würde er nicht aiishalten, auch die deutsche Jugend würde es in den Hörsälen solcher Lehrer nicht au halten. M. H., Kvpernikus hat seinerzeit Tabellen ausge­arbeitet über die Bewegung der Planeten. Man nennt die Tabellen die preußischen. Diese Benennung kniwst an die Thatsache an, daß einer der ersten Anhänger des Kvpernikus ein Hohenzoller gewesen ist. Sie wissen, daß der erste Ge­lehrte, der in Frankreich für Newton Partei ergriff, Mau- pertius gewesen ist. Das ist derselbe Mauperttus, den Friedrich der Große zum ersten Präsidenten der Akademie gemacht hat. Sie sehen, daß die HohenLollem au[ ber fort­schrittlichen Seite gestanden haben, und ich bin überzeugt, das Haus der Hohenzollem bewachtet es als eine heilige Tradition, die wissenschaftliche Forschung gegen ein jedes Andiekettelegen zu schützen."

Tas sind alte Wahrheiten in ein feines Gewand ge­kleidet, Wahrheiten, die zwar durchaus nicht überall ge­fallen, aber für jeden, der sich nicht eigensinnig gegen sie verschließt, zwingende Krast haben. Insbesondere ist zu­versichtlich zu hoffen, daß sie ihre Wirkung auf die em­pfängliche, für die Freiheit des Denkens und für das Flügelrauschen deutschen Geisteslebens begeisterte Jugend nicht verfehlen.

Vermischtes.

Ueber den Sozialismus bei den Negern. Ein Mitglied der Missionsgesellschaft der Weißen Väter, Pater van Acker, der in Lusaka südlich vom großen Viktoria- See in Afrika s'ines Amtes waltet, hat über denSozialis­mus bei den Schwarzen" eine interessante Mitteilungheim­gesandt, die auf die Sitten der dortigen Eingeborenen ein merkwürdiges Licht wirft. Eines Tages, erzählt der Missionar, kam ein Neger zu unserem iin Bau befindlichen Hause. Er trug auf dem Kopfe em Dutzend an Grashalmen aufgefädelten Bataten. Tie bei dem Bau beschäftigten

Schwarzen hatten ihn kaum gesehen, als sie lhn anriefen: Du da, laß uns nicht Hungers sterben!" Diesen Ausruf kann man von den Negern jederzeit hören, auch wenn sie eben eine reichliche Mahlreit genoss"n habe- T<*r Desiker jenes Reichtums nahm scfcr. s in kleines Bündel von Ba­taten vom Kopf und verteilte es, bis ihm nur noch zwei der Früchte übrig blieben, und das, obgleich seine Ladung als Reisevorrat für zwei Tage reichen sollte. Ein anderes Mal ließ ein Arbeiter unvorsichtigerweise ein fegenanntcS Bwaribrot sehen, das in einem dicken, aus Maismehl be­reiteten Teig besteht. Er besaß nur das eine Brot, in dessen Mitte eine Hand voll gekochter Dohnen steckte. Er wollte diese Mahlzeit noch mit seinem Bruder teilen, kaum aber hatte er die Schüssel von den sie bedeckenden Blättern be­freit, als eine ganze Schar von Negerknaben herbeikam und sofort Ansprüche an die Speise erhob. Es fiel dem Neger gar nicht ein, seine Rechte an die Mahlzeit zu wahren, son­dern ließ noch zehn Personen daran teilnehmen. Solche Szenen lassen sich täglich beobachten. Stopft sich ein Neger eine Pfeife, Tabak lieben sie alle und ?in Nachbar bemerkt es, so läßt letzterer sofort seine Arbeit liegen und läuft herzu, u m einen Zug aus der Pfeife zu thun. Einen Augenblick später sind 5 ober 10 Leute zusammen, bei denen die Dseife herumgeht, die vielleicht leer geworden ist, ehe sie an ihren Besitzer zurückgelangt. Ter Neger muß eben immer und alles teilen. Es giebt nur einen Ausweg, näm­lich den Besitz von Nabrungs- oder Genußmitteln nach Möglichkeit zu verheimlichen: und das geschieht denn^auch. Wenn man einem Negerknaben eine Frucht ober Tabak reicht, so versteckt er das Geschenk augenblicklich mit größter Sorgfalt, um die Frucht erst in der Einsamkeit zu ver­zehren ober den Tabak in der elterlichen Hütte zu rauchen. Wirb er habet von anderen bemerkt, so muß er seinen Genuß mit ihnen teilen, das ist allgemeiner Brauch. Sein Nachbar hat das Anrecht an die Hälfte, und sind mehr Zeugen zu- zugegen, so geht das Ganze eben in noch mehr Teile. Man kann cs beobachten, daß eine Citrvne in 10 ober 20 Stücke geschnitten wirb, sobaß der Einzelne kaum noch etwas er­hält. Dieser Kommunismus besteht aber nur zwischen Per­sonen bes gleichen Geschlechts. Eine Fran barf niemals beanspruchen, von ben Männern bei einer Teilung berück­sichtigt zu werden, nicht einmal gegenüber ihrem Gatten darf sie eine solche Forderung stellen. Wenn ihr dieser eine Teilung anbietet, so geschieht es aus Herablassung, nicht aber ans Pflicht.

Familien Nachrichten.

Gestorben: Frau Elise Dietz, geb. Schlunck, in Griebel.

der Speisen vorsichtig sein

dann

versuchen Sie es mit Dr. W Knecht's w MagenbitterSäntiS" -w der beste Bitterlikör der Gegenwart mit keinem bis jetzt aus den Markt gebrachten zu vergleichen. Erhältlich in den Apotheken, Drogerien, Colomalwaren» u. Delikatessen- Geschästen. Probeflasche Mk. 1., große Flasche M. 2.50.

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O MI

1 Der Güter höchstes ist eine gute Verdauung.

H Entbehren Sie dieselbe, ist Ihr Magen krank, der Darm trüg, müssen Sie in der Wahl

Kausschah älterer Kunss.

Die wissenschaftlichen Errungenschaften unserer Zeit werden von einer Flut wichtiger technischer Erfindungen und Ent­deckungen, Neuerungen und Vervollkommnungen begleitet, die sowohl der Verbreitung neuer Ideen als alter Erfahrungen, wertvoller Hervorbringungen verfloßener Zeitperioden dienen. Unsere Zeit produziett unendlich viel Neues, aber sie reproduzirt aud) fo" viel wie keine andere. Nie zuvor wurden so viele Werke der Baukunst stilgemäß wiederhergestellt wie in unseren Tagen, nie zuvor konnte man die bedeutenden Werke der bil­denden Künste vergangener Jahrhunderte so bequem, so billig, so üderfichtlich und in so einwandloser Form genießen mie heute. Heute blättern wir, Dank der staunenswetten tech­nischen Fertigkeiten unserer hervorragendsten Kunstoerlags­anstalten, der E. A. Seemann in Leipzig (deren prächtiges Sanunelwerk .Moderne Meister" wir schon wiederholt an- gelegentlichst empfehlen konnten), der F. Bruckmann in München (verwiesen sei heute nur auf dessen wundervolle Pigmentdrucke*), der Münchener Photographischen Union zc. ic. in dem großen Bilderbuch? der Weltgeschichte, die manfiunft* nennt, mit der größten Behaglichkeit, von der man sich noch in jenerguten" alten Zeit, als der Großvater die Groß­mutter nahm, keinen Begriff machte. Geradezu spottbillig sind die mannigfachen künstlettschen Erscheinungen aus dem Kunst­wattverlage Georg- D. W. Eallwey in München und aus dem Verlage von Fischer u. Franke in Berlin, und auch sie erfüllen vollauf ihren Zweck, Schönheit und Freude, Geschmack und Genuß zu verbreiten.

Die besondere Aufmerksamkeit aller Kunstfreunde sei heute auf ein großes und gediegenes Sammelwerk gerichtet, den Hausschatz älterer Kun ft*, herausgegeben von der längst rühmlichst bekannten Gesellschaft für vervielfältigende Kunst in Wien. Es liegen von diesem köstlichen Werke bisher 11 Lieferungen vor, von denen jede 5 Folioblätter mit Stichen und Radierungen hervorragender Werke der Renaissance, von moderner Meisterhand ausgefühtt, ent­hält. Es ist eine Lust, diese Blätter zu schauen. Jedes ein­zelne von ihnen gewahrt uns einen nachhaltigen Einblick in das Herz eines großen Künstlers; sie alle zusammen aber errichten vor uns das herrliche Prunkgebäude einer großen Zeit, jener wunderbaren Wiedergeburtszeit des klassischen Alter­tums, zumal in Italien und in den Niederlanden, jener Zeit, in der Lebensgenuß und Freude am prächtigen Dasein durch alle Pfotten trat, die so reich war an großartigen Charakteren, trotzig und selbstbewußt, groß im Guten wie im Bösen, jener Zeit, die, zum größeren Teile, fest auf den irdischen Boden trat, in der gerade infolge der Begeisterung für die Antike aud) die Freude an der Natur und Wirklichkeit allenthalben erblühte und erglühte.

DerHausschatz älterer Kunst* ist die feffelndste Zeit­chronik der Renaiffance. Er zeigt uns z. B. auch zur Evidenz, wie verschieden in demselben Jahrhundert zwei 9lationen, die Italiener und die Niederländer, fühlten, und beweist uns damit gleichzeitig einen weltgeschichtlichen Grundsatz. Ter Hausschatz" zeichnet sich auch vor anderen ähnlichen Pub­likationen dadurch aus, daß bei der Auswahl hauptsächlich weniger bekannte, aber nicht minder wertvolle Schöpfungen

berücksichtigt worden sind, die sich teils in öffentlichen, aber kaum beachteten Sammlungen, teils im Besitze einzelner Lieb­haber befinden, wo sie für das große Publikum so gut wie verloren und vergeßen sind. Die größten Maler der Ver­gangenheit sind durch hervorragende Werke vertreten. Da zeigt uns ein männliches Bildnis von van Dyck dieses vor­nehmen Künstlers ganzes seines Gefühl für den Zauber eines Standes, dem ein stetes Sichbeherrschen und Repräsentieren zur zweiten Natur geworden üt. Wir sehen, daß der große Spanier Murillo wie ein Kind heimisch ist in der himm­lischen Welt, diese aber zugleich hineinzieht in sein eigenes irdisches Treiben, wie in feiner entzückend naivenheiligen Familie* das kleine Jesuskind zu Füßen seines heimsich schaffen­den Elternpaares munter herumspielt mit dem kleinen Jo­hannes. Ein solches Bild rührt und feffelt durch seine Einfalt und Liebenswürdigkeit, durch die ergreifende Keuschheit und Reinheit der Familienszene. RaffaelsTraum eines Ritters" zeigt uns diesen Göttlichen als Visionär. Es ist auch ein heiliges Idyll, tiefe Stille, süßer Friede liegt über dem Bilde, aber R. ist weicher, musikalischer als Murillo. Leise klingt einem wohl durch den Sinn:der Himmel nah und fern, er ist so klar und feierlich, so ganz als wollt er öffnen sich". Er ist so ganz frei von Ekstase. Der Träumende ist nicht erregt, nicht verzückt, wie selbstverständlich thut sich ihm der Himmel auf; und die Heiligen, die er schaut, sind still be­glückt, wie Wesen, die in ihr eigenstes Element kommen, deren Flügelseele schlicht und klar ist wie die des Träumers. Und so verstehen wir, wie Goethe von ihm sagen konnte: Wo man auf eine Arbeit Raffaels trifft, ist man gleich