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Aus Stadt und $and.
Gießen, den 29. Oktober 1902.
•* Gedenktage. Am 30. Oktober 1871 wurde zu Brauch bei KottbuS der geistreiche Fürst Hermann von Pückler-MuSkau geboren, der sich nicht allein als Schöpfer des vielbewundcrten Parkes in Muskau i. £., sondern auch als Schriftsteller einen Flamen machte. Als angeblich ^Verstorbener" verfaßte er eine große Anzahl interessanter und pikanter, wenngleich flüchtiger und mitunter leichtfertiger Schriften, besonders Reiseberichte und vermischter Aufsätze. Zuletzt widmete er seine Feder dem Preise des egypttschen Beherrschers Mehemed Ali.
- Zur Bestattung des am 2 6. dS. MtS. verstorbenen Beigeordneten der Stadt Gießen, Rendant Grüneberg, hatte sich am Dienstag Mittag ein zahlreiches Trauergefolge am Sterbehause emgefunden. Den Verwandten folgten Vertreter der Provinzial- und Kreis- Verwaltung^ die Stadtverordneten-Versammlung mit Bürgermeister und Beigeordneten, die städtischen Beamten und Herren aus allen Kreisen der Einwohnerschaft. Die Trauerrede, in der die vortrefflichen Eigenschaften des Entschlafenen als Beamter und Mensch in beredten Worten gewürdigt wurden, hielt Pfarrer Scheune mann. Rach ihm trat Bürgermeister Mecum an die Gruft, um in zu Herzen gehenden Worten dem Bedauern über den Verlust, den die Stadt durch den Tod ihres Beigeordneten erlitten, Ausdruck zu geben; er schilderte den Henngegangenen als einen treuen, lieben, in den Kreisen der Einwohnerschaft wie in der Stadtverordneten- Versammlung gleich beliebten Bürger. Als nach Entführung
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Kerrsche Presse sei eine Macht, die von der augenblichlicheu Sttmmung lebe und diese Stimmung sei infolge von Mißverständnissen gereizt gewesen. Die deutschen Schweizer hatten zum Teil die Sache chrer wellchen Brüder mit- gemacht, da sie nicht weniger national sein wollten als diese. Er betrachte es als seine Aufgabe, zur Versöhnung und Aufklärung zu sprechen. Vetter gab sodann einen ge- ischichtlichen Rückblick und legte dar, daß die Schweiz stets den Kumpf um die Unabhängigkeit gegenüber Oesterreich 'geführt habe, daß sie aber lange Zeit hernach noch die Anerkennung der Rechte des Reiches ausgesprochen habe. Es gebe heute nvcb Gebäude, wo neben dem örtlichen Wappen der Reichsaoler prange. In der Schweiz sei au' einen Anschluß an das deutsche Reich in politischem Sinne in absehbarer Zeit überhaupt nicht &u rechnen. Die Rede Vetters wurde mit lebhaftem Beifall ausgenommen.
Kunst und Wissenschaft.
Darmstadt, 28. Okt. Der vom 22. bis 25. Cft in Reims abgehaltene 12. Kongreß städtischer und ländlicher Genossenschaften Frankreichs hat den Anwalt des Allgemeinen Verbandes der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften, Geh. Rea-Rat HaaS- Tarmstadt, zu seinem stellvertretenden Ehrenpräsidenten ernannt.
Marburg, 28. Okt- Eine größere Anzahl Mitglieder der internationalen Tuberkulosekonferenz folgte einer Einladung deS Geheimrats Professor v. Behring • ur Besichtigung seiner Einrichtungen zum Studium der Rindertuberkulose. Anwesend waren u- a. Nocard, £ebitte, Leon Petit-Paris, der Direktor des Instituts Pasteur in Lille, Calmctte, Schroetter-Wien, Scherwinsky-Moskau, Tur- ban-Tavos, Dombvowsly-Darschau, (Gerhard-Luzern. Pro- essor v. Behring hiett einen Vortrag über Schutzimpfung von Rindern und demonsttierte durch Protokolle erfolgreiche Schutzimpfungen von Rindern gegen schwere Infektion. Redner erklärte, er teile die Ansicht Professor lochs, daß die Menschentuberkulose von geringer Virulenz ür Rinder sei, er halte aber umgekehtt die Rindertuber- tulose für eine Gefahr für die Menschen. Es sei größte Vorsicht bei der Viehhaltung geboten. Man dürfe nicht nachlassen, Schutzmaßregeln zu treffen. Ter Kongreß ernannte Geh. Medizinalrat Professor Tr. o. Behring zum
Mitglied des internationalen Zentralbureaus zur Be- iäi üng der Tuberkulose.
Kronen entdeckt, welche dem Generaldirektor Adolf Böhm zur Last fallen. Den Einlegern, welche in großer Zahl ihre Guthaben zurückverlangten, sind letztere bis jetzt ohne Schwierigkeiten auSgezahlt. Die Direktion ersetzte bereits 200000 Kronen.
* König Eduards Renngewinne haben mit diesem Jahre die Höhe von 100 000 Pfund, also von zwei Millionen Mark überschritten. Wenn man bedenkt, daß Englands Beherrscher jetzt und als Prince oj Wales stets nur einen verhältnismäßig kleinen Rennstall unterhatten hat, muß diese Summe als ein ausgezeichnetes Resultat der züchterischen Besttebungen des Königs angesehen werden, der bekanntlich seinen Rennstall aus der eigenen Zucht rekrutiert. Es handell sich hier übrigens nur um die Gewinne auf der Flachbahn.
♦ Die Vorgänge in der belgischen Königs-» familie werden in einem englischen Gesellschaftsblatte besprochen. „Der Gemahl Marie Henriettes" — heißt es da — „hätte alle Ursache, seine Töchter nachsichtig zu beurteilen und zu behandeln, denn er weiß nur zu gut, daß ihr junges Leben verdüstert war und geradezu kläglich gewesen ist durch das Erziehungssystem, das die Königin für sie aufzustellen beliebt hatte. Sie mochte ihre Töchter einfach nicht leiden und konnte ihren Anblick nach dem Tode des Prinzen Leopold, ihres Lieblings, kaum mehr ertragen. Ihre Nerven waren sehr angegriffen nach dem Hinscheiden des Knaben, den sie vergeblich dem Tode abzuringen versucht hatte. Allein die Thatjache bleibt bestehen, daß die Strenge der Königin gegen ihre Töchter einen solchen Grad erreichte, daß ganz *tbx.\q(d darum wußte, und die „armen, kleinen Prinzessinnen", wie sie genannt wurden, bemitleidete. Einmal entstand ein förmliches Komplott int Palaste gegen die Mutter, den Vater, die Tochter und Gouvernanten, um von der Königin eine Milderung chrer ftrengen Vorschriften und für die Kinder etwas mehr Freiheit au erlangen, die hinter den Mauern des Schlosses und des Parkes zurückgehalten und in ihren trübseligen schwarzen Wollkleidern keineswegs wie Prinzessinnen aussahen, die vermöge ihres Ranges und chrer Schönbeit einmal eine Rolle spielen sollten in der Welt. Nach vielen heftigen Szenen mit seiner Gemahlin erreichte es der König wenigstens, daß seine Töchter Musikstunden am Brüsseler Konservatorium nehmen durften und so wenigstens Anlaß hatten, nach der Stadt zu fahren und auch etwas anderes tu sehen bekamen. Nur gegen die Prinzessin Clementine war )ie Königin — und auch in ihren alten Tagen noch -i etwas gütiger gesinnt. So war es gar nicht zu verwundern, daß die beiden älteren Prinzessinnen sich so unglücklich entwickelten, als sie chre Heiraten gemacht hatten und endlich frei wie der Vogel zu fein glaubten, der seinem Käfig entronnen ist. Prinzessin Luise wurde von einer unbezähmbaren Sucht nach Lust unb Glanz befallen, während Prinzessin Stefanie ihren Gemahl, den Kronprinzen Rudolf, in ebenso engen San* ) en zu halten suchte, die sie selb st so Ian ae gefühlt hatte. Die Schicksale der Prinzessinnen sind bekannt" — schließt der Korrespondent des englischen Blatte-, — „würde König Leopold nicht wirklich besser thun, freundlicher zu sein gegen seine Töchter, er, der sich selbst ost genug gegen die Tyrannei zu Hause aufgelehnt hat?"'
Vorsitzender und Lotter der Geschäfte. Der VerTtvrve« hatte gestern abend mit den streikenden Arbeitern der Wald- mannschen Schuhfabrik und deren Inhaber noch einen ftted- lichen Ausgleich herbeigeführt. Es war seine letzte Arbeit. Ludwig Amend, geboren 1843, studierte von 1862—65 m Gießen Kameral- und Finanzwissenschaft, war danach in verschiedenen staatlichen Stellen und als Sparkassen rechnen in Darmstadt thätig. Durch Beschluß der Stadtverordnetenversammlung 1873 zum Finanzsekretär der Stadt Nttnnz ernannt, vertauschte er diesen Posten später mtt der Stelle eines Sekretärs der allgemeinen Verwaltung. Don Seiten des Großherzoas wurde ihm 1892 der Charakter als „Rech- nungsrat" und 1899 der Charakter als „Finanzrat" verliehen.
Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Im November ist in Friedberg die Feier der hundertjährigen Zugehörigkeit der Stadt zu Hessen geplant.
Die Evangelische «Landessynode. L
R.B. Darmstadt, 28. Oft
Die Evangelische Landessynode trat heute vormittag int Ständebause zusammen. Tie Versammlung wurde mit einem Gebet des Pfarrers Iandl-Planig eingeleitet. Ten Vorsitz übernahm an Stelle des verstorbenen ersten Präsidenten der zweite Präsident, Prof. S t a m m - Gießen, der die Sitzung eröffnete und die Abgeordneten toiHEoarmen hieß. Er gedachte alsdann in warmen Worten der verstorbenen Mitglieder. Zu Ehren der Tahingeschiedenen erhoben sich die Anwesenden von den Sitzen. — Es folgte nun die Verpflichtung der neu eingetretenen Mitglieder. Die in den Dekanaten Lauterbach, Alsfeld, Grünberg, Oppenheim, Zwingenberg, Darmstadt und Gießen stattgehab- teu Neuwahlen wurden für gütig erklärt. — Bei der Neuwahl eines ersten Präsidenten wurde der Synodale Prof. Stamm-Gießen zum ersten und an dessen Stelle Direktor Brandt-Mainz zum zwetten Präsidenten gewählt. Zu Schriftführern ernannte die Versammlung nach kurzer Erholungspause Oberamtsrichter Wahl-Schlitz und Pfr. Walter-Worms.
Tie Versammlung trat nun in die Beratungen ein, zunächst über die Vorlage des Großh. Oberkonsistoriums, bett, die Ausarbeitung eines Kirchenbuchs für die evangelische Landeskirche des Großherzogtums. Oberkon- sistorialrat D. Buchner führte aus, es handle sich hier um ein bedeutungsvolles Werk, das die dazu ernannte Kommission unter Mitwirkung des Geh. Kirchenrats Prof. Tr. jlöstlin in gemeinsamer, gewissenhafter Arbeit geschaffen habe. Tas Kirchenbuch stelle über eine Reche großer Gesichtspunkte eine Verständigung dar. Gs solle keine Agende sein, aber auf wissenschaftlicher Grundlage ein reiches Material bieten für die Verwendung bei kirchlichen Handlungen. Es sei Sache der Versammlung, zu beschließen, ob man in der Kommission noch weiter gehen wolle. Tas vorliegende Kirchenbuch sei nicht „von oben herab", sondern vielmehr „von unten herauf" entstanden und tiuar unter Mitwirkung von Geistliche fast aller Ge- meinoen. Er empfehle, den Gegenstand zunächst einem Sonderausschuß zur Vorberatung zu überweisen.
Obertönsistvrialrat D Flöring bemerkte, das Kirchenbuch sei der Pulsschlag für die evangelische Landeskirche. Man glaube damtt etwas Gutes, wenn auch nicht Vollkommenes erreicht zu haben. Tas bisherige Buch, das ja auch viel Gutes enthiett, konnte doch den gesteigerten Bedürfnissen nicht mehr genügen. Er bttte, bei der Beratung des neuen Werkes alle lleinlichen Gesichts- punkte auszuscheiden, und dasselbe in dem zu bildenden Ausschuß mit derselben Brüderlichkett zu behandeln, wie es in der Kommission der Fall war. —
Nun ergriff Geh. Kirchenrat T. Köstlin das Wort und richtete an die versammelten Synodalen die Bitte, das vorliegende Werk mit dem Maßstab der praktischen Arbeit und nicht mit dem Maßstab des akademischen oder konfessionellen Doktrinarismus zu behandeln. Tie Kommission habe jedenfalls das Beste gewollt, und etwa weitere Wünsche würden gern nach Möglichkeit berücksichtigt werden.
Nach weiterer kurzer Debatte wurde von Direktor Dr. Weif senbach-Friedberg der Anttag gestellt, einen Ausschuß von sieben Mttgliedern zu ernennen, der sich mit der prinzipiellen Beratung des vorliegenden Entwurfs beschäftigen soll. Darauf wurde die Sitzung abgebrochen.
Fortsetzung morgen vormittag 9 Uhr.
Vermischtes.
* Dresden, 28. Okt. Bei Meißen wurde heute früh die Leiche des Direktors der Aktiengesellschaft für photographische Industrie, Wunsche, aus Dresden, aufgefunden. Er soll wegen widriger Vermögensverhältnisse Selbstmord begangen haben. Tre Gesellschaft ist, soweit sich bisher übersehen laßt, nicht geschädigt.
*Paris, 28. £ft Tie beiden infolge der Flucht deS Bankiers Boulaine verhafteten Polizeiagenten verlangen, nachdem Boulaine nunmehr wieder festgenommen ist, chre Freilassung, und zwar auf Grund des Artikels 24,7 welcher bestimmt, daß die in solchen Fällen verhängte Gefängnisstrafe aufhört, sobald der Entflohene wieder inhaftiert ist.
Kirche und Schule.
Die deutsche Gesellschaft für ethische Kultur fanbte uns ein Flugblatt, in dem versucht wird, den Ersatz desReligionsunterrichtsdurchMoral- «nterricht in der öffentlichen Schule, die Umwandlung der Religionsschule in eine weltliche Schule „mtt menschlich-natürlicher Sittenlehre", in Fluß zu bringen.
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■ der Städteordnung im Jahre 1877 zum ersten Male die Wahl des StadtvorslandeS erfolgte, übertrug ihm die Bürgerschaft das Amt eines Stadtverordneten, in dem er durch Rat und That gewirkt. In welchem Maße seine Thatigkeit anerkannt wurde, bewies seine Wahl zum Beigeordneten, zum höchsten Ehrenamt, das die Stadtverordneten-Versammlung zu vergeben hat. Sein Wirken in der Deputation für das Gatz- und Wasierwerk, seine reichen Erfahrungen auf dem Gebiete des Finanzwesens und seine Thätigkett in der juristischen Kommission sichern ihm ein ehrendes Andenken auch in der Bürgerschaft. Redner legte hieraus im Namen der Stadt Gießen und des Stadtvorstandes je einen Kranz am Grabe nieder. Im Namen der städtischen Beamten und Mitarbeiter sprach Direktor Bergen. Der Dahingeschiedene sei allen ein glänzendes Vorbild, em freundlich entgegenkommender und wohlwollender Berater gewesen. Zum Zeichen dankbaren Angedenkens legte Direktor Bergen im Namen aller städtischen Beamten und Mitarbeiter einen Kranz nieder.
• * Auszeichnung. DaS Ehrenzeichen für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren wurde dem Mitgliede der freiwilligen Feuerwehr zu Eberstadt Georg Leonhard Meyer II. daselbst verliehen.
* * Das Großh. Regierungsblatt Nr. 71, abgegeben am 27. Oktober d. J„ enthält: Bekanntmachung, die 'Anlegung des Grundbuchs betr. Vom 21. Oktober 1902.
* * Vergessen! Man erinnert sich, daß im vorigen Jahre in Darmstadt bei einer sehr bedeutsamen Festlichkeit einer der hervorragendsten obersten Staatsbeamten durch ein seltsames Vergeßen keine Einladung erhalten hatte. Jetzt erzählt die ,Franks. Ztg.* aus Frankfurt, daß dott ein ebensolches, kaum begreifliches Vergeßen soeben vorgekommen ist. Die städtische Kommißion, welche die Einladungen zum Festesfen der Stadt nach der Eröffnung des neuen Schauspielhauses versandte, hat die Künstler selbst vollständig übergangen. Das hätte sie auch in einer wärmeren Jahreszeit verschnupft. Höheren kommunalen Ortes wurde die Mißsttmmung ruchbar. Das Versehen sollte wieder gut gemacht werden. Die Plätze waren fast sämtlich dergeben. Man beschloß, wenigstens sechs Herren vom Schauspielhaus mit einer Einladung zu beglücken. Die Künstlerschaar selbst sollte sie auswählen. Und wie half man sich? Man bestimmte sie durchs Los oder auch — so wird von anderer Seite glaubwürdig berichtet — man knobelte sie aus!
** Die Pforten der Alma mater haben sich wieder geöffnet, die Musensöhne sind wiedergekehrt aus den Ferien. Einer aber blieb die ganzen Ferien über zurück, der arme Student. — „Wir haben nun alles für Dich gethan, was wir thun konnten. Jetzt mußt Du Dir schon allein durchhelfen!" Das sind gewöhnlich die Worte, mit der arme Student von seinen Ettern zur Universität entlassen wird. Sie können ihm nicht viel bares mttgeben. Uno nun ist er da. Eine Bude hat Bruder Studio endlich gefunden, und der Kamps kann beginnen. Tie Reise hat Held gekostet, die Jmmattikulation und was drum und dran hängt, ist nicht ganz billig gewesen, und nun müssen Bücher angeschafft werden. Zwar leiht ja die Bibliothek Bände unentgettlich aus, aber nur auf ttirze Frist; und in dieser einen dicken Band voll schweren Wissens zu bewältigen, das ist nicht -jedermanns Sache. Nun heißt es, denn an einen anderen Erwerb denkt er kaum, Gelegenheit zu Privatstunden zu finden! Doch ist es für den Studenten, der eben das Studium beginnt, sehr schwer, solche zu erlangen. Glückt es ihm endlich einmal, einer Aufforderung zu persönlicher Vorstellung teilhaft zu werden, dann erfährt er zunächst, daß auf das betreffende Gesuch so viele Angebote eingelaufen seien. Eine Offerte immer billiger als die andere! Entschließt sich infolgedessen der also Bedrängte nun, auch schon zu einem sehr geringen Preise zu unterrichten, dann wartet seiner doch noch immer die Frage: ,Lab en Sie Referenzen?"' Wie sollte er Re- erenzen haben, da er noch nie unterrichtet hat! Nun ist es mit der Stellung vielleicht wieder nichts. Es wird lange dauern, ehe der Arme so viel verdient, daß er seinen Lebensunterhalt davon bestreiten kann. Viel zu wenig wird von der akademischen Jugend noch die Stenographie gepflegt, durch deren Hilfe jeder sich manchen guten Groschen erwerben kann, z. B auch als Zettungs- berichterstatter von öffentlichen Veranstaltungen mannig- ächster Art, die ihm zudem Gelegenheit geben, seine ganze Lebensauffassung zu erwettern, allerhand schätzenswerte Spezialkenntnisse zu erlangen, die er in späteren Lebensjahren in vielleicht heute noch ganz unübersehbarer und unerwarteter Weise wird verwenden können und auf deren Erwerb er einst noch besonders stolz werden kann. Er efe z. B den Inseratenteil des „Gieß. Anz.", wähle sich inefe oder jene öffentliche Veranstaltung heraus, die ihm besuchenswert scheint, und sende darüber einen Bericht an )ie Redaktion, die ihn vielleicht mtt Freuden acceptieren und angemessen honorieren wird. — Hier liegt für manchen Studenten, um mit Fontane zu reden, „ein weites Feld",
k- Ober-Bessingen, 27. Okt. An unserer Wasserleitung wird nun schon zwei Jahre gearbeitet, ohne daß ein befriedigendes Resultat erzielt wäre. Der Staat hat bereits 1500 Mk. zu den Kosten beigetragen. Die Grabungen nach Rödges zu haben bis jetzt nur 12 Kbm. Wasser ergeben, während 27 Kbm. pro Tag nötig sind. In den nächsten Tagen wird ein Stollen fertig gegraben fein, der die Sache zur Entscheidung bringt. Wenn das Wasser alsdann nicht genügt, will man mit Rödges eine Waßergenoßen« schäft bilden und von dem waßerreichen Dorfbrunnen zu Rödges eine gemeinsame Leitung erbauen. In RödgeS ist das Verhältnis wie hier: während das Unterdorf mit Wasser versorgt ist, herrscht im Oberdorf empfindlicher Wassermangel und der Transpott des WaßerS ist im Winter auf den steilen Dorfsttaßen geradezu gefährlich.
Darmstadt, 28. Okt. Die großbritannische Ge- andtschäft am hiesigen Hofe, welche aufgehoben werden ollte, bleibt nun, wie die ,9L H. 23/ auS sicherster Quelle erfahren, auch fernerhin bestehen.
Mainz, 28. Ott. Heute morgen wurde das hochverdiente Mitglied der städtischen Verwaltung, Finanzrat Amend, der feit längerer Zeit sich in einem schwer leidenden Zustand befand, aber bis auf die letzte Stunde einen dienstlichen Verpflichtungen nachkam, vom Schlage getroffen und verstarb sofort. Ter Verstorbene hatte unter vielen anderen Lbliegenhetten feit Bestehen des Gewerbegerichts dessen Leitung. Auch durch gütliche Belegung von Arbeiterausständen und droheiiden Streiks hat sich 1 der Verstorbene im Interesse beider Teile hoch verdient gt> macht. Lett Bestehen -es LrtSgerichtS war er auch dessen


