»ahme der Bill im Senat unwahrscheinlich, da diese Körperschaft noch ein ungeheures Arbeitspensum zu erledigen hat.
Vom südafrikanischen Kriege.
Heute liegt die Nachricht von eurem neuen Mißgeschick der Buren vor. Aus Graaffreinet wird vom 28. ds. gemeldet: Das Kommando Malan wurde am 27. ds. von Malor Sollet, der die Kavallerie des Jansonville-Distrikts befehligt, an der Straße Middelburg Ripon in der Nähe von Somersetcast in einen Kampf verwickelt. Nach längerem Gefecht zogen die Buren ab und ließen den Kommandanten Malan mit einer tätlichen Verletzung am Unterleibe zurück.
Londoner Blätter behaupten, Lord Kitchener habe die Zuversicht ausgesprochen, daß der Frieden innerhalb weniger Tage zum Abschluß gelangen werde. Es sollen bereits Vorkehrungen getroffen sein, daß Kitchener am 2. oder 3. Juni nach London abreise, um noch rechtzeitig zur Krönungsfeier cinzutreffen. Nach der neuesten Version über die Fricdens- verhandlungen hätten sich Lord Kitchener und Lord Milner einerseits und die Burenkommisffon in Pretoria andererseits auf eine bestimmte Basis für den Friedensschluß geeinigt gehabt; deswegen sei in Pretoria schon Samstag die Friedenserklärung erwartet worden. Der gestrige Ministerrat in London aber hätte an den in Pretoria vereinbarten Bedingungen Abänderungen vorgenommcn, ohne jedoch eine Frist anzugeben, binnen deren sich die Buren darüber zu entscheiden hätten.
Die mit den Friedensverhandlungen verbundene Eventualität einer Budgetreoision haben den alten Gegensatz zwischen Chamberlain und Hicks Beach im Schoße des Kabi- nets erneuert und verschärft wieder aufleben lassen. Chamberlain will im imperialistisch-föderativen Interesse den geplanten Korn zoll auch für den Fall einer durch baldigen Friedensschluß bewirkten Ausgabenverminderung beibehalten. Der Finanzminister ist entschieden dagegen und soll an Demission denken.
Aus Stadt uud Zaud.
Gießen, den 29. Mai 1902.
** Heinrich Curschmann. Der im hohen Alter von 84 Jahren am Dienstag dahingeschiedene Lehrer i. P. Heinrich Curschmann wurde heute vormittag 11 Uhr zur letzten Ruhe bestattet. Wer den Verewigten gekannt, seine in der Liebe zu seinen Mitmenschen, wie in der Fürsorge zur Tierwelt bis ins hohe Alter bethätigte Thatkraft bewundert, wer ihn ferner überall da fand, wo Gutes in die Wege zu leiten und zu vollbringen war, wird es erklärlich finden, daß seinem Sarge sich ein zahlreiches Trauergefolge anschloß. Weit über ein halbes Jahrhundert war Curschmann im Dienste der Schule thätig, ebenso lange veranstaltete er alljährlich eine Weihnachtsfeier für mehrere Hundert bedürftige Schulkinder, zu der ihm, Dank dem Wohlthätig- keitssinn der Gießener Einwohnerschaft, reiche Gaben zu- flossen, die es ihm ermöglichten, Freude zu bereiten. Als gelegentlich der 50. Weihnachtsbescherung der damalige Ober- bürgernleister Gnauth dem Jubilar die freudige Mitteilung machte, daß der Stadtoorstand beschlossen habe, die „Cursch- mannstistung" um eine ansehnliche Summe zu erhöhen, war Herr Curschmann, der infolge eines vorher erlittenen Unfalls der Bescherung auf einem Ruhesessel beiwohnte, aufs Höchste erfreut. So unermüdlich Curschmann in der Bethätigung reiner Menschenliebe, so unermüdlich war er im Interesse des Tierschutzes thätig. Sein erfolgreiches Forschen in der Natur und auf dem Gebiete des Tierlebens befähigte ihn, überall, in Versammlungen und in der Presse, Verständnis für das Leben, die Freuden und Leiden der Tierwelt zu wecken. Wenn Schnee und Eis den Tieren die Nahrung schmälerte oder ganz entzog, sah man den „alten Curschmann" bei der Arbeit des Futteroerteilens in den städtischen Anlagen, damit ein Beispiel gebend, das hoffentlich viele Generationen überdauert. Der mit Blumen überdeckte Sarg war in der mit frischen: Grün geschmückten Kapelle des alten Friedhofes ausgestellt. Pfarrer Sch losser schilderte hier in trefflichen Worten die Eigenschaften, die den Verblichenen als Mensch, Christ, Familienvater, Lehrer und Wohlthäter bis in sein hohes, an Erfahrungen und Trübsal, aber auch an Freuden reiches Alter auszeichneten. Nach der Trauerandacht wurde die Leiche zur Gruft gebracht und eingesegnet. Hierauf legte Direktor Dr. Stoeriko als Zeichen der Dankbarkeit im Namen der höheren und erweiterten Töchterschule einen Kranz nieder; dasselbe that Stadtv. Schm all irrt Namen des Tierschutzvereins, dessen Ehrenvorsitzende der Verstorbene gewesen.
** Oberhofprediger D. Ferdinand Bender ist, wie wir gestern bereits mitteilten, am Dienstag aus dem Leben geschieden. Dem in weiten Kreisen bekannten und wegen seiner trefflichen Charaktereigenschaften wohl- geschätzten und beliebten Mann war ein von Gott sichtlich gesegnetes, arbeits- und erfolgreiches Leben, insbesondere eine lange höchst ersprießliche Thätigkeit an der Hofkirche unter vier Landesfürsten beschieden. D. Bender hat ein hohes Alter erreicht. Er war, wie die „D. Ztg." schreibt, am 9. August 1816 zu Darmstadt geboren, seit 1. September 1839 Hilfsprediger an der Hofkirche. 1842 wurde er zum Hofdiakonus, 1847 zum zweiten, 1862 zum ersten Hofprediger, zugleich zum Seelsorger am Diakonissenhaus ernannt. Seit 1879 hatte er das Amt des Oberhofpredigers inne.
** Eisenbahnwüusche. Der Landwirtschaft!. Lokal- vcrein Gießen begeht am Samstag auf dem Schiffcnberg die Feier seines 25jährigen Bestehens. Bei der Bahnbehörde ist veranlaßt worden, daß der 10 Uhr-Zug abends auf Station Schiffenberg hält, sodaß auch diese Gelegenheit zur Heimfahrt geboten ist. Die Bahnverwaltung würde den Wünschen Vieler Rechnung tragen, wenn sie diesen Abendzug während der Sommermonate stets auf Station Schiffenberg halten ließe; die zahlreichen Gesuche von Vereinen, Gesellschaften u. s. w. sind gewiß ein Beweis, daß das Bedürfnis dafür vorhanden ist. — Wir möchten hierbei gleichzeitig einen anderen, im Publitüni dringend empfundenen Wunsch zur Sprache bringen. Es ist ein bedauerlicher Mangel, daß auf der B i e b e r t h a l b a h n an den Wochentagen zwischen 6 und 9 Uhr abends kein Zug verkehrt. Die Gießener, die an Wochentagen den schönen Wald des Bieberthales genießen
wollen, die nach Bubenrod oder nach dem Dünsberg an den Nachmittagen wandern wollen und von hier aus den 3 Uhr- Zug benutzen, können zum Abendessen nicht nach Hause zurückkehren, sondern muffen bis auf den 9 Uhr-Zug warten. Dadurch wird zahlreichen, der Erholung im Walde Bedürftigen die Gelegenheit dazu durch die Verwaltung der Bieberthalbahn genommen. Der Werktags verkehrende, in Bieber um 7.6 Uhr eintreffende Zug könnte sehr wohl sofort nach Gießen zurückgefahren werden und würde zweifellos bei einigermaßen günstigem Wetter stets eine Anzahl von Gießener Waldwanderern Heimbringen.
** Ordensverleihungen. Es wurden verliehen: Das Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großm.: dem Hauptmann z. D. Blecken v. Schme- ling, Bezirksoffizier beim Landwehrbezirk Siegen; das Komthurkreuz mit dem Stern des Großh. sächsischen Hausordens der Wachsamkeit oder vom weißen Falken: dem Generalmajor Charles de Beaulien, Kommandeur der 25. Feld-Artillerie-Brigade (Äroßh. Hessischen), und dem Generalmajor v. Daum, Kommandanten von Darmstadt; das Komthurkreuz desselben Ordens: dem Obersten Freiherrn Rüdt von Collenberg, Kommandeur des 1. Großh. Hess. Infanterie- (Leib-Garde-) Regiments Nr. 115; das Ritterkreuz erster Abteilung desselben Ordens: dem Rittmeister Selz am im 1. Großh. Hess. Dragoner-Regt. (Garde-Drag.-Regt.) Nr. 23; das Ritterkreuz zweiter Abteilung desselben Ordens: dem Hauptmann Frhrn. T r e u s ch von Buttlar-Brandenfels im 1. Großh. Hess. Infanterie- (Leib-Garde-) Regiment Nr. 115, dem Rittmeister Mackensen von A st s e l d im 2. Großh. Hess. Drag.-Regt. (Leib-Dragoner-Regiment) Nr. 24, dem Oberleutnant Frhrn. Schenck zu Schweinsberg in demselben Regiment, dem Oberleutnant Frhrn. v. Bellersheim in demselben Regiment, dem Oberleutnaut v. Schröter im 1. Großh. Hess.' Infanterie- (Leib-Garde-Regt.) Nr. 115, dem Leutnant Hofmann in demselben Regiment und dem Leutnant Alfred Wern her in demselben Regiment; die Gr. sächs. goldene Verdienstmedaille: dem Musikdirektor Hilge im 1. Großh. Hess. Infanterie- (Leib-Garde-) Regiment Nr. 115; die Großh. sächs. silberne Verdienstmedaille: dem Feldwebel Gunkel im 1. Großh. Hess. Infanterie- (Leib- Garde-) Regiment Nr. 115, dem Wachtmeister Genzel im 2. Großh. Hess. Dragoner-Regiment (Leib-Dragoner- Regiment) Nr. 24, dem Garde-Feldwebel Petri in der Großherzoglich Hess. Garde-Unteroffizier-Kompagnie, dem Garde-Unteroffizier Schäfer und dem Garde-Unteroffizier Schweißer, beide in derselben Kompagnie.
** Rhein-Main-Gast wirte-V er band. Nachdem der vorgestrige Tag durch einen Ausflug nach dem Windhof und einen Ball in Steins Garten beschlossen war, fuhren gestern vo . ilttag die Teilnehmer am Verbandstage über Weilburg nach dem Selterssprudel „Augusta Viktoria". Nachdem in der „Traube" zu Weilburg ein einfaches Mittagessen gemeinsam eingenommen war, fuhr man nach der Station Löhnberg zurück, von wo aus es der Lahn entlang zuerst zum neu erbohrten Wilhelmsprudel ging, in dessen unmittelbarer Nähe das Kohlensäurewerk im Bau begriffen ist, mit dem der Rhein-Main-Gastwirte-VerbanL^ einen Abschluß wegen Lieferung gemacht hat. Der neue Sprudel quillt hier mit einer Mächtigkeit aus der Erde empor, die geradezu erstaunlich ist; dabei hat das Wasser einen vorzüglichen stark kohlensäurehaltigen Geschmack. Tie Kohlensäure-Anlage wird nach ihrer Fertigstellung allein aus diesem Brunnen stündlich 150 Klg. Kohlensäure Herstellen können. Dann wurde der mit Fahnen reich geschmückte Augusta-Viktoria-Sprudel besichtigt. Man hatte vor dem Gebäude der Anlage eine Veranda gebaut, die Schutz gegen die Strahlen der Sonne gewährte. Heinrich Göbel-Niedershausen, der Besitzer der in der Nähe vom Sprudel liegenden Brauerei Waldschlößchen, hatte zur Erquickung der von der Wanderung Durstigen 100 Liter seines rrächtig mundenden Stoffes gespendet. Tas ebenfalls stark kohlensäurehaltige Wasser kommt hier in einer etwa iy2 Meter hohen Wassersäule aus dem Boden. Bankier Grünewald begrüßte namens der Besitzer der Brunnen die Wirte. Er sprach den Wunsch und die Hoffiiung aus, daß der zwischen der Verwaltung der Brunnen und dem Rhein-Main-Gast- wirte-Verband wegen Lieferung von Kohlensäur.e abge- chlossene Vertrag zum Vorteil beider Teile ausschlagen möge. Hierauf wurde der Sprudel mit seinen Anlagen besichtigt. Tie Einrichtungen sanden großen Beifall. Um 7 Uhr langten die Wirte in Gießen wieder an. Für die meisten der auswärtigen Gäste war nun die Stunde des Scheidens gekommen.
** Der 23. Stenographentag des Verbands >er Gab elsb er ger'schen Stenographen des Main-Rheingaues und von Hessen-Nassau findet am 31. Mai und 1. Juni in Wetzlar statt. Nach dem reichhaltigen Programm ist für den 31 .Mai abends 9 Uhr ein Festkommers geplant, während am Sonntag vorm. 11 Uhr ein Wettschreiben im König!. Gymnasium abgehalten wird, für welches 7 Abteilungen (80—220 Silben) vorgesehen sind. Wie wir vernehmen, sind recht wertvolle Preise gestiftet, u. a. von den Wetzlarer Damen und vom Handelsverein für die beste stenographische Aufnahme des Festvortrags, der um 1214 Uhr bei der akademischen Feier im Schützengarten abgehalten wird. Dr. G a n t t e r - Frankfurt, der bekannte Vorkämpfer der Ga- belsberger'schen Stenographie, wird das — auch für Nichtstenographen — besonders interessierende Thema erörtern: Die Stenographie Gabelsbergers im Kampfe der Stenographie-Systeme. Nachmittags 2 Uhr findet eben» alls im Schützengarten ein Festessen statt, nach dem ein Rundgang durch die Stadt mit Besichtigung des weltbekannten Kalsmunts geplant ist, um 5 Uhr großes Konzert und abends 81/2 Uhr Festball.
* * Ein entsetzlicher Uuglückssall trug sich, wie uns aus Wetzlar telephonisch gemeldet wird, gestern nachmittag in Nieder-Girmes zu. Der 8jährige Sohn des Weidmeisters Wiedra, der allein im Zimmer war, spielte mit Streichhölzern. Dabei fingen seine Kleider Feuer, und der Knabe verbrannte bei lebendigem Leibe. Die Eltern fanden bei ihrer Heimkunft die entsetzlich zugerichtete Leiche des Knaben.
* * Gartenfest. Der Gemischte Chor des E. A.-V. veranstaltet am Sonntag auf der Liebigshöhe unter Mitwirkung hiesiger und auswärtiger Gesangvereine ein großes Gartenfest. Für Unterhaltung, auch bei ungünstiger Witterung, ist bestens gesorgt, sodaß den Festteilnehmern ein genußreicher Nachmittag bevorsteht. (Näheres siehe im Inserat.)
* * Einen guten Fang machte Ingenieur Koch auf seiner Jagd bei Daudringen; es glückte ihm, in einem Bau 9 junge Füchse zu erlegen. 3 der Tiere wurden vom Hund gewürgt, während 6 lebendig dem Schliefplatz auf der „SchönenAus- icht" überwiesen werden konnten.
•* Das Regierungsblatt Nr. 30 enthält folgende Verordnung, die organischen Bestimmungen der Landes- Universität Gießen betr.: „Zwischen den Absatz 4 und den Absatz 5 des § 33 in der Fassung der Verordnung vom 22. August 1900 (Regierungsblatt S. 491) wird nachstehende Bestimmung eingeschoben: „Das theologische Dekanat wechselt nur zwischen denjenigen Mitgliedern der Fakultät, welche den theologischen Doktorgrad besitzen.""
** Verein der Richter im Großh. Hessen. Die diesjährige ordentliche Hauptversammlung des Vereins der Richter im Großh. Hessen findet am Samstag, 31. Mai, nachmittags 3 Uhr, zu Frankfurt a. M. in der „Rosenau" (Reuterweg) statt. Die Tagesordnung enthält: 1. Geschäftsbericht des Vorsitzenden. 2. Prüfung der Rechnung und Entlastung des Rechners. 3. Neuwahl des Vorstandes (§ 31 der Satzungen). 4. Auslegung und event. Ergänzung des § 2 (vorletzter Absatz) der Vereinssatzungen. 5. Wahl des Ortes der nächsten Hauptversammlung. 6. Besprechung von Vereins- und Standes-Angelegenheiten. — Das Stimmrecht kann nur persönlich oder durch Erteilung schriftlicher Vollmacht an ein erschienenes Mitglied ausgeübt werden. — Etwaige Anträge, die zur Besprechung oder Beschlußfassung in dieser Hauptversammlung bestimmt sind, sind beim Vorstand rechtzeitig einzureichen, damit die Frist des § 6 der Satzungen gewahrt werden kann.
** Viktoria-Melita- Verein. Aus dem Ge» schäftsbericht des Vorstandes des Viktoria-Melita- Vereins, hessischer Zentralverein für Errichtung billiger Wohnungen, der in der Dienstag in Dar m sta d t stattgehabten ordentlichen Mitgliederversammlung zur Kenntnis der Mitglieder gebracht wurde, geben wir folgendes wieder: Es ist erfreulich, daß die im abgelaufenen Geschäftsjahr stattgehabte Werbung von Mitgliedern von Erfolg begleitet war, und daß der Verein heute die stattliche Anzahl von 272 Mitgliedern hat. Hierunter befindet sich eine größere Anzahl staatlicher und kommunaler Behörden. Die bei Gründung des Vereins gehegte Erwartung, daß die Staats- regierung durch Gesetzesvorlagen den gemeinnützigen Wohnungsbau in unserem Lande fördern werde, hat sich ixt der Zwischenzeit erfüllt. Die Vorlagen betreffend die Erweiterung der Landeskreditkasse, die Errichtung einer Pfandbriefbank und die Wohnungssürsorge für Minderbemittelte sind mit ausführlicher Begründung bei den Landständen eingegangen. Der Verein erwartet von diesen Gesetzen, mit denen unser Großherzogtum bahnbrechend auf dem wichtigen sozialen Gebiete der Wohnungsfürsorge für Minderbemittelte vorangegangen ist, eiüe lebhafte Entfaltung des Kl ein w 0 h n u n g s b a u es im Lande und eine Befruchtung seiner eigenen Vereinsthätigkeit. Leider konnte der Verein im abgelausenen Geschäftsjahre eine praktische Thätigkeit durch Anregung und Gründung gemeinnütziger Bauvereine und durch Schaffung und Vermittelung von Baugeldern, obgleich eine größere Anzahl von Interessenten die Hilfe des Vereins angerufen hatte, nicht entfalten. Doch konnte der Vorstand im Vereinsinteresse nach anderen Richtungen thätig sein. Eine im Aiärz an die Regierung gerichtete Eingabe, es möge fortlaufend im Staatsbudget ein Betrag zur Unterstützung des Vereins ausgenommen werden, hatte Erfolg, indem die Summe von 6000 Mark als Gehalt für einen Geschäftsführer von den Landständen bewilligt wurde. Die Regierung erwog den Gedanken, für das Großherzogtum eine Wohnungsinspektion zu errichten und den Inhaber dieser Stelle mit der Geschäftsführerstelle des Vereins zu betrauen. Dieser Gedanke, der nun auch in dem den Land- ständen vorgetegten Gesetzentwurf ausgenommen ist, veranlaßte den Vorstand, zunächst von dem Engagement eines Geschäftsführers abzusehen. Die Ministerialabteilung für Landwirt)chaft, Handel und Gewerbe gab dem Verein Gelegenheit, sich zu dem vorläufigen Entwurf des Wohnungs- gesetzes zu äußern. Es fand zunächst im Beisein des Ministerialrats Braun am 12. Juni eine Vorstandssitzung statt, in welcher die Stellung des Vereins diesem Gesetzentwurf gegenüber eingehend besprochen wurde. Ein Arbeitsausschuß wurde mit dem Auftrage eingesetzt, das Gutachten aus Grund der gefaßten Beschlüsse zu formulieren und Gegenvorschläge auszuarbeiten. Inzwischen ist ein zweiter Regierungsentwurf erschienen, der gleichfalls von dem Arbeitsausschüsse aus Grund der Beschlüsse einer vorausgegangenen Vorstandssitzung begutachtet wurde, sowie der endgiltige Entwurf des Wohnungsgesetzes, welcher vor einigen Wochen den Landständen zugegangen ist. Wenn auch durch den vorliegenden Entwurf des Wohnungsgesetzes nicht alle Hoffnungen des Vorstandes in Erfüllung gegangen sind (dies wird näher auAgesührt), so ist immerhin ein gangbarer Weg für den Verein vorhanden. — Bei der Durchberatung einiger Satzungsänderungen teilte der Vorsitzende mit, daß Seine Königliche Hoheit der Großherzog gjeruht haben, das Protektorat über den Verein zu übernehmen und zu genehmigen, daß der Verein „Ernst Ludwig-Verein, Hessischer Zentralverein für Errichtung billiger Wohnungen" genannt werde.
** Fr onleichnam. Die katholische Kirche begeht heute das Fronleichnamsfest (Fron gleich Herr; festum corporis Domini). Dieses Fest, das glänzendste der katholischen Kirche, ging hervor aus der Lehre von der Trans- substantiation (d. i. der wunderbaren Verwandlung der gesegneten Hostie in den Leib Christi). Es wird stets am Donnerstag nach dem Trinitatisfest gefeiert. Nachdem ihm Papst Urban IV. bereits im Jahre 1264 allgemeine Geltung gegeben hatte, erneuerte es Clemens V. auf dem Konzil zu Vienne 1311, und unter Papst Johann XXII. wurde das Fest, bei dem in feierlichster Prozession die Monstranz oder das Sanctissimum (ein goldenes oder silbernes mit Edelsteinen geschmücktes, eine geweihte Hostie enthaltendes Gefäß, das nur die Hand eines geweihten Priesters berühren darf) umhergetragen wurde, zu einem Bekenntnisfest. Dieser Charakter hat sich immer mehr herausgebildet, so daß, wer sich an dem Umzug beteiligte, dadurch seine Zugehörigkeit zum katholischen Glauben öffentlich kund that. Daher gestaltet sich das Fest auch in den katholischen Residenzstädten auf das Glanzvollste. So nimmt in Wien der Kaiser mit seinem ganzen Hof und in München der Prinzregent an dem Umzuge teil.
** Dem Juni zum Gruh! Nur noch ein paar Tage und wir treten ein in den Monat Juni, in jenen Monat, der uns die Natur in ihrer vollen Herrlichkeit erschließt! Der Juni ist der Monat der üppigsten Blüte, und daher hat der Dichter Recht, wenn er von ihm singt: Wachsendes Weben — Täglich neu, — Auf den Wiesen — Duftendes Heu, —. Auf den Feldern — Goldene Saat, — In der Seele — Reifende That — Sonniger Himmel — Leuchtend und klar, — Stolz auf der Höhe — Prange,! du, Jahr! — Der Juni ist derjenige Monat, der uns, wenn er schön ist und nicht verregnet, den angenehmsten Aufenthalt im Freien bieten kann.


