Ausgabe 
29.4.1902 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Vorjahre. Darunter sind 69 (tm Vorjahr 79) Gießener?, 40 (34) sonstige Hessen, 22 (10) Nichthessen. 116 (i. V. 108) fehören dem evang. Bekenntnis an, 7 (4) dem katholischen, (9) sind Israeliten.

** Das Großh. Gymnasium zu Gießen nahm Ostern d. I. 62 Schüler aus (gegen 58 im Vorjahre-. De?m Wohnsitze der Eltern nach waren 55 aus Hessen und 7 aus dem übrigen deutschen Reich. (1901 Hessen 49, übriges Deutschland 8, Ausland 1.) Der Konfession nach schieden jich die Aufgenommenen: et). 47, kath. 11, isr. 4 (1901: ev. 47, kath. 6, isr. 5). Die Voraussetzung, daß die Schülerzahl infolge der Gleichberechtigung der Realgymnasien und der begonnenen Gründung der Oberrealschule abnehmen würde, traf demnach nicht zu. Ueberhaupt ist die Schülerzahl in den letzten Jahren derart gestiegen, daß zwei Klassen im Realgymnasium untergebracht werden mußten.

** Ernennungen. Ernannt wurden der Lehramts- accessist V e r n i u s zu Darmstadt zum Lehramtsassefior und die Regierungsbauführer Schmidt aus Darmstadt, S a e g e r aus Darmstadt, Karl Koch aus Alsfeld, Hech­ler aus Darmstadt zu Regierungsbaumeistern.

** Jubiläum. Heule begeht Herr Wilhelm Sei­bert aus Hungen das 25jährige Jubiläum als Schießer in der früher Ehr. Faß'schen, jetzt W. Frey'schen Bäckerei. Der Jubilar erfreut sich des Rufes eines unermüdlich fleißigen und gewissenhaften Arbeiters. In den 25 Jahren hat er etwa 2t Millionen Brötchen ein- und ausgeschossen. Möge er als Vorbild der Gesellenschaft seinem Berufe noch recht lange erhalten bleiben.

** Aerzrewagen. Der preußische Minister der öffentlichen Arbeiten hat nunmehr endgiltige Bestimmungen über die Herstellung von Aerzlewagen getroffen, welche bei Eisenbahnunglücksfällen zu benutzen sind. Danach werden insgesamt 77 solcher Wagen gebaut und auf­gestellt werden. Von diesen sollen 28 durch die Eisenbahn- oirektion in Berlin, 13 durch die in Breslau, 11 durch die in Hannover, 12 durch die in Köln und 13 durch die in Essen hergestellt werden. Tie Berliner Eisenbahndirektion ist bereits beauftragt worden, 6 Aerzlewagen herzustehen, von denen einer zunächst für die Ausstellung in Düsseldorf be­stimmt ist. Je ein Wagen wird demnächst den anderen, oben genannten Eisenbayndirektionen als Muster über­wiesen werden. Für die Herstellung der Wagen sind von Eisenbahn-Direktionen breite Durcygangs-Personenwagen 4. Klasse, die für den Verwundeten-Lransport eingerichtet sind, zur Verfügung zu stellen, wobei selbstverständlich die für btc Bildung der Kreislazarettzüge bestimmten Wagen außer Betracht bleiben.

** Gründung einer Trinkerheilanstalt für das Großherzogtum Hessen und Hessen- Nassau. Aus Einlaoung des Frankfurter Zweigvereins gegenö en Mißbrauch geistiger Getränke tagten am Freitag nachmittag im Sentenoergschen Institut zu Frankfurt a. M. bic Vertreter mehrerer interessierter Vereine, um über bie Gründung einer Trinker-Heilanstalt für das Groß­herzogtum Hessen und die Provinz Hesten-Nassau zu be­raten. Eine derartige Anstalt ift schon längst als ein dringen­des Bedürfnis empfunden und deren Einrichtung angesichts der leider immer mehr zunehmenden Fälle zur unabiveis- baren Notwendigkeit geworden. Der Vorstand des Hessischen Landesvereins gegen den Mißbrauch geistiger Getränke (mit dem Sitze in Darmstadts war durch meyrere seiner Mitglieoer oertreten; er erklärte, daß er schon vor einigen Jahren vor- bereitenbe Schritte gethan habe, um eine Trinkerheilanstalt für das Großherzogtum Hessen zu errichten, daß es bisher aber einerseits immer noch an den erforderlichen Mitteln, andererseits an einem geeigneten Platze gefehlt habe, um das Projekt zur Ausführung bringen zu tonnen. Nachdem es nun neuerdings gelungen ist, einen Komplex von 90 Morgen Land ausfindig zu machen, der für sehr billiges Geld zu haben und zu dem Zwecke der Errichtung einer Trinkerheilanstalt, nach dem übereinstimmenden Gutachten '»er Autoritäten, vollständig geeignet ist, glaubte die Ver- .ammlnng einen kräftigen Schritt vorwärts thun zu können. Man einigte sich dahin, eine Gesellschaft, eine einge­tragene Genossenschaft mit beschränkter Haftpflicht, zu gründen, die erforderlichen Mittel zu beschaffen und bann mit aller Energie an bie Ausführung des Projekts heranzu­gehen. Der Staat als solcher wird sich bei aller Sympathie für das Unternehmen noch nicht aktiv beteiligen können, er wirb bie Grünbung einer solchen Volkswohlfahrtseinricht­ung privaten Organen überlassen müssen, dagegen glaubt man sicher, bie beteiligten Regierungen, auch die Kreis- unb Gemeinbeverbänbe würben insofern ihre Hilfe ange- deihen lassen, als sie Mittel zu Unterstützungszwecken in ihre Budgets einstellen werben. Auch bie Vereinsthätigkeit (Mäßigkeits- unb Enthaltsamkeitsvereine, Fürsorgevereine für entlassene Sträflinge, Missionen re.) und nicht minder die private unb freiwillige Liebesthätigkeit müßten in Betracht gezogen werben.

** Sübwestbeutsche Konferenz. Ihr dies­jähriges Jahresseft feiert bie sübwestdeuksche Konferenz für innere Mission, zu ber auch unser oberhessischer Verein (für innere Mission gehört unb bie vergangenes Jahr inFrieb - Berg getagt hat, am 4. unb 5. Juni inHeidelb e r g. Der Beginn am Mittwoch, 4. Juni, ift auf 10 Uhr vormittags festgesetzt. Nach einer Begrüßung wirb Pfarrer Georgi- Frankfurt referieren über: Was forbert bie Gegen­wart von ber inneren Miss ion? Am Nachmittag um 3 Uhr wirb ber als Schriftsteller unter dem Namen Ernst Schrill bekannte Pfarrer Samuel Keller-Düssel­dorf einen Vortrag über das zeitgemäße Thema: Die jungeMännerweltund bas Evangelium halten. In bem um 6 Uhr in ber Pelerskirche beginnenden Fest- gottesbienft wirb Pfarrer Cordes-Frankfurt prebigen. Abenbs um 8 Uhr finbet volkstümliche Versammlung mit verschiebenen Ansprachen statt. Die Verhanblungen am Donnerstag, 5. Juni, werben burch eine von Oberkirchenrat Oehler- Karlsruhe gehaltenen Morgenanbacht um halb 9 Uhr eingeleitet. Daran schließt sich an bas Referat von Pfarrer Sirnsa-Halle a. S. über: Die Rettung ber Trinker. Zum Schlüsse finbet gemeinsames Mittagsmahl statt. An jeben Vortrag schließt sich Diskussion an. Die Beteiligung von Damen ist nicht nur gestattet, sondern sogar erwünscht.

** Jubiläumsmedaille. Der Großherzog von Baden hat aus Anlaß seines 50jährigen Regierungs- Jubiläums eine Medaille gestiftet, welche u .a. auch sämtlichen etatsmäßigen badischen Beamten der Main- Neckar-Bahn verliehen worden ist. Aus dem gleichen Anlaß hat der Großherzog den Maschineningenieur bei der Main-Neckar Bahn, Maschineninspektor Gugler zum Oberingenieur ernannt und dem Rechnungsrat bei der Di- zeftion der Main-Neckar-Bahn, Zeil, das Ritterkreuz 2. Klasse des Ordens vom Zähringer Löwen verliehen.

o. Krofdorf, 26. April. Erst in diesen Tagen ist der tzir die hiesige Pfarrei in Aussicht genommene Pfarre«

Knieper aus Herdorf von der Regierung zu Cvblenz be­stätigt worden. Er wird voraussichtlich am 15. Juni hier eingeführt werden.

)( E k t i n g s h a u s e n, 25. April. Dieser Tage wurde unser im Dezember neugewählter Bürgermeister Heinrich Keil V. in sein Amt eingewiesen. Er war langjähriges Mitglied des hiesigen Gemeinderats und ist seit mehreren Jahren Rechner der Spar- und Tarlehnskasse. Hoffentlich gelingt es dem Neugewählten, die durch die langen Wahl- lämpfe etwas erbitterten Gemüter recht bald »neuer zu be­ruhigen.

B ad-Nanh eim, 28. April. Vom 1. bis 24. April sind 452 Kurgäste angekommen. Die Gesamtfrequenz bis zu diesem Tage beträgt 499 Personen, wovon noch 454 orts- anwefend sind. Bäder wurden bis jetzt 3650 abgegeben. Dem Schniamtsaspirant Reinhardt von hier wurde eine Lehrerstelle an der Volksschule zu Darmstadt übertragen. Gestern ist nach kurzem Krankenlager Stadtkämmerer Christoph Grünewald II. gestorben. Durch feinen Heim­gang geht ber Stabt ein um ihre Interessen hochverdienter Mann verloren.

r. Mücke, 26. April. Gestern stürzte ein noch ziemlich wertvolles Pferd des Mühlenbesitzers Phil. Heister aus der Herrnmühle bei Merlau über das niedrige Mauerswert der Seenbrücke bei Merlan und brach den Rückgrat. Es mußte aus dem Wasser gezogen werden und verendete bald darauf.

(:) Flensungen, 27. April. Am Dienstag begeht Lehrer Becker mit seiner Ehefrau das Fest der silbernen Hochzeit.

sh. Wallenrod, 27. April. Verflossene Woche hat sich hier ein schweres Unglück ereignet. Der 19jährige Schmied Adam Krömmelbein, welcher bei seinem Bruder arbeitet, war damit beschäftigt, Stahlzinken in eine neue Egge zu klopfen. Bei einem ganz mäßigen Schlage sprang ein Stahlsplitterchen ab unb dem unglücklichenManne in bas rechte Auge. Er eilte sofort in bas Krankenhaus nach Lauterbach, wo der Arzt feststellte, daß ber Splitter burch bie Linse gebrungen ist. Ob bas Auge erhalten werden kann, ist zur Zeit noch nicht festzustellen. Der Unglücksfall trifft den Schmied um so schwerer, als sich der überaus! tüchtige und brave Mensch freiwillig für den Herbst zur Artillerie nach Fulda gemeldet hat und als Schmied viele Hoffnungen darauf setzte.

d. Schotten, 26. April. Bei der heutigen Kreis­tagssitzung wurde der Graf zu Laubach und Bürger­meister Kromm zu Schotten zu Mitgliedern des Pro- oinzialtages gewählt. Der Förster auf bem Jägerhause bei Schotten, Martin W agner, ber so manchem Touristen als freundliche, biedere deutsche Urgestalt bekannt ist, ist am Freitag gestorben. Das bem Vogelsberger Höhenklub gehörige kleine T au f st e i n g e r ü st würbe wegen Bau- lälligkeit heute im Klubhaus zum Abbruch versteigert.

ch. Ilbeshausen, 27. April. Die gestern und vor­gestern in ben nahen Walddistrikten Sälen, Nesselberg, Hettgeshainer Heeg, Budenacker, Mönchwald usw. im Ober- walb ab gehaltenen H o lz v e r st e i g e r u n g e n ber Ober- [örfterei Lauterbach ergaben niebrige Preise. Buchenscheit­holz 1. Kl. kostete pro Raummeter 3.60 bis 4.20 Mk., 2. Kl. 1.50 bis 1.80 Mk., Buchen-Knüppel 1. Kl. 3 bis 3.50 Mk., 2. Kl. 2 bis 2.30 Mk., Buchen-Reisig (ausgebengelt) 50 bis 70 Pfg., Buchen-Stockholz 1.80 bis 2.20 Mk., Ahorn, Eschen, Ebereschen usw. 2 bis 2.50 Mk., Fichtenholz in Schicht- Hausen 3 bis 4 Mk. Ferner kam viel Wagner- und sonstiges Werkzeugholz zur Versteigerung, das etwa 25 Proz. unter den früheren Taxen blieb.

)( Hartmannshain, 27. April. Der Pferdehändler Schuster von Ober-Seemen wollte in Bermuthshain ein Pferd verkaufen. Der Handel kam jedoch nicht zu stände. Auf dem Heimweg fiel das Tier unterhalb unseres Ortes bei dem sog. Weibhecken- oder Totenteich um, und verendete nach einigen Zuckungen.

Darmstabt, 28. April. Ein entsetzlicher Un- gl ü ck s f a l l hat sich gestern morgen gegen 8 Uhr in einem Hause ber Taunusstraße hier ereignet. DerElektromechaniker Karg, Sohn bes verstorbenen Eisenbahndirektors Karg von Kronberg, beschäftigt sich in seinen Mußestunben mit ber Zusammensetzung von chemischen Präparaten unb inssondere mit Mischungen zu Feuerwerkskörpern. Dabei siel ihm heute morgen eine Flasche mit einer Mischung von Knallsilber tunb chlorsaurem Natrium aus ber Hand auf ben Bob en seiner Wohnung und explobierte unter einem bonnerähnlichen Knall. Die Detonation war weithin hörbar. Durch bie Explosion würbeder junge Mann fürchterlich verletzt. Tie linke Hanb hing nur noch in Fetzen am Arm, während die rechte Hanb ebenfalls sehr schwer beschädigt würbe. Auch im Gesicht hat ber Bedauernswerte sehr schwere Verletz­ungen durch die Glassplitter erlitten und insbesondere das linke Auge dürfte verloren sein.

Ems, 28. April. Die Kaiserregatta auf der Lahn ift auf Sonntag, den 13. Juli, artberaumt. Der Verein be­absichtigt, sich hier und in Gießen an der Regatta zu be­teiligen.

Franfnrt a. M., 26. April. Wie es heißt, hat der Kai ser bestimmt, daß der zweite Gesang-Wettstreit deutscher Männergesangvereine um de» von ihm gestifteten Ehren-Wanderpreis im Frühjahre des Jahres 1903 in Frankfurt stattfinden soll. Ter erste Gesang-Wettstreit, auf dem, wie erinnerlich, der Kölner Männergesangverein ben Wanderpreis gewonnen, hat im Mai 1899 in Kassel ftattgefunben.

Frankfurt a. M, 28. April. Der Magistrat hat in seiner Sitzung vom 18. April in Bezug auf bie Verwend­ung der Iügel'schen Stiftung die Er rich t un g unb Unterhaltung einer allgemeinen öffent­lichen akabemischen Unterrichtsanstalt für bie Gebiete ber Geschichte, ber Philosophie und der deutschen Sprache, sowie der Sitteratur be­schlossen und beantragt bei ber Stadtverorbnetenversamm- lung, ben entworfenen Satzungen bie Zustimmung geben zu wollen; ferner soll bie Verwaltung ber genannten Stiftung ermächtigt werden, das Bürgerhospital nebst an­grenzendem Gelände in Größe von 68000 Quadratfuß für 1400000 Mark käuflich zu erwerben und darauf ein Stift­ungsgebäude im Herstellungswerte von 1100 000 Mark zu erbauen. Die Stadtgemeinde soll u. a. zu ihren Lasten bie Unterhaltung, Verwaltung und Heizung des Jügel- schen Stiftungsgrundstückes übernehmen, wogegen die- gel'sche Stiftung sich verpflichtet, für Volksvorlesungen wissenschaftlicher Art geeignete Vortragsräume ver­schiedener Größe allwöchentlich an den zu vereinbarenden Tagen unentgeltlich abgesehen von einer Vergütung für Beleuchtung zur Verfügung zu stellen. Die gestrige Festversammlung ber katholischen Einwohner Frankfurts zur Feier be5 Pontifikat-Jubilä ums des Papstes Leo XIII., von ber wir bereits gestern berichteten, gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung. Die weiten Räume

des großen Saales des Saalbaues vermochten kaum btt Massen zu fassen, bie in gemeinsamer Erbauung das Ju­biläum bes Oberhauptes der katholischen Kirche feiern wollten. Folgendes Huldigungstelegramm wurde an den Papst abgesandt:

Die zur Feier des Jubiläums Seiner Heiligkeit des Papstes versammelten katholischen Frankfurter bringen dem Oberhaupte der katholischen Kirche zu seinem glor­reichen 25 jährigen Jubiläum die herzlichsten Glück­wünsche dar und geloben ehrfurchtsvolle Treue und erbitten den apostolischen Segen."

Mit dem allgemeinen Chorgesang der PapsthymneDen Gruß laßt erschallen zum ewigen Rom" endete das Fest. Georg Speyer, der Seniorchef des Bankhauses Lazard Speyer-Ellissen, wurde gestern vormittag im israelitischen Friedhof zur letzten Ruhestätte geleitet. Die Grabrede hielt Herr Rabiner Dr. Plant. Nach der Rede des Geist­lichen trat Oberbürgermeister Dr. Abickes an den Sarg, um mit folgenden Worten eine herrliche Kranzspende nieber- zülcgen:

Dem Edlen, Hilfreichen, Guten, der so erschreckend jäh und plötzlich viel zu früh seiner Familie« und uns allen entrissen ist, dem (. oßen Menschenfreunde, der selbstlos und nie für sich sorgend die einzige Freude daran sand, anderer Thränen zu trocknen und für andere zu sorgen; dessen großes Herz allen Bestrebungen zu­gänglich war, die das Elend lindern und Hilfe bringen füllten, dem treuen Sohne dieser Stadt, dessen Name obenan auf allen Blättern steht, auf den Thaten des Bürgersinns der letzten Jahrzehnte verzeichnet sind, sei es, daß es sich darum handelte, Stätten der Wohn­ungen für Minderbemittelte zu schaffen, ober für Kinder zu sorgen, ober Leibenben Erquickung zu spenben; ber zuletzt im Verein mit seiner hochherzigen Gemahlin die Georg und Franziska Speyer'fche Studienstiftung er­richtet hat und damit neue Grundlagen wissenfchaftlichen Lebens in dieser Stadt geschaffen hat, ihm widme ich Namens der dankbaren Vaterstadt diesen Kranz. Sein Andenken wird alle Zeit unvergeßlich sein."

Der KrostgL-Urozeß.

XIII.

Gumbin nen, 28. April.

Bei Beginn der heutigen Sitzung kam ber Vorsitzende Oberstleutnant v. Rhoden auf ben Zwischenfall in ber letzten Sitzung zurück, der durch bie Verlesung eines ber Verteibigung aus Berlin zugegangenen Briefes ver­anlaßt war, und erklärte:

Am vergangenen Samstag verlas ber Verteibiger Horn einen Brief von einem Unteroffizier ber Land­wehr B a rt e l aus Berlin, in dem gegen bie Offiziere des hiesigen Tragonerregiments bie ungeheuerlich­sten Auf «Huldigungen erhoben werden. Wenn der Vertreter der Anklage vorschlug, ben Brief zu ben Akten zu legen, so that er das selbstverständlich nur, weil er ber Ansicht war, daß der Brief zur Entdeckung pes Thäters nicht im Geringsten beitragen kann. Horn betonte mit Recht, daß der Gerichtshof verpflichtet sei, in erster Reihe die Ehre der Offiziere zu schützen, wenn auch jedem Gebildeten klar sei, daß die Anschuldigungen jeder Begründung entbehren. Das hiesige Dragonerregiment unrernahm sofort die energischsten Schritte, um Aufklär­ung in die Sache zu bringen. Da die Angelegenheit am Samstag in öffentlicher Verhandlung mitgeteilt ist, halte ich mich für verpflichtet, dieses auch hier öffentlich bekannt zu geben.

Es wird danach Frau E ck er t eindringlichst unter Hin­weis auf die Strafe Gottes und bie Strafen, bie auf bem Meineid stehen, aufgeforbert, bie volle Wahrheit zu sagen. Zeugin wiederholt bie Aussagen. Sie habe am Morbtage zwischen 4 unb 5 Uhr nachmittags in der Dra­gonerstraße einen Schuß gehört, ber in ber Reitbahn ober auf bem Kasernenhofe gefallen sein müsse. Gleich barauf sah sie zwei Männer in Zivilkleibern aus dem KasernenthoreindieLazarethstraße eiligst laufen. Was für Kopfbedeckung die Männer hatten, wisse sie nicht. Aus wiederholtes Befragen des Verhandlungsführers bleibt Zeugin dabei, daß es an einem Montag gewesen sei, als sie ihre Wahrnehmungen ge­macht habe. An demselben Abend erzählte ihr ihr Mann, als er nach Hause kam, daß der Rittmeister erschossen sei. Sie erinnere sich auch daher so genau, weil am 23. Januar in der N ach t vorn Dienstag zum Mittwoch ihre Tochter in Berlin gestorben sei.

Auf die Vorhalte des Verhandlungsführers, daß sie bei der Vernehmung am Freitag gesagt habe, es sei am Samstag gewesen, bemerkt Zeugin, sie habe dies ver­wechselt.

Verteidiger Bnrchardt unb ber Vertreter bet Anklage beantragen von ber Vereibigung ber Zeugin, weil unglaubroürbig, Abstanb zu nehmen. Verteibiger Horn bemerkt, er sei boch ber Meinung, baß die Aussagen der Zeugin von Erheblichkeit seien und deshalb Vereidigung werde erfolgen müssen.

Der Ehegatte der Zeugin, P r o v ian t am tsar b ei^ ter Eckert, ersucht, seine Frau nicht zu vereidigen, da die­selbe doch nicht mehr genau alles wisse. Dieser bekundet darauf auf Befragen, er wisse genau, daß, als er abends nach Hause kam, er seiner Frau erzählt habe, der Ritt­meister sei erschossen. Darauf habe ihm seine Frau erzählt, was sie am Nachmittage desselben Tages in der Dragoner­straße beobachtet habe. Sein zehnjähriger Sohn habe die Erzählung seiner Frau bestätigt.

Auf Befragen d es Verhandlungsführers, weshalb fit ihre Wahrnehmungen nicht früher mitgeteilt, bemerkt Frau Eckert, sie hätte dies vergessen. Sie lese keine Zeitung und habe weder gewußt, daß Marten und Hickel des Mordes angeklagt seien, noch daß Marten zum Tode verurteilt war. Erst vor vierzehn Tagen habe ihr dieses ihr Mann erzählt. Der Gerichtshof beschließt schließlich, beide Eheleute zu vereidigen.

Die Schneiderin W u r l bekundet, einige Tage nach der ersten Kriegsgerichtssitzung sei nachts ein Mann zu ihr ins Zimmer durch basFenstergestiegen, wobei berselbe bie Scheiben zerbrach. Der Mann sei barauf »lieber burchs Fenster geflohen, unb in das Lokal des Restaurateurs Höft gegangen. Letzterer sagte ihr auf Befragen, ber Mann sei Reservist unb jetzt im Lanbratsamt Pillkallen beschäftigt. Höft sei auch einige Tage barauf mit bem betreffenben Manne zu ihr gekommen. Letzterer gab zu, baß er durchs Fenster zu ihr eingestiegen und ihr Schweigegeld geben wollte. Sie habe dies nicht an­genommen.

Im weiteren Verlaufe der Verhandluna wird vom praktischen Arzt Wisse link bekundet, daß die alte Frau Schlemminger, die ben Vizewachtmeister Bunkus ber That verbächtigte, ganz schwachsinnig sei.