Nr. 24
Mittwoch, 29. Januar 1902
152. Jahrg.
Erscheint täglich mit Ausnahme deS SonntagS.
Die „Siebener Lamilienblätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der ,Hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Siebener Anzeiger
Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Witiko; für den Anzeigenteil: H. Beck.
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unioersitätsdruckerei (Pietsch Erben), Gießen.
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Centrums:
Am 1. Februar 1899 hat der Reichstag einen Gesetzentwur bettefsend die Aufhebung des Jesuiten - Gesetzes vom 4. Juli 1872, sowie einen Gesetzentwurf bett, die Aufhebung des § 2 dieses Gesetzes beschlossen.
In der Uebersicht der bundcSräthlichen Entschließungen vom ember 1900 ist dem Reichstage mitgetheilt, daß die Be-
Parlamentarische Berhandlnngcn.
Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattete
Deutscher Reichstag.
128. Sitzung vom 28. Januar,
ff Uhr. Das Haus ist gut besetzt.
Am Bundesrathstisch: Graf Posadowsky u. A<
Der Kaiser hat für die Glückwünsche zu seinem Geburtstage jein Dankschreiben gesandt. .
Das Andenken des verstorbenen Grafen Klrnckowström l(kons.) wird durch Erheben von den Sitzen geehrt.
Auf der Tagesordnung steht die Interpellation des
Dezember 1900 ist dem Reichstage mitgetheilt, daß schlußfassung des Bundesrathes über die beiden Gesetzentwürfe noch aus st ehe.
Wir richten an den Reichskanzler bte Frage:
1) Liegt ein Beschluß des Bundesraths in dieser Angelegenheit auch heute, nach 3 Jahren seit der Beschlußfassung des Reichstags, noch nicht vor? und wenn nicht:
2) ÄuS welchen Gründen hat der Bundesrath die Fassung einer Entschließung über den Reichstagsbeschluß bis jetzt ver-
I Ton in ihrer Polemik gegen die Protestanten anwenden würden, wie jetzt der Evangelische Bund gegen die Katholiken? Sie fürchten die Störung des konfessionellen Friedens, aber ist denn irgendwo im : Auslände durch die Jesuiten der konfessionelle Friede gestatt? So gut wie Sie sich überzeugt haben, daß die Katholiken nicht so schlecht : sind, wie man sie macht, so gut werden Sie sich davon überzeugen, daß die Jesuiten nicht so schlecht sind. Alle Befürchtungen, alle Besorgnisse. vor den Jesuiten sind hinfällig. In den verschiedenen i Gegenden Deutschlands werden die Jesuiten ganz verschieden be- i handelt, wen sie Missionen abhaltcn wollen. Der Bundcsrath scheint kein Gefühl zu haben für die rücksichtslose Art, in der preußische Staatsbürger, die sich nichts haben zu schulden kommen lassen, auf Grund des Jesuitengesetzes ausgewiesen werden. Den : Bundesrath läßt so etwas kalt, er ist so erhaben über die Kränkung des Gefühls unseres katholischen Volkes, so erhaben über die innere Empörung, die jeden Katholiken ergreift, daß er sich seit Jahren in : Schweigen hüllt. Er ist aus seiner Lethargie nicht hcrauszubringen.
Der innere Friede ist nur möglich auf Grund voller religiöser Parität. Wir haben unsere Interpellation nicht der Jesuiten wegen ein* gebracht, denn die Jesuiten können auch ohne Deutschland auskommen. Die Welt ist groß, und sie können an so vielen Stellen im Weinberge des Herrn arbeiten. Auch die katholische Kirche kann . ohne die Jesuiten auskommen. Mir verlangen die Aufhebung des Gesetzes, weil es ein Ausnahmegesetz ist, das angewcndct wird gegen ; Leute, die sich nicht das Geringste haben zu Schulden kommen lassen. : Das Recht der freien Meinung können Sie niemandem verwehren.
Nihilisten, Atheisten, Sozialdemokraten und Anarchisten dürfen in : Deutschland bleiben. Von ihnen fürchten Sie keine Störung, aber die Jesuiten dulden Sie nicht. Da muß doch tm Katholiken der innere Mensch knirschen, wie einmal der alte Mallinckrodt sagte, Gerechtigkeit muß nach allen Seiten hin geübt werden. Gerechtigkeit . überall, auch gegen die Jesuiten. (Beifall im Centtum.)
Abg. Delsor (Els.): Das Jesuitengcsetz ist der Bruder des Diktaturparagraphen. Gewiß kann die katholische Kirche, wie der Vorredner meinte, ohne Jesuiten bestehen, aber sie kann nicht bestehen ohne das Recht, Jesuiten zu haben. Wir hoffen, daß der Bundesrath bald dem katholischen Volke sein Recht werden laßt. (Beifall im Centtum.)
Abg. Stöcker (f. k. P.): Ich wünsche für beide Kirchen absolute Freiheit. Den religiösen Kampf bedauere ich im Interesse unseres Vaterlandes. Aber ich kann nur sagen, wie es in den Wald hinein- schallt, so schallt es heraus. Der Haß, die Giftigkeit ist auf beiden Seiten gleich. Mein Ideal liegt in den Anfängen des vottgen Jahrhunderts, wo die Kinder beider Kirchen ein Herz und eine Seele waren. Dahin müssen wir wieder kommen. Der verstorbene Fürstbischof von Breslau hat einmal gesagt: „Wenn zwischen den beiden Konfessionen ein (streit entsteht, so soll cs nur der Wettstreit der christlichen Liebe fein". Ich sehe nicht ein, warum wir uns dieser; Auffassung nicht anschließen sollten.
Staatssekretär Graf Posadowsky: Ich habe nur einige staatsrechtliche Bemerkungen zu den Ausführungen des Abg. Bachem zu machen. Der Bundesrath ist kein Parlament; er ist kein Oberbaus, die Mitglieder des Bundesraths haben nicht ihre persönliche Ansicht zu bertreten, sondern der Bundesrath ist die Vettretung der deutschen Fürsten und Staaten, welche den völkerrechtlichen Bund des deutschen Reiches geschloffen haben. Daraus folgt, daß zwar bte einzelnen Mitglieder im Bundesrath ihre persönliche Auffassung geltend machen können, sie können die Gründe für unb gegen eine gu ergreifende Maßregel abwägen, aber bei der Schlußabstimmung haben sie lediglich das Votum abzugcben, bas ihnen ihre Regierung vorgeschrieben hat. Was weiter bas staatsrechtliche Ver- haltmß bes Reichskanzlers zum Buudesrath betrifft, so ist zu bemerken, baß wenn ber Reichskanzler ober eine Einzelregierung einen Antrag beim Bundcsrath cinbringt, dieser den Antrag prüft unb eventuell abänbert. Der Reichskanzler steht bann vor bec Frage, ob er geneigt ist, diesen Beschluß des Bundesraths zu vertreten und damit die politische Verantwortlichkeit zu übernehmen, oder nicht. Daß ber Reichskanzler die unveränderte Annahme seiner Vorlagen verlangt, ist vollkommen ausgeschlossen. Das würde das Ende bes föberativen Systems im Reiche fein; bas würbe noch weiter gehen, als sogar bie Vefugniß eines Ministerpräfibenten gegenüber seinem Staatsministerium. Der Kanzler ist auch nicht in der Lage, jedem abändernden Beschluß des Bundesraths gegenüber etwa dre Kabinetsfrage zu stellen. Der Fall kann eintreten, obwohl er äußerst unwahrscheinlich ist. Abg. Singer: DaS glaube ich!) Ja, es kann der Fall cintreten, daß der Kanzler aus einem Beschluß des Bundesraths eine Kcwinetsfrage macht, aber das wäre nur eine Ausnahme. Für die Politik im Reiche aber ist nicht ein einzelner Beamter verantwortlich, sondern bie Gesammtheit ber berbünbeten Regierungen.
Abg. Bachem (Ctt.): Meine Vorwürfe haben sich auch nicht gegen ben Reichskanzler gerichtet, sondern gegen die verbündeten Regierungen. Der Reichskanzler kann nur die Beschlüsse des Bun- desrathes vertreten. Ebenso wie der Kollege Stöcker wünsche auch ich Frieden zwischen den Konfessionen. Wir müssen die Gefühle Andersgläubiger schonen. (Beifall im Centtum.)
Abg. Schrader' (freif. Vgg.): Dem Herrn Staatssettetär er* JüDere ich, daß uns gegenüber die Beschlüsse des Bundesraths von dem verantwortlichen Reichskanzler vertreten werden. Wie die Beschlüsse zu Stande kommen, ist uns gleichgiltig, uns genügt es, wenn öer Kanzler die Verantwortung dafür übernimmt.
Nach einer Bemerkung des Abg. Stöcker (b. k. P.) schließt dieBesprechungderJnterpellation.
Es folgt bie Fortsetzung der zweiten Berathung des Etats bei r / f,,a m 15 6 e 5 3 n n e r n, beim Titel „Gehalt des Staats*.
. . Neu eingegangen ist eine Resolution Dr. Pachnicke (freif Vereinigung s. Bassermann (nat.-lib.), durch die ber Reichskanzler er* J/JÄrr btScr bestchenben Versicherungs-Einrichtungen gegen 9f,C.2^raeu''r° 3U prüfen unb Vorschläge über eine zweckmäßige dieses Zweiges ber Versicherung zu machen.
Abg. Stolle (Soz.): Ich bleibe dabei, daß in der Sozialpolitik n0uJ.h’!,c nichts geschehen ist. Eine Verordnung über die Kinder* n?6“ soll uns erst jetzt zugehen, ttotzdem auf bie schreienden Mißende schon feit 20 Jahren hingewiesen ist. Die Rechte wirft und immer SrerroriSniud vor. Aber ber Terrorismus der Unternehmer ist weit schlimmer. Die Verträge, bie geheimen Klauseln, bie bec Centralverband seinen Mitgliedern zur Pflicht macht, sind geradezu gemeingefährlich In Sachsen wurden auf Grund dieser Klauseln Tausende von Arbeitern kurz vor dem Weihnachtsfeste auf di- geworfen, em Fabrikant sagte einer Arbeiterfrau, ihm thäte das selbst leid, aber er könnte nicht anders handeln, weil er sonst eme hohe Konventionalstrafe zahlen müßte. Und gegen so ettoa5 der Bundcsrath nicht ein. Im Gegentheil, wenn die Arbeiter sttiken wollen, wird ihnen damit gedroht, daß Militär geholt wird und die blauen Bohnen fliegen sollen. Die unteren Ver* ^^^ehorden m Sachsen, besonders im Kreise Chemnitz, haben es durch allerhand Chikanen erreicht, daß die Arbeiter keinen Saal für ihre Versammlungen finden, während der Bund der Landwttthe ungehindert Versammlungen selbst am Sonntag abhalten darf Der Staatssettetär lobte so unsere Unfallverhütungs-Vorschriften, aber
zögert?
3) Gedenkt der Reichskanzler eine solche Entschließung noch vor Beendigung der gegenwärtigen T'a gung des Reichstags herbeizuführen?
Auf die Frage des Präsidenten erklätt sich Staatssettetär Graf Posadowsky bereit, die Interpellation sofort zu beantworten.
Abg. Dr. Spahn (Ctt.) begründet die Interpellation. Als ber Reichstag zum ersten Male den Beschluß auf Aufhebung des Jesuitengesetzes faßte, war der Bundesrath mit seinem ablehnenden Bescheid schnell bei ber Hand. Degegen haben wir auf unseren letzten Beschluß, der 1899 gefaßt
wurde, jetzt nach drei Jahren, noch keine Antwott. Man sagt, wir hätten unsere Interpellation nur eingebracht, um auf die Regierung einen Druck bezüglich des Zolltarifs auszuüben. Eine solche Verquickung von witthschaftlichen und religiösen Fragen würde das katholische Volk nicht verstehen. (Sehr wahr! im Ctt.). Das Jesuitengesetz hat sich als ein ungerechtes, verwerfliches und widersinniges in seinen Wirkungen gezeigt. Die Thätigkeit der Jesuiten ist eine segensreiche; ich erinnere nur daran, daß eine ganze Reihe unserer Kolonien nur durch die Arbeit der Jesuiten mit unserem deutschen Vaterland in Verbindung gehalten wird; bie Jesuiten sind es, die dott deutsche Kultur verbreiten. (Sehr richtig! im Ctt.). Wenn ein Orden in dieser Weise für das Deutschthum thätig ist, so begreife ich nicht, warum man ihm die Rückkehr verwehtt, zumal in einer Zeit, wo die Regierung von uns Geld für eine Kolonialschule verlangt. Man hat den Jesuiten die Möglichkeit genommen, sich in den staatlichen Anstalten zu bilden, aber ttotzdem verbreiten sie deutsche Bildung im Auslande. Ich weise ferner auf die Verdienste der Jesuiten um die Wiffenschaft hin. In der deuffchen Poesie giebt es nicht Anmuthigeres, als bie von Jesuiten gebichteten Lieder. Glauben Sie denn, daß Sie durch Ausweisungen die Jesuiten zwingen können, ihr Verbindung mit den Katholiken in Deutschland zu lösen? Nein, die von ihnen herausgegebene Zeitschrift für katholische Mission bringt doch in unsere Häuser und wird von uns allen gern gelesen. Die Unterdrückung einer geistigen Regung verfehlt immer ihren Zweck. Durch die Ausweisungen der Jesuiten schädigen Sie nicht nur das katholische, sondern das ge- fmrnnte deutsche Volk. (Lebhafte Zustimmung im Ctt.) Der Kaiser hat selbst die Verbreitung der chttstlichen Grundsätze empfohlen. Dazu sind doch aber besonders die Jesuiten berufen. Ich will hier nicht rechten mit der Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts, wonach apologetische Vorttäge unter das Jesuitengesetz fallen, sondern nur darauf aufmerksam machen, daß apologetische Vorttäge auch jeder Laie halten kann. Besonders hart wird das Gesetz in Preußen angewendet, unb bas zu bcrfclben Zeit, wo sich ein evangelischer Verein gebildet hat mit dem ausgesprochenen Zweck, die Katholiken von ihrem Glauben abspenstig zu machen. Wie mir erzählt wird, soll Preußen sich sogar an Holland mit der Bitte gewandt haben, die Jesuiten aus Holland auszuweisen, ein Verlangen, das abgelehnt wurde. Der holländische Minister hat geantwortet, er habe den Werth ber Jesuiten kennen gelernt, unb sei stolz barauf, ihnen den Schutz zu gewähren, ben sie in Preußen nicht genießen. !(Hört! hört! im Ctt.). Der Reichstag hat Alles gethan, was in seinen Kräften steht, um dies Ausnahmegesetz aus der Welt zu schaffen. Daß es noch in Kraft ist, dafür trägt allein ber Bundes- rath die Verantwortung. Ich hoffe, baß er sich noch in biefer Session über seine Stellung zu unserem Anttage schlüssig machen wird. (Beifall im Ctt.).
Staatssettetär Dr. Graf v. Posadowsky: Ich habe in Stellvertretung des. ^Reichskanzlers folgende Erklärung abzugeben: Die Anträge, welche Gegenstand der vorliegenden Interpellation sind, unter - Iiegen der eingehenden Prüfung ber einzelstaatlichen Regierungen. stLachen nn Ctt.) Von katholischer Seite ist wieberholt barauf hin- gewiestn, daß die Thätigkeit ber Prebigerorben, insbesondere des Jesuitenordens, zur Ergänzung unb Unterstützung bec orbens- yaroajialen ©eclforge in gewissen Fällen und in gewissen Landes- il)cucn ntdjt entoebrt werden könne, baß in der aushilfsweisen Thä- ^.9'olt jener Predigerorden vielmehr eine nothwendige Forderung für die Befriedigung der konfessionellen Bedürfnisse ber katholischen «ira)c liege, unbererfeits hegen weitere Kreise ber protestantischen Bevölkerung auf Grund geschichtlicher Entwickelung gegen die Wieber- zulaffung des Jesuitenordens schwere Besorgniß. Wenngleich unter Der modernen einzelstaatlichen Gesetzgebung die Stellung der ein- zelnen Konfessionen eine wesentlich andere geworden ist, so bleibt JPÄ die -batlache bestehen, daß jene Besiirchttmg ziemlich tief int {Bolle "tzistwurzelt ist. Man wird diesen Widerstreit der Meinungen auch nicht beseitigen können durch ben^Hinweis barauf, baß in modernen Staaten bie verschiedensten ethischen Richtungen im geisti- gen Kampfe ihr Gegengewicht unb ihren Ausgleich finben müssen, imb daß cm solcher Kampf bie natürliche Voraussetzung für bie !°L^chte Auffrischung des geistigen Lebens einer Nation sei. Unter Elchen Verhältnissen ist es erllärlich, daß bie einzelstaatlichen Re- gicrungcn auf bem streitigen Gebiet erst nach reiflicher unb langer ertoagung Entschließungen fallen können gegenüber Anträgen, welche erne Abänderung des gegenwärtig bestehenden gesetzlichen Zustandes bezwecken. Es ist zu erwarten, daß die verbündete Re- ^r-ungen sich noch imi Saufe der gegenwärtigen Session zu ben schwebenben Fragen schlüssig machen werden, unb wird ber Beschluß ber berbünbeten Regierungen bem Reichstage demnächst in ber bis- her üblichen Form mitgetheilt. (Lachen im Centtum ) ßl ^rl-sung bi-ftr Erklärung verläßt ber ©taatSfelretör Kiaf v. Posadowsky Öen Saal.
Auf Antrag des Abg. Rintclen (Ctt.) findet bie Besprechung ber Interpellation statt.
Abg. Stockmann (Rp.): Wir erblicken nach wie vor in ber Wieberzulassung der Jesuiten eine Gefahr für ben konfessionellen Frieden. (Lärm im Centtum.) Davor wollen wir unser Vaterland bewahren. (Oho! im Centtum.) Dem Wunsch, daß wir über ben Reichstagsbeschluß aufgeklärt werben, kann ich mich nur anschließen. Das Schweigen bes Bundesraths hat auch in protestantischen Kreisen erregt; ich hoffe, baß wir recht bald Klarheit bekommen unb baß bic Antwort bes Bunbesrctths ein kurzes und bündiges Nein fern wird.
Abg. Blos (Soz.): Wir sind Gegner aller Ausnahmegesetze. Aber wenn Sie wollten, müßte es Ihnen auch (zum Centtum) gelingen, das Jesuitengesetz zu beseitigen. Unsere Regierung treibt Weltpolitik; sic braucht Schiffe und Kanonen; und um diese zu erhalten, muß sie eine Bewilligungspartei haben. Diese war bisher bas Centtum. Wenn bas Centrum nun burchaus bie Aufhebung bes Jesuitengesetzes will, braucht es nur Mann für Mann in den Jesuiten-Orbeii einzutreten. (Heiterkeit.) Sie sollen mal sehen, wie schnell es bann aufgehoben wirb. (Heiterkeit.)
Abg. v. Staudy (kons.): Auch wir wünschen, daß die Regierung zu Reichstagsbeschlüssen schneller Stellung -iimmt, als es zuweilen geschieht. Der völligen Aufhebung des Jesuitengesetzes kann bie große Mehrheit meiner Freunde nicht zu stimmen. Die Zulassung der Jesuiten würde in unser Volk eine so große Erregung tragen, daß der konfessionelle Friede dadurch aufs schwerste gefährdet würde. (Lärm im Centtum.) Ein Thcil meiner Freunde stimmt ber Aufhebung des § 2 des Gesetzes zu; ein anderer Theil glaubt aber auch hierfür die Verantwortung nicht tragen zu können unb befürchtet, daß dann der Zweck des ganzen Gesetzes nicht erreicht würde.
Abg. Fürst Rndziwill (Pole): Wir erblicken in bem Jesuitengesetz einen traurigen Rest des Kulturkampfes. Wir proteftiren gegen dieses Gesetz, das eine unzulässige Beschränkung der Freiheit der Kirche ist.
Abg. Büsing (nat.-lib.) verliest folgende Erklärung: Meine politischen Freunde bedauern mit den Interpellanten, baß ber Bun- besrath eine Verzögerung in ber Erledigung des Reichstagsbeschlus- ses vom 1. Februar 1899 hat eintreten lassen. Auch diejenigen, welche, wie wir, bie Aufrechterhaltung bes Jesuitengesetzes für noth- toenbig erachten müssen, beanspruchen ebenfalls, baß ber Bunbesrath gegenüber Beschlüssen bes Reichstags klare Stellung einnimmt. In ber Sache selbst sinb wir nach wie vor ber Ansicht, baß im Interesse ber Aufrechterhaltung bes Friedens in einer konfessionell gemischten Bevölkerung Niederlassungen des Jesuitenordens nicht zuzulassen sind und daß daher ber § 1 bes Jesuitengesetzes aufrecht zu erhalten ist. Was unsere Stellung gu § 2 anlangt, so ist ein Theil meiner Freunde auch jetzt noch bereit, einer Aufhebung dieses Paragraphen zuzustimmen, zumal von ihm nur selten Gebrauch gemacht worden ist, während ein anderer Theil auch der Aufhebung des § 2 widerspricht.
Abg. Schrader (freif. Vgg.): Auch wir bedauern, daß der Reichstagsbeschluß so wenig Beachtung seitens des Bundesraths gefunden hat. Die Stellung meiner Freunde zum Jesuitengesetz ist bekannt. Wir wollen überhaupt keine Ausnahme-Gesetze und haben daher auch für bie Aufhebung bes Gesetzes gestimmt. Hoffentlich wird der Bunbesraths-Befchluß bald gefaßt, bamit bas Gerücht enblich aufhört, der Bundcsrath müsse wegen des Zolltarifs Rücksicht auf das Centrum nehmen.
Abg. Richter (freif. Vp.): Ich kann mich dem Vorredner nur anschließen. In ber Sache selbst sind wir alle für bie Aufhebung des § 2. lieber bte Aufhebung bes § 1 sind wir geteilter Meinung.
Abg. Dr. Bachem (Ctt.): Ich bedauere es, baß ber Reichskanzler heute nicht hier war. Noch mehr bebauere ich es, baß ber Vertreter bes Reichskanzlers keine Grünbe angegeben hat. Der Bunbesrath hat sich heute toicber auf bas Minimum von Vertretung beschränkt. Der Staatssekretär ist gleich nach seiner Erklärung verschwunden. Um so erfreulicher ist es, baß wenigstens einige Vertreter bet Einzelstaaten hier finb, um bie Stimmung bes Reichstags kennen zu lernen. (Heiterkeit.) Hoffentlich telegraphiren sie das, was sie hier hören, nach Hause. (Staatssettetär Graf Posa- bowsky betritt toieber ben Saal.) Zu meiner Freude kann ich lonftahren, daß der Staatssettetär wieder da ist, meine bösen Befürchtungen sind also nicht eingetroffen. (Heiterkeit.)
Ich weiß nicht, ob bie Bunbcsrathsrnitgliebcr schon Jnsttuk- tionen erhalten haben, nach ber Meinung des Reichskanzlers wären sie vielleicht noch gar nicht in ber Lage, abzuftirnmen. Ich verstehe nicht, wie ber Bundcsrath sich eine solche Meinung gefallen läßt. Denn wenn dies wahr wäre, so wäre der Bundcsrath doch nur ein Phonograph (Heiterkeit), ber Ja ober Nein ruft, je nachbem cs hineinhallt (Heiterkeit), unb wenn keine Instruktionen vorhanben sinb, wissen bie Bunbcsrathsmitglieder gar nicht, wie bie Walze zu stellen ist. (Erneute Heiterkeit.) In einem ist der ganze Reichstag vollständig einig: in bem Befremben über das Schweigen bes Bundesraths. Wenn der Bundcsrath Ja sagen will, thue er es möglichst schnell; wenn er Nein sagen will, so habe er auch bie Courage, es schnell zu thun. Daß bem Vertreter bes Reichskanzlers bie Antwort auf bie Interpellation schwer gefallen ist, glaube ich gern. Denn wie soll er bic Stellung des Buiibcsraths angeben, wenn ber Bunbesrath überhaupt noch nicht Stellung genommen hat! Der Bunbesrath ist mit „cin- gehenben Erwägungen" über ben Reichstagsbeschluß beschäftigt. Ja, so heißt es immer. Diese „gewissenhafte Prüfung" bauert aber schon feit bem Jahre 1895! Tas Argument gegen bie Zulassung ber Jesuiten sind „geschichtliche Erinnerungen". Ist es nicht bloßstellend für ben Bunbesrath, baß kein anberer Grund für seine Weigerung, ber Aufhebung bes Jesuitengesetzes zuzustimmen, sich finben kann? Soll benn biefe Frage nicht nach Recht unb Gerechtigkeit entschieben werben? Lediglich „geschichtliche Erinnerungen" sollen maßgebend sein, nicht einmal Thatsachen, sondern nur Diskussionen, Angriffe und ganze Berge von Verleumdung! Es ist wirklich sehr viel von dem hohen Bundcsrath, baß er jetzt, nachdem er sechs bis sieben Jahre bie Frage geprüft hat, wirklich noch in biefer Session einen Beschluß zu unserem Anträge fassen will! Für ein solches Ausnahmegesetz müßten doch wenigstens die allerschwerwiegendsten Gründe angeführt werden. Nichts von alledem! Die Herren fürchten von der Zulassung der Jesuiten eine Storung des religiösen Friedens. Ja, haben wir denn jetzt den religiösen Frieden? Nein, wir haben ihn nicht, und so lange Konfessionen an ihre göttliche Berechtigung glauben, find sie verpflichtet, für ihre Ausbreitung zu kämpfen. Wir dürfen nicht den geistigen Kampf — mehr wollen wir nicht — auf irgend eine Weise cinschränken. Sehr häufig vergleicht man Jesuiten und Freimaurer. Ist es uns denn jemals eingefallen, zu verlangen, daß ber Staat bie Freimaurer unterdrücke? Auch wir wollen, daß die Diskussion über religiöse Fragen rücksichtsvoll und an- tändig bleibe. Aber nicht wir haben diese Linie überschritten, ' sondern der Evangelische Bund. Tagtäglich lesen wir in den Zei- : hingen aus ben Kreisen bes Evangelischen Bunbes und auch aus ; den Kreisen der Universitätsprofeiwren Aeußerungen über die ■ katholische Mrcke, bie so verletzend und beleidigend sind, wie ' es seitens ber Katholiken niemals Vorkommen wird, i Glauben Sie, daß die Jesuiten, wenn sie zurückkommen, jemals den <


