Ausgabe 
28.7.1902 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Ans StaN und Land.

Gießen, 28. Juli 1902.

* * Vürg erntet ft ertag. Am Samstag nachmittag fand in Gießen im (Safe Ebel eine, vom Kreisamt ein- berufene Versammlung der Bürgermeister des Kreises Gießen statt, in der sich der neue Provinzialdirektor Dr. Breid ert den Erschienenen vorstellte. Es sei ihm Pflicht and Bedürfnis gewesen, so etwa führte er aus, die Bürger­meister hierher zu bitten, und sie kennen zu lernen. Die Aufgaben der Bürgermeister und des Kreisamtes seien ge­meinsam . Außerdem sei das Amt eines Bürgermeisters heute schwieriger als je, sodaß er erwarten könne, daß sich ein gemeinsames Arbeiten erzielen lasse, wobei er weniger als Vorgesetzter, sondern als Freund in allen Fragen des Dienstes gern seinen Rat geben werde. Die Rede des Provinzial- direktors wurde von häufigem Beifall unterbrochen, ein Zeichen, daß er von den Versammelten nicht nur angehört, sondern auch verstanden wurde. Da die Versammlung sich nicht in den Grenzeri strenger Formen bewegte, sondern Mehr eine zwanglose Unterhaltung war, war eine eigent­liche Tagesordnung nicht herausgegeben; es wurden des­halb einzelne Gegenstände, die ein bedeutenderes aktuelles Interesse beanspruchen, herausgegriffen und besprochen. So die Begründung einer Pfandbriefbank, die mit Herausgabe von Aktien von 500 bis 10 000 Mk. gedacht wird und an der sich die Kommunalverbände recht lebhaft be­teiligen sollten. Justizrat Dr. Gut fleisch erörterte die Aufgaben der Bank, die durch Amortisation der Hypotheken eine allmähliche Entschuldung des Grundbesitzes ermög­lichen solle. Man wolle den öffentlichen Sparkassen keine Konkurrenz machen; die Sparkassen können Geld auf un­kündbare Hypotheken nicht ausleihen, sie müßten vielmehr Winter eine verhältnismäßig kurze Kündigungsfrist er­fordern. Das sei aber nicht notwendig bei den Hypotheken­banken, die hier ihr eigentliches Gebiet fänden. Redner erläuterte dann noch die Stellung des Staates zu der geplanten Bank, die Dividendenfrage und weitere Details. Provinzialdirektor Dr. Breidert hielt dann eine Umfrage, ob eine regelmäßige vierteljährliche Revision der Kasse der Gemeindeeinnehmer durch die Bürgermeister Anklang finde. Es schien aber keine Stimmung dafür vor­handen zu sein. Regierungsrat Dr. Wagner sprach dann über die Erteilung von Wirtschaftskonzessio- n en, wobei er die Fragen nach der Persönlichkeit des die Konzession Nachsuchenden, und nach der Beschaffenheit des Lokals, die Bedürfuisfrage und die Zahlung des Stem­pels einer eingehenden Besprechung unterwarf. Ferner wur­den vom Provinzialdireltor noch die Schornsteinfeger- frage und kleinere Angelegenheiten angeregt und von der Versammlung besprochen. So will der Provinzialdirektor im Kreisausschuß beantragen, daß das Kreisveterinäramt Telephonanschluß erhält. Endlich wurde ein Ausschreiben des Ministeriums über öffentliche Gesundheitspflege ver­lesen, nach dem vier bis sechs Veröffentlichungen des deutschenVereins fürVolkshygiene den Bürger­meistereien zugehen sollen. Damit war der offizielle Teil der Versammlung erledigt. Die Herren blieben dann noch längere Zeit zusammen; und man kann das Fazit dieser ersten Bürgermeisterversammlung wohl dahin ziehen, daß ein Zusammenarbeiten des Kreisamts mit den Bürger­meistereien im Sinne des Provinzialdirektors nunmehr ge­währleistet ist. Die nächste Bürgermeisterversammlung soll in Hungen stattsinden.

H Gerichtsferien. Wahrend der Dauer der dies­jährigen Gerichtsferien vom 15. Juli bis 15. September sind folgende als Richter fungierende Herren des Großh. Amts­gerichts Gießen beurlaubt: Vom 15. Juli bis 15. August Amtsrichter Zimmermann und Gerichtsassessor Schmidt, vom 30. Juli bis 30. August Geh. Justizrat Oberamtsrichter Langer mann, vom 15. August bis 15. September Amts­gerichtsrat Gebhardt und Amtsrichter Wiener, bis zum 1. August Gerichtsassessor Keller, vom 1. August an Ge- richtsasiessor Dr. Möbius. Während der betreffenden Zeit werden die beurlaubten Herren von den übrigen vertreten. In den Ferien werden regelmäßig nur in folgenden Sachen Termine abgehalten und Entscheidungen erlassen: Straf­sachen, Arrestsachen und einstweilige Verfügungen; Meß- und Marktsachen; Streitigkeiten zwischen Vermietern imd Mietern wegen Ueberlassung, Benutzung oder Räumung von Woh­nungen, sowie wegen Zurückbehaltung eingebrachter Sachen; Streitigkeiten zwischen Dienstherrschaft und Gesinde, zwischen Arbeitgebern und Arbeitern hinsichtlich des Dienst- oder Ar- öeitsverhältnisses; Wechselsachen und Bausachen. Auf das Mahnverfahren, das Zwangsvollstreckungs- und Konkurs­verfahren sind die Ferien ohne Einfluß.

ff Vereinigung der Gerichtsaccessisten. Wie wir effahren, haben sich wie in anderen Städten auch die i Gießen beschäftigten Gerichtsaccessisten vereinigt, um neben 'er Geselligkeit auch die Wissenschaften zu pflegen. Es sind deshalb innerhalb der Vereinigung regelmäßige Vorträge über juristische Fragen in Aussicht genommen worden. Als Ort der wöchentlichen Zusammenkünfte wurde (Safe Ebel gewählt.

* Gemeinde st euerergebnisse. Den niedrigsten Ausschlag hat die Gemeinde Rieder-Rosbach im Kreise Friedberg mit nur 8,242 Prozent, dann kommt Schaafheim im Kreise Dieburg mit 11,306 Prozent. Den chsten Ausschlag sinden wir bei der Gemeinde Unter-Flocken- bach im Kreise Heppenheim mit 262,363 Prozent. Der Kreis Heppenheim hat überhaupt 13 Gemeinden, die über 200 Prozent erheben. Sonst sinden sich noch Landgemeinden mit über 200 Prozent Gemeindesteuerausschlag in den Kreisen Friedberg (Hausen), Erbach (Hesselbach), Alsfeld (Höingen, Vockenrode und Wettsaasen), Gießen (Lindenstruth, Rüd- dingshausen und Trohe), Bensheim (Glattbach) und Schotten (Schmitten).

* * Der gestrige Sonntag, der als Hauptfesttag in der Reihe seiner Vorgänger (und wohl auch der Nachfolger) bezeichnet werden kann, hielt alle, die etwas sehen wollten, i>om frühen Vormittag auf den Beinen. Sowohl das Ver­bandsfest der Evangelischen Arbeitervereine des Mittelrheingebiets wie die Jubiläums-Regatta der Gießener Rudergesellschaft führten ber «Stabt eine große Anzahl Gäste aus Nah unb Fern zu. Heber beibe .Festlichkeiten berichten wir an anderer Stelle. Das 24. Gesangsfest des Lahnthal - Sängerbundes entführte dagegen einen Teil der Gießener Einwohnerschaft vor allem die GesangvereineHanuvme".Heiterkeit",Ge­mütlichkeit" und dieBauern" nach der Nachbarstodt Wetz­lar. Auch über den Verlauf dieses Festes berichten wir an anderer Stelle-- das Fest findet am heutigen Msntag seinen

Abschluß. Der Kriegerverein Gießen zog mtt Musik zum Waldfest nach dem Ludwigsbrunnen, um dort bei Konzert, Jugendspielen und Tanz den Nachmittag zu ver­bringen. Auf derLiebigshöhe" und in der Ludwigsburg" zu Heuchelheim fanden Sommerfestestatt, die gut besucht waren. Kirchweihfeste gab es in der näheren Umgebung gestern nicht.

i Großen-Buseck, 27. Juli. Bei ber Beigeorb- netenwahl am 26. bs. Mts. würbe ber seitherige Beige­ordnete Lorenz Henß zum dritten Male einstimmig wieder- gewählt.

[] Effolderbach, 27. Juli. In diesem Frühjahr er­baute ein hiesiger Bürger ein schönes Wohnhaus mit Stein­sockel unb Blenbsteinen. Zum Sockel oerroenbete er aber einen sogenanntenLungenstein von poröser Art, ber auf seinem Grunbstück gewonnen würbe. Obwohl ber Stein in frischem Zustanbe noch weich war, hoffte man, er würbe sich später erhärten. Allein bas Gegenteil trat ein. Gegenwärtig zerbröckelt nun der Stein dermaßen, daß das Haus dem Einstürze droht; in größter Eile müssen Teile des Sockels nach und nach entfernt und durch solides Mauerwerk ersetzt wenden.

II Gedern, 27. Juli. Bahnbau Grebenhain Gedern. Trotzdem noch einmal bei dem Eisenbahn-Mi­nisterium in Berlin versucht worden war, eine Aenderung des Projekts zu erzielen, worauf jene Behörde aber nach nochmaliger technischer Prüfung nicht einging, sind nunmehr die Arbeiten zum Bau der Bahn ausgeschrieben. Die ganze Strecke von etwa 24 Kilometer ist in 2 Lose einge­teilt ; die Bewerbungen müssen bis zum 20. August, vormit­tags 11 Uhr, beim technischen Bureau Königl. Eisenbahn­direktion in Frankfurt a. M., Hedderichstraße 67/69, einge­laufen sein.

Darmstadt, 27. Juli. Der Großherzog wird am 30. Juli zu gewohnter Stunde im Residenzschloß Audienzen erteilen, sowie Meldungen und Vorträge entgcgennehmen.

§ Klein-Krotzenburg, 27. Juli. Der Landwirt Michael Trageser hier ist im Besitz eines bereits mehrere Wochm alten Huhnes, das eine seltsame Abnormität darstellt. Der ganze Rumpf des kräftigen Hausvogels ist nämlich nicht besiedert, sondern wie die Säugetiere dicht behaart. Tie btaubraune Behaarung verleiht dem Huhn das Aussehen eines Stallhasen. Dabei trägt die Mißgestalt die befiederten Flügel nicht an den Rumpf geschmiegt, sondern aufwärts ge­stülpt und über dem Rücken zusammen geschlagen. Die muntere Rarität findet allgemeine Bewunderung.

Mainz, 27. Juli. Heute nacht gegen 12 Uhr fuhr ein Offizier mit feinem Maschinisten auf einem Auto­mobil über die Große Bleiche. Plötzlich stürzten einige Leute aus einer Wirtschaft auf das Automobil zu und einer derselben schlug mit seinem Stock auf die Insassen des Fahrzeuges. Der Maschinist hielt an, um die Ursache des Ueberfalles zu ermitteln, war aber kaum auf der Straße angekommen, als er überfallen und gewaltsam in bie Wirtschaft geschleift würbe. Dort würbe ihm erklärt, baß er nicht früher das Lokal verlassen dürfe, bis er eine größere Glasscheibe in der Thür, die bei dem Ueberfall auf das Automobil zerbrochen worden war, mit 2,80 Mk. bezahlt hätte. Der Offizier war mittlerweile hinweggefahren, um Polizei zu holen, und traf auch alsbald einen Polizeibeamten, den er nach der Ueberfallstelle fuhr. Die Angeschuldigten werden sich demnächst wegen Freiheitsberaubung, Erpressung und groben Unfugs zu verantworten haben.

Mainz, 26. Juli. Der voriges Jahr wegen Zwei­kampfes mit Hauptmann Richter zu 2 Jahren Festungs­haft verurteilte Leutnant Vogt vom 13. Husarenregiment wurde vom Kaiser begnadigt und aus der Haft entlassen. Vogt wird in ein anderes Kavallerieregiment eintreten.

Alzey, 27. Juli. Wie es heißt, hat Bürgermeister Dr. Sutor in der letzten Stadtverordneten-Sitzung erklärt, daß, nachdem die Irrenanstalt für Alezy genehmigt fei, die Bürgermeisterei in Verbindung mit den Stadtverordneten, die er um ihre Unterstützung bat, alles thun werde, damit die Arbeiten und Lieferungen soweit nur irgend möglich in unserer Stadt bleiben.

11. Iervandssest des mittekheinischen Seröandes evangelischer Aröeiter-Aereiue zu Hießen.

bc. Giehen, 28. Juli.

Begünstigt vom schönsten Wetter die drückende Schwüle war durch das wohlthätige Gewitter des Samstags einigermaßen gebrochen verlief das Verbandsfest in schöner, glänzender und durchaus harmonischer Weise. Der Gießener evangelische Arbeiterverein, dem das Fest zugleich die Weihe seiner prachtvollen, neuen Fahne brachte, kann stolz auf dies Fest sein: die Arbeit der DorauSgegangenen Wochen und Tage und sie ist für viele wahrlich nicht gering gewesen war nicht vergeblich; in dem frohen Gefühl, daß alles wohl gelungen, konnte das Fest aus- üingen.

Pünktlich um 9 Uhr 47 Min. traf gestern morgen der von Frankfurt kommende Extrazug, der das Gros der aus­wärtigen Festteilnehmer brachte, hier ein: es waren im ganzen ca. 800 auswärtige Gäste. Bald kam Ordnung in das fröhliche Gewimmel und Getümmel, war doch der Empfangs- Ausschuß nebst zahlreichen Fremdenführern am Platze. All­mählich formierte sich unter der umsichtignen Leitung des 2. Vorsitzenden, Lackierer Rttsert, der Zug, die Fahnen traten an die Svitze und es ging der Kirchenzeit halber natür­lich, ohne Musik durch die Bahnhofsstraße der Stadt­kirche zu, deren Geläute die Nahenden begrüßte. Bald war das Gotteshaus in allen seinen Teilen gefüllt, mächtig hallten die altehrwürdigen Choräle durch den weiten Raum, der vortresstich geschulte Kleinlindener Posaunenchor sowie der bewährte gemischte Chor des hiesigen evangelischen Ar­beitervereins verschönten die Feier, deren Höhepunkt die Festpredigt des Pfarrers Loos-Butzbach bildete, die auf Grund von Eph. 3, 10 dem Taye die rechte Weihe gab- Nach dem Gottesdienst fand im (Safe Ebel unter Vorsitz des Pfarrers Küster-Höchst a. M. die Cwlegierten-Bersamm- lung statt, die Eichen Festteilnehmer zerstreuten sich von den Fremdenttihrern freundlichst geleitet in die Stadt, die verschiärenen Sehenswürdigkeiten besichtigend und nahmen dann in den bestimmten Standquartieren ca. 16 Restaurants das Mittagessen ein.

Bald nad) 1 llhr begann in Oswalds Garten reges Leben und T-reiben. Die ve^chicdenen Vereine rrchen ein und ordneten sich mtt ihren Fahnen die Herren Ritsert und Keßler führtes hier das Kommando unD reicht

lange währte es, so erklangen die schmetternden Tön« unserer Regimentsmusik von ferne: es nahte die Fahne des Gießener Vereins, die noch verhüllt getragen von 24 jungen, weißgekleideten Damen und dein Vergnügung^* ausschuß aus der Wohnung des Vorsitzenden, Pfarrer Dr. Grein Unter Vorantritt der Regimentskapelle abgeholt worden war. Kurz nach 2 Uhr setzte sich ber Zug in Be­wegung, zwei Musikkorps ließen ihre Weisen erklingen und in langer Reihe folgten mit ihren Fahnen die Vereine von Mainz, Oberursel, Hanau, Frankfurt, Fechenheim, Meder- rad. Höchst a. M., Griesheim, Bockenheim, Sindlingen, Butz­bach, Oberrad, Offenbach, Sossenheim, Unterliederbach, Wies­baden, Zeilsheim,, Homburg, Friedberg.

Den Schluß bildete der Gießener Verein. Der ungefähr 1000 Teilnehmer zählende Zug bewegte sich ein wechseln­des und durch die zahlreichen Fahnen belebtes Bild dar­bietend durch die Neustadt, Bahnhofstraße, Westanlage, Seltersweg, Mäusburg, Marktplatz, Schulstraße,. Neuebäue, Gartenstraße, Bergstraße nach Steins Garten. Zahlreiche Häuser gaben durch Beflaggung den Sttaßen ein festliches Gepräge, wie auch eine geschmackvolle Ehrenpforte am Ein­gang der oberen Bahnhofstraße die Festteilnehmer bei ihrer Ankunft begrüßt hatte. Eine große Menge harrte bereits in Steins Garten freudig gestimmt auf das Nahen des Zuges; bald war der festlich und äußerst geschmackvoll dekorierte Saal völlig überjüllt, Hundene tonnten zu dem nun folgen­den Weiheakt leider leinen Zutritt finden, unb nachdem die Fahnen um das Podium auf gestellt waren, ergriff der Vor­sitzende des hiesigen Vereins, Pfarrer Dr. Grein, das Wort zu einer zündenden und begeisternden Begrüßungs­ansprache, die in ein brausendes Hoch auf Kaiser und Groß- herzog austtang. Nach einer weiteren die Zwecke und Ziele der Arheitervereine darlegenden Ansprache des Verbands- Vorsitzenden, Pfarrer Küster-Höchst a. M. hielt Professor Dr. Stamm in markigen Worten Sie eigentliche Weiherede. Nachdem die Hülle gefallen, übergab mit sinnigen Versen Fräulein Bickel namens der Frauen und Jungfrauen des Vereins die Fahne dem Vorsitzenden, dieser überreichte sie dem Fahnenträger, Eisendreher Graulich, der sie mit kurzen gelobenden Worten übernahm, worauf ein schwung­volles Fahnenlied des gemischten Ehors den Weiheakt wir­kungsvoll abschloß. Es folgten noch Ueberreichungen von Fahnennägeln und Fahnenschleifen seitens der Vereine Frankfurt, Bockenheim, Griesheim und des gern. Chors des hi es. Vereins sowie Begrüßungen auswärtiger Vereine, worauf der Vorsitzende kurz dankend erwiderte. Bei dem nun beginnenden Gartenfest wechselten Gesaugsvorträge der Vereine Frankfurt, Wiesbaden, Hanau, Homburg, Höchst, Bockenheim, Gießen mit Vorträgen der Regimentskapelle und Ansprachen des Herrn Schuhmacher Begemann- Bockenheim, Werkmeister B ä r r n - Frantflrrt, Lackierer Rit­sert - Gießen, Verbandsrechner Hofmann- Höchst und Lehrer Ohl-Hanau, bis kurz nach 7 Uhr ein großer Teil der auswärtigen Gäste unter klingendem Spiel, und Vor­antritt der neu geweihten Gießener Fahne noch dem Bahn­hof marschierte. Die Fahne wurde alsdann nach der Woh­nung des Vorsitzenden zurückgebracht, dem noch als wohl­verdienter Dartt ein Hoch erklang.

Um 81/2 Uhr sollte die Farnttienfeier des Gießener Ar­beitervereins beginnen, und schon vor 8 Uhr war der Saal in Steins Garten von einer erwartungsvoll harrenden Menge völlig überfüllt. Der Saal war durch die Muni- ficenz eines ungenannt bleiben wollenden Gönners des Vereins prachtvoll geschmückt aus den Gnirlanden, die in geschmackvollen Windungen den Saal durchzogen, blitzten ca. 600 in allen Farben strahlende elektrische Lichter hervor, wie denn auch die Stadtkirche in der schönsten Weise gärt­nerisch geschmückt war. Nachdem der Vorsitzende, Pfarrer Dr. Grein, die Versamnllung begrüßt, wechselten Dar­bietungen der mamiigfachsten Art. Da bei der Ueberfülluna des Saales viele keinen Einlaß mehr finden konnten und im Garten sich niederlassen nrußten ,konzertierten gleich- zeittg zwei Kapellen die eine im Saal, die andere im Garten. Sehr wirksame und schöne Darbietungen des Zither-VereinsAlpenröschen", sowie äußerst präzise und treffliche Vorträge des gemischten Chors des Vereins er­freuten die Anwesenden, ebenso wie das originelle Manbo- linen-Solo des Dirigenten des gemischten Chors, Gern­hardt, und das reizende Kinderlieb von Johanette Lein. Den Höhepunkt des Abends bildeten fraglos die wunderbar schönen Lebenden Bilder, sowie dieHesselänner Kirmes", deren Arrangierung und glänzende, durch wunderbar schöne elektrische Lichteffekte gehobene Ausstattung, die Herr In­genieur Muhlert besorgte, und die der Verein gleichfalls dem schon erwähnten Gönner des Vereins verdankt. Während das erste lebende Bild unter der geschmackvollen Regie des Herrn Peter das Wirken der evangelischen Ar­beitervereine in seiner Mannigfaltigkeit aufwies, und das zweite Musik und Gesang in anheimelnder Weise verkörperte, zeigte dieHesselänner Kirmes", ein fröhliches Bild, frisch Pulsierendes oberhessisches Leben wie alles mit leb­haftestem Beifall begrüßt. Den Schluß bildete ein Tänz­chen, das die Jugend noch einige Stunden vereinte.

Wenn der verehrte Vorsitzende des Vereins, Pfarrers Grein, der uns leider bald verlassen wird, am Schluß des offiziellen Teils allen dankte, die zum guten Gelingen des Festes beigetragen, so gebührt wohl solcher Dank in erster Linie ihm selbst. Unb er gebührt gewiß allen, die manchen Tag geopfert, um alles wohl geraten zu lassen so be­sonders auch den Herren Ritsert, Dr. Häuser, Schufst unb Graulich, wie dem gesamten Vorstand und allen aus dem Verein zugezogenen Kräften! Dem verdienstvollen Diregenten der Gesangsabteilung des Gießener Vereins, Gernhardt, wurde als Zeichen der 9lnerfennung eine1 Blumen-Lyra überreicht. Möge das schön und harmonisch verlaufene Fest dem Verein Segen bringen und auch solche über das Wesen evangelischer Arbeitervereine aufflären, die ihm seither fern standen!__

Vermischtes.

Berlin, 26. Juli. Der Kaffenbiener der Seehand­lung, Wagner, legte gestern ein Geständnis ab und gab an, daß er das Geld bei Tegelort vergraben hat. Gestern Abend wurde ein Teil des Geldes gefunden, heute früh der Rest. Tie gestohlene Summe war annähernd 55 000 Mark, davon hat Wagner seinen Gläubigern etwa 3000 Mark ge­geben. Nachdem diese 3000 Mk. von den Gläubigern wieder eingezogen sind, fehlen der Seehandlung noch etwa 1000 die Wagner wahrscheinlich für sich verbraucht haben wird.

* Dresden, 26. Juli. Gestern versuchte der Königl. Waldwärter Lohse in Arnsdorf bei Dresden feine Frau und feine 13jähr. To chter mit einem Beile zu erschlagen. 3l(5bann beging Lohse Selbstmord durch Erschießen. Von Nachbarn, denen die Ruhe im Lohse'schen Hause auffiel, mürbe abends ba£ Haus geöffnet und Lohse als Leiche, jsirre