Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Nr. 98
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Zweites Blatt. ISS. Jahrgang Montag S8. April LS«S
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GretzenerAnzelger
General-Anzeiger w
Aie tzeutige Kummer umfaßt 12 Seiten.
Palitijche Tagesschau.
Bauernunrnheu in Rußland.
Wie auS Petersburg gemeldet wird, begab sich der Minister Piehwe nach Moskau, um sich dem dortigen Gene- ralgouverncur Großfürsten Sergius Alexandrowitsch vor» zustcllen und mit ihm Rücksprache über die Lage im Gou- vcrnemcnt Moskau zu nehmen. Von dort will sich der Diinisler nach den Goiivernements Pultawa und Char- ko tv begeben, wo seit längerer Zeit bereits ernste Bauernunruhen ausgebrochen sind. Außer den Besitzungen des Herzogs von Mecklenburg sollen auch die Besitzungen deS Fürsten Kotschulei, des Generals Durnowo und andere arg verwüstet sein. Die Bewegung scheint lediglich die Folge deS in den dortigen Gebieten herrschenden 91 o t =» standeS zu sein. Die Bauern haben kein oder nicht genügend Saatgetreide, auch nichts zu leben. Ein politisches Motiv scheint den Unruhen nicht zu Grunde zu liegen, ebenso wenig ist in ihnen ein plötzlich ausbrechender Protest gegen die bestehenden Verhältnisse zu erkennen. Natür- lich machten sich gewissenlose Agitatoren den Notstand und die Klagen der Bauern zu Nutze und hetzten diese gegen die Obrigkeit auf. Ursprünglich handelt es sich nur um gewaltsame Beschaffung von Saatgetreide. Nachdem Militär zur Niederwerfung der aufrührerischen Bauern hcrangezogen und rücksichtslos eingeschritten wurde, flammte erst der Unmut der Bauern gegen die Behörde auf und nunmehr zerstörten sie in blinder Wut, was ihnen in die Hände kam. Nach ziiverlässigen Berichten befinden sich zilrzeit im Gouvernement Pultawa und Charkow über 18000 Bauern und Arbeiter im Aufruhr. Bedeutende Truppenverstärkungen sind in jene Gebietsteile entsandt worden und der Generalgouoerneur von Kiew reiste ebenfalls in das Aufruhrgebiet ab, um die militärischen Maßnahmen persönlich zu leiten.
Deutsches Deich.
Berlin, 27. April- Die Kaiserin ist mit dem Prinzen Eitel-Friedrich gestern nachmittag 41/2 Uhr von Primkenau nach Berlin zurückgereist. Der Kronprinz und der Herzog und die Herzogin Ernst Günther hatten der Kaiserin das Geleit zum Bahnhof gegeben.
— Ter Kronprinz wird gegen Ende dieses Monats zur Fortsetzung seiner Studien wieder in Bonn eintrefsen.
— Wie das „Berl. Fremdenbl." meldet, ernannte Kaiser Franz Josef den Prinzen Heinrich zum Admiral der österreichisch-ungarischen Flotte.
— Der siamesische Kronprinz Maba Wajirawudh, der gegenwärtig in Wien weilt, wird sich von dort zunächst nach Budapest und dann nach Madrid begeben, um in Vertretung des Königs von Siam der Großjährigkeits- erklärung des Königs von Spanien beizuwohnen. Das nächste Reiseziel des Kronprinzen bildet Berlin, wo er als Gast Kaiser Wilhelms mehrere Tage verweilen und bei dieser Gelegenheit auch der Ende Mai stattfindenden großen Frühjahrsparade beiwohnen wird. Von Berlin be- giebt sich der siamesische Kronprinz nach London, um in Vertretung seines Vaters an den Krönungs feierlich leiten teilzunehmen. Nach kurzem Aufenthalte in England wird der Kronprinz die Rückreise nach England antreten.
— Die Konfere nzen höherer Postbeamter, die zur Beratung von Fragen des technischen Betriebes und des Verwaltungsdienstes der Post dieser Tage im Reichspostamt stattfanden, haben mit einer Besichtigung der Telegraphen- und Fernsprecheinrichtungen Berlins ihren Abschluß gefunden.
— Das preußische Abgeordnetenhaus wird Voraussicht- ich vom 10.—27. Mai eine Pfingstpause eintreten assen. Von der Absicht einer Vertagung bis zum Herbst ist in unterrichteten Kreisen nichts b.fannt. Man nimmt vielmehr nach wie vor an, daß gegen Mitte Juni die Session geschlossen werden wird.
— Turch bte bevorstehende Einbringung des Zuckergesetzes dürste die Vertagung des N e i ch s t a ge s bis zum Herbst erst am 13. oder 14- Mai erfolgen.
— Der Toleranz antrag des Zentrums, dessen zweite Lesung vor einigen Monaten begonnen worden ift, soll am nächsten Mittwoch wieder aus die Tagesordnung des Reichstages gesetzt und seine Beratung diesmal durchgeführt werden.
Greiz, 26. April. Nach einer geheimen Sitzung des Landtages, wurde heute na..,m.ttag Mannt gegeb.n, daß der Lauotag die R e g e n t j aj a \ t au Fürst H e 1 n c i ch Xi V. R e u ß j. L. übertragen hat.
Ausland.
Paris, 27. April. Gestern sanden die Kammerwahlen statt. Um ,echs Uhr abends war üuerall die Lvahl- Handlung gejchlosien. Die ^ä.)iung der Stimmen begann. Trotz der großen Erregung, Die anenthaioen herrsche, hat sich bisher fein ernster Zwischenfall ereignet. Aua) aus der Provinz liegen teilte Metoungen uver Ruhestörungen vor. Um Mitternacht waren im Ministerium des Innern noch feine Wahlrejultate bekannt, {uuay die Avsa-ätzung des Ergebnisses noch uumogliü.) i|t, zumal die Anzahl M Stichwahlen ungewohniia.) groß i|t. ^m großen unu ganzen dürften Die Parteien nur eine geringe Verichievung erfahren. In den Städten, allster Paeis, verzeichnen^die Sozialisten einen ziemlichen SicmmenzutuacpS. Die Nation alisten gewinnen vorauf ichtlicy 15 bis 2U Sitze, die meisten jedoch aus Kosten anderer oppositioneller Parteien. In Paris sind die revolutionären Sozialisten Vail- lant und Sembat wiedergewählt. Die Sozialisten Rouanet und Elovis tzugues stehen zur Stichwahl. Ter Minister des Aenßern Deleasss ist wiedergewähtt; ebenso Rtbot. Ter Gemäßigte Motte behauptete sich mit 3000 Stimmen Mehrheit in Roubaix gegen Jules Guesde. Von insgesamt ^0 P ar i s e r M a n D a t e n werden 22 erst durch Stichwahl entschieden werden. Die Nationalisten gewannen sechs Sitze. — In den Vogesen sind Möline und Krantz gewählt; dagegen verdrängten die Nationalisten die Gemäßigten aus drei anderen Wahlkreisen. — Tie Resultate aus der Provinz sind noch spärlich. In Lyon ist der Marineminister Lanes s an wiedergewählt, in Nizza Rouvier. In Havre gelangt der Exsenaror Siegfried in sichere Stichwahl mit dem bisherigen gemäßigten Abgeordneten. Aus Algier kommt die überraschende Kunoe, daß D r u m 0 n t geschlagen ift Der Republikaner Collin erhielt 9500 Stimmen, während Drumont nur 8600 erlangte. Von den letzten Einzelresultaten sinh zu erwähnen die Niederlage des Bonapartisten Cassagnae und der Sieg des Sozialistenführers Jaurös. Minister Baud in ist wiedergewählt.
W i e n, 26. April. In Gegenwart des Kaisers, der Mitglieder des Kaiserhauses, der Minister, des Bürgermeisters, der Vizebürgermeister und zahlreicher Mitglieder des Gemeinderates fand heute als nachträgliche Feier der goldenen Hochzeit des Erzherzogs und der Erzherzogin Rainer im Festsaale des Rathauses ein Huldigungsakt der Wiener Schulkinder statt.
Budapest, 27. April. In Alfalu in Siebenbürgen ist wegen drückender Notlage ein förmlicher Aufstand ausgebrochen, sodaß Brandlegungen und Plünderungen erfolgt sind. Um diese zu verhüten, mußte Militär dorthin entsandt werden.
London, 27. April. Tas Auswärtige Amt erhielt Nachricht von Bogota, daß bei G u a t a v i t a ein h e f t i g e r Kampf tobt, bei dem 15 000 Mann engagiert sind. Der Kampf dauerte bei Abgang der Meldung fort
Rom, 27. April. Der Papft empfing heute die Land
gräfin von Hessen. Auch die Königin von Württemberg ift inkognito in Rom angefommen und soll ebenfalls Den Papst besuchen wollen.
Basel, 2 7. April. Bei Der heutigen Regierungsratswahl wurden Die bisherigen fünf Mitglieder, drei Freifinnige und zwei Konservative, betätigt Für Die zwei weiteren, Durch Rücktritt erledigten ManDate kam keine Wahl zustande. In Zurich wurden Die bisherigen Mitglieder: 6 Temolraien, 6 Liberale und 1 Sozialdemokrat wirderge- wählt. Von den 245 Mandaten des Kantonrates entfallen auf die bürgerlichen Parteien 208, auf die sozialdemokratische Partei 35 gegen bisher 12. Im Dritten Stadtkreise Zurich siegte die sozialistische Liste mit allein 27 Kandidaten. .. . .
Utrecht, 27. April. In Krugers Umgebung wird die Meldung von dec Europareise des Prä,identen Steijn Dementiert. Stetjn führt Die Unterhandlungen mit Den Burenlommandos. Wie weiter gemeldet wird, hat weder er noch ein anderer Sekretär noch auch Krüger selbst an einen löurenagentcn in Amerika über die Gründung einer neuen Burenrepublik in Langenburg geschrieben. Ter ganze angebliche Plan sei eine tendenziöse Lüge.
New york, 2<. April. Einer heraldmeldung zufolge gewährte Haiti Deutschland eine K o h l e n ft a t i o n und wertvolle Handelslolizessionen, wosür ein Deutsches Shnditat dem Prä, Heuten em Darlehen gewährt und dessen Macht stützen will.
Aus Stadl uiii) Land.
(Nachrichten au§ unserem Leserkreise sind uns stets willkommen und werden angemessen honoriert.)
Gießen, 28. April 1902.
'* Abschiedsfeier für den Beigeordneten Wolff. Zu der Mschiedsseier, Die zu Ehren Des Beigeordneten Wolff der- anstaltet worden war, hatten sich am Samstag abend im Gasthaus zum Rappen fast sämtliche Siadlverordnele und städtische Beamten vereinigt. Auch Exzellenz Gnauth war zur Teilnahme erschienen. Beigeordneter Georgi wies in seiner Ansprache an den scheidenden Herrn Wolff zunächst auf die vom Bürgermeister Mecum in öffentlicher Stadtverordnetenversammlung gemachten Ausführungen hin, die er nicht wiederholen wolle. Herr Wolff, so führte er dann weiter aus, sei kein Gießener Kind, nicht einmal ein Hesse. Aus norddeutschen Gefilden mit seinem Vater hierhergekommen, habe er hier seine Studentenzeit verlebt und sei später in die städtische Verwaltung eingetreten. Gießen sei ihm eine zweite Vaterstadt geworden. Auf seine Thätigkeit könne er mit Befriedigung zurücklnicken; das beweise auch das Erscheinen Seiner Exzellenz des Finanzministers Gnauth am heutigen Tage. — Herr Wolff dankte hieraus dem Herrn Bürgermeister und allen Erschienenen. Besonders erfreut sei er durch das Erscheinen Seiner Exzellenz. Seit 18 Jahren weile er in Gießen und der Abschied von seinen Mitarbeitern, Freunden und Bekannten falle ihm sehr schwer. Sieben Jahre habe er in der städtischen Verwaltung gearbeitet und sowohl von dem früheren Ober- bürgermei|ter als auch dem jetzigen Bürgermeister Freiheit in seiner Thätigkeit zugestanden erhalten. Ungern gehe er Don hier weg; aber bei längerem Verweilen wäre ihm später der Eintritt in den Staatsdienst unmöglich geworden. Hochwichtig sei für ihn der Einblick in die fiädtische Setbstverwaliung gewesen. Mit seinem Danke verbinde er den Wunsch auf baldiges Wiedersehen in der schönen Stadt Gießen. — Bürgermeister Mecum schildert seine persönlichen Beziehungen zu Herrn Wolff, der ihm treu beigestanden und es ihm ermöglicht habe, sich sobald in die städtischen Verhältnisse hineinzufinden. Ebenso aber auch hätten er und seine Frau stets bereitwilligen Rat und freundliche Unterstützung bei Frau Wolff gefunden. Der Frau falle es schwerer als dem Manne, sich in neue Verhältnisse einzuleben. Daß es ihnen so-
Hine Iahrt in die Urovivz Aberhessen.
n. Gießen, 27. April.
Ich erinnere mich noch mit Unbehagen einer Fahrt mit der oberhessischen Bahn im November vor. Jahres. Sie führte mich nach Homberg a. d. Ohm. Der Morgen war so trübe, feuchtkatt und neblig wie nur denkbar. Der Wagen, der uns in Gießen aufnahm, hatte die besondere Einrichtung, daß man die Eingangsthür an der Stirnseite erst ganz zurücklegen mußte, ehe man mit einem bescheidenen Handkoffer in die Thürösfnung treten konnte. Ich war der einzige Insasse. Der Zug setzte sich in Bew.'g.mg, der Wald nahm uns auf. Ticke Nebelschwaden, die die nächsten Waldbäume kaum erkennen ließen, hingen unbeweglich in der Lust. Da durchfährt der Zug eine scharfe Kurve, der Wagen legt sich entsprechend zur Seite und geräuschlos, wie durch Geisterhand bewegt, öffnen sich amtliche Thüren zu den nächsten Abteilen lang)am und eierlich. Unwillkürlich beuge ich mich vor und sehe durch )en ganzen Wagen: Der Geist muß doch durch die Thüren chreiten! Und wieder legt sich der Wagen auf die andere Seite, die Thüren schließen sich ebenso langsam und geräuschlos, wie sie sich vorher öffneten. Das Spiel wiederholt sich, bis ich ungeduldig die sämtlichen Thüren fest schließe.
Ter Nebel hebt sich, doch kein Sonnenstrahl durchdringt die Nebelmassen, die Landschaft macht einen trostlosen Eindruck. Die Wälder sind kahl und finfter. Hier und da belebt ein verspäteter Ackersmann mit seinem Gespann die
Feldflur, die Krähen sitzen dick aufgeplustert aus den Miesen und frieren auch, sie krächzen nicht einmal. Die Thalgründe machen einen geradezu düsteren Eindruck. Auf einer Station, deren Perron einigermaßen belebt ist, schieben sich die wenigen Reisenden angefroren, wie sie find, eilig durcheinander; nur zwei, die offenbar einen Handel abgeschlossen, und das Ergebnis bei Dem frostigen Morgen scyon ordentlich begossen haben, können noch nicht auseinanderkommen. Des Händeschüttelns ist kein Ende. Die Schaffner sind eilig. Da die Wagenthüren klappen, da endlich trennt sich das Paar. Der eine stürzt auf die letzte offene Wagenthür zu, noch ein ungeduldiges: „na, so mache Je doch, daß Sie rinn komme" des Schaffners, die letzte Wagenthür wird zugeschlagen, der Zug ist wieder in Bewegung. — Tie Landschaft wird immer unfreundlicher je weiter totr vorwärts kommen. Eisiges Wasser tropft von den Bäumen, Windstöße rütteln an den Fenstern, da macht man am besten die Augen zu.
Wie anders die Fahrt gestern am sonnenhellen Frühlingsmorgen, die mich nach Büdingen und später über das freundliche und interessante Kreisstädtchen hinaus führte. Der Buchenwald ist grün, die Obstbäume stehen fast alle in voller Blüte. Die Fruchtfelder sind tiefgrün, golden Ijcbt sich der blühende Raps ab. lleberall ist die Landschaft belebt. Kinder und Frauen legen die Saat- Kartoffeln in die frisch aufgeworfenen Furchen, das Gespann mit dem Pfluge folgt und deckt die Knollen zu, die den Herbstsegen bringen und die leergewordenen Kellerräume wieder mit neuem Wintervorrat füllen sollen. Die
Säemaschinen legen die letzten Zuckerrübenkerne in die fein gekrümelte Ackererde. Tie Glattwalzen folgen den Maschinen und drücken die etwas aufgerührte Erde wieder so glatt, wie das Bügeleisen die gekrauste Wäsche. Es sieht sich aus dem Eisenbahnwagen wunderschön an, wie die Lanoleute arbeiten, wie alles so schön und friedlich zu verlausen scheint. Ob es hinter den Kulissen ebenso schön aussieht?
Ter rasch dahin eilende Zug führt uns immer neuen und immer schöneren Bildern zu. Es glebt keinen düsteren Maldwinkel mehr, fein finsteres Thal, lleberall grüßt und winkt dec Frühling mit weißen Bluten sahnen und jungem Grün. Jeder Gipfel eines Hügels, dessen graue Steinmassen inmitten von Tornengestrupp im Winter so trostlos aussicht, ist)ktzt umiränzt vom blühenden Schlehdorn und der Vogclkirsche, jeder Blick durchs Fenster bietet neuen Genuß. Wie liegen die freundlichen Dörfer so schön eingebettet im Wiesengrün und blühenden Obstbäumen.
Wir passieren das uns zu Füßen liegende Nidda, weit öffnet sich das Riddaihai aufwärts, eme ganze Reihe von Dörfern zeigt sich in d.esem fruchtbaren Thalgrunde dem ft-flauer, auf den Höhen der lichtgrüne Buchenwald, der sich so freundlich abhebt von dem fast schwarz erscheinenden Nadelwald.
lieber das freundliche Ranstadt hinauskommend, kreuzen wir das Nidderthal in der Nähe von Stockheim. Ta, ein neues und wohl das schönste Bild auf unserem Wege: scheinbar am Ende des oberen Nioderthaies türmt sich au5 grünenden und blühenden Bäumen heraus £)r*


