Ausgabe 
28.4.1902 Zweites Blatt
 
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Bon» gelungen sei, hier heimisch zu werden, das sei be­sonders Frau Wolff zu danken. Er bedauere den Weg­gang der Familie und hoffe, sie eben so oft hier begrüßen zu können wie Herrn und Frau Gnauth. Sein Hoch galt der Familie Wolff: Eltern und Kindern. Herr Wolff dankt tiefbewegt und leitet aus seiner Stellung als Standesbeamter, in der er mehr als 1000 Ehen geschlossen habe, die Berechtigung her, auf die Frauen Gießens zu toasten. Baurat Schm andt spricht im Namen der städtischen Beamten.Scheidende werden oft fremd- Bei Herrn Wolff ist dies nicht zu befürchten, schon deshalb nicht, weil (eine Frau Gemahlin eine geborene Gießenerin ist. Herrn Wolff heitere Lebensanschauung ist ein Geschenk der Götter; Herr Wolff ist ein Liebling der Götter. Möchten alle seine Wünsche und Hoffnungen auf die Zukunft Verwirklichung fintiert. Darauf preist Geheimrat Prof. Dr. Gaffky in humorvoller Weife den Humor Wolffs. Sodann wendet er sich an Exzellenz Gnauth- Anknüpfend an ein Bild Bismarcks in einem Briefe an seine Braut:Wir werden noch oft den Becher absetzen müssen, uns freuend dessen, was wir getrunken und gern verzichtend auf das, wir noch darin gelassen haben", ver­gleicht er Seine Exzellenz mit dem Becher. Gnauths Ver­dienste um die Stadt feien allbekannt und anerkannt; man habe ihn gerne zur Uebernahme eines größeren Wirkungskreises ziehen lassen. Direktor Bergen und Herr Wetter feiern Herrn Wolff in selbversaßten Ge­dichten. Dieser dankt den Beamten für ihre treue Mit­arbeit und ihr Vertrauen und rühmt den Beamtenkörper, der ganz vorzüglich sei. Nicht die Stunden würden her­untergearbeitet, nein, alle Arbeiten würden mit Interesse und Liebe zur Sache ausgeführt. Kanzleirat D e m u r h spricht den Dank der Beamten aus. Mit einem Trinkspruch des Hrn. Schmal! auf das Wohl der städtischen Beamten nahmen die Reden ihr Ende. In heiterer Unterhaltung flössen die Stunden allzurasch dahin.* Auch wir rufen dem Scheidenden ein herzliches Lebewohl zu, und wünschen, daß ihm in seinem neuen Wirkungskreise Erfolge und Anerkennung in demselben Maße wie in Gießen be- schieden sein mögen.

** Die Kaufmännische Fachschule. Die Zahl der Schüler, die die Kaufmännische Fachschule feit dem am 10. April eröffneten Semester besuchen, beträgt 128. Wie schon mitgeteilt, ist die Fachschule nunmehr eine staatllch anerkannte Unterrichtsanstalt. Als obligatorische Fächer werden gelehrt doppelte Buchführung, einfache Buchführung, Korrespondenz, Rechnen, Wechsellehre, Handelsgeographie, Schönschreiben und Orthographie. Für diese Fächer findet der Unterricht nachmittags von l1/^3V2 Uhr, für 4 Stunden von 45 Uhr statt. Als fakultative Lehrgegenstände wird an zwei Abenden der Woche von 89 Uhr Französisch, Eng­lisch, Stenographie und Maschinenschreiben Unterricht er­teilt. An der Anstalt wirken 11 Lehrkräfte. Die gesamten Räume der ersten Etage des Kaufmännischen Vereinshauses werden für Unterrichtszwecke benutzt. Seitens der Schul­leitung wird alles gethan, um die Fachschule nach jeder Richtung zu heben, und kann den Kaufleuten nicht warm genug empfohlen werden, ihren Lehrlingen Gelegenheit zu geben, die Fachschule zu besuchen.

* * Schulhyg eaischer Vortrag. In dem Zeichensaal der Stadtknabenschute hielt am Freitag Vormittag Kreisarzt Med.-Rat Dr. Haberkorn einen Vortrag überdie verschiede­nen Arten der Beleuchtung unserer Schulräume mit Petro­leum Leuchtgas, Gasglühlicht, Aceetylen und Elektrizität" und ferner überdie Heizungseinrichtungen in den Schulen". Besonders interessant waren die Belehrungen des Redners überKohlensäuregehalt der Schulluft, Festellung desselben und Ventilirung der Schulzimmer". An den Vortrag schloß sich eine Besichtigung der Heizungsanlagen in der Stadt­knabenschule. An der hygienischen Konferenz nahmen die Lehrer aus Wieseck, Heuchelheim, Kleinlinden, Hausen, Rödgen, Trohe, Alten-Buseck, Lollar, Ruttershausen, Daubringen, Mainzlar, Stauffenberg und Annerod teil.

* * Ein unvorsichtiger Radfahrer. Am Freitag Nachmittag überfuhr in der Löberstraße dahier ein Radfahrer einen Kna­ben Der Radfahrer trägt insofern Schuld an dem Unfall, als er übermäßig rasch fuhr und seine Annäherung durch Glockensignal nicht zu erkennen gab. Er wurde zur Anzeige gebracht.

* * Zu viel des Guten. Am Sonntag Nachmittag mußte tin zugereister Handwersbursche, welcher in stark angetrunke­nem Zustande auf dem Trottoir m der Bahnhofstraße lag, in Polizeigewahrsam genommen werden.

* * Unfug. Am Sonntag Abend wtirde einem Bewohner in der Wetzsteingasse an seinem Hause in böswilliger Absicht eine Fensterscheibe eingefchlagen. Anzeige ist erhoben.

* * Der größte und der kleinste Soldat unserer Garnison haben sich beim Photographen Becker auf einem Bilde photo­graphieren lassen. Der Riese und der Zwerg sind im Schau­kasten des Herrn Becker in der Bahnhofstraße ausgestellt und erregen allgemein das Interesse der Vorübergehenden.

* Die Knappheit der fetten Schweine, über die die Fach- presie der Metzger kürzlich Klage führte, scheint, soweit unsere Gegend in Frage kommt, nicht vorhanden zu sein. In Gießen wurden im städtischen Schlachthause, außer den Haus­schlachtungen, deren Zahlen wir in Klammern beifügen, in den letzten 5 Jahren an Schweinen geschlachtet: 1897/98 10 077 (42), 1898/99 9480 (36), 1899,1900 10 029 (40), 1900/01 10 675 (40), 1901/02 10 353 (27). Der Konsum dieses Nahrungsmittels ist also im abgelaufenen Jahre trotz der erhöhten Preise gegen das Vorjahr nicht erheblich zurück­gegangen.

* * Zirkus Lobe wird von Dienstag ab auf Oswalds Garten einige Vorstellungen geben. Dem Zirkus geht ein guter Ruf voran. So lesen wir u. a. in einer Kritik eines auswärtigen Blattes über die Leistungen der Künstler:

Zirkus Lobe hat das zahlreich erschienene Publikum mit seinen Darbietungen in jeder Weise befriedtgt. Die Direktion legt nicht nur Wert auf tüchtige Künstler und ein auserlesenes Pferdematerial, sondern versteht dem Publikum auch durch Kostüme und gefällige Anordnungen einen Sinnenreiz zu geben. Dazu kommt ein wohlge­schultes, flott und exakt konzertierendes eigenes Orchester. Als hervorragendste Kräfte des Ensembles seien die Ge­schwister Frl. Eugenie und Herr Alexander Lobe ge­nannt. Tas junge Mädchen entfaltete als Kunstfahrerin und Schulreiterin ein in Anbetracht ihrer großen Jugend sehr achtbares Können. In Herrn Alexander Lobe lernten wir einen Schulreiter ersten Ranges kennen. Das Sensa­tionsstück des Abends war das Auftreten des Singhalesen Mstr. Ranni, dessen ebenmäßige Kvrperformen jedes Künstler äuge erfreuten und dessen Kraftleistungen ümso erstaunlicher sind, als der dunkelfarbige Sohn der Insel Ceylon einen fast zierlich zu nennenden Wuchs, dabei freilich eine eisenfeste Muskulatur besitzt. Die Fußsohlen des Mannes müssen eine sehr respektable Hornhaut be­sitzen, denn er Heitert barfuß uaf scharfen Säbeln und Nägeln herum. Daß er gute Zähne sein eigen' nennt, be­wies er dadurch, daß er eine zollstarke Eisenstange, ledig­lich mit dem Unterkiefer anstemmend, zum rechten Winkel verbog. Das reichhallige Programm wurde ohne Pause und doch ohne Ermüdung der Zuschauer absolviert.

* * Kreisausschußfitzuug des IX Mütelrheinischen Turn- Kreises. Am Samstag, den 26. April, fand die Sitzung des Kreisausschusses des 9. mittelrheinischen Kreises in Limburg im GasthofAlte Post" statt. Die für dem Kreisausschuß speziell auf der' Tagesordnung stehenden Angelegenheiten, be­treffs Genehmigung einiger Gesuche von Gauvereinen, Ver­schiebung bezw. Richtigstellung der Gaugrenzen, Bewilligung von Unterstützungen an Vereine zu ihren Turnhallbauten :c. fanden bis gegen 9 Uhr abends ihre Erledigung. Während der Verhandlungen über die Tagesordnung für den Kreisturntag am folgenden Tage, traf den Geschäfts- ührer des Kreises den Großh. Registrator Thierolf, während er über die neuzugründende Kreiszeitung referierte, ein Schlaganfall, dem er am nächsten Morgen, kurz vor dem Beginn des Kreisturntages, erlag. Mit dieser er- chütternden Mitteilung mußte der Vorsitzende des Mittel- rheinischen Kreises, Herr E. Schmuck, den Kreisturntag er­öffnen, und alle Teilnehmer erhoben sich zu Ehren des Verstorbenen in tiefernster Stimmung von ihren Sitzen. Wer Thierolf als Freund und Vor- und Mitarbeiter im Dienste der Turnsache gekannt, muß dem in der Arbeit für die Tur­nerei abgerufenen Mann ein ehrendes Andenken für immer bewahren. Unter dem Eindruck dieser traurigen Begebenheit verliefen die Verhandlungen über die unbedingt zur Er­ledigung zu bringenden Punkte der Tagesordnung in streng sachlicher Weise. Aus dem Berichte der Kreisvertreter war u. A. zu entnehnien, daß der Mittelrh. Kreis der deutschen Turnerschaft am 1. Januar 1902 19 Gaue, 682 Vereine mit 67 487 Mitgliedern über 14 Jahren nachweist. Zöglinge sind es 9803. Dem Turnverein Böllfeld bei Klingenberg ist eine Unterstützung von Mk. 200 zum Turnhallenbau, der Bornsliftung Mk. 50 aus der Kreiskasse gewährt worden. Der Kreisturnwart Heydecker berichtete in eingehender Weise über die Turnerei im abgelaufenen Jahr und munterte zum Schlüsse alle Turner auf, recht tüchtig ans Werk zu gehen, daß auf dem Kreisturnfest in diesem Jahre in Worms und auf dem Deutschen Turnfest in 9iürnberg die Früchte der Arbeit zu erlangen seien. Für den verstorbenen Geschäfts­führer Th. berichtete das Mitglied des Geschäftsführenden Ausschusses, Münch, über die Kassenverhältnisse. Danach hatte die Kreiskasse im abgelaufenen Jahr eine Einnahme von 7586.37 Mk. und eine Ausgabe von 5609.07 Alk., mit­hin verblieb ein Ueberschuß von 1977.30 Mk. Ferner ge­nehmigte der Turntag, daß das diesjährige Kreisturnfest am 3.5. August in Worms stattfindet, daß daselbst em Fest­zelt, statt einer großen Festhalle, wie seither Gebrauch, auf­gestellt werden könne, die Turner jedoch wie seither 200

Mark Festbeitrag zu entrichten haben. Der Turnerschast Coblenz wurde das Kreisfest für 1904 übertragen. Die Anträge 1013 wurden teils zurückgenommen, teils dem Geschäftsf. Ausschuß zu weiterer Behandlung und Neu-Vor- lage überwiesen. An dem 64. Kreisturntag nahmen teil: Geschäftsführender Ausschuß 4, Turn-Ausschuß 3, Kreis- Ausschuß 16, Kreis-Turnwarte 11, Vertreter mit Vollmachter- 237; zusammen 271 Mitglieder.

o. Abcndstern, 27. April. Am Samstag Abend versam­melten sich nach beendetem Dienst in der Wirtschaft der Wwe. Duill sämtliche Beamte der Bieberthalbahn, um beim Glase Bier einige Stunden zu verleben. Diese geselligen Zu­sammenkünfte der Beamten sollen von Zeit zu Zeit wieder­holt werden.

X Dutenhofen, 27. April. Die nächtlichen Besuche und Einbrüche sind hier wieder an der Tagesordnung. Offen­bar hat man es hier mit derselben Person zu thun, welche mit Vorliebe in die Wirtschaften einsteigt. Während früher solche Besuche schon zweimal demJagdschlößchen" und der unterenAdler'schen Wirtschaft" abgestattet wurden, wurde diesmal in die obereAdler'sche Wirtschaft" eingestiegen. Die That wurde mit großer Dreistigkeit ausgeführt, indem der Betreffende sich sogar in ein Schlafgemach im dritten Stocke wagte. Daselbst hat er die Weste samt der Uhr des dort schlafenden Sohnes mitgehen heißen. An Barschaft ist ihm aber nur wenig in die Hände gefallen, dagegen hat er auch hier sich an Speise und Trank gelabt. Auch in der Schul­wohnung, welche aber zurzeit leersteht, ist in derselben Nacht eingebrochen worden, indem mehrere Fensterscheiben eingedrückt wurden.

Butzbach, 26. April. Der bekannte Melchior Thomas, von dem vor einiger Zeit berichtet wurde, daß er zur Beo­bachtung seines geistigen Zustands von der Zellenstrafanstalt in Butzbach in die psychiatrische Klinik nach Gießen überge­führt worden sei, ist für geistesgesund erklärt worden und zur Verbüßung des Restes seiner Strafe in die Zellenstrafanstalt Butzbach wieder überführt worden.

Pfeddersheim, 26* April. Gestern nachmittag ist wegen Unterschlagung anoertrauter Gelder und Urkunden­fälschung der Notar Willen büch er verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis nach Mainz abgeführt worden.

F.C. Wiesbaden, 27. April. Feldmarschall Lord Ro­berts ist gestern zum Kurgebrauch hier eingetroffen.

Vermischtes.

Kiel, 25. April. Während der Fahrt des Uebungs- gefchwaders, das heute die Reise nach England angetreten hat, erlitt das LinienschiffKaiser Wilhelm der Große" eine Maschinenhavarie und kehrte gegen Mittag nach der täiserl. Werft zurück.

* Antwerpen, 26. April. An Bord des Dampfers Kiautschou", welcher auf seiner Fahrt nach China hier angelegt hat, wurden 8 Arbeiter durch das Zusammenbrechen einer Brücke in den Lagerraum geschleudert, wodurch einer derselben lebensge jährlich, die übrigen leichter verletzt wurden.

* Paris, 27. April. Ein Metzgergeselle erstach in einem Wutanfall seine Geliebte und richtete dann das Messer gegen sich selbst. Das Mädchen war sofort tot, der Metzger­geselle wurde schwer verwundet in em Krankenhaus gebracht. In Montmartre wurde em Arbeiter in seiner Wohnung von einem Einbrecher durch Axthiebe erschlagen. Seine junge Frau stürzte sich, da kein anderer Ausweg blieb, drei Stock hoch aus dem Fenster und blieb tätlich verletzt auf dem Platze liegen.

Gerichtssaal.

L: Gießen, 26. April. Schöffengericht. Das Schöffen-- gericht verhandelte heule u. A. in der Strafsache gegen eine hiesige Haushälterin, die sich bet ihrer Dienstherrschaft scheinbar einer Vorzugsstellung erfreut, wegen Körperverletzung. Der Beschuldigten wird zur Last gelegt, dem kleinen Knaben ihres Dienstherrn mit solcher Wucht einen Schlag in den Rücken versetzt zu haben, daß der Geschlagene zu Fall kam, mit dem Gesicht in das Kratzeisen schlug und blutige Verletzungen davontrug. Tas Gericht verurteilt die bisher unbescholtene 'Angeklagte zu einer Gefängnisslrase von 5 Tagen. Gegen eilten wider einen Schuhmacher ztl Kleinlinden erlassenen Strasbesehl über 3 Mark als Strafe wegen Uebertretung der polizeilichen Vorschriften bezüglich des Schüttens von Wasser auf die Straßen bei Frostwetter hatte der Beschuldigt Einspruch erhoben, der indeß, da ein Verschulden seinerseits als erwiesen gilt, kostenfällig verwiesen wird. Ein in Frankfurt a. M. beschäftigter Arbeiter aus Lang-Gölis hatte sich neben einer gegen die Person des dortigen Polizetdieners gerlchteteii Beamtenbeleidigung noch der Ruhestöruiig schuldig gemacht, andere Hausbewohner mit Schuhen altackirt und fremde Personen mit Wasser begossen. Wegen Belei- diguttg wird der Atigeklagte zu 20 Mk., wegen der ihm zttr Last gelegten Uebertretungen zu je 5 Mk. Geldstrafe verurteilt.

t en berg, anzusehen wie eine mittelalterliche Feste, die sich halb versteckt unter den verschwenderischen Gaben dieses herrlichen Frühlingstages. E.n so malerisches Bild, daß mau's gerne festhieite im Gedächtnis für die vielen trüben Tage, die der stürmische Herost und der düstere Winter bringen. Mehr im Vordergründe zeigt sich Sel­ters, links über dem rechten Nidd-rufer Konradsdor s, das ein lang ausgedehntes in Blute stehendes Rap'sfeld im Halbkreise umgiebt, wie der Goldfchmuck den vollen Hals einer Schönen.

Rascher fast als ich es wünsche, erreichen wir Bü­dingen. Zahlreiche Fahrgäste steigen Hier aus. Wetter­gebräunte Landwirte haben Haus und Hof heute im Stich gelassen, um einer landwirtschaftlichen Versammlung an- z'uwohnen. Ich werde mitgenommen, der landwirt­schaftliche Bezirksverein Büdingen hält seine Frühjahrshauptversammlung ab. Im alten Rathaussaale, dessen Decke von mächtigen hölzernen Pfeilern getragen wird, versammeln sich allmählich vielleicht 150 Landwirte und solche Herren, die bei dergleichen Anlässen dazu gehören. Noch ist eine Viertelstunde Zeit bis zum Beginn. Die Stimmen der Versammelten schwirren lebhaft durcheinander, Bekannte, Freunde, Nachbarn, die sich wäh­rend der angestrengten Thätigteit in der Frühjahrsbestel­lung nicht gesehen, begrüßen Hch, tauschen Erlebnisse aus, unterrichten sich gegenseitig über den Stand der Felder, geben guten Rat, helfen teilnehmend hinweg über etn Miß- geschick. Ich wandere, als ziemlich Utibcfannter unter den lebhaft Plaudernden umher, höre und versuche mir durch fba5 Vernommene ein Bild zu machen über die Aussichten.

und die Ansichten in der Landschaft des Kreises. Große Kartoffelvorräte liegen noch unverkäuflich in den Kellern. Von einer anderen Seite höre ich: ich verwerte den Zentner Kartoffeln in meiner Brennerei nur noch mit 60 Pfennigen. Ein anderer klagt: die Kartoffeln werden uns nächstens zum Kellerloch hinauswachsen. Ein fünfter lobt unseren Kaiser, daß er die Schiffahrtsgesellschaften und andere große Unternehmer veranlaßt, ihre Kraftmaschinen mit Spiritus zu Heizen. Das kann Helsen, meint ein anderer, wenn erst unsere Lokomotiven statt eines mit Kohlen gefüllten Tenders ein Spiritusbassin hinter sich haben und aus diesem ihr Heizmaterial schöpfen, dann wird auch der Kartofselbau etwas einbringen. In einer anderen Gruppe lobt ein kleiner von der Frühjahrssonne tief gebräunter Herr feinen Raps: so hoch ist er schon, und er hebt die Hand über seine eigene Figur hinaus, und er wird noch länger (der Raps nämlich). Wir könnten schon das Vieh auf die Weide treiben, sagt ein anderer; wenn das Wetter so bleibt, wird bald Klee ge­füttert; meine Rüben stehen schon reihenweise; mit den Arbeitskräften ist es noch wie im vergangenen Jahre: ich habe bei acht Pferden einen Knecht, ein Paar Pferde muß mein Sohn beschäftigen, das dritte aPar der Verwalter, ein Paar ein alter Taglöhner. Ich habe Russisch-Polen, ich Galizier, ich Hinterländer. Meine Polen sind schon geimpft, die lassen sich jedes Jahr impfen, die Impfscheine bringen sie nicht wieder mit. Was sollen wir mit den Zuckerrüben anfangen? Wir können doch nicht auch noch den reinen Zucker verfüttern. So lckbts und klagts und berichtets bunt durcheinander. Im allgemeinen ist die Stimmung wie immer im F«ühUrrg bei den Äsndwirtsn Hv^nngSsroh. Die Liebe

zur heimatlichen Scholle, die zuversichtliche Stimmung, der sich selbst der Schwarzseher im Frühling nicht ganz entziehen kann, die Freunde an der gewohnten Arbeit in Gottes freier Natur, die Beobachtung des Erfolges dieser Arbeit bei der Entwickelung der Saaten halten die Landwirte bei ihrem Berufe fest. Kommt dann die Erntezeit mit ihren Sorgen und Enttäuschungen in Bezug auf die Menge oder die Güte und die Preise der nun endlich geborgenen Feld- erzeugnisse, so sinkt nicht selten die Stimmung mit der Herbsttemperatur auf den Gefrierpunkt zurück.

Tie Verhandlungen begannen, ein Vortrag über die Behandlung der Obstbäume, besonders der Düngung der­selben, wurde gehalten. Die Meinungen gingen etwas aus­einander. Auch über Reinzucht und Kreuznngszucht wurde gesprochen. Eine Miirderheit verlangte, daß das aus reinem Yorkshire-Blut und dem deutschen Landschwein hervorge­gangene Kreuzungsprodukt bei Prämiierungen dem reinen Yorkshire-Blut gleichgeschäht werden solle. An der Debatte beteiligten sich eine ganze Anzahl Herren. Die Mehrheit lehnte bei der Abstimmung den gestellten Antrag ab.

Tie Vorsitzenden des Vereins wurden durch Zuruf wieder gewählt, ebenso einige Ausschußmitglieder, die mit dem Schluß des Vereinsjahres auszutreten hatten. Tie Rech­nung für 1901 des Vereins wurde vorgelegt, der Voranschlag für 1902 genehmigt und dann die Sitzung geschlossen. Da­nach begann ein gemeinsames Mittagsessen, während ich aus dem Kreise scheiden und meine Reise fortsetzen mußte, weiter in den Frühling hinein.