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27/11/1902 Zweites Blatt
 
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Lmrch Bewilligung solcher widerruflich^^ nicht penfionS- fähigen, im Eiuzelfall den Betrag von 150 Mark nicht übersteigenden Zulagen auch für wenig begehrte Stellen leichter als bisher tüchtige Lehrer zu gewinnen und zu erhalten und dadurch den sonst naturgenräß zum Nachteil der Schule sich vollziehenden öfteren Wechsel in der Be­setzung derartiger Stellen einschränken zu Kirnen.

Die Forderungen für die Landwirtschaft halten sich im ganzen so ziemlich in den Grenzen der bisherigen Bewilligungen, 30 000 Mark Beiträge an be­dürftige Gemeinden zu den Küsten für Erbauung von Wasserleitungen und Ausführrrng wasserwirtschaft- Ncher Meliorationen, die bisher im Vermögensbudget an­gefordert und bewilligt waren, sind jedoch ins Verwalt- üngsbudget übertragen worden, da es sich hierbei um voraussichtlich noch auf längere Dauer erforderliche Aus­gaben handelt.

Unter einem neuen .KapitelHofmusik" erscheint erst­mals in teilweiser Willfahrung des auf dem vorigen Landtag gestellten Ersuchens eine Anforderung von 12100 Mark für nichtpensionsfähige Dienstalterszulagen der Mitglieder der Hofmusik. Schließlich ist an Stelle des unter dem bisherigen KapitelViktoria-Melita-Ver- ein. Hessischer Zentral-Verein für Errichtung billiger Wohnungen" vorgesehen gewesenen Beitrags zu diesem Verein von 6000 Mark unter dem neuen KapitelZur Förderung der Wohnungsfürsorge für Minder­bemittelte" eine Ausgabe von 8000 Mark, und zwar 6000 Mark für eine Landeswobnnngsinspektion und 2000 Mark staatlicher Zuschuß zur Förderung des Wohnungs­wesens auf Grund des Gesetzes, die Wohnungsfürsorge für Minderbemittelte betreffend, eingestellt.

Aus der 9. Hauptabteilung: M inisterium der Justiz ist hervorzuheben die zwecks Errichtung einer weiteren Strafkammer vorgesehene Vermehrung des Richter­personals am Landgericht in Mainz Um 1 Direktor und 2 Mitglieder, sowie die Einstellung von 9 neuen Hilfs­gerichtsschreiberstellen, womit die int Interesse des Dienstes angezeigte und schon lange angestrebte Gleich­stellung der Zahl der dekretmäßig angestellten Gerichts­schreibereibeamten mit der Zahl der Richter erzielt werden soll. Dem durch letztere Maßregel veranlaßten Mehr­bedarf steht übrigens eine Ersparnis gegenüber in fast gleicher Höhe unter Schreibhilfe bei den Amtsgerichten, woselbst die Vergütungen von 9 Gerichtsschreibergehilfen ausscheiden. Im ganzen beziffern sich die Einnahmen für das Ministerium der Justiz auf 2 043 492 Mark und die Ausgaben auf 4 347 027 Mark, der Zuschuß bedarf sonach auf 2 303 535 Mark, oder 202 400 Mark mehr als im laufenden Hauptvoranschlag.

Die 10. Hauptabteilung: Ministerium der Fi­nanzen schließt in Einnahme mit 320 977.36 Mark und in Ausgabe mit 1944 075.42 Mark ab, sie erfordert also einen Zuschuß von 1 623 099.06 Mark oder 61382.70 Mark mehr als für 1902/03 vorgesehen und giebt im übrigen zu besonderen Bemerkunien keinen Anlaß.

Schluß folgt.

Deutsches Reich.

Berlin, 26. Nov. Am Samstag wird der Kaiser der Einweihung der Nuhmeshalle und des Kaiser Friedrich- Museums in Görlitz beiwohnen und dann nach Breslau fahren, wo er bei dem Offizierkorps des Leibkürassier- Regiments speisen wird. Von dort begiebt sich der Kaiser nach Neudeck, Großstrelitz, Slawentzitz und Trachenberg, um an Jagden teilzunehmen. Am 7. Dezember kehrt der Kaiser nach Berlin zurück.

In der Technischen Hochschule wurde heute die vierte Hauptversammlung der Schiffsbautechni­schen Gesellschaft durch den Großherzog von Olden­burg eröffnet. Der Kaiser wird morgen den Verhand­lungen beiwohnen. Auf Wunsch des Kaisers hat daher, wie der Vorsitzende mitteilte, eine Programmänderung stattgefunden, sodaß die für heute bestimmten Vorträge morgen gehalten werden sollen. Ohne weitere Begrüß­ungsansprachen wurden heute sogleich in die fachwisseu schaftlichen Arbeiten eingetreten. Die Gesellschaft er­nannte den Kronprinzen zum Ehrenmitglied.

Wie dasBerl. Tagebl." wissen will, hat Landrat v. Stubenrauch den ihm angetragenen Posten des Berliner Polizeipräsidenten an Stelle Wind­heims abgelehnt.

Die Kinderarbeitskommission des Reichs­tages begann die zweite Lesung des Entwurfs und nahm den § 1 in der Fassung der ersten Lesung unter Ableh­nung des Antrages Wurm, die Gärtnerei ausdrücklich in diesen Paragraphen aufzunehmen, an. Tie Kommission nahm sodann wiederum die Resolution Hihe betr. Er­hebungen über die Lohnbeschäftigung der Kinder in der Landwirtschaft unter Ausdehnung der Erhebungen auf die Lohnbeschäftigung der Kinder im Haushalt an Schließlich wurde § 2 unverändert angenommen.

Dresden, 26. Nov. Der König hat genehmigt, daß der Gesandte au den Süddeutschen Höfen, Freiherr von Friesen, das ihm von dem Grvßherzog von Hes­sen verliehene Großkreuz des Ordens Philipps des Großmütigen annehme und trage.

Greiz, 26. Nov. Wie sich die Zeiten ändern! Am Montag sind (roie schon gemeldet) am Hofe zu Bückeburg die drei ältesten Prinzessinnen Reuß ä. L. dem deutschen Kaiser voraestellt worden und haben darauf im Schlosse des Fürsten Georg zu Schaumburg-Lippe an der zu Ehren des Kaisers stattgehabten Gala-Tafel teil- genommen. Zu Lebzeiten des Fürsten Heinrich XXII. hatten die hier sehr verehrten Prinzessinnen nichts, auch gar nicht? von ihrer hohen Geburt. Der Fürst verbot seinen Töchtern die Teilnahme an jedem höfischen Vergnügen, und am Greizer Hofe gehört der lebte Hofball einer längst vergangenen Zeit an. Jedenfalls wird nunmehr für die Prinezfsinnen ein anderes Leben beginnen, und die Einführung am Berliner Hofe dürfte nach Ablauf des Trauerjahres sicher sein. Auch am Hofe zu Dresden 'oll die Einführung der Prinzessinnen erfolgen, wenigstens bringt man den vor längerer Zeit stattaehabten Besuch der Tante der Prinzessinnen, der Erbgräfin von Ysenburg, bei der Königin Carola von Sachsen damit in Zusammenhang.

Koburg, 26. Nov. Die geschiedene Großherzogin Viktoria Melitta voll"ndete gestern ihr 26. Lebens­jahr. Sie beging ihren Geburtstag mit einer in den Räumen des Hoftbeaters veranstalteten Dallsestlichkeit, zu welcher Über 200 Personen Einladungen erhalten hatten.

Trier, 26. Nov. Die zahlreichen"Zeitungsunternehm- imgen des '216g. Kaplan DaSbach wurden" in eine Ge­sellschaft mit beschränkter Haftung umgewandelt. Der

Reingewinn soll zu Gunsten dar kathol. Presse verwendet werd em

Straßburg, 26. Nov. Eine außerordentliche Ge­neral-Versammlung des Wahlvereins der Volkspartei sprach sich einstimmig für den Anschluß an das Zentrum aus und erklärte sich als Straßburger Zentrums- Verein. Gleichzeitig erklärte sich der über 3000 Mit­glieder starke Verein bereit, Hand in Hand mit den Ge­sinnungs-Genossen des Reichs zu gehen.

München, 26. Nov. An Stelle des aus Gesundheits­rücksichten zurücktretenden Justizministers Leonrod ist der bisherige Reichsgerichtsrat Miltner zum Justiz-Mi­nister ernannt worden. Der Prinzregent ließ heute dem aus dem Amte scheidenden Justizminister Freiherrn von Leonrod ein außerordentlich gnädig gehaltenes Hand­schreiben sowie sein Bild in Broncehautrelief überreichen. Heute vollendet Freiherr v. Leonrod das 51. Staatsdienst- jahr.

Ausland.

London, 26. Nov^ Ter frühere Vicepräsident von Transvaal, Schalk Burger, kam hier heute früh aus Holland an; er wird am Samstag nach Südafrika ^urück- reisen. Gleichzeitig wird sich auch Wessels dorthin be­geben.

London, 26. Nov.Daily News" meldet aus Libre­ville, daß die französische Kolonne, die abgesandt worden war, um die Ermor dun g des Hauptmanns Langlois zu rachen, gezwungen worden sei, unver­richteter Sache wieder zurückzukehren. Tie Kolonne, welche mehrere Verwundete hatte, mußte der Uebermacht der Eingeborenen weichen und sich unter dem Schutze der Nacht zurückziehen.

Haag, 26. Nov. Von Burenseite wird mitgeteilt, daß seit Beginn des südafrikanischen Krieges keine geheimen Gelder der Transvaal-Regierung nach Europa gesandt worden sind, es seien im Gegenteil no ch bedeutende Summen aus dem in Europa angelegten Kapital während des Krieges nach Transvaal zurückgesandt worden.

Paris, 26. Nov. Die Zvllkommissivn wählte den Deputierten Jonnart zum Vorsitzenden. Dieser hielt eine Ansprache, in der er sich als Anhänger der Ständig- keit im gegenwärtigen Zolltarife erklärte. Es sei von Wich­tigkeit, eine internationale Ko nferenz zu ver­anstalten, um die täglich wachsende Gefahr zu beschwören. Redner zweifelt allerdings daran, daß eine inter­nationale Verständigung möglich sei. In jedem Falle aber müsse Frankreich handeln und dürfe nicht warten, bis die Konkurrenten neue Waffen geschmiedet hätten. Frankreich werde sich fragen müssen, wie es den eigenen Markt durch Differentialzölle schützen könne, die durch die Brüsseler Konferenz prinzipiell zugelassen seien.

Bei der Uebernahme des Präsidiums der H e e res- kommission hielt Huyvt-Dessaigne eine Ansprache, in welcher er ausführte, heute handle es sich um die zwei- jährigeDienstzeit, vollständige Aufhebung aller Urlaubsbewilligungen, salbst für diejenigen, die die Stütze der Familie seien. Der letzteren müsse man durch Fürsorgegesetze zu Hilfe kommen.

Rom, 20. Nov. (Kammer.) Der Präsident verliest eine Depesche, welche er anläßlich der Geburt der Prin­zessin Mafalda dem Könige sandte. Ter Minister­präsident bringt einen Gesetzentwurf ein betreffend stufen­weise Herabsetzung der lästigen Steuern und anderer Maßregeln zu Gunsten der Arbeit der landwirt­schaftlichen uno industriellen Produktion. Ter Justizminister und der Ackerbauminister bringen andere Gesetzentwürfe ein, von denen sich einer auf die Eheschei­dung und ein anderer auf Trockenlegung der Cam­pagna bezieht.

Wien, 26. Nov. Ter alldeutsche Verband in Berlin wandte sich an mehrere deutschnationale Abgeord­nete mit dem Ersuchen, in deutschen Städten wie Karls­ruhe, Göttingen, Freiburg ic. Vorträge über die politischen und nationalen Verhältnisse in Oesterreich zu halten. Bis auf Tr. Beuerle haben die übrigen Abgeordneten die Einladung abgelehnt.

Abgeordnetenhaus. Im Einlaufe befindet ich ein Tringlichkeitsantrag der Jungtschechen auf Vor- legung des Wehrgesetzes, durch das die zweijährige Militärdienstzeit eingeführt und für die zur Arbeit nötiaen Söhne der mittleren Stände, insbesondere der kleinen Landwirte Begünstigungen festgesetzt werden sollen.

Deutschlands Tabakverhältn-sse.

Der ReichSschatzsekretär hat, wie unsere Leser wißen, im Reichstag bekannt gegeben, daß für 1903 ein Reichsdestzil von 150 Millionen Mark zu erwarten ist, und hat, was wir freilich nicht gar so ernst zu nehmen brauchen, gedroht, daß auS diesem Grunde neben dem Bier auch der Tabak stärker zur Steuer herangezogen werden dürfte. Die? veranlaßt unS, die Tabakverhältnisse unseres Vaterlandes ein wenig zu beleuchten.

Denken wir unS von dem unbearbeiteten pro Jahr ein- geführten Tabak einen großen Ballen gebildet, so würde der­selbe bei Würfelform eine Kantenlänge von 78 Meter haben, und sein Gewicht die Kleinigkeit von 59 956 000 Kilogramm betragen. Wenn man sich weiter diesen ganzen Tabak zu einer einzigen großen Zigarre verarbeitet vorstellt, so würde sie den ärgsten Kettenraucher matt setzen, denn sie brennt 97 612 Ja tue, 6 Monate und 12 Tage lang. Bescheidener nehmen sich die Daten über die »importierten Zigarren und Zigaretten* auS. Verhältnismäßig klein ist daS Volumen der 53 000 Kilogramm wiegenden Kau- und Schnupftabake. Im Gegensatz zu der ganz be­deutenden Tabakeinfuhr recht gering zu nennen, ist die Aus­fuhr deutscher Tabake. Gigantischen Umfang aber wäre ein Ballen, in welchem der von der deutschen Nation insgesamt pro Jahr verbrauchte Tabak verpackt werden würde; er wiegt ohne Emballage 83102 000 Kilogramm. Drehen wir auS diesem Tabakvorrat eine Zigarre von 2 Zentimeter Durchmesser, so würde dieselbe eine Länge von 237 437 857 Kilometer haben, und denken wir uns ferner einen Bewohner deS MondeS im Besttz einer Zigarre, die auS dem vorhin erwähnten, nach Deutschland eingefübrten, Tabak hergestellt ist, und die dementsprechend 171302 877 Kilometer lang sein würde, so könnten Mond- und Erdbewohner sich ihre Zigarren bequem an einander anstecken, denn der Mond ist selbst bei feiner weitesten Abweichung von der Erde doch nur 407 000 Kilometer entfernt AlleS in Allem kann der Deutsche als ein passiv uerter Raucher gelten. ES gibt dies

bei einem Durchschnittsalter von 35 Jahren auf den Kops der männlichen Bevölkerung Deutschlands eine Zigarre von 3,12 Meter Länge, 0,64 Meter Durchmesser und 105 Kilo­gramm Gewicht.

Aus Stadt und Laad.

Gießen, den 27. November 1902.

Bei der vorgestrigen Gala täfel im Großberzog. lichen Residenzschlosse zu Darmstadt anläßlich der Eröff­nung des 32. Landtags brachte S. K. H. der Groß- Herzog ein Hoch auf die Stände des Großherzogtums und das Hessenland aus. Der erste Präsident der Ersten Kammer, der Graf zu Schlitz-Goertz brachte den Toast auf S. K. H. den Großherzog, der erste Präsident der Zweiten Kammer Geh. Reg.-Rat Haas den Trinkspruch auf das gesamte Groß­herzogliche Haus au§. 93 Gedecke waren an der festlichen Tafel aufgelegt. Im Großh. Hoftheater wurde, wie wir gestern schon meldeten, zur Feier dcS GeburtSfesteS E. K. H. des Groß Herzogs als Festvorstellung Richard WagnersFliegender Holländer* aufgeführt. Die Vorstellung fand bei festlich beleuchtetem, bis fast zum letzten Platze besetztem Hause statt. Ein Teil dee Hoflogen, deS ersten RangeS und des Sperrsitzes war für die StandeS- herren, die Spitzen der Behörden, sowie die Mitglieder der Ersten und Zweiten Ständekammer reserviert, welch' letztere der an sie ergangenen Einladung zum Besuche der Vorstell- ung zahlreiche Folge geleistet hatten. Als S. K. H. der Groß Herzog mit den z. Z. hier anwesenden Höchsten Herr­schaften kurz nach 7 Uhr erschienen, forderte Oberbürger­meister Morneweg die Festoersammlung auf, die ehrfurchts­vollen Geburtstagsglückwünsche für unseren hohen Landes­herr zusammenzufasien in dem Rus: ,S. K. H. der Groß- Herzog Ernst Ludwig lebe hoch!* Begeistert stimmte das Publiktim drei Mal in den Hochruf ein, um sodann die von dem Hoforchester intonierte Fürstenhmne stehend anzuhören.

* * Der Geburtstag des GroßherzogS ist im ganzen Lande festlich begangen worden. Eine große Reihe von Berichten sind uns über die Feier zugegangen; eS ist uns aber zu unferm Bedauern wegen Raummangels nicht möglich, dieselben abzudrucken.

* Konzert-Verein. Wir haben in der MontagS- Nummer, um unsere Leser zu informieren, der Pianistin Hed­wig Meyer, die hier noch weniger bekannt ist, ausführlich gedacht und es wäre ungerecht, die andere junge Künstlerin ganz zu übergehen. Wir dürfen uns aber kurz fassen, denn Frl. Strache hat bereits in Gießen Beweise ihres schönen Könnens geliefert. Die junge Geigerin war eine Schülerin Meister Joachims, absichtlich vermeiden wir die Bezeichnung LieblingSschülerin, von denen Joachim, zu feinem höchsten Erstaunen, Legionen besitzen muß. Aber eine der begabtesten war Frl. Strache, daS bezeugen unS die Urteile erster Kritiker aus Berlin, Wien und anderen großen Plätzen. Ein Blick in das Programm belehrt unS, daß Frt Strache nach dem Höchsten ftrebt und in der klastischen, wie in der mo­dernen Richtung vollkommen zu Hause ist.

* Oberhessische Gesellsch af t für Natur- uni Heilkunde. Am Montag den 24. November, abends, hat Prof. Dr. K. ElbS in der Oberhest. Gesellschaft für Natur- und Heilkunde einen Vortrag »über künstlichen Indigo* ge­halten. Der Indigo war schon im Altertum bekannt und ist bis auf den heutigen Tag der wichtigste und geschätzteste blaue Farbstoff geblieben. Die Quelle dieses Farbstoffes ist die Indigopflanze, von der mehrere Arten in warmen Gegenden im Großen angepflanzt werden. Schon feit 30 Jahren hat die technische Chemie in Deutschland Anstrengungen gemacht, den Indigo synthetisch herzustellen und die rd. 10 Millionen Kilo Indigo, welche in indischen und centtalamerikanischen Pflanzungen jährlich erzeugt werden, in chemischen Fabriken zu gewinnen. Bevor die Technik an die Bewältigung dieser Aufgabe berantreten konnte, mußte selbstverständlich durch rein wissenschaftliche Arbeiten der Bau deS JndigomolekülS erkannt und Wege zu feinem synthetischen Aufbau auS einfacheren organischen Stoffen gefunden fein. Diese Vorbedingungen wurden erfüllt in den Jahren 1864 bis 1890 durch eine lange Reihe von chemischen Untersuchungen, vor allem durch die Arbeiten von Baeyer und seinen Schülern im Münchener Universitätslaboratorium. Im Anschluß an diese Unter­suchungen gelang es, einige synthetische TarstellungSverfahren für Indigo technisch in einigen chemischen Fabriken, so in bet Badischen Anilin- und Sodafabrtk in Ludwigshafen a. Rb. und den Höchster Farbwerken in Höchst a. M. durchzuführen, doch waren die Erfolge nur gering, weil die erforderlichen Ausgangsmaterialien kostspielig und schwer darstellbar waren. Im Jahre 1897 endlich war die Badische Anilin- und Soda­fabrik so weit, den künstlichen Indigo billiger herstellen zu können als der Pflanzenindigo jemals war. Als AuSgangS- material dient Naphtalin und Essigsäure; für die Gewinnung der Zwischenprodukte werden riesige Mengen an Schwefel­säure (jährlich 50 000 Tonnen, die Tonne zu 1000 Kilo) und Chlor (6 Millionen Kilo jährlich) verbraucht. Um so große Mengen Schwefelsäure darzustellen, hat die Badische Anilm- unb Sodafabrik ein besonderes Verfahren, das sogen. Kontakt- verfahren, auSgearbeitet, welches für sich allein schon einen technischen Erfolg von umwälzender Wichtigkeit bedeutet. Zur Gewinnung des erforderlichen Chlors dient die in der Fabrik Griesheim-Elektron zu Griesheim a.M. ausgearbeiteteElektrolyfe von Alkalichloriden. Volkswirttchaftlich hat die neue Jndigo- synthese sehr weitreichende Folgen. Der Preis deS Indigos sank rasch auf etwa die Hälfte deS früheren. DaS gesamte JahreS- erzeugnis an Pflanzenindigo hatte zu den gesunkenen Preisen immer noch einen Wert von etwa 60 Mill. Mk., wovon Deutsch' land etwa für 19 Mllionen jährlich wesentlich auS englischen Händen bezog. Die Badische Anilin- und Sodafabnk er- richtete auf ihrem Fabrikgelände eine Abteilung für künst­lichen Indigo, die auSreicht, zunächst den gesamten Bedon des deutschen Reiches an Indigo zu decken. Schon im ersten Jahre des vollen Betriebes (1900) ging die englische Jndi- goeinfuhr von 19 auf 9 Mill. Mk. zurück, binnen kurzem wird sie ganz aufhören, und da auch die Höchster Farb­werke nach einem etwas anderen Verfahren jetzt die Fabrika­tion ausgenommen haben, so wird Deutschland bald em In- bigo ausfübrendes Land werden. Zunächst also wird dec deutsche Bedarf an Indigo durch künstlichen gedeckt werden j und bamit ein jährlicher Betrag von 19 Millionen Mk. im