Ausgabe 
23.10.1902 Erstes Blatt
 
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Nr. 349

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Siebener Zamilien- bUtter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brü h l'scheu Univers.-Buch- u.Siein- druckerei (Pietsch Erben) Redaktion, Expedition und Druckerei:

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Erstes Blatt. 153. Jahrgang

Donnerstag 33. Oktober 1902

GietzenerAnzeiger

** General-Anzeiger w

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

vezngspret», monatlich 7bPf^ xüert* jährlich Mk. LL0; durch Aohole- u. Zweigstellen monüllid) 65 Pf.; durch die Post Mk. 2. viertel- jährl. auvschl. Beslellg. Annahme ?on Anzeige« für die 'Logesnummer bis vormiliogS 10 Uhr. Zeilenpreis lokal 12Pf^

a«Swarts 20 Psg.

verantwortlich: für den poltl. n. allgern. Lett: P. Witiko: für .Stadt und Land^ und .Gerichtssaal' Lurt Plato; für den An­zeigenteil: HanS ©cff.

KeKanutmachung.

Betr.: Den Schweinerotlauf in Allertshausen.

Der Schweinerotlaus in Allertshausen ist erloschen. Die GehLftesperre ist aufgehoben.

Gießen, den 20. Oktober 1902.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Breidert.

Bekanntmachung.

Wir bringen zur Kenntnis der Jnleresjenten, daß die Königliche Verwaltung oer Armee-Konservenfabrik zu Mainz Angebote in gelben Lvcherbsen und weißen Rund- und Langbohnen aus der letzten Ernte entgegennimmt.

Tie Angebote «sind entweder an die Fabrik direkt oder an das den: Verkäufer zunächst gelegene Proviant-Amlt pt richten, dessen Mitwirkung auf Wunsch des Verkäufers auch bei Abfertigung der Sendungen in Anspruch ge* wommen werden kann.

Ten Angeboten sind Proben von ungefähr y2 Liter öeizufügen.

Zur Preisbemessung wird bemerkt, daß die Abroll- gebührcn vom Bahnhof Mainz bis zur Fabrik 10 Psg. für 100 Kgr. betragen und vom Verkäufer zu tragen sind.

Tie Vermittelung der Abfertigung auf dem Bahnhofe Mainz, die Verauslagung der Fracht und Abfuhrkosten übernimmt die Verwaltung, wie sie auch auf Wunsch der Verkäufer Mcogozinsäcke zur Uebersendung der Hnlsen- srüchte zur Verfügung stellt.

Gießen, den 21. Oktober 1902.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Breidert.

Bekanntmachung.

Betr.: Gesuch des Gerhard Schwalb von Lollar um Genehmigung zur Errichtung einer Dampf­kessel an läge.

Gerhard Schwalb von Lollar beabsichtigt auf dem Grundstück Flur X Nr 1 der Gemarkung Lollar eine Dampfkesselanlage zu errichten.

Pläne und Beschreibung hierüber liegen 14 Tage lang vom Erscheinen dieses im Kreisblatt für den Kreis Gießen an gerechnet auf dem Bureau der Großh. Bürgermeisterei Lollar zur Einsicht der Jnteresienten offen.

Etwaige Einwendungen sind binnen dieser Frist bei Meldung des Ausschlußes bei Großh. Bürgermeisterei Lollar oorzubringen.

Gießen, den 22. Oktober 1902.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Breidert.

Gießen, 21. Oktober 1902.

Betr.: Herbstkontrollversammlungen.

Das Großherzogliche Kreisaml Gießen

an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.

Die nachstehende Bekanntmachung wollen Sie auf orts- Lbliche Weise zur öffentlichen Kenntnis bringen.

Dr. Breidert.

Bekanntmachung.

Betr.: Herbstkontrollversammlungen.

Bei den diesjährigen Herbstkontrollversammlungen km Kreise Gießen haben zu erscheinen alle zum Haupt­meldeamt Gieße« gehörigen:

L Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamte der Reserve (Kleiner Dienstanzug: Mütze, Waffen­rock oder Ueberrock, Achselstücke, lange Hosen oder hohe Stiefel beliebig, bei schlechter Witterung Paletot);

2. Reservisten, sowie die zur Disposition der Truppenteile und der Ersatzbehörden Ent­lassenen aller Waffen;

3. Diejenigen, der Landwehr 1. Aufgebots an­gehörigen Mannschaften, welchen ein besonderer Ge­stellungsbefehl zum Erscheinen bei der Herbstkontroll­versammlung zugegangen ist.

Die Ersatzreseroisten haben bei der Herbstkontroll­versammlung nicht zu erscheinen.

Nachstehend ist angegeben, wo und zu welcher Zeit die Kontrollpflichtigen anzutreten haben:

A. Zu Gießen

im Hofe der alte« Kaserne am Brand

für die Bewohner von Annerod, Allendorf a. d. Lahn, Alten- Buseck, Beuern, Burkhardsfelden, Gießen mit Schiffenberg und Herrnwald, Großen-Buseck, Großen-Linden, Heuchelheim, Klein-Linden, Lang-Göns, Leihgestern, Oppenrod, Rödgen, Trohe, Watzenborn und Steinberg, Hausen, Wieseck, und zwar:

Am 4. November 1902:

1. Appell vormittags 9 Uhr.

Offiziere, Sanitätsoffiziere und Beamte der Reserve, sowie sämtliche Reservisten der Infanterie, welche in den Jahren 1895 und 1896 eingetreten sind.

2. Appell nachmittags 2 Uhr.

Sämtliche Reservisten der Infanterie, welche in den Jahren 1897 und 1898 eingetreten sind.

Am 5. November 1902:

1. Appell vormittags 9 Uhr.

Sämtliche Reservisten der Infanterie, welche in den Jahren 1899, 1900 und 1901 eingetreten sind.

2. Appell nachmittags 2 Uhr.

Sämtliche zur Disposition der Truppenteile und der Ersatzbehörden entlaffenen Mannschaften der In­fanterie, sowie sämtliche Reservisten der Garde, Jäger, Kavallerie, Feld- und Fußartillerie, Pioniere, Eisenbahn-, Telegraphen- und Luft- s ch iffertruppen.

Am 6. November, vormittags 9 Uhr.

Sämtliche Reservisten des Trains (einschließlich Krankenträger), Sanitäts- und Veterinär­personals, Büchsenmachergehilfen, Oekonomie- handwerker, Marinemannschaften, sowie zur Dis­position der Truppenteile und Ersatzbehörden entlassenen Mannschaften der Spezialwaffen und die zur Landwehr 2. Aufgebots überzuführenden Wehrleute.

B. Zu Lollar.

! Am 6. November 1902, nachmittags 2 Uhr 30 Mi«., au dem Bahnhof,

für die Bewohner von

Allendorf a. d. Lda., Climbach, Daubringen mit Heiberts- hausen, Lollar, Mainzlar, Ruttershausen mit Kirchberg, Staufenberg mit Friedelhausen, Treis a. d. Lda.

C. Zu Hungen.

Am 7. November 1902, vormittags 9 Uhr 15 Mi«., an der Post, für die Bewohner von

Bellersheim, Bettenhausen, Hungen, Inheiden, Langd, Langs­dorf, Nonnenroth, Obbornhofen, Rabertshausen mit Ringels- Hausen, Rodheim mit Hof Graß, RöthgeS, Steinheim, Trais-

Horloff, Utphe, Villingen.

D. Zu Lich.

Am 7. November 1902, nachmittags 3 Uhr, in der Amtsgerichtsstrahe,

ür die Bewohner von

Albach, Birklar, Dorf-Gill, Eberstadt mit ArnSburg, EttingS^ Hausen, Garbenteich, Grüningen, Holzheim, Lich mit Albacher Hof, Kolnhausen und Mühlsachsen, Münster, Muschenheim mit Hof-Güll, Nieder-Bessingen, Ober-Bessingen, Ober- Hörgern, Steinbach.

E. Zu Grünberg.

Am 8. November 1902, vormittags 9 Uhr 15 Miru» am westlichen Ausgange ans der Straße nach Gießen

für die Bewohner von

Allertshausen, Beltershain, Bersrod, Geilshausen, Göbelnrod, Grünberg mit der Dickelsmühle, Neumühle, Stadtmühle, Steinmühle, Obere und Untere Ziegelhütte, Latzmühle, Hattenrod, Harbach mit der Kolbenmühle und Sommer» mühle, Kesselbach mit der Rabenauischen Papiermühle, Lauter mit der Artzmühle, Bingmühle, Georgenhammer, StrelleS- mühle und Walkmühle, Lindenstruth, Londorf mit der Burg Rabenau, Burgmühle, Schmitttnühle, Reitzenmühle und Ziegel­hütte, Lumda (Groß- und Mein-), Odenhausen mit Appen- börner Hof, Queckborn, Reinhardshain, Reiskirchen, Rüddings- Hausen, Saasen mit Bollenbach, Veitsberg und Wirberg, Stangenrod, Stockhausen, Weickartshain, WetterShain mit dem Hainer-Hof, Winnerod.

Befreiungsgesuche sind bis längstens 8 Tage vor dem Appell auf dem Dienstwege (durch daS Haupt­meldeamt) einzureichen und muffen durch die Bürger­meisterei, bezw. bei Beamten durch die vorge­setzte Behörde beglaubigt sein, werden aber nur im dringendsten Notfälle genehmigt.

Die Leute haben in bürgerlicher Kleidung zn erscheinen. Stöcke, Schirme, Pfeifen und Zigarren sind vor­her wegzulegen.

Die Militärpapiere (Paß mit eiogellebter Kriegsbeordermrg und Führuagözeugms) muffen zur Stelle fein.

Sämtliche Mannschaften stehen im Laufö des ganzen Kontrolltages bis einschl. Mitter­nacht unter dem Militärgesetz.

Gießen, 20. Oktober 1902.

Großh. Bezirkskommando Gießen, von Mosch,

Oberstleutnant und Kommandeur des LandwehrbezirkL Gieße«.

Politische Tagesschau.

Schweigende Minister.

Man schreibt uns aus Berlin, 22. Oft:

Es ist auf gefallen, daß weder Graf PosadvWSkH noch der Reichäschatzsekretär Frhr. v. Thielmaun, der eigentlichher nächste dazu" war, in die Debatten über die Getreide-ölle eingegriffen Haden. Ebenfo erwartete man vergeblich von dem preußrschjen LandwirtschaftS-Mi» nister v. Podbie lski eine fachmännische Darlegung. Die drei Herren wohnten dem größten Teil der parlamentari­schen Verhandlungen bei; ihre Mitwirkung beschränkte sich jedoch auf Konferenzen mit Führern der Rechten und des Zentrums, teils im Saale, teils hinter der Szene. Herr v. Podbielski telegraphierte durch Zeichensprache den Wunsch

Feuilleton.

Berlin, 20. Okt Tre Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten hielt am Sonntag mittag 11 Vs Uhr im Bürgevsaale des Kathauses ihre ungemein zahlreich besuchte Eröffnungs- unb konstituierende Versammlung ab. Nach einigen ein­leitenden Worten Reissers hielt Dr. Bla sch ko einen sehr interessanten Vortrag über die Verbreitung der Geschlechts­krankheiten. Höchst wichtiges, teils erschreckendes Zahlen­material machte allen Anwesenden die Notwendigkeit eines zielbewußten Vorgebens gegen diese Gruppe übertragbarer Krankheiten verständlich. Lesser setzte dann die Gefahren Der Geschlechtskrankheiten auseinander, ohne die Aussichten zu verschweigen, welche eine rationelle und in erster Linie schnell eingeleitete ärztliche Lehandlung auf Heilung er­öffnen. An diesen Vortrag knüpfte sich ein solcher des Vorsitzenden, Geheimrats Kirchner, Welcher die in Rede stehende Materie vom Standpunkt der sozialen Hygiene beleuchtete und Parallelen zog Mischen den gegen andere Seuchen, Tuberkulose, Typhus, Pocken usW. gerichteten Be­strebungen und den Zielen der neu zu gründenden Gesell­schaft. Nachdem so der Anfklärungsdienst in dem zu er­öffnenden Feldzug seine Schuldigkeit gethan hatte, ent­wickelte Neisse r in kurzer, präziser Weise die Aufgaben, welche sich die neue Gesellschaft zu stellen hat. Neben der rein hygienischen Regelung und Bekämpfung der Prosti­tution, Ausbildung der Prophylaxe, Gewährleistung der geeigneten Therapie, sind es auch ethisch-moralische Aus­gaben, welche zu läsen sein werden. Die Erziehung der Jugend zur Enthaltsamkett, die Beseitigung des Irrglau­bens, daß Keuschheit etwas Gesundheitswidriges darstelle,!

die Unterdrückung und Bekämpfung der gerade auf dem Gebiete dieser Krankheiten so emsig thätigen Kurpfuscher, der Schutz der Mädchen und Frauen gegen die in einer Infektion liegende Körperverletzung durch das Gesetz in vielleicht höherem Maße als bisher und schließlich die ener­gische Durchführung des Gedankens, daß geschlechtskranke Personen nicht als ehrlos behandelt werden, sondern daß ihnen in ganz besonderer Weise ärztliche Fürsorge, am­bulant sowohl wie in Krankenhäusern, zu teil wird, das sind die Aufgaben, welche die neue Gesellschaft zu über­nehmen gewillt ist. Hierauf machte Direktor Uhlmann als Vorsitzender des Verbandes deutscher Ortskranken­lassen interessante Mitteilungen über die Behandlung der Geschlechtskranken bei den Kassen und brachte zum Schluß den einstimmig angenommenen Antrag ein:Die Gesell­schaft wolle bei der Reichsregierung petitionieren, daß bei der Novelle zum Krankenversicherungsgesetz der Passus ge­strichen werde, welcher den Kassen gestattet, bei Geschlechts­kranken die Bezüge ganz oder teilweise zu verweigern. Nach einem Hoch auf die Mitglieder des Vorbereitenden. Komitees, welches Professor v. Bergmann ausbrachte, schloß die Versammlung.

Mit wie primitiven Mitteln der Bergbau ettist be­gonnen und mit lvas für einem gewaltigen Apparat er heute in Tiefen, die man früher für unzugänglich hielt, betrieben wird, davon geben die Ausführungen des Geo­logen Prof. Sapper im soeben erschienenen Heft 12 des großen naturwissenschaftlichen PrachtwerkesWeltall und Menschheit" (Deutsches Verlagshaus Bong LCo., Berlin W. 57. Preis pro Lieferung 60 Psg.) ein anschauliches Bild. Es ist hochinteressant, einen Blick in jene mittelalter­lichen Bergwerke mit ihren plumpen Fördermaschinen zu

werfen, Wie dies die zahlreichen vortrefflichen Jllustra* Honen des epochemachenoen Werkes ermöglichen. Wie ganz anders nimmt sich ein modernes Bergwerk mit seinen gemauerten Schächten, seinen elektrischen Leitungen, Bohr­maschinen, Ventilationsanlagen nsw. dagegen aus- Einen Durchschnitt durch ein modernes SteinkoblenberKverk giebt Heft 12 des Werkes in einer meisterhaft ausgeführte« großen Tafel, die auch die lleinsten Details eines Berg» werksinnern darstellt. Ein Gegenstück dazu ist das Bild, das die Arbeiter in den Schwefelgruben Sizlliens zeigt.. Die dem Heft beiliegende breiteilige bunte Tafel, die drei ver­schiedene Landschaften unter selten en atmosphärischen Er­scheinungen zeigt, wird nicht nur den Naturfreund befrie­digen, sondern auch das Auge jedes Künstlers entzücken. Aus Heft 13 sei die große farbige Wetterkarte erwähnt, die namentlich durch die genaue beigedruckte Erklärung über das Ablesen Don Wetterkarten, vielen, die sich bisher mit der täglichen Wetterkarte chrer Zeitung nicht befreunden konnten, hoch willkommen sein wird. Ins Wunderland der neuen Welt, in den Pellowstone-Park, führt uns die 14. Lieferung. Eine farbenprächtige Kunstbellage, die dem Heft beigegeben ist, zeigt den ^eltowftone^ec, über den sich ein Regenbogen wölbt; das Bild giebt den landschaftlichen Charakter dieses, die seltsamsten Naturwunder einschließen- den, riesenhaften Nationalparkes, der bekanntlich noch Beschluß der Regierung unverändert erhalten bleiben soll, bestens Wieder. Endlich sei noch auf das Faksimile eines fliegenden Blattes aus dem Jnhre 1755 hingewiesen; es enthält eine Beschreibungdes ganz erschrecklichen Erd­bebens, wodurch die tönigl. portugiesische Residenzstadt Lissabon samt dem größten Teil der Einwohner zu Grunde gegangen". Besonders interessiert bic schreckliche, aber un- glcmblich naive Abbildung dieses Ereignisses.