Herüber grüßerckeu Wartburg an, und ließ an dem Geist vorüberziehen die Thaten eines Walter von der Vogel- toeide und eines Luther. Beide waren Männer, durchglüht von dem Geist und der Gesinnung, der die Burschenschaft beseelt. Die Luthergesinnung und den glaubensstarken Luthermut können wir auch heute noch brauchen. Eng verbunden mit der Wartburg ist die Geschichte der Burschenschaft. Die alte Burschenschaftssahne und das alte Burschenschwert erinnern daran, wie auch die äußere und innere Inschrift dieses Denkmals es aufs Neue beweist, daß die Burschenschaft nur ihr Verdienst darin suchte, dem Vaterland hu dienen. Der Geist der Burschenschasts- rdee hat den lertenden Staatsmännern den Mut gegeben, deu sie zur Gründung des Kaiserreichs brauchten. Nicht von Korpswegen, sondern von Burschenschastswegen hat Bismarck das deutsche Reich geschassen. Wie eine Krone deu Gewülbeschluß dieses Denkmals bildet, so war das Sinnen der Burschenschaft von jeher auf Kaiser und Reich bedacht. Und alles, was stark ist in uns, wollen wir auch in Zukunst dem Vaterlande weihen, auch wenn wir von oben her nicht protegiert werden. Fürwahr, es müßte die Welt vergehen, wenn der Geist der Burschenschaft verginge, jener kräftige Sinn, der Ausdruck findet in dem Wahlspruch: „Ehre, Freiheit, Vaterland!" Möge sie darum weiter blühen, wachsen und gedeihen. (Jubelnde Begeisterung, allseitig lebhafte Bravo und Hcilrufe.)
Den Schlüssel zum Denkmalinnern übergab der Schöpfer des Denkmals, Architekt Kraus, mit folgenden Morten: „Des Allmächtigen Gnade und Weisheit stand uns zur Seite, die Liebe zum Vaterland hat Flammen in uns entzündet, und das Andenken an eine hehre Idee und an opservolle Thaten hat uns zum Schaffen begeistert. So ist der Ruhmestenrpel der deutschen Burschenschaft empor gewachsen und steht gewaltig da, den Elementen trotzend in ewiger Ruhe. Der deutschen Burschenschaft übergebe ich hiermit den Schlüssel zur Pforte des Tempels, und wie ihn Aeonen begleiten werden durch die Schicksale der Welt, so helfe Gott, daß er auch ewiges Leben verleihe der deutschen Burschenschast!"
Nach weiteren Gesängen erfolgte die ilebergabe des Denkmals an den Burscyenschafts-Denkmal-Verein durch den Vertreter der Vorsitzenden Burschenschaft Marchia-Bonn, cand. jur. Luchs, sowie die Uebernahme des Denkmals an den stellvertretenden Vorsitzenden des Denkmal-Vereins, Prof. Dr. Flex-Eisenach, der dabei folgendes sagte:
Meine lieben, jungen burschenschastlichen Freunde!
Ihr habt uns soeben durch den Mund Eueres Sprechers das Denkmal, mit dessen Errichtung Ihr uns vor vier Jahren betrautet, nun, nachdem es zu schöner Vollendung gediehen ist, zur Obhut übergeben. Im Namen des Burschenschaftsdentmalvereins sage ich Euch den herzlichsten Dank für das Vertrauen, das Ihr uns zum zweiten Male schenkt. Es ist uns eine Freude und eine Ehre gewesen, den Bau des Denkmals, das ein geistvoller Kün'tler geschassen, zu leiten und zu fördern, und wir versprechen Euch, daß wir dieses Ehrenmal der deutschen Bur chenschaft hegen und wahren wollen im Sinn und Geiste seines Schöpfers und zur dauernden Freude derer, die es errichteten.
Die Landesvatermelodie (Ruhe von der Burschenschaft) schloß sich hieran an, worauf Rentner Karl Adami im Namen des Kriegervereins und Rentner Fiesinger Namens des Landwehrvereins je einen Kranz, der gefallenen Burschenschafter gedenkend, stifteten.
diunmehr folgte eine Berichtigung des von uns bereits eingehend beschriebenen Standbildes. Idee und Ausführung fanden den ungeteiltesten Beifall der Festversammlung. Besondere Aufmerksamkeit wurde der Besichtigung der Gedächtnishalle geschenkt, in welcher die Vorsitzenden des Krieger- und Landwehrvereins mächtige Lorbeerkränze mit entsprechender Widmung niederlegten, lieber dem Eingang der Halle ist eine Widmung angebracht, in der die deutsche Burschenschaft den um die nationale Einigung verdienten deutschen Jünglingen und Männern ihre Dankbarkeit ausspricht. Die in diesem Heiligtum ausgestellten 2,70 Meter hohen Statuen des Kaisers und Roons hat Selmar Werner-Dresden geschassen. Von chm stammen auch die Modelle der gewaltigen Köpfe am Denkmal: Arminius, Luther, Dürer, Karl der Große, Goethe und Beethoven. Die Figur Karl August's schuf der Bildhauer H o s ä u s - Berlin, die Figuren Bismarcks und Moltkes Ang. Hudler- Dresden, die Kviegertopfe im Innern Schreit- mül l er-Dresden und die Opferflammen und Beschläge an der Thür Prof. Groß-Dresden. Die Gemälde und Entwürfe sind das Werk von Pros. Gußmann-Dresden. Die großen Charakterköpfe, die Adler und Gedenktafeln wurden vom Bildhauer Esche-Sonneberg, die 5 Statuen und die Kriegerköpfe in der Halle vom Bildhauer P its ch- Dresden in Stein ausgehauen.
Nach der Denkmalweihe wechselte Konzertmusik ab mit allgemeinen Gesängen. Nach Beendigung der Feier auf dem Denkmalplatz wurden die Fahnen unter Begleitung von Chargierten und eines Musikkorps nach dem Fürsten- hos gebracht, wo abends 8 Uhr großer Kommers stattsand. Offizielle Reden hielten Pros. Dr. H ö f l m a y e r-München uno Justizrat Wagner- Berlin. Mit einer Wartburg- feier, zu welcher Stadtpfarrer Dr. O b e r t - Kronstadt (Siebenbürgen) die Festrede hält, erreichen morgen die Feierlichkeiten ihr Ende.
Dritter Kongreß für Schulgesundheitspflege.
Weimar, 22. Mai 1902.
Der „Allgem. Deutsche Verein für Schulgefundheitspflege" trat am Montag hier zu seiner 3. Jahresversammlung zusammen. Ten ersten Vortrag über das Thema „Schulhygieiue und Schwind- fuchtsbekämpfuna" hielt Sanitätsrat Dr. Obertüschen-Wiesbaden. Er sagte u. a.: Vermöge ihrer großen Verbreitung (Volkskrankheit) schädigt die Tuberkulose die Gesundheitsbreite des deutschen Volkes in hohem Maße, hierdurch wird die Wehrkraft der Nation geschädigt und ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit herabgesetzt. — Die Bekämpfung der Schwindsucht bezw. der Schwindsuchtsgesahr ist demnach eine hervorragende nationale Kulturaufgabe, deren erfolgreiche Lösung ebenso zur Erhaltung der Wehrkraft wie zur Stärkung der Arbeitskraft weiter Volkskreise beitragen wird. An der Lösung dieser großen Kulturaufgabe muß sich auch die deutsche Schule jeder Gattung beteiligen, Recht sowohl wie Pflicht weisen sie auf thätige Mitarbeit hin. Das Recht erwächst der Sck)ule aus ihrer Stellung als Hauptträgerin und Förderin aller Kultur und damit jedes menschlichen Fortschrittes überhaupt; die Pflicht entspringt aus der Eigenschaft der Schule als obligatorischer, staatlicher Einrichtung, von der zum mindestens verlangt werden kann, daß sie Lehrer wie Schüler nach Möglichkeit gegen die Ansteckungsgefahr der Tuberkulose schützt.
Bei der Mitwirkung der Schulen im Kampf gegen die Schwindsucht ist zu berücksichtigen, daß die Tuberkulose eine heilbare und eine ansteckende Krankheit ist. Bezüglich der Verhütung der Ansteckunasgesahr kann sich die Schule durch Maßnahme der Prophylaxe wirksam bethätigen, die sowohl direkt die Uebertraaung der Tuberkulose durch die Krankheitserreger (Tuberkelbazillus) verhindern, oder die alle Mittel umfafien die
indirekt auf Die Bekämpfung der wett verbretteten Dispositionen zur Tuberkulose gerichtet sind.
Die direkte Prophylaxe (Staubbeseitigung, Dustleßöl, Spuck- näpse, Spuckoerbot, Entfernung tuberkirlöser Lehrer und Kinder aus der Schule) ist gewiß an sich von hoher Bedeutung, kann aber wegen der großen Verbreitung des Tuberkelbazillus und der oft ungünstigen häuslicheii Verhältnisse der Schulkmber re. nicht allein genügen. Ebenso viel Wert ist demgemäß auf die indirekte, mittelbare Prophylaxe zu legen. Diese umfaßt in der Hauptsache alle Maßnahmen zur Hebung und Kräftigung der Körperkonslitution. Hier kann sich die Schule in wirksamster Weise bechätigen: a) Durch größere Berücksichtigung der freien Leibesübungen (Jugendfpiele, Tourenmärjche, Schwimmen :e>), insbesondere der zur Kräftigung der Lunge und des Herzens dienenden. Diese Leibesübungen sind auch tn den Fortbildungsschulen zu pflegen, b) Durch Mitwirkung der Schüler bei der Berufswahl in der Art, daß möglichst jedem abgehenden Schüler aus Grund eines ärztlichen Gutachtens der für die jeweilige Körperkonslitution besonders zuträgliche Beruf empfohlen werde. c) _Mög° lichste Unterstützung aller außerhalb des eigentlichen Schul- betriebcs sich belhätigenden Humanitären Bestrebungen, die zur Kräftigung der Heranwachsenden Jugend beitragen. Hierbei kommt auch die als Vorstufe der Tuberkulose anzusehende, unter den Schulkindern weit verbreitete Skrophulose in Frage, d) Belehrung der Jugend über den Wert einer gesundheitsgemäßen Lebeiiswelje und der" R e i n l i ch ke i t für die Körperentwickelung. Als besonders für die Schwindsuchtsbekämpfung in Betracht kommend: Benutzuiig eines geeigneten Anschauungsunterrichtes über die Natur der Infektionskrankheiten und über die zum Selbstschutz dienenden Mittel zu ihrer Verhütung durch hinreichend auf dem Seminar vorgebildete Lehrkräfte.
Die Durchführung einer erfolgreichen Schwindsuchtsbekälnpf- ung durch die Schule läßt sich nur erreichen unter steter 9)ht= Wirkung ärztlicher Kräfte; schon im Interesse der Schwindsuchts- bekämpfung ist daher die Anstellung von Schulärzten dringend erwünscht. Tie hierdurch erwachsenden Kosten werden reichlich durch die Vorteile (Stärkurig der Wehrkraft, rveitgehende Unterstützung der Sozialreform) ausgewogen. Bei dieser hohen nationalen Bedeutung der Schwindsuchtsbekämpfung durch die Schule ist daher auch der Staat zur Unterstützung verpflichtet.
An der sich anschließenden Besprechimg beteiligten sich Medizinalrat Pros. Lenbuscher-Meinnigen, Lehrer Hans Suct-Berlin, Dr. Schütz-Kösen, der alle hustenden, auch nicht tuberkulöse Kinder vom Unterricht entfernt wissen will, Sanitätsrat Dr. Taube-Leipzig, der die Reiniguiig der Schulzimmer nicht den Hausmännern, sondern besonderen städtischen Beamten überlassen will, weiter verlangt er an jeder Lungenheilstätte eine besondere Kinderabteilung. Oberstabsarzt Dr. Tüms-Leipzig »vünscht eine gute Ausbildung in der Hygieine auf den Lehrerseminaren, Oberregierungsrat Rümelin- Dessau betont den Schaden unserer Turnhallen. Prof. Wickenhagen- Flensburg wünscht, daß viel mehr das Freiluftturnen gepflegt wird, ihm schließt sich Reichstagsabg. Oberlehrer Welekamp an.
Seminardirektor Dr. Andrae-Kaiserslautern trägt vor: Was können die Volksschullehrer-Seminare thun, unt die tünftigen Lehrer bygieinisch auszubilden? Er stellte folgende Leitsätze auf: 1. Die hygieinische Ausbildung des Volksschullehrers ist notwendig. 2. Ihr Zweck ist, denselben zu hygieinischem Teliken theoretisch und praktisch zu erziehen. 3. Daher ist für alle Lehrerbildungsanstalten ein obligatorischer Unterricht in der Hygieine zu fördern. 4. Er setzt den Unterricht in der Anthropologie voraus, ist auf die Oberstufe zu legen und bedarf mindestens einer Wochenstunde. 5. Dabei ist eine akademische Lehrform thunlichst zu vermeiden. 6. Aerzte oder fachwissenschaftlich, d. h. hygieinisch vorgebildete Anstaltslehrer sollen ihn erteilen. 7. Praktisch ist er durch hygieinische Gewöhnung und Erziehung vorzubereiten und zu unterstützen. 8. Daher sollen in Lehrerbildungsanstalten Einrichtungen sowohl wie Unterrichts- betriebe hygieinisch musterhaft sein. 9. Der Volksschullehrer hat seine hygieinische Bildung nicht nur in der Schule durch Beispiel, Lehre und Gewöhnung seinen Schülern gegenüber zu bethätigen, sondern auch über die Schule hinaus innerhalb der ihm beruflich gesteckten Grenzen für hygienische Belehrung unb Aufklärung zu wirken. 10. Erfolgt der Unterricht in der Hygieine in richtiger Weise und in rechtem Umfange, so sind Gefahren und Auswüchse nicht zu fürchten. Er wird vielmehr dazu bettragen, zwischen Aerzten und Lehrern ein Verhältnis herzustellen, wie es im Interesse der Sache und der Jugend wünschenswert ist.
Prof. Leubuscher-Meiningen sprach über die schulärztliche Thätigkeit in Städten und aus dem Lande. Der Redner legte dar, daß der schulärztlichen Thätigkeit noch ein weites Feld erschlossen werden könnte, wenn neben den vielen Städten, welche bisher ohne Schulärzte sind, auch das platte Land endlich Schulärzte einführcn würde. Mit Ausnahme von Sachsen-Meiningen, das seit 1900 Schulärzte besitzt, fehlten Schulärzte auf dem Lande vollständig. Namentlich in Bezug auf den Bau und die innere Einrichtung der ländlichen Schulen finde man oft Zustände, die aller Beschreibung spotteten. Hier sei der Schularzt sehr am Platze. Der Redner verbreitete sich sodann über die Aufgaben des Schularztes auf dem Lande. Viel Schaden verursache auch das übermäßige Radfahren, Turrren 2c., gegen das die Schulärzte in bestimmten Fällen Front machen sollten. Weiter sollten die Schulärzte für Freistunden, Jugend- und Volksspiele eintreten und sogar in gewissen Grenzen Einfluß auf den Unterricht erhalten. — In der Debatte befürworteten zahlreiche Herren die allgemeine Einführ-ung der Schulärzte, worauf ein Antrag des Professors Griesbach-Mühlhausen (Els.) angenommen wurde, in welchem die Staatsregierungen, Stadtverwaltungen und ^Parlamente ersucht werden, für die Einführung von Schulärzten in Städten und auf dem Lande in allen Bundesstaaten hinzuwirken.
Ferner gelangte ein Antrag des Oberlehrers Wetekamp-Bres- lau zur Annahme, der besagt: „Es ist dringend wünschenswert, sowohl im Interesse der Kinder wie der Eltern, die ibre Kinder den schulen anvertrauen, daß in die Vorbildung der Lehrer für Volksschulen sowohl wie für höhere Lehranstalten hygienischer Unterricht ausgenommen wird. Schließlich wurde der Vorstand beauftragt, eine aus Schulmännern und Aerzten gleichmäßig zusammengesetzte Kommission zu ernennen, welche die Arbeiten in der Schularztfrage erledigen soll.
Weiterhin behandelte Schularzt Dr. med. Kreiß-Weimar die Rückgratsoerkrümmungen der Schulkinder. Er führte aus: Die Erfahrungen haben gezeigt, daß Die leichteren Formen dieser Erkrankungen durch eine entsvrechende Behandlung beseittgt bezw. gemildert werden können. Von größter Wichtigkeit ist die Erkennung der Skoliose in ihren Anfängen, wozu eine ständige Ueberwachung der Kinder durch die Schulärzte notwendig erscheint. Weitere Redner bezeichneten das Korset als ein Instrument zur Herbeiführung von Rückgratsverkrümmungen und Verkrüppelungen der inneren Organe des weiblichen Körpers.
Aus Stadt und Sand.
Gießen, den 23. Mai 1902.
• * Bataillonsbesichtigungen. Gestern und heute vormittag fanden die Bataillonsbesichtigungen unseres Regiments statt. Aus diesem Anlaß weilte Exzellenz o. Lindequist in unserer Stadt. Nachdem er gestern vormittag angekommen war, begab er sich zu Pferde sofort nach dem Trieb, wo das 1. und 2. Bataillon zur Besichtigung Aufstellung genommen hatten. Heute vormittag fand die Besichtigung des 3. Bataillons statt. Wie wir hören, war Se. Exzellenz sehr befriedigt von der Haltung unseres Regiments, das im August wiederum die Ehre haben dürfte, vor seinem hohen Chef, dem Kaiser, zu exerzieren. Am Abend fand zu Ehren der Anwesenheit Sr. Exzellenz großer Zapfenstreich statt, der sein Ende vor der Zeughauskaserne fand. Im Offizierkasino fand gestern abend ein Festessen statt. Die militärischen Gebäude hatten geflaggt. Exzellenz v. Lindequist kehrte heute morgen 10 Uhr 15 Atm. wieder nach Frankfurt zurück.
* * Beisekuna des Prälaten D. Habichts Wie bereits
gestern telegraphisch gemeldet, erfolgte gestern vormrrrag 11 Uhr in Darmstadt die feierliche Beisetzung des Prälaten L> Habicht. Schon am Sterbehause hatte sich eine große Zahl Leidtragender versammelt. Viele Geistliche, vor allem aus Oberhessen, darunter vollzählig die Dekane, hatten sich dazu eingefunden. Ter öffentlichen Feier ging eine Einsegnung im Hause im engsten Kreise der Angehörigen voraus, die der Geistliche der Johannesgemeinde, Pfarrer Dingel- bet), hielt. Hinter den Angehörigen folgten dem Sarge die Mitglieder des Großh. Oberkonsistoriums, unter Führung ihres Präsidenten 11. Buchner. Ein noch viel größeres Gefolge schloß sich nach Darmstädter Sitte erst am Portal des Kirchhofes an. Wir bemerkten darunter außer dem schon gestern genannten Generaladjutanten Oberst von Wachter u. A. Staatsminister Dr. Rothe, Justizminister Dr.Ditt- mar, Staatsmmister a. D. Finger. Am Grabe fungierte der Superintendent der Provinz Starkenburg und Oberpfarrer von Darmstadt, Oberkonsistorialrat 1). Floe ring. Seiner Grabrede hatte er Psalm 92, 13—16 zu Grunde gelegt. Er schilderte darin den Heimgegangenen als einen' Vertreter des kernigen Geschlechts, das das Ringen um Deutschlands Einheit und Macht und dessen Erfüllung mit erlebt hat, als einen Mann, in dessenLeben in gewissenhafter Pflichterfüllung und ungewöhnlicher Arbeitsfreudigkeit bis in sein hohes Alter hinein jenes Psalutwort von der ewigen Jugend der Gerechten in reichem Maße wahr geworden sei. Vielen sei er in herzlichem Wohlwollen viel gewesen, an der bedeutsamen Entwicklung unserer hessischen evangelischen Landeskirche seit Erlaß der neuen Verfassung im Jahre 1873 habe er regen Anteil genommen. Nun habe ihn Gott, ehe ihm die wohlverdiente Ruhe des Feierabends auf Erden zuteil geworden sei, un Frieden in die ewige Ruhe eingehen lasten, und habe damit dem überaus thätigen Manne, der sich ein Leben ohne Arbeit gar nicht habe denken können, gewiß die größte Wohl- that erwiesen. Seien ihm schon hier viele Ehren zuteil ge- loorben, winke ihm dort die viel höhere Ehrenkrone, die der Herr seinen treuen Knechten verheißen hat. Nachdem die gottesdienstliche Feier mit Gebet und Segen beendet war, mürben noch eine Reihe von Kränzen mit kurzen Ansprachen am Grabe mebergelegt, so von bem Oberkonsistorialpräsidenten D. Buchner im Namen bes Oberkonsistoriums, von Kirchenrat Meyer aus Friebberg im Namen der oberhessischen Dekane, von Professor 1). Krüger aus Gießen im Namen der theol. Fakultät der Landesunversität, von Professor I). Stamm aus Gießen im Namen der Landessynode, von 'Professor Lio. Eger aus Friedberg im Namen des Pre- bigerseminars, von Pfarrer Schlosser im Namen ber Geistlichen und des evang. Gesamttirchenvorstandes Gießen, von Professor Trümpert im Namen des Gustav-Adolfoereins. — Der Großh erzog hat an den ältesten Sohn des Verewigten folgendes Telegramm gerichtet: „Mit aufrichtiger Betrübnis habe Ich die Nachricht vom Ableben Ihres Vaters, des Prälaten Habicht vernommen und spreche Ihnen, sowie Ihrer Familie zu diesem schweren Verluste Meine herzliche Teilnahme aus. Dem Entschlafenen, der mit seltener Treue während langer Jahre der evangelischen Landeskirche ausgezeichnete Dienste geleistet hat, werde Ich ein ehrende Andenken bewahren."
** Parlamentarisches. Entgegen den Mitteilungen Der* schiedener Blätter ist festzustellen, daß der Termin zum Zusammentritt der 2. Kammer bis jetzt noch nicht deftnittv auf den 3. oder 5. Juni festgesetzt ist, da noch die wichtigen Entscheidungen verschiedener Ausschüsse ausstehen. Gestern fist der 1. Ausschuß unter Vorsitz des Abg. Köhler-Darmstadt zusammengetreten, heute nachmittag wird der Sonder- Ausschuß bett, die Bildung einer Landwirtschaftskammer unter Vorsitz des Abg. Dr. Heidenreich seine Beratungen fortsetzen und morgen wird der 2. Gesetzgebungsausschuß unter Vorsitz des Abg. Dr. v. Brentano tagen. Die Regierung drängt auf rasche Entscheidung aller vorliegenden Fragen, da ber Landtagsschluß für Anfang Juli vorgesehen ist. Da der erste Präsident der 2. Kammer vorerst verreist ist und seine Rückkehr erst mit Schluß dieses Monats zu erwarten fein dürfte, ist der Zusamnientritt der Kammer noch nicht definitiv bestimmt.
* * Ernennung. Ernannt wurden die Finanzaceessisten Karl v. Werner aus Darmstade und Wilhelm Ohl aus Richen zu Regierungsassessoren.
t. Burkhardsfelden, 22. Mai. Die hiesige zweite Lehrer* stelle wurde dem Lehrer Roth, der bis jetzt in Langgöns thätig war, übertragen. Lehrer Mös, der bisher hier an- gestellt war, wurde nach Langgöns versetzt.
+ Gunzenau, 21. Mai. Gestern bewegte sich durch unseren Ort eine stattliche Trauergemeinde nach dem Friedhof, die dem ehemaligen Bürgermeister I. G. Möller die letzte Ehre erwies. Auch viele Kriegeroereine aus der Umgegend waren mit ihren Fahnen erschienen. Der Verstorbene hat sich im Kriege 1870/71 das eiserne Kreuz erworben. Er geriet in Gefangenschaft, es gelang ihm aber, sich wieder zu befreien.
8. Darmstadt, 22. Mai. In Oberramstadt wurde vor einigen Tagen die Lerche eines neugeborenen Kindes in Papier und einen Sack gehüllt an abgelegener Stelle aufgefunden. Die Leiche soll schon vor längerer Zeit daselbst vergraben worden sein. Die unnatürliche Mutter, ein junges, hübsches Mädchen, welches schon zum 2. Mal geboren hat, soll im Einverständnis mit ihrer Mutter die That begangen haben.
Offenbach, 22. Mai. Die heutige Stadtverordneten- Versammlung bewilligte für die Erbauung des neuen Schlachthauses 487 000 Mk. Bei der Abrechnung der auf Anleihe im Rechnungsjahre 1900 ausgeführten Bauarbeiten hatten sich Mehrausgaben im Bettage von 33,075.30 Mark und Minderausgaben von 50,898.75 Mark heraus- gestellt, zu denen die Genehmigung nachträglich erteilt wurde.
Vermischtes.
* Meiningen, 22. Mai. Im ganzen Herzogtum ist die Veranstaltung von Wettfahrten auf öffentlichen Straßen und Plätzen behördlich untersagt worden.
* Madrid, 22, Mai. Zwischen den Einwohnern von Oleros und Sada (Provinz Coruna) tarn es wegen lokaler Fragen zu Thätlichkeiten, bei denen mehr als 6 0 Personen verwundet wurden, unter ihnen mehrere schwer.


