gestern mitteilten, keineswegs durchweg !beizustimmcn, denn einen vernünftigen Beweis dafür, daß der Zweikampf ein vortreffliches Erziehungsmittel sei, wird dieser sonderbare Anwalt iv • Staatsraiscn wohl ewig schuldig bleiben, wenn er nicht . einfache, in der That nicht wenig erzieherisch wirtende -!t cnfur meinte; man darf aber die menschliche 'Psyche nicht schablonisieren. Bon dem Manne, der als Zuhälter seiner Frau von den Revenuen der Gemeinheit lebt, bis zu dem Anderen, dem ein Stäubchen auf seiner Ehre unerträgliche Qual bereitet, ist ein so weiter Weg, daß die Beiden sich kaum noch als Söhne desselben Geschlechts erkennen. Und in der Mitte steht der Ewig-Banale, der Philister, der mit Kotzebue und der Marlitt himmelhoch jauchzt und zu Tode betrübt ist. Es kann da, wo ein gesteigertes Ehrgefühl lebt, wohl einmal Momente geben, in denen man das Leben gering achtet, in denen Rücksichten auf Staat und Gesetz, auf Religion und Sitte zu Boden sinken. Das ist bedauerlich, aber es ist einmal so auf der „besten aller Welten", auf der cs Ehrenmänner und Lumpen gicbt, die sich in der „besten" Gesellschaft als Gleichwertige begegnen. So lange beide Kategorien der Menschheit „satisfaktionsfähig" bleiben, so lange bleibt unter gewissen Umständen dem Ehrenmann leider kaum eine andere Wahl als die Pistole. Den Landrat v. Bennigsen 'hat nicht jugendlich heißes Blut auf den grünen Rasen getrieben, sondern das tief in der Seele wurzelnde Bedürfnis, den Schimpf, den er erlitt, mit eigener Hand zu richten und zu rächen, und das Bewußtsein, daß ihm die bestehende Ordnung die geziemende Sühne nicht gewähre. Gewiß, er hätte eine Scheidungsklage anstrengen können, er hätte vielleicht die Genugthuung gehabt, daß nach erfolgter Lösung der Ehe die Schuldigen für ein paar Monate in das Gefängnis kamen, aber er hätte auch zusehen müssen, wie an den zartesten Beziehungen seines häuslichen Lebens mit neugieriger Hand gezerrt wurde, und er hätte jenes ganze jämmerliche Mitleid zu .ertragen gehabt, jenes wohlwollende Achselzucken, jene lieben Händedrücke, die für den Empfindsamen die ärgste Demütigung bedeuten. Und roenn^ er dann heimging, dann hätten die Zurückbleibenden zischelnd und flüsternd sich zugeraunt: „Das äst der, der damals gekniffen hat, als der Skandal mit seiner Frau passierte. Er war doch eigentlich recht feige, und man kann sich nicht wundern, daß die schöne Anna oder Isolde, -oder wie sie sonst hieß, es lieber mit dem anderen hielt."
So ist es und nicht anders. Und darum sollen wir nicht an dem frischen Hügel, der über dem toten Manne sich wölbt, weil er ein Opfer seiner Ehrauffassung wurde, uns in Schmähungen und auch nicht in Sentimentalitäten ergehen. Wir sollen der Wahrheit ins Auge schauen. Der Landrat von Bennigsen war kein Narr und kein Tobsüchtiger, er war ein ernster und beherzter Mann, und er starb als ein Opfer des Vorurteils der Majorität. Er that, was zum harten Zwang für ihn ward und jedem Seinesgleichen wird, solange nicht der Friedensräuber und der Verleumder als Ehrlose gelten und öffentlich und durch Richterspruch als Solche ge- kmnzcrchnet werden. Hoffentlich ist die Zeit nicht allzu fern.
* Hannover, 21. Ian. Unter großer Beteiligung aus alten Kreisen der Bevölkerung fand heute nachmittag die Beisetzung des Landrats v. Bennig- fen im Parke des Familiengutes Bennigsen statt.
Aus Stadt uud Saud.
Gießen, den 22. Januar 1902.
* * Tas Regierungsblatt Nr. 2, ausgegeben am 18. Januar enthält eine Bekanntmachung von Schuldverschreibungen, betreffend die der Stadt Babenhausen erteilte Genehmigung zur Ausgabe von weiteren vierprozentigen Schuldverschreibungen auf den Inhaber im Gesamtbeträge von 300 000 Mk.
* * Regelung der Organistengehälter. Unter den Organisten der evang. Landeskirche im Großh. herrscht gegenwärtig eine lebhafte Bewegung wegen anderweitiger Regelung ihrer Gehälter. Am 27. Januar findet in der „Rosenau" in Frankfurt a. M. in dieser Angelegenheit eine große Versammlung statt, zu der neben den zunächst interessierten Organisten auch alle übrigen Lehrer Heffens eingeladen wurden.
** Gin kaum glaublicher Dummeujungen- st r c i ch. Gin entrüsteter Vater schreibt uns:
Schon oft brachten Sie in Ihrem geschätzten Blatte Mitteilungen über Mißhandlungen, denen kleinere, schwächere Kinder durch rohe Bengels auf der Straße ausgesetzt waren. Auch ich bin heute gezwungen, Ihnen über eine )o niederträchtige Rohheit zu berichten, wie inan sie kaum für möglich halten sollte. Als mein kleiner 7jähriger Junge vorgestern mittag gegen 2 Uhr, von einer Besorgung aus der Stadt zurückkehrend, den Seltersweg passierte, kam ihm em allerdings als sehr rüde bereits bekannter größerer Bengel entgegen, und ohne jede Veranlassung, ja ohne daß auch nur ein Wort gewechselt worden wäre, hielt er plötzlich dem Kleinen ein brennendes Schwefel- Holz an die Backe, sodaß nahe am Auge eine schmerzhafte Brandwunde entstand und wegen drohender Vergiftungsgefahr ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden mußte. Wenn man bedenkt, daß um ein Haar das Auge getroffen worden wäre, dann kann man sich nur mit Entsetzen die möglichen Folgen einer so bodenlosen Rohheit für den unschuldigen Jungen vorstellen.
Wir setzen selbstverständlich voraus, daß der Herr Einsender sofort polizeiliche Anzeige erstattet hat, sodaß der erbärmliche Bube seine verdiente Bestrafung erhalt.
Mlverstläts-Kachrichmü
Marburg, 20. Jan. Ter derzeitige Rektor der Universität, Pros. Dr. Jülicher, erläßt am schwarzen Brett folgenden Anschlag : „Mehrere bedauerliche Vorkommnisse der letzten Zeit veranlassen mich, die Herren Studierenden nachdrücklichst darauf hinzuweisen, sich a u f B ah nhöf en jeden Unfugs zu enthalten. Es bedarf keiner weiteren Ausführung, daß Ausschreitungen an solchen Orten geeignet sind, die Sicherheit des Eisenbahnbetriebes zu stören und das Ansehen der Universität zu schädigen. Ich hoffe, daß dieser Hinweis genügen wird, da bei einer 'Wiederholung der Vorkommnisse eine strenge disziplinarische Bestrafung eintreten müßte.
Berlin, 20. Jan. Die Akademie der Wissenschaften beauftragte den Dr. phil. Wilhelm Rabitz und den Kullurhistoriker Dr. Paul Ritter mit der Inventarisierung sämtlicher Werke Gott
fried Wilhelm Leibniz als Vorbereitung zur.Herausgabe von dessen Werken.
Neueste Meldungen.
Lriginaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers.
Darmstadt, 21. Jan. Prinz und Prinzessin Adolf von Schaumburg-Lippe sind heute nachmittag zum Besuch des Hofes eingetroffen, und reifen morgen mittag wieder ab.
Frankfurt a. M., 21. Jan. Bei der heute erfolgten Ersatzwahl von 299 Wahlmännern für die am 30. ds. Mts. stattfindende Landtagsersatzwahl wurden 172 Wahl- männcr der vereinigten Link'sliberalen und 118 der Nationalliberalen gewählt. Neun Wahlen kamen nicht zu stände.
Berlin, 21. Jan. Die Z o llt a ri f ko mmissiou setzte heute ihre Beratungen bei § 5 fort, der die Waren bezeichnet, welche zollfrei eingeführt werden können. Die Positionen 7—8 wurden unverändert angenommen. Bei Position 9 wird die Zollfreiheit der Verpackung ausgesprochen, welche zürn Zwecke der Einführung von Waren eingeführt war oder nachdem sie nachweislich dazu bestimmt war, aus dem Auslande wieder zurückgekehrt. Hierzu beantragte Abg. von Wangenheim, Säcke und Stoffe von der Zoll-Freiheit anszuschließen. Ferner soll der Identitäts-Nachweis geliefert werden. Auf Säcke, welche unter Feststellung der Identität gefüllt eingeführt werden, ist die Hälfte des Zolles zurückzuvergüten. Heber diesen An- Irag' findet eine lange Diskussion statt, in welcher sich auch die Vertreter der Regierung entschieden dagegen erklären. Schließlich wurde der Antrag von Wangenheim mit 16 gegen 10 Stimmen angenommen. Darauf vertagte sich die Kommission auf morgen.
Berlin, 21. Jan. Der Dichter Ernst Wichert, Vorsitzender des Vereins „Berliner Presse", ist nachts ge* ft o r b e n.
Hamburg, 22. Jan. Seit gestern herrscht auf der Nordsee undurchdringlicher Nebel. Zwischen der Elbe- uiid Wesermündung sind eine Anzahl Schiffe gestrandet, die sich in gefährlicher Lage befinden. Das Boot eines Schiffers, der morgens trotz des stürmischen Wetters einen Freund von Finkenwerder nach Hamburg fahren wollte, kenterte. Beide Insassen ertranken.
Bremen, 22. Jan. Hier eingetroffenen Privat-Nach- richten zufolge ist der Gouverneur von Togo Koehler gestern in Lome (Deutsch-Westasrika) am Herzschlage ge-- |t o r b e n.
Kopenhagen, 22. Jan. Der deutsch e Dampfer „M arie", der Anfang Oktober von Island abging, gilt als verschollen. Wahrscheinlich ist er mit der ganzen Besatzung untergegangen.
Petersburg, 22. Jan. Gestern abend sand bei dem deutsch en Botschafter Grafen Alvensleben großer Empfang statt, der einen glänzenden Verlauf nahm. Unter den Erschienenen befanden sich sämtliche Minister mit Ausnahme des Grafen Lambsdorff, der infolge eines schon seit mehreren Tagen anhaltenden Unwohlseins dem Botschafter sein Bedauern, nicht erscheinen zu können, brieflich ausgedrückt hatte, und des auf Reisen befindlichen Eisew, bahnministers.
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