Ausgabe 
21.10.1902 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

152» Jahrgang

Dienstag LI. Oktober 1902

Schu lstraße 7. tlbrefie für Depeschenr «nzetger Gießen. Fernsprrchanschluß Nr 51.

Nr. 247

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Üesflschea Landwirt die Siebener Kamillen, blätter viermal in de: Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brüh loschen Untvers.-Buch-u. Stein- druckerrt (Pietsch Erben) Redaktion, Expedition

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GietzenerAnzeigerM

w General-Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eietzen WW

.............." geigenteil: Han» Beck.

Bekanntmachung.

Betr.: Rotlaufseuche.

ES wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß bei einem Schweine deö I. W. Görlach zu Holzheim Rotlaufseuche festgestellt und Gehöftsperre angeordnet worden ist.

Gießen, den 20. Oktober 1902.

Großherzogliches Kreisamt Gießen-

______________Dr. B reihert.

Bekanntmachung.

Im hiesigen Schlachthause ist ein aus dem Gehöft des Jakob Lauer in Ockershausen stammendes, an Schweine- Rotlauf krankes Schwein geschlachtet worden.

Ueber das Lauersche Gehöft ist Sperre angeordnet vordem

Marburg, den 10. Oktober 1902.

Der Königliche Landrat.

Bekanntmachung.

Die bei einem Schwein des Johann Jost Hebener zu dautphe auSgebrochen gewesene Rotlaufseuche ist erloschen.

Die Sperrmaßrcgeln sind aufgehoben worden.

Biedenkopf, den 14. Oktober 1902.

Der Königl. Landrat des Kreises Biedenkopf.

Hauptversammlung

des landw. Vereins für die Provinz Oberhessen.

Zur diesjährigen ordentlichen Hauptversammlung beehre ich mich, die Vereinsmitglieder hierdurch auf:

SamStag, den 25. Oktober d. I., nachmittags 2 Uhr, inSteinS Garten" in Gießen

ergebenst einzuladen.

Gegen st ände der Verhandlung werden sein:

1. Erstattung deö Jahresberichtes;

2. Vortrag des Herrn Prof. Dr. Albert-Gießen über baS Thema:

»Welche Gesichtspunkte sind bei Auswahl des Saat­gutes im Gebiete der Provinz Oberheffen zu befolgen". Hardt-Hof, den 11. Oktober 1902.

Der Präsident des landwirtschaftlichen Vereins für die Provinz Oberhessen:

I. 93.: Schlenke.

Die Zlrage der Illeischnot vor dem landwirtschaft­lichen Mezirks-Aerein Kietzen.

sp. Gießen, 20. Oktober.

In der gestern nachmittag vom landwirtschaftlichen Bezirksverein Meßen nach dem Cafs Ebel einberufenen Versammlung, welche sehr stark besucht war, referierte Oekonomierat Sch lenke über die F-leischnot. Er er­klärte unumwunden, daß der heutige Preis für Schweine­

fleisch für die Konsumenten zu hoch fei, und daß er wünsche und hoffe, dieser werde in Kürze von 68 auf 60 bis 62 Pfg heruntergehen. Im Interesse unserer heimischen Vieh­züchter sei ein Fleischabschlag bis zu der von ihm ange­deuteten Grenze auch zu ertragen, man könne dabei noch bestehen. Es fei sehr zu fürchten, daß, wenn die jetzigen hohen Fleischpreise anhielten, die Regierung dem Ansturm wegen Oeffnung der Grenzen nicht stand halten würde, und dies würde im Interesse unserer heimischen Viehhal­tung zu bedauern fein, weil damit der Verseuchung unseres Viehes Vorschub geleistet werde. Er sei überzeugt, daß der Schweinefleischpreis ohne die Zufuhr von außen gegen den Dezember hin abschlage, dafür werde schon das An­gebot, welches dann erfolgen müsse, sorgen. Tie Klagen wegen der Flevschnot, die man in der Presse laut werden läßt, und die aus den Stadtverordnetenverfammlungen losgelassen werden, seien übertrieben und ungerechtfertigt. Wenn man erwägt, daß im vergangenen Jahre, als die landwirtschaftlichen Produkte billig waren, der Landwirt seinen Tribut der Industrie für teuere Kohlen und teures Eisen habe bezahlen müssen, dann sei den Landwirten der vorübergehende höhere Nutzen am Fleisch umsomehr zu gönnen, als die Preise für Brotftüchte heuer sehr billig seien und noch kaum die Produktionskosten decken, wenn er auch zu gäbe, daß die Preise der Gießener Bäcker für das Brot noch zu hoch sind im Verhältnis zu dem niedrigen Stand der Kornpreise. Es würde ein Oeffnen der Grenzen auch ein Sinken der Fleischpreise nicht herbeiführen, denn hohe Viehpreise bestehen nicht nur bei uns, auch in Eng­land, Oesterreich und Rußland sei Schlachtvieh knapp. Es sei schwer einzusehen, woher denn das billige Schlachtvieh kommen solle. Würde man ungehindert die Zufuhr aus dem Auslande zulassen, so würden unsere heimischen Vieh- bestände sehr bald verseuchen und damit unsere Vieh­bestände derart decimiert werden, wie dies vor Jahren schon einmal der Fall war, wo dem Landwirt durch die permanente Seuchengefahr die Viehhaltung verleidet war. Würde aber die Seuche erst wieder bei uns herrschen, so würde erst recht eine Viehkrankheit und damit eine Fleischf- teuerung eintreten.

Mehrere Redner in der Versammlung betonten, daß die etwas höheren Viehpreise einen gerechten Ausgleich, bilden zu den überaus geringen Getreidepreisen dieses Jahres. Es fei zweifellos, daß ein zu erwartendes starkes Angebot die Fleischpreise im Lande herunterdrücken werde. Ein Sinken der Ferkelpreise bei den letzten Märkten habe einen verstärkten Anreiz gegeben zum Mästen, und schon in den nächsten Monaten werde man Ueberfluß an Schweine­fleisch haben. Es wurde von allen Rednern bestritten, daß eine Fleischnot int Lande sei, wohl aber zugegeben, daß die Preise für Fleisch teuer seien.

Hirsch e l-Offenbach sprach den Wunsch und die Hoff­nung aus, daß es auch diesmal gelingen möge, einen Weg zu finden, der die Metzger und die Landwirte einige, damit man auch in dieser für die deutsche Landwirtschaft wich­tigen Frage gemeinsam vorgehen könne zum Segen beider Teile.

Kreistierarzt Schmidt erklärt, daß auf dem Grün­berger Galluömarkte 2500 Schweine vorhanden waren. Die lohnenden Viehpreise haben die kleinen Landwirte ange­feuert, sich auf die Schweinezucht zu legen, mehr als sie

dies früher gethan. Tie Preise für Ferkel waren in Grün- fcerg so gedrückt, daß ein Teil der Verkäufer das Jungvieh dort lieber nicht verkauft hat, sondern wieder mit nacfy Hache nahm, um es zu mästen. Es fei gar,; zweifellos, daß die thatsächlich auch vorhandene verstärkte Fettvieh- Produktion sich sehr bald äußern müßte durch den Rück­gang der Fleischpreise. Abgesehen davon, daß uns die zu- gelassene ungehinderte Einfuhr von Vieh aus dem Aus­lande die kaum losgewvrdene Seuche wieder ins Land bringen würde, so bestreite er auch, daß es lohne, von jenseits der Grenzen, z. B. von Oesterreich-Ungarn, Schweine einzuführen, weil dort die Tiere heute schon ebenso knapp sind als bei uns.

Oekonomierat Sch lenke verweist darauf, daß es in der Gießener Stadtverordnetenversammlung ein sachverstän­diger Stadtrat, dessen Namen er nicht nennen wolle, fertig gebracht hat, bei Beratung der sogenannten Fleischnot- frage einen Unterschied zu konstruieren zwischen den großen und den kleinen Ferkelvroduzenten. Er habe die Sache so dargestellt, wie man dies bei dem Vorteil mit den Ge­treidezöllen immer thue. Er hat so gethan, als ob die Kleinbauern den Großgrundbesitzern die teuren Ferkel ab- f auf en. Wer unsere Gießener Schweinemärkte besucht, wird schon wahrgenommen haben, daß es kleine Bäuerchen sind, die die Ferkel zum Markt bringen und nicht etwa unsere Magnaten in der Provinz. Er habe sich, als er dies in den Blättern gelesen, über diese Tarftellung eines Sach­verständigen überaus bewundern müssen.

Bürgermeister h ler-Langsdorf wünscht, daß die Versammlung eine Resolution annehme, deren Fassung er dem Oekonomierat Schlenke überlasse. Es sei notwendig, der Oeffentlichkeit gegenüber den Standpunkt des Bezirks­oereins zur Kenntnis zu bringen. Es fei im übrigen un­wahr, wenn immerfort behauptet wird, es bestche eine Fleischnot bei uns.

Oekonomierat Schlenke erklärt, er fei bereit, den Standpunkt der Versammlung schriftlich festzulegen, er werde die Resolution dem Vorstände des Provinzialvereins unterbreiten, und man könne ja dann in der bevor steh enhen Sitzung des Provinzialvereins auch zur Sache Stellung nehmen.

Ans Stadt und Land.

Gießen, den 21. Oktober 1902.

'* Gedenktage. Am 23. Oktober 1859 starb bet König der Violinspieler und vielseitige Komponist Ludwig Spohr, der auch als Dirigent und Lehrer ausgezeichnet war. Wiederholte Wanderungen durch Italien, die Schweiz und die Niederlande glichen Triumphzügen; am großartigsten gestaltete sich die Aufnahme 1820 in London, wo ihn sogar das königliche Haus empfing. Im hohen Alter hatte er das Unglück, den linken Arm zu brechen, sodaß er sein geliebtes Instrument ganz bei Seite legen mußte. Er war am 5. April 1784 zu Braunschweig geboren.

** Von der Universität. Professor Wünsch hat ür das Wintersemester folgende Vorlesungen angekündigt: 1) Griech. Epigraphik. Montag, Mittwoch und Freitag 45.

ßin kolossaler Schwindel.

Paris, 18. Okt-

Eine neueAffaire Humbert" von enormer Ausdehnung ist in das gerichtliche Stadium getreten, nachdem seit Monaten allerlei schlimme Gerüchte über Priester zirkulieren. Die Hauptbeteiligten sind rechtzeitig, wie Humberts verduftet, die kleinen Diebe aber hängt man. Ter Domherr RosenbergErzpriester von Cypern" und der Bankier Malleval find auf Reisen ge­gangen, nachdem die erste direkte Klage gegen sie, eine Unterschlagung von 570000 Francs, vorlag. Da­gegen wurde der Abbe Guillaumin verhaftet, wahrend man dem Monseigneur Monrade und seinem Sekretär, dem Abbe Felix, gleichfalls verduftet, auf der Spu? zu sein glaubt. Es handelt sich um eine weitverzweigte Schwindlerbande, die sich ihre Opfer in der reichen Gesellschaft ausfnchten. Monrade und Felix lei­teten bis vor zwei Jahren dieRevue Catholique", die mit hübschen Verlusten einging; dann eröffneten sie ein GesclMs-Bureau", wo über Erbschaften, Jnteressen-Wahr- ungen verhandelt wurde, wohlverstanden zum 9kutzen von Wohlthäligteitsanstalten. Während Monseigneur Monrade mit einem neuen Kunden Gesetzesparagraphen abwog, pflegte, so wird erzählt, sein Faktotum Felix ins Bureau einzutreten, um für einendraußen harrenden Unglück­lichen" eine Unterstützung zu befürworten; Monseigneur entnahm seinem Portefeuille sofort 50 Fancs, um (der Himmel wird's uns lohnen!") sich das felsenfeste Ver­trauen seines Besuches zu gewinnen. Dieses Geschäfts- Bureau, dem mitkoinplottierende oder vertrauensselige Pfarrer (sehr viele müssen sich darüber baldigst ausweisen) ihre Pfarrkinder zusandten, präparierte die Gelder der ge­wonnenen Kunden für die katholische Bank Mallevals (Banque generale de la Bourse de Paris), die wiederum die Phantasien des Jndustriepriesters Rosenberg finanzierte.

Tiefer Rosenberg ist die Seele des Geschäfts ge­wesen; der deine, unansehnliche, anscheinendzwischen zwei Thürflügeln glattgedrüctte" Figur ist eine hochinteressante Verbrecher-Figur, deren Entwickelung von angeborener Ge­nialität zeugt Jean de Bonnefon erzählt imEclair" den Urspru. . dieses Mönches, der in diesen Wochen an­scheinend oU- erste Rolle in den Chroniken spielen wird.

Rosenbergs Eltern, so erzählt ein Korrespondent derNeuen Bad. Landesztg.", waren Juden und unterrichteten auf der Violine und Guitarre; ihr Uebertritt zur katholischen Kirche machte ehemals in Tours großes Aufsehen, zumal sie 11 Kinder dem Christentum zuführten. Ihre Frömmigkeit war so groß, daß niemand sich erstaunte, als einer der Söhne ins Seminar, eine der Töchter ins Kloster eintraten. Der Abbe Rosenberg hat in allen Zeiten für einen muster­haften Priester gegolten, keines seiner Opfer konnte anders, denn seinen tugendhaften Lebenswandel loben. Aber feine Spekulationssucht! Zunächst brachte er in Tours ein Je- suiten-Gymnasium in die Höhe und kaufte sich, 34 Jahre alt, 1875 für 60 000 Francs zumlebenslänglichen" Dom­herrn ein! Doch was war Tours für fo ein Talent! Bald gatte der kleine häßliche Abbe sich in die höchste Aristokratie von Paris eingeführt und das Geld für ein Waisenhaus im Schlosse Malmaifon bei Rueil beisammen, das er der Schwester Nonne anvertraute. Dies war die erste Gold­grube. ,(£r gründete eine Fabrik falscher Perlen, künstlicher Totenlränze und eröffnete ebenfalls ein Geschäftsbureau. D i e von ihm Düpierten büßen in dieser Wohl- thätigkeits-Jndustrie 8 Millionen Francs ein!Bischof von Cypern" nannte er sich zwar nicht, wie einige Zeitungen behaupten, wohl aberErzpriester von Cypern", und das war er in der That, denn dazu hatte ihn der wirkliche Erzbischof von Cypern, als er s. Zt- Pais besucht, ernannt; Steunatalla Sebuan hinterließ damals zum großen Skandal viele Schulden und seine goldene Kette auf dem Pfandhaus. Dem Abbe Rosenberg hatte er ein Kompagniegeschäft vorgeschlagen die kirchliche Eh esch eidun g! Der Erzbischof von Cypern hat das uralte Privileg, das sonst nur dem Papst zufteht, Scheid­ungen in seiner Diözese selbjst vorzunehmen. Rosenberg machte aus den fcheidungsbedürftigen Pariserinnen Dioze- finnen seines bischöflichen Kompagnons, indem er ihnen Ländereien, wirkliche ober imaginäre, auf Cypern verkaufte. Wer da weiß, wie langwierig und kostspielig die kirchlichen Ehescheidungen in Rom sind, versteht den Zulauf, den der Abbe fand! Diese Länderverkäuie imponierten Rosenberg derartig, daß er auch auf Canava zu kolonisieren begann und eigens für seine dortigen Spekulationen einen ver­trauten Mwe entsandte. Aian muß es chm nachsagen, daß er in dem jetzt schwebenden Konkurs das kirchliche Interesse

wahrte, die vorhandenen Aktiven im Perlengeschäft sind unantastbar der Chorpfründe von Dours gehörig nur die Waisen von Rueil liegen auf der Straße! Unschön ist auch, daß der flüchtige Abbe nicht rechtzeitig alle Ge­vattern warnte. So wurde derJournalist" Gadobert ver­haftet, den Rosenberg einst nach Rom geführt und dem Kardinal Parocchi vorgestellt, um ihn zumkorrespon- direnden Kanzler des heiligen Stuhles" machen zu lassen und in ihm dann einen Helfershelfer zu haben. Durch Gadobert wurde der Abbe mit der reichen jungen Frau Civet bekannt, die einer kirchlichen Scheidung bedurfte. Rosenberg, begleitet von dem Pfarrer Monrade und dem Abbe Felix, erzählten der Frau Civet, daß sie für die Türkei in Amerika eine 200 Millionen-Anleihe durchzu­führen hätten, die durch die syrischen Zölle garantiert würde. Leider fehle es ihnen gerade an oen nötigen Be­triebsgeldern, für die Reise rc. Frau Civet sandte chnen durch Gadobert 20 000 Fancs hierfür und 20000 Francs für die Unkosten ihrer kirchlichen Scheidung. Das war noch nicht alles; ein weiterer Kumpan, der Abbe Guillaumin mußte Frau Civet überreden, ihr Vermögen von 500 000 Francs auf Rosenbergs Bank, die jener flüchtige Malleval völlig ausgeraubt hinterläßt, zu deponieren! Außerdem soll Guillaumin den Scheidungsakt (ausnahmsweise einen römischen) gefälscht haben! Man verhaftete ihn, den armen" Lehrer des Seminars Notre Dame bei einem Tiner, das er den Administratoren einer neuen, von ihm gegründeten Gesellschaft gab! Interessant ist, daß die Schwester Rosenbergs, um möglichst den Skandal zu ver­hüten, der Frau Civet 40 000 Francs zurückerstattete, die ihr eine fromme Gräfin persönlich legiert! Dies sind die ersten Enthüllungen der zweifellos sehr ausgedehnten Schwin­deleien.

Neues von Adolph Menzel. In den nächsten Tagen läßt Franz Hermann Meißner als achten Band seines illustriertenK ü n st l e r b u ch s" (Berlin bei Schuster und Loesfler, Mk. 3 p. Band) einMenzelbuch" erscheinen, auf das wir an dieser Stelle noch zurückkommen werden. Bei der einzigartigen Stellung Menzels im Kunstleben der Gegenwart interessiert es unsere Leser gewiß, ein paar von den Anekdoten, welche Meißner aus Menzels Leben erzählt, zu hören, kennzeichnen sie den ebenso originellen