ftftrfe M ht seiner heutigen Rede: Ich will imt den Gaul so satteln, daß ich ihn für alle Fälle reiten kann. (Sehr gut! Lärm und Heiterkeit.) Seine ganze Rede war eigentlich nichts Weiler, als die Ueberreichung eines Blumenstraußes an die Linle. (Sehr wahr! und Heiterkeit. Widerspruch bei den Nat.-Lib.) Er steuerte für den Fall der Auflösung offenbar auf das Kartell der Linken hinaus. (Minutenlanger Lärm. Gelächter bei den Sozialdemokraten.) Aber er wird bei der äußersten Linken keine Geaen- liebe finden. Der Standpunkt des Herrn Sattler kann doch m anderen Fällen zu gefährlich für sie werden. (Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) , , c .
Es haben bis jetzt alle Redner geglaubt, der Regierung gute Ermahnungen geben zu müssen. Im speziellen Herr Sattler hat ihr zugeredet, wie einer ttanlen Kuh. (Große Heiterkeit.) Wenn es der Regierung wirklich ernst ist mit ihrer Haltung, dann wird sie schließlich schon selber wissen, was zu tbun. Ich finde die Absage des Reichskanzlers an die Landwirthschaft sehr bedauerlich, vor Allem im Interesse der mittleren und Kleinbetriebe. (Zustimmung rechts und im Centrum.) Die Differenz zwischen der Regierung und uns liegt hauptsächlich in der Frage der Bindung btt Viehzölle und in der Bemessung des Gerstenzolls. Wenn die Erklärung des Reichskanzlers ir Bezug auf diese beiden Punkte wirklich sein letztes Wort darstelli, , ^ürbe ich das sehr bedauern. Denn beides ist eine Lebensnothwendigu-a für den mittleren und kleinen Landwirthschaftsbettieb. Es wäre auch verfehlt, wenn die Regierung nun etwa beide Dinge von einander trennen und etwa die Bindung der Viehzölle gegen den Gerstenzoll kompensiren wollte. Darauf könnten wir uns unter keinen Umständen einlassen. (Hört! hört! und Zustimmung rechts.)
Auf der anderen Seite ist aber auch das Auftreten des Frer- herrn von Wangenheim mit seinen Anttägen der Landwirtschaft nichts weniger als nützlich. Jetzt hier damit zu kommen, das heißt, wirklich nur Agitation treiben wollen. (Widerspruch rechts.) Früher, bei der Wahl in Forchheim, hat sich der Bund der Landwirihe auf den Standpunkt der Regierungsvorlage gestellt, gegen das Centrum. Und jetzt kommen sie so. Das ist doch sehr sonderbar. Von den Agitatoren des Bundes der Landwirthe hat die Landwirthschaft nichts. (Lärm rechts.) Als einzigen Zweck dieser Wanderredner kann ich mir ansehen, daß sie die gegenwärtige Arbeitslosigkeit dadurch verringern wollen, daß eine Anzahl Leute sich ihr Brod errebet. (Lärm unb Heiterkeit.) Was hat bas für einen Zweck, sich auf einen Standpunkt zu stellen, von bem man schließlich boch absehen muß? (Gelächter rechts.) In ber Frage der Flottenvorlage ist ber Bund ber Lanbwirthe auch umgefallen. Wie hat man mich seitens ber Bundesmitglieber mündlich und schriftlich bearbeitet, daß ich die „elende Flottenvorlage" zum Scheitern bringen sollte! Ich habe mich wahrhaft gefreut auf die Abstimmung, denn ich dachte, daß die Herren vom Bund der Landwirthe auf meiner Seite wären, unb mußte es erleben, baß sie Alle zusammen für das Flottengesetz stimmten. Wie kann man so Spiel treiben mit ber Ueberzeugung? Die Lanbwirthschast hat von ben bezahlten Agitatoren bes Bunbes ber Landwirthe, die auch in Baiern herumreisten, nichts gehabt, es war damals das erste Mal, baß bie bairische Landwirthschaft von preußischem Gelbe unterstützt werden sollte. Die Herren von ber Regierung, bie sich so gegen jebe Zollerhöhuna stemmen, unterstützen die Nothlage ber Lanbwirthschast. Die Lanbwirthschast bars unter keinen Umstänben geopfert werben.
Abg. Wintcrer (Elsässer) erklärt, baß seine Freunbe an ihrem Stanbpunkt von ber ersten Lesung festhielten.
Abg. Haußmann-Balingen (deutsche Volksp.): Der Bund der Landwirthe ist ein gefährlicher Freund. Das merken die National- Libcralen allmälia, der Abg. Heim, ber ehrliche Baier, hat bas aus seinem Centrumsherzen heraus offen verkündet. Der Minister von Pischek hat heute wohl den unangenehmen Eindruck verwischen wollen, den seine erste Rede auf die Agrarier gemacht hat. Es würde aber doch mehr zur Stärkung des Reichsgedankens beitragen, wenn einzelstaatliche Minister liberale Gedanken hier vortragen würden. Bei dem Zolltarif handelt es sich um eine Liebesschaukel zwischen Jndusttie und Lanbwirthschast. Die Regierung wollte sich Anfangs wohl auf den agrarischen Stuhl setzen, aber die Agra
rier haben ihr die körperlich wenig beneidenswerthe Stellung zwischen zwei Stühlen bereitet. Und dabei handelt es sich doch nur um 50 Ps. Es würde mich gir nicht Wundern, wenn die Berliner singen würden: Im Reichstag ist Zollauktton! (Heiterkeit.) Was sollen die Mehrheilsparteien jetzt machen? Auch das Umfallen ist nicht so leicht, wie es aussieht. (Heiterkeit.) Die Regierung selbst ist ebenfalls in einer schwierigen Lage, sic, die von Anfang an die agrarischen Bedürfnisse bejaht hat. Herr Dr. Sattler hat sehr lebhaft die Regierung aufgeforberi, daß sie steif bleibe, vielleicht aber hat er nur so scharfe Ausdrücke gebraucht, weil in seiner Seele doch noch eine Spur von Furcht vorhanden war, daß sie umfallen möchte. Die Regierung will immer die Sozialdemokraten bekämpfen, aber ein untauglicheres Mittel als die agrarischen Mindestzölle giebt es nicht. Die kleinen würtembergischen Bauern würden jedenfalls sozialdemokratisch werden. Die Konservativen glauben nicht, daß der Reichskanzler ihnen zürnen wird, wenn das Gesetz scheitert, sie meinen, daß Bernhard von Bülow mit seinem wohlklingendem Tenor sagen wird: Ich grolle nicht, wenn ber Tarif auch bricht. (Große Heiterkeit.) Die Regierung hat die Brücke mit der Linken abgebrochen. In der Frage des Tarifs könnten wir uns verständigen, aber die Konzession der Mindestzölle machen wir nicht mit. Vor neun Jahren haben alle Regierungen die Han- delsverttäge abgeschlossen, jetzt wollen sie chren handelspolitischen Rock wechseln, wir aber bleiben bei unserer Ueberzeugung, wir wechseln nicht alle neun Jahre unseren Rock. (Beifall links.)
Bairischer Finanzminister von Riedel: Dem Abg. Heim bemerke ich, daß es sich hier nicht um eine Vorlage eines Einzelstaates, sondern um eine der verbündeten Regierungen gehandelt hat, unter denen von Anfang an vollkommene Einigkeit herrschte. Was zu Gunsten der Landwirthschaft geschehen konnte, ist geschehen, vielleicht sogar zu viel geschehen. (Zusümmung links.) Es dürfen die landwirchschastlichen Zölle nicht so hoch angesetzt werden, daß ein fühlbarer Druck auf die industrielle Bevölkerung ausgeübt wird. Die weiteren Ausführungen des Redners, der sich gegen den Antrag Heim wendet, bleiben im Zusammenhang unverständlich. Besonders sei ein höherer Gerstenzoll unmöglich, die Absatzfähigkeit des Bieres würde darunter leiden, die Brauindustrie könne keinen höheren Zoll tragen, die Grohbrauer habe er schon jetzt ganz gehörig gezwickt. (Heiterkeit.) Die Regierung sei schon nach Möglichkeit entgegengekommen, dies Entgegenkommen dürfe man nicht dadurch erwidern, daß man das Doppelte fordere.
Abg. Dr. Barth (freit Vgg.): Der Minister von Riedel meinte, daß vielleicht schon sogar etwas zu viel für die Agrarier in diesem Tarif geschehen sei. Das ist auch meine Meinung. Eine solche Bankerotterklärung der agrarisch protektionistischen Politik ist noch nicht dagewesen. Sie sagen, es wäre ein nationales Unglück, wenn der Tarif nicht zu Stande käme. Ein nationales Unglück für 50 Pfennig! (Heiterkeit.) Die Mindestzölle haben für uns nur eine symptomatische Bedeutung. Sie sind ein Mißtrauensvotum, das sich die Regierung selbst ausstellen läßt. Die Regierung wird sich an derartige Mindestzollsätze auch nicht halten, wenn sie die Ueberzeugung gewinnt, daß sie unter sie heruntergeben muß, um einen guten Handelsvertrag zu erhalten. (Lärm rechts.) Hat denn die stanzösische Regierung sich an die Mindestzölle gekehrt? (Ruf rechts: Deutsche Treue!) Prakttsch haben die Mindestzölle gar keine Bedeutung; desto mehr symptomatische. Sie zeigen, wie Sie (nach rechts) unfähig sind, überhaupt etwas zu Stande zu bringen, wenn Sre sich wegen einer solchen Lumperei nicht einmal bertragen können! (Lärm rechts.) Und daher ist es die höchste Zett, daß dieser Reichstag verschwindet, daß Neuwahlen stattfinden. (Lärm rechts.) Welchen Zweck hat denn die Weiter- berathung? Sie ist nur eine nutzlose Quälerei. (Ruf rechts: Sie können sie ja abkürzen!) Nein, das werden wir nicht tfjun, daß wir auf jede Opposition unsererseits verzichten. Wir werden vielmehr mit aller Gründlichkeit Punkt für Punkt durchberathen, (Gelächter.) wie sich dies für eine so wichtige Vorlage gebührt. Die Regierungen sollten jetzt sofort eine vertragsmäßige Neuregelung ihrer Handelsbeziehungen zum Ausland beginnen. Unser wirthschaftliches Leben hat ein Recht, aus diesem Provisorium endlich befreit zu werden. Zu Handelsverträgen sollen dir Negierungen des Rüst
zeuges des Tarifs bedürfen! Das ist denn daS für ein Rüstzeug Ein Rüstzeug von Pappe, mit Papier beklebt! Die Handelsver» träge werden ja durch ganz andere Faktoren benimmt durch bie realen Jnierenen der einzelnen Völker, nicht durch 50 Pfennig Zoll mehr'. Die Belasm.ig der ärmeren Klassen der Bevölkerung durch die Veben-'-mtneljoHc ist viel wichtiger, als alle Handelsverträge! Wenn Sie die lünstlichc Verlheuerung des Brodcs glauben verantworten zu können, so täuschen Sie sich sehr in den Empfindungen derer, die davon betroffen werden. Es giebt ferne Arbeiter mehr, die nicht begreifen, worum eS sich handelt, daß es auf ihre Kosten hergehen soll. Allerdings, jnan kann nicht von heute auf morgen den früheren Zustand deS Freihandels icieber Herstellen. Man kann den Unverstand der früheren Gesetzgeber nur allmälig wieder gutmachen. Aus diesem Grunde kann ich auch dem sozialdemottatischen Antrag auf Zollfreiheit, dessen Tendenz ich durchaus billige, nicht zustimmen. Um so mehr müycn wir darauf achten, daß auch nicht ein Pfennig über den gegenwärtigen Zoll hinausgegangen wird. Ter Arbeiterklasse, der man zumuthet, einen Theil ihrer Arbeit zu Gunsten einer kapitalistischen Klage zu opfern, muthet man eine politische Degradation zu. (Sehr richtig!) Das Schaugericht der Dittwen- und Waisen- Versicherung, das das Gentrum auftischen will, kann den Arbeitern keinen Appetit machen.
Wir hoffen, daß dies Gesetz nicht zu Stande kommt. Und wenn die Regierung nicht den Spott und Hohn der Mtt- und Nachwelt auf sich laden will, so mag sie dafür sorgen, daß die Frage den Wählern selbst zur Entscheidung vorgelegt wttd. (Lebhafter Beifall links.)
Die nunmehr auf gerufenen Abgg. Nißlcr (tonf.) und Diu- dewald (Antts.) sind nicht zur Stelle.
Unter allgemeinen Protestrufen erhält das Wort um 514 Uhr
Abg. Bändert (Soz.) und verbreitet sich ausführlich über btt Nachtheile der Getreidezölle. Es handelt sich hier um nichts An- res, als um einen Raubzug des Junkerthums. An der Saale Hellem Strande stehen heute noch die Burgen der Raubritter. Aber el besteht doch ein großer Unterschied zwischen früher und heute. Früher schaarten sich Bürger und Bauern zusammen gegen die Raubritter, aber heute, wo der Raubzug gesetzlich patentirt wird, müssen Bürger und Bauern sich fügen. Der Osten ist die Grenze der deutschen Kultur. Wie es die Junker machen, zeigt der Prozeß in Trakehnen. Redner führt lange Tabellen über die Wirkung der Zölle an. (Das Haus hat sich inzwischen stark geteert, kaum ein Dutzend Abgeordnete, außer ben Parteigenossen deS Redners, lasten den Redestrom über sich ergehen.) Redner spricht sodann von den kleinen und mittleren Sauern und von Erntestatistiken. Zum Beweis für die Schädlichkeit ber Zölle beruft er sich auf Handelskammerberichte. (Die Minister Frhr. v. Riedel und v. Pischek sind unterdessen eifrig damit beschäftigt, den stenographischen Bericht ihrer heute gehaltenen Reden zu korrigtten. während Staatssekretär Graf Posadowsky sich in eine Zeitung vertieft hat. Von den Abgeordneten hört anscheinend nur Abg. Bebel zu.) Redner ttägt darauf eine Menge von Zahlen über BetriebS- ergebniffe einiger Güter vor. Die Agrarier wollen die Freizügigkeit beseitigen und die Arbeiter an die Scholle fesseln. Unb das seien dieselben Leute, die Arttkel veröffentlichen, in denen sie die Throne krachen lasten. Redner schließt unerwarteter Weise schon um 6V4 Uhr, und zwar mit dem Ruf: Nieder mit bem Zolltarif l
Hierauf vertagt sich das HauS.
Vice-Präsident Büsing schlägt vor, die nächste Sitzung morgen 12 Uhr abzuhalten.
Abg. Singer (Soz.) beantragt, mit Rücksicht auf die Arbeiten der Kinderschutzkommission erst um 1 Uhr zu beginnen.
Der Antrag Singer wird gegen bie Stimmen ber Freisinnigen abgelehnt.
Nächste Sitzung also: Dienstag 12 Uhr (Fortsetzung der heutigen Berathung).
Schluß gegen 634 Uhr.
Die Reise der Brirengenerale.
Aus Berlin wird über die Reise Dewets nach Lolland noch berichtet: Nachts gegen 2 Uhr hielt der Zug in Hannover, empfangen von einer tausendköpfigen Menge. Ter Zug wurde fast gestürmt. Das Publimm kletterte sogar auf die Dächer der Wagen und die Huldigungen wollten lein Ende nehmen. Tewet erschien wiederholt am Fenster und hielt, nur mit einem Hemd bekleidet, eine kurze Ansprache, welche mit donnernden Hochrufen erwidert wurde. Unter dem Gesang „Deutschland, Deutschland über alles" verließ der Zug mit bedeutender Verspätung die Halle. Dewet sprach sich sehr gerührt über den Empfang aus, den man ihm und feinen Kameraden in Deutschland hat zu Teil werden lassen. Es würden für ihn unvergängliche Tage fein. Auch in Spandau wurden Tewet Ovationen bereitet Außer der Viertel- Million, welche den Buren-Generalen am Donnerstag abend übergeben wurde, dürsten noch etwa 100 000 Marr aus verschiedenen Sammlungen sich ergeben. — Wie aus London berichtet wird, kommen die Buren- Generale einer Meldung des „Daily Telegraph" zufolge aus Brüssel Mittwoch in London an. Wenn Die englische Regierung ihnen eine Konferenz abschlägt, beabsichtigen sie, die Tour durch Deutschland fortzusetzen und Köln, Hamburg, Frankfurt a. M., "Dresden, Leipzig und München zu besuchen. Sämtliche Londoner Zeitungen enthalten sich mit auffallender Uebereinstimnmng jedes Kommentars über den Berliner Aufenthalt der Buren- Generale.
Aus Berlin wird ferner gemeldet: Die „Nordd. Alla. Ztg." schreibt: Der „Reichsbote" Derbreitet fol- genoe gehässige Bemerkung gegen den Reichskanzler:
Man sagt sich, wenn Bulow, wie der „Lokalanz." berichtet, Zeit hatte, einen ganzen Wend dem „Bunten Theater" einer Art Tingeltangel zu widmen, so hätte er auch einBiertelstündchen übrig haben können, um ganz abgesehen voir seiner persönlichen Stellung zu den Buren, wenigstens den Empfindungen des deutschen Voltes soweit Rechnung zu tragen, daß er wie die französischen ersten Minister diesen Männern einen Entpfang gewährte.
Tie „Nordd. Mlg. Ztg." bemerkt dazu: „Die Angabe, daß der Reichskanzler einen ganzen Wend im „Bunten Theater" uerbradjt habe, ist falsch. Graf Bülow besuchte dieses Theater überhaupt nie, er würde sich vielleicht ebensogern eine gelegentliche Erholung durch Den Besuch eines Theaters gönnen wie andere Leute, aber dazu fehlt ihm die Zeit — Tie Buren generale, fährt das Blatt fort, suchten entsprechend dem von ihnen betonten unpolitischen Charakter ihrer Reise keinen Empfang beim Reichskanzler nach. Daß letzterer, der gewiß die allgemeine Hochachtung für die Tapferkeit und das menschliche Mitgefühl mit dem Schicksal der Generale teüt, seinerseits sich ihnen hätte nähern sollen, nxir schon nach Dem durch die Generale veranlaßten Scheitern Der Audienz beim Kaiser ausgeschlossen. Uebrigens buben auch Die französischen Staatsmänner zu Den kurzen, von ihnen bewilligten Empfängen, soviel wer wissen, nicht die Initiative ergriffen."
Deutsches Reich.
Berlin, 20. Okt Ter Kaiser hat seinen Aufenthalt in England auf 9 Tage angesetzt. Die Kaiser- Flottille trifft in England am 6. November ein und fährt am 15. wieder zurück.
— Tie großen Hosjagden in Letzlingen dürften am 28. und 29. November statt finden. Zu diesen Jagden pflegt der Kaiser regelmäßig eine Anzahl Fürstlichkeiten und die bekanntesten Vertreter des altmärkischen Wels einzuladen.
— Die „dtordd. Allg. $tg/' meldet: Dem Bundesräte ging der Entwurf einer Verordnung über den Kleinhandel mit Garn zu. Dieser Entwurf hat lediglich eine unwesentliche Ergänzung der unterm 20. November 1900 ergangenen und am 1. Januar 1903 in fttaft tretenden Bekanntmachung, welche für den Einzel- verkauf von Garnen, die Innehaltung bestimmter Gewichtseinheiten und Angabe der Gewichtsmenge vovschreibt, zum Gegenstände. Es sollen nämlich von diesen Vorschriften ausgenommen werden neben baumwollenen Nähgarnen, die auf Holzrvllen ausgemacht sind, auch baumwollene NäH- game, die auf Papierhülsen und Pappkops ausgemacht sind. Tie einschlägige Vorschrift in § 1 Absatz 2 der Bekanntmachung vom 20. dLovember 1900 würde hiernach lauten: Die Vorschriften dieser Verordnung finden keineAnwendung: a) auf Garne, die zum Zweck der Fertigstellung von halb- n Waren in Verbindung mit diesen feilgehalten wer- aus baumwollene Nähgarne, die auf Hvlzvollen oder auf Papierhülsen und Pappkops ausgemacht sind, c) aus öarne, die dem Muser angemessen oder zugewogen werden.
Ausland.
W i e n, 20. Oft Tie Blätter melden aus B i c l i tz: Aus Anlaß der Einweihung und Eröffnung des polnischen Arbeiterheims befand sich die deutsche Bevölkerung der Stadt in großer Erregung. Scyon am Samstag Wend kam es in den Straßen zu großen Versammlungen. In der Nacht wurden alle Wände des polnischen Vereins- Hauses mit Tinte bespritzt und sämtliche Glasscheiben durch Steine zertrümmert. Mehrere Arbeiter, die in den Vorder- zimmern schliefen, wurden leicht verletzt. Gestern früh gammelten sich auf dem Wege vom Bahnhofe zum Vereins- Hause viele Tausende Deutscher an, welche die ankommenden polnischen delegierten nicht in die Stadt lassen wollten. Mehrere hundert Arbeiter aus Galizien mußten umkehren. Auch zu Prügeleien kam es, wobei einige Verhaftungen vorgenvminen wurden. Als der LandtagSabgeordnete Sto- janowski das Lereinshaus verließ, wurde nach ihm mit Eiern und Steinen geworfen. Lluch^nach dem Reichstags- abgeordneten Bomba wurde mit Steinen geworfen. Auf die Ermahnungen einiger älterer Bürger beruhigte sich schließlich Die Menge. Stojanowski konnte unbehelligt zur Kirche gehen. Die Rückreise der meisten fremden Delegierten konnte erst erfolgen, nachdem sie auf Llmroegen zum Bahnhofe gelangt waren. Weitere Ausschreitungen tarnen nicht vor.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 21. Oktober 1902.
♦* Hofnachrichten. Prinz Heinrich von Preußen empfing am 19. Oktober vormittags den Major v. Langermann und den Maler William V- Schwill.
** Personalien. Der Rechtsanwalt Friedrich Kraft in Büdingen ist zum Notar mit dem Amtssitz in Büdingen ernannt worden.
** Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten-Dersammlung Donnerstag, den 23. Oktober 1902, nachmittags 4 Uhr- 1. Errichtung eines Lagerhauses an der Hardt, hier: Dispens. 2. Baugesuch ber Firma Büttner und Tamm für die verlängerte Ederstraße; hier: Dispens. 3- Errichtung eine- Petroleumlagers am Schiffenbergerwege; hier: DispenS. 4. Gesuch des Konrad Rübsamen um Erlaubnis zur Vornahme von Bauveränderungen an seiner Scheuer in ber Schwarzlach. 5. Holzversteigeruna vom 21. MäA 1902. 6. Lohn ber Lagerarbeiter oeiin Sielbauamt- 7. Dischluß bes Sielbaulagerplatzes an bie Telephonleitung. 8. Kongreß ber beutschen Gesellschaft für Gynäcologie zu Gießen. 9. Buchbinderarbeiten für bas städtische Archiv 10. Vergebung ber städtischen Fuhren. 11. Das hessische Städte- bunbtheater. 12. Zinsfuß ber Sparkasse. 13. Sonntagsruhe im Hanbelsgewerbe. 14. Ortsstatut betr. BedürfniS- frage für Schau kwirtschaften. 15. Uebertragung ber Geschäfte für bie Invalidenversicherung an bie Ortskrankenkasse. 16. Gesuch bes Karl List zu Gießen um Erlaubnis zum Mirtschaftsbetrieb im Hause Schiffenbergerweg 58. 17. Tesgl. bes Philipp Senller im Hause Frankfurterstraße 30. 18. Gesuch bes David Wicharb um Erlaubnis Sogierbetrieb im Hause Hammstraße 14.
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Neueste Meldungen.
Lriginaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers.
Lonbon, 21. Okt. 'Nach einer Reutermeldung auS Ab en sind 460 Bomb aygrenadiere nach dem Somelilanbe angegangen.
Paris, 21. Okt. Etwa 50 Tetegierte aller Lr- beiter^erbänbe hielten gestern auf der Arbeiterbörse eine vertrauliche Besprechung ab, um sich über bie Absichten ber Leiter ber Syndikate zu vergewissern bezw. die Möglichkeit eines Generalausstanbes aller Arbeiterkategorien zu envägen. Es kam folgende Tagesordnung zu stände: Das Verbandskomitee sei bereits auf bie Vorschläge des nationalen Grubenarbeüer-Kvmilees bezüglich ber Verständigung über ben Generalausstand auf der Grundlage Der gemeinsamen Forderungen Des gcsamten Proletaria ts einzugehen.
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