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20/03/1902 Erstes Blatt
 
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Verkäufe" stehe wahrscheinlich in ursächlichem Zusammenhang mit der Reichsgerichtsentscheidung vom 21. September 1897, die die Nachschiebung von Waren bei Ausverkäufen als nicht schlechthin unzulässig bezeichnet hatte. Das Ministe­rium betont, daß es ein Mißverständnis sei, wenn angenom­men werde, daß das Reichsgericht mit dieser Entscheidung Nachschübe schlechthin und ohne jede Beschränkung freige­geben habe. Die Urteilsbegründung bezeichne vielmehr den Begriff eines Ausverkaufes nur dann nicht als ausge­schlossen, wenn Nachschübe in geringem Umfange und in der Absicht, die Auslösung des Geschäftsbetriebes durch weitere Heranziehung gangbarer Artikel zu fördern, vorgenommen worden sind. Das Ministerium fordert weiterhin die pri­vaten Interessentenkreise auf, vor den Kosten und Umständ­lichkeiten der Inanspruchnahme des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb solchen Aus­verkäufen gegenüber nicht zurückzuscheuen. Schließlich wer­den die Distrikts- und Ortspolizeibehörden verständigt, daß die Veranstaltung trüge risch, er Ausverkäufe von Amtswegen zu verfolgen und zur Anzeige zu bringen ist.

Heer und Flotte.

Dem Hauptmann a. D. Fritz Hoenig widmet sein früheres Regiment folgenden Nachruf:Am 12. d. Mts. ver­schied zu Halberstadt plötzlich nach langen, schweren Leiden der Hauptmann a. D. Herr Fritz Hoenig. Der Entschlafene Kat dem Regiment von 1866 bis 1876 angehört und die "Feldzüge von 1866 und 1870/71 mit Auszeichnung mit­gemacht. Nach seinem Abgang vom Regiment als Schrift­steller thätig, yat er zwar wiederholtnichtin Ueber- ftimmungmitdenAnsichtendesOffizierkorps seine Meinung zur Geltung gebracht; jedoch wird das Regi­ment chn als alten Kriegskameraden wegen seiner treuen Anhänglichkeit und seiner unzweifelhaft geistigen Bedeutung nicht vergessen. Wesel, den 15. März 1902. Im Namen des Ofsizierkorps Infanterie-Regiments Herzog Ferdinand von Braunschweig (8. Wests.) Nr. 57: Frommhagen, Oberst und Regimentskommandeur.

Aus Stadt und Sand.

Gießen, den 20. März 1902.

* Audienzen. Der Großherzog empfing am 19. März den Oberlehrer Müller von Büdingen, den Forst­meister Bus von Grebenau, die Bürgermeister Alles von Nieder-Florstadt und Eckert von Klein-Winternheim.

* * Pensionierung. Der Großherzog hat am 19. den Ministerial-Revisor bei dem Ministerium der Finanzen und ersten Beamten bei dem Forstvermessungs- und Taxa­tionsbureau, Rechnungsrat Wimmenauer zu Darm­stadt, auf sein durchsuchen unter Anerkennung seiner mehr als 50 jährigen treu geleisteten Dienste mit Wirkung vom L April in den Ruhestand versetzt und i^in- aus diesem Anlaß das Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Phi- llpps des Großmütigen verliehen. In den Ruhestand wurde versetzt der Hilfsdiener am Landgericht der Provinz Nheinhessen Krämer auf sein Nachsuchen unter Anerkenn­ung seiner langjährigen treuen Dienste mit Wirkung vom Dienstantritt seines Nachfolgers.

* * Ernennungen. Ter Großherzog hat am 19. März den Staatsanwall am Landgericht der Provinz Ober­hessen Zimmermann zum Amtsrichter bei dem Amts­gericht Gießen, den Amtsrichter bei dem Amtsgericht Gernsheim Gill er zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Groß-llmstadt, den Gerichtsassessor Maser aus Darmstadt Zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Gernsheim, sämtlich mit Wirkung vorn 24. März 1902 ernannt. Der Groß­herzog hat den Vortragenden Rat in der Abteilung des Ministeriums der Finanzen für Steuerwesen, Geh. Ober- fiuanzrat Dr. Becker, mit Wirkung vom 1. April an zum Ministerialrat in dem Ministerium der Finanzen und Vorsitzenden der Abteilung dieses Ministeriums für Steuer­wesen ernannt. Der Großherzog hat am 19. d. M. den mit der Leitung des Neubaubureaus für das neue Mu­seum zu Darmstadt beauftragten Bauinspektor des Hoch­bauamts Bensheim, Diehl zu Darmstadt, zum Bau-In­spektor ohne Amtsbezirk mit dem Wohnsitz in Darmstadt, den Bauassessor, Bauinspektor Plock zu Bensheim zum Bauinspektor des Hochbauamts Bensheim ernannt. Auf Grund Allerhöchster Ermächtigung vom 19. ist der Bau­assessor, Bauinspektor K u b o zu Mainz mit der Versehung der Stelle eines Bauinspektors des Hochbauamts Mainz bis auf weiteres beauftragt worden . Ernannt wurde am 15. März der Kanzleigehilfe am Landgericht der Pro­vinz Oberhessen Geilsus zum Kanzlisten an diesem Ge­richt. Mittelst Allerhöchster Entschließung vom 15. Marz wurde der Leib kämm erdiener Schön mit Wirkung vom 1. April an zum Schloßinspellor ernannt. Ter Großherzog hat am 19. den Oberrechnungsrevisor bei der II. Justifi-

katur-Abteilung der Oberrechnungskammer Schenck zu Darmstadt, mit Wirkung vom 1. April ab zum Ministerial- revisor und Beamten bei dem Forstvermessungs- und Taxationsbureau ernannt.

* * Staatsprüfung für das Iustiz- und Ver- w a l t u n g s f a ch. Im Justizgebäude in Darmstadt findet gegenwärtig die Staatsprüfung für das Justiz- und Ver­waltungsfach statt. Es haben sich hierzu 33 Kandidaten gemeldet, von denen jedoch einer von der schriftlichen Prüfung zurückgetreten ist.

** Hypnotismus. Heute und morgen abend wird Herr Freyd Nelson einen Experimentalvortrag über Hypnose und Suggestion im Hotel Einhorn halten. Dem Referat eines auswärtigen Blattes über einen Vortrag des Ge­nannten entnehmen wir folgendes: Dem Vortragenden gelangen seine Experimente sehr gut. Von mehreren aus der Zuhörerschaft ausgewähllen Personen, die sich zu einem Versuche bereit finden ließen, erwiesen sich zwei Medien als besonders empfänglich für den Einfluß der Suggestion. Sie folgten dann willenlos allen Aufforderungen des Hypnotiseurs. Dieser suggerierte ihnen beliebige Vorstell- unäen. Auch die Einwirkungen der Suggestion auf die Gefühlsnerven, die bei kleineren schmerzlichen Operallonen schon mehrmals praktisch angewandt wurde, veranschau­lichte der Vortragende, indem er nach Belieben den einen Arm der Versuchsperson gefühllos machte, in dem anderen aber die Empfindsamkeit steigerte. Schließlich zeigte der Hypnotiseur die Möglichkeit, durch Suggestion derart aus die Muskeln des Hypnotisierten zu wirken, daß der Körper plötzlich steif wird, und z. B. in ausgestreckter Lage, nur aus Hinterhaupt und Fersen gestützt, völlig gerade liegen kann. Zur Abwechselung gab dann Nelson noch einige Taschenspielerkunststücke zum besten, womit er lebhafte Hei­terkeit hervorrief, besonders in der Schlußnummer, in der die Antispiritistin Fräulein Fay die Illusionen einer Spiritistensitzung in gelungenster Weise vorführte.

** Aus dem Theaterbureau. Als letzte Vorstellung dieser Spielzeit und als 12. Volksvorstellung geht am Frei­tag den 21. ds. Mts. Anzengruber's vieraktiges Volks- stückDas vierte Gebot" nochmals in Szene.

st. Butzbach, 19. März. Bei dem so schön ver­laufenen deutschen Abend wurden durch Eintritts­geld, Loseverkauf und durch Bazar etwas über 1000 Mark vereinnahmt. Da die Ausgaben sich auf etwas über 400 Mark belaufen, so dürften gegen 550 Mark den Bestreb­ungen des deutschen Schulvereins zu gute kommen.

Bad-Nauheim, 18. März. Ter frühere Löffler- sche Weinberg, den vor zwei Jahren die Stadt ange­kauft hat, wird jetzt mit Wegen versehen und mit Tannen und Obstbäumen bepflanzt. Die Stadt tritt, derDarmst. Ztg." zufolge, dem Gedanken näher, die hiesige Höhere Töchterschule, die von etwa 100 Kindern besucht wird, in eigene Verwaltung zu nehmen. Vorläufig erfolgt ein Zuschuß von 1500 Mark Pro Jahr.

e. Bad-Nauheim, 19. März. Das heute abend zu Ehren des Ober-Bergrats Pros. Dr. Chelius im Sprudel-Hotel" veranstaltete Abschiedssest gestaltete sich zu einer großartigen Ovation für den am 1. April scheidenden außerordentlich beliebten ersten Beamten der hiesigen Großh. Hess. Kurverwaltung. Das Fest war von dem Stadtvorstand und dem Aerzteverein arrangiert und von sämtlichen Vereinen Bad-Nauheims besucht. Bis jetzt wurde noch keinem von Bad-Nauheim scheidenden Beamten ein solch großartiges Abschiedssest bereitet.

W. Geiß-Nidda, 18. März. Einen schönen Beweis der Liebe und Anhänglichkeit gab ihrem Pfarrer die hiesige Gemeinde. Seine Frau war nach längerem Leiden gestorben und sollte nach ihre Heimat Rheinhessen verbracht werden. Am Morgen der Abfahrt der Leiche versammelte sich die Gemeinde im Pfarrhofe, die Lehrer mit den Schulkindern, der Krieger- und Gesangverein mit ihren Fahnen. Nachdem der Gesangverein ein Trauerlied gesungen, vollzog Pfarrer Werner von Nidda nach einer kurzen Ansprache über das Wort:Der Herr hat's gegeben usw." die Einsegnung der Leiche, worauf die Schulkinder noch ein Lied sangen. Alle Anwesenden geleiteten die Leiche nach dem 20 Minuten von hier gelegenen Bahnhofe. Tie Verstorbene hatte sich durch ihr freundliches und liebreiches Wesen alle Herzen gewonnen.

Ulrichstein, 18. März. Gegen einen vor mehreren Jahren am hiesigen Amtsgericht angestellten Amtsrichter ist, den N. Hess. Volksbl." zufolge, ein Verfahren wegen un­freiwilliger Versetzung in den Ruhestand eingeleitet worden. Oberlandesgcrichtsrat Jung aus Darmstadt weilt mit einem Gerichtsassessor gegenwärtig hier, um die erforder­lichen Erhebungen anzustellen, und wird sich dem Vernehmen nach zu demselben Zweck von hier nach einem anderen Ort Oberhessens begeben, wo der betr. Amtsrichter ebenfalls thätig war.

Darmstadt, 19. März. Bei dem in nächster Zeit be­vorstehenden Besuch des Großherzogs am russischen Hofe wird sich Prof. Olbrich im Gefolge des Fürsten be­finden. Der Künstler ist von der Großfürstin Sergius nach Petersburg eingeladen worden, um das dortige Palais neu ausstatten zu helfen.

Mühlheim a. M., 17. März. Ein Bomben- Attentat wurde gegen den Kreisstrußenwart Bauer wahrscheinlich aus Rache verübt, ist aber glücklicherweise ohne schlimme Folgen abgelaufen. B. wohnt an der Kreis­straße Offenbach - Mühlheim gegenüber der Kreis-Er­ziehungsanstalt, direkt am Waldsaum. Wie er erzählt, hat er in der verslossenen Nacht vergessen, die Fensterläden zu schließen. Plötzlich flog um Mitternacht ein schwerer Gegenstand klirrend durch die Fensterscheibe in das Schlaf- llmrner. Bauer sprang sofort aus dem Bett, um, mit dem geladenen Revolver in der Hand, nach dem Thäter auszuspähen. Dabei will er einen Mann mit brennender Zigarre gegenüber seiner Wohnung gesehen haben. Ein sonderbarer Brandgeruch, sowie glimmende Funken am Boden veranlaßten ihn jedoch, sich mit seinem Weibe schnell aus dem Zimmer zu flüchten. Kaum war dies gesck)ehen, so erfolgte ein furch tb arer Sch lag. Hierbei wurden Eisenstücke umhergeschleudert, die teils in die Zimmerdecke, teils in das Bell fuhren. Das Mordinstru­ment war wahrscheinlich aus einem Gasrohr gefertigt, und mit Pulver geladen, welches mittels einer Zündschnur zur Explosion gebracht wurde.

Mainz, 17. März. Die Eisenbahndirektion Halle zum 17. Einladungen ergehen lassen zur Besichtigung von Durchgangswagen, welche im Anschluß an die durch den Offenbacher Eisenbahn-Unfall geknüpfter Erörterungen von der Firma Gebr. Gastell in Gemäßheit der von der Gemeinschaftsverwaltung erteilten Aufträge um geb aut worden sind, und nurnehr dem Betriebs übergeben werden sollen. Eisenbahndirektionspräsident Breitenbach, Gouverneur Baron v. Collas, Beigeordneter Baurat Kuhn, eine Anzahl Stadtverordnete, Ministerialrat Ewald und Oberbaurat Kullmann-Tarmstadt hatten sich eingefunden. Die Erklärungen des Umbaues gaben Eisen­bahndirektor Heuer und Eisenbahn-Bauinspektor Schranke. Besondere Rücksicht ist bei dem Umbau auf die Fenster der Längsseite im Flur der Wagen genommen; diese können, entgegengesetzt gegen früher, jetzt vollständig her­untergelassen werden. Außen sind eiserne Griffe an den Wänden und Fußtritte angebracht, so daß man bei einer entstehenden Gefahr bequem hindurchschlüpfen kann. Es sollen aber noch weitere Verbesserungen vorgenommen werden. Die Sitzplätze sind unten durch starke Eisenteile verstärkt, so daß sie nicht so leicht zusammen gedrückt wer­den können. Von der Lokomotive aus erfolgt die Nieder­druckheizung für den gesamten Zug. Die vorgenommenen Verbesserungen an den Wagen sind gegenüber der noch im Gebrauch befindlichen sehr zweckentsprechend. Thüren für jeden Abteil nach außen anzubringen, wurde als unmöglich bezeichnet. Die Wagenbauanstalten haben den Auftrag erhalten, sämtliche von ihnen früher gebauten T-Zugwagen den festgelegten Abänderungsvorschriften ent­sprechend umzubauen. Mitgeteilt wurde noch, daß bei neuen Wagen die Fenster ganz erheblich verbreitert und mit Metallrahmen versehen werden. Auch die Aborte sollen eine wesentliche Verbesserung erfahren.

Wetzlar, 18. März. Der preußische Landtag hat in seiner gestrigen Sitzung die Mittel für das hier zu er­richtende Seminar und die Präparanden-Anstatt bewilligt.

Vermischtes.

* Plauen i. V., 18. März. Der am hiesigen Stadt- theater wirkende Schauspieler Wedell unterhielt seit einiger Zeit mit der Tochter seines Direktors ein Liebesverhältnis, welches der Vater der jungen Dame nicht dulden wollte. Er brachte oaher seine Tochter auf seine in Bad Linda gelegene Villa, um sie den Einflüssen des ge­nannten Herrn zu entziehen. Aber auch hier machte Wedell der jungen Dame seinen Besuch. Als dies der Vater des jungen Mädchens heute erfuhr, begab er sich sofort von Plauen nach Bad Linda. Als er an der Gartenecke seiner Villa ankam, hörte er in der Villa vier Schüsse fallen, die den Tod der beiden jungen Leute herbeiführten.

Hoboken, 19. März. Gestern Nacht zerstörte eine Fe u er s brunst die Pier der Dampfschiffahrtsgesellschaft Phönix", den DampferBritish Queen" und eine Anzahl Boote. Der Verlust an Ladung beziffell sich auf nahezu 1 Mill. Doll. Ob Menschen umgekommen sind, ist noch nicht festgestellt worden.

* Terlinden befindet sich an Bord des von New-Pork am 16. März nach Bremerhaven abgegangenen Dampfers

sühlsroheit feige Lmnp müßte den Zuschauer mit Abscheu er­füllen. Herr Woisch haftete in seiner Charakterisierung Seiber ganz an der Oberfläche. Die würdige Dame Barbara hatte Frau Kruse anch nicht besonders realistisch angefaßt, und Frau Jenny blieb, wider alles Erwarten, als tüch­tige alte Großmama der Dichter hat mit dieser schönen Figur seiner eigenen Mutter ein Denkmal der Pietät setzen wollen ganz eindruckslos.

Der Stolzenthaler ist der anmaßende, protzenhafte, lockere und vor allem gefühlsarme reiche Wiener; Herr Schneider gab ihm in seinen großen Szenen der Leidenschaft und des Zornes einige Tiefe, was wohl dem dichterischen Bilde nicht ganz entspricht, es aber sympathischer macht. Jedenfalls führte er seine Auffassung durchaus naturwahr durch und er­zielte eine sehr gute Wirkung. Für Frl. Feige bot die Figur der Hedwig in ihrer schlichten, einfachen Anlage viel ihrem eigenen Wesen Entsprechendes. Natürliche, nngeschminkte weiche Empfindung steht der Künstlerin gut an. Dagegen die sehr packende Abschieds-Szene von ihrem Kinde ging über ihre Kraft. Ganz prächtig war Herr Ramsey er als der herrische Polterer Hutterer, dem er die rechte temperament­volle Unterlage gab; wieder einmal waren sein gesunder Humor, seine frische Derbheit, seine rauhe Kehle bei diesem eigensinnigen Starrkopf am rechten Platze. Herr G e r l a ch war als der aus einem Klavierlehrer zum Feldwebel sich mausernde edelmütige Frey im ersten Akte von diskreter Zurück­haltung, die fich dann später zur dramatischen Wucht steigerte. Den tölpelhaften Drechslergesellen gab Herr Zoder in seiner bekannten treffenden Art. Von den übrigen Damen und Herren ist nichts besonderes zu sagen; sie trafen im all­gemeinen den rechten Volkston.

Wir stehen nahe dem Ende einer thatenreichen Spiel­zeit, die uns viel Gutes und Interessantes und, was vor allem Anerkennung verdient, wenig leichte und seichte Ware brachte. Etwa 60 Neueinstudierungen wurden uns beschieden. Wir sahen Goethes Faust und Lessings Minna, Shakespeares Kauf­mann von Venedig und Romeo und Julia. Kleist, Anzen­gruber, Laube, Hauptmann, Halbe, Sudermann, Fulda, Ernst wurden uns im wesentlichen, zum Teil ihren besten oder neuesten Werken geboten. Dazu kämen der Russe Tolstoi, der Norweger Björnson, der Niederländer Heyermanns, kamen Molißre, Dumas Sardou, Brieux und noch ein paar Franzosen. An guter Abwechselung also hat es wahrlich nicht gefehlt und an ernstesten künstlerischen Bemühungen. Was uns in erster Linie fehlt, das ist für's Ganze ein anderer Rahmen, ein anderes Haus . i . .1

Herr Direktor Kruse zieht demnächst für das Frühjahr mit seiner Künstlerschar nach Limburg und Bingen und dann für den Sommer nach Neuenahr, uni im nächsten Winter wieder zu uns zurückzukehren, zum größeren Teil in anderer Be­gleitung. Auf jeden Fall hat ein Theater von der Erhal­tung erprobter Kräfte nur Vorteil, aber des Talents Drang nach vorwärts, das die kleinen Provinzbühnen nur als Durch­gangsstation benutzt und seine Schwingen für stark genug hält zu höherem Fluge, sucht für seinen Ehrgeiz ein anderes Feld, es läßt sich nicht halten. Andererseits werden Minder­wertige abgeschoben. Von der vorigen Spielzeit zu dieser, war uns nur Herr Ramseyer treu geblieben. Daß bei einer solchen nahezu totalen Neubesetzung der Schauspielfächer mancher Mißgriff nicht auSbleiben konnte, war nur zu be­greiflich. Im Ganzen und Großen haben wir aber diesmal wesentlich besser abgeschnitten gehabt als im Vorjahre. Hoffen wir von der nächsten Spielzeit em gleiches Ansteigen l

Die Bemerkenswerteren unter den Scheidenden sind die Damen Hohenfels und Brandau, die Herren Schneider, Leß- mann und Woisch. Frl. Hohenfels hat manchen schönen und echten Erfolg errungen, sowohl als jugendliche Heldin und sentimentale Liebhaberin, wie in jenen ganz entgegen­gesetzten Rollen als Dame v. Maxim re., und sich als eine unserer besten und talentvollsten Kräfte bewährt. Sie geht an das Stadttheater in Hanau. Frl. Brandau, die Naive, gefiel durch ein natürliches, liebenswürdiges Spiel, durch die schlichte Anmut ihres ganzen Wesens. Herr Schneider, der nach Liegnitz geht, zeigte in den meisten seiner Leistungen einen feinen Takt, Geschmack, Maß, Temperament. Der Charakterdarsteller, Herr Leßmann, ersetzte den leider zu schnell von uns durch höhere Gewalten und Pflichten ab­berufenen de Giorgi nicht ganz, erroieS sich aber als ernst­haft strebsam und bot namentlich im klassischen Drama recht Tüchtiges. Herr Woisch ist als Komiker vor allem ein vor­trefflicher Darsteller für die Jovialität alter Herren, für die wehmütig Gutmütigen. Möge den Scheidenden die Zukunft hold sein!

Zweifellos hat unser Kunstinstitut in diesem Winter er­freuliche Fortschritte gemacht. Es steht sichtlich im Begriff, sich immer höhere Ziele zu stecken, und würde dazu noch weit mehr im stände fein, wenn sich die Idee der Begründung eines Städtcbundtheaters verwirklichen wollte. Und wenn die heute schüchtern knospenden Blätter wieder fallen und der Vorhang unseres Theaters int nächsten Herbst zum ersten Male wieder in die Höhe geht, dann werden wir uns hoffent­lich einem Künstler-Ensemble gegenüber sehen, mit dem einen Winter über tapfer mitzumarschieren auch dem kritischen Be­trachter eine Freude ist. Paul Witiko.