Das Duell in Springe.
Töb des im Duell gefallenen Landrats trütt Bennigsen rief nach seinem Vekanntwcrden in Springe große Erregung hervor. Gegen Falkenhagen herrschte bei der Bevölkerung derartige Erbitterung, daß mau seine Abrei.se als ein Glück ansah. Am Sonntag ist F. in Berlin verhaftet worden. Oberpräsident von Bennigsen traf mit seiner Familie in Hannover ein, um faa, Zlachrnittag mit seinem Sohne die Leiche nach Bennigsen HU überführen. Fallenhagen ist 26 Jahre alt und stammt mr§ Nordheim, wo sein Vater ein Gut besitzt. Seit drei Jahren ist er Pächter der königlichen Domäne Springe. Er iist unverheiratet. Landrat von Bennigsen war 41 Jahre cÄ, seit 14 Jahren Landrat in Springe und seit 12 Jahren iraÜ der Tochter des früheren Pächters der Domäne Springe, Amtmanns von Schnehen, verheiratet. Frau von Bennigsen ist Mtzt 31 Jahre alt, eine üppige, schöne Erscheinung. Ter Ehe sind fünf Kinder entsprossen. Das älteste ist elf, das jüngste vier Jahre alt. In Springe war es seit langer Zeit offenes Geheimnis, daß zwischen dem Domanenpächter, dessen Wohnhaus nur durch einen Hof von dem Hause des Landrats getrennt ist, und der Fran von Bennigsen intime Beziehungen -bestanden. Der Landrat hatte seit einiger Zeit den Verkehr Mit dem Domänenpächter abgebrochen. Da die Gerüchte -über das Verhältnis der Frau von Bennigsen zu Fallenhagen immer bestimmter austraten, beschloß man in dem Klub, Lew die Honoratioren von Springe angehören die Sache dem Landrat zu unterbreiten. Dies soll am Montag geschehen /sein. Am Sonntag hatte Herr v. B. mit seiner Gemahlin «och verschiedene Besuche gemacht. Am Montag soll sie nach Hannover gefahren sein und, wie man in Springe erzählt, von dort m Begleitung FalkenhagenS am Abend nach Springe zurückgekehrt fein. Dienstag Vormittag verließ Frau von Senmgfen auf Befehl ihres Mannes das HauS, um, itnc man sogt, zu ihrer Schwester nach Leipzig zu fahren. Einer Aus- eincmdersetzung zwischen Herrn von Bennigsen und Falkenhagen folgte noch am gleichen Tage die Forderung. Sie Lautete auf zehn Schritte Distanz und dreimaligen Kugelwechsel. Herr von Bennigsen war kurzsichtig, galt aber als guter Schütze, besonders auf weite Entfernungen. Beim ersten Kugelwechsel erhielt er die schwere Verwundung. Sein Bruder, der Gouverneur von Neu-Guinea, sowie sein Vater, der frühere Oberpräsident von -Hannover, waren bald zur Stelle und sorgten für die Ueberführung des Verwundeten nach dem Henriettenstist in Hannover.
Wie dem Irrst erburgett Duell mit seinem tätlichen ÄusMMge das ebenfalls tätlich verlaufene Duell in Jena nur allzu schnell folgte- so ist auf dieses als drittes dieser Zweikampf in Springe gefolgt. Dieses Duell hat einem hochbetagten, viel verehrten und um das Vaterland sehr verdienten Warme den Sohn, einer Reihe von Kindern den Vater, dem Staate einen angesehenen Beamten geraubt. Allerdings hatte Lieser Zweikampf einen ungleich ernsteren Hintergrund, als die ixt jugendlichem Leichtsinn heraufbeschworenen Zweikämpfe m Insterburg und Jena. Dem Landrat v. Benningsen galt es, ,-seine Famllienehre zu rächen, der Räuber und Schänder dieser Ehre aber, der frevelhafte Zerstörer eines ganzen Familien - glückeS steht triumphierend an seiner Leiche — das Unrecht und die Sünde siegen, das Recht wird mit einer kaltblütig gezielten Kugel zu Boden gestreckt. Es ist eine erschütternde ^Tragik, die in diesem Ausgange des Springer Duells liegt, und wo bleibt da, ganz abgesehen vom Gesetz, abgesehen von der wahren guten Sitte, selbst abgesehen von der göttlichen Weltordnung, die Logik! Läge nicht die Frage außer- ordentüch nahe, ob denn ein Mensch, der solchergestalt, wie der Gegner des erschossenen Landrats, heimtückischerweise in die Familie seines Nachbarn eindringt und sich an ihr in schändlichster Weise vergeht, überhaupt als satisfaktionsfähig angesehen werden kann? Wir meinen, ferne Verachtung könnte groß und tief genug sein, als die, mit der einem solchen Individuum begegnet werden muß, und einem Gegner, den man verachtet, macht man keine Konzessionen, die man einst als das Vorrecht der Ritterlichkeit ansah, auch nicht, wenn sie inzwischen zum gesetzlich verbotenen und sttafwürdigen Vergehen oder Verbrechen geworden sind. Man erwartet seit langem neue Bestimmungen über das Duell, erhebliche Verschiffung der Strafen darauf. Hoffentlich lassen sie nun nicht mehr allzulange auf sich warten.
Handel und Uerkehr. Volkswirtschaft.
— Kasseler Trebertrocknuugsgesellschaft. Die Honoraransprüche, welche der Konkursverwalter für die Zeit vom 4. Juli bis 31. Dczemoer ausstellte, wurden vom Konkursgericht von 75 000 Mk. auf 50 000 Mk. herabgesetzt.
Getreide.
Der Weizenmarkt verkehrte auch in der abgelausenen Woche in ziemlich unveränderter Haltung. Tie amerikanischen. Forderungen haben schließlich 1 Mk. per Tonne eingebüßt. Rußland hielt jedoch stramm auf Preis und Argentinien bleibt nach wie vor noch über Parität. Während in früheren Jahren um diese Zeit schon reichliches Geschäft in Rosario-Santase-Weizen erfolgte, liegen heuer nicht einmal Offerten dieser Qualitäten vor, gewiß der beste Beweis der schwächeren Ernte. Der Absatz an den Konsum war schleppend, nachdem die Mühlen über schlechten Mehlabzug zu klagen hatten. Roggen prcishaltend. Gerste ebenfalls ohne Veränderung. Hafer bleibt fest. Mais etwas abgeschwächt. Die heutigen Notirungen sind: Redwinter 2 Mk. 140. Kansas 2 Mk. 138—139.00. Südruss. Wezen Mk. 128—142. Rufs. Roggen Mk. 107—108. Russische Futtergerste Mk. 102. Russischer Hafer Mk. 126—143. Mixed Mais Mk. 116. Laplata Mms rye lerms Mk. 107. cif Rotterdam.
Kraftfuttermittel.
Der Verlaus des Futtermittelgeschästes in der vergangenen Woche war ein ruhiger. Aus dem Inland lag eine regelmäßige Frage, welche sich besonders auf Erdnußkuchen, Eocoskuchen und Baumwohlsaatmehl erstreckte, vor. — Lein- und Palmkernkuchcn wurden seitens der Fabriken etwas stotter geliefert, obwohl die Ausführung der lausenden Kontrakte vielfach mit großer Verzögerung erfolgt. — Für Weizenkleie und Biertreber sind die Preise höher, da sich für greifbare Ware mehr JMeresse geltend macht.
Biehmartt.
Während der Berichtswoche waren die Märkte im allgemeinen nur mittelmäßig frequentiert, aber auch die Umsätze nicht belangreich. Prima Großviehstandwieimmer im Vordergrund des Handels, und wurde hierin nahezu vollständig ausveckaust. Mittlere Qualitäten dagegen fanden weniger Beachtung, es blieb hierin sogar ziemlich lleberstand. Kälber waren an einigen Plätzen lebhafter gefragt, während wieder einige andere Märkte ziemlich Ueberstand behielten. Jin allgemeinen sind auch hier die Umsätze mittelmäßige. Fette Schweine etwas besser beachtet, an einigen größeren Märkten trotz höherer Preise dennoch ausverkauft. Läufer und Milchschweine waren ebenfalls mehr begehrt.
Tabak.
Im Laufe der Berichtswoche wurden in Bellheim wieder einige hundert Zentner in der Preislage von 29—30 Mk. verkauft. Dagegen ruht in Herxheinr infolge au hoher Forderungen der Pflanzer das Geschäft vollständig. In Knittlingen wurden während der Berichtswoche ca. 200 Zentner Martellintabake zu 25,50 Mk. an einen Händler verkauft. Man ist im allgemeinen noch mit dem Einwiegen der Tabake beschäftigt, und dürste dasselbe innerhalb der nächsten 8 Tage beendet sein. In Mannheim wurden von Spekulanten an einen Händler einige hundert Zentner 1901er Neckar- tbaler Tabak zu Ansang 40 Mk. per Juli verkauft, ferner ein größerer Poste« Bergsträßler 1901er von Händler von Anfang bis Mitte 30 Mk. per Juli. Die Tabake schlagen sich gut um, die Qualität ist vorzüglich. In alten 1899er Tabaken wurde ein Posten Oberländer zu 45 Mk. verkauft. In losen Pfälzer Rippen flau, lose ferne 8—8,50 Mk., gebündelte 11—11,50 Mk.
Vermischtes.
* Berlin, 18. Jan. DasBesinden Rudolf Virchows, welches in den letzten Tagen zu wünschen übrig gelassen hatte, weil der Patient über heftige Schmerzen zu klagen hatte, ist heute zum ersten Male wieder zufriedenstellend.
* München, 18. Jan. Dr. SiglS Testament ent- hätt ein Legat in der Höhe von 2000 Mk. an den Münchener Journalisten- und Schriftstellerverein; jedoch hat Dr. Sigl daran die Bedingung geknüpft, daß an der Nutznießung diese? Legats Preußen ausgeschlossen sind. Dürfen denn aber die von Dr. Sigl doch ebenso heiß geliebten Juden daran partizipieren? Man darf das wohl annehmen, da Dr. Sigl einen jüdischen' Rechtsanwalt zu seinem Testamentsvollstrecker bestellte.
* Paris, 18. Jan. Vor einigen Tagen desertirte vom 17. Husaren-Rcgiment der Baron Cahell Jetzt hat er seinen Familienrat beauftragt, seine Güter im Werte von 20 Millionen Francs zu verkaufen, bevor er ivegen Fahnenflucht in contumaciam verurteilt werde, in welchem Falle sein Vermögen dem Staate zufallen würde.
* Eine Fabrikkatastrophe in Barcelona. Am 18. Jauuar wurde in Mauresa bei Barcelona das Etablissement Vilamara von einer entsetzlichen Katastrophe heimgesucht. Ein Kessel platzte und die ganze Fabrik wurde zertrümmert. Der Direktor, der gerade die Zeitung las, wurde in Stücken bis auf den Gemeindeplatz geschleudert. Bisher sind sechzehn Leichen aus den Trümmern befördert. Man schätzt die Zahl der Opfer auf 1 00.
* Prag, 18. Jan. Der Bankier Gustav Meyer wurde verhaftet. Er soll den Gutsbesitzer Restig um
68 000 Kronen geschädigt haben. Meyer, in München als unehelicher Sohn emer Schauspielerin geboren, pflegte sich al§ Sohn eines deutschen Reichsfürsten auszugeben, indeß ist sichergestellt, daß seiu Vater wohl eine hochgest«llte Person- lichkeit, aber kein Reichsfürst gewesen ist.
Wie aus Graz gemeldet wird, ist der S ch ä d e l Hamer-» lings auf dem St. Leonharder Friedhof beigesetzt worden. Eine Gerichtskommission ließ erst durch Zeugen die Jdentttät des Schädels feststellen, worauf letzterer in den Sarg Hamer-- lings gelegt wurde._________________________
Neueste^ Meloungen.
Originaldrahtmelduugen des Gießener Anzeigers.
Berlin, 19. Jan. Bei dem heutigen Krönungs- und Ordens feste erhielten u. a.: den Roten Adlerorden 3. Kl. mit der Schleife der Gesandte zu Darmstadt Prinz Hohen» lohe-Oehringen; den Roten Adlerorden 4. Kl. die Abg. Cahensly, Prof. Hitze, Jacobskötter (Schneidermeister in Erfurt, Mitglied der kons. Fraktton), v. Men del-Steinfels, Dr. Porsch, und Bankier Sulzbach in Frankfurt a. M.; den Stern zum Kronenorden 2. Kl. der Erzbischof von Köln, Dr. Sim ar; den Kronenorden 2. Kl. die Bischöfe zu Straßburg Dr. Fritzen und Osnabrück V"oß; den Kronenorden 3. Kl. die Abg. Ehlers, v. Grand Ry, Dr. Paasche, Rickert und Schlummberger-Mülhache«.
Stuttgart, 20. Jan. In der Nacht kurz nach zwölf Uhr brach im Dachstuhl des königl. Hoftheaters Feuer aus, das sich mit rasender Geschwindigkeit ausdehute, so daß binnen einer halben Stunde der ganze Dachstuhl in Flammen stand. Trotz eifrigster Thätigkeit der gesamten Stuttgarter Feuerwehr breitete sich das Feuer immer weiter aus. Zunächst brannten die BühnenräumL aus. Msdann griff das Feuer auf die Zuschauerräume; über. Morgens 4 Uhr waren zwei Thüren des Theaters eingestürzt und ein Raub der Flammen geworden. Es besteht die Hoffnung, den linken Seitenbau und den oberen Theaterteil mit den Haupteingängen zu retten. Der arc das Theater sich anschließende Schloßflügel ist nicht mehr gefährdet. Verluste an Menschenleben sind, sowett bis jetzt bekannt, nicht zu beklagen. Die Entstehungsursache ist noch unbekannt. Der König unb andere Mitglieder des königl. Hauses verweilten mehrere Stunden an der Brandt ftätte. Der Schaden ist sehr bedeutend. Einem wetteren Umsichgreifen des Feuers ist vorgebeugt; doch dauert der Brand noch fort.
München, 19. Jan. Im Zentralbahnhof über fuhr gestern vormittag ein Personenzug die gewöhnliche Haltestelle, sodaß die Lokomotive auf den Prellbock stieß, der glücklicherweise dem Anprall standhielt. Der Lokomotivführer und ein Fahrgast wurden leicht verletzt. Der Materialschaden, ist geringfügig.
Brüx, 19. Jan. Heute mittag brach im Julius^ schacht bei Kopitz ein Streckenbrand aus. Da dey Brand nicht zu löschen ist, wurde die ganze Grube abge- spertt. — Die Räumungsarbeiten im Jupiterschacht schreiten stetig oorwätts. Die Verhältnisse über und unter; Tag sind unverändert. Der Wasserstand in allen Gruben ist mächtig zurückgegangen.
Budapest, 19. Jan. In dem Dorfe Also--Jde<S (Ko-; mitat HaroS-Torda) wurde der bei den Feldmessungsarbeiten amtirende Richter von einer gegen die behördluhen Maßnahmen aufgereizten Menge angegriffen. Die Gendarm merie sah sich gezwungen, zum Schutze des Richters von den' Schußwaffe Gebrauch zu machen.
Budapest, 20. Jan. Wie nunmehr feststeht, wurden in/ dem Dorfe Also-JdecS bei dem Zusammenstoß der Bevölke- rung mit der Gendarmerie 13 Personen schwer verwundet. Einer davon ist gestorben.
Kimberley, 19. Jan. (Reuter). Bei der Einnahme einer Burenstellung mit dem Bajonett in der Nähe von Gri- quatown wurden 1 Major und 4 Mann getötet und 52 schwer verwundet.
Eraasreinei, 18. Jan. DaS Urteil gegen den Buren» kommandanten Schepers, das auf Todesstrafe lautet, ist veröffentlicht und von Kitchener bestätigt worden. Schepers wurde am Nachmittag erschossen. — Die Untersuchung gegen Kruitzinger findet in der nächsten Woche statt.
Feuilleton.
Bttfft-tUr-e-ß'en. lieber unseren geschätzten Landsmann, der vor wenigen Monaten mit außerordentlichem Erfolge einen Liederabend bei uns veranstaltete, ist die Dresdener Kritik voll des Lobes, über dessen Darstellung des jtorgcTt Werther in Ma fsenet 's lyrischem Drama ^,Werther", das am 9. dieses Monats im Dresdener Hoftheater zur Aufführung gelangte. So schreibt F. A. sÄeißler in der „D. Wacht":
>,Die Aufführung war diesmal bedeutend besser, stimmungsvoller, als vor zwei Jahren. Und doch war nur eine Rolle, die des Werther, anders besetzt als damals. Hatte sie früher unser ausgezeichneter Heldentenor Herr Anthes inne, so hatte man sie diesmal Hem lyrischen Tenor Herrn Gießen anvertraut, der die allerbeste Kunstleistung 6ot die ich jemals von ihm ^gehört und gesehen zu haben mich erinnere. Möglich daß den Künstler persönliche Anteilnahme — er stammt ja von dem Urbilde von Werthers bez. Goethes Lotte oft — besonders begeisterte, jedenfalls vereinte er mit seiner schon so oft gerühmten Gesangskunst ein hinreißendes Spiel und erzielte so eine TSirknng von seltener Einheitlichkeit. Schon der Charakter seines Organs sttmmte mit dem der Rolle restlos überein, denn selbst in den Momenten glühendster Leidenschaft darf dem Werther nicht die Zartheit verloren gehen, die feinem ganzen Wesen eigen ist. Die intensive Beschäftigung des Herrn Gießen mit der modernen Liederproduktion kommt ihm bei dieser Rolle in augenfälligster Weise Zu statten. Denn aus dem modernen Liede hat der ausgezeichnete Gesangskünstler jene Aufmerksamkeit auf kleine und lleinste Melismen, jene Leichttgkeit der Deklamation, jene Sicherheit im Treffen angedeuteter Stimmungen sich angeeignet, die ihn befähigten, die schwierige Partie des Werther mit so tiefer, nachhaltiger Wirkung zu singen. In dieser einen Rolle hat Herr
Gießen toieder einmal gezeigt, was er für die Hofoper bedeutet."
Die „Dresd. 3tg." urteilt: „Herr Gießen wuchs in seiner Leistung von Akt zu Akt, und erlangte in der! Liebes- und Sterbeszene die wirksamsten Höhepunkte seiner Darstellung, man glaubte ihm seine Leiden." Das „Dresd. Journal" schreibt: „Herr Gießen erwies sich durch Sttmm- charakter und Gesangskunst als der berufene Vertreter der Titelpartie." Neben Buff-Gießen ^hat auch Frau Wittich mitgewirkt, und zwar ebenfalls mit schönstem Erfolge. Die Kritik hat sich mit dieser Künstlerin diesmal ganz kurz fassen können, wett Frau Wittich ihren Part (Lotte) schon früher ausführte, und ihrer damals schon in, eingehendster und lobendster Weise gedacht worden wär.
G Ctz.
Der „Faust" in zwanzig Minuten. In der Londoner Vorstadt Whitechapel hatte jüngst eine Theater- Truppe ihren Thespiskarren aufgeschlagen, uno den „Faust" in einer ganz neuartigen, originellen Weise mimte. Die Leute brachten es fertig, die ganze Tragödie in 20 Minuten herunterzuspielen. Dieses abgekürzte Verfahren erforderte selbstverständlich eine eigene Einrichtung. Die Handlung ist teils frei nach Goethe, teils frei nach der Oper von Gounod. Glücklicherweise wurde aber weder gesprochen noch gesungen, sondern nur „gemimt", indem sich die Handlung pantomimisch mit Musikbegleitung abspielte. Die Musik von Gounod ist dem Kapellmeister, der sie „umkomponiert" hat, schon viel zu veraltet erschienen; er gestaltete sie derart um, daß der arme Gounod wahrlich alle Ursache hätte, sich während jeder Aufführung mehrmals im Grabe umzudrehen. Diese Verbesseruna des „Faust" hat aber trotz allem bei dem kunstverständigen Publikum Whitechapels einen durchschlagenden Erfolg erzielt. Die große Tragödie entrollt sich etwa folgendermaßen: Akt I. Man erblickt Faust in seinem Studierzimmer. Mephisto tritt ein. Gretchens Antlitz erscheint in einem Spiegel über dem Kamine. Der Teufelspakt wttd
geschlossen. Langsame, unheimliche Musik. Der Vorhang fallt. Dauert zehn Minuten. — Akt II. Margarete spinnt, zerpflückt die konventionelle Papierblume und springt dann mit entzückten Blicken auf. Faust und Mephisto grinsen hinter dem Gartenzaune hervor. Sie treten ein. Das Geschenk. Gretchen schwückt sich. Martha und Mephisto amüsieren sich. Faust und Giretchen gehen spazieren. Eintritt Valentins. Sein Blick sucht nach der Schwester. Die Liebenden kommen zurück. Duell: Valentin wird getötet. Selbstmord der Margarete. Faust wird von Mephisto zur Hölle entführt. Schluß. Dauer zehn Minuten. Mehr kann man ait schlagfertiger Kürzen wirklich nicht verlangen.
In der „Kun ft für Alle", einer der angesehensten, beliebtesten und bestausgestatteten deutschen Kunstzeitschrif-' ten, behandelt Prof. Konrad Lange in Tübingen „Die Freiheit der K/unst" unter Bezugnahme auf die vielkommentierte und auch von uns in ähnlichem Sinne erörterte Kaiserrede vom 18. Dezember. Der Aufsatz ist un gemein lesenswert. (Derlagsanstalt F. Bruckmann A.-G. in München.)
In dem neuesten Hefte (1902 Heft 1) der „Photo- graphischenRundscha u", einer vortrefflich geleiteten, mit außerordentlich schonen Illustrationen reich geschmückten „Zeitschrift für Freunde der Photographie", verdient ein Artikel von Dr. R Neuhauß über „Direkte Farben- Photographie durch Körperfarben", die > allgemeine Aufmerksamkeit. In diesem Artikel übergiebt Dr. N. die neuesten Ergebnisse mühevoller Arbeiten zur Losung dieses Problems der Oeffentlichkeit. Die überraschenden Resultate, die der Verfasser erzielt hat, werden nicht nur das Interesse der Fachkreise, sondern auch der großen Allgemeinheit auf sich lenken, und überall bedeutendes Aufsehen erregen. Die „Photogr. Rundsch." hat soeben ihren 16. Jahrgang begonnen und erscheint in 12 monatlichen Heften mit zahlreichen Textabbildungen und Kunstbeilagen zum Preise von fe M-L- 1 im Verlage von Wllhelm Knapp in Halle a- S.


