Ausgabe 
20.1.1902 Drittes Blatt
 
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Nr. 16

Montag, 30, Januar 1903

163. Jahrg.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieEichener Kamilienbiätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der ,,hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.

Gietzener Anzeiger

Verantwortlich für den allgemeinen Teilt P. WiUko; für den Anzeigenteil: H. Deck.

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sehen UnioersitätSdruckerei (Pietsch Erben), Gießen,

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Sietzen.

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Parlamentarische Verhandlunnen.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.

Deutscher Reichstag.

kl21. Sitzung vom 18. Januar« tf Uhr. Das Haus ist sehr schwach besetzt. Am Bundesrc. hstisch: Gras Posadowsky Q. Ö. Die Besprechung der Interpellation Albrecht und Gen. (Soz.), betreffend Maßregeln gegen die Arbeits­losigkeit, wird fortgesetzt.

Abg. Graf Kanitz (fonf.): Der Abg. Gothein hat gestern kein Wort über unser Verhältnis zu Amerika gesagt. Ich freue mich, daß die Mehrheit der Zolltarif-Kommission gewillt ist, den ameri­kanischen Zollsätzen entsprechende Sätze in den neuen Tarif einzu- setzcn. Der Abg. Fischbeck hat in seiner Eigenschaft als Stadtrath in der Berliner Stadtverordnetenversammlung nachgewiescn, daß man in Berlin von einer übermäßigen Arbeitslosigkeit nicht reden könne, höchstens würden in der Metall-Industrie weniger Leute beschäftigt. Es ist sehr schwer, eine Arbeitslosen-Statistik auf- zustcllen, da man eine Unterscheidung zwischen Arbeitsscheuen und wirklich Arbeitslosen kaum machen kann. Auch muß man die vielen Streikenden berücksichtigen, Streikende dürfen doch nicht in leine Arbeitslosen-Versichcrung einbezogen locrden. Auch giebt es mindestens 200 000 arbeitsscheue Vagabunden, die überhaupt nie­mals arbeiten. Die wirkliche Arbeitslosigkeit ist freilich ein Uebcl, das auch wir zu bekämpfen wünschen. Unsere ganze Wirthschafts- politik zu Gunsten der Industrie und zum Schaden der Landwirth- schast mußte solche Verhältnisse zeitigen und eine Entvölkerung des Landes, eine Ueberfüllung der großen Städte herbeiführen. Jetzt möchte man dieses gern rückgängig machen. In erster Linie müssen die Kommunen sorgen, doch kann auch der Staat durch Vergebung von Arbeit manches thun. Der Geldmarkt steht nicht so günstig, wie Herr Gothein meinte. Wir können unsere Staatspapicre nur zu 89,80 unterbringen, während die französische Rente pari steht. Ich billige es nicht, daß deutsches Geld ins Ausland geht, z. B. um anatolische Bahnen zu bauen, während bei uns weit bessere Bahnen nicht gebaut werden können. Wenigstens sollte mcm unseren Bot­schafter in KonstanUnopcl nicht anwciscn, in der Frage der anatoli- schen Bahnen seinen Einfluß geltend zu machen. Die Arbeitsnoth ist auch durch das Kohlensyndilat verschärft, das eine Produktions- Einschränkung von 10 pEt. vorgenommen hat, nur um die hohen Preise aufrecht zu erhalten. Freilich soll das Syndikat beabsichtigt haben, Händlern, welche sich der Preistreiberei schuldig machten, eine Geldstrafe aufzuerlcgen, ob dies wirklich geschehen ist, weiß ich nicht. Eine solche Bestrafung brauchte doch kein Geheimnis; zu blewen. Auch das Koks-Syndikat hat die Förderung eingeschränkt. Dabei wird dem Auslande noch immer billiger geliefert, als dem Jnlcmd, durch solche Schleuderprersc wird die ausländische Kon­kurrenz zum Schaden unserer Industrie gestärkt. Wenn Sie (zu den Sozialdemokraten) den Zolltarif zu Falle bringen, so schädigen Sie die Arbeiter. Wir, die wir den Zolltarif zu Stande bringen wollen, sind deshalb die besten Freunde der Arbeiter (Lachen und Wider­spruch bei den Sozialdemokraten). Wenn Sie (zu den Sozial­demokraten) den Zolltarif zu Fall bringen, sägen Sie den Ast ab, auf dem Sie sitzen. (Lachen links. Beifall rechts.)

Abg. Hofmann-Dillenburg (nat.-lib.): Daß ein gewisser Noth- ftand besteht, hat gestern mich der Staatssekretär anerkannt. Aus den Berichten geht hervor, daß überall eine Arbeitslosigkeit in einem bestimmten Umfange vorhanden ist. Seit der Abfassung der Be­richte ist der Nothstand wahrscheinlich noch größer geworden. Der Interpellant hat aus den neulichen Ausführungen der Kollegen Schlumberger ganz falsche Schlüsse gezogen, Herr Schlumberger hat keineswegs die Kinderarbeit verherrlicht, und sich gegen Maß­regeln zur Bekämpfung der Kinder-Ausbeutung ausgesprochen. Mit dem Grafen Kanitz stimme ich darin überein, daß man nicht ver­gessen darf, daß sich unser den Arbeitslosen auch Arbeitsscheue be­finden. Deshalb ist es schwer, eine Statistik aufzustcllen. Der Abg. Gothein hat als Ursache der Krisis nur die Ueberproduktion angeführt; ich bin der Meinung, daß wir Krisen auch für die Zukunft nicht werden verhindern können, aber zweifellos ist die innere und äußere Wirthschaftspolitik auch eine Ursache der Krisis. Man mutz unterscheiden zwischen periodischer und außergewöhnlicher Arbeits­losigkeit. Die Arbeitslosigkeit ist zum Theil verschuldet, zum Thcil unverschuldet; gegen die letztere etwas zu thun, ist zweifellos unsere Pflicht. Vor allem sind Staat und Gemeinde verpflichtet, Arbeits­gelegenheit zu verschaffen. Gewundert habe ich mich über die feindliche Stimmung derinternationalen" Sozialdenrokratie gegen die ausländischen Arbeiter, die der Jmerpellant als Lohndrücker bezeichnet hat. DaS stimmt doch für einige Branchen zweifellos nicht. Die Erdarbeiten am Teltow-Kanal z. B. Waren zuerst deutschen Arbeitern angcbotcn, sic war ihnen aber zu schwer, und nun wurden italienische Arbeiter geholt, die die Arbeit ohne Mühe verrichteten. Ein Reichsarbeitsamt verlangt auch ein Theil meiner Freunde; wir halten es ferner für nöthig, daß der Staatssekretär der neuen statistischen Abtheilung auch die Arbeitslosenstatistik überweist. Ebenso müßte der Arbeitsnachweis ausgebaut werden, wir brauchen nicht nur städtische, sondern auch ländliche Arbeits­nachweise. Ich stimme darin mit dem Abg. Hitze überein. Die Arbeitgeber haben daran das größte Interesse und müssen deshalb zu den Kosten mit herangezogen werden. Für eine allgemeine Ar­beitslosenversicherung fehlen uns die statistischen Unterlagen; wohl aber ist eine Versicherung in beschränktem Maße auf der Grund­lage der Berufsgenossenschaften möglich und durchführbar. Aber dies kann nicht unsere nächste sozialpolitische Aufgabe fein, denn weit wichtiger ist die Wittwen- und Waisenversorgung. (Beifall.)

Sächsischer Bundesbcvollmächtigter Graf von Hohenthal: Der Abg. Zubeil hat sich in der Begründung seiner Interpellation darüber beschwert, daß seitens der sächsischen Staatseisenbahnverwaltung Arbeiter entlassen sind. Mir war von solchen Entlassungen zwar nichts bekannt, da ich aber über diese Angelegenheit nicht vollständig inltfmirt war, so habe ich gestern von einer Antwort abgesehen. Ich oin nun heute durch ein Telegramm in die Lage versetzt, vollständig Auskunft zu geben. Nach dem Telegramm hat die sächsische Staats- eisenbahnvcrwaltung bisher ständige Arbeiter loegen Mangel cm Beschäftigung, obschon solcher vorliegt, nicht entlassen und beab­sichtigt, dies trotz der schweren Opfer auch nicht zu thun. Vorüber­gehend zur Aushilfe angenommene Arbeiter sind allerdings zu Be­ginn des Winters, wie ihnen von vornherein bekannt gemacht war, und wie es alljährlich vorkommt, aus der Arbeit entlassen worden. (Hört, hort! bei den Sozialdemokraten.) Es ist aber diesmal be­sondere Fürsorge getroffen, dah diese Arbeiter bei Staatsbauten wieder beschäftigt werden, und da gegenwärtig eine ganze Reihe staatlicher Bauten theils in Angriff genommen sind, theils in Angriff genommen werden, werden diese Arbeiter hoffentlich, soweit sie noch nicht Beschäftigung gefunden haben, in allernächster Zeit beschäftigt werden. Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch ein Wort sagen über eine Notiz, die kürzlich durch die Presse gegangen ist. In einer hiesigen Zeitung habe ich gelesen, cs hätten bei der sächsischen Ma- schiuensabrik von Hartmann Arbeitkrentlassungen stattgefunden, well

die von der Regierung gegebenen Aufträge zurückgezogen seien. In Wirklichkeit haben Verhandlungen startgefunden wegen deS Baues von Lokomotiven. Im Laufe der Verhandlungen kam cs zu einer Einigung auf der Grundlage, daß die Maschinenfabrik versicherte, sie wolle die Arbeiter, denen sie gekündigt habe, wieder cinstcllen. Auf diese Zusicherung hin ist ihr ein größerer Auftrag an Lokomotiven zu Theil geworden. Also seitens der Regierung ist trotz der schlechten finanziellen Lage Alles geschehen, um der gegenwärtigen Arbeits­losigkeit vorzubcugen.

Abg. Gamp (Np.)? Den Arbeitsnachweis könnte recht gut die Vcrufsgcnossenschaft einheitlich für den industriellen Arbeiter organi- siren. Viel schwerer würde das aber für die landwirthschaftlichen Arbeiter zu machen fein. Die Feststellung, inwieweit Arbeitslosigkeit besteht, ist sehr schwierig, aber es kann jedenfalls keinem Zweifel unterliegen, daß augenblicklich in erheblichen Erwerbszweigen eine mehr oder weniger erhebliche Arbeitslosigkeit besteht. Das hätte die Regierung zu einem Vorgehen veranlassen sollen. Wenn in Frank­furt a. M. wirklich Krawalle wegen Arbeitslosigkeit vorgekommcn sind, so wird hoffentlich später der Strafrichter berücksichtigen, daß ein Mann, dessen Frau und Kinder, weil er keine Arbeit hat, hungern müssen, leicht zu Exzessen veranlaßt werden kann. Wenn in Frank­furt a. M. Arbeitslosigkeit herrschte, so hätten doch die Stadt­verordneten etwas dagegen thun können. Ich bemerke, daß ich nur für meine Person spreche. In den Berufsgenossenschaften könnten, wenn sic etwas anders organisirt würden, der Arbeitgeber und Ar­beitnehmer zusammen sehr Ersprießliches für beide Thelle leisten, auch in Bezug auf Arbeiterstatistik. Wenn jetzt eine solche Statistik gemacht werden soll, müssen auch landwirthschaftliche Sachver­ständige zugezogen werden, die den Reallohn der landwirthschaft­lichen Arbeiter sachgemäß abzuschätzen verstehen, damit über die Lohnverhältnisse der landwirthschaftlichen Arbeiter kein falsches Bild entsteht. Für die Heranziehung auswärtiger Arbeiter habe ich nie Sympathie gehabt, aber sic war nun einmal dringend nothwendig, namentlich auch für den Kohlenbergbau. Man kann jetzt nicht plötz­lich diese Arbeiter sämmtlich abstotzen, um den heimischen Arbeitern Beschäftigung zu verschaffen. Wenn man die Kanalvorlage hier mit hcranzieht, so mutz ich doch bemerken, daß zum Kanalbau nur aus­ländische Arbeiter verwandt werden können, da einheimische Ar­beiter dazu sich nicht eignen. Wenn man sagt, in erster Linie müßten die Gemeinden gegen Arbeitslosigkeit Maßnahmen ergreifen, so weiß ich nicht, ob die Rechtsgrundlage für eine solche Ansicht eine haltbare ist. Wen der Arbeiter Noth leidet, ist er berechtigt, an den Staat dieselben Forderungen zu stellen, wie jeder andere nothleidende Stand. Bei dieser Gelegenheit möchte ich den Staatssekretär fragen, wie es mit der Reform der Armenpflege steht. Wesentlich trägt zur Arbeitslosigkeit auch der Zuzug jugendlicher Personen von 1418 Jahren vom Lande in die Stadt bei. Die Versicherung gegen Arbeitslosigkeit ist ein schöner Gedanke, aber einstweilen sind wir noch sehr weit ab von seiner Verwirklichung Eine Versicherung auf bcrufsgenossenschaftlicher Grundlage scheint unprakttsch, weil gewöhnlich eine Krisis in einem bestimmten Berufe Arbeitslosigkeit hervorruft, und die Folge davon wäre eine Schlechterstellung der betreffenden Berufsgenossenschaft. Die bisherigen Versuche einer kommunalen Arbeitslosenversicherung haben Fiasko gemacht, wir müssen daher auf andere Hilfsmittel bedacht sein. Ich empfehle die Errichtung öffentlicher Kreditinstitute für Arbeiter, die seitens der Kommunalverbände ins Leben gerufen werden könnten. Wes­halb soll man einem Arbeiter, der an sich fleißig und tüchtig ist, keinen Kredit aus öffentlichen Mitteln zur Verfügung stellen? Ich möchte überhaupt jede Spargelegenheit gern unterstützen und bedaure des­halb, daß das Postspargesch nicht wieder erschienen ist. Man darf ferner nicht vergessen, daß sich die Arbeiter bei Privatunternehmern besser stehen, als bei Aktiengesellschaften; die Umwandlung vieler Betriebe in Aktiengesellschaften hat wesentlich zur Steigerung der Produktion und zu der sturzweisen Produktion beigetragen. Dazu beigetragen hat auch unsere Arbeiterschutzgesetzgebung; viele Söhne hervorragender Kaufleute ziehen sich aus dem Geschäft zurück, sie werden Offiziere ober Beamten, weil sie die ewigen Drangsalirun- gen satt haben. Einem Unternehmer bleibt ja schließlich in Folge der ewigen Anforderungen der Fabrikinspektoren nichts anderes übrig, als die Bude zuzumachen. Den Kartellen ifc.ed gelungen, die Produktion zu regeln und sie den Bedürfnissen anzupassen.

In der Landwirthschaft haben wir sogar Arbeitermangel. Wir erkennen das Recht auf Arbeit für unsere ständigen Arbeiter durch­aus an, wir tragen selbst die Folgen der ungünstigen Konjunktur, und zwar dadurch, daß wir Jahreskontrakte haben. ,(3urufe bei den Sozialdemokraten. Redner macht eine Pause.)

Vicepräsident Graf Stolberg: Ich bitte, die Zwischenrufe zu unterlaßen, die den Redner stören. (Große Heiterkeit.)

Abg. Gamp (fortfahrend): In der Landwirthschaft müssen wir unsere Leute bezahlen, auch wenn wir keine Arbeit für sie haben. Würde die Anlage von gewissen Fabriken in den Städten verboten werden, fo würden wir den Arbeitern auf dem Lande Arbeits­gelegenheit fdjaffen. Im klebrigen würde sich auch für die In­dustriearbeiter der Abschluß von vierteljährlichen Kontrakten em­pfehlen. Die Hauptsache bleibt aber, die Arbeiter seßhaft zu machen. Seßhafte Arbeiter, die ihr Häuschen und ihr Stück Land haben, können die Krisis weit leichter tragen. Wenn unsere nationale Industrie in gesunden Bahnen sich bewegt, geht es auch den Arbei­tern gut. Deshalb ist ein Schutz gegen die ausländische Schleuder­konkurrenz nöthig. Ich bitte die Linke, mit uns einen guten Zoll­tarif zu machen, dann werden mir auch gute Handelsverträge haben. Bis dat, qui cito dat. (Beifall rechts.)

Staatssekretär Gras Posadowsky: Ich habe ausdrücklich aus- geführt, daß wir, fo weit es uns nur möglich ist, eine Beschleu­nigung der Bauten vornehmen werden. Doch können wir dies nur thun, soweit uns die Mittel dazu bewilligt sind. Wenn Sie also Arbeitsgelegenheit durch eine Vergrößerung der Flotte schaffen wollen, müssen Sie uns dazu die nöthigen Steuern bewilligen. (Lachen links.) Anders geht es doch nicht. Wenn man also der Regierung solche Vorwürfe macht, wie es der Vorredner gethan hat, muß man sie besier begründen. (Abg. Gamp ruft: Habe ich gar nicht gethan!) Gewiß, das haben Sie gethan und ich mache Sie verantwortlich dafür. Die Reichsregierung kann doch keine Straßen und keine Schlachthäuser bauen, sie hat weder die nöthigen Mittel noch die Organe dazu. All da§ ist Sache der Einzel­staaten. (Zuruf: Elsaß-Lothringen!) In Elsaß-Lothringen wer­den die Eisenbahnbauten auch nach Möglichkeit beschleunigt. Dann forderte der Vorredner eine Reform der Armengesehgebung. Inner­halb der preußischen Regierung wird über diese Reform bereits verhandelt. Doch wird sie in dieser überlasteten Session nicht vor­gelegt werden können. Daß dabei eine Beschränkung der Freizügig­keit vorgenommen wird, ist indessen vollständig ausgeschlossen. Es kann sich dabei nur um eine gerechtere Verkeilung der Armen­lasten handeln, daß auch die Industriezentren herangezogen werden und nicht nur das Land die Hauptlast trägt. Aber mittelbar ober unmittelbar die Freizügigkeit zu beschränken, das deckt sich nicht mit unseren sozialpolitischen Ansichten!

Es ist weiter die Deccntralisation der Industrie angeregt, und zwar sollen wir die Errichtung großer Fabriken in Städten ver­

bieten. Aber wir dürfen doch die Gesche nicht chikanöS anwenden, und wenn wir die Gewerbeordnung in jenem Sinne rcvidiren. so fürchte ich, werden wir zu entgegengesetzten Resultaten kommen, wie Herr Gamp denkt. Noch ein Wort über die Demonstrationen in Frankfurt a. M., obwohl c§ nicht meine Sache ist, die Frankfurter städtischen Behörden hier zu Vertheidigen. Von einem außerordent­lichen Nothstand, der Nothstandarbeitcn erforderlich macht, kann nach den mir zugegangenen Berichten des Regiermigspräsldcnten leine Rede fein. Darüber allerdings kann kein Zweifel fein, daß die Ar­beitslosigkeit zu einer Vermehrung der kommunalen Armenlasten führen kann. Ich schließe damit, daß zur Zeit von einem allgemeinen Nothstand nicht die Rede sein kann. Die Herren thäten gut daran« die Zustände nicht düsterer zu schildern, als sie in der That sind.

Abg. Lenzmann (freis. Vp.): Es wäre mit der Krisis nicht so weit gekommen, wenn man unsere Warnungen berücksichtigt hätte. Gerade bei den Bankbrüchen haben Momente mitgcspiclt, die wir vorausgesagt haben, und die hätten vermieden werden können. Auch die Syndikate haben das ihrige dazu gethan, um die Situation zu verschärfen, sic haben, wie das Walzwerk-Syndikat, vielfach die kleine Konkurrenz kaput gemacht. Sie haben vielfach das gethan, lvas man beim Zuchthausgesetz mit Zuchthaus bestraft hätte. JnFolge des Zickzack-Kurses ist das Vertrauen geschwunden. Der Kanal rst an dem Widerstand der Fronde gescheitert. Anstatt die Fronde zu brechen und an das Volk zu appelliren, hat man sie nur mit Glace­handschuhen angefaßt. Kein Wunder, daß man zu einer fo wenig kräftigen Politik fein Vertrauen hat. Die Industrie hat ihr Mög­lichstes gethan, um ihre Arbeiter zu halten, viele Fabrikanten be­schäftigen noch Tausende, obwohl gar keine Aufträge vorliegen. Die Sozialdemokraten versündigen sich an unseren Arbeitgebern, wenn sie diese immer als herzlos und grausam hinstcllen. (Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Kommen Sie zu uns, dann werde ich Ihnen den Beweis für meine Behauptungen geben. Nun soll die Regierung der Noth abhelfen und verschiedene Doktoren haben ein Rezept verschrieben. Herr Gamp hat hier Ansichten entwickelt, die noch antiquirtcr waren aU die agrarischer Minister. Graf Posadowsky hat das Richtige gesagt, das Reich kann nicht mehr thun. Doch glaube ich, daß Graf Posadowsky vielfach falsch unterrichtet war. So sind bei der Eisen- bahnverwaltung doch Entlassungen- vorgekommcn. Wenn z. B. in Altenbcckcn die Zahl der.Bahnwärter nicht von 23 auf 16 herabge­fetzt wäre, wäre oas beklägenswerthcUnglück vielleicht nichtgeschchen. Eine solche Sparsamkeit schreit aber doch zum Himmel! Allerdings hat man, als der Kronprinz die Strecke befuhr, die Zahl der Bahn­wärter wieder auf 23 erhöht. Für unproduktive Zwecke, über­flüssige Straßetl, unnöthige Schiffe u. f. w. werden wir kein Geld bewilligen. Denn schließlich müssen doch die Arbeiter daS be­zahlen in Folge der direkten Steuern. Eine Arbeitslosen-Ver- sicherung halte ich für unmöglich. Leichter steht es schon mit dem Arbeitsnachweis. Wenn ich Reichskanzler wäre (Heiterkeit) und die Sozialdemokraten mich fragten (Heiterkeit), was werden Sie thun, um der Krisis abzuhelfcn, so würde ich sagen:Ich habe eingeschen, daß der ZickzackkurS vom Uebcl ist, ich werde zu einer verständigen Handelspolltik zurilckkehrcn. Haben Sie also keine Sorget" «(Bei­fall links.)

Staatssekretär Graf v. Posadowsky: Ich habe besonders gegen den Vorschlag polcmisirt, Anleihen aufzunehmen, um Nothstands- arbeiten vorzunehmen. Das Wort von der Verstärkung der Flotte brauchte ich nur scherzhaft, ohne ernste Grundlage, um den Vorschlag ad absurdum zu führen, daß das Reich in erster Linie Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit treten solle. Solche ernsten Dinge, wie eine Verstärkung der Flotte, behandelt man doch nicht so nebenher.

Abg. Dr. Hahn (b. k. Fr.): Nur dem Fürsten Bismarck, den die Freisinnigen immer angreifen, verdanken Hunderttausende von Arbeitern ihr Brod. Herr Lenzmann würde als Reichskanzler zwar keinen Zickzackkurs treiben, er würde das Steuer nur nach links führen und dadurch die Arbeiter schädigen. Denn wir wünschen zu dem Grundsatz des Schutzes der nationalen Arbeit zurückzukehren. Die heutige Debatte im Abgeordnetenhaus zeigt, daß Die Bemerkung des Abg. Lenzmann über das Altenbeker "Unglück falsch war, ich muß die Eisenbahnverwaltung gegen seinen Vorwurf in Schutz nehmen. An der wirthschaftlicheu Krisis ist nur die Ueberproduktion schuld, die Bankbrüchc waren nur Symptome. Bekanntlich wollten die Frei­sinnigen die Pfandbriefe der Hypothekenbanken für mündelsicher er­klären ! Wenn das Publikum nicht noch mehr verloren hat, ver­dankt es das den Konservativen. Den Auswüchsen des Handels, dem unlauteren Wettbewerb mutz ebenso entgegengetreten werden, wie dem Mißbrauch der Syndikate. Mit der Zurückziehung der Kanalvorlage hat die Regierung einen Theil des Unrechts wieder gut gemacht, das sie mit der Maßregelung der Landräthe beging. Allerdings sicht sic noch nicht ganz auf der Höhe der Bismarck- schen Wirthschaftspolitik. Dic Regierung muß die Rolle eines guten Hausvaters übernehmen und hätte vor der Uebervroduktion und Ucberspekulation warnen sollen. Das hat sie nicht gethan, nicht mal das Börsengesetz hat fie durchgeführt. Die Arbeitslosigkeit kann nur durch eine richtige Wirthschaftspolitik, die das Schwer­gewicht auf das Inland legt, dauernd beseitigt werden. Wenn wir eine solche Politik treiben, bekämpfen wir auch die Sozialdemo­kraten aufs allernachdrücklichste. Wir wollen zum Wohle der Ar­beiter praktische Politik treiben, die Sozialdemokraten haben aber für alle Arbetter-Schutzbestrebungen nur Hohn und Spott gehabt.

Hierauf vertagt sich das HauS.

Persönlich bemerkt

Abg. Singer: Als der Abg. Gamv davon sprach, daß die Unternehmer die Lasten der Arbeiterversicherung auf die Konsu­menten abwälzen, rief ich dazwischen:Natürlich!" Wäre der stenographische Bericht im Stande, den Ton wiederzugeben . , . «

Präsident Graf Ballestrem: Zu Zwischenrufen sind Sie nicht berechtigt. Sie dürfen also auch nicht darauf eingehen.

Abg. Singer: Herr Gamp hat mich aber in seiner Rede er-, wähnt.

, Präsident Graf Ballestrem: Sie dürfen in einer persönlichen Bemerkung nur richtig stellen, was Sie gesagt haben.,

Abg. Singer: Ich bin ja eben dabei.

Präsident Graf Ballestrem: Ja, aber nur, was Sie berechtigtes Weise gesagt haben. (Große Heiterkeit.)

Abg. Gamp bemerkt, es sei ihm nicht eingefallen, vorzuschlagen, daß das Reich Anleihen aufnehmen sollte, um der Arbeitslosigkeit zu steuern. Ebensowenig hätte er Beschränkungen der Freizügigkeit vorgeschlagen. Graf Posadowsky müsse ihn mißverstanden haben.

Nächste Sitzung: Montag 1 Uhr. Antrag Arendt betr. Vor­legung eines Nachtragsetats für die Veteranen, kleine Vorlagen und Fortsetzung der heutigen BeratMig.

Schluß 6 Uhr«