die jungen Borussen stets zu den Fahnen geeilt seien, deren Farben sie trügen. Tie Rede schloß mit einem Hoch auf den Kaiser. Hierauf kommandierte der Kaiser dasSemesterreibeu und ernannte unter großem Jubel den Kronprinzen zum Fuchsmajor, der sogleich mit den Füchsen einen Salamander auf die Kaiserin rieb Nach dem Landesvater verließ die Kaiserin und bald darau der Kaiser den Kommers.
Dem Rektor der Universität, Geheimrat Prof. Dr. Ludwig, ist der Rote Adlerorden 3. Kl. verliehen worden.
Das Korps Borussia zählt nach der letzten S.-C.-Meldung nur 12 Aktive, ferner 10 Renoncen, 4 Konkneipanten und 8 Inaktive. Erster Chargierter ist v. Bentivegni, zweiter v. Schubert, dritter Graf Dönhoff; als Fuchsmajor fungieren v. Stichck und v. Saldern. Unter den Aktiven befindet sich Prinz Ratibor. Der vornehmste „Konkneipant" ist, wie man weiß, Kronprinz Wilhelm; seine Kommilitonen sind Fürst von Schönbura-Waldenburg, Gras v. Francken-Gierstorpff und Frhr. v. Uexkült. Das Korps hat ein eigenes Haus in der Kaiserstraße zu Bonn.
Politische Tagesschau.
Oberst Graf Bülow.
Ein Berliner Mitarbeiter schreibt uns unterm 18. Juni:
Die letzten Zweifel und Hoffnungen werden nunmehr auf agrarischer und konservativer Seite geschwunden sein: Gvaf Bülow steht in hoher Gunst beim Kaiser, und das bedeutet die Aussichtslosigkeit der Wünsche einer „Kursänderung" in der Zollpolitik. Die verbündeten Regierungen wollen „nichts zulegen", auch nicht ein Fünfzigpfennig-Stück zu den neuen Getreidezöllen, der Kaiser und Graf Bülow ebensowenig — wo bleibt da nur ein Schimmer von Illusion, die Zukunft werde den „gerechten Forderungen" zur Anerkennung verhelfen? Mutige und ermunternde Aeußerungen, wie sie früher in konservativen Blättern zu lesen waren, von der Notwendigkeit eines „geschlossenen Vorgehens", eines „energischen Festhaltens" an den Zielen, werden nicht mehr vernommen. Ter Wille der Mehrheit hat einen stärkeren Willen gefunden. Soweit wir sehen, findet in der Presse der Rechten die dem Reichskanzler soeben verliehene militärische Rangerhöhung keine besondere Erwähnung, obgleich die Ereignisse int Heere sonst gerade von konservativen Zeitungen als bedeutsam betrachtet und hervorgehoben werden. Heute ist Graf Bülow zur Vollziehung des Landtagschlusses nach Berlin zurückgekehrt, morgen — Donnerstag — bereits wird er in Aachen erwartet zur Teilnahme am Einzuge des Kaisers. Ans alledem und aus den zahlreichen Borträgen und Empfängen des Kanzlers beim Kaiser geht zur Genüge hervor, welchen Wert der Herrscher der Anwesenheit seines ersten Beraters beimißt. Auch während der Reisen zu festlichen Veranstaltungen, wie in Bonn, werden die Borträge nicht ausgesetzt. Fürst Herbert Bismarck befindet ffch ebenfalls in der Rheinstadt zum Jubiläum des Korps Borussia. Nach der jüngsten scharfen Auseinandersetzung int Reichstag zwischen Fürst Bismarck und Graf Bülow, über die Brüsseler Zuckerkonvention, darf man gespannt sein, ob der Kaiser den Sohn des Altreichskanzlers bei dieser Gelegenheit ins Gespräch ziehen wird.
Deutsches Deich.
Berlin, 18. Juni. Ter Kaiser überwies der Stadt Straßburg einen Reliefplan der Festung Straßburg aus dem Jahre 1735 als Geschenk.
— Generalfeldmarschall Graf Waldersce ist vom Kaiser telegraphisch zur Teilnahme an den Festlichkeiten nach Aachen berufen worden. Auch Reichskanzler Graf Bülow und Generaloberst Frhr. v. Los treffen morgen in Aachen ein, zur Teilnahme am Einzuge des Kaisers, der auf dem Rathause auch die belgische Abordnung empfängt.
— Tas |)teuft. Herrenhaus nahm heute nach längerer Debatte, in der die Vertreter der Städte schwere Bedenken gegen die vom Abgeordnetenhause beschlossenen Abänderungen der Regierungsvorlage erhoben,' die Vorlage betreffend Ausführung des Schlachtvieh- und Fleischbeschau-Gesetzes in der abgeänderten Form an. Es folgte in gemeinsamer Schlußsitzung der vereinigten Häuser des Landtages der Schluß des Landtages durch den Ministerpräsidenten Grafen Bülow.
—Zur Beseitigung der Ger i ch t s fe r i e n hat die Vereinigung von Handelskammern des nieder- rheinisch-westfällschen Judustriebezirks eine Eingabe an den Reichskanzler gerichtet.
Die „Berl. Pol. Nachr." melden, daß die Erörterungen zwischen den Miuisterrefsorts betreffend die Gewährung von Zulagen an die in den zweisprachigen Landesteilen stationierten Beamten sich auch auf die dortigen Volks schullehrer erstrecken.
— Tie Zentralleitung der vor zwei Jahren in Süddeutschland ins Leben gerufenen a n a r ch i st i s ch e n „Föderation revolutionärer Arbeiter Deutschlands", deren Sitz sich kurze Zeit in Görlitz befand, ist nach Berlin verlegt worden. Der zum Leiter der „Föderation" gewählte Textilarbeiter Frauböse ist nach Berlin übergesiedclt, da er in seiner Heimat keine Arbeit mehr erhalten konnte. Auch die anarchistische „Freiheit", das Organ der „Föderation", wird nunmehr in Berlin erscheinen.
— In der heutigen Schlußsitzung des 6. internationalen Wohnungskongresses ergriff Handelsminister Möller das Wort und betonte, daß bei keiner anderen Frage die Schablone verderblicher wirken könne, als bei dieser. Zu dieser Frage müsse man in weitgehendem Maße auf die Lebensgewohnheiten des Einzelnen Rücksicht nehmen und viele andere Interessen in Betracht ziehen. Taher sei eine Aussprache der Vertreter verschiedener Länder, wie solche sich aus dem Kongreß zusammengesunden hätten, eine unbedingte Notwendigkeit. Als Ort des nächsten internationalen Wohnungskongresses wurde Lüttich gewählt, wo der Kongreß 1905 gelegentlich der dortigen Ausstellung abgehalten wird.
Dresden, 18. Juni. Anläßlich des heutigen 49. Hochzeitstages des sä chsischen Königspaares sind viele Glückwunschtelegramme in Sibyllenort ein getroffen, darunter von fast sämtlichen deutschen Fürsten, Kaiser Franz Joses und dem französischen Präsidenten. Kaiser Wilhelm sandte dem kranken König ein wunderbares Blumenarrangement und ein Handschreiben. In der Schloßkapelle fand eine stille Festfeier des königlichen Hauses statt. Tas heute ausgegebene Bulletin besagt: „Sibyllenort, 18. Juni. Tie Kräfte des Königs sind über Tag etwas zurückgegangen. Auch war vorübergehendes Benommen sein öfter bemerkbar. Tie Nahrungs- aufna.hme ist sehr gering." — Wie privat berichtet wird, ist der Kräfteverfall beim König derart, daß sein
Zustand zu den ernstesten Besorgnissen Anlaß giebt. In der Umgebung des Königs herrscht große Hoffnungslosigkeit. Trotz seines Zustandes rafft sich der König immer wieder für einige Zeit auf, wenn Regierungsangelegenheiten zu erledigen sind.
Karlsruhe, 18. Juni. Die Behauptung der soz.-dem. „Pfälzer Post", Prinz Ludwig von Bayern habe in Ludwigshafen, kurz nach seinem Besuche beim Großherzog von Baden int Mannheimer Schlosse, gesagt: „Ich komme soeben von einem schönen Fleckchen Erde, das man uns vor 100 Jahren gewaltsam entrissen hat", ist bestritten worden. Am Samstag erklärte Bürgermeister Krafft in der Stadtratssitzung, er habe während der Ansprache neben dem Prinzen gestanden, der etwa gesagt: „Nachdem am Anfänge des vorigen Jahrhunderts, veranlaßt durch den Wandel der Geschichte, eine Aenderung in dem Besitzstände beider Gebietsteile eingetreten ist, hat weiland König Ludwig in richtiger Voraussetzung der günstigen Lage den Grundstein gelegt zu dieser heut so lehr entwickelten und aufgeblühten Stadt." Das wäre wesent- lich anders.
Ausland.
London, 18. Juni. (Unterhaus.) Schatzkanzler Hicks Beach kündigt an, daß der Zoll auf Mais Dion 3 auf I1/2 Pence herabgesetzt werde. Es sei nicht die Politik der Regierung, den Handel mit den Kolonien dadurch zu fördern, daß man einen Zollkrieg mit den fremden Nationen beginne, die die bedeutenosten Kunden Englands seien.
Paris, 18. Juni. Wie das Blatt „France Militaire" zu melden weiß, enthält der zwischen England und den südafrikanischen Republiken abgeschlossene Vertrag Hw ei Geheim kl auseln, wonach 1) am Tage der Krönung des Königs Eduard eine allgemeine Amnestie der Kaprebelleu erfolgen soll, und 2) den Buren eine Entschädigung von 175 Millionen Frcs. zum Wiederaufbau der Farmen zuerkannt wird.
Wien, 18. Juni. Ministerpräsident v. Körber beantwortet am Schluß der Sitzung die Interpellation Klo- s a c in Betreff der Rede des Grafen Bülow dahin, er wolle, um jeder Mißdeutung am Schluß der Session vorzubeugen, erklären, daß er in die erwähnte, die leitenden Grundlätze der preußischen Politik entwickelnde Rede des deutschen Reichskanzlers eine Propaganda ni.cht hineinzudeuten vermöge, welche die politischen Verhältnisse unseres Staates berühre. Er habe daher seinerseits keinen Anlaß, irgendwie auf dieselbe zurückzukommen. Dagegen müsse er allerdings mit aller Schärfe jene steten Agitationen verurteilen, die hier von ganz vereinzelter Seite immer wieder und wieder versucht werden. (Lebhafte "Zustimmung, Lärm). Tie Ansicht von der Mission, welche die Interpellation unserer Monarchie zuweise, „daß sie durch die gegenseitige Verbindung von einzelnen kleinen Staaten und Nationalitäten ausreichende Kraft bekomme, um deren Existenz und Individualität zu schützen und zu erhalten" könnte eine gewisse Berechtigung haben; er müsse aber in Bezug auf die Fragesteller sagen: Tie Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube! (Lebhafter Beifall links, Widerspruch und lärmende Zwischenrufe der Czechisch-Radi- kalen: Preußisches Parlament! Hoch Preußen!) Abg. Klo- fac beantragt die Eröffnung der Debatte über Koerbers Antwort. Dieser Antrag wird unter Gelächter der Deujt-i scheu abgelehnt; dafür stimmten nur die Czechisch-Rodi- kalen, einige Jungczechen und Kroaten, während die Polen bis auf ihren Obmann Jaworski und drei andere den Saal ostentativ verlassen hatten. Tie Czechischj-Radikalen machten stürmische Zwischenrufe: Feigheit! preußisch erPro- vinziallandtag!_________'______~ ______
Die ZoÜtarifkornmission
genehmigte am Mittwoch unverändert Position 397 Seidenzwirn in Aufmachungen für Einzelverkauf aus Rohseide 300 Mk., aus Floretseide 75 Mk., ferner Position 398 Rohseide, künstliche Seide und Florettseidengespinnste, auch mit anderen Spinnstoffen oder Gespinnsten gemischt, in Verbindung mit Metallfäden jedoch nicht umsponnen 300 Mk., ebenso Position 399 dichte ungemusterte Taffet, bindige Gewebe ganz aus Seide des Maulbeer- 'pinners ohne jede Beimischung, beiderseitig mit festen Kanten gewebt, roh, auch abgekocht und gebügelt 300 Mk., erner Position 400 dichte Gewebe für Möbel- und Zimmer- ausstattung, ausgenommen Sammet und Plüsch, ganz aus Seide, im Stück als Meterware 9OO Mk., abgepaßt 1200 Mark, sowie Position 401 dieselben teilweise aus Seide als Meterware 500 Mk., abgepaßt 650 Mk. unter Streichung der Anmerkung, wonach die Coupons von 4 Meter abwärts als abgepaßt zu verzollen sind, ferner Position 402 Sammet und Plüsch ganz aus Seide 800 Mk., teilweise aus Sammet 450 Mark, Position 403 dichte Gewebe, anderweit nicht genannt, ganz aus Seide 800 Mk., teilweise 450 Mk. Tie Positionen 404 und 405 Tüll ganz oder teilweise aus Seide ungemuftert 250, gemustert 800 Mk., wurden nach der Vorlage angenommen. Beuteltuch, ganz oder teilweise aus Seide 1000 Mk. Im Lause der Verhandlung bemerkt Abg. Tr, Hahn, der wiederholt mit der Linken für Zollsreiheit gestimmt hatte, er thue dies mit 'chwerem Herzen, hoffe aber bei der zweiten Lesung die Jndustriezölle bewilligen zu können, wenn die National- liberalen der Erhöhung der Agrarzölle zu- timmen würden. Position 406 undichte Scidenge w e b e 1200 Mk. wird nach den Anträgen Broemel und Bachem wie folgt abgeändert: UndicAe Seidengewebe ganz oder teilweise aus Seide, anderweit nicht genannt (Gaze, Krepp, Flor re.) im Gewichte über 20 Gramm pro Quadratmeter 400 Mk., unter 20 Gramm 1000 Mk., undichte Gewebe zum Besticken auf Erlaubnisschein 400 Mk. — Der Vorsitzende ermahnte schließlich zu schleunigerer Beratung.
Heer und Flotte.
Paris, 18. Juni. Das Blatt „France militaire" berichtet über eine von dem D 6 e r ft der Kolonial-Truppen, Humbert, gemachte Erfindung, welche eine vollständige Umwälzung auf militärischem Gebiete Hervorrufen dürfte. Es handelt sich um einen an allen Schußwaffen anzubringenden Apparat, durch welchen der Schall, das Aufblitzen des Feuers und der Rauch beim Schuß vollständig beseitigt wird. Der Oberst hat diesen Apparat ganz allein ohne fremde Beihilfe angefertigt, um sich das Fabrikationsgeheimnis zu wahren.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 19. Juni 1902.
•• Akademische Turnspiele. Wie es in Aussicht genommen war, sind am vergangenen Samstag auf dem
Trieb die akademischen Turnspiele eröffnet worden. Eine nicht unbeträchtliche Anzahl unserer Studierenden hatte sich eingefunden, und es war ein erfreuliches Bild, zu sehen, wie die jugendfrischen kräftigen Gestalten mit lebhaftem Anteil, mit fröhlichem Humor den Ball schleuderten oder im Laufe sich tummelten. Geleitet wurden die Spiele in höchst geschickter und taktvoller Weise von dem Lehrer Zieprecht. Von den Teilnehmern hatte die theologische Fakultät 15 pCÜ, die juristische 3O pCt., die philosophische 5O pCt., die medizinische 5 pCt. gestellt. Hoffen wir, daß der nächste Samstag nicht nur gutes Wetter bringt, sondern auch eine verdreifachte, vervierfachte Zahl von eifrigen Wettkämpfern auf den Trieb führt.
** Die geftrige Aufführung der miesa solemnis, über die wir an anderer Stelle des Blattes berichten, hat, wie uns vielfach versichert wird, ganz allgemein einen so gewaltigen Eindruck hinterlassen, daß wir den Wünschen aller Gießener Musikfreunde zu begegnen glauben, wenn wir auf eine Wiederholung der Aufführung, vielleicht im Anfang deS Herbstes, hoffen.
** Gesellenprüfung. Im Anschluß an unferert Bericht über die feierliche Ueberreichung der Gesellenbriefe berichten wir ergänzend noch Folgendes: Der Feierlichkeit in der Turnhalle der höheren Mädchenschule hatte sich auch der Prüfungsausschuß der hiesigen Metzgerinnung angeschloffen. Obermeister Pirr überreichte den 4 Prüflingen ebenfalls die Gesellenbriefe und ermahnte in längerer Ansprache die Prüflinge zur humanen Thätigkeit in ihrem schweren Beruf. Das Handwerkskammer'ilitglied Weißbindermeister P e tr i II. überbrachte die Wünsche der Großh. Handwerkskammer und Werkmeister Ca rlo ermahnte die Jung-Gesellen, fortzulernen und die Gewerbeschule zwecks höherer Ausbildung zu besuchen, um später die schwierigere Meisterprüfung mit Erfolg bestehen zu können. Alsdann überreichte unter den besten Wünschen für die Zukunft Schlossermeister Dörr im Namen des Prüfungsausschusses die Lehrbriefe an die Jung-Gesellen und Schlossermeister Noll wie Schmiedemeister Heß nahmen den Handschlag ab. Zum Schluß dankte der Jung-Geselle Reh den Lehr- und Prüfilngsmeistern für die Mühen und Opfern, welche sie mit ihnen gehabt hätten. — lieber die ausgestellten Gesellenstücke hörte man nur Anerkennung und bewunderte die Reichhaltigkeit wie die Vielseitigkeit der gestellten Aufgaben, ganz besonders aber die saubere und korrekte Au§- führilng der einzelnen Gegenstände.
W. Schlachthaus-Direktor Liebe war von bet Vorschlags-Kommission der städtischen Verwaltung zu Offenbach unter 18 Bewerbern zum Leiter des neuerbauten bortigen Schlachthofes ausersehen. Wir erfahren, daß Herr Liebe ferne Bewerbung um diesen Posten zurückgezogen und damit auf eine eventuelle Wahl in Offenbach Verzicht geleistet hat, also in feiner bisherigen Stelle in Gießen verbleibt.
"W". Befitzwcchsel. Das „Gasthaus zur Linde" in Lollar, seither im Besitz von C. Rohrbach, ging durch Kauf für 39 000 Mk. an den Wirt Gottlieb Ernst von Biebrich über.
W. Bierverbrauch. Die in unserer Stadt gelegenen 6 Brauereien haben im Etatsjahr 1901/02 rund 76 000 hl Bier hergestellt. Ausgeführt wurden 55 800 hl. Es verblieben für Gießen 20 200 hl. Die eingeführte Biermenge dagegen betrug nach Abzug der Ausfuhr 12700 hl. Der Gesamtverbrauch in unserer Stabt betrug somit im abgelaufenen Jahr 32 900 hl Bier. Es macht dies bei 25 000 Einwohnern pr. Jahr 1313/6 1 auf den Kopf der Bevölkerung aus.
-k- Rödgen, 19. Juni. Bei der heute stattgehabten Beigeordneten-Wahl wurde der seitherige Beigeordnete Heinr. Jnderthal II. mit allen 14 Stimmen wieder- gewählt. Ein Gegenkandidat mar nicht aufgestellt. Herr Jnderthal führt sein 2(mt jetzt schon 27 Jahre und man hofft hier, daß er es auch die nächsten 9 Jahre noch mit aller Rüstigkeit weiter führen wird wie seither.
Sonntag, den 6. Juli, wird die 50 Musiker starke Kapelle des Badischen Leidgreiladier-Regiments aus Karlsruhe, unter Direktion des Königl. Musikdirektors Adolf Boettge zwei außergewöhnliche Konzerte in Steius-Garten veranstalten. Die Kapelle stellt sich bekanntlich für ihre Konzerte die Ausgabe, nicht etwa ein loses Sammelsurium aller möglichen Tonwerte, fonbern ein planmäßig gruppiertes Stück Musikgeschichte zu bieten, wodurch ihre Darbietungen einen bejrmbcreii Reiz gewinnen. Diesmal bringt das Programm, in welchem jedes Stück mit erläuternden Notizen versehen ist, Nationalmusik aus aller Herren Lander mit Benützung der erforderlichen, eigens hierfür konstruierten Instrumente. Näheres folgt.
Der Leipziger Bankprozetz. in.
Leipzig, 18. Juni.
Baukdirektor Exner hat die Oberrealschule in Kassel bis Obersekunda besucht und ist bei der Deutschen Bank in Hamburg, London und Berlin thätig gewesen. Tann reiste er als Vertrauensmann einer Gruppe von Banken nach China, Korea und Japan. Nach seiner Rückkehr wurde er bei der Leipziger Bank Direktor. Der Vertrag lautete vorläufig auf drei Jahre, das Gehalt betrug jährlich 12 000 Mark und eine Tantieme von drei Prozent. Im ersten Jahre betrug die Tantieme einige 20 000 Mark, in den olgenden einige 30 000 Mark. Vor Ablauf des dritten Jahres sprach ihm der Aufsichtsrat seine Befriedigung aus, »aß sich das Geschäft bedeutend gehoben habe, und Kapitalserhöhungen wurden in Aussicht genommen. Gleichzeitig wurde das Gehalt erhöht, im Jahre 1900 auf 24 000 Mark. Tie Tantieme betrug 1900 167588 Mark. — Präs.: Außerdem waren Sie noch Mitglied des Auf- ichtsrats von einer Anzahl Gesellschaften? Sie haben sie elbst einmal auf 28 beziffert. Wie hoch beliefen sich die Bezüge ans dieser Thätigkeit? — Exner: Ich hatte mir im Jahre 1900 eine Aufstellung gemacht. Danach habe ich ährlich etwa 20 000 Mark durch diese Beteiligung uge setzt. In der Zeit des höchsten Standes betrug mein Vermögen 7—800000 Mark. Auf Befragen giebt Exner an, daß er seiner Frau an Geburtstagen und an anderen Erinnerungstagen dreimal je 20 000 M k. geschenkt habe. Meine jährlichen Ausgaben betrugen etwa 4'0 000 Mark. Außerdem hatte ich 20000 Mark Steuern zu zahlen. Mein ganzes Vermögen war im Depot der Leipziger Bank und i)t noch dort, soweit nicht »er Konkursverwalter darüber verfügt hat. — Präs.: Tas Vermögen Ihrer Frau ist aber im Jahre 1900 aus der Leipziger Bank entnommen und nach England übet» geführt worden? — Erxner: Ja. (Große Bewegung im Publikum.) — Präs.: Es ist auffällig, daß die Ueberführung dieser Werte nach England gerade in die Zeit


