Ausgabe 
18.8.1902 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Dom französischen Kultuilampf.

liegen heute einige sehr interessante Meldungen vor. In Besan^on wurde am Sonntag ein Denkmal des Dichters Victor Hugo enthüllt. Der Handelsminister Tvvurllvt wohnte der Feierlichkeit bei. Als der Ver­treter des protestantischen Lwnsistoriums chm vorgesteM wurde, sagte er zu diesem, die Regierung befürworte die Külkusfreihrit; sollte aber eine Konfession den Vorzug haben, so wäre es die protestantische. Alsdann wurde vom Generalvikar die katholische Geistlichkeit vorgestellt. Der Generalvikar erklärte, der Klerus arbeite für das Wohl der Republik; der Klerus müsse vor allen Dingen die Ge­setze beachten. Hierauf zog sich der Generalvikar ohne ein Wort der Erwiderung zurück.

Senator de Lobeau, Vicepräsident des Generalrates des Departements Finistöre, richtete an den Ministerpräsi­denten Combes einen Brief, in dem er namens der Bauern feines Departements gegen die amtliche Note protestiert, in der behauptet wird, der Widerstand gegen die Dekrete betreffend die Schließung der geistlichen Schulen sei eine royalistische Bewegung.

In Plorec gestaltete sich die Schließung der Schule ziemlich schwierig. In Pont-Croix mißhandelten Frauen den mit der Schließung der Schule beauftragten Polizeikommissar. Die Schließung der dtonnenschule in Douarnenez erfolgte nach hartnäckigstem Widerstande der Landleute. Der Polizeikommissar drohte, die Barrikade mit Dynamit zu sprengen. Als der Schlosser das Thor gewaltsam öffnen wollte, wurde er von den Bauern mit Unrat und brennendem Stroh beworfen. Die Soldaten mußten eine Bresche in die Mauer schlagen. Die Klosterschwestern verließen sodann die Schule. Die Be­völkerung gab ihnen unter Musik und Vorantragung von Fahnen das Geleit.

Deutsches Deich.

Berlin, 16. Aug. Gutem Vernehmen nach wird der Kaiser den großen strategischen Schlußmanövern vor der Elbemündung und Helgoland beiwohnen. Aus diesem Anlaß hat die KaiseryachtHohenzollern" Befehl erhalten, am 12. September nach Brunsbüttel zu gehen- Der Kaiser trifft am 14. September in Hamburg ein, um sich an Bord des Sleipner" nach Brunsbüttel einzuschiffen. Dort besteigt der Kaiser dieHohenzollern" und begiebt sich zur Flotte. Die Manöver finden in der Zeit vom 15.18- Sept, statt.

Beim Einzug des Königs von Italien in Berlin am 28. August wird die Geleit-Eskadron vom Garde- Kürasfier-Regiment gestellt. Auf dem Wege vom Potsdamer Bahnhof bis Brandenburger Thor werden Krieger-Vereine und Innungen, vom Brandenburger Thor bis zum Zeughaus Truppen: der Garnison Berlin Spalier bllden. Die Nagelung und Weihe, welche am 28. August in der Ruhmeshalle des Zeughauses stattfindet, wird an 41 Fahnen und Standarten vollzögen werden. Nach der Weihe findet ein Vorbeimarsch der Truppen vor den beiden Monarchen im Lustgarten statt.

Aus Danzig wird berichtet, daß der bekannte Agrarier Kammer Herr v. Oldenburg - Jannschau, Vorsitzender bei westpreußischen Landwirtschaftskammer und Provinzialvor- sitzender des Bundes der Landwirte, den ihm angetragenen Bundesvorsitz als Nachfolger des Frhrn. v. Wangen- Heim entschieden abgelehnt hat.

In derKattowitzer Ztg." lesen wir: Wann wird dasDentsche Reichuntergehen? In Großpolen­kreis en wird allen Ernstes als der Untergangstermin des Deutschen Reiches das Jahr 1913 genannt. Ein besonders weises Haupt, ein dem Deutschtum besonders wohlgesinnter Nationalgenosse aus Schoppignitz legte kürzlich "in langem Vortrage der genannten Jahreszahl folgendes Rechenexempel zu Grunde: Nehme man die Quersumme des Jahres 1849 gleich 22 und abbiere beides, so erhalte man als Be­gründungsjahr des Deutschen Reiches 18/1. Davon die Quer­summe 1/ mit 1871 zusammengezählt, ergiebt das Todes­jahr der beiden ersten deutschen Kaiser 1888. Diese Zahl giebt mit ihren Quersummen 25 das Jahr 1913, und das ist das Untergangsjahr Deutschlands. Tie Polenhetzer müssen wahrlich viel übrige Zeit haben, um solche Exempel aushecken zu tonnen.

Oldenburg, 16. Aug. Der Großherzog hat zur Erinnerung an die Schlacht bei Vionville-Mars la Tour, in der sich die Oldenburger Truppen au^eichneten, ein Krie­gervereins - Verdien st kreuz gestiftet, das Per­sonen bezw. Vereinen verliehen werden sott, die fiefy um das Kriegervereinsleben besonders verdient gemacht haben. Für die einzelnen Personen besteht das Kreuz aus Silber, für die Vereine aus Bronce.

Hiesige Blätter verzeichn en das bestimmt anftretenbe Gerücht, daß ber Großherzog vom Landtage eine aber» malige Erhöhung der Zivillisteum jährlich 55 000 Mark und außerdem für einen Salonwagen 80000 Mk. verlangen werde.

Bremen, 16. '2(ug- Der Senat hat heute das Projekt des Oberbandirektors Franzius betreffend die Herstel­lung großer Hasen- und K a n a l a n l a g e n für den Binnenschiffahrtsverkehr am linken Weserufer in Bremen veröffentlich l. Die Kosten werden auf 15 650000 Mark ein­schließlich 3 650 000 Mark Grunderwerbkosten veranschlagt. DaS Projekt soll ausgeführt werden, sobaldderMittel- l a n d k a n a l b e w i l l i g t i st. Vorläufig soll nur die spätere Durchführbarkeit des Projektes re. seitens des Staates ge­sichert werden.

Straßburg, 16. Aug. DerElf. Volksb.", das Organ ber klerikalen Reichstagsa.bg. Hanß und Delsor, teilt mit, daß außer diesen Herren sich der Reichstagsabg. Wetterle einem Anschluß au das Zentrum keineswegs feindlich ent­gegenstellt.

München, 16. Ang. Zu ber Veröffentlichung bes D epeschenwechf eis zwischen Kaiser Wilhelm und dem Prinzregenten wird denM. N. N." von zuverlässiger Seite mitgeteilt, daß diese nicht auf eine maßgebende baye­rische, wohl aber auf eine hierzu ausdrücklich auto- i i jicrte Berliner Stelle zurückzuführen ist. Nach einer Meldung der bayrisch-offiziösenÄugsb. Abendztg." sei die Veröffentlichung von Berlin aus ohne wei­teres Einvernehmen mit München erfolgt. (Vgl. auch die heutigePol. Rundsck>au".)

Ministerpräsident Dr. Graf v. Crailsheim weilte gestern auf Einladung des Prinzregenten am Hof­lager m Schloß Linderhos. Es Handelle sich aber um keine ber politischen Fragen, die in der jüngsten Zeit aufgelaucht sind. Dies dürfte beweisen, wie lp)ch der Ministerpräsident in der Wertschätzung des Prinzregenten steht. Am Abend kehrte er hierher zurück Er hat nun seinen Urlaub an- getreten.

Metz, 18. Aug. Gestern fand die feierliche Weihe ves vom S a ch s e n v e r e i u ui Metz und Umgegend an- gclauften Hauses in Raucourc oei Si. privat fron, in dem in der Nacht vorn 18. bis 19. August 1870 der verstorbene

K-önrg Al^berck von Sechstem als Kronprinz nach bei Schlacht von St. Privat gewohnt hat-

Ausland.

London, 17. Aug. Die Blätter berichten über folgende (Exfanbalaffäi re: Der Arzt des Königs, Dr. Trewes, besuchte vor einigen Tagen in Begleitung ber Königin unangemeldet das Militärh ospital von Nepry. Es wurde in einem voll ständig verwahr­losten Zustande gefunden; die Kranken roaren schlecht ver­pflegt und überall herrschte die größte Unordnung. Die Königin drückte in scharfen Worten ihre Unzufriedenheit hier­über aus.

Lord Kitchener wird im Oktober seine Reise nach Egypten antreten und sich von dort wahrscheinlich nach Indien begeben.

Paris, 17. Aug. Casimir Periöre, welcher sich zur Zeit mit seinem an der Leipziger Universität studierenden Sohne im Großherzogtum Baden bestndet, wurde der Posten des Botschafters m Petersburg angeboten.

Nach Meldungen aus Lissabon ist zwischen Lord Miln er und der portugiesischen Regierung folgende Vereinbarung zu Stande gekommen: Einer englischen Gesellschaft wird in Laurenzo Marques ein aus­gedehntes Gelände zur Anlage riesiger Quais konzessioniert, die ausschließlich dem englischen Verkehr dienen sollen. Diese Anlagen gehen, falls in der Zwischen­zeit keine andere Vereinbarung getroffen wird, nach fünfzig Jahren in den Besitz Portugals über. Eine Beteiligung portugiesischen Kapitals wurde von England abgelehnt.

Aas neue Keim der Hroßherzogiu Victoria Melitta.

Man schreibt uns aus Coburg vom 17. b- M.:

Die frühere Großherzogin Viktoria Melitta von Hessen ist heute morgen nach Länaerer Abwesenheit, bie sie zu einer Kur in Bad Langenschwalbach benutzte, mit ihrem Töchterchen, ber siebenjährigen Prinzessin Elisabeth, zu dauerndem Aufenthalt in Coburg eingetroffen. Letztere weilt seit der (Bdjeibung ber Eltern zum ersten Male in Coburg unb wirb vorläufig bei ber Mutter ver­bleiben. Die Großherzogin hat sich bie Villa Ebinburg, bie früher von ihrem verstorbenen Bruder, bem Erbprinzen Alfred, bewohnt würbe, für eine eigene Hofhaltung neu h erricht en'lassen, unb sämtliche Wohnräume finb nach ihrem Geschmack durch nur hiesige Firmen ausgestattet. Der Treppenteil und bie Flure sind in Heller Creamfarbe matt gehalten, die Thüren unb sämtliche Holzteile bagegen in hellerem, glänzenden Elbenbeinlack ausgeführt. Als zweite Farbe ist ein schönes, mattes Grün vorherrschend, zu dem die halbseidenen Fenster-Vorhänge einen prächtigen Kontrast hüben. In den Parterre-Räumen ber Villa befinben sich bie Empfangs- unb Gesellschaftsräume, ber Speisesaal, bie Wohnung ber Hofdame Frl. Passavant und ber Wintergarten- Einen künstlerischen Eindruck macht ber Speisesaal. Rings um bie Wände desselben läuft eine 1,20 Meter hohe, in Elfenbeinfarbe glänzend gehaltene Lamberie; darüber er­hebt sich eine prachtvolle, mattgrüne Lineousta-Tapete, völlig dem Stile entsprechend. Alle Möbel, Buffet, Anrichte-Tafel, Speisetisch mit Stühlen sind ebenfalls ganz in Elfenbein, weiß gehalten. Der Aufgang im Treppenhaus zu- dem ersten Stockwerk, in dem sich bie Wohn- und Schlafräume befinden, zeigt an den Wänden Bilder hervorragender Meister. Tas Buboir, dessen Wände, Decken," Teppiche, Vor­hänge ic. im reinsten Louis XVI.-Stü gehalten sind, ist ein lauschiges Plätzchen. Das Sck)lafgemach ist wohl das eigenartigste Zimmer, denn sämtliche einzelnen Teile zu den Möbeln, Belten, der Toilette, den Schränken, Stühlen re. sind von ber Frau Großherzogin, ihren Schwestern unb ihrer Jugendgespielin Frau von Raven selbst entworfen, gezeichnet, gebrannt, geschnitzt und gebeizt, während die Vergoldung von einer hiesigen Firma fertrggestellt wurde. Die Einrichtung der Wohn- und Schlafräume für die Prinzessin Elisabeth ist das Idealste, was man sich für eine Kinder-Zimmereinrichtung deuten kann. Alle Aiöbel sind in hellpoliertem Ahornholz mit Kupser- beschlag geschmackvoll ausgefichrt. Die im neuesten Stü ge­haltenen Gardinen und Vorhänge aus rotem Phantasiestoff mit eingewebten Vögeln und Blumen vervollständigen das Ganze zu einem Idyll für die kleine Prinzessin. Da die Großherzogin eine völlig selbständige Haushaltung führt, so wurden frühere Bureau-Räume zur Küche und Diener- fchaftszimmern umgewandelt.

Aus Sludl und Land.

Gießen, 18. August 1902.

** Folgende Auszeichnungen sind aus Anlaß der Mainzer Truppenschau vom Kaiser verliehen worden: Dem Oberst ch Dewitz der Kronenorden 2. Klasse, dem Haupt­mann v. Busch der Rote Adlerorden 4. Kl., bem Ober­leutnant Köttschau, der zum Ordonnanzofsizier des Kaisers kommandiert war, ber Kronenorden 4. Kl. Oberst v. Dewitz konnte an der Truppenschau wegen einer allerdings nicht er­heblichen Erkrankung nicht teilnehmen unb würbe durch Oberst­leutnant Frhrn. v. Zedlitz vertreten, bem ber Kaiser persönlich seine volle Zufriebenheit über bie Haltung und den Parademarsch des hiesigen Regi­ments ausbrückte.

** An Stelle des Professors Gundermann war an unsere Lcmbesüniversität der a.-o. Professor Traube in München als ordentlicher Profesior für klassische Philologie ernannt worden, er hatte aber den Ruf abgelehnt. Jetzt ist er zum ordentlichen Profesior für die lateinische Philologie des Mittelalters an ber Universität München ernannt worben, zunächst aber ohne Gehalt. Die Mittel sollen im nächsten bayerischen Staatsbudget verlangt werden.

* * Auszeichnungen. Aus Darmstadt wird uns telegraphisch gemeldet: Dem Polizeipräsidenten a. D. von Horchenhain zu Frankfurt a. M. ist das Komthur- kreuz 2. Kl. mit ber Krone des Verdienstordens Philipps des Großmütigen, bem Werkmeister Johannes Pahlke zu Gießen, anläßlich seiner 35jährigen Thätigkeit bei der Firma S. Bock u. Co. hier, das Allgemeine Ehrenzeichen mit ber Inschrift für treue Tüenste verliehen worben.

* * Seine silberne Hochzeit feierte heute bas Johann Böckner'sche Ehepaar. Herr Böckner isl ein allen Gießenern wohlbekanntes Muglleb des lueuaen Drenstnrärmer-JnslitutL.

* Musikdirektor Krauße, der allen Gießenern wohlbekannte Kapellmeister ber hiesigen Regnnentskapcüe, ist heute 3 0 Jahre beim Regiment. Die Kapelle brachte ihm heute ein Stänbchen. Vom Offizier- unb UnterofsizierkorpZ würbe ihm gratuliert

* Koschat -Quintett. Thomas Koschat ist uns schon längst kein Frember mehr. Nicht nur ist uns bes Kompo­nisten sinnig schwermüttgesVerlassen bin i* wohlbekannt, auch viele anbete seiner prächtigen Kompositionen finb weit über feine Heimat hinaus in bie Welt, m's Volk gebrungen unb haben sich einen Platz im Herzen aller jener erobert, bie sich bie Liebe zu den einfachen unb boch so wundervollen Volks­liedern bewahrt haben. Diese reizenden Arbeiten sind fast durchgängig in Kärntener Vottston gehalten. Kärnten ist ja die Heimat des Komponisten. Er wurde am 8. August 1845 in Viktring geboren, studierte in Wien Philosophie und Na­turwissenschaften, trat 1867 in den Verband der Wiener Hof- oper ein und wurde 1878 Hofkapellsänger. Außer den. schon oben erwähnten Liedern ist Koschat befannnt geworden durch seine (etwa 90) weitverbreiteten Chöre, Quartette, Walzer­idyllen und auch novellistischen Arbeiten. Man konnte einen eigenartigen Genuß erwarten, als der vielbelicbte Meister selbst gestern hier erschien, um mit einer kleinen er­lesenen Künstlcrschaar seine Kompositionen vorzutragen. Der Saal in Steins Garten war so ziemlich bis auf den letzten Platz gefüllt. Tas Programm umfaßte eine Anzahl seiner bekannten Quintette unb Quartette, von benen besonders bie humoristischen wahrhaft begeisterten Beifall hervorriefen. Nach jedem Teil mußte der Künstler sich zu einer Zugabe bequemen. Das Programm schloß mit bem zum Volksliede gewordenenVerlaßen bin i". Tie Zusammensetzung des Quintetts war, wie sich das bei Koschat von selbst versteht, musterhaft; die Intonation war tadellos, ber Gesang voll und rein, ohne cm Allzuviel von der sonst so oft wahrzu­nehmenden Sentimentalität. Besonders hervorzuhebcn ist die exakte dynamische Abstufung bei den humoristischen Gesängen, z. B. bei dem Quintetts erlaubte Busserl". Aber nicht nur durch sein Konzert erfreute der Künstler das Publckum, sondern in unermüdlicher Rast schrieb er in den Pausen Autogramme auf Ansichtskarten, zum Teil mit den Anfangs­takten seiner beliebtesten Werke. Eine eigene Geschmacksart zeigten dabei einige Herren, die durch den Kellner (!) bem Meister Karten zur Unterschrift vorzulegen sich erlaubten. Das war a Sünd!"

ed. Hessisch-thüringische Lotterie. Von unserem sd-Correspondentcn in S) arm ft ab t wirb uns geschrieben: Gegenüber der in verschiedenen Blättern erschienenen Nach­richt aus angeblich gut unterrichteter Quelle, daß der w e i tere Anschluß süddeuts cher Staaten, insbesondere von Württemberg an die hessisch-thüringische Lotterie bevorstehe, bin ich autorisiert zu erklären, daß diese Nach­richt entschieden falsch ist. Wohl sind gelegentlich der Konzessionsverhandlungen bezügl. ber Schloßfreiheitslotterie von Seiten einzelner Kollekteure süddeutscher Staaten dies- bezügl. Anfragen erfolgt, doch haben keinerlei Verhandlungen stattgefunden unb liegen von Seiten der Direktion z. Z. auch keinerlei Absicht nach weiterer Ausdehnung vor. Mit ber demnächst beabsichtigten Vermehrung der Losezahl auf 100000 wirb auch die Stelle eines Oberinspektors nut einem Ein- kommen von ca. 56000 Mk. neu geschaffen und ist hierfür ein Fachmann aus Sachsen soweit bestimmt. Für die am 1. September frei werdende Stelle des zweiten Direktors haben sich bisher 4 Bewerber gemeldet, boch ist eine bestimmte Entscheidung noch nicht getroffen.

** Der gestrige Sonntag kündigte seine Ankunft schon in aller Frühe nrit einem kräftigen Regenwetter, be­gleitet von Blitz und Donner, an, sodaß es schien, als werde er seine Vorgänger, was schlechtes Wetter betrifft, übertreffen. Glücklicherweise war dem nicht so, und der Nachyrittag zeigte denen, die gern ans der Stadt hinausl wollten, ein freundliches Gesicht. Ter Vormittag aber ent­sprach der Stimmung, die die Teilnehmer an der ernsten Feier beschlich, die sich auf unserem schönen Friedhof voll­zog. Die Kämpfer von 1870/71 waren es, die gegen 9 Uhr ihre mit Trauerflor geschmückten Fahnen entfalteten und zum gemeinsamen Gottesdienste nach der JohanneSkirchc zogen, wo Pfarrassistent Vogt in seiner Predigt manch treff­lich Wort über die 32Johre hinter uns liegenden großenTage, besonders desjenigen von Gravelotte, einfügte. Nach bem Gottesdienste zogen die Gießener Kriegervereinigungen^ Kriegerverein, Kriegerkameradschaft, Veteranen-, 9Jtanne> und Gardeverein nach dem Friedhöfe, wo die den deutschen und ftanzösischen Kriegern gefetzten Tenkmäler bereits im Schmuck grüner Laubgewinde und Zierbäume prangten, bie mit schlichten Eisenkreuzen gezeichneten Einzelgräber ber in Gießen ihren Wunden ober schwerer Krankheit erlegenen Krieger beider Armeen unter üppigem Epheu zur Andacht sttmmten. Tie Regimentsmusik eröffnete die Feier mit bem ChoralJesus meine Zuversicht". Darauf nahm Pfarrer Tr. Naumann das Wort, um in markigen Worten der Zeiten zu gedenken, die die deutschen Krieger auf fran­zösischem Boden von Sieg zu Sieg führten; er wies darauf hin, daß der 'Tag von Gravelotte die Einlettung des großen Ereignisses vom 2. September war, mit welchem Tage die deutschen Krieger die Höhe erklommen, auf ber weitere Siege erfochten und herrliches errungen wurde: unser starkes deutsches Vaterland; wir sollten deshalb der Krieger ge­denken, die der heißen Kämpfe Opfer geworden find. Zwar habe die Gedächtnisfeier an Gravelotte eine andere Gestalt bekommen; die Eltern, die ihre Söhne verloren, seien ab- gerufen, den Witwen, die ihre Gatten betrauerten, feien die Thränen getrocknet, die Kinder, die ihre Väter verloren, seien zu Männern herangewachsen, und auch die, die mit- gekämpft, würden nach und nach zu ihren Vätern versammett; rin junges Kriegergeschlecht wachse heran, zu den Veteranen hätten sich die jungen Krieger gesellt, an ihnen fei es, an dem Gedächtnis ber Gefallenen, aber auch an dem Er­rungenen festzuhalten. Und wenn erst in diesen Tagen ber französische strieg5minifter bei der Einweihung eines Tenkmals darauf hinge^viesen, daß der auf dem Sockel des Tenkmals stehende Soldat der ^oldat der Zukunft und der Rächer Frankreichs sein werde, so bebeute bies für uns die Mahnung, nicht auf unfern Sorbern auszuruhen,, sondern das Pulver trocken zu halten, das Schwert zu schärfen. Mit einem warmen Appell an die jungen Krieger, ebenso freudig für das Vaterland zu kämpfen, und wenn es sein muß, zu sterben, wie die Veteranen und bie hier Ruhenden, schloß Pfarrer Tr. Naumann ferne zu Herzen aller Anwesenden gehende Ansprache. Nachdem bie Musik noch, den Choral Nun danket alle Gott" gespielt, marschierten die Vereine mit klingendem Spiel nach, dem Marktplatz. Hier Hielt