Ausgabe 
18.1.1902 Erstes Blatt
 
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Ich will nur ein Beispiel erwähnen: Am Schluß des vergangenen Jahrhunderts standen wir unter dem Zeichen einer überraschend glänzenden Konjunktur. Sie zeigte sich auf fast allen industriellen Gebieten. Eine Ausnahme in der Aufwärtsbewegung machte die Textilindustrie. Die Periode der Prosperität wurde durch eine Krisis, in deren Mittel­punkt wir noch jetzt stehen, abgelöst. Ob ihr Höhepunkt bereits überschritten ist, ist bestritten. Es gehört aber jeden­falls feine besondere Prophetengabe dazu, um schon jetzt zu sagen, daß die Zeichen der Gesundung und Aufbesserung sich aller Wahrscheinlichkeit auf demjenigen Gebiete zuerst zeigen müssen, dessen letzte Hausse am längsten zeitlich zurüctliegt, d. h. in der Textilindustrie. Der Jahreswechsel, den wir jüngst begangen haben, brachte eine Reihe solcher ökonorni scher Neujahrsbetrachtungen, von denen wohl die wertvollste diejenige des Reichsbanl'prasidenten, dessen Institut so un­gemein segensreiche Hilfsaktionen für die Milderung der Krisis gewährt hat, ist. Der bekannte Fachmann, der einen Einblick in unser wirtschaftliches Leben wie kein anderer haben muß, erklärt auf eine Anfrage, daß er unter aller Reserve sagen zu dürfen glaube, daß das Schlimmste wahr­scheinlich überwunden sei. Mit größerer Sicherheit fügt er hinzu, daß sich namentlich in der Textilindustrie die Zeichen mehrten, die auf eine Aufbesserung ihrer Lage schlleßen lassen.

Tiefes Beispiel bestätigt allgemeineErsahrungsthatsachen, nämlich, wie schon gesagr, diejenigen, daß wir ün gegen­wärtigen wirtschaftlichen Leben mit ziemlich regelmäßig sich wiederholenden Perioden des Aufschwunges und des Rück­gangs zu rechnen haben und zwar mit solchen, die ziemlich unvermittelt einsetzen. Ein Kraut gegen oiefe Störungen der ruhigen Gütererzeugung und des ungehinderten Absapes ist nicht gewachsen; den fetten Jahren folgen die mageren und umgekehrt.

Diesen Thatsachen, nicht der Verkehrsbesteuerung über­haupt, gegenüber hat eine weise Eisenbahnpolitik mit ihren Reformen einzufetzen. Das tritt heißen, daß man den Eisenbahneinnahmen' das Element der Festig­keit, das ihnen in so bedauerlichem Umfange fehlt, künstlick) einfügt. Das ursprüngliche Garantiegesetz von 1882 ist vollständig veraltet. Die damaligen Gesetzgeber hatten keine Ahnung von der finanziellen Bedeutung, welche die Ueberfchüsse der Staatseisenbahnen in unserem Staatshaus­halt erlangen sollten. Sie rechneten auch mit ganz anderen Finanzzuständen, als sie heute vorhanden sind. Bei der von verschiedenen Seiten schon seit Jahren geforderten Reform des Garantiegefetzes würde es sich im wesentlichen um folgendes handeln: Die jeweiligen Jahresüberschüffe sind nach einem gewissen Jahresdurchschnitt in zwei Teile zu zerlegen, in einen beweglichen und einen festen. Der bewegliche wird einesteils zur Berzinfung und Arnortifation der Eisenbahn schuld verwendet und andernteils stellt er die Mittel bereit für allgemeine Staatszwecke, für die einmal erhebliche Summen aus den Eisenbahngewinnen nicht zu entbehren sind. Das zweite, feste Stück der Ueberschüsse wird zur Ansammlung eines Reservefonds verwendet, welcher die Bestimmung hat, die mageren Jahre mit den fetten aus­zugleichen. Dieser Reservefonds soll ähnliche Funktionen ver­sehen wie der Spezialreservefonds für Dividenden einer Aktiengesellschaft. Er soll in ungenügenden Ertragsjahren die Mittel zur Deckung der nach dem Gesetze auf die Eisen- bahnüberschüfse verwiesenen Ausgaben liefern. Nur auf diesem Wege kann der Staatshaushalt gegen die störenden Wirkungen der Ertragsschwankungen geschützt werden. Ein solcher Sicherheitscoefsizient erscheint mir unentbehrlich, und die gegen die Ansammlung eines derartigen Staatsfonds erhobenen konstitutionellen Bedenken dürften kaum gegen­über den finanziellen Vorteilen einer solchen Einrichtung ins Gewicht fallen.

Die weitere Forderung, daß der Fonds auch der Bestreit­ung der Kosten für außerordentliche Neuerungen und Er­gänzungen dienen solle, geht dagegen meines Erachtens zu weit. Für solche Zwecke hat der Etat die notwendigen Mittel bereitzustellen. Dagegen hat der Eisenbahnetat an anderen Stellen recht schwache Punkte. Wenn beispielsweise durch Neubauten und Verlegungen von Bahnhöfen große und wertvolle Terrains frei und verkauft werden, so verrechnet man den Kauffchilling als ordentliche Eisenbahneinnahme. Dieses Verfahren ist fehlerhaft. Es handelt sich hier um Teilstücke von Eisenbahngrundstücken, für deren Anlage bezw. Erwerb die Mittel im Anleihewege beschafft worden sind.

Bei diesem Verfahren wird eine unrichtige Verzehrung deZ Staatsvermögens geschaffen. Nichtigerweife müßten solche Summen zur außerordentlichen Schuldentilgung verwandt werden.

Eine weitere unabweisbare Forderung ist die, daß die Eisenbahnüberschüsse zur wirklichen Tilgung der im In­teresse der Eisenbahnen auf genommenen Staatsschulden ver­wendet werden.

Fortsetzung folgt.

Aus Stadl und Land.

Nachrichte»» von allgemeinem Interesse sind uns stets willkommen »uld werden augcmeffen honoriert.

Gießen, den 18. Januar 1902.

* * Die Gemälde-Ausstellung im Turmhaus am Brand ist von morgen, Sonntag, an wieder geöffnet. Unter den 50 neu ausgestellten Gemälden befinben sich auch zwei große von Pros. Werner Schuch-BerlinKosaken, aus einem Hinterhalt fallend" undMotiv von der Teufelsmauer im Harz", sowie das bereits erwähnte Portrait Sr. Kgl. Hoheit des Großherzogs von Ernst Kretschmar-Gera. Ferner hat die Ausstellung mit Werken der Bildhauerkunst Christian Lehr-Gießen beschickt und zwar mit einerPortraitbliste" Rudolf Leuckharbts, bes bekannten Leipziger (früher Gießener) Zoologen, sowie bem fein mobeUiertcnNeliefportrait" einer Dame. Der Besuch ber Ausstellung kann daher angelegent­lich empfohlen werben.

* Vakanzen für Militäranwärter im Bereiche des 18. Armee­korps. Biebrich, Magistrat, Polizeisergeant, Anfangsgehalt 1000 All. sowie Dienstkleidung und 30 Mk. Stiefelgeld. Königl. Eisenbahnbirektion in Frankfurt a. M., ber Dienstort wirb bei ber Einberufung bestimmt, 40 Anwärter für den Weichenstellerbienst, zunächst je 900 Mk. biätarifche Jahres- besoldung, bei ber Anstellung als etatsmäßiger Weichensteller 900 Mk. Jahresgehalt unb ber tarifmäßige Wohnungsgelb­zuschuß (jährlich 60 bis 240 Mk.) ober Dienstwohnung; eine Aenberung ber vorstehenben Besoldungssätze nach ben jeweilig geltenden Vorschriften bleibt vorbehalten. Frankfurt (Main), Königl. Eisenbahn-Direktion, Bureaubiener, zunächst 1000 Mk. diätarische Jahresbesolbung, bei ber Anstellung als etats­mäßiger Bureaubiener 1000 Mk. Jahresgehalt unb ber tarif­mäßige Wohnungsgelbzuschuß (60 bis 240 Mk. jährlich) ober Dienstwohnung; eine Aenberung der vorstehenden Be­soldungssätze nach den jeweilig geltenden Vorschriften bleibt vorbehalten. Hanau, Königl. Polizei-Direktion, 2 Schutz­männer, während der Probedienstzeit 1200 Mk. Remuneration und freie Dienstkleidung; bei definitiver Anstellung 1200 Mk. Gehalt und 144 Mk. Wohnungsgeldzuschuß. Kaiser!. Ober-Postdirektion Darmstadt, Briefträger unb Postschaffner, je 900 Mk. Gehalt unb der gesetzmäßige Wohnungsgelb­zuschuß jährlich. Katzenelnbogen, Amtsgericht, Kanzleigehilfe, 15 bis 20 Mk. monatlich.

* * Unentgeltliche Benutzung der deutschen Patentschriften. Seit bem Jahre 1877 befinbet sich in ben Räumen ber Großh. Zentralstelle für bie Gewerbe, Darmstadt, Neckarstraße 3, eine Auslegestelle der vom Kaiserlichen Patentamt in Berlin heraus­gegebenen Patentschriften über die in den Patentklaffen 189 vom 1. Juli 1877 ab erteilten Patente, beginnend mit Nr. 1, die an jedem Werktage in der Zeit von 10 bis halb 1 Uhr und 3 bis halb 6 Uhr (Samstag-Mittag ausgenommen) von jedermann unentgeltlich benutzt werden kann. Durch die Aus­legung ber Patentschriften wirb jebermann Gelegenheit ge­geben, sich über ben Inhalt eines Patentes zu unterrichten. Um auch auswärts wohnenben Personen bie Einsicht ber Patentschriften zu ermöglichen, ist bie leihweise Abgabe ein­zelner Nummern auf kürzere Zeit gestattet. Die neu er­scheinenden Patentschriften werden den Auslegestellen vom Kaiserlichen Patentamt in Berlin in einwöchentlichen Zwischen- räumen überwiesen und bem Publikum alsbalb nach ihrem Erscheinen zugänglich gemacht.

* * Zur 6. Klasse der Landes-Lotterie. Die Erneuerung der Loose soll planmäßig bei bem Kollekteur vor Ablauf bes 17. Januar erfolgen. Eine Reklamation nach bem Loose muß bei Verlust aller Ansprüche spätestens am 20. Januar 1902

vor 6 Uhr nachmittags unter Beifügung des LooseS dec 5. Klasse unb bes Erneuerungsbetrages bei der Direktion ein­gehen. Die Einlegung und Mischung der Gewinnbetragszettel zur 6. Klasse erfolgt öffentlich im Saale des Schützenhofes zu Darmstadt am 23. Jan. nachmittags 3 Uhr.

w. Bad Nauheim, 17. Jan. Die Bauthätigkeit in unserem Badeorte ist seither, Dank dem gelinden Winter, sehr rege gewesen. Viel Interesse bietet der Brückenbau über die Ufa, die an der Stelle der alten Brücke in der Parksttaße errichtet wird. Besondere Schwierigkeiten boten die Funda­mentierungsarbeiten, die bei der alten Brücke sehr mangelhaft waren. Auf der einen Seite stieß man erst in einer Tiefe von 3 Meter unter ber Ufasohle auf tragfähigen Grunb. Die Brücke wirb von einer Frankfurter Firma in Beton mit Eisen-» stabeinlagen hergestellt. Sie wirb vom Staat gebaut. Der­selbe läßt ferner ein neues Inhalatorium in Holzfachwert errichten, bie beiben alten Sprubel neu fassen, ein Bassin zur Aufnahme für Soolwasser zu Bäbern in der Nähe der Sprudel errichten und die Decke im Festsaal des Kurhauses neu Her­stellen. Außerdem wird fleißig an dem Umbau des Bahnhofs gearbeitet, und da auch die private Bauthätigkeit nicht ruht, ist bei uns in dieser Zeit, in der man aus so vielen Gegen­den Klagelieder über Arbeitslosigkeit hört, Arbeit und lohnender Verdienst genug vorhanden.

a. Geiß-Nidda, 17. Jan. Die hiesige Jagd wird am nächsten Montag vormittags auf 9 Jahre verpachtet werden.

x Burkhards, 17. Jan. Dieser Tage fand in ben Walbungen der hiesigen Forstwartei die erste Brenn- und Nutzholzversteigerung statt. Fichtenstammholz wurde im Durchschnitt mit 16 Mark pro Festmeter, Fichtenderbstangen mit 10,75 Mark, Fichtennutzknüppel mit 6,50 Mark pro Raummeter, Buchenscheitholz mit 5,40 Mark, Knüppel mit 3,80 Mark, Reisig mit 50 Pfennig unb Stockholz mit 3 Mark pro Raummeter bezahlt. Die Beteiligung an der Versteigerung war ziemlich rege.

Darmstadt, 16. Jan. DerDarmst. Ztg." wird zu Mit­teilungen einiger Blätter, über das Ergebnis der vorjährigen Künstler-Kolonie, die das Blatt als unrichtig und wissenschaft­lich falsch bezeichnet von beteiligter Seite zur Richtigstellung geschrieben: 1) Es ist richtig, daß einige Prozesse schweben; dieselben haben aber nicht in der angeblichen Zahlungs­unfähigkeit der Kolonie ihre Ursache, sondern in Diffe­renzen anderer Natur, welche die Oeffentlichkeit nicht inte­ressieren können und wie sie in jedem bestfundiertem Geschäfte vorkommen. 2) Die Mitteilung, daß Mobiliarpfändungen vorgenommen worden seien, ist eine niederträchtige Lüge und Verleumdung, die allem Anscheine nach wissent­lich und mit einer bestimmten Absicht in die Welt gesetzt worden ist. Schritte zur Ermittelung des Urhebers dieser Infamie sind eingeleitet. 3) Ebenso unwahr ist es, daß seitens Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs 100000 Mark eingefchossen werden mußten. 4) Ob einer und wer von den 7 Künstlern Darmstadt verläßt, ist bis jetzt noch nicht definitiv bekannt. Alle derartigen Gerüchte sind völlig unverbürgt. 5) Richtig ist e§ leider, daß die Ausstellung mit einem beträchtl ichen Defizit abschließt, wofür aber die jetzige Ausstellungsleitung keine Schuld trifft Duse.n Defizit gegenüber, dessen Höhe aber bis zur Stunde noch nicht fest­steht, kommen die Zeichnungen zum Garantiefonds in Betracht, so daß genügend Deckung vorhanden sein dürfte. Hier hat sich eine Vereinigung der Immobilien-Makler ge­bildet, die sich zur Aufgabe gestellt hat, das Ansehen des Standes zu heben, sowie Sorge zu tragen, daß einheitliche Provisionssätze festgesetzt werden, um das Publikum vor lieber* üorteiUmgen zu schützen.

Mainz, 16. Jan. Mit Rücksicht auf den die hessische Ständekammern demnächst beschäftigenden Gesetzentwurf, bett, die Standesordnung und die Ehrengerichte für die Aerzte des Großherzogtums Heffen, hat letzter Tage eine Zusammenkunft des Vorstands des ärztlichen Kreisvereins Mainz mit den hier wohnenden Landtagsabgeordneten statt­gefunden. Es handelte sich bei der Zusammenkunft, die auf Einladung des Aerztevereins erfolgt war, hauptsächlich darum, seitens der Aerzte die Ueberzeugung zum Ausdruck zu bringen,

ihrem Gretchen ist: sie fand den ganzen Abend über den rechten echten Naturlaut, der zu Herzen geht und für die keusche Anmut des armen Kindes so rührend Zeugnis legt. Aeußerst schwierig zu treffen ist gleich zu Anfang der rechte Ton in ihrer ersten Replik. Hier und auch in ihrer zweiten Szene noch, wenn auch in dieser schon weniger, hatte die Naivetät ihrer Gestalt doch einiges Reflektterte, man merkte, freilich nur sehr gelinde, ihr Bemühen um den rechten süßen Ton zartester Kleinmädchenhaftigkeit. Das aber verlor sich dann in den Liebes- und Qualszenen ganz und gar, in denen Frl. Hesse das Gretchen in unangreiflicher und ergreifender, mitleidender Natürlichkeit and wahrhaftiger Unaffektiertheit, mit schönem Feingefühl für die Schätze der Dichtung darstellte. Hier traf sie mit ihrem weichen, schönen Organ das r macht ihr leider einige Schwierigkeiten den rechten Ton für das feine Gemisch von bürgerlicher Schlichtheit, sinnender Verliebtheit, mädchen­hafter Lebensfreude und inniger Zärtlichkett. Und die dem Ende sich zuneigenden Szenen ließen annehmen, daß ihr auch die tragische Kraft und die erschütternde Beredsamkeit für die letzte, die Wahnsinnszene voll zu Gebote steht. Da es schon nach der, mit der Valentinepisode zusammengezogenen Dom­szene nach Mitternacht geworden war, verzichtete ich auf den marternden Anblick der entsetzlichen Vorgänge im Kerker. Jedenfalls beschenkte uns Frl. Hesse 1 mit einem sehr sympa­thischen, feinen, anmubgen und poesieverklärten Grethchen, das namentlich die wundervolle Goethe'sche Lyrik so behandelte, daß ihr köstlichster Zauber zu sehr schöner Geltung kam.

Als Mephisto übertraf Herr Leß mann unsere Erwart­ungen. Er brachte sowohl dasDiabolische", wie auch ba5' Humoristisch-Satirische, das Goethe in die Rolle des Mephisto gelegt hat, zur Darstellung. Vorzüglich, der Glanzpunkt in seiner Darstellung ist die Szene mit dem jungen Schuler. Sie spielt er unter Ausbeutung nahezu aller in ihr steckenden Pointen in einem köstlichen angenommenen Biedermeiertone. Eerade aber in dieser Szene folgt er zum Schlüsse einer in. E. falschen Tradition. Der große Effekt mit dem Stamm- bucheinttag ist meines WisienS eine von Friedmann herrührende übergeistteiche Rüancc, die für mein Empfinden ins Komö­

diantenhafte hinüberschweift und von anderen geschmackvollen Mephistodarstellern nachgerade abgethan ist. . Anerkennung verdienen auch die Unterredungen mit Faust, in denen der Zauber immer neuer Lebensoffenbarungen eingeschlossen ist. Den hohen Geist, der in diesen Versen weht, weiß Herr L. vielfach zu recht guter Wirkung zu bringen. Er hat ein gutes Recht, den Mephisto zu seinen besten Rollen zu zählen.

Herr Hertz og ist als Wagner von der trockenen Lang­weiligkeit, mit der der Dichter, den Philister ausgestattet hat, und spricht im ganzen verständig und wohl gegliedert; er ist zudem auch zu der Hexe verdammt, mit der die lächerlichsten Sprünge zu machen ihm ein Vergnügen zu sein scheint, lieber den Geschmack läßt sich bekanntlich schlecht streiten ....

Fran Kruse als Martha und Herr Zoder als Schüler leisteten Brauchbares. Gut setzte Herr Schneider als Valentin ein, wenn auch vielleicht mehr schwungvoll als mit natürlicher soldatischer Barschheit. Anzuerkennen ist, daß er in der Sterbeszene nicht zu naheliegenden Uebertreibungen sich hinreißen ließ.

Verständig war es von der Regie, den bösen Geist unsichtbar zu lassen. Aber er hätte halblaut, fast flüsternd dem zusammenbrechenden Mädchen die von dem Text des Requiems unterbrochenen Worte ins Ohr raunen, nicht aber sie pathetisch im Tone eines Strafpredigers deklamieren sollen; ist es doch deS armen Kindes innere Stimme selbst, die Stimme ihres eigenen, geängstigten bösen Gewissens, die unter den Klängen des Diee irae in ihr laut wird, bis sie, von einer mitleidigen Ohnmacht umfangen, lautlos an der Mari en - Säule zusammenbricht.

Und nun zum Schluß der Titelheld. Herr Gerl ach hatte sich diese schwerste aller darstellerischen Aufgaben zu seinem Benefiz selber auLersehen, obwohl sie seiner In­dividualität nur zum Teil gemäß ist. Um so mehr ist öS hervorzuheben, daß er sich ehrenvoll zu behaupten wußte und daß er mit Fleiß und Energie die Riesenarbeit zu bewältigen sich bemüht hat. Freilich soll der Faust, der es uns Deutschen allen recht macht, erst noch geboren werden. Jeder Ver§, jedes Wort klingt uns im Ohre es wäre ein Wunder, wenn sich die Wiedergabe auf der Bühne auch Knur zum

größeren Teile mit dem deckte, was vor unserem inneren Auge schwebt und in unserem inneren Ohre wiederklingt. Doch ist rühmend anzuerkennen, daß Herr G. im ersten Monolog an geistiger Beseelung, an logischer Gliederung, an Klarheit und Deutlichkeit nicht weniges zeigte. In dec Gartenszene aber vermißte man echte Herzenstöne und echte Herzenspoesie. Und namentlich in dem pantheistischen Credo und auch sonst noch hätte mancher Satz anders gesprochen werden müssen. Doch es sei ferne von mir, diese gewaltige Rolle in ihre einzelnen Atome zu zerlegen; in Auslegung der Wort- und Gedankenmalerei Goethe'scher Sprüche wird unter Dreien einer immer anderer Ansicht sein. Herrn Gerlachs Hauptleistung des Abends war die überaus schwierige und unter den gegebenen Verhältnissen durchaus wohlgelungene Bewältigung der Regie. Die Lorbeer- und Blumenspenden, die ihm zuteil wurden, waren die schönen Beweise best- verdienter Anerkennung für seine mühenreiche und meist so wenig dankbare Thätigkeit als Spielleiter. Herr Ramseyer schreibt mir übrigens heute, daß Herr Gerlach nicht erster Regisseur sei, wie ich annahm, sondern daß er sich mtt den Herren Woisch und R. in der Spielleitung ohne Unterschied zu teilen hat.

In ihrer Gesamtheit und im einzelnen fand die Dar­stellung sehr lebhaften Beifall. Die unsterbliche Dichtung ergoß von unserer Bühne herab über einen weiten Kreis von Zuhörern ihre unvergleichlichen, begeisternden Strahlen. Lobenswert war das Unternehmen an sich und um so lobens­werter seine erfolgreiche Ausführung, der man, wie Gott nach Erschaffung der Welt, ein herzliches Bravo zurufen darf. Es wäre schade, wenn so viel Mühe für nur einen Abend ver­schwendet wäre.

Unfern Darstellern aber seien die Worte Goethes an§ Herz gelegt:

ES trägt Verstand und rechter Sinn Mit wenig Kunst sich selber vor."

Aus vollem Herzen sich selbst erschöpfen und vortragen, ohne Künstelei, daZ ist dar'tellende Kunst. P. W.