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Montag 17. November LNO2
15Ä. Jahrgang
Erstes Blatt.
Nr. «70
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außei Sonntag-, Dem Gießener Anzeiger werden Im Wechsel mit dem Kesflschea Landwirt bie Siebener Kamillen, blätter viermal in der Woche deigelegt.
StoiaiionSdruck u. Der» lag bei Brüh l'ichea Univert.-Biich- u.Slein- bruderei iPieych (trben) SUbaftloru Grpebitio« und Druaeret:
Ochalfiraße 7.
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen MW
* Gießen, 15. November 1902.
Betr.: Landwirtschaftliche Bodenbenutzung im Jahre 1902. Das Großherzagliche Krcislimt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien de» Kreises
Unter Bezugnahme auf unser Ausschreiben vom 7. Mai L IS. — Kreisblatt 91c. 52 — erwarten wir die alsbal- dige Einsendung deS entsprechend ausgefüllten Formulars 2 b insoweit dies noch nicht geschehen ist.
I. V.: Dr. Heinrichs.
Amtliche Nuchrichten über Vichscuchen.
In Okarben, Kreis Friedberg, ist die Maul- und Klauenseuche auSgebrochen. Es ist Gemarkungs- sperr e angeordnet._______________________________________
Kclunmtmachung.
Betreffend: Feldberetnigung in der Gemailung Hungen.
Ich bringe hiertnit zur öffentlichen Kenntnis, daß 102 Grundeigentümer, welche mit im Ganzen 552,01 ha Fläche in der Gelnarkung Hungen begütert sind, unterfchriftlich die Feldbeceinigung und die Anlage von Wegen in den Obst- baumstücken der (Semarfung Hungen beantragt haben.
Da im Ganzen 494 Grundeigentümer mit 955,873 ha Fläche in der Gelnarkung Hungen begütert sind, so ist nach Art. 6 deS Feldbereinigungsgesetzes voin 28. September 1887 die erforderliche Mehrheit für das beantragte Untecnehtllen, (mehr als ein Fünfteil der beteiligten Grundeigentümer, welche mehr als die Hälfte der beteiligten Fläche besitzen), vorhanden.
Der oben erwähnte Antrag nebst Ergebnis desselben liegt auf dein Amtszimmer Großh. Bürgermeisterei Hungen in der Zeit vom 20. l. Mts. bis einschließlich 26. l. MtS. zur Einsicht der Beteiligten offen.
Einwendungen gegen die Zulässigkeit oder Rechtsbeständigkeit dieses Ergebnisses sind binnen 14 Tagen, von der Veröffentlichung der Bekanntmachung im Kreisblatt an gerechnet, mittels schriftlicher Beschwerde bei Großh. Ministerium des Innern, Abteilung für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe in Darmstadt geltend zu machen.
Friedberg, 14. November 1902.
Der Großh. Bereinigungskommissar:
•________Spamer, Kreisamtmann.____________
Technische ^el) tau Italien
zu Offenbach a. M.
Unter Staatsaufsicht.
A. Bauschule
für Bautechniker, Bauführer und Architekturzeichner.
Vorbüdung: Volksschulbildung und praktlsche Thätigkeit in einem Bauhandwerk von mindestens einem halben Jahr.
Vier Halb-JahreSklaffen. Im Sommer II. und I.; im Winter IV., Ul., II. und I.
Neu-Eröffnung
B. Maschinenbau-Lchule
für Maschinentechniken und Werkmeister.
Vorbildung: Volksschulbildung und dreijährige praktische Thätigkeit; höhere Schulbildung oder Einjähr.-Berechtigung und zweijährige praktische Thätigkeit.
Laboratorium für Maschinenbau und Physik. Vier Halb-Jahresklassen. — Aufnahme nur zu Ostern.
C. Abteilung für das Kunstgewerbe
für Kunstgewerbler aller Art. Zeichnen, Malen und Modellieren. Kunstgewerdl. Entwerfen. Dauer des Kursus unbeschränkt.
Außer diesen drei Abteilungen der Ganztagsschule bestehen für Bauhandwerker, Maschinenbauer, sowie für Kunstgewerbler noch drei halbe Tageskurse. Ferner für Schülerinnen je eine Fachklasse für Mu|terzeichnen, Kunst- sltcken und für die Fächer der freien Kunst, rote Aquarellieren, Oelmalen u. s. w.
D. Handwerker-Sonntags» und Abendschule Fachklassen für Dauhanotverler ('Jlicmier, Zimmerer, Steinmetze und Bauschlosser); für Bauzeichner, Kunstschlosser und Möbelzeichner; für Maschinenschlosser, Etsendreher, Schmiede und verwandte Berufe; für Lithographen und Graveure; für Portefeuiller (Lehriverkstätte für feine Lederwaren. — Unternehmen des OrtSgewerbevereins). Ferner Porträt- und Aktzeichnen.
Schulgeld:
a) für Ganztagsichüler halbjährlich Mk. 50.—
b) „ Maljchülerinnen „ , 24.—
c) „ Halbtagsschüler, sowie
Stickschülermnen , , 18.—
d) „ Sonntags- u. Abend
schüler „ „ 6.—
Die unter a) Genannten zahlen 3 Mk., die unter b) bis i) Genannten 1 Mk. Eintrittsgeld.
Nähre Auskunft, sowie Lehrpläne und Formulare durch die Direktion.
Der Großherzogliche Direktor: Prof. Schurig.
JJülili|üje Cagrüschau.
Aus Badea.
Wir lesen in der „Evang. Korrespondenz":
„T-ie Lage ist ernst! Falsche Rücksichtnahme muß aufhören, uird so ist diese Frage berechtigt: Wer und wo sind diese Machtsaktorcu'? Die richtige Antwort ist: die Frau Groß Herzogin, die Tochter Kaiser Wilhelms I., befördert in sehr wirksamer Weise die katholischen Bestreb
ungen. Tie hohe Frau ist in dieser Beziehung in bte Fußtapfen ihrer erlauchten Mutter, der Kaiserin Augusta getreten. Doch diese angeborene Geistesrichtung allein erklärt die Thätigkeit der Frau Großherzogin nicht genügend. Schwer wiegende Einflüsse gehen von ihrer Umgebung, von ihrem Freundeskreis aus. Aus die Einwirkung einer bayerischen Prinzessin und der Benediktiner von Beuron und Maria-Einsieveln ist schon hingewiesen worden. 2en nachhaltigsten Einfluß auf die hohe Frau übt aber Generaloberst Freiherr v. Los, der zu den intimsten Freunden und regelmäßigen Besuchern der Kaiser- tochter gehört. General v. Los sucht katholische Bestrebungen zu fördern. Der verdienstvolle Soldat ist dem kirchenpolitischcn Agitator gewichen. Seinem Einfluß auf die Frau Großherzogin von Baden schreiben wir — um eS noch einmal zu wiederholen — das Wachsen der ultramontanen Macht in Baden zum größten Teile zu.
Aus ZeutralustkN.
In der Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde zu Gießen sprach am 12. d. Herr Tr. Max Friede r i ch s e n über eine Forschungsreise in den zentralen Tiön-schan unb dsung arisch en Ala-tau (Mai-Oktober 1902), unter Vorführung von Lichtbildern nach Original* aufnahmen.
Die Expedition, an welcher Redner als Geograph und Geologe teil genommen hat, war ausgesandt worden von der Universität Tomsk in West-Sibirien und stand unter Führung des Tomsker Professors der Botanik W. W- Sa- voschnikow. Tas gesammelte wissenschaftliche Material bestand, soweit es vom Redner zusammengetragen wurde, in erster Linie in einer von der Stadt Prschewalsk am Jssytlul bis Lepsinsk an dem Nord-Fuß des dsungarischen Ala-tau durchgesührten Routenaufnal)me, welche zusammen mit den an zwei Anero'iden und einem Kochthermometer gemachten Höhenbestimmungen und im Verein mit Prof. Saposchnikows Theodolith-Aufnahmen das Rohmaterial für eine Originalroutenkarte der erforschten Gebirgsländer darstellt. Daneben wurde vom Redner eine umfangreiche geologische Sammlung zusammen gebracht, deren Verwertung teils von ihm, teils von petrographischen Spezialisten in Deutschland zu geschehen haben toid). Die photographische Gesamtausbeute der Expedition beläuft sich auf über lOOu trefflich gelungene Ausnahmen. Professor Sa- poschnikow sammelte in erster Linie botanisch, während die übrigen drei Herren vorwiegend zoologisch arbeiteten. Pekuniär waren außer der Uniöcrfitat Tomsk auch die Kaiserlich Russische Geographische Gesellschaft in St. Petersburg, die Hamburger Geographi|che Gesellschaft und der Redner mit namhaften Posten beteiligt.
Da die Expedition in einem in feinen höchsten Tellen bis ca. 6800 Meter ansteigenden Hochgebirge zu arbeiten hatte, welches nur von einer sehr dünnen und unsteten, nomadisierenden Bevölkerung besiedelt ist, streckenweise überhaupt menschenleer war, so machte der Transport
Agnes Sorma als Aora.*)
Gießen, den 17. November 1902.
Heber JbsenS Nora werden die Akten nicht so bald geschlossen werden. Ein späteres Geschlecht wird in Nora wohl ein klassisches Drama unserer Zeit sehen. Es ist das Drama jener hochdenkenden Frauen, die das Wunderbare erwarten, das ihren Bund mit einem fremden Manne, den sie als höher Denkenden einschätzten und dem sie darum mit Leib und Seele für ihr Leben sich anvertrauten, erst zu einer rechten Ehe verwandeln soll. 9tora wurde s. Z. für ganz Europa das Leitwort für die Frauenfrage, die dadurch über die Brotfrage hinausgehoben wurde.
Frau Agnes Sorina gab un§ in einerTheatervereinS- Vorstellung am letzten Samstag die 9lora. Lian wußte e§ im Voraus, das würde einen Abend auserlesenen Kunstgenusses für das Publikum bedeuten und zugleich ein paar Stunden reicher Anregung für die Kritik. Das Haus zeigte darum wohl so ziemlich alle Plätze besetzt, wie das einer Künstlerin von so großer und unbedingter schauspielerischer Autorität wie Frau Sorma zukommt. Tas ist um so beachtenswerter, als schließlich doch nur wenige Ibsen-Enthusiasten sich dieses trotz aller Wenn und Aber schließlich immer doch peinlich wirkende Drama, das Bulthaupt im 4. Bande seiner vortrefflichen .Dramaturgie deS Schauspiels- (Schulzesche Hof- Buchhdlg. in Oldenburg) sehr richtig als ein .zur Hälfte wirklich großes Kunstwerk, ein Meisterstück der Menschendarstellung" m ausführlicher Darlegung charakterisiett, gern deS Geileren ansehen. Und Irene Triesch hat die 9!ora erst vor wenigen Jahren den Theatervereinsmitgliedern geboten. Die Not an wahrhaft bedeutenden Novitäten macht sich auch hier zeltend, und wenn eine Sorma auf ihrem Repertoire auch ein Stück wie die schauerliche .Waise von Lowood" hat, so spricht das weit beredter für den Niedergang der neuen dramatischen Lltteratur als der jüngste keineswegs ganz verdiente Mißerfolg eines der talentvollsten unter den Neuen, der von Halbes .Walpurgisnacht" in Dresden, die immerhin eine echte Dichtung ist und bei der Lektüre auch als solche
*) Der Gießener Aufführung lag wohl die leider immer noch auf den Bühnen beliebte Uebertraguug Wilhelm Langes zu Grunde, statt der meisterhaUen Uebersetzung m der großen deutschen Ibsen- Ausgabe von Brandes, Elias und Schlenther. (H. Ibsens jämuiche Werre in 9 Bdn. 6. Bd. S. Fischers Verlag in Berlin.)
wirkt. (Das Buch erschien unlängst bei Georg Bondi in Berlin.)
Ibsen, von dem übrigens neuerdings die Kunde kommt, daß er infolge von Mißhelligkeiten, die man ihm wegen seines dicht am Hasen von Christicmia gelegenen und dem Verkehr angeblich hinderlichen Hauses dort macht, mit dem Plane umgehen soll, wieder nach Deutschland überzusiedeln, und von dem es ferner heißt, daß er mit seinem Bruder m Apoll Björnst- jerne Björnson, dem Dichter von „lieber unsere Kraft", am bevorstehenden 10. Dezember die Prämie für Litterakur des Nobel'schen Preises erhalten werde, schrieb kürzlich der bekannten schwedischen Sängerin Sigrid Arnoldson folgende Zeilen in ihr Stammbuch:
Ich glaube, liebe Sigrid, wir beide stimmen darin überein, daß es nicht unsere Ausgabe sein kann, Triumphe zu feiern, sondern vielmehr den Sinn der Atenschen durch Schönheitseindrücke und deren Wiedergabe zu veredeln."
Diese Worte hätte Ibsen auch der Sorma widmen können. Der Dichter entschädigt uns für den Leichtsinn und die Lügenhaftigkeit dieser Frauengestalt mit einem herzlichen liebevollen Kmdersinn. Tie treuherzige, ungeistreiche Hingebungsfähigkelt eines germanischen Gretchens empfinden wir zunächst als 9lora§ hervorstechendste Eigenschaft. Wir sehen sie ganz voll Seele, ganz voll Liebe und Liebebedürfnis. Sie tänzelt und zwitschert wie eine jungd Lerche durchs HauS, daß uns das Herz im Leibe lacht. Hier durchwärmt uns Ibsens Seele mit einem Stück hellster Natur. Und diese gibt uns die Sorma in der reizendsten einfachsten Art, fodaß sie unsere Sinne durch holdeste Schönheitseindrücke gefangen nimmt. Gleich wie sie vergnügt trällernd ins Zimmer huscht, wie sie dann voll glühenden Eifers mit den sieben Sachen, die ihr das Mädchen tragen half, hantiert, wie sie dabei glückselig immer vor sich hm lacht, das macht keineswegs den Eindruck, als hätten wir eine von der Welt gefeierte Berühmt- hell vor uns, die auch einmal uns kleinen Gießenern das Gnadengeschenk einer kurzen Huld gewährt, als sei sie darauf aus, auch einmal mit kleinen Triumphen vorlieb zu nehmen. Ganz im Gegenteil; dazu ist ihr die Kunst viel zu ernst, zu heilig. Von vollendeter Natürlichkeit ift ihre ganze Art. Das Zimmer, in das sie beim Aufgehen des Vorhanges tritt, bekommt sofort den Eindruck lraulich'ter Gemütlichkeit, jeder Gegenstand, den sie ersaht, wird gleichsam Leben, wird uns lieb und vertraut, als besänden nur uns in unserem eigenen Heim, als fühlten jene Dinge da auf der Bühne mit uns
und wir mit ihnen. Was da oben vor sich geht, das geht, infolge der höchst persönlichen Darstellung der Sorma, uns selber höchst persönlich an, das macht uns van varnherem warm, wir fühlen und lachen und leiden im innersten Herzen mit. Denn wir haben vom ersten Dlomente an den Eindruck das, was wir da sehen, das ist Leben, eigenstes, echtestes Leben.
Wie die Triesch, so hat sich auch die Sorma in die ge» heimsten Tiefgänge dieses Seelenlabyrinthes eingefühlt — auf ihre Art natürlich. Während die Triesch alle Falten dieser aus nordischem Nebel auftauchenden problematischen Frauennatur mit genialem Spürsinn und, man möchte fast sagen, mit mathematisch geschultem Verstände einzeln aus- einanberlegte, läßt die Sorma klar und einfach, schlicht und recht ihr eigenes Herz reden. Beide Künstlerinnen aber gehen darauf aus, den schroffen Temperaturwechsel in Noras Gemüt, den der letzte Akt bringt, von vornherein so wahrscheinlich als möglich erscheinen zu lassen, ihn psychologisch von vornherein zu rechtfertigen. Zu diesem Zwecke sucht die Triesch von Anfang an weniger die „kleine Lerche^, die „Puppe", die Noras Gatte in ihr sucht; ihr Wesen weist sie überzeugend auf die große Willenskraft hin, die in NoraS Entschlüssen liegt, auf ihr Talent zur Reife. Anders die Sorma. Sie ist ganz und gar die ihr eigenes Heim durch sich selber am meisten Schmückende, eine vortreffliche herzige Mutter und Gattin, eine Frau von ursprünglich heiterstem Temperament, von hellster Lebenslust, der selbst ein totkranker Kurmacher harmlosen Spaß macht, ein holdes Weib von naivem Humor und von geringer Lebenskenntnis. Ursprünglich, vor Jahren, als das böse Geschick sie noch nicht getroffen hatte, da war sie gewiß die .kleine Lerche", die „Puppe". Davon reden die lieben, hellen blauen Augen, die so warm und so bezwingend lachen können, daß der Dr. Rank nahezu unartig werden kann. Die großen dunklen Augen der Triesch leuchten und funkeln und wachsen, und mit ihrem oft nach innen gekehrten Blick zeigen sie von Anbeginn die Nora von später, die sich in die Nora von jetzt nur mit Mühe verstellt. Auch die 9lora der Sorma spielt jetzt bewußt ihrem Gatten das ewig heitere, übermütige Kmd vor, innerlich ist sie eine andere, em Weib, das dem Gatten eine kleine Komödie bietet, weil er gerade das Kindliche an ihr gern sieht, em Weib, das ihren Gatten über alles hebt, weil sie ihm etwas ihr weit Ueberlcgeneß, Großes, Heldenhaftes


