Ausgabe 
17.10.1902 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

nlichen Bemerkmg fc im Parla- ltt*.,Erneute daasche, 3»t5 : Sozialdemokraten non5- Austern und

Borazin SöblQi Sprach^ 2 b? K-K Steg; :,l!n Bn"fn o6tt

, Ulet bona fides bm Ctaatz.

to S ?nnetn für \c® tollte aber j* - L Ä* «e.

ass.'

lfrecht. Der Ag.

ledigt.

wachste Titzung am Tagesordnung die denZolltarif.

Weiter Stelle nicht die Interpellation Es handle sich um eine neue längere

«treten.

einen Gegenstand und noch län-rr

«er Jntcrpellotn :echung würde r rde aber uferte

3 bleibt fesftir»

c. Flei/^vih«

-tz-

Mngenerale bst fachen nnb nc löafxiU N

M

>. Oktober 1902. rzog hat denp n und der Realschu ter an dieser W

serdacht, den W n wurde cm Sto :fet Im UebM jungen Leuten iqen auseinander n und schkteßüch jungen stehen

Winrich wM Automobil V

S£s Zchlch

ff*

Ä'%

Ä- -*

-tureigeri- esiener WS ;uinerjJj( in

.».»jsS --»Ei«

,nt

Ä ** ivenlen

Nr. »44

rffteiitt tägltch außer Sonntag».

Dem Gießener Anzeiger werden tm Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Siebener Samtlien» blätter viermal in der Woche beigelegt.

-Rotationsdruck u. Ver­lag der Brüh l'schen Untoers.-Buch» u.Slein- druckerei (Pietsch Erben) Redaktion, Expedition und Druckerei:

Gchulpraße 7.

Adresse für Depeschen: «nzetger Gießen.

Ftrnsprechanschluß Ar. 51.

Erstes Blatt. IS». Jahrgang

Freitag 17. Oktober 19OÜ

GietzenerAnzeiger w General-Anzeiger w

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

Ve»va»pre«»: monatlichvbPs^ viertel-' jährlich Mk. L20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 6t> Pf.; durch diePost Wit. 2. oiertel- jährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeigen für bie Tagesnummer bis vormittags 10 Uhr. Zeilenpreis: lokal 12 WU a«SwärtS 20 Psg, Verantwortlich: für den polil. u. allgem. Teil: P. Wittko; für Stadt und Land" und .Gertchtssaal^: Cutt Plato; sür den An­zeigenteil: HanS Beck.

Au den Hessischen ^andtagswahle«.

Man schreibt uns vom Lande:

Tas Wettrennen bat begonnen. Alles horcht auf, späht, drängt heran. Wer wird gewinnen? Ter Rote, der Blaue, der Schwarze? Ter Graue, der Wasserfarbene oder der Schwarzweißrote? Am Totalisator wird gewettet und ge­wartet. Wer möchte an solchem Tage nicht maltipsen"? Setzen auch wir unsere Doppelkrvnen, vielleicht haben wir Glück.

Im hessischen Landtag wird es durch die Neuwahlen keine allzu großen Veränderungen geben. Wir haben ja noch das liebe indirekte System, das liegt und besitzt und schläft wie es schlafen läßt. Es birgt in seinem weiten Mantel Unrecht und Wahlbeeinflussung, Dummheit und Egoismus, Kirchturmspolitik und schreiende Widersprüche. ES wird seine Verteidiger und geheimen Freunde schon behüten. Und dann wozu auch der Lärm? Bei uns in Oberhessen giebt es einen eigentlichen Wahl­kampf nur im Grünberger Bezirk. Hier platzen die Geister schon seit geraumerer Zeit aufeinander. Ter Antisemit H i r s ch e l ist mit dem Agitator Reuther schon seit Wochen in eine äußerst lebhafte Wahlarbeit eingetreten, um das Mandat des landtagsmuden nationalliberalen Kreis- rateS Schönfeld in Schotten an sich; zu reißen. Mehrere Gegenkandidaten wurden schon genannt, doch schönen sich allmählich die Meinungen auf Kaufmann Moll zu einigen. Bor Ueberraschungen i)t man aber nicht sicher.

Man erinnere sich an die letzte Wahl in Gießen- Land! Jeder Bürgermeister glaubt schließlich, daß er für den Landtag geboren sei. Wer weiß, was da alles noch kommen kann. Tie Antisemiten hoffen den Kreis zu erobern. Mit Fortschritt oder Rückschritt des Antisemitismus hat aber die ganze Wahl nichts zu thun. Bei der Agitation für den Äindtag spielt die Judenfrage kaum eine Rolle. Man muß doch auch wohl unterscheiden zwischen anti­semitischer Partei und antisemitischer Gesinnung.

In Offenbach hat die Sozialdemokratie bei den letzten Stadtverordnetenwahlen eine unerhörte Niederlage erlitten. Mas Wunder, wenn der Abg. Ulrich auch fein Landtagsmandat in Gefahr wähnt und gleich in zwei Be­zirken kandidiert. Und keine Frage die Wahlaus^ sichten Ulrichs waren wackliger als der Thron von Bulgarien. Ta verhilft ihm das ihn stürzen wollende Bürgertum selbst in Sattel, stellt als seinen G^geNkauoidaten den jüdischen Fabrikanten F e i st mann auf, und mit dem Momente ist Ulrichs Wiederwahl so sicher wie noch nie. Eine für den politischen Gourmet hochpikante Ironie des Zufalls. Ulrich siegend durch Feistmann das verklärt sogar das dunkle Bild des indirekten Wahlrechtes. That's the humour of it!

Bon den übrigen Kandidaten der antisemitischen Bauernbündler wird der Abg. Schmalbach in Crain­feld, als dessen Gegenkandidat der Bürgermeister Muth von Salz (früherer nationallib. Vertreter des Bezirkes Herbstein-Ulrichstein) genannt ist, den Sieg davontragen. Auch sein christlich^sozialer Nachbar Weidner, der streit­bare Kämpe von Herchenhain, wird wohl wiedergewählt werden. Es stehen ihm zwar gefährliche Rivalen gegen­über, sein christlich-sozialer Parteigenosse Tr. Vogel in Laubach und der, wie behauptet wird, parteilose Ober­förster W e b e r zu Konrabsdorf. Günstig für Weidner wirkte der Groß herzogliche Besuch im September. Se. Kgl. Hoheit ließ sich mit dem Abg. Weidner Arm in Arm photographieren. Tas wirkte im Kreise und so wird Weidner auch fortan im Landtage den Rede­rekord halten können.

Ob der bisherige Vertreter des Butzbacher Bezirkes, Bürgermeister Joutz, wiedergewählt wird, steht in Frage. Ter Bauernbund ist im Butzbacher Landkreise vorzüglich organisiert. Tie Zentrumsorte stimmen geschlossen mit den Bauernbündlern. Ob der sreisinnig-antksem. Bürgermeister

von Butzbach nicht dem radikalen Antisemiten Fenchel von Griedel Platz machen muß?

In Umstadt wird der bisherige antisemitische Ver­treter Beigeordneter Ohl nicht mehr kandidieren. An seiner Stelle tritt der Landwirt Hauck VHI. von Schaafheim als Bewerber auf. Ihm steht als Nationalliberaler der Real­schuldirektor Lahm aus Großumstadt gegenüber und als Zentrumsmann Inspektor Hebet Wie die Entscheidung in diesem Bezirke fällt, ist nicht abzusehen. Ohl siegte 1896, ovwoyl er im ersten Wahlgang verhältnismäßig wenig Stimmen erhielt, durch eine eigenartige .Verkettung von Umständen. Es ist nicht unmöglich, daß der Wahlkreis dem Zentrum zufällt

Tiefe Partei hat im Offenbacher Bezirk größere Fort­schritte zu verzeichnen als die Sozialdemokratie. Es wäre verfehlt, zu glauben, das Zentrum stehe allein ober haupt­sächlich durch, den katholischen Glauben fest gegründet. Tie kleine Zentrumspresse ist demokratisch bis in das Mark der Knochen. Sie nutzt die Volksinstinkte aus und das Wort, das der Abg. Schädler auf dem Mannheimer Katholiken­tage vonKanonen und Steuerzettetn" sprach, entspricht ganz der Gesinnung der lokalen Zentrumsblätter. Keine andere Partei hat auch solche Fühlung mit den breiten Massen, wie das Zentrum durch die Kapläne. Und in allen sozialen Tebatten, mochte es sich nun um Mittel- ober Arbeiterstanb handeln, hat diese Partei mit bie gewanbtesten unb sachverstänbigsten $ ebner gestellt. Man benfe an Liborius Gerstenberger, den eindrucksvollen Redner ber Spessartbauern, an Tr. Heims Ausführungen zum Zoll­tarif, Müller-Fulba, Professor Hitze ic. Mache sich die Sozialdemokratie feine thörichten Hoffnungen. Sie wirb bem Zentrum keinen Abbruch thun, mag sie auch noch so laut bieReligion als Privatsache" ausrufen. Tas Zentrum ist heute thatsächlich bie M i t t e l p a r t e i, nach, der Basser- mann so sehnenb verlangt. Ter Nationalliberalis­mus steht halb im Reiche ber Schatten. Tas Zentrum ist an seine Stelle getreten. Es wirb sie sobalb nicht ab­geben. Es wirb auch seine Landtagssitze ruhig behalten unb vielleicht noch ben einen ober anberen Bezirk erobern. Dem antisemitisch-allbentschen Rechtsanwalt El bürste es kaum gelingen, ben Abg. Frenay aus seinem Bezirke zu verbrängen. Nein, ber Zentrumsturm fällt noch nicht. Wer barauf wartet, kann sehr alt werden.

Tie Sozialdemokratie wirb wohl in alter Stärke zurückkehren. Die Uneinigkeit ihrer Gegner ist ja ihr be­kanntesSchweineglück". So werben Ulrich und Tr. David wiedergewählt, bie anberen Mitglieber ber sozial- bemokratischen Landtagsfraktion sind ja bessere Nullen. Vielleicht erobert bie Partei noch ben Wahlkreis des Abg. Backes, bes verbienten Vorkämpfers unseres Volksschul- lehrerstandes. (Ter Bezirk dieses Abg. ist übrigens auch vom Bunde der Landwirte bedroht.)

Man spricht heute vielfach von einerEntwickelung nach rechts" in ber Sozialdemokratie. Man bietet Tr. Tavid, bem Bernstein^Berteibiger, ein Wahlbünbnis an, unb bas geschieht von einer Seite, bie doch gegen benUm­sturz von Thronen" so oft pathetisch Front gemacht hat. Und boch ist von einer solchen Entwickelung recht wenig zu spüren. Zubeil, ber Vertreter ber roten Gastwirte in Berlin, ber Zehn Gebote-Hosmann geben immer noch mehr ben Ton an, als alle Bernsteine guiammengenommen. Tr. Tavib f)at ben Mut gehabt, ben Glauben an Marx zu zer­stören, seine abweichende Meinung offen zu bekennen. Tas ist seine ganzeEntwickelung nach rechts". Im übrigen bleibt er nach wie vor Sozialbemokrat. Calwer unb Schippet juw Schutzzöllner, müssen es fein um ber Thatsacheu willen. Nichtsbestoweniger bleiben sie in ber sreihänblerischen So­zialdemokratie. Tie große Masse ber Parteiangehörigen besteht zum Teil aus Mitläufern, zum Teil aus solchen, bie von bem Parteiprogramm kaum eine Ahnung haben unb zum kleinsten Zeit aus wirklich überzeugten Sozialisten.

Ueber allem aber schwebt Singers Geist. Die Sozialdemo­kratie wird vom Instinkte ber Massen getragen. WaS sie nicht ben Tuminheiten ber Gegner verdankt, schuldet sie dem SchlagwortB r o t w u ch e r" undFleischwuche r", das zieht, was braucht's ba Argumente! Darum will die Sozialdemokratie unter allen Umständen den Zolltarif zur Wahlkampfparole machen. Sie betrachtet alles zuerst im Partei-, nicht im Arbeiterinteresse. Unb wie Bebel einst im Reichstag bie sogen. Zuchthausvorlage, bei bereu Ab­lehnung fast bie Hälfte ber Sozialbernokratie fehlte, als Agitationsmittel ersten Ranges bezeichnete, so wirb auch jetzt ber Schutzzoll ber agitatorischen Wirkung halber be­kämpft. Dian spricht zwar wenig davon, baß ber neue Zolltarif im wesentlichen inbustrialistisch ist, ergießt aber seinen Hellen Zorn über die Agrarier.Brotwucher", ,-Fleischwucher" Schlagworte tragen bie Partei, bie in bieAbendröte ber bürgerlichen Welt" hineinschreitet. Ach, unb wie leicht wäre sie zu besiegen. Es könnten bei nur teilweiser Einigkeit ber Bourgeoisie ber Sozialdemokratie drei Tutzend Reichstagsmandate entrissen werden. Es wird nicht geschehen. Wir sind noch nicht so weit. Weder im Reichstag noch im Landtag.

Ter Freisinn hat zwei Mandate zu verteidigen: Gießen und Alsfeld. Sie werden ihm verbleiben. An bie Stelle des seitherigen Abg. Gundrum wird viel­leicht fein Gesinnungsgenosse Rechtsanwalt Re eh treten. Und ber Freisinn wird ben Nationalliberalen Friebberg entreißen. Unterm Wahlrechtskurs wirb der freisinnige Beigeordnete Tamm den reaktionären Justizrat Jockel schlagen. Tie Freunde des direkten Wahl­rechtes sind es , bie ihm zum Mandat verhelfen. Die Na­tionalliberalen werben die Zeche bezahlen müssen. Ihre Niederlage würbe noch größer sein, wenn dieFreie wirt­schaftliche Vereinigung" nicht bas Gegenteil ihres Namens wäre. Als sicher verloren sinb die Mandate der natl. Abgg. Schönfeld und Jockel zu bezeichnen. Aeußerst gefährdet sind die Bezirke ber Abgg. Backes unb Zinser.

Es geht rückwärts mit ber einst allmächtigen Partei. Wenn man bie Besuchsziffer und bie Rebnerliste des Hess. Lanbtags studiert, so tritt einem das klar entgegen. Anti­semitismus verbunden mit Agrariertum, Zentrum und So­zialismus sind bie drei impulsiven Strömungen im Reichs­tag ioie im Lanbtag. Tie stark aufgetragenen Farben werden das erste Viertel des 20. Jahrhunderts beherrschen.

Arn hessischen Volk ift es zu beweisen, daß es nicht gesonnen ist, sich weiterhin nasführen zu lassen von ge­heimen und offenen Gegnern des direkten Wahtverfahrens Kehren wir mit eisernen Besen! Wolf hart.,

3>ie Uureu-Keuerale in Aerlin.

DieNordb. Allg. Ztg." schreibt offiziös über die gescheiterte Audienz ber Bur en generale bei bem Kaiser:

In den letzten Tagen sinb viele einanber wider­sprechende Angaben, zum Teil unter Berufung auf die Generale selbst, verbreitet worden. Dabei hat es bei ber Neigung mancher Blätter, ber eigenen Regierung am Zeuge zu flicken, auch an Anzweiflungen ber Ge­nauigkeit unserer Darstellung vom 9. Oktober nicht ge­fehlt. Wir halten es deshalb für nützlich unb erforber- lich, nochmals auf bie Angelegenheit zurückzukommen. Am 18. September hatte sich der Kaiser auf den Bo rschlag des Reichskanzlersbereit erklärt, die Generale zu empfangen, wenn sie sich durch Ver­mittelung bes englischen Botschafters in Berlin anmelden lassen und sich antienglischer Agitationen enthalten würden. Die Generale wurden hiervon infolge einer Ver­fügung des Auswärtigen Amtes an den kaiserlichen Ver­treter im Haag in Kenntnis gesetzt. Dewet erklärte in ihrem Namen, baß sie bas kaiserliche Anerbieten an- nähmen unb mit den Bedingungen einverstanden wären.

l der Königin kam, durch Rußland und durch Nordamerika geführt haben, verläßt .Sie ist vollständig Pariserin ge­worden und bildet alsblonde Pariserin" eine besonders anziehende Gestalt im Pariser Künstleben. Wie sehr sie sich in ber kurzen Zeit ihres Pariser Lebens zum Liebling ber Pariser aufgeichwungen hat, bewies bie allseitige Freube, die man dort jüngst über die Erwerbung eines Landsitzes bei Paris äußerte, welche man als Garantie bauernder Ansiedlung ausfaßte, und wie sehr die offiziellen Kreise ihre Kun.st schätzen, bewies ihre kürzliche Ernennung zum officier d'Aeabemie francaife".

Taß sie nicht nur Pantomimistin und Tänzerin, sondern zugleich auch eine hervorragende Schauspielerin ist, wird Charlotte Wiehe hier in der Aufführung des Schnitzler- schen LustspielsTas Abschiedssouper" zeigen.

Wie außerordentlich faszinierend ihre Kunst wirkt, geht daraus hervor, baß nach Aussage von Alois Prasch es zur Zeit ber Weltausstellung in Paris gesetzte unb ernst­hafte Männer gab, bie fast allabenblich in ihr Theater gingen, unb baß ein bekannter namhafter Äinger der komischen Oper ihretwegen sein Engagement verließ und als Schauspielfreiwilliger mit ihr mimte. Henrik Ibsen hat, als er sie in Kopenhagen sah, ihre Kunst als getanzte Psychologie" bezeichnet. Tie Ausdrucks- sahigkeit ihrer Mienen soll bis zur Vollkommenheit ent­wickelt sein, ihr schlanker Körper, von ber lebhaften Be­wegung der Tänzerin an bis zur starren Nachgiebigkeit ber Puppe jede Aenderung mit sicherster Beherrschung ber Gliedmaßen anschaulich machen können.Sie ist eine merk­würdige und reizvolle Sonberkünstlerin, bi« als Weib sefselt und in ihrer beinahe bedrohlichen Grazie einen aus Geistigem unb Animalischem seitstrin gemischten Reiz ausüvt."

Das Kasispiel von ßharlolte Wiehe und ihre französische Gesellschaft in Hießen.

Freitag, ben 24. Oktober.)

I.

Don Charlotte Wiehe unb bet glänzenben Auf­nahme, bie ihr bei ihrer augenblicklichen Kunstreise burch Teutschlanb unb Oesterreich-Ungarn überall zu Teil wirb, hat zwar berGieß. Anz." schon mehrfach nach Berichten aus großen Städten Notiz genommen; nun aber, ba der Tag ihres hiesigen Gastspiels nahe bevorsteht, glauben wir den Wünschen unserer Leser entgegenzukommen, wenn wir zu- sammensassend über Charlotte Wiehe, ihr Leben, ihre Kunst und über ihr für Gießen ausgewähltes Programm be­richten. _ .

Charlotte Wiehe ist geborene Kopenhagenerin. Als Kind trat sie in die berühmte königliche Balletschule ein und hatte bald als Tänzerin derartige Erfolge, daß sie schon mit 17 Jahren prima Ballerina am Komgl. Theater wurde. Tann entdeckte der Komponist Grieg, daß sie eine sehr schöne Stimme habe, unb die reizendekleine Lotte", wie bie Kopenhagener sie allgemein nannten, manbte sich üun ber Operette zu. Obwohl auch als Sängerin gefeiert, versuchte sie sich bald noch im Schauspiel unb hatte bie Genugtuung, ihre Energie auch hier durch reiche Erfolge gekrönt zu sehen.

Tas Weltausstellungsjahr 1900 sah sie in Paris. Tort würbe sie, bi£ bisher nur in ben skandinavischen Säubern Berühmtheit genoß, weltbekannt. Die Ausstellungsbesucher werden sich noch lebhaft ber Kunsttempel erinnern, die in bunter Reihe in dertue de Paris" des Ausstellungs­platzes errichtet waren. Hier sah man Sada Aacco, diel

Schauspielerin bes japanischen Hoftheaters, ihre eigenartige Kunst ausüben, unb hier ivar es auch, wo Charlotte Wiehe als Tänzerin Vivette in bes Komponisten Bersny Mirno- bramaLa main" allabenblich bie Zuschauer entzückte. In berebter Weise schilderte damals in berTt ob erneu Kun st" (ber bekannten unb beliebeten Bong'schen Zeit­schrift) Alois Prasch, ber Intendant des Berliner Theaters in Berlin, welchen unvergeßlichen Eindruck Charlotte Wiehes eigenartige pantomimische Kunst aus ihn gemacht habe. Er stubierte, nach Deutschland zurückgekehrt, sofort seiner Gattin, ber auch in Gießen aufs Beste bekannten Schauspielerin Auguste P r a s ch - G r e v e n b e r g, die Rolle ber Vivette ein, und so bekamen bie Berliner bald baraufTie Hanb"*) in einer Matinse zu sehen. Seitbem ist dies Memodrama von mehreren ber größeren beutschen Theater ausgenommen worden, wenigstens von benen, welche über eine geeignete Kraft verfügen. Tenn bie Rolle ber Vivette erfordert nicht allein eine gewandte Schauspielerin, sondern zugleich eine vollendete Tänzerin. Teshalb wird Char­lotte Wiehe stets die Vwette par excellence bleiben.

Noch mehr wirb jetzt ihre eigenartige pantomimische Kunst in einem neuen Berüny scheu totimobrarna,F'H omme aux Poupses" gepriesen, welches in Teutschlanb noch unbekannt war. Was sie darin leistet, das läßt sich, wie die Kritiker allerorten schreiben, nicht beschreiben, das muß man gesehen haben. , . t w ,

Paris ist seit der Ausstellung ihr dauernder Wohnort, den sie nur zum Zwecke von Gastspielreisen, welche sie bis jetzt durch Eirglaud wohin sie auf besondere Einladung

*) Ueber eine Aufführung derHand" im Frankfurter

Opernhause wurde seinerzeit tpr dieser Stelle tin^hend