Ausgabe 
17.10.1902 Drittes Blatt
 
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«tttndlatze der im Tarif enthaltenen Zollsätze gelingen wird, eine Limgung herbeizuführen. _

Auf eine Erhöhung der Mrndeftsatze für Getreide können die verbündeten Regie­rungen sich aus von mir und meinen Stellvertretern mehr als einmal betonten Gründen ebenso wenig einlassen, wie auf eine Ausdehnung derselben auf andere Artikel des Tarifs. (Bewegung.) Wenn von Freunden der Landwirthschaft erwidert werden sollte:Sann wollen wir den ganzen Gesetzentwurf aülehnen und wieder zum Freihandel zuruck- kehrenl", so ist das eine Ansicht, die für Jeden schwer verständlich (ein mutz, der sich im Hader der Parteien kaltes Blut und damit die Mögichkeit bewahrt hat, ein einfaches Rechenexempel auf zu- stellen. Die Mindestsätze des Entwurfs sind doch recht wesentliche, recht erhebliche Erhöhungen. (Sehr wahr! bei den Sozialdemo­kraten.)

Sollte der Entwurf abgelehnt werden, so bliebe den verbündeten Regierungen nur übrig, entweder die bis­herigen Handelsverträge fortbeslehen zu lassen, oder auf Grund des alten Tarifs in Vertragsverhandlungen einzutreten. Auch im letzteren Falle würden wir nach Kräften bemüht fein, die Interessen der Landwirthschaft wahrzunehmen. Daß uns das aber beim besten Willen nicht in dem Maße möglich sein würde, wie auf der «afis des neuen Tarifs, das brauche ich wohl nicht zu versichern.

Das sind, wie mir scheint, doch sehr naheliegende und recht schwerwiegciide Erwägungen, uiid deshalb richte ich an diejenigen Parteien, denen der Schutz der Landwirthschaft am Herzen liegt, im Namen der verbündeten Negierungen die Aufforderung, nicht zu vereiteln, was die verbündeten Regierungen in mühsamer Arbeit für die Landwirthschaft erstrebt haben, und die Landwirthschaft nicht um Vortheile zu bringen, welche die verbündeten Regierungen ihr zugedacht haben, sondern sich auf dem Boden der realen Thctt- sachen zu halten. Ich richte weiter im Namen der Regierungen die ehrlich gemeinte Aufforderung an Sie, unsere Verhandlungen nicht durch künstliche Mittel aufzuhalten oder in die Länge zu ziehen. Ich wüßte in der parlamentarischen Geschichte kein ein­ziges Beispiel, wo die Obstruktion, möge es sich nun um offene oder versteckte Obstruktion handeln, nicht schädigend auf das Ansehen, die Stellung und das Schwergewicht der Parlamente gewirkt hätte. (Lebhafte Zustimmung rechts und bei den National- Liberalen. Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Es hieße die Axt an die Wurzel des Parlamentarismus legen, wenn eine so wichtige Vorlage wie diese nicht in gemein­samer, ganz loyaler Weise behandelt würde. (Erneute Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Es ist endlich Zeit, daß einmal Klarheit geschaffen wird über die künftigen Aussichten unserer Handels­politik, damit unser Erwerbsleben weiß, woran es ist, und damit die Ungewißheit beseitigt wird, die auf Handel und Wandel lastet. Die verbündeten Regierungen hoffen, daß der E n t w u r f im Wesentlichen die Zustimmung des Hauses findet; sie glauben, daß ein Nichtzustandekommen für viele Erwerbsstände, namentlich für die Landwirthschaft, mannigfache Mißstände und Unzuträglich­keiten mit sich bringen iirirb. Die verbündeten Regierungen hoffen, daß sie nicht vergeblich an die oft bewährte Einsicht und Vater­landsliebe dieses hohen Hauses appelliren. Dann werden wir auch zu einer Verständigung kommen, die dem Gesammtinteresse des Landes entspricht. (Beifall bei den National-Liberalen.)

Referent fürs Gesetz Abg. Speck (Centr.) berichtet unter großer Unruhe des Hauses über die Verhandlungen der Kommission. Der Präsident muß Ruhe schaffen. Die Abgeordneten entfernen sich zum Theil; der Saal leert sich sichtlich.

Referent für die Tarifposition Getreide Abg. Graf v. «chwenn- Löwitz (kons.) berichtet hierauf über di- Beratungen hinsichtlich der Roggen- und Weizenzölle. Die Abgeordneten, soweit ste sich noch im Saale befinden, stehen in kleinen Gruppen zusammen und unterhalten sich mit leiser Stimme.

Abg. Gothein (freif. Vergg.): Der Hinweis des Reichs­kanzlers auf die Schweiz und Oesterreich-Ungarn war nichts weniger als stichhaltig. Wenn ein Umschwung in der Zollpolitik anderer Länder sich vollzieht, so ist jedenfalls gerade Deuffchland daran nicht unschuldig. Es ist übrigens noch sehr zweifelhaft, ob der schweizerische Zolltarif beim Referendum durchgeht. Wo stnd denn die großen Gefahren, denen die deutsche Industrie durch die des Auslandes ausgesetzt ist? Der Zolltarif soll nach dem Reichs­kanzler ein Rüstzeug für uns abgeben. Ja, ich fürchte, es wird für uns schließlich heißen, wie in dem Citat, das wohl auch dem Herrn Reichskanzler bekannt ist:

Mit Arm und Fuß er rudert und ringt. Der schwere Panzer ihn niederzwingt."

Besonders bedenklich ist das System der Mindestzölle, daS zum ersten Male bei uns eingeführt wird. Der Herr Reichskanzler hat allerdings betont, daß dieses ja nur auf vier Positionen beschränkt bleibt. Ja, aber diese vier Positionen bilden 27 Prozent der ge- fammten Einfuhr, von der Einfuhr aus Rußland sogar 45 Prozent

und au? Dänemark 62 Prozent. Das hat uns denn Dänemark gethan? Wir können mit chm sehr zufrieden sein. Dänemark fühlt sich bei seinem unglaublich veralteten Zolltarif trotzdem ganz wohl, und auch die dänische Landwirthschaft fähn ohne das schwere Rüstzeug viel besser, als die deutsche Landwirthschaft Der neue Zolltarif bildet eine schwere Gefahr für den Abschluß von Handelsverträgen. Nach dem Herrn Reichskanzler ist letzterer allerdingsnoch möglich". In der Begründung des Erüwurfs war man in dieser Hinsicht durchaus noch nicht so sicher. Wenn heute immer von Seiten der Agrarier auf die Disrnarckjche Handelspolitik hingewiesen wird, so möge man sich doch gefälligst daran erinnern, daß Bismarck bereit war, für günstige Handelsverträge auf einen Getreidezollsatz von 1 Mk. herabzugehen. Und ihni lag doch das Wohl der Landwirthschaft wahrhaftig am Herzen. Die Zeiten der hohen Getreidezölle von 5 2)11. haben auf die deutsche ^>olkswirth- schaft außerordentlich ungünstig eingewirkt. Schaarenweise gingen die Leute über die Grenze, um billiges Brod zu laufen, und wurden dann wegen (Sontrebanbe bestraft. Erst 1894, beim Abschluß der Handelsverträge, begann eine bessere Konjunktur. Man steht die Tarifsätze als Kompensationsobjekt an Es ist doch lehr naiv, anzunehmen, daß das Ausland auf Erhöhungen unsererseits nicht sofort seinerseits mit Erhöhungen antworten wird, so daß die ganze Kompensation illusorisch wird. Wenn wir keine oder schlechte Handelsverträge bekommen, so wird das ein schwerer Schlag für unsere Großindustrie sein: aber er trifft sie nicht un­verdient. Die Großindustrie hat durch ihre thörichten Zollwunsche, vor Allem aber durch die Begünstigung der unsinnigen Ansprüche der Agrarier die Repressalien des Auslands selbst verschuldet. Heute, nachdem wir die industrielle KrisiS bereits seit 2*4 Jahren haben und ein Ende derselben noch nicht ab^usehen ist, wäre man in diesen Kreisen recht froh, wenn man statt des neuen Zolltarifs eine Ver­längerung der bestehenden Handelsverträge hätte. Ich bin dem Reichskanzler sehr dankbar für feine Erklärung, daß er bei Scheitern des Entwurfs entweder die Verlängerung der bestehenden Verträge oder den Abschluß neuer auf Grund des alten autonomen Zolltarifs zu erlangen trachten wird. Ich hoffe, daß das zur That werden wird. Und ich bin überzeugt, daß die meisten Länder, vor Allem Rußland, Italien und Oesterreich, uns keine Schwierigkeiten machen werden. Aber ffeilich: unsere Landwirth­schaft bedarf ja angeblich des erhöhten Zollschutzes I Nun, eine der ersten Autoritäten, Professor Conrad, hat sich bekanntlich dahin ae- äußert, daß unsere Landwirthschaft überhaupt viel besser dastände, wenn gar keine Getreidezölle existirten. (Hörtl hört! links.) Von den Zöllen hat nicht die Landwirthschaft als solche einen Vortheil, sondern nur die gegenwärtigen Besitzer. Der Generalsekretär der national-liberalen Partei in Hannover konstatirt in seinem sehr lesenswerthen Buch, daß die Klagen der Gutsbesitzer auf den guten Höfen in Hannover größer sind als die auf den schlechten, weil die ersteren zu theuer gekauft haben. Daß man dann nicht fertfommen kann, ist klar, aber deshalb braucht man doch nicht den Zoll zu erhöhen. Solche Fälle kann man doch nicht als Be­weis für die Nothlage der Landwirthschaft anführen. Niedrige Getreidepreise sind ein Segen für den Landwirth, denn hohe steigern nur den Werth des Grund und Bodens, von dem nur die gegen­wärtigen Besitzer Vortheil haben, alle andern nachfolgenden Be­sitzer aber Nachtheil. Auch Prof. Ruhland führt aus, daß alle künstlichen Mittel, das Einkommen der Landwirthe zu erhöhen, nur die Schuldenlast steigern. 80 Prozent der kleinen Landwirthe müssen überhaupt Getreide zukaufen, ihnen bringen also die hohen Getreidepreise schon direkten Schaden. In der Zeit der höchsten Getreidevreise fand noch stets die größte Entvölkerung des platten Landes statt, weil der Großgrundbesitz, dem die hohen Getreide­preise Vortheil brachten, den kleinen Besitz mehr und mehr auf- tauftc. Wo kein Schutzzoll ist, wie in Holland und Dänemark, da slorirt die Landwirthschaft. Auch wir wollen den deutschen Bauernstand erhalten, und zwar deshalb sagen wir manchem Land­wirth: Freund, du wirthschastest nicht rationell, deshalb geht es dir schlecht. (Sin allgemeines Urtheil über die Lage der Landwirthschaft kann man jetzt noch gar nicht fällen, denn c5 fehlt noch immer eine eingehende Enquete über die Lage der Landwirthschaft, so oft wir auch schon eine beantragt haben. Wenn eS vielen Landleuten schlecht geht, so liegt das vielleicht auch daran, daß vielen, namentlich größeren Besitzern, die nötigen technischen Kenntnisse fehlen. Ein bekannter Landwirthschaftslehrer hat gesagt, daß 90 Prozent der größeren Besitzer die nöthigen Kenntnisse zur Bewirthschaftung ihrer Güter fehlen. Die Herren sind Assessoren oder Offiziere gewesen, haben als solche dem Vater­land gewiß große Dienste geleistet, und übernehmen bann daS väterliche Gut, ohne vorher die Landwirthschaft erlernt zu haben. So kommen viele in einen Nothstand hinein, weil ihnen die Vor­kenntnisse fehlen. Auch diese Frage müßte einmal genau unter­sucht werden. Gerade die Konservativen hätten alle Ursache, hier für Besierung zu sorgen. Statt desien aber haben sie mich an­gegriffen, als ich im preußischen Abgeordnetenhause zum ersten

Mal auf diesen Hebelst and hinwieS. Die Dauern müssen «e» Haupt sich mehr und mehr der Viehzucht widmen. Redner versucht hierauf, eingehend die Frage der Viehzölle 3^ besprechen.

Präsident Graf Ballestrem: lieber die Viehzolle dürfen »te jetzt nicht sprechen. Das kommt später. (Hstierkeit.)

Abg. Gothein (forrfahrend): Dann will ich hierauf nicht werter eingehen, obwohl der Reichskanzler auch darüber gesprochen hat

Präsident Graf Ballestrem: Der Reichskanzler kann reden, worüber er will, die Mitglieder des Hauses aber sind an bte Tages­ordnung gebunden. (Heiterkeit.)

Abg. Gothein (fortfahrenb): Ich stelle hiermit den formellen Antrag, eine eingehende parlamentarische Enquete über die «-age der Landwirthschaft zu veranstalten, und Arnar durch eine besondere Kommission, damit der Gang der Verhandlungen hier nicht gestört wirb. Dann "bitte ich Sie noch, für eine bessere Bildung und Vor­bildung der Landwirthe zu sorgen, denn in dem Wettkampf bet Nationen hat die den Vorsprung, die die beste Bildung hat. Die Agrarzölle mit den theuren Lebensrnitteln schaffen nur em schwaches, verkümmertes Geschlecht, die Politik der Nahrungsmittel» vcrtheuerung gefährdet die Gesundheit der Arbeiter. Die gesunde, billige Ernährung schafft den kräftigen amerikanischen und eng­lischen Arbeiter, durch die Brodvertbcuerung befördert män nur die Verbreitung von Krankheiten, wie Lungenschwindsucht u. s. w. Ter Reichskanzler wandte sich audi gegen die Obstruktion. Vielleicht meinte er die Herren vom Bunde der Landwirthe damit. Wir treiben keine Obstruktion, wir meinen auch, daß diese dem Ansehen des Parlaments Abbruch thut. Aber das Parlament wird auch in der Achtung des Volkes siiiken, wenn ein so wichtiges Gesetz wie dieses ohne gründliche Berathung verabschiedet wird. Von so hohe« Sätzen wußte man im Lande früher nichts, kein Mensch wußte beim Beginn dieses Reichstages, daß die Zölle in dieser Weise erhöht werden würden. Ja, man sprach von Verleumdung, als zuerst von solchen Sätzen die Rede war. Deshalb muß man auch erst den Wahlkreisen Gelegenheit geben, Stellung zu diesem Tarif zu nehmen und deshalb darf nicht dieser, sondern cd muß der fol­gende Reichstag über dies Gesetz entscheiden. (Beifall links. Zischen rechts.) . t

Abg. v. Klirdorff (Np.): Wäre ich so weise, wie der Abg. Gothein zu fein glaubt, so wäre ich der weiseste Mann. (Heiterkeit.) Daß diesem Reichstag der Zolltarifgesetzentwurf vorgelegt werben würbe, haben bie Wähler sehr wohl gewußt. Ich bin anderer Meinung als Herr Gothein über die Pflichten eines Abgeordneten, ich glaube, daß meine Wähler mich gewählt haben, weil sie mit ein Urtheil über wirthschaftliche Fragen zutrauen. (Ruf: Sehr unvorsichtig! Große Heiterkeit.) Die Herren von der Linken wollen immer nur für die städtischen Arbeiter sorgen, die Land- wirthe sind in ihren Augen die Parias. (Oho! links.) Dem Reichs­kanzler erkläre ich, baß wir bei den Kommissions­beschlüssen stehen bleiben. (Ruf links: Wie lange?!) Denn nach unserer Meinung stellen biefe Sätze gerade die mittlere Linie bar, bie der Kanzler als bie richtige bezeichnet hat Be- benken Sie boch, daß die von der Kommission geforderte Erhöhung nur 50 Pfg. mehr beträgt als die des Regierungsentwurfs! Der Reichskanzler hat in feiner Rebe vergeßen, daß wir auch unter bet überseeischen Konkurrenz zu leiden haben, da sich bie überseeischen Frachten erheblich verbilligt haben. Daß bieses Sinken ber Frachten eine vorübergehenbe Erscheinung sei, wie ber Minister Möller in der Kommission meinte, ist ein Jrrthum. Zieht man diese über­seeische Konkurrenz in Betracht, so wirb man zu bem Schluß kommen, baß wir mit ben Vorschlägen ber Kommission kaum da­erreichen, was wir vor ben Caprivisa, .i Handelsverträgen besaßen. Trotzdem verzichten wir bar auf, für die Anträge der Kollegen Frhr. v. Wangenheim und Hahn zu stimmen, denn sie bedeuten eine bloße Demonstration, und die machen wir nicht mit. Die Herren wissen ja ganz gut, baß sie auch bei ben nächsten Wahlen nicht bie Mehrheit erlangen. Landwirthschaft und Industrie haben bad größte Interesse, sich zu verständigen. Kommt es nicht dazu, so ist Der tertius gaudens das internationale Handelskapital. Der Kanzler sprach davon, baß die Regierung über bie vorgeschlagenen Sätze nicht hinausgehen würbe, und er sprach wefter von einer Obstruktion, die bas An­sehen deS Parlaments herabsetze. Aber das Parlament wirb auch in ber allgemeinen Achtung herabgesetzt, wenn eS so bebanbeli wird, daß man sagt: Friß ober stirb. (Heiterkeit unb Zustimmung.) Das Parlament ist ein gleichberechtigter Faktor, eS hat denselben Anspruch wie die Regierung darauf, daß seine Ansichten ernstlich geprüft werden. Ich hoffe, daß bie Regierung boch noch nach» giebt. (Beifall rechts.)

Hierauf vertagt daS HauS dietveitereBerathuaganf Freitag 12 Uhr.

Schluß 52 Uhr.

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Vlstitilche Lirgi'Mml.

Tie Fraktionen des Reichstages

flaben angesichts her zweiten Beratung des ZolltariscS ihre Standpunkte gekennzeichnet. Tie konservative ReiLstagsfraklion trat am Donnerstag unter dem Borsitz des Abg. Rettich zusammen. In mehrstündigen Beratungen wurden alle Fragen erörtert und die Fe st Haltung an den Beschlüssen vom 22. September von verschiedenen Seiten proklamiert. Man einigte sich schließlich dahin, in Unter­handlungen mit anderen Parteien, namentlich dem Zentrum, treten zu wollen. Bindende Beschlüsse wurden sonst nicht gefaßt. Die Verhandlungen sollen fortgesetzt werden.

Das Zentrum hat den Zolltarif einige Stunden beraten und dem Vernehmen nach sich dahin entschieden, die Kommissionsvorschläge zweiter Lesung aufrecht zu erhalten. Tte freikonservative Par­tei har eine neue Sitzung zur Stellungnahme für die zweite Lesung des Zollrarifes nicht abgchalten. Sie steht auf dem Boden der Beschlüsse vom 23. September d- I. Die Polen Haven in einer dritten Fraktionssitzung die Beratungen über ihre Stellungnahme zum Zolltarif beendet. Sie Haven sich dahin geeinigt, größtenteils den Kommis­sionsbesch lüss en zweiter Lesung zuzusrimnwn

DemRh. Rur." wird aus München telegraphiert:Ich kann Ihnen aus ganz sicherer Quelle mitleilen, daß ein Einschwenkcn des Zentrums auf dem Boden der Regierungsvorlage so gut als sicher ist. Ter bayerische ZentrumSvorsrand hat den bayerischen Bauern­verein wissen lassen, daß das Zentrum sich nicht durch ein Versprechen vmden könne, über die Regierungsvorlage hinaus höheren Zöllen zuzustimmen.

Ans Stadt unb Land.

Gießen, 17. Oktober 1902.

** Hofnachrichlen. Aus Darmstadt wird uns telegraphisch gemeldet: Gestern abend wurde im Großh. Hoftheater auf Allerhöchsten Befehl Humperdincks Märchen­oper .Hänsel und Grell)cl* gegeben. Anwesend waren: der Groß Herzog, Prinz und Prinzessin Heinrich, die übrigen prinzlichcn Herrschaften, sowie Prinzessin Elisabeth und die Kinder des Prinzen Heinrich. Besonders die letzteren gaben ihrer Freude Ausdruck durch lebhaftes Händeklatschen, vor allem bei der Szene: Der Hexenritt. Man versichert, daß sich bereits eme allerliebste

Intimität zivischen benkleinen hohen Herrschaften" heraus- gebildet habe.

K. B. Darmstadt, 17. Okt. (Eigener Trahtbc- richt.) Ain Dienstag Vormittag 11*/, Uhr findet in der Technischen Hochschule die Ucbergabe des Rektorats seitens des Geh. Hofratß Prof. Tr. Scherings an den neu ernannten Geh. Baurat Pros. Pfarr statt. Gleichzeitig sollen dabei die Ergebnisse der im letzten Jahre gestellten Preisaufgaben bekannt gegeben werden.

Mainz, 16. Okt. Gestern tagte hier zum ersten Male die gesetzlich vorgeschriebene ordentliche Ge nera l o e rsamm- lun g der Notare des Großherzoglums. Zum Vorsitzenden der Nolarskammer wurde Justizrat Wolf-Mainz gewählt. Als weitere Mitglieder wurden gewählt die Notare Jusliz- rat Schüler-Darmstadt, von Brentano-Offenbach, Justizrat Jöckel-Friedberg, Justizrat Rietz-Gießen, Justizrat Köhler-Osthofen und Hubert-Oppenheim.

Gerichtssaäl.

Mainz, 16. Okt. Der 3öjährige Musiklehrer Franz Schrei­ber aus Bingen ivar un Jahre 1889 hier zum Jnf.-Regt. Nr. 88 ausgehoben worden, flüchlete aber nach Lausanne und hei­ratete dort ein Mudchen von hier, mit dem er schon vor seiner Aushebung zum Militär verlobt war. Nun wollte Schreiber seine Kinder m bessere Schulen nach Deutschland dringen und zu diesem Zwecke hierherkommeu. Vorher aber fragte sein Schwager, em hiesiger Kaufmann, auf dem Kretsamt bei dem Eivilvorlitzenden deS Aushebungsbezirkes an, ob Schreiber ungefährdet zurückkehren könne. Die früher gegen ihn erkannte Geldstrafe von 3000 Mk. war längst an den MilitärsiskiiS entrichtet. Der Eivilvorsitzende erklärte dem Kaufmann, daß fern Schwager ruhig nach Deutsch­land zurückkehren dürfe. Nach dem 31. Jahre habe er keine Strafe mehr zu gewärtigen, er könne auch nicht in die Front eingestellt iverden, nur müsse er sich beim Bezirkskommando melden, da er dem Landsturm überwiesen werden müsse. Der Mnsiklehrer kam daraufhiu am 28 Juli nach Mainz und begab sich mit feinem Schwager auf das Kreisamt, um sich zu vergewissern, daß er wirk- lich ungefährdet hierbleibeu könne. (Sm Assessor, der sich erst Jn- formationen holte, gab ihm die gleiche beruhigende Verncherung, wie sie dem Schwager erteilt war. Auf feine Anmeldung aber beim Bezirkskommando wurde Schreiber am 4. August dennoch wegen Fahnenflucht verhaftet und gestern dem Kriegsgericht zur Aburteilung vorgeführi. Das frühere Ur­teil wurde aufgehoben »zu gleicher Zett aber mitgeleiü, daß der Fiskus die gezahlte Strafe von 3000 Mk. nicht mehr herausgebe), und der 'Jliigcflagte unter Berücksichtigung der falschen Ratserteilung zur Mmimalstrafe von f e ch s Monaten Gefängnis ver­urteilt. Wenn die Strafe verbüßt ist, muß der 3öjährige Mann seine zivei Jahre beim Jnfantcrie-Regt. N r. 117 avdienen. Mit dem 39. Jahre erst häkle er ungehindert zurück­kehren können.

Arbeiterbewegung.

Washington, 16. Okt. In einer heute früh veröffentlichten Erklärung über die Beendigung b e 8 Kohlenarbe i^t er- ausstandes wurde mitgeteilt, daß zur Regelung der Streit­fragen zwischen Arbeitgebern und Arbeitern eine Kommission ein­gesetzt wird. Mitglieder der Kommission sind der pensionierte General Wilson, Ingenieur Parker als Bergwerksfachverständiger, Richter Gray, der Großmeister des Ordens der Eifenbahnzugführ«, Clark als Sachverständiger für soziale Fragen, ferner WatkinS ali Sachverständiger bezüglich der Gewinnung und des Vertriebs von Kohle, der Bischof Spalding von Peoria. Letzterer wurde au'Be­treiben Roosevelts in die Kommission aufgenommen. Zum Schrift­führer der Kommifsion wurde der Kommiffar des Arveilsdeparte- ments, Wright, bestimmt. Wie verlautet, sind sowohl Arbeitgeber als Arbeitnehmer mit der Zusammensetzung der Kommission zu­frieden. Mitchell erklärte feine Zustimmung zur Einsetzung der­selben namens der Arbeiter, Bacon und Perkins namens der Arbeitgeber. Der Zusammentritt der Kommission soll in wenigen Tagen erfolgen.

Neueste Meldungen.

Originaldrahtmelduugeu de» Gießener Anzeiger».

Berlin, 17. Ott. Die Morgenblütter melden: Die Burengenerale werden heute mittag an ben Denl- mälern Kaiser Wilhelms I. und BiSmarcks Kranze nwber­legen. Ter Präsident des Kaiser!. Patentamtes v. Huber, der sich aus Gesundheitsrücksichten nach dem Süden begab, will sich pensionieren lassen. Tas Befinden des Reichstagsabg. Tr. v. Levetzow giebt zu BZorgnrssen Anlaß.

New York, 17. Ott. Nach einem Telegramm aus Ärng- sionc befand sich der Soufsriöre in voller Eruption von morgens 1 bis nachts 4 Uhr. Weitere Depeschen aus Basseterre ('Guadeloupe) besagen, daß zwischen 12 und 3 Uhr Detonationen gehört und ein schwacher Feuer« schein in der Richtung auf Marttniaue zu gesehen würbe.

Wilkesvarre, 17. Okt- Tas Ende des Kohlen­arbeiter-Ausstandes kann erst erklärt werden, wenn eine Versammlung der Grubenarbeiter ihre Genehmigung erteilt hat. Die ausführenden Ausschüsse der einzelnen Distrikte haben heute Beratung. Beschlossen wurde, am Montag eine Versammlung abzuhalten.

Wrlkcsbarre, 17. Okt.* In der heutigen Be­ratung der ausführenden Ausschüsse der Grubenarbeiter der verschiedenen Distrikte tcurb: einstimmig beschlossen, am Mcantag der Kommission zu empfehlen, zur Arbeit zu rückzukehren und dte schwebenden Fragen der Kommission zur Ent- icheidung zu üb er lassen.