Freitag, 17 Oktober 1902
152, Jahrg.
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
an*
(Hört!
Zustandekommen von Handelsverträgen noch möglich erscheint.
Verantwortlich für den allgemeinen tdü P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck.
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sch« Universtlätsdruckerei (Pietsch Erben), Bich«.
quellen für unsere Produkte für uns zu erhalten. Aber höher und weiter dürfen wir mit den Mindestzöllen nicht gehen. Der Entwurf ist das Ergebniß eines Kompromisses nach langer und mühevoller Berathung unter den verbündeten Regierungen. Bei seiner Auf
gesteigerte Preis in Widerspruch geräth mit dem Ernährungsinteresse der arbeitenden Klassen. Ein solcher Widerstreit sollte nach Ansicht der verbündeten Regierungen vermieden werden. Hier sind die Rücksichten auf die Konsumenten und insbesondere auf die Lchnarbeiterklasse eine unüberbrückbare Schranke. So hoch aber dürfen die Getreidepreise nicht bemessen sein, daß, wenn plötzlich einmal mit ihrer Aufhebung gerechnet werden müßte, dies für die Finanzen des Reichs ein bedenkliches Moment der Unsicherheit bilden würde.
Die Erfahrungen haben gelehrt, daß die Sätze, die wir Ihnen Vorschlägen, die äußer st e Grenze zeigen, bis zu der gegangen werden kann. In voller Kenntniß der Tragweite meiner Worte sage ich, daß eine Erhöhung oder Erweiterung der
Mindestsätze das Zustandekommen von delsverträgen unmöglich machen würde
Ich will auf die vielerörterte Frage, ob Deutschland in absehbarer Zeit im Stande sein wird, seinen Bedarf an Getreide selbst zu decken, nicht eingehen. Gegenwärtig ist das jedenfalls nicht der Fall. Diejenigen Staaten, mit denen wir im Vertragsverhältniß stehen, haben ein gerade so großes Interesse an der Erhaltung des deutschen Marktes, wie wir cm solches haben, unsere bisherigen Absatz-
^^Am^31 Dezember 1903 wird der Zeitpunkt fern, für den Die Wichtigsten Zoll- und Handelsverträge des deutschen Reichs mit AKren Staaten gekündigt werden können. Damit bietet sich für As die Möglichkeit, unsere handelspolitischen Beziehungen zum AuslAde neu zu regeln. Dabei glauben die Regierungen den- ^nigA Faktor fn den Vordergrund stellen zu sollen der nach ihrer oftifirfif tindi immer am meisten leidet, die Landwirthschaft. diesem Ä”« En,Wickelung s° wichen
Erwerbszweige wollen die Regierungen einen erneuten Zollschutz Agedeihen zu lassen, ihm in seiner schwierigen Lage Helsen und Anen Waa/cnalAtz steigern. Di- verbündeten Regierungen wollen Aer al^ckMitig Asere hoch entwickelte Industrie nicht nur auf dem inländischen Markt gegenüber dem Andrangen fremder Maaren halten, sondern daneben ihr auch diejenigen .^I?Ks?z^^^?obe^ sich unter dem Schuhe unserer bisherigen ^th,chaftspolit,k erobert hat, sichern und sie thunlichst erweitern. Damit Kuben die verbündeten Regierungen auch unserem Außenhandel wieder werthvolle Dienste zu leisten. An diesem hohen Hause wird es liegen, zu ent*
stellung haben wir daran festgehalten, daß der Entwurf ein Instrument sein soll, um wieder zu Handelsverträgen gelangen zu können. Von diesem Gesichtspunkte aus war von mehr als einer Seite die Einfügung von Mindestzöllen in den Tarifentwurf als ein erschwerendes Moment der Handelsverträge bezeichnet worden. (Hört! Hört!) Die verbündeten Regierungen sind trotzdem m dieser Richtung den von mir vertretenen und befürworteten Wünschen der Landwirthschaft entgegengekommen, aber mit dem Vorbehalt, daß dadurch der Abschluß von Handelsverträgen nicht vereitelt werden dürfte. Es ist auch gesagt worden, die Industriezölle seien im Dcrhältniß zu den Agrarzöllen zu hoch gegriffen, aber in der Begründung ist ja ausdrücklich hervorgehoben, daß es nur der Zweck des Enrwurfs sei, die Schutzzölle für die Industrie den veränderten Verhältnissen anzupassen, die sich während der letzten Dezennien auf industriellem Gebiete vollzogen haben. Ein klares, übersichtliches Bild von dem Niveau der Jndustriezölle kann man sich zur Zeit überhaupt nicht machen. Daß aber die Jndustriezölle im Vergleich zu den Agrarzöllen zu hoch gegriffen sind, können die verbündeten Regierungen nicht einsehen. Wir sind überzeugt, daß der Entwurf im Wesentlichen eine richtige Abmessung der berechtigten Forderungen der drei Haupterwerbszwcigc: Industrie, Handel und Landwirthschaft enthält. Und wir hoffen, daß cS auf
Für eine mehr oder minder ersprießliche Entwickelung 3n' dusrrie sind andere Momente ausschlaggebend, als eine Erhöhung der Getreidezölle in dem von der Regierung vorgeschlagenen Umfange. Wir glauben, daß durch die Erhöhung der Getreidezolle in den Grenzen des Entwurfs kein anderer Berufsstand geschädigt wird. Zu einer solchen Schädigung würden die verbündeten Regierungen auch niemals ihre Hand bieten können, denn die deutsche Wirthschastspolitik hat mir den Interessen einer leistungsfähigen Industrie nicht weniger zu rechnen, als mit denen der Landwirthschaft. Für unsere Industrie kommt es namentlich darauf an, daß wir ihr einen gesicherten Absatz ihrer Produkte nach dem Auslande erhalten durch angemessene Normirung, vor allen Dingen durch Bindung der Eingangszölle nach den Ländern, wohin ihre Produkte gehen, und besonders daß diese Festsetzung für längere Zeit erfolgt. Eine solche, für eine günstige Entwickelung von Industrie und Handel unerläßliche Vorbedingung können wir schaffen durch den Abschluß langfristiger Handelsverträge. Daß die Landwirthschaft kein Interesse daran hat, können wir nicht zugeben, denn eine blühende Industrie bedeutet für die Landwirthschaft das beste Absatzgebiet; mich die Landwirthschaft hat also Interesse an der Entwicklung der Industrie. Wir bestreiten nicht, daß das Hauptinteresse der Landwirthschaft sich darauf konzentrirt, für ihre Produkte gegenüber der Konkurrenz des Auslandes einen erhöhten Zollschutz zu erhalten. Hier erwächst für die verbündeten Regierungen die Pflicht, ausgleichend einzugreifen und zwischen diesen verschiedenen, an sich berechtigten Interessen die mittlere L i n i e zu finden (Lachen bei den Soz.), und wir werden uns durch keine Angriffe, weder von links noch von rechts von dieser Linie, die im Interesse des Staatswohls geboten erscheint, abbringen lasten. Denn diese Linie beruht nicht auf einer Vorliebe für dieses oder jenes System der Handelspolitik, sondern auf zwingenden Gründen der Staatsraison. Deutschland ist eben weder ganz ein Agrar-, noch ganz ein Industriestaat, sondern ein Agrar« und Industriestaat. Und beide Erwerbszweige fordern bei einer Neuregelung unserer Handelsbeziehungen zum Auslande die größtmögliche Wahrung ihrer Interessen. Das Ziel, das wir erstreben, können wir nur erreichen dadurch, daß wir einen Ausgleich auf einer mittleren Linie schassen. (Zuruf links: Auf welcher?) Auf der Linie deS Ihnen vorgelegten Entwurfs.
Parlamentarische Perhandlnugc».
Hochdruck ohne Vereinbarung nicht gestatt»!.
Deutscher Reichstag.
195. Sitzung vom 16. Oktober,
1 Uhr. Das Haus ist g u t besetzt
Am Bundesrathstisch: Graf von Bulow, Graf Posa- vowsky und Podbielski, von Rheinbaben, Moller, Frecherr von Thielmann u. A.
Auf der Tagesordnung steht zunächst die Interpellation der Abgg. Dr. Müller-Sagan (freif. Vp.j und Dr. Barth (fretf. Bga ) ■ „Welche Maßnahmen gedenken der Reichskanzler bezw. dre verbündeten Regierungen Angesichts der herrschenden Fleisch- thcuerung zu treffen, insbesondere in Bezug auf bte Grenzsperre und die schleunige Beseitigung oder Herabsetzung von Futtermittel- zöllen?" ~ , „ ,. . . _.
Verbunden damit wird eine Interpellation der Sozialdemokraten Albrecht und Gen., die lautet: „Welche Maßregeln gedenkt der Reichskanzler zu ergreifen, um der Steigerung der Fleischpreise, die seit geraumer Zeit eingetreten ist, und in steigendem Maße eine Kalamität für immer weitere Schichten der Bevölkerung wird, entgegenzuwirken?" , .
Auf die Frage des Präsidenten, ob die Regierung die Interpellation zu beantworten gedenke, erwidert:
Staatssekretär Graf Posadowöky: Der Herr Reichskanzler ist bereit, die Interpellation zu beantworten. Aber sowohl die preußische, wie eine Anzahl anderer Bundesregierungen haben über die in Betracht kommende Frage eingehende Erhebungen an- gestellt, die bis jetzt noch nicht beendigt sind. Sobald dies der Fall sein wird, werde ich die Ehre haben, dem Herrn Präsidenten mitzutheilen, an welchem Tage der Herr Reichskanzler bereit fein Wird, die Interpellation zu beantworten.
Damit ist dieser Gegenstand von der heutigen Tagesordnung 01,6 ^Es folgt die zweite Berathung deS Zolltarif-Ge- f $ Die Berathung beginnt beim § 1, der die Minimalzölle enthält.
Die Regierungsvorlage bestimmt, daß die Zölle für Roggen und Hafer nicht unter 5 Ml., Weizen und Spelz 5,50 Mk., Gerste 3 Mk. pro Doppelcentner heruntergehen dürften. Die Kommission hat einmal die Mindestzölle für Roggen, Gerste und Hafer auf 5,50, für Weizen und Spelz auf 6 Mk. erhöht und außerdem auch Mindestzölle für Vieh und Fleisch, ausschließlich Schweinespeck, eingeführt. ,
Hierzu haben Abg. von Wangenheim (kons.) u. Gen. den schon in der Kommission gestellten Antrag wieder eingebracht, der die Mindestzölle für Getreide auf 7,50 Mk. erhöht und überhaupt hohe Mindestzölle für fämmtliche landwirthschastlichen Produkte einführen will.
Zur Geschäftsordnung bemerkt
Aba. Dinger (Soz.): Ich möchte das HauS bitten, dre Diskussion zunächst über den Tarif zu eröffnen. Wie kann biefer § 1 deS Tarifgesehes angenommen werden, wenn noch gar nicht fest- gestellt ist, welcher Tarif überhaupt für das Gesetz gelten soll. ES liegt, wenn tn der jetzt vorgeschlagenen Weise verfahren wird, die Gefahr vor, daß in Betreff des Gesetzes und des Tarifs einander widersttebende Beschlüste gefaßt werden.
Präsident Graf Ballestrem bestrettet, daß eine solche Gefahr
Abg. Dr. Barth (freif. Vgg.): Mir ist viel wichtiger das Bedenken, daß so verschiedene Gegenstände, wie die Zölle auf Brod- getreide und diejenigen auf Gerste und Hafer zusammen behandelt werden sollen. Dadurch wird die Berathung sehr erschwert.
Präsident Graf Ballestrem: Wenn Herr Barth bei den Ge- treidezöllen für die Berathung zwei Unterabteilungen schassen will, für Brodgetreide auf der einen und anders Getreide auf der zweiten Seite so steht dem von meinem Standpunkte aus nichts entgegen.
Abg. Dr. Spahn (Etr.): Ich habe auch keinen Anlaß, Herrn Dr Barth zu widersprechen. Die Hauptsache ist doch die, daß wir uns von vornherein darüber klar werden, ob und in welcher Höhe Mindestsätze erhoben werden sollen. ~
Präsident Graf Ballestrem: Ich frage Herrn Dr. Singer (große Seiterfett — Zuruf: Doktor kann er ja noch werden. — Abg. inner macht eine abwehrende Handbcwcgung. — Heiterkeit.)
Abg. Singer (Soz.): Ich halte meinen Antrag aufrecht
Der Antrag wird gegen die Stimmen der Sozialdemokraten a b g e l e h n t, und es wird beschlosten, zunächst über die B r o d - getreidezölle zu verhandeln.
Das Wort nimmt nunmehr
Reichskanzler Graf Bülow: Ich mochte Zunächst den Mit- aliedern der Zolltarifkommission den Dank der verbündeten Regierungen aussprechen (Lachen links.) für die hingebungsvolle Arbeit mit welcher sie sich der Berathung des Tarifgesehes und des Tarifes selbst mtt seinen 946 Positionen unterzogen haben. Auch wenn man mit dem Ergebniß dieser Arbeit nicht in allen Punkten einverstanden ist, so verdient die Arbeit selbst doch volle Anerkennung. Umso mehr hoffen die verbündeten Regierungen, daß diese Arbeit keine vergebliche sein wird, sondern daß sie die Basis bilden wird für eine Verständigung zwischen den verbündeten Regierungen und diesem hohen Hause über die künftigen Grundlagen unserer Zoll- und Wirthschaftspolitik.
Wir stehen vor der zweiten Lesung der Tarifvorlage, die voraussichtlich im Wesentlichen entscheidend sein wird für bte end- ailtiae Gestaltung derselben. Ich will deshalb nochmals im Namen der verbündeten Regierungen und unter ausdrücklicher Zustimmung der verbündeten Regierungen auf die Gesichtspunkte Hinweisen und die Gesichtspunkte zusammenfasten, welche für bte gesetzgeberische Aktion der verbündeten Regierungen maßgebend gewesen sind und maßgebend bleiben. Es läßt sich naturgemäß über das vielfach erörterte Thema nicht viel Neues sagen, und so will ich mich mog-
Am umstrittensten sind die Sätze bc5 Entwurfs auf die Getreidearten; es sind einem dringenden Wunsche unserer Land- wirthschast entsprechend Maximal- und Minimalsätze eingestellt werden. Keine Position im ganzen Tarif ist der Gegenstand so lebhafter Angriffe gewesen, wie diese, mit welcher das hohe Haus die zweite Lesung zu beginnen beschlossen hat. Es ist behauptet worden, die Getteidesähe seien viel zu hoch gegriffen, sie belasten die nothwendigcn Lebensmittel, sie bedeuten eine schwere Schädigung für unsere Exportindustrie. Andere wieder sind der Meinung, die Getteidcsätze seien zu niedrig, noch andere erblicken in der Durchbrechung des Systems des Einheitstarifs eine Bevorzugung der Landwirthschaft, welche das Zustandekommen von Handelsver- trägen unmöglich machen. Die verbündeten Regierungen halten in ihrer großen Mehrheit diese Befürchtungen für un- begrüiidet, sie glauben, daß die Höhe der Getreidesähe gerade richtig bemessen ist, um einerseits unsere Landwirthschaft in ihrer bisherigen Umfange zu erhalten, andererseits den Abschluß langfristiger Handelsverträge noch möglich erscheinen zu lasten. (Zuruf bei . . vv_..
den Soz.: Noch!) Ja, noch möglich erscheinen zu lassen! 2M5|£ört!); die verbündeten Regierungen sind in puncto Mindestsätze die Landwirthschaft eure schwere Krisis durchgemacht hat, kann nicht: an $ u fj c r ft e Grenze gegangen (Hört! Hört!), wo das bestritten werden, und ebenso wenig darf berechtigter Wei,e be- - -■ • - - • - - - - ’ " ' '
stritten werden, daß es Pflicht der Verbündeten Regierungen und dieses hohen Hauses ist, der Landwirthschaft zu helfen, soweit es im Rahmen des Gesammtinteresses möglich ist, d. h. ohne unbillige Schädigung anderer Erwerbsquellen und ohne den Abschluß lang: triftiger Handelsverträge unmöglich zu machen. In diesem Rahmen wollen die Verbündeten Regierungen der Landwirthschaft helfen, nicht im Jntereste des Großgrundbesitzes, nicht in dem be§ mittleren uns kleineren Besitzers allein, obwohl uns deren Schicksal am Herzen liegt, sondern mit Rücksicht auf das nationale Gesammt- intercsse, das es uns zur Pflicht macht, die Ernährung des deutschen Volkes nach Möglichkeit vom Ausland unabhängig zu machen. DaS ist nur möglich durch eine verständige Schutzzollpolitik und deshalb haben toir eine Erhöhung bet Getreidezölle vorgeschlagen.
Gegenüber den Angriffen, die gegen eine angeblich zu niedrige Bemessung der Getteidezölle gerichtet sind, will ich zunächst nur darauf Hinweisen, daß der Landwirthschaft durch die F e st s e tz u n g einer Mindest grenze ein Reckt eingeräumt worden ist, wie keinem anderen der bei der Revision der Zollgesetzgebung betheilig- ten Interessenten. Ich weise ferner darauf hin, daß der Gesetzentwurf gegenüber früher sehr wesentliche Erhöhungen enthält. Denjenigen, die den Tarif ausgearbeitet haben, mag ja mancher Vorwurf gemacht werden, Mangel an Wohlwollen für die Landwirthschaft kann man ihnen nicht vorwerfen. (Sehr richtig! bei den Soz.) Es ist gesagt, durch die Erhöhung der Getteidezölle würde die Lebenshaltung der arbeitenden Klaffen ungebührlich bertbeuert werden Die Regierungen, denen die fortschreitende Lebenshaltung der arbeitenden Klaffen durchaus am Herzen liegt (Lachen bet den Soz.), halten diesen Einwand für thatsächlich unbegründet Die Einführung der Getteidezölle im Jahre 1879 und ihre spatere Erhöhung hat keine Steigerung der Preise der Lebensmittel zur Folge gehabt; — im Gegentheil. Weiter wird gesagt, daß die erhöhten Getteidezölle die Industrie schädigen. Auch das trifft nicht zu.
scheiden, ob das vom deutschen Reich während des letzten Dezenniums befolgte System der Handelspolttik, ich meine das System der Tarife im Gegensatz zu dem System der Tarifautononne, für uns das richtige ist. Ich möchte hier auf diesen Standpunkt nicht näher eingehen, aber daran möchte ich doch erinnern, daß während der ersten Lesung der Vorlage auch die Anhänger der Tanfauto- nomie sich unter gewissen Bedingungen einverstanden erklärt haben mit dem Abschluß von Hanbclsverirägcn, und zwar für längere Zeit. Das haben sie gethan, weil unsere Jndusttie langfristige Handels- oerträge braucht, wett sic die Stabilität des Absatzes ihrer Produkte nach dem Auslande für eine fundamentale Bedingung ihres Gedeihens erachtet. Auf diesem Standpunkt stehen auch die verbündeten Regierungen. Die verbündeten Regierungen halten den Abschluß langfrifttgcr Handelsverträge für unsere winhschaftliche Weiterentwickelung für Wünschenswerth und für ersttebenswerth, und zwar nicht allein für Jndusttie und Handel, sondern auch für die Landwirthschaft. Aber selbswerständlich wollen^ die verbündeten Regierungen nicht Handelsverträge um jeden Preis, sondern nur auf einer für uns annehmbaren Basis, auf der Basis voller Gegenseitigkeit unter Wahrung unserer berechtigten Jnteresten. Um aber mit Aussicht auf Erfolg in Handelsverttagsunterhandlungen eintreten zu können, müssen wir eine geeignete Grundlage schaffen. Deutschland hat die Sätze in seinem autonomen Taris mit wenigen Ausnahmen auf dem Stande von 1879 belassen. Eine gewisse Anzahl von Positionen ist sogar in späteren Verhandlungen herabgesetzt worden, insbesondere die Getteidezölle. Dagegen haben sich in anderen Staaten, mit denen wir im Handelsvertrags- ober boch im Meiftbegünstigungsverhältmß stehen, wesentliche Verschiebungen in der Gestaltung dieser Tarife vollzogen. Rußland und Italien haben Erhöhungen vorgenommen, sie haben außerdem eine Reihe von Positionen in den geltenden Handelsverttägen, bte nicht ausdrücklich gebunden sind, dirett erhöht, darunter solche, an denen unsere Ausfuhr nicht unwesentlich bethciligt ist, Amerika hat schon 1897 den Dingley- tarif mit seinen Zollschranken errichtet, die Schweiz hat bereits vor Abschluß des Handelsvertrages mit uns ihren autonomen Tarif fast durchgängig erhöht und sie hegt jetzt wieder die gleiche Absicht; Oesterreich-Ungarn fängt an, den Zolltarif heraufzusehen, dasselbe hat Rumänien mit einer großen Anzahl seiner Positionen schon Anfangs der neunziger Jahre gethan; auch sonst haben sich bte wirthschaftlichen Verhältnisse vielfach geändert. In manchen Ländern, z. B. in Rußland und in der Schweiz ist in den letzten Dezennien die heimische Jndusttie erstarkt und man wird, dem allgemeinen Zuge der Zeit folgend, jetzt mehr als ftüher besttebt sein, dort den inländischen Markt der inländischen Jndusttie zu erhalten. Wir werden also in diesen Fällen für die Zulassung unserer Maaren größere Zugeständnisse zu machen haben. Um so mehr ist es nothwendig, daß wir unsere handelspolitischen Beziehungen wesentlich verstärken, wenn wir als ebenbürtige Gegner auf Dem Kampfplatze erscheinen wollen. Zu diesem Zweck haben die Regierungen einen autonomen Tarif aufgestellt, der sowohl hinsichtlich der Anordnung wie der Höhe der einzelnen Positionen vielfach von dem alten Tarif abweicht. Der neue Tarif unterscheidet sich von dem alten zunächst durch seine größere Spezialisirung. Diese Spezialisirung bedeutet nicht einen Bruch mit den zollpolitischen Grundsätzen, die vor zehn Jahren zum Abschluß von Handelsverttägen geführt haben, sondern sie soll nur eine wirksamere Waffe für die Vertragsverhandlungen bilden. Abgesehen von diesem veränderten technischen Aufbau enthält der Tarif eine größere Anzahl erhöhter Posttionen, namentlich solcher, die bei den bevorstehenden Vertagsverhandlungen voraussichtlich eine Rolle spielen werden. Diese Positionen sind so bemeffen, daß, auch wenn den betreffenden Artikeln ein erhöhter Zollschutz gewährt werden soll, doch auf dem Vertragswege Zugeständnisse gemacht werden können. Bei der Aufstellung De5 Tarifs ist sorgsam darauf geachtet worden, daß derselbe diesen Positionen für Verttagsverhandlungen einen hinlänglichen Spielraum giebt.
Für die Arbeiter kommt cs nach Ansicht der Verbündeten RegiL- rungen in der Hauptsache auf sichere und lohnende Arbeit an. Für die Jndusttie ist die Hauptsache, daß ihr ein gesicherter Absatz ihrer | Produtte erhalten bleibt durch einen angemessenen Schutzzoll urch durch eine richtige Handelspolitik. Ties Ziel zu erreichen, ist die Absicht der verbündeten Regierungen. Von einer Erhöhung der Agrar zolle in den von den verbündeten Regierungen vorgeschriebe- nen Grenzen ist eine Benachtheiligung der Industrie nicht zu ex- totn-ten. Wir haben in den Jahren 1887 bis 1892 einen Zoll von 5 Ml. auf Roggen und Weizen gehabt, ohne daß die Entwickelung unserer Industrie dadurch gehemmt worden wäre. Wenn toir den Weizenzoll jetzt um 50 Pfg. höher halten, so ist davon weder eine Schädigung der Jndusttie noch eine Benachtheiligung der Arbetter zu erwarten, zumal da Weizen nicht die Hauptnahrung deS deutschen Arbeiters bittet. In Frankreich besteht, wenn ich nicht irre, feit 1894 ein Weizenzoll von 5,60 Mk., und ich wüßte mich nicht zu erinnern, daß die sehr ausgezeichneten Minister, die aus den Reihen der sozialdemokratischen Partei hervorgegangen sind (Heiterkeit) eine Herabsetzung dieses Zolls auch nur angeregt haben. In England, dem größten Industriestaat der Welt, hat man kein Bedenken ae# tragen, zu Zöllen auf Weizen und Mehl zurückzukehren, und die Erfahrungen haben in beiden Ländern gezeigt, daß diese Zölle nicht im Stande gewesen sind, die Bewegung der Inlandspreise unabhängig von der Preisbewegung des Weltmarktes zu gestalten. Nur ganz vorübergehend haben Abweichungen stattgefunden. Unsere ! Industrie würde also bei der Ihnen vorgeschlagenen Höhe der Getreidezölle im Wesentlichen noch unter denselben Bedingungen arbeiten, wie das Ausland, wenngleich sie den Bettag des Zolls natürlich in Rechnung ziehen müßte. Je höher aber der Gettcidezoll bemessen wird, umsomehr wächst die Möglichkeit, eine vom Weltmärkte unabhängige Bewegung der Inlandpreise herbeizuführen, und dadurch entsteht die Gefahr, daß der durch den Getteidezoll
«eschetot tt-Nch mit Ausnahme bet GometagS. ▲ AA A AA ▲ A A M AA
Die „fieftener SamMeablStler" werden dem I || 3. | IZ|
Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der Vf EV,|lfL|LV> B bl I VIUVv
„hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.


