Ausgabe 
17.3.1902 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt.

Montag 17. März 1909

ISS. Jahrgang

Nr. 64

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Sefstfchen Landwirt die Siebener ZaurUien- blittler viermal in der Woche bei gelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brüh l'schen Untoers.-Buch° u. Stein­druckerei (Pietsch Erben) Redaktion, Expedition itnb Druckerei:

Schul st raße 7.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen.

FerusprkchanschlußNr.51.

GletzenerAnzelgerW w Seneral-Anzeiger " MM

Anttr- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

zeigenteil: Hans Beck.

Auflage 7900.

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KeKanntmachung.

Die Lebensversicherungs-GesellschaftUnion", Assurance Society in London hat nach einer Mitteilung der Filial- Direktion in Straßburg am 1. Januar l. I. ihren Geschäfts­betrieb in Deutschland eingestellt.

Gießen, den 14. März 1902.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v- Bechtold.

Kelranilimachung.

Betreffend: Gesuch de§ Hermann Roth II von Langsdorf um Genehmigung zur Errichtung eines Schlachthauses.

Hermann Roth II von Langsdorf beabsichtigt auf dem Grundstück Flur I Nr. 197 der Gemarkung Langsdorf ein Schlachthaus zu errichten.

Pläne und Beschreibung hierüber liegen 14 Tage lang, vom Erscheinen dieses in der Darmstädter Zeitung bezw. im ÄreiSblatt für den Kreis Gießen an gerechnet, auf dem Büreau der Großh. Bürgermeisterei Langsdorf zur Einsicht der Jnter- effenten offen.

Etwaige Einwendungen sind binnen dieser Frist bei Meidung des Ausschluffes bei Großh. Bürgermeisterei Langs­dorf vorzubringen.

Gießen, 14. März 1902.

Großherzogliches Kreisamt Gießen- ___________________v- Bechtold.

Bekanntmachung.

Die Umlage der land- und forstwirtschaftlichen BcrufZ- genossenschaft für das Großherzogtum Hessen betreffend.

Die Umlage der land- und forstwirtschaftlichen Berufs­genossenschaft für das Großherzogtum Hessen für das Jahr 1901 beträgt: 625,691,97 Mark. ;

Unfallentschädigungen 504,191,25 Mk.

Anlage zum Reservefond 10,063,83 Verwaltungskosten (ein­schließlich der Schiedsge­richtskosten und Hebge­bühren der Gemeinde- Einnehmer)

Da sich die Gesamtsumme der

steuerkapitalien auf 13,731,776,03 Mark (8,010,202,03 Gulden) beläuft, so ergibt sich ein Ausschlag von 4,556 Pfg. auf die Mark Steuerkapital (7,811 Pfennig auf den Gulden).

Gemäß Par. 19 der Verordnung vom 11. Juli 1888 wird dies mit dem Anfügen zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß die Erhebung dieser Umlage demnächst in eiuem Ziele unter Zusendung besonderer Anforderungszettel stattfinden wird.

Darmstadt, den 12. März 1902.

Der Vorstand der land- und forstwirtschaftlichen Berufs­genossenschaft für das Großherzogtum Hessen.

Rach, Regierungsrat.

politische Wochenschau.

Die letzte Woche brachte eine Anzahl wichtiger Beratungen m unserer Zweiten hessischen Kammer. Zunächst wurde, nachdem man in der vorhergehenden Woche die Gene­raldebatte über das Budget beendet hatte, über die einzelnen landwirtschaftlichen Kapitel zu Rate gesessen, und es erledigte sich diesmal, im Gegensatz zum Vorjahre, alles mit schönster Leichtigkeit und Glattheit. Zumeist wurden die Anträge des Ausschusses angenommen, selten nur davon abweichende Be- schlüffe gefaßt. So wurden z. B. für die Rindviehzucht statt der eingestellten 112 000 Mk. 30 000 Mk. mehr be- willigt. Für Handwerkergenossenschaften wurden sodann, ent­gegen dem Wunsche der Gießener Handelskammer, 5000 Mk.

Beim KapitelMinisterium der Justiz" wurden verschiedene Bemängelungen laut. Der Justizminister bestä­tigte die vom Gieß. Anz. zuerst gebrachte Meldung über das Vorgehen der hessischen Regierung in der Frage der Ent­schädigung unschuldig Verhafteter, und konnte hinzufügen, daß unsere Regierung dem Bundesrat eine aus­gearbeitete Vorlage unterbreitet hat. Wir können wiederholt nur wünschen und hoffen, daß uns recht bald ein ent­sprechendes Reichsgesetz beschieden werde. An demselben Tage, am Dienstag, kam es auch noch zu einer Attacke der Anti­semiten gegen den Justizminister. Unser Nachbar Herr Kohler-Langsdorf beschwerte sich, daßdie Juden in der Rechtspflege vorgezogen" würden. Nun ist es aber be­kanntlich Thatsache, daß Hessen, im Gegensatz zu anderen Bundesstaaten, selbst zu Preußen, Juden überhaupt nicht im Justizdienste anstellt, also unmöglich Bevorzugungen ihnen gegenüber vornehmen kann. Die Verstaatlichung des Gerichtsvollzieherwesens wurde trotz warmer, und, wie auch von gegnerischer Seite anerkannt wurde, sehr ge­schickter Befürwortung durch den Justizminister, ab gelehnt. Das KapitelBauwesen" gab Anlaß 311 kritischen Bemerkungen über die großen Kosten der Staatsbautcn, die, wie vom Regierungstffche aus mit berechtigten: Stolze hervorgehoben

wurde, maßgebend für die Privaten sein sollten. Jeder Einsichtsvolle wird Herrn Ministerialrat v. Biegeleben ohne weiteres zustimmen, daß die Kosten emes stilreinen luxuriösen Baues nicht zu vergleichet: sind mit denen von schematischen Dutzend-Bauten. Wir Heffen dürfen aber froh sein, daß unsere Regierung bei den meisten Bauten Vorbildliches leistet und auch in dieser Beziehung anderen Staaten mit gutem Beispiel vorausgeht. Geheimrat Hofmann, unser großer Bau­meister, sprach mit Recht von der architektonischen Volkskunst unserer Tage. Für den Bahnhofsbau in Darmstadt, für das neue Provinzialdirektionsgebäude zu Gießen, für Universitäts­neubauten der medizinischen Fakultät der Landesuniversität, Universitätsbibliothek u. a. wichtige Bauten wurden sodann die entsprechenden Gelder bewilligt. Für das Grundbuch- wescn bewilligte man 250000 Mk. Am 13. d. Mts. be­schäftigte sich dann der Landtag mit der unvermeidlichen steuer erhöh ung. Der Finanzausschuß hatte in langen Sitz­ungen sich bemüht, womöglich auch noch eine Einkommensteuer­erhöhung dem hessischen Volte auf den Ostertisch zu legen, aber die Regierung wollte nichts davon wissen, und man wird ihr dafür im Volke dankbar sein. Dr. Gnauth hat die Genug- thuung, daß sein erstes großes Werk, das er vom Minister­sessel aus geschaffen hat, das Finanzgesetz, die Billigung der Majorität der Kammer gefunden hat. Eine Erhöhung der Vermögenssteuer von 55 auf 75 Pfennige wurde mit allen gegen 5 Stimmen angenommen. Bei der Beratung über die Eisenbahn-Tariffrage nahm, nach langer interessanter De­batte, in der man wieder einmal dem preußischen Minister Thielen gehörig, aber vergeblich die Leviten las, die Kammer mit großer Mehrhett einen Antrag an, ein Ersuchen an die preußisch-hessische gemeinschaftliche Eisenbahn-Verwaltung zu richten, auf Verbilligung der Personentarife, die Wiederein­führung aller Sonntagskarten, die Verbilligung der Schüler­karten und Verbilligung der Tarife der Arbeiterfahrkarten hinzuwirken. Ob's was helfen wird? Der Antisemiten- Feldzug gegen einen Darmstädter Amtsrichter, der in einem Urteil eine etwas verunglückte Wendung vom mosaischen Eide gebraucht hatte, verlief im Sande.

Im Reiche war ünrner noch der Zolltarif das Alpha und Omega der Tageserörterungen. Zwar sagt man, daß einerlei Gefühl, einerlei Wunsch und einerlei Hoffnung einiae und der gemütsvolle Wandsbeker Bote, Matthias Claudius, hat das einst in seeinen Betrachtungen Cüber die Freundschaft recht hübsch glaubhaft machen verstanden, aber wenn es vor hundert uno mehr Jahren auch vielleicht zutraf, heute ist es schon weniger der Fall und ganz gewiß nicht im politischen Leben. Die anfängliche Einigkeit, die den Sammlungspolitikern die günstigsten Auspizien eröffnete, hat einem Widerstreit der Meinungen weichen müssen, wie er unter den dem Ent­wurf im Prinzip günstig gestimmten Parteien bisher noch nickt zu Tage getreten war, und es ist vorläufig noch nicht an einen Zusammenschluß zu denken, auch nicht auf der Basis der Regierungsvorlage, die zu retten man sich alle Mühe giebt, nachdem man sich der Ueberzeugung nicht länger verschließen kann, daß )ie zu spät gekommen und zu lang geworden ist, um noch in der gegenwärtig laufetiden Legtslaturperiode erledigt werden zu können.

Märe dem nicht so, hätte sich wohl schwerlich auch der Bundesrat angelegen sein lassen, die Arbeitssreudig- keit der Kommissionsmitglieder dadurch zu erhöhen zu suchen, daß er ihnen in Aussicht stellte, was er bisher dem Reichstagsplenum konsequent verweigerte, nämlich Träten. Zwar toill er diese Prämie auf die Arbeitsfreudigkeit und Ausdauer nur in Bausch und Bogen zahlen, aber dem, wie der ganzen Absicht überhaupt, dürften sich im Reichstage, der übrigens in vierwöchentliche Osterferien gegangei: ist, doch wesentliche Schwierigkeiten gegenüber­stellen, von deren Ueberwindung wir noch nicht hin­reichend überzeugt sind, zumal die Richtung, nach der sich die Beschlüsse der Zolltariftommsifton bewegen, derart den Regierungswünschen entgegen ist, daß diese kaum Neig­ung verspüren dürfte, sich mit dem Entwurf noch lange zu beschäftigen. Die Energie, mit der sie erst am Don­nerstag wieder betonte, day es ganz ohne Rücksicht auf die Nachbarländer doch nicht gehe, wenn man neue Han- >elsverträge zustande bringen wolle, könnte daraus hin­deuten. Und schließlich sind es auch einflußreiche Kreise, die eine solche Rücksichtnahme als eine staatsmännische Not­wendigkeit ansehen.

Allerdings schickt sich eines nicht für alles. Die Rück- icht beispielsweise, die der Svaatssekretär des Auswärtigen vom deutschen Volke auf die Empfmdlichkeit der englischen Negierung verlangte, bleibt für viele unverständlich schon deshalb, weil England weder auf uns noch auf andere Nationen -Rücksicht zu nehmen Pflegt, wenn es ihm nicht n seinen Kram paßt. Man »erlangt nichts Unbilliges von England, man fordert nur den Respett vor dem Völker­recht, man fordert menschliches Empfinden. Hat sich zudem England uns gegenüber rücksichtsvoll bewiesen, wo es an­gebracht war, wo es schion das einfache Taktgefühl er- orderte? Man braucht sich nur an die Hetzereien zu er- nnern, welche die Londoner Presse angesichts der Ame- rtkareise des Prinzen Heinrich zu inszenieren uchte, und wird herausfinden, daß Frhr. v. Richthofen n seiner Rücksichtnahme zu weit geht. Erfreulicherweise haben diese Beweise vetterlicher Zuneigung das Gegenteil von deut hervorgerufen, was sie bezwecken sollten, denn die Herzlichkeit der Amerikaner hat dem Prinzen Heinrich gegenüber bis zum Tage seiner Abreise standgehalten und dürfte auch nicht so bald verfliegen, wie der Depesche::- austaufch beweist, der zuletzt nwfy zwischen dem Kaiser und

dem Präsidenten Roosevelt erfolgte. Der Prinz-Admiral nähert sich inzwischen schon dem europäischen Konünent, der deutschen Heimat, die er so würdig und volkstümlich drüben vertrat, zum Aerger der Jingos, die sich nur mit verhaltenem Grimm über die Begeisterung des amerika­nischen Volkes hinwegzusetzen vermochten und erst dieser Tage wieder gegen Deutschland intriguierten, indem sie dem deutschen Botschafter in Washington, v. H 0 l l e b e u, Einmischung in die innere amerikanische Politik unterstellten und daran allerlei Nachrichten von der bevorstehenden Wberufung Hollebens knüpften. Die ganze Anlage der Nachrichten, ihre Lancierung, ließ alsbald erkennen, daß es sich um ein wohl vorbereitetes Manöver handelte, das aber in Berlin wie in Washington völlig eindruckslos ge­blieben ist.

Man sollte übrigens meinen, die englische Presse hätte etwas Besseres zu thun, als solche Jntriguen zu spinnen. Die letzten Vorkommnisse auf dem südafrikanischen Kriegsschauplätze beweisen zur Evidenz, wie wenig bisher trotz der fast 2y2j;ä$rigen Dauer des Krieges die Widerstandsfähigkeit der Buren gebrochen ist, und wenn die Buren auch zu vielen seitherigen Unbegreiflichkeiten die neue gefügt haben, daß sie Methuen freiließen, ohne, wie es scheint, als entsprechendes Aequivalent Kruitzin- gers Befreiung dafür gefordert zu haben, so dürfte das eher von einem Bewußtsein der Stärke, als von Ratlosig­keit zeugen. Der Londoner Korrespondent des Pariierj Figaro" berichtet angeblich aus autorisierter Quelle, die englische Regierung beabsichtige nicht irgend einen hervor­ragenden Burenführer als Entgelt für Methuen freizugeben. Dagegen sei es wahrscheinlich, daß binnen kurzer Zett die englische Negierung diegroßherzige That Delareys" durch einen Akt, dergroßen Widerhall" finden dürste, belohnen werde. Diese Andeutung klingt echt englisch großspurig; es steckt wohl nichts dahinter.

Auch Belgien steht feit einigen Tagen vor einer inneren Krise, von der man noch nicht weiß, ob sie sich ver­flüchtigen oder zu einer gewaltsamen Lösung drängen wird. Die Weigerung der Regierung, dem Verlangen nach der Einführung des allgemeinen Wahlrechts stattzu­geben, hat weite Volkskreise derart empört, daß man den Ausbruch einer Revolution fürchtete und alle Maßnahmen traf, um einer solchen Eventualität gerüstet gegenüber zu stehen. Es mag sein, daß diese Vorsichtsmaßregeln auf das Volk Eindruck gemacht haben, denn einstweilen ist die Krise latent, aber der Volksunwille kann losbrechen, ehe es sich die Machthaber versehen, die das Verlangen nach, dem all­gemeinen Wahlrecht auf die Dauer doch nicht unerfüllt lassen können.

Auch int Ba lkan kriselt es neuerdings, und nicht minder im fernen Osten, wo Ru ßl an dunverkennbareMaß­nahmen trifft, um gegen Japan auf dem Posten zu sein, dessen Anspruch auf Korea ihm seit dem englisch^japani- schen Bündnis ganz besonders unsympathisch ist. Während­dem läßt es sich nicht abhalten, seinen illegitimen Anspruch auf die Mandschurei, den Eingeborenen gegenüber mit Waffengewalt begreiflich zu macfyen und die Chinesen halten sich neuerdings dadurch schadlos, daß sie im Innern die Fremden massakrieren, wo ste solcher habhaft werden können, während sie offiziell sich in den aalglatten Formen diplomatischer Erörterungen bewegen und die Mächte er­suchen, zunächst in Tientsin die Thür von außen zuzumachen. England ist merkwürdig schnell dabei, dieser sreundschast- lichen Aufforderung Folge zu leisten, Deutschland aber und die anderen beteiligten Mächte weigern sich, und nicht ohne Ursache, denn das Blut des chinesischen Drachen gährt noch viel zu sehr, als daß man eine duldsamere Denkungsart von den Herren Langzöpsen erwarten könnte, und umsonst will man' die Opfer des vergangenen Jahres doch nicht gebracht haben .

Preußisches Abgeordnetenhaus.

Sitzung am 15. März.

Fortsetzung der zweiten Beratung des Kultusetats. AIS Erwiderung auf Ausführungen des Abg. Glowacki (Ztr.), der das loyale Verhalten der polnischen Presse hervor­hebt, verliest Ministerialdirektor Kügler eine Reihe von Zeitungsausschnitten, um das Gegenteil zu beweisen. Redner bezeichnete das Verhalten als eine Vergiftung des ober- chlesischen Volkes, wie sie schlimmer nicht gedacht werden könnte. Gegenüber Bemerkungen des Abg. v. Chlap owski (Pole) erklärt Kultusminister Dr. Studt, die polnische Preffe habe die Wreschener Vorgänge entstellt. Die Bevölke­rung von Wreschen habe sich ruhig verhalten bis die polnische Agitation zu arbeiten ansing.

Kin Student wegen Mordes vor dem Schwurgericht

Weimar, 15. März.

Vor dem hiesigen Schwurgericht begannen gestern )ic Verhandlungen in dem Mordprozesse gegen den Stu­renten der Rechte Walter Fischer aus Eisenach, der beschuldigt ist, seine Geliebte Martha Amberg zu Pfingsten v. I. getötet zu haben, nachdem das frühere Urteil des Schwurgerichts in Gotha durch das Reichs­gericht ausgehoben worden ist. Ter Angeklagte sieht heute besser aus als in der ersten Verhandlung. Sein unstätes Mesen, das in einem nervösen Zucke:: der Gesichtsmuskeln und einem unruhigen Blick der tiefliegenden Augen zum Ausdruck kommt, ist jedoch geblieben. Fischer gibt an, er habe die Martha Amberg von Jugend ans gekannt, jedoch erst um Ostern 1901 de:: Mut gesunden, sie durch einen Pensionär um ein Rendezvous zu bitten. Er habe sich dann mit ihr abends öfter getroffen, und fei mit ihr pazieren gegangen. Präs.: Sie sollen die Absicht gehabt

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