Ausgabe 
16.7.1902 Zweites Blatt
 
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GrLrwalbferer ist rührg verlaufen. Irr d er WarrenRrche fand dn Gottesdienst statt. Die Stadt ist mit Fahnen ge­schmückt. Die Sozialisten beteiligten fid); an dem Umzüge nicht, hielten vielmehr heute abend eine geschlossene Ber- ^onmlnng ab.

Kra ßnsj^iSfero, t5. Juli. Zn Ehren des Königs tum Italien fand ans bcm großen Paradefelde eine Heerschau unter dem Kommando des Großfürsten. Wkv- dimir jiatt Die beiden Kaiserinnen, die Großherzogin von Oldenburg, die Großherzogin-Witwe von Mecklenburg, die Her-ogdr von Coburg und die Großfürstinnen trafen zu Wagen ein. Der Kaiser und der König von Italien mit glanzMder Suite zu Pferde. Nach beendeter Heerschau wurde das Frühstück in Zelten eingenommen. Danach begaben sich! die Herrschaften nach Peterhof.

Ne w y o rk, 15. Juli. Wie hier verlautet, wttd König ILeopold der Belgier demnächst der Millionärß-Fa- milie Walsch in Newyvrk einen Besuch abstatten und bei dieser Gelegenheit ineognito eine längere Reise drrrch die Bereinigten Staaten unternehmen.

Pretoria, 14. Juli. Nach, dem Gefühl der Erleich,- terung, das die Einstellung der Feindseligkeiten hervor­gerufen hat, macht sich! jefjt überall eine Reaktion be­merkbar. Die früheren National Scouts, die sich Steen zusammensetzten, welche sich ergeben hatten, Gegenstand der Verfolgung und bitterer Feindschaft seitens der Burghers, welche bis zum Ende Wwpfteu. Eurige dieser National Scouts wurden sogar er s chos san. Diese feindselige Gesinnung ist so stark, bah dte Burghers gnme Abzeichen tragen, um sich von den National Scouts und den Buren, welche während des Krieges den Treueid geschworen, zu unterscheiden. Die Buren lassen in keiner Weise erkennen, daß sie ichre Nationalität verloren haben. Sie tragen die Wtzeichen ganz offen. Viele Burgher erklären, sie feien durch falsche Darstellung der Bedingungen, die mrgerechtfertigt seien, zur llebergabe verleitet worden. In hiphm Fallen werden die Führer von den Burghers des Treubrnches beschuldigt. In einem Falle hatten sich viele Buren nach einer Ansprache ihres Führers ergeben, der hayn sagte, er sei mißverstanden worden, er habe nicht zur llebergabe geraten. In Transvaal sind die Schwierig­sten größer, als in der Oranje-Kolonie.

Aos Sta-t UN- Land.

Gießen, den 16. Juli 1902.

* Zur versuchsweisen Leerung der Brief­kasten abends II1/, Uhr hat, wie uns mitgeteilt wird, die hiesige Handels-kammer der Post die Anregung gegeben.

* D-as Amtsblatt des Großh. Ministeriums der Justiz Nr. 19 vom 5. Juli d. I. enthält ein Ausschreiben an die Großh. Amtsgerichte, betr. die Veröffentlichungen aus dem Genoffenschaftsregister. Nr. 20 desselben Amtsblattes vom 7. Juli hat zum Inhalt ein Ausschreiben an die Großh. Amtsgerichte, bett, die Eintragung der Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit in das Handelsregister.

* * Militärisches. Zahlreiche Lehrer aus dem Groß­herzogtum Heffen wurden zur Absolvierung ihrer letzten 28- tagigen Uebungszeit bei verschiedenen Infanterie-Regimentern in den Dienst gestellt. Die Gestellungspflichtigen aus Ober- heffen traten bei den 116em zu Gießen, jene aus Rhein­hessen beim Regiment Nr. 117 zu Mainz und die aus Star­kenburg beim Regiment Nr. 115. ein. Die Uebungspflich- tigen werden indessen nicht zu besonderenLehrerkompagmen" zusammengezogen, sondern den einzelnen Kompagnien zu­geteilt.

* Ruderregatta. Die Mannschaften der Gießener Rudergesellschast üben jetzt fleißig für die am 27. Juli stattsindende Regatta auf der Lahn. Heute trainiert die Mannschaft des in Ems siegreich gestatteten akademischen Vierers. Diese Mannschaft wird am 27. Juli gegen die beiden Heidelberger Mannschaften statten und zwar nächst dem Heidelberger Rudettlub gegen die Rudergesellschaft Heidelberg, welch letztere wohl alles aufbieten wird, die in Ems erlittene Schatte wieder auszuwetzen.

Hungen, 15. Juli. Seitens Interessenten war auf vorigen Sonntag eine Versammlung einberufen worden zwecks Errichtung einer Badeanstalt. Es konnte leider keine Einigung erzielt resp. kein bestimmter Entschluß gefaßt werden. Am Sonntag stürzte beim Läuten in der hiesigen Kirche der Klöppel der großen Glocke, beinahe 2 Zentner schwer, herunter. Verletzt wurde Niemand. Geflügel­zuchtverein. In einer gut besuchten Generalversammlung am vorigen Sonntag fand die Statutenberatung statt, die Satzungen wurden nach dem mustergiltigen Entwurf ange­nommen. Ebenso wurde der provisottsche Vorstand mit kleiner Aenderung einstimmig definitiv gewählt.

W. Nidda, 15. Juli. Eine freche Gaunerei wurde hier verübt. Ein Frauenzimmer, das sich als Kurgast Salzhausens in eine hiesige Wirtschaft einlogiert und 14 Tage gewohnt hatte, verduftete am Sonntag unter Mitnahme einer goldenen Uhr und verschiedener Kleidungsstücke. Einem Kauf- lnanne schwindelte sie zwei Hüte ab und etteichtette ihn noch um 38 Mk. bar. Sie soll aus Würzburg sein, ist aber bis jetzt nicht ermittelt worden. Am Sonntag wurde unter Mitwirkung des Friedberger katholischen Kirchengesangvereins die hiesige katholische Kapelle eingeweiht. Angehörige beider Konfessionen nahmen Teil. Die Weihe vollzog ein Domgeistlicher aus Mainz, derselbe hielt auch die Predigt. Das Hochamt celebritten Gefftliche aus Gießen und Gelnhausen. Auch fand die Feier der Erstkommunion statt. Mittags ver- fammelten sich zahlreiche Gäste zu einem einfachen gemein­samen Mittagsmahl im Gasthaus ^zur Krone".

Darmstadt, 15. Juli. Die Angaben über eine irr­tümliche Verhaftung (vergl. in 3Zr. 162, 1. Bl., den ArtikelPolizeiliche Mißgriffe^) sind, wie denM Hess. VolkSbl." auf Erkundigung bestätigt wird, zutreffend. Der Kriminalwachtmeister, welcher eigenmächtig und inkorrekt gehandelt hat, ist, sobald Polizeiaffeffor Kraemer, welcher den in Urlaub befindlichen Polizeirat vertritt, von dem Vorfall Kenntnis erhiett, sofott disziplinär bestraft worden und wird wegen des durch seine Fahrlässigkeit er- fiiachsenen Schadens wohl noch gerichtlich belangt werden. Das Polizeiamt selbst soll aber an dem höchst be- dauettichen Vorkommnis nicht die gettngste Verschuldung treffen, es hat, sobald es von der Verhaftung Kenntnis er­hielt, sofott um halb 10 Uhr vormittags hiervon das Amts­gericht in Kemttms gesetzt. Infolge eines widrigen Zufalls

verzögerte sich aber das Verhör des Derhasttten bis zum Nachmittag. Wie dasselbe Blatt noch nachträglich erfuhr, hat das Polizeiamt die Akten bereits der Staatsanwalt­schaft eingereicht.

f* Mainz, 15. Juli. Der von der Insel St. Helena entlassene BurevgefangeneHenneg von hier wollte hier über seine Erlebniffe einen Vottrag hatten. Hierzu hatte er vorher der Polizei seine Papiere vorzulegen, woraus dieselbe ersah, daß Henneg s. Z. seiner Militärpflicht in Deutschland nicht genügt hatte. Henneg wurde deshalb sofort als un­sicherer Heerespflichttger in die 2. Kompagnie des hiesigen Jnf.-Regiments Nr. 117 eingestellt. In der Rheinischen Brauerei in Weisenau brach heute nachmittag infolge einer Kessel-Explosion ein Brand aus, der erheblichen Schaden anrichtete. Zwei Brauknechte, Weiß und Huber aus Düsseldorf, die aus den Stallungen Pferde retten wollten, werden vermißt. Man nimmt an, daß dieselben ver­brannt sind.

* * Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. In der dem Ludwig Steinhauer zu Dornholzhausen gehörenden Lochmühle haben, wie aus Langenhain gemeldet wird, Stromer oder andere arbetts- scheue Subjekte unlängst Einbruchsdiebstähle verübt, ohne daß die Thäter ermittelt wurden. Heute fand eine gerichtliche Lo- kalinspektton an Ott und Stelle statt. In Gambach stürzte der Kirchendiener Johannes Nlohr in seiner Scheune von einem Gerüst und ettitt hierdurch sehr schwere Ver­letzungen an Kopf, Armen und Beinen rc. Die seit- herige Oberförsterei Rimbach hat wegen Verlegung des Wohnsitzes derselben nach Bittenau die amtliche Bezeich­nungOberförsterei Birkenau" erhalten.

* * ImOrpheum" konzertiert vom 16. bis 31. Juli das rühmlichst bekannte, Erste Magdeburger Damen- Orchester. Der Besuch desselben kann nur empfohlen wer­den. Näheres ist aus dem Inseratenteil ersichtlich.

Der Leipziger Barrkprozetz.

Leipzig, 15. Juli.

Zeuge W u t h e war von den Konkursverwaltungen der Leipziger Bank und der Treber-Gesellschaft, sowie dem sächsischen Finanzministerium beauftragt worden, Erheb­ungen über die Erhaltung und Verwertung der Anlagen der Tochtergesellschaften anzustellen, und darüber Beruht zu erstatten. Nach Aussage des Zeugen dürfte die mit 6 Millionen Rubel gegründete russische Gesellschaft ihrem heutigen Werte nach einem Kapital von 1800000 Rubel entsprechen, wenn die entsprechenden Abschreibungen vor­genommen werden. DieUral-Wolga-Gesellschaft" fit mit 2 Millionen Rubel gegründet worden, man erstand einen Wald ohne Grund und Boden, der ursprünglich 30000 dann 60 000 Rubel wert w ar, für 1600000 Rubel und gab 400000 Rubel bar gegen Anteilscheine aus. Den wirklichen Wert der Ural- Wolga-Gesellschaft schätzt man auf 53000 Rubel. Die Verhältnisse liegen trostlos,die laufenden Ausgaben wer­den von den beteiligten bestritten. DieFinnische Gesellschaft" wurde mtt 1850 000 sinnischen Mark gegründet (von der Leipziger Bank mit 3 600 000 Mark Forderungen belastet), sie hat bei teueren Holzverträgen gearbeitet und überflüssige Holzabschlüsse vorgenommen. Bei der Liquidation dürften blos 100125000 Mark er­zielt werden. Die Gesellschaften in Fr e d e r i kstadt wurden mtt 300 000 Kronen gegründet, und dürften viel­leicht einen Erlös von 30 000 Kronen bringen, dabei ist noch ein Vorschuß von 10000 Kronen einbegriffen, den die Konkursverwaltung der Leipziger Bank gegeben hat, um den Betrieb aufrecht zu erhaltem Die galizischen Gesellschaften, mit einem Kapital von 3 700 000 Kr. gegründet, repräsentieren nach Wuthe einen Betriebs­wert von 500000 bis 600000 Kronen, wenn man die Rente von 5 Prozent kapttalisiert. Sachverständiger Plauth sagt bezüglich der Gesellschaft in Casza aus, Exner habe wissen müssen, daß die Dividende von 7 pCt. nicht von ihm, sondern durch Garantie der Trebergesell- schaften geschaffen sei Zeuge Wuthe giebt Ausschluß über den Gang der Verhandlungen, die am 3. Juli 1901 in Kassel zwischen einer Abordnung des Leipziger Gläubi- gerausschusses und den Kasseler Herren über die Lage der Trebergesellschaft gepflogen worden sind. Schmidt legte damals die sogenannte Fusions-Bilanz vor, die aber abgelehnt wurde. Wuthe giebt an, für bestimmte Zwecke eine von ihm bei der Leipziger Bank deponierte Summe von 4000 Mark am 24. Juni 1901 abgehoben zu haben, nachdem er durch die plötzliche Abreise Exners und Gentzschs, die nach Berlin gefahren waren, stutzig geworden sei Exner roirb hierauf über seine Thätigkeit als Aufsichtsrat der Trebergesellschaft und der'Tochtergesellschaften befragt lieber die italienische und bosnische Gesellschaft war Exner genau unterrichtet. Zeuge Landrichter Mittelstadt, der die Voruntersuchung geführt hat, giebt zunächst Aufschluß über die von ihm ausgeführte Beschlagnahme von Briefen aus der Privatkorrespondenz der Direktoren der Bank. Zeuge erklärt toeiter, dah noch, viele Briefe zur Ergän­zung der verttaulichen Korrespondenz zwischen Leipzig und Kassel fehlten. Aus den vorgefundenen Briefen spreche ein schlechtes Gewissen. Auch durch die Buchungen seien vielfach Schiebungen vorgenommen worden. Es folgt die Vernehmung des Sachverständigen Büttger über feine Prüfung des Obligos der Trebertrocknung bei der Leipziger Bant Er hat 187 Konten ermittelt. Zeuge giebt eine Zusammenstellung dieses Obligos innerhalb der Jahre 1898, 1899, 1900 und 1901 bis zum Juni und fügt hinzu, daß die vom Sekretariat abgetrennte Hauptbuch- Haltung und Haupt lasse der Bank niemals den Charakter der Buchungen erfahren, da alle Buchungen auf Sekreta­riatskonto mit Ziffern ohne Flamen geführt worden sind, also geheim waren. Sodann wird die Wetterverhandlung aus morgen vertagt.________________

Dermischies.

* Paris, 15. Juli. Wie verlautet, ist keine Mög­lichkeit vorhanden, die Mitglieder der Familie Hum­bert ausfindig zu machen, da die Betteffenden ihren Fluchtplan schon seit längerer Zeit entworfen und zu diesem Zwecke jedes Mitglied seine Jnstticktion über Abfahtt, Be- stimmungsott und Führung eines falschen Namens erhallen hatte. Außerdem hatten sämlliche Familienmitglieder ihren zukünftigen Aufenthaltsort in jedem Jahre auf kürzere Zeit unter falschen Flamen besucht, sodaß es nunmehr nach dem

Krach nicht auffällig erschien, als dieselbeu sich dott ein- scmden.

* Vom Glockenturm in Venedig. Eingestürzt ist der obere Teil des Campanile in der Höhe von 68 Metern. Der Präfell von Venedig giebt der Vermutung Raum, der verhängnisvolle Mauerriß, der die unmittelbare Ursache der Katastrophe war, sei eine Folge des letzten Erdbebens in Dalmatien gewesen. Architell Boni, der die Grund­mauern des Turmes geprüft hat, erklärte, daß diese allerdings auf dem noch unversehrten Pfahlroste ruhen, aber so wenig tief seien, daß sie höchstens einen Turm von 30 Meter hätten tragen können. Im Volke hält man die in letzter Zett um den Turm ausgefühtten Pflaster- und Kanalarbetten, sowie die Entfernung der an den Turm angebaut gewesenen Bottegen als die Ursache des Einsturzes. Thcttsache ist, daß sett Jahren daran gearbeitet wurde, das verwitterte Mauerwett zu festigen, und diese Arbeiten vor 4 Monaten eingestellt wurden. Am 9. Juli zeigten sich die ersten Sprünge, die sich stündlich er­weiterten. Der Einsturz erfolgte nach Berichten von Augen­zeugen in der Weise, daß der Turm ungefähr von der Mitte abwätts sich erweitette und die obere Hälfte in sich aufnahm. Das Getöse war so groß, daß selbst in den entferntesten Stadtteilen, wo man gar nicht wußte, was geschehen war, Panik entstand. Minister Nasi besuchte am Dienstag Nach­mittag mit den Vertretern der Behörden und der Unter» suchungskommffsion die Trümmerstätte. Die Trümmer des Campanile bedecken den dritten Teil des Marllplatzes und machen jeden Verkehr zwischen ihm und der Piazetta unmög­lich. Die herrlichen Bronzegitter vor der Loggia des San S o v i n o sind fast unbeschädigt geblieben. Die Loggia selbst ist völlig zerstört. Man sieht im Schutt einzelne Stücke des berühmten Reliefs. Der Bibliotheksaal des könig­lichen Palastes auf der Seite nach dem Markusplatz zu ist auf 10 Meter 3erftört Man hofft, die Gemälde von Tintoretto und andere, welche sich darin befinden, zu retten. Die Reste der Engelsfigur, welche die höchste Spitze des ein* gestürzten Campanile bildete, werden in der Mattüskirche auf- bewahrt. Die Besichtigung der Markuskirche und des Dogenpalastes ergab, daß diese Gebäude in keiner Weise durch den Einsturz des Glockenturmes beschädigt sind. Die für den Wiederaufbau des Glockenturmes und der Loggia des San Sovino benötigte Summe wird auf 6 Millionen Lire geschätzt. Dem Bürgermeister gehen schon aus allen Tetten Italiens und des Auslandes Geldmittel für den Wiederaufbau zu. Den ganzen Tag über umstand eine große Menschenmenge die Trümmer des Turmes. 2)ät allen Zügen treffen zahllose Fremde ein, welche die Trümmerstätte besichtigen wollen. Ein Mitarbeiter desWiener Fremden- blatts" hatte in Wien eine Unterredung mit dem Oberbaurat Prof. Otto Wagner über den Einsturz des MarkusturmeS, Nach Ansicht Wagners ist ganz Venedig dem Unter­gang geweiht. Der Unterbau ist schlecht geworden, die Piloten werden morsch und verfaulen. Sie können dem un­geheuren Druck von oben nicht mehr lange widerstehen. Sett 30 Jahren werden Schwankungen und Senkungen beobachtet, und es muß fottwährend an verschiedenen Bauten aus­gebessert werden. Wenn die amlliche Kommission trotzdem keine Gefahr konstatierte, so ist das damtt ettlärlich, daß ge­rade in Venedig der Unterbau schwer untersuchbar ist, ferner damit, daß die italienischen Archttekten zwar in künstlerischer Beziehung in erster Reche, aber betreffs der Konstruktion und des Unterbaues nicht auf gleicher Höhe stehen. Wagner ist nicht für den Wiederaufbau des Turmes, der keinem Be­dürfnis mehr entspreche. Wenn aber em Wiederaufbau doch vorgenommen werden sollte, so möge er nicht als Imitation, sondern in modernem Stil erfolgen. Des Reichskanzlers Grafen Bülow Telegramm lautete:Tief gerührt vom Einsturz des wunderschönen Turmes bitte ich Sie, Herr Bürgermeister, den Ausdruck meiner warmen Sympathie für die märchenhafte Stadt Venedig entgegenzunehmen. Ich hoffe, daß dieses Monument wieder aufgebaut werden und zu seinem alten Glanze zurückkehren wttd." Beim Ein­sturz wurden 20 Personen meist leicht verletzt.

Kunst und Wissenschaft.

Ein Protest des hessischen GoethebundeS. Der Heff. Goethebund, der schon lange nichts von sich hören ließ und der es bisher keineswegs verstanden hat, die ihm anfangs in Mengen zuströmenden Mttglieder Gießen allein zählte anfangs mehr als 50 zu fesseln sodaß einer nach dem andern abspnngt und die Mitgliederbeiträge gewisser­maßen zwangsweise einkaffiett werden müffen, giebt jetzt ein Lebenszeichen von sich. Er erläßt folgendeErklärung", die man allerdings in wetten Kreisen Deutschlands gern gut heißen wird:

Der Uebersetzer und der Herausgeber von Tolstois Antwott an den heiligen Synod" sind von der wider sie erhobenen Anklage freigesprochen worden; gegen dieses Urteil ist von der Staatsanwaltschaft bei dem Reichs­gericht Revision eingelegt worden. So selbstverständlich die erste Nachricht erscheint, so unerfreulich ist die zwette. Der Hessische Goethebund protestiert dagegen, daß Ittera- ttsche Aeußerungen eines der ersten lebenden Schttftsteller, die selbst in seinem Heimatland straflos gelassen worden sind, in Deutschland Gegenstand strafgerichtlicher Verfolgung wer­den, und dadurch Deutschland in eine Stellung gebracht wird, die seiner ttodittonellen hohen geistigen Bethätigung und Führerschaft nicht entspricht. Die Persönüchkett Tolstoi's, sowie all' seine Veröffenllichungen bürgen dafür, daß es Wahrheit ist, wenn er in derAntwott" schreibt, er habe viele Jahre darauf verwandt, theoretisch und praktisch die Lehre der Kirche zu erforschen." Die Resultate so gewiffen- hafter Forschung stehen unter dem Schutz der Freihett der Wiffenschast, sie können nicht der Beutteilung des Sttafrichters verfallen, auch wenn sie in starken und heftigen Ausdrücker vorgetragen werden. Denn diese Ausdrücke entspringen nicht der Rohheit, die sich in Lästerung oder Beschimpfung äußert, sondern dem kräftigen Wahrheitssinne, der nach ungehemmter Aeußerung verlangt. DieAntwott" des Grafen Tolstoi läßt aber überdies auch die tiefe Erfurcht vor der chttsllichen Religion in so feierlicher Weise erkennen, daß auch darum jeder Gedanke an eine frivole oder böswillig herabwürdigende Absicht ausgeschloffen bleiben muß. Indem der Vorstand hofft, mtt diesem Protest die Ueberzerzeugung vieler Gleich-