Ausgabe 
16.1.1902 Zweites Blatt
 
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Caere find niach Spa Mr Königin berufen worden. Man trimmt an, daß der Gesundheitszustand der Königin sich neuerdings verschlimmert hat.

Paris, 15. Jan. Die Reise des Präsidenten L o u b e t »ach Petersburg soll, wie nunmehr verlautet, in den Ersten Tagen des April stattfinden. Das den Präsidenten begleitende Geschwader wird unter dem Befehl des Admirals Gourdon stehen.

Konstantinopel, 15. Jän. Gestern hat die Pforte mit 350 000 türkischen Pfund die Rate der russischen Kriegsentschädigung bezahlt, die am 1./14. Jan. fällig war.

San Sebastian, 15. Jan. Volkshaufen veranstal­teten Kundgebungen, weil die Gemeindebehörden eine be­liebte Volksbelustigung verboten hatten. Das Stadthaus und zahlreiche Privathäuser wurden mit Steinen beworfen. Der Präfekt wurde ausgepfiffen. Die Gendarmerie und das Militär mußte eingreifen und von der Waffe Gebrauch machen. Viele Personen wurden verwundet. Zahl­reiche Verhaftungen wurden vorgenommen.

Vom Burenkrieg.

Wie demReuterffchen Bureau" aus Lindley vom 13. d. M. gemeldet wird, soll sich Dewet nordöstlich vom genannten Platz befinden.

Aus London wird vom 15. Januar gemeldet: Der König besichtigte heute 1300 Mann Gardetruppen, die sich morgen nach Südafrika einschiffen. In einer Ansprache em die Mannschaften sprach der König die Hoffnung aus, daß der Krieg bald zu Ende geführt werde. Das wird ganz an ihm liegen. Er kann zu jeder Stunde einen Frieden ab- .schließen, der für beide Telle rühmlich wäre. In Londoner »City-Kreisen verlautet, der holländische Ministerpräsident habe -einen Tag in London geweilt, um sich zu vergewissern, unter welchen Bedingungen der Krieg in Südafrika durch einen für beide Teile ehrenvollen Frieden zum Abschluß gebracht werden könnte. Der Ministerpräsident soll nicht direkt mit Salis­bury, Lcmdsdowne und Chamberlain, sondern mit anderen leitenden Persönlichkellen, die der Regierung nahestehen, konferiert haben, lieber das Ergebnis der Verhandlungen ist nichts in die Oeffentlichkeit gedrungen.

Ein Vortrag, den der Burenführer Sandberg im Chatelet- Thecller zu Paris am 14. ds. Mts. zu gunsten der Buren- Stiftung hielt, hat eine Einnahme von 12000 Frs. ergeben.

Aus SIM und Iand.

-Nachrichten von allgemeinem Interesse sind uns stets willkommen und werden angemessen honoriert.

Gießen, den 15. Januar 1902.

Personal-Nachrichten. Der Großherzog hat dem Kammerherrn Maximllian Frhrn. v. Bellersheim den -Rang eines Kammerherrn mit Hofcharge d. h. diensühuenden 'Kammerherrn und dem Arbeller H. H e ß I. zu Rumpenheim, lim Dienst der Firma Dick u. Kirschten in Offenbach, das All­gemeine Ehrenzeichen mll der InschriftFür treue Arbeit" verliehen. Ernannt wurde der Hilfsschaffner bei der Main- Neckar-Bahn Ehr. Schmidt aus Bickenbach zum Schaffner ;bei dieser Bahn.

** Das Krankenkaffenwesea im Großherzogtum Hessen. -Einer statistischen Zusammenstellung über das Krankenkassen- wesen im Großherzogtum Hessen vom Jahre 1899 entnehmen Wir, daß in diesem Jahre sich im Großherzogtum 1007 Krankenkassen befanden, von diesen haben in diesem Jahre 609 mit einer Ueberschuß-Einnahme und 398 mit einer Mehr­ausgabe als Einnahme gewirtschaftet. Die Gesamteinnahme .aller Krankenkaffen betrug 4,269,909 Mk., darunter 3,492,999 Mark Beiträge der Arbellgeber und der Arbeitnehmer. Die ^Gesamtausgaben beliefen sich auf 3,992,745 Mk. und kamen 'davon auf Krankheitskosten allein 3,168,198 Mk. Das Rein- Ivermögen der Kaffen beträgt 3,269,164 Mk. Auf ein Kasse- ! Mitglied berechnen sich die Krankheitskosten auf 14,29 Mk. 'im Jahr, die Aufwendungen für jeden einzelnen Krankheits- :fall hingegen betrugen 37,90 Mk., auf einen Krankheitstag 2,23 Mk.

* * Die Sterbekaffe des Heff. Landesgewerbevereins hatte im abgelaufenen Jahre eine Einnahme von 18377 Mk., denen 16 600 Mk. Ausgaben gegenüberstehen.

* In die hiesige Klinik mußte sich ein Holzhauer aus Ruppertenrod begeben. Er hatte im Walde beim Holz­tragen einen Stoß in das Auge erhalten. Er hielt die Ver­wundung anfangs für nicht gefährlich. In der Klinik erfuhr er nun zu seinem Schrecken, daß das Auge rettungslos ver­loren sei.

* * Dienstpflicht in den Niederlanden. Unter Hinweis auf das Inserat in der gestrigen Nummer machen wir auch an dieser Stelle darauf aufmerksam, daß alle Niederländer, die in Deutschland wohnen, in ihrer Heimat dienstpflichtig sind. Die im Jahre 1883 Geborenen haben sich vor dem 31. Januar 1902 zur Ziehung zu melden.

+ Heuchelheim, 15. Jan. Die Hausschlachtungen sind größtenteils beendet; während in früheren Jahren in vielen Haushaltungen im Laufe des Winters zweimal geschlachtet wurde, haben diesmal sich zahlreiche Besitzer mit einerHauptschlacht" begnügt, ja viele Familien bei den hohen Schweinepreisen überhaupt nicht schlachten können. Die fetten Schweine werden nach wie vor mit 64 Pfennig das Pfund verkauft, ein Preis, wie er wohl noch nicht erzielt worden ist.

b. Bettenhausen, 15. Jan. Dem Lehrer Krug er wurde die hiesige Schulstelle definitiv übertragen. Kruger erfreut sich großer Beliebtheit in unserer Gemeinde.

E. Ermenrod, 15. Jan. Unserer Bürgermeister­wahl war die behördliche Genehmigung nicht zu teil ge­worden. Der Kreisausschuß bestätigte die behördliche Ent­scheidung und verwarf die Wahl. Der Provinzialausschuß dagegen, an den Rekurs erging, hob das Urteil des Kreis­ausschusses auf und bestätigte den Gewählten in seinem Amt.

Ober-Ohmen, 15. Jan. Die Preise bei der ersten Brennholzversteigerung in den Frhrl. Riedesel'schen Waldungen, Revier Ober-Ohmen, zeigen im Vergleich zu den vorjährigen eine bemerkenswerte Verbilligung. Die Hoffnnung, daß das Sinken der Werk- und Bauholzpreise auch ein Herabgehen der Brennholzpreise int Gefolge haben würde, hat sich demnach als berechtigt erwiesen. Bezahlt wurden für vier Raummeter Buchenscheitholz 1. Klasse aus­nahmsweise 30 und 31 Mk. (sonst 27 bis 28 Mk.) gegen 38 bis 40 Mk. im Vorjahre, für Buchenscheitholz 2. Kl. und geringerer Güte 22 bis 24 bezw. 26 Mk., für gewöhnliche Buchenprügel 18 bis 20 Mk. Auf den vorjährigen letzten Holzversteigerungen in anderen Waldungen waren die Brenn- holzpreise gleichfalls schon unter dem normalen Tarif. Die Folge davon soll eine starke Verminderung des Holz­schlagens sein.

Alsfeld, 15. Jan. Am nächsten Sonntag hält im Gast­haus zumMainzer Hof" hier Handelskammer-Sekretär Eng e l b a ch von Darmstadt einen Vortrag überDie Thätig- keit der Handwerkskammern, insbesondere auf dem Gebiete des Lehrlingswesens" und erteilt danach auf Befragen Aus­kunft über einschlägige Angelegenheiten.

8. Darmstadt, 15. Jan. Während des Hoffestes im Residenzschloße konzertterte die Kapelle des Jnf.-Regts. Nr. 115 und des Drag.-Regts. Nr. 23. In den Nebenräumen waren Buffets aufgestellt. Es entwickelte sich ein lebhaftes Treiben, das von % 9 bis gegen 11 Uhr dauerte und an dem auch der Großherzog mit seinen hohen Gästen in animierter Sttmmung teilnahm. Das Konzert der Herzoglichen Hofkapelle unter Leitung des Generalmusikdirektors Fritz Steinbach erfreute sich eines guten Besuches. Die tüchtigen Leistungen der Kapelle fanden viel Beifall. Der Großh erzog hat heute früh von drei Komiteemitgliedern der hiesigen Karneval- Gesellschaft, die er in besonderer Audienz empfing, die närrischen Insignien entgegengenommen und zu der am 1. Februar stattfindenden Damen- und Herrensitzung seinen Besuch bestimmt zugesagt.

Mainz, 15. Jan. Seit einigen Tagen treibt sich hier ein elegant gekleideter Mann herum, der angeblich im Auf­trage eines reichen Herrn bei Pferdebesitzern um den Ankauf von P*erden handelt. Der Unbekannte giebt sich als Jockey aus, ist in dem Alter von ungefähr 25 Jahren, hat einen Anflug von hellem Schnurrbart, trägt einen hellbraunen Anzug und Ueberzieher und einen schwarzen, weichen Filzhut. Der Fremde weiß sich bei den Pferdebesitzern gut einzuführen und gelingt es ihm dann sehr häufig, die Leute um Geld­beträge zu beschwindeln. Nach den Ermittelungen be­

ruhen alle Angaben desselben über beabsichtigte Pferdekäufe tej auf völliger Erfindung.

Seligenstadt, 15. Jan. Das historisch denkwürdige nunmehr Millitzersche Wohnhaus am Marktplatz wurde neuerdings in ein GasthausZum Einhart" umge- schassen. Au dieses Etablissement knüpft sich die Volks-, jage, daß sich in ihm Einhart verborgen hiell, als einst! Kaiser Karl der Große gelegentlich eines Jagdzuges ihn1 gegenüberliegenden GasthausZum Stern", der jetzigen .HofrestaurationFrankfurter Hof", in der Wirtin, welche sich durch die Zubereitung der Lieblingsspeise des Kaisers! verraten habe, seine vom Hofe verbannte Tochter EmnuLi erkannt habe. Die aus dem Gebiet des altertümlichen, Erkers des Millitzerschen Gasthauses herauslugende Figur wird darum auch als das Bild des sich versteckt haltenden! Einhart angesehen.

Frankfurt a. M., 14. Jan. In der Stadtveord- neten-Versammlung kam es heute zu einer längeren Debatte über die Notstandsarbeiten und die von der Stadt getroffene Fürsorge für die Arbeitslosen. Stadt­verordneter Quarck ließ sichs natürlich nicht nehmen, in den schärfsten Tönen gegen die städtische Verwaltung loszuziehen, die ihrer Pflicht nicht genügend nachkäme, und gegen die- Polizei, die zu scharf gegen die Demonstranten vorgegangen' sei. Verschiedene Stadtverordnete äußerten sich dahin, daß von der Stadt mehr hätte geschehen können. Es wurde aber i vom Magistrat dargethan, daß insgesamt über eine Million Mark für Notstandsarbeiten bereitgestellt sind und verausgabt werden. Nach einer vom Stadtverord. Quarck produzierten Statistik haben sich 745 Arbeiter als momentan i arbeitslos gemeldet, davon seien an 200 verheiratet. Die! meisten der Arbeitslosen seien ungelernte Fabrikarbeiter. Ein! Antrag des Sozialdemokraten, bei der Polizei gegen das! scharfe Einschreiten gegen die Demonstranten zu protestieren,! wurde abgelehnt. Dagegen fand ein Antrag Annahme, nach! welchem sich die Versammlung von der Auskunft des Magistrats - für befriedigt erklärt, und ihn auffordert, auf dem beschrittenen; Wege fortzufahren. Den Streckenarbeitern der Bahn-j meisteret Idstein ist auf eine Eingabe an die Eisenbahn-! direktion die Antwort zugegangen, daß, entgegen ftüherer! Anordnung, die Arbetten auf der Strecke nicht unter­brochen werden sollen. Dagegen ist den Werkschlossern der Taunusbahn und der ehemaligen Hessischen Ludwigsbahn, die auf den Stationen die Weichen, Signale u. s. w. in Ordnung halten, die Mitteilung geworden, daß ihnen 50 Prozent ihres Zuschlagslohnes in Abzug gebracht werden.

Hanau, 15. Jan. Gestern wurde vor dem hiesigen Schöffengericht eine Privatklage verhandelt, die in Dörnig­heim vorgekommene anonyme Briefschreibereien be­traf. An ein achtbares Mädchen waren anonyme Briefe, voll der gemeinsten Schmähungen und Beleidigungen, gerichtet worden, die der Wahrheit entbehrten. Angeklagt, diese sauberen Briefe verfaßt zu haben, war die Eheftau eines Bildhauers und die Eheftau eines Schreiners. Durch die Umstände und das Gutachten des Schreibsachver- ständigen wurde festgestellt, daß die Briefschreiberin din Ehefrau des ersteren war, und diese wurde deshalb wegen Beleidigung zu der exemplarischen Strafe von 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Mttangeklagte wurde wegen mangelnden Beweises fteigesprochen.

(:) Hohensolms, 15. Jan. In Gegenwart des £anbrat§ Dr. Sartorius- Wetzlar, Bürgermeisters Huttel-Hohensolms sowie mehrerer Geistlicher, Gemeindevorsteher u. a. wurde in dem benachbarten Erda die Prüfung des Ha usHaltungs­kursus für junge Mädchen abgehalten. Es haben 22 Mädchen an dem sechswächentlichen Kursus teckgenommen. Die Haus- haltungskurse haben sich als eine nützliche Einrichtung be­währt. Auch für die nächsten Kurse liegen schon wieder zahlreiche Anmeldungen vor.

(:) Wetzlar, 15. Jan. Es ist nunmehr sichere Aussicht vorhanden, daß unsere Stadt ein Lehrerseminar erhalten wird. In dem preußischen Etat ist eine Forderung für ein Lehrerseminar in der Rheinprovinz mit dem Sitze in Wetzlar vorgesehen. In Anbetracht des fortdauernden empfindlichen Lehrermangels wird der Landtag den Posten sicher genehmigen, und man nimmt an, daß das neue Seminar schon recht bald, wenn auch vorläufig in Aushilfsräumen, eröffnet werden wird. Auch wird die am 1. Juni v. Js. hier begründete

Schillers Weltgeschichte.

Bd. IL in. Berlin u. Stuttgart, W. Spemann. 1901. gr. 8°.

Es ist in den letzten Jahrzehnten üblich geworden, daß die Bearbeitung einer Wettgeschichte, die auf Wissenschaft­lichkeit Anspruch erheben darf, nur noch von einer Art wissenschaftlicher Betriebsgenossenschaft unternommen wurde. Man fürchtete nicht rntt Unrecht, daß bei der immer ausgedehnteren Arbeitsteilung auf historischem Ge­biet, der immer mehr anschwellenden Flut der Einzel- unteriuch ungen, es für den Einzelnen unmöglich würde, sich durch die Masse des Stoffes hindurchzufinden und in allen Teilen seines Werkes gleich Tüchtiges und Wert­volles zu leisten. So kam man zu dem, was Ufert und Heeren schon 1819 begonnen hatten, zu einerStaaten­geschichte", oder zu einerWeltgeschichte in Einzeldarstell­ungen", wie sie Oncken herausgab. Das war aber schließlich feineWettgeschichte" mehr, kein Werk, das man von der ersten bis zur letzten Seite hätte lesen können. Einem solchen Verlangen Rechnung zu tragen unb doch die einzelnen Abschnitte von Spezialforschern bearbeiten zu lassen, ver­suchte Hans F. Helmolt in der von ihm herausgegebenen noch nicht abgeschlossenen Weltgeschichte. Aber gerade dieser Versuch scheint die Unmöglichkeit eines solchen Unternehmens zu beweisen. Denn ganz abgesehen von der Ungleichmäßig­keit des Stcks, die schon den Wert des Buches als Kunst- iwerk sehr beeinträchtigen muß, kann die Darstellung nicht so ineinandergreifen, wie es im Interesse der Einheit­lichkeit wünschenswert wäre. Das Helmoltsche Werk weist denn auch gar viele Wiederholungen auf, die in der Hand -rines einzigen Verfassers vermieden worden wären- Ein solcher aber hat weiter für sich den Vorzug der größeren Möglichkeit einer gleichmäßigen Durcharbettung aller Teile und vor allem den einer einheitlichen Auffassung. Freilich ,toirb man von ihm wcht verlangen dürfen, daß sein Werk überall auf eigener Forschung beruhe, wenn er auch die Quellen kennen muß. Hat es der Verfasser einerWelt­geschichte" verstanden, die Ergebnisse der neuesten Spezial­forschung zu einem Ganzen zu verarbeiten und dem Leser -schne Gesamt anjchcmrmg vovKutrsAWs

so hat er seine Aufgabe gelöst. Deshalb hat Schiller Recht, wenn er in der Vorrede des ganzen Werkes sagt:Möglich ist ein solches Unternehmen (eines einzelnen), da es meist nicht an den erforderlichen Vorarbeiten fehlt." Es kommt eben auf die Beantwortung der Frage an: was will und soll eineWeltgeschichte"? Meines Erachtens darf man von ihr nicht mehr erwarten aber auch nicht weniger als das, was ich eben auseinandergesetzt habe- Für Einzel­fragen sind eben die Spezialwerke da, deren Studium dem Fachmann überlassen bleiben kann- Dem großen Kreis der Gebildeten kommt es nicht auf Einzelheiten an- Darum ist .es auch durchaus nicht schlimm, wenn der Verfasser in diesen hie unb da nicht ganz- das Richtige trifft, oder eine Jahreszahl ungenau angiebt Gerade dies hat man Schiller vielfach vorgeworfen m- E. genügt es in den meisten Fällen, den Zeitpunkt annähernd genau anzugeben. Einzelnen Versehen nachzugehen, ist f)ier nicht der Ort, ich will nur bemerken, daß viele Flüchtigkeiten und Mängel in der überaus schnellen Arbeitsweise Schillers ihren Grund haben und bei einer zwecken Auslage leicht zu verbessern sind-

Die Frage, ob Schiller die oben begrenzte Aufgabe des Geschichtsschreibers erfüllt hat, beantworte ich mit einem runden Ja- Durch den von ihm länger als zwanzig Jahre in der Gymnasial-Prima erteilten Geschichtsunterricht hat er sich eine vollkommen selbständige Anschauung der histori­schen Entwickelung gebildet. Er hat dabei richtig erkannt, daß in der Darstellung die Kulturgeschichte einen breiten Raum einzunehmen habe- Dadurch wird der Wert seines Buches für den großen Leserkreis, an den er sich wendet, erhöht-

In der Einteilung der Weltgeschichte in Perioden weicht Schckler von der seitherigen Gepflogenheit ein wenig ab- Er läßt das Altertum mit dem Tode Justinians schließen, da um diese Zettmit der politischen auch die kirchliche und die Rechtsentwickelung einen gewissen Abschluß er­hielten". Das Mittelatter beginnt er dementsprechend mit der Begründung des Frankenreiches. Schwieriger aber war die Bestimmung des Endes biefer Periode und des Be- iwe-Steuert- <iC politische,,, ixe die

Geistesentwickelung geben hier keine .greifbaren Anhalts­punkte. Er macht es deshalb nicht wie z. B. Schlosser, der seine Geschichte der neueren Zeit mit dem 15. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Hussitenkriege und der Entdeckungen, beginnt, sondern er hilft sich, indem er eineUebergangs- leit" von dem Reformationsjahr 1517 bis zum Ausbruch der ftanzösischen Revolution einschiebt und diesem Zeit­raum einen besonderen Band, den dritten, widmet. Dagegen ist schließlich nicht viel einzuwenden, aber eine Lösung der Frage ist das nicht. Eine solche scheint mir auch ganz über­flüssig, da die BegriffeMittelalter" undNeuzeit" den Historikern späterer Jahrhunderte doch wieder andere sein müfsen, als sie es uns sind.

Ob Schiller im zweiten Bande mit Recht vorwiegend die deutsche Geschichte behandelt, darüber kann man ge­teilter Meinung sein- Ich halte es nicht für richtig, denn wer sich eingehender mit der vaterländischen Geschichte beschäftigen will, muß doch zu einer Sonderdarstellung der­selben greifen; in manchem unkundigen Leser aber wird der Gedanke geweckt werden, als ob die mittelalterliche Ge­schichte ihren Schwerpunkt in Deutschland gehabt habe, was man doch kaum so ohne weiteres gelten lassen darf. Leidep tritt in diesem Bande ein anoerer Fehler der Schillersehen Darstellungsweise zu Tage und zwar gerade in der Behandlung kulturgeschichtlicher, wirtschaftlicher und ähnlicher Fragen. Hier werden Dinge, wie z B. das Zunft­wesen, die Madtverfassung, der Handel u. a. an vielen Stellen mehr oder weniger kurz gestreift. Es wäre wünschens­werter, sie in einem oder zwei. Kapiteln bei irgend einen Gelegenheit ein für allemal und zwar umfassend abgethan zu sehen, wenn auch das gute Register diesem Mangel einigermaßen zu begegnen sucht- Den einzelnen Bänden sind gute Porträts, auch Karten beigegeben. Ob aber die in den Anhängen gebrachteQuellensammlung zur Ver­tiefung des geschichtlichen Verständnisses" ihren Zweck er­füllen wird, möchte ich bezweifeln- Dafür jedoch sind die knappen die Hauptwerke nennenden Litteraturangaben bei den einzelnen Llbschnitten dankbar zu begrüßen-

SM-