Ausgabe 
15.4.1902 Erstes Blatt
 
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getoe|en sein, weil öffentliche empfohlen wird, man möge Michael Biron aus Mainz, gest. in Oakwood (Wisc.) 70

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Menge Scheunen und Stallgebäude. Die Strafen Q,u§ ^leöer^^oöen, gest. m Buffalo (N.-P.),

Stadt bot ein wenig schönes Aussehen.

Auszeichnung. Dqs Ehrenzeichen für Mitglieder frei­williger Feuerwehren wurde verliehen den Mitgliedern der freiwilligen Feuerwehr zu Rodheim H. B. Jacobi und B. Lenhard dort.

§ Butzbach, 13. April. Der hiesige Radfahrerklub feiert am 15. Juni sein zehnjähriges Stiftungsfest. Mit der Feier soll eine sportliche Veranstaltung des Gaues IX. des D. Radfahrer-Bundes verknüpft werden.

** Tagesordnung für die Sitzung der Stadtver­ordneten-Versammlung Donnerstag den 17. April 1902, nachmittags 4 Uhr. 1. Baugesuch des Friedrich Benzler, Asterweg 16, hier: Dispens. 2. Desgl. des Karl Bergmann, Ederstraße 3, hier: Dispens. 3. Baugesuche des Joh. Gg. Pfaff für den Schiffenbergerweg, hier: Dispens. 4. Pflaster­ung des Weges zwischen der Hollergasse und dem über den Oberhess. Bahnhof führenden Steg, hier: Arbeitsvergebung. 5. Reparaturen an Bürgersteigen, hier: Asphaltarbeiten. .6. Anlage eines neuen Friedhofs, hier: Beleuchtung, Heizung i und Arbeitsoergebung. 7. Verpachtung eines städtischen I Ackers am Mittelweg an Architekt L. Seuling. 8. Woh- nungsdesinfection, hier: Antrag des Stadtverordneten Pro­fessor Dr. Gaffky auf Einführung der Formaldehyd-Desinfec- tion. 9. Telegraphenlinien von Gießen nach Schiffenberg und Leihgestern.

Kirchl. Dieustuachricht. Der Großherzog hat dem Pfarr­verwalter Georgi zu Ermenrod, Dek. Grünberg, die evan­gelische Pfarrstelle daselbst übertragen.

o. Lichenroth, 14. April."Ein Maurer von hier, der ei­nige Schnäpse zu sich genommen, erhängte sich an seinem Leibriemen in einem unappetitlichen Raume. Den Angehöri­gen gelang es noch im letzten Augenblicke, den Lebensmüden, der schon mit dem Tode rang, zu retten.

el. Schotten, 13. April. Hier beginnt man allent­halben die Gemeindetriften, die vollständig unbenutzt waren, in Hutweiden umzuwandeln. Die Thonröhren unserer Wasserleitung muß sämtlich durch eiserne ersetzt werden, da das Wurzelnest der Chaussee­bäume in die Leitung eindrang. Hier bildeten sich solche Geflechte, daß das Wasser nicht durchdringen konnte.

n. Nidda, 12. April. In der vorigen Woche fand der Vorsteher des hiesigen Haftlokals den Gastwirt Rudolf Uhl von Unterschmitten, der wegen eines geringen Ver­gehens hier einige Tage Haft zu verbüßen hatte, tot in seiner Zelle auf. Der Tod des Inhaftierten scheint durch Herzschlag eingetreten zu sein.

Darmstadt, 14. April. Der Großherzog gedenkt sich gegen Ende der Woche nach Italien zu begeben und der A u s st e l l u n g zu Turin einen Besuch abzustatten. Am Mittwoch findet demgemäß bis auf weiteres zum letzten Mal Erteilung von Audienzen und Entgegennahme von Meldungen und Vor­trägen statt.

Darmstadt, 12. April. Zum Zwecke von Bestimmungen über die Feuersicherhcit der Waarenhäuser läßt die Großherzogliche Regierung soeben Erhebungen in allen Städten des Landes über den Zustand und die Einrichtungen der Waarenhäuser vornehmen.

Mainz, 13. April. Für die Stelle eines Vorstehers des städtischen Einigun gsamts, die mit einem An- fangsgehalt von 3600 Mk. dotirt ist, haben sich nicht weniger als 100 Bewerber gemeldet. Wie verlautet, soll ein Be­werber nus Frankfurt Aussicht haben, die Stelle zu erhalten.

Langenschwalbach, 12. April. In dem nahen Springen erkrankte dieser Tage eine Kuh, die der Eigenthümer, um sie noch zu verwerten, sofort schlachten ließ. Der Fleischbeschauev des Dorfes beanstandete jedoch den Verkauf des Fleisches und der Thierarzt konstatirte, daß die Kuh nicht nur stark tuber-- kulös, sondern auch an Milzbrand erkrankt sei. Beim Schlachten des kranken Tieres war dem einen Metzger etwas Blut über die Hand gelaufen; dem zweiten waren einige Tropfen ins Gesicht gespritzt. Beide Personen liegen nun an« Blutvergiftung im Krankenhaus zu Wiesbaden sehr schwer darnieder.

82 Jahre. Karl Hohmann aus Butzbach, gest.~in Founton-City, 72 Jahre. Siegmund Rothschild aus Ortenberg, gest. in Newyork, 63 Jahre alt.

3. Sitzung Großh. Handelskammer Gießen, für die Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach.

Protoko ll-Auszug.

Gießen, 11. April.

Anwesend sind die Herren: Kommerzienrat Koch, Dor-j itzender, Kommerzienrat Heichelheim, Balser, Grünewald/ Hoos, Jhring, Nowack, Ramspeck, Röhr, Schirmer und Zur- buch, sowie der Sekretär Vogel.

Entschuldigt fehlen die Herren: Dürbeck, Katz, Moll, Schmall, Steinecke und Wallach.

Aus dem Geschäftsbericht ist hervorzuheben:

Dre kgl. Eisenbahndirektion Frankfurt <k M. fragte ßet uns an, für welche Steinversandt statio ne n unseres Bezirks etwa ein wirtschaftliches Bedürfnis zur Einführung ermäßigter Frachtsätze für Pflastersteine zur Her- tellung von Rechenpflaster nach den dem Wettbewerb aus­ländischer Steine ausgesetzten, namentlich zu bezeichnenden Stationen vorliege, welcher Art die betreffenden Steine seien und welche Höhe die Ermäßigung haben solle. Nach einer bei einer Reihe von Interessenten veranstalteten Um­rage übermittelten wir die uns gegenüber geäußerten Wünsche der kgl. Eisenbahndirektion Frankfurt a M.

Auf eine bezügliche Anfrage wurde dem kais. Patent­amt mitgeteilt, daß in hiesigen Interessentenkreisen keine Firma bekannt sei, welche das Bild einer Krone in irgend einer Form als Warenzeichen für Gußwaren ver-> wende. Eine Firma wünschte in einer Warenzei chen--

I Ochsenfleisch stellte sich auf 2 Alb. 6 Pfg., 24 Pfennig, ein I Pfund Kalbfleisch auf 15, Rindfleisch auf 18, Kuhfleisch auf I 22, ein Pfund Wurst auf 27, eine Kalbsleber auf 18, 36 Pf.

Fische hatten einen ansehnlichen Preis; ein Pfund Kar­pfen kostete 58, ein Pfund Hecht 54 Pf. Butter und Eier l waren gleichfalls nicht billig; ein Pfund Butter kostete 154 Pfg.; für 6 Eier zahlte man 18 Pfg. Tie Armen­pflege erforderte große Ausgaben seitens der Stadt- I lasse. Es wurden im Jahre 1769 an Arme der Stadt «verausgabt: 559 fl. 18 alb., für fremde Reisende 79 fl.

25 alb. In der Kirche und auf dem'Rathause wurden Iangestifteten Almosen" den Stadtarmen gereicht: 948 fl.

29 alb. Bei einer Seelenzahl von 4000 gab es in der Stadt 200 Personen, die öffentliche Almosen in Anspruch nahmen, uneingerechnet diejenigen,die vor Mangel ver­derben". Die Arbeitslosigkeit muß groß gewesen sein, da in den damaligen Gießener Nachrichten die Er­richtung von Arbeitshäusern empfohlen wird, um der Not zu steuern. Nun, etwas anders ist es ja im Laufe der Jahre geworden. Aber wenn wir die uns benach- I barten Lahnstädte durchwandern, dann fällt uns doch noch heute die dortige Sauberkeit, das vortreffliche Straßenpflaster merklich in die Augen und wir beobachten nicht ohne Neid den sichtlichen Wohlstand dieser Städte, der sich uns dort auf Schritt und Tritt bemerkbar macht.

§*Ueber die Weitergabe der Po st aufträge zum Wechselprotest hat das Reichs-Postamt verfügt: Zum Proteste gehende Postaufträge sind überall, wo die Gerichtsvollzieher zur Aufnahme von Wechselprotesten ge­setzlich befugt sind, an diese weiterzugeben, sofern nicht der Absender durch einen Vermerk auf dem Auftrags­formular ein anderes ausdrücklich bestimmt hat. Bei entstehenden Schwierigkeiten oder, wenn es sonst zweck­mäßig erscheint, haben die Postanstalten wegen lieber» Weisung der Postaufträge an die Gerichtsvollzieher mit , dem betreffenden Gericht ins Benehmen zu treten, u. U. die

. Als votts- Postaufträge an die bei dem Gericht etwa bestehenden

Menge Scheunen und Stallgebäude. Die Straßen waren unsauber und aufgefahren. Fremde hatten daher we nig Lust, sich in Gießen niederzulassen, zumal die Stadt nach außen als ungesund verschrieen sei. Da die Festungswerke der Ausdehnung der Staot hinderlich wären, solle man Straßen um die Wälle führen und die dort befindlichen Gärten mit schönen Häusern bebauen. Die Frachtpreise waren hoch, selbst an-

zusmnmentQtt der Zweiten Kammer beschäftigen. Die I genommen, daß das Gießener Maß größer wie das sonst

dezugllche ^nterpellatio n lautet: übliche war. Än Achtel Korn kostete 4 fl. 20 albus, etwa

f,.. V. Veabftchttgt bte Regierung, auf den Erlaß der- 8 Mark, ein Achtel Weizen 9 Mark, ein Achtel Gerste 5 Mk.

Bestimmungen in Bezug auf die Lagerung von Vielleicht hatte der vorausgegangene Krieg auf die Preis- (Lprengftosfen nach Analogie der preußischen Ansführ- Verhältnisse eingewirkt. Im Verhältnisse zu den hohen ungsversugungen der einschlägigen Gesetzesbestimmungen Fruchtpreisen stellten sich, die Preise für Backivaren niedrig. tn ^lgneter Werse hrnzuwirken? 19 Loth Brot, etwa y2 Pfund, kosteten 4 Pfennig, 9 Loth,

dieselbe bereit, eine Revision des Gesetzes ungefähr 130 Gramm, Wecke kosteten 4 Pfennig, 14 Loth, dE 28. L^tember 1890 resp. 30. September 1899 die 200 Gramm, Teitfchen 4 Pfennig. Tie Fleischpreise waren Brandverircherungsanstalt für Gebäude betr. (Fassung nicht hoch, selbst wenn man berücksichtigt, daß der Geld- ab 1. ^anuar 1900 lt. Reg.-Bl. Nr. 52 von 1899) in dem I wert damals bedeutend höher als heute war. Ein Pfund angeregten Sinne herbeizuführen. Ochsenfleisch stellte sich auf 2 Alb. 6 Pfa., 24 Pfennig, ein

Turnerisches. Dieser Tage hat hier der 70. ordent­liche Gauturntag des Gaues Hessen stattgefunden. Da diese Korporation es nicht für nötig befunden hat, uns davon irgend welche Kunde zu geben, so wollen wir auch von einem Bericht darüber absehen und nur mitteilen, daß in diesem Jahre das Gauturnfest vom 6.7. Juli in Butzbach stattfindet, übrigens gleichzeitig mit dem Marburger Hessischen Sängerbundesfest. Eine Gauturnfahrt findet am 8. Juni in Lauterbach statt, das Gaufest 1903 in Wieseck. t vuc vcu vcm WL.Llut v

fümlicEje Uebungen für das Gauturnfest wurden bestimmt:IBerteilunMtelkn "für

Stemmen (7oer zweiarmig), Wertsprung und Stabhochsprung, teren Veranlassung abzugeben. Wo den Gerichtsvollziehern Bei der Gautumfahrt kommt noch zu den drei vorstehenden die Befugnis zur Aufnahme von Wechselprotesten nicht Uebungen Weithochsprung. beiwohnt, sind die Postaufträge an geeignete und zur

** Wirtschaftliche Verhältnisse in Gießen Uebernahme bereite Notare, u. U. an das Gericht weiter­em 1770. Tie Stadt Gießen zählte um 1770 etwa 4000 ^^b en. .

Einwohner. Ihrem Berufe nach war der größte Teil ^^^^ruhiahrsichonzert für Fische. Am der Bewohner Professionisten, und zwar mehr als gut c Estag hat die Fruhzahrszchonzert für Fische ihren An­war. In den Gießischen wöchentlichen Anzeigen und Nach- ^5$ genommen. Sie dauert bis zum 9. Juni. Tiese richten von 1770, aus denen unserGieß Anz." sich IAonzeit umfaßt in der Provinz Rheinhessen alle dem entwickelt hat, wird geklagt, daß in der Stadt zu viel unmittelbar oder mittelbar zusließende Fischwasser Prosessioniften seien, so daß sie ihre Waren am Orte mlt Ausnahme der Lahn und deren Zuflüsse, außerdem nicht absetzen könnten. Namentlich war die Metzqerzunft \im k^brete des Marnes sämtliche Zuflusse aus der Ge- stark vertreten wie heute; auch fehlte es nicht an Bäckern ^arkung Kostheim.

und Wirten. Neben dem Handwerk wurde fleißig Acker- ** In Amerika verstorbene Hessen. Eva K. Keiber, geb. bau getrieben. Die Zahl der Prosessioniften muß groß Hepp, aus Framersheim, gest. in Newyork, 81 Jahre alt.

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Erklärung liegt für den geistigen Abfall und den gewalt­samen Tod; die von Völkerlingk behauptete Pflicht zum Leben ist mühsam ergrübelt und erllügelt. Besser ist von Sudermann die Beate Ibsen nachempfunden. Beider Poeten Foauengestalten sind nicht psychologisch klar und einheitlich hingestellt, von Ibsen offenbar bewußt und gewollt, von .Sudermann wohl aus Mangel an Gestaltungskraft. Die Seele Rebekkas wird aus tausendfältigen, hier zusammen­stimmenden, dort einander widerstreitenden und sich logisch auflösenden Regungen zusammengesetzt, die sich langsam aus der geheimnisvoll fortschreitenden Handlung dem sinnigen Beobachter bemerllich machen. Dieser Kompliziertheit des Charakters einer weiblichen Sonderindividualität hat Ibsen mit außerordenttichem Scharfblick nachgespürt. Sudermann giebt ein etwas einheitlicheres Frauenbild und zeigt dabei gleichzeitig seine Ohnmacht, ein Weib von der Sonderart einer Rebekka oder einer Hedda zu gestalten. Die Empfind­ungen einer eigenartigen Frauenseele hat Ibsen ins Gi­gantische vergrößert, jede Regung begründet, sodaß man sre glauben muß Wenn sich trotzdem der Zuschauer sträubt, den inneren Zusammenhang zwischen soviel Niedrigkeit der Gesinnung, teuflischer Herzlosigkeit und dem idealen Auf­schwung des Gemütes für Wahrheit zu' nehmen, so be­wundert man doch die geniale Größe dieser Charakterzeich- nung. Für die eigenartige Technik Ibsens giebt dieses Drama vielleicht das instruktivste Paradigma das ganze ist nur das Finale eines Dramas, es kommt nichts Neues hinzu, mir die Konsequenzen der Geschehnisse der Vor fabel treten ein, und von dieser Vor fabel wird in jedem Akte em wenig der Schleier gelüftet, gerade nur so viel, als es die Natur der betreffenden Szene erfordert. Es ist meister­liche Mosaikarbeit und doch ein vollendetes Ganze wie inHedda Gabler", und wie auch in derFrau vom Meere" und imBaumeister Solneß", in denen der Eindringling m die Familie, der Dritte, die Tragik herbeiführt.

Direktor Lindemann hatte sich den stärkeren seiner Trümpfe für den Schluß gespart. ^Rosmersholm« ist viel­leicht die gedankentieffte Dichtung des großen Norwegers, aber die Handlung spielt sich auch ganz im Reich der Ge­danken ab. E§ ist klar, daß ein derattiges Werk auf der Bühne lebendig zu machen eine ungleich größere Arbeit er­fordert, als die Jnszenesetzung eines Dramas, in dem physische 22)aien gethan werden. Daß Lindemanns Kunst hier nicht »erjagt, daß sie die ihr gestellte Aufgabe glatt und rund löst und eine Vorstellung zu Wege bringt, die selbst für den Mündlichen Kenner des merkwürdigen Dramas den geistigen Gehalt -der Dichtung völlig ausschöpft, das ist der vollgiltige

Beweis dafür, daß diese Kunst echt ist. Freilich wird man auch nicht so bald wieder eine Darstellerin finden, die die Rebecca West so lebenswarm und eindringlich, so bis ins Kleinste durchdacht und auch so durchaus harmonisch und großzügig und überzeugend zu gestalten weiß, wie Frl. Hoff­mann es that. (Jedenfalls lag ein Fehler auf dem Theater­zettel vor, und es ist Thatsache, daß die Dachellerin der Frau Landrichter Elvstedt, die auf dem Sonntagszettel Frl. Hoff­mann genannt war, die Rebecca gab. Die Zettel der beiden Tage sagten rrttümlich, daß die Darstellerin der Hedda, die der Zettel Frl. Reh off nannte, auch die der Rebecca sei.) Allerdings ist nicht zu leugnen, daß man hinter ihrer weichen, fast demütigen Freundlichkeit nicht den stahlhatten Sinn und die feste Hand fühlte, die die eigentliche Macht dieses einst so lebenskühnen Weltkindes über die Gemüter erklären. Aber Romersholm knickt ja den Willen, sagt Ibsen .... Ein wenig auffallend war die besondere Eleganz in der Kleidung Rebeccas, von der es heißt, daß ihr ganzes Besitztum eine alte Bücherkiste sei. Es berührt seltsam, die monumentalen Menschen der Dichtung modisch toilettiett zu finden. Aber möglicherweise ist man auf dem einsamen, weltfernen Hof in der Nähe der kleinen Fjordstadt Norwegens schon weiter in der Kultur.

Vollgiltig war auch die Leistung Herrn Jeßners, namentlich im zweiten Teile der Dichtung. Er war von vornherein der ruhige friedvolle Mann, der von geistigen Fesseln sich losgerungen zu haben glaubt, voll abgeklätt milden Wesens, das noch sympathischer gewesen wäre, wenn der Darsteller nicht anfangs gar so häufig in den Saal ge­schaut und offenbare Zerstreutheit zur Schau getragen hätte vielleicht angesichts der zahlreichen leeren Reihen im Hause? Diese Zerstteutheit legte sich aber erfreulicherweise im Laufe des Abends, und von dem Moment an, da Rosmer das Gefühl der Schuldlosigkeit vertrat, da zeigte auch Herr Jeßner die alte Rosmertradition, wie sich die Schatten von Rosrnersholm ihm um die Seele legen. Herr Jeßner hatte hier zu zeigen, wie dieser Rosmer, unbewußt, mit der Hand Rebekkas seine schukdlose Frau in den Fluß stoßen konnte und wie er sich, gleichfalls ohne Ueberlcgung, Rebekka gewann bis zum fteiwilligen Todesgange. Und diesen schwersten Teil seiner Aufgabe im vierten äußerst fein abgedämpften Akte hat er glänzend gelöst. Das beste seiner Leistung mar wieder seine Rede. Hatte er am ersten Abend als Gerichtsrat

Brack den Tonfall des Blasirten geradezu unnachahrnttch gut; getroffen, so drückte seine Rede gestern anfangs den Friedew der ungetrübten schwärmerischen Seele, dann eine leise Uns- sicherheit seines Wesens und schließlich die qualvolle Selbst­anklage und die ganze innere Haltlosigkeit restlos aus. Dieser Pastor Rosmer mit dem Reni'schen Christuskopf prägt sich dem Gedächtnis des Zuschauers dauernd ein.

Auch Herr Springer stand gestern wieder ganz fernen Mann; sein zelotischer Rektor Kroll mit der doppelten Moral für Parteigenossen und für Gegner was ihm selber gar nicht zum Bewußtsein kommt war eine interessante Studie,, nur vielleicht bisweilen doch nahezu brutaler Tonart, die in das strenge, ernste Rosrnersholm, das er doch gar so gut kennt, nicht recht paßt. Uebrigens verlangt ja der Bühnen­raum eigentlich ein etwas düstereres Zimmerbild, das mehr^ im Einklang steht mit der Stimmung der Handlung und mit den Bewohnern eines Hauses, das jegliche Heiterkeit und laute Lebensfteude vermeidet. Die Einrichtung des Wohn- raumes sttahlte aber förmlich im Gegensätze zu unseren sonstigen Bühnenbildern warme Behaglichkeit aus. Erschüttert hat mich der Ulrich Brendel des Herrn Türk. Brendel ist der Mättyrer der Vogelfreien. Herr Türk gab ihn weniger versumpft und verkommen als mit dem Funken des Genies begabt, den fein halb wahnwitziges Gebahren durch­leuchtet. Es war ettvas von der gewollten Einfachhett des Grandseigneurs an ihm, im ganzen eine sehr Verstandesschärfe Arbeit, hier und da ein Zug von Wucht und Größe, der den Beschauer widerstandslos forttiß, wenn er auch das Groteske und Phantastische der Gestalt uns zumTheil schuldig blieb. Herr Holz war als Mortensgard wieder sehr gut, er bot eine Leistung aus einem Gusse, aber in seinem ganzen Wesen doch wohl kaum den Mann, der es fertig bekommt,, vhne Ideale zu leben. Im Gegenteil, in diesem Manne iürmts und drängt's noch, er zeigte in seiner ehrlichen Bitterkeit mehr Gefühl, als derPräsident der Zukunft" vertragen kann.

Das Publikum spendete den Darstellern reichen Beifall. Es gebührt ihnen Dank für den großen künstlerischen Genuß, den das leider sehr kurze Gastspiel gewährte. Wenn Gustav Lindemann feine Schritte wieder nach Gießen lenft, wird er hoffentlich noch mehr offene Herzen finden.

Paul Wittko.