Ausgabe 
15.1.1902 Drittes Blatt
 
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Politische Tagesschau.

Zn dem Duell in Jena.

Nähere Mitteilungen über die Verhandlungen vor dem Kriegsgericht, vor dem die Duellaffaire Thieme-Held ver­handelt wurde, enthalten noch einige nicht nninteressnnte Momente.

Da sich am 1. Januar, an dem sich das Reniontre ab- fpielte, die Offiziere zur Cour beim Großherzog in Weimar befanden, konnte Thieme erst am 2. Januar Meldung er­statten. Zugleich bat er seinen Vorgesetzten, Hauptmann v. Seebach, nachdem eine Verständigung über die zu unter­nehmenden Schritre vorausgegangen war, dem Held eine Pistolenforderung unter folgenden Bedingungen zu über­bringen: Distanz 10 Sprungschritte (etwa 13 bis 13V2 Meter), gezogene Pistolen mit Korn und Visier, Ku gelwechsel bis zur Kampfunfähigkeit. Nach Ansicht der Offiziere galt es, keine Zeir zu verlieren, und so machte sich Hauptmann v. Seebach, ohne den Spruch des militärischen Ehrenrats abzuwarten, auf den Weg, um sich seines Auf­trags zu entledigen.

Es bedurfte erst des Einspruchs und der dringenden Vorstellung ider Burschenschafter, um erst noch eine gemein­schaftliche Ehrengerichts-Sitzung zu stände zu bringen. Das Ehrengericht, das aus zwei ehemaligen Studenten und zwei Offizieren als Mitgliedern und einem dritten Offizier als unparteiischem Vorsitzenden bestand, tagte am Freitag den 3. Januar, abends, im Kasino. Während im Ehrengerichte die Burschenschafter abermals und wiederholt auf mildere Bedingungen hinwirkten, proponierten die Offiziere, die ein Säberduell energisch zurückwiesen, anfänglich einen Kugel­wechsel bis zur Kampfunfähigkeit mindestens des einen Teilesl. . Hiergegen sträubten sich in ebenso entschiedener Weise die Vertreter der Studentenschaft, die höchstens einem dreimaligen Kugelwechsel zu stimmen wollten Nachdem schließlich der Vorschlag der Offiziere auf einen siebenmaligen Kugelwechsel nicht angenommen wurde, kam eine Verein­barung über einen fünfmaligen Kugelwechsel auf 10 Schritte Distanz zu stände. Zugleich wurde daraus ge­drängt, daß das Duell bereits am nächsten Morgen statt­fände. Die Offiziere lehnten es ab, daß nach jedem Kugel­wechsel ein ernstlicher Sühneversuch gemacht würde. Leut­nant Thieme galt als der sicherste Pistolenschütze des Ba­taillons, während die Schießkünste des Studenten, der wohl als Fechter einen guten Rus besaß, nicht hervorragend sein konnten, da chm zu Uebungen die Gelegenheit fehlte. Die Katastrophe trat erst beim dritten Kugelwechsel ein; die ersten beiden Male schossen beide Duellanten in die Luft.

Vermischtes.

Worms, 14. Jan. In ea. 20 Schreinerwerk­stätten haben heute die Möbelpolirer wegen Lohndifferenzen die Arbeit eingestellt.

* Jena, 11. Jan. Wie demJenaer Volksblatt" von vertrauenswürdiger Seite mitgeteilt wird, forderte ein Angehöriger der Burschenschaft Arminra gestern abend zwischen 11 und 12 Uhr imEafs Passage" einen hiesigen Assistenzarzt, der sich in Begleitung seiner Braut und zweier Herren befand, jedenfalls wegenFixierens", auf Säbel mit schweren Bedingungen. Diese Forderung wurde dem Arzte später durch einen Kartellträger, ebenfalls Angehöriger der Burschenschaft Arminia, offiziell im Abort des Eafvs zugestellt. Der Geforderte hat die Angelegenheit dem Universitätsamt zur Untersuchung und B estrafung unterbreitet.

* Wien, 14. Jan. Zu den englffchen Blattern- Erkrankungen im hiesigen Allgemeinen Krankenhause wird offiziell mitgeteilt, daß die Diagnose bei einer in dem All­gemeinen Krankenhaus internierten Patientin noch nicht mit Sicherheit ergeben habe, daß es sich um einen Fall von schwarzen Blattern handelt. Ein weiterer verdächtiger Er- krantüngsfall sei nicht vorgekommen. Die Vorlesungen an der Klinik des Prof. Neußer wurden wieder ausgenommen.

Gerichtssaal.

S. Darmstadt, 13. Jan. Wegen Gefährdung eines Eisenbahntransportes hatten sich heute vor der Strafkammer der Stationsassistent Hch. Triebert, 33 Jahre alt, von Kirsch­garten, wohnhaft in Bensheim, sowie der Stellwerkswärter Georg Rüster, (51 Jahre alt, aus Egelsbach, wohnhaft in Neu-Isenburg, zu verantworten, da sie beschuldigt sind, am 13. April in Neu-Isenburg durch falsche Signale und Zeichen,

sowie durch falsche Weichensteltung die teilweise Entgleisung eines Güterzuges verursacht zu haben. Triebert hatte an dem Tage den Rangierdienst in den südlichen Rangiergleisen der Station Isenburg zu beaufsichtigen und Rüster das Stellwerk zu bedienen. Nachdem der nach Sachsenhausen be­stimmte Güterzug Nr. 124 zusammeugestellt war, wurde dem Rüster von dem Beamten im Stationsbureau das Signal zur freien Ausfahrt nach Sachsenhausen gegeben. Rüster legte darauf die Weichen richtig und stellte das Signal auf freie Fahrt. Der Zug fuhr an dem Signal D. 1 vorbei nach dem Hauptgeleis. Der Stellwerkswärter Rüster hatte nun entgegen seiner Instruktion, ehe der Zug die ganzen Weichen durchfahren hatte, das Signal wieder auf Halt gestellt, wo­durch ein Wagen umgeworfen und ein Stück mitgeschleift wurde. Der Materialschaden betrug etwa 300 Mk. Den Angeklagten wurden mildernde Umstände zugebilligt und Tr. zu 30 Mk., R. zu 50 Mk. Geldstrafe verurteilt.

Groß-Umstadt, 13. Jan. Ein eigenartiger Fall von Sachb eschädigung beschäftigte am Mittwoch das hiesige Schöffengericht. Im Dezember vorigen Jahres hat der aus Sachsen stammende Viehschweizer Her­mann Lieske während seines Dienstes bei Oekonom Georg Lutz in Lengfeld einer wertvollen Kuh den Schwanz, vermutlich aus Bosheit, buchstäblich abgebrochen. Für diesen Akt grenzenloser Rohheit erkannte das Schöffen- gegen ihn aufle ine Gefängnisstrafe von fünf Monaten.

Berlin, 14. Jan. Das Schwurgericht des Landgerichts 2 verurteilte den Arbeiter Albert Jänicke wegen Mordes, schweren Raubes und Körperverletzung, verübt an der Dachdeckersfrau Rühlicke, zum Tode, 4 Jabren Gefängnis und dauerndem Ehr­verlust. Der mitangeklagte Arbeiter Arthur Steinke wurde wegen Beihilsc zum qualifizierten Raube, Begünstigung und Hehlerei zu sechs Jahren Zuchthaus und Ehrverlust von der gleichen Dauer verurteilt.

Karlsruhe, 13. Jan. Der ehemalige sozialdemo­kratische Abgeordnete Opificius in Pforzheim, der von der hiesigen Strafkammer wegen Unterschlagung zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wurde, Hal die Mitteilung erhalten, daß er die Strafe unter dem Gesichtspunkt der bedingten Spaft nicht zu verbüßen haben wird, so­fern er sich innerhalb fünf Jahren keiner weiteren straf­baren Handlung schuldig macht.

Die Pariser Jury hat eine neue Variante, die verblüffendste, desVerbrechensausLeidenschaft", gefunden. Sie hat nicht nur dem betrogenen Gatten und der verlassenen Geliebten das Recht zu töten zuerkannt,, sie giebt nun auch dem Zuhälter einen Freibrief für denM 0 rd. Louis Martin, ein Bengel von 25 Jahren, der, obwohl aus einer ehrenhaften und arbeitsamen Familie stammend, keinen anständigen Erwerb ergreifen wollte, stieß der Tingeltangel-Tänzerin Grielons, von der er häufig Unterstützungen" erhielt, ein Messer bis zum Stiel ins Herz, weil sie ihm den Abschied gab, um fortan bezahlt zu werden, anstatt selber zu bezahlen. Sie hatte endlich einen ernsthaften" Verehrer gefunden, und aus diesem Umstande zog der Verteidiger sein Hauptargument. Denn, sagte er, wenn Martin ein Zuhälter wäre, hätte er seine Freundin nicht in dem Augenblick getötet, wo der Besitz eines wohl­habenden Gönners sie in die Lage versetzt hätte, ihn noch ausgiebiger zu unterstützen; Martin hat folglich nicht aus Eigennutz, sondern aus Liebe gehandelt. So, sagten die Geschworenen, aus Liebe! Das ist freilich eine andere Sache, da müssen wir ihn freisprechen. Und sie sprachen ihn frei! Den Kommentar kann sich jeder selber machen.

Handel und Verkehr. Volkswirtschaft.

Berlin, 13. Jan. Der Leiter des HandelsteilsderNal.-Ztg." Dr. Julius Barsch ist heute unerwartet in einem Anfall von Herzschwäche gestorben. Ein hiesiges Bankenkoasortium über­nimmt 115 Millionen Mark Reichsanleihe und 185 Millionen Preußische K 0 ns 0 ls, welche demnächst zum Kurse von 89,80 Mk. zur Subskription gestellt werden sollen. Wie dieNat.-Ztg." hört, sind die Rückflüsse zur Bank auch in der zweiten Januarwoche erheblich, sodaß schon in nächster Zeit mit einer Ermäßigung des Banksatzes zu rechnen ist.

Bon der Reichsbauk. Am 1. Februar wird tn Cöth en (Anhalt) eine von der Reichsbankstelle in Halle a. S. abhängige Reichsbanknebenstelle mit Kaffeneinrichtuüg und beschränkem Giro­verkehr eröffnet werden.

Die Aktien - Gesellschaft für Glasindustrie, vormals Friedrich Siemens in Dresden, ergriff von der Fabrik feuer­fester und säurefester Produkte in Vallendar am letzten Samstag Besitz und übernahm den Betrieb.

Kunst und Wissenschaft.

Frankfurter Oper. Eine gute Aequisition hat die Intendanz der Frankfurter Oper mit dem Engagement

der Frau Beatrix Kernic -München gemacht, die schon während ihrer Gastspiele die Aufmerksamkeit der künst­lerischen und musikverständigen Kreise auf sich lenkte. Als Antrittspartie sang Fran Ster nie die Rose Friquet mit bestem Erfolg, und aud) ihr zweites Auftreten als Nedda geschah unter günstigen Zeichen- In der neu gewonnenen Kraft vereinigen sich neben schönen stimmlichen Mitteln nicht innbedentende darstellerische Talente, sowie eine ge­wisse künstlerische Intelligenz, welche der Verkörperung einzelner Gestalten ein charakteristisches Signum aufprägt. Konventionelle Art und Schablone scheinen hier zu kurz zu kommen, und wenn es außer einer schönen Stimme noch der Erwähnung eines besonderen Vorzuges bedarf, so ist es diese Selbständigkeit im künstlerischen Denken und Schaffen, welche das neu gewonnene Mitglied der Oper in den Vordergrund der Interessen gerückt hat-

Monatliche Ukbcrfilht her Todesfälle in Ließen.

Monat Dezember 1901.

Kinder

Es starben an: Zusammen:

Erwachsene:

im

vom

1. Lebensiahr: 2.

-15. Jahr

Diphtheritis im Wochenbett

1

2 (1)

2 (1)

1

Tuberkulose der

Lungen

Tuberkulose anderer

5 (1)

2

3 (1)

Organe

3 (1)

2 (1)

1

Lungenentzündung

1 (1)

1 (1)

Stimmritzenkrampf

1

1

Schlagfluß

1

1

Herzleiden

1

1

bösart. Neubildungen

0 (0)

6 (5)

Altersschwäche

2

2

anderen Krankheiten

11 (4)

9 (4)

1

1

Verunglückung

4 (3)

4 (3)

Summa: 38 (16) 30 (15) 3 5 (1)

Anm.: Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an, wie viel der Todesfälle in der betreffenden Krankheit auf von auswärts nach Gießen gebrachte Kranke konunen.

Neueste Meldungen.

Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers.

Berlin, 14. Jan. Znm Zolltarif hat Abg. Frhr. v. Heyl folgenden Antrag eingebracht: 29) Tabak­blätter, unbearbeitet oder nur gezogen, fermentiert oder über Ranch getrocknet, auch in Büscheln, Bündeln oder Puppen an Stelle des vorgeschlagenen Satzes von 85 Mk. per 1 Doppelzentner zu setzen: 125 Mk. per Doppelzentner.

Brom berg, 15. Jan. Die Regierung beabsichtigt, hier eine landwirtschaftliche Hochs chule zu er­richten.

München, 15. Jan. Kommerzienrat Bassermann- Jor dan in Deidesheim vermachte der bayrischen Akademie der Wissenschaften 3 5 0 0 0 Mk. zur Fröderung der Aus­grabungen ans der Insel Aegina.

Barcelona, 15. Jan. Der Streik hat sich ver­schlimmert. Die Ausständigen, die mit Waffen, Messern, Stöcken und Revolvern versehen sind, griffen ver­schiedene Fabriken an, bemächtigten sich der Werkzeuge und zerstörten die Maschinen. Bürgergcwde rückte gegen die Aus­ständigen vor.

Brüx, 14. Jan. Gegen Mittag ist ein Wasserein­bruch im Jupiterschacht. Von 116 Mann der Beleg­schaft werden 43 vermißt, darunter den Betriebsleiter, Ingenieur Seemann und 2 Aufsichtsbeamte, Der Jupiter­schacht ist wegen des hohen Wasserstandes unzugänglich. Die Verunglückten dürften infolge der Unmöglichkeit jeder Hilfe­leistung rettungslos verloren sein.

Melbourne, 15. Jan. (Reuter.) Im Bundes- Parlament brachte der Bundespremierminister Barton eine Resolution ein, in der erklärt wird, das Haus ergreife im Hinblick auf die Absendung desau st ralisch en Kon- tingents nach Südafrika die Gelegenheit, um der Entrüstung über die im Ausland gegen die Ehre des britischen Volkes, sowie gegen die Menschlich­keit und den Wert der britischen Soldaten erhobenen Be­schuldigungen Ausdruck zu geben. Das Haus erkläre, daß Australien bereit sei, dem Mutterlande alle erforderliche Hilfe zu leisten; und wenn bezüglich des Verlangens Groß­britanniens Truppen vom Bunde die Regierung vom Parla­mente angewiesen worden wäre, sie zu verweigern, so würde die Regierung zurückgetreten sein. Wenn man von der Regierung statt 1000 Mann 2000 bis 3000 verlangte, so würde sie diese ebenso bereitwillig senden. Hierauf wurde der erste Teil der Resolution einstimmig, der zweite mit allen außer fünf von Arbeitervertretern angenommen.

KedenLet der frierenden, hungernden MgeN

Gießen, den 14. Januar 1902.

Menn Schnee und Eis Wald und Flur bedecken, dann tritt bei unfern lieben Sängern, den Vögeln, die bitterste Not ein.

Einzelne Tistelstöckchen und einzelne Sameimhren des Wegerichs, die aus der Schneedecke hervorragen, oder die wenigen Beeren, welche noch vereinzelt an den Büschen hängen, vermögen nicht den Hunger der armen Vögel zu stillen. Die Not treibt die sonst so scheuen Tierchen in die Nähe unserer Wohnungen. Aus ihren Augen spricht gleichsam die stille Bitte:Gebt ihr uns doch zu essen!" Die Tierschutzvereine betrachten es als eine ihrer wich­tigsten Aufgaben, fiir die Linderung der Not unserer Vögel einzutreteu. Nicht allein dadurch, daß sie geeignete Futter­plätze anlegen, oder Futterbretter an geeigneten Orten an­bringen und mit Futter beschicken, das den Vögeln zusagt, sondern auch dadurch, daß sie suchen, andere zur Mit­hilfe zu bewegen. Und in erfreulicher Weise wird von vielen edlen Ätenschen der darbenden Vögel gedacht und für sie gesorgt!

Da aber manche Gabe, die den Vögeln dargereicht wird, sogar schädlich für sie sein kann, so erachten wir es für angebracht, in nachfolgender Ausführung über die geeignetste und den Vögeln zuträglichste Winterfütterung das Notwendigste mitzuteileu.

Die Anlage der Futterplätze und das Anheften von Futterbrettern muß au solchen Plätzen geschehen, wo sich Zuleitungen vorfinden (Gärten, Zäune, mehrere Bäume, Ufer mit Gebüsch usw Auch dürfen in der Nähe nicht Vorgänge ftattfiiiben, die den Vögeln Furcht einjagen. So stört z. B- gleichförmig fortdauerndes Geräusch weniger, als von Zeit zu Zeit erschallendes; vorübergehende Menschen weniger, als stehenbleibende u. dergl m. Auch nvfiehlt es sich, die Futterplätze mit Dornen und an- -cm Gehölz zu umzäunen, und zu bedecken, weil dies t- -leinen Vögeln das Gefühl der Sicherheit giebt und sie vor Raubvögeln uub anderen ungebetenen Gästen

haben. Auch ,ist es viel wert, wenn die Futterstelle sich in der Nähe eines Gewässers befindet. Wo dieses nicht möglich zu machen ist, da darf man es nicht versäumen, den Vögeln mit Wasser gefüllte, flache Gefäße neben an zu stellen; denn wenn Teiche, Bäche und Flüsse zugefroren sind, haben die Vögel oft mehr unter den Qualen des Durstes als unter den Qualen des Hungers zu leiden.

Für alle Maisenarten, die kleineren Spechte, Baum­läufer, Finken usw. auch Amseln empfiehlt sich für die Winterfütteruug: Küxbis-, Gurken-, Sonnenblumenkerne, ganz kleine Stückchen Nußkeme, Hanfkörner, , kleinzer­schnittenes, gekochtes, aber nicht gesalzenes Fleisch (etwa erbsengroß), kleine Krümchen von Talg oder ungesalzenem Speck (nur nicht Stearin oder Paraffin).

Oft sieht man Speckschwarten oder Speckstreifen für die Meisen angenagelt. Es sieht wohl schön aus, wenn die Meisen daran ihre Turnkünste üben; doch wird dieses Herumflattern an genanntem Futter für dieselben oft sehr gefährlich, weil sie dabei die Schwungfedern leicht fettig machen, und dann schlecht fliegen, und so leicht eine Beute ihrer Feinde werden können. Zeisige, Gold­ammer, Hänflinge, Haubenlerchen, Stieglitze usw. nehmen fürlieb mit Heufamen, Scheunenabfall, alten, übrig ge­bliebenen Gartensämereien, Rapsabfälle, Mohn-, Hanf­samen u. dergl. m.

Amseln, Drosseln, Stare usw. werden herangezogen durch getrocknete Hollunder- und Heidelbeeren, Trauben von wildem Wein, Hagebutten, durch kleinzerschncktene Aepfel oder Birnen, fein geschnittene Stückchen Fleisch (gekochtes und womöglich ungesalzenes). Rohes Fleisch sollte man nie geben, einerseits, weil dies den kleinen Vögelchen schädlich werden kann, andererseits, weil sich die Amseln dadurch verwöhnen, und im Sommer junge Vögelchen als Leckerbissen betrachten.

Kleine Mehlwürmer mit eingedrückten Köpfen, Ameisen­puppen uni) etwas Mohnsamen sind für den Zaunkönig ein Leckerbissen.

Bei Verabreichung von Schwarz^ und Weißbrot­krümchen (nicht Stückchen) an die Vögel und klein zer­

drückten Kartoffeln muß beachtet werden, daß dieselben, sobald sie feucht geworden sind, nicht länger als höchstens einen Tag auf der Futterstelle liegen bleiben dürfen, weil sie leicht Säure erzeugen, unseren Schützlingen den Magen verderben, und den Tod derselben herbeiführen können.

Mill man nicht besondere Futterplätze einrichten oder Futterbretter anbringen, so streue man doch wenigstens auf einen, von Schnee gereinigten Platz in dem Garten, auf dem Hofe, vor oder hinter dem Hause von vorgenann­ten Futtermitteln, und man wird wahrnehmen, daß sich bald die gefiederten Gäste einfinden.

Bisweilen hört man die Meinung, daß die insekten­fressenden Vögel durch die Anlegung von Futterplätzen u. dergl. verwöhnt würden, und sich mit weniger Eifer an die Aufsuchung der an den Bäumen klebenden Jn-- sekteneier und Larven hermachten. Wer solches behauptet, der hat noch nicht beobachtet, daß die Vögel, so lange noch im Winter das Wetter gelinde ist, die für sie her- gerichteten Futterplätze nicht besuchen, und wenn sie mit dem auserlesensten Futter bestreut wären; sie kommen nur dann zur Futterstelle, wenn Schnee und Eis die Baum­rinden bedecken, und ihnen das Aufsuchen ihrer Nahrung unmöglich gemacht wird. Eine Fütterung der Vögel braucht überhaupt nur bei Schneefall, Reif oder Glatteis ein­zutreten.

Indem wir annehmen dürfen, durch vorstehende, im Interesse der bei uns überwinternden Vögel gemachte Aus­führung das Mitleid und die Mithilfe weiter Kreise an­geregt zu haben, wollen wir noch an füg en, daß wir uns Vorbehalten, in einem späteren Artikel über die Anlage von Futterplätzen, das Anbrmgen von Futterbrettern und dergleichen Ausführlicheres mitzuteilen. Nur sei noch be­merkt, oaß von den, in diesem Winter neu hergerichteten Futterbrettern noch einige ununtgeltlich abgegeben werden können. Man wolle sich dieserhalb, sowie auch wegen weiteren Bezugs von Futterbrettern und Futterhäuschen an den Vorsitzenden des Gießener Tierschutzvereins wenden. Anfragen werden im Stadt - Knabenschulhause entgegen­genommen. H.