Nr. 13
Mittwoch, 15. Januar 1903
153. Jahrg.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gießener Zainilienblätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Giehener Anzeiger
Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck.
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universüätsdruckerei (Pietsch Erben), Gießen.
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Parlamentarische Verhandlungen.
Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.
Deutscher Reichstag.
117. Sitzung vom 14. Januar.
I Uhr. Das Haus istäußerstfchwach besetzt.
Am Bundesrathstisch: Gras Posadowsky, von Goßler und Andere.
Die erste Lesung des Etats wird fortgesetzt.
Abg. Dr. Sattler (nl.): Ich begebe mich mit einer gewissen Furcht oder Scheu auf diesen Platz (Heiterkeit); ich fürchte nämlich, daß Sie mich für unbescheiden halten können, weit ich zum zweiten Male das Wort ergreife. Nachdem aber die Abgg. Fürst Radziwill und Bachem so schwere Vorwürfe gegen mich erhoben haben, mutzte ich diese Furcht und Scheu überwinden. Ich finde dazu um so eher den Muth, als ich sehe, daß Herr Bachem nach mir wieder auf der Rednerliste notirt ist, obgleich er bereits zweimal in der Debatte gesprochen hat. Fürst Radziwill wirst mir eine Entgleisung vom Wege der objektiven Wahrheit vor.
Ich habe mich bei meiner Rede vom 10. Dezember bemüht, nur ein ganz zuverlässiges, objektives Quellenmaterial zu beschaffen; ich habe mich auf die Behauptungen von Männern gestützt, die diese mit ihrem eigenen Namen unterschrieben hatten, der Herren Franko und Sembratovic. Hätte Fürst Radziwill diese Behauptungen widerlegt, so würde ich der Erste sein, der dies anerkennt. Er hat das aber nicht gethan, sondern seine Kritik überhaupt an einem einzigen Punkt angcsetzt, nämlich an meinen Angaben über die Zahl ruthenischer und deutscher Volksschulen in Galizien. Auf Grund eines reichen Materials aber, das mir meine Gewährsmänner hierüber zur Verfügung gestellt haben, bin ich in der Lage, auch in diesem Punkt meine Behauptungen vollständig austecht zu erhalten. Es sollen in Polen 22 deutsche Volksschulen bestehen. In Wirklichkeit sind das Militärschulen, die die österreichische Militärverwaltung eingerichtet hat; die Zahl der ruthenischen Schulen soll über 2000 betragen und etwas größer sein als die der polnischen. Die Stattstik bestätigt dies allerdings ; sie ergiebt aber nicht, daß diese sogenannten ruthemschen Volksschulen keine ruthenischen, sondern utraquistische, d. h. polnisch-rnthenische Schulen sind. Im Jahre 1868 bestanden in Galizien 1293 rein ruthenische und 1055 rein polnische Volksschulen ; damals gab es auch noch ruthenische Lehrerbildungsanstalten, sogenannte Präparandenanstalten, während es jetzt nur noch polnische Präparandcnanstalten giebt. Auch an den sogenannten ruthenischen Volksschulen unterrichlen in vielen Fällen nur polnische Lehrer, die ihreThätigkeit zurPolonisirung der ruthenischenJugend benutzen. AußerdemmußdieZahl dieser„ruthenischen" Volksschulen deshalb erheblich herabgesetzt werden, weil sich darunter viele Hunderte „nicht aktive" Schulen befinden, bei denen entwederdas Schulgebäude oder der Lehrer fehlt. Im Jahre 1871 waren nach dem Bericht des Landelschulraths nur noch 572 rein ruthenische und dafür 787 utraquistische Voltsschulen vorhanden. Dagegen erhoben die rufheni- schen Abgeordneten im Reichsrath Widerspruch und deshalb erschienen 1874 wieder 1537 ruthenische und keine einzige utraquistt- sche Schule in der Stattstik. Mer 1876 finden wir schon wieder 1340 ruthenische und 260 utraquistische Schulen. Und nach dem Bericht für 1900/01 existtren 2121 polnische, 2157 ruthenische, d. h. utraquistische Volksschulen. Mttv sind aber nur 2033 polnische und 1926 utraquistische Schulen. Herr Sembratowic, auf dessen Angaben ich mich stütze, hat mir mitgetheilt, daß er feine Ansichten in zahlreichen österreichischen Blättern, wie „Die Zeit", die „Waage", „Der Kyfthäuser", und zwar fast immer mit Namcns- unterschrift, vertteten habe und daß ferner die Artikel, die in reichsdeutschen Blättern unter der Bezeichnung „von einem galizischen Slawen" erschienen seien, von chm herrührten. Man habe ihm wegen dieser Artikel wohl Drohbriefe geschickt, ihn auch zum Duell gefordert, aber niemals ihm Gelegenheit gegeben, die Wahrheit seiner Behauptungen vor Gericht zu erhärten. Unter diesen Umständen habe ich keine Veranlassung, von meiner Rede vom 10. Dezember irgend etwas zurückzunehmen. Uebrigens wird mir mitgetheilt, daß in diesen „ruthenischen" Schulen offiziell das Lied eingeführt sei: „Noch ist Polen nicht verlorqn".
Die Rede des Staatssekretärs von Böller war nicht gegen mich gerichtet, sondern ging neben meinen Ausführungen her. Tas formale Recht der Negierung zu ihrem Vorgehen in Straßburg habe ich nicht bestritten und auch anerkannt, daß bei der Berufung der Professoren ein Ausschluß der Katholiken nicht berechtigt sein wurde. Wir wollen, daß die Lehrstühle lediglich nach Maßgabe der wissenschaftlichen Tüchtigkeit besetzt werden; eine Zurücksetzung der Katholiken liegt also nicht in unserem Sinne. Uebrigens Warin Straßburg schon einmal ein katholischer Geschichtsprofessor, nämlich Herr Schcffcr-Voichhorst. Herr Bachem hat mir Aufgeregtheit vorgeworfen. Nein, nicht ich war aufgerecst, sondern der Herr Bachem, der sich in die reine Kulturkampfstimmung hineinredete. Ich habe mich nicht darüber aufgehaltcn, daß überhaupt ein Katholik berufen worden ist; ich habe auch nicht die Verdienste der römischen Kirche um die Wissenschaft angezweifelt. Die „National- Zeitung" hat aber mit Recbt darauf hingcwicscn, daß es eigentlich auffallend ist, wenn die Herren Dr. Bachem und Groeber über die Verdienste der Kirche um die Wissenschaft immer auf so weit zurück- liegndc Zeiten Rücksicht nehmen. (Sehr gutl) Herr Groeber hat in Osnabrück Kolumbus und Gutenberg zittrt. Durch solche Exemplikationen könnten wir versucht werden zu fragen, ob denn der Prozeß gegen Galilei (sehr gut! bei den National-Liberalen und links. Ach! im Centtum) gerade einen Beweis dafür gebe, daß die Frecheit der Forschung in der katholischen Kirche immer anerkannt worden fei. Herr Bachem erklärte mit Emphase, die katholische Kirche beeinträchtige die Freiheit der Forschung durchaus nicht. Ich erinnere ihn an einen Artikel der „Kölnischen Volkszeitung" über die katholische Kirchcngeschichte des Professors F. 3E. Kraus. Es heißt da, rein wissenschaftlich genommen sei das Werk eine Glanzlcisttmg, die alles Frühere in den Schatten stelle; Kraus habe aber auf Verlangen des heiligen Stuhls die 2. Auflage durchgreifend geändert. Also gewisse Schwierigkeiten, ihre wissenschaftliche Ueberzeugung mit den Forderungen der Kirche in Einklang zu bringen, bestehen sicher; und mehr habe ich nicht behauptet. Die Zitirung der protestatio fidei in dem Buch von Huber war Hrn. Bachem offenbar unbequem. Er meinte, nicht jeder Priester könne beurtheilen, ob nicht irgend etwas in seinem Buch gegen das Dogma der Kirche verstoße und für dieseEventualität habe sich Huber vorsehen wollen. Ich habe allerdings bisher eine größere Meinung von der Ausbildung der katholischen Theologen gehabt und muß diese Leute gegen Herrn Dr. Bachem in Schutz nehmen. Den Ausdruck Voraussetzungslosigkeit habe ich absichtlich vermieden, weil man sich darüber ohne längere Diskussionen nicht einigen kann. Wenn £>crr Bachem also so that, als ob seine Polemik ^geg-n diesen Begriff sich gegen mich richtete, so war das wieder einer seiner Kunstgrifte. Herr Bachem hat mir überhaupt Manches vorgeworfen, was ich gar nicht behauptet hatte; diese Methode gewinnt doch leicht den Charakter der Rabulisttk. Ich kann ein solches Verfahren, mir Worte zu unterstellen, die ich gar nicht gesagt habe.
weder für höflich, noch für kollegialisch, noch für schon, ja nicht einmal kür loyal erklären.,
Abg. Dr. Bachem lCtr.): Herr Dr. Sattler hat heute die VorauSsctzungslostgtcits-Professorcn so von seinen Rocksck)ößen abgeschüttelt, daß ich eine lebhafte Genugthuung darüber empfinde. Ich las heute einen Vers, den ich dem Abg. Sattler angelegentlich empfehle. Der Vers lautet:
So Mancher hält sich für ein kluges Haus Und bleibt Nachbeter bis zum Tode, Er sagt: Ich setze nichts voraus. Vorausgesetzt, daß dies jetzt Mode.
Auch wir wollen, daß nur die wissenschaftliche Tüchtigkeit entscheidend fein soll. Aber gerade das hat man in Straßburg nicht gethan, dort ist ftühcr nur die Konfession entscheidend gewesen, dort hat man nur Protestanten ernannt. Die katholische Wissenschaft zählt auch heute noch bedeutende Vertreter. Denken Sie nur an den Papst Leo XIII., Der allen Gelehrten die Archive des Vatikans geöffnet hat, ohne Unterschied der Konfession. Wenn man überall so gehandelt hätte, wie Papst Leo XIII., würden wir uns nicht zu beschweren haben. Gerade die katholische Geschichtsforschung zählt heute hervorragende Gelehrte, wie die Professoren Schulte, Finke u. f. w., denen die Protestanten nur den alten Mommsen entgegen zu stellen haben. (Widerspruch bei den National-Liberalen). Wenn ein Katholik einst protestatio fidei macht, thut er es nur, um sich bei einem etwaigen Exkurs auf das theologische Gebiet zu sichern. Was kümmert denn überhaupt den Abg. Sattler das Verhältniß der katholischen Historiker zur Kirche? Wir kümmern uns auch nicht darum, wie die evangelischen Historiker zu ihrer Kirche stehen. Man muß streng die historische und die theologische Seite unterscheiden. Niemals hat die Kirche ein Anathema ausgesprochen, wenn historische Thatsachen festgestellt wurden. Nun wirft mir der Abg. Sattler das Wort Gallilei entgegen. Aber dadurch bringt er mich nickst in Verlegenheit. Alle katholischen Gelehrten sind sich heute darüber einig, daß das Gerücht gegen Gallilei ein Fehlgericht war. Im Etat werden 400 000 Mk. als Zuschuß für die Universität Straßburg gefordert. Wenn man die Katholiken dort so vom Lehramt ausschließt, wie bisher, werden wir uns nicht scheuen, gegen diese Position zu stimmen.
Abg. Wetterte (Elsässer): Viele Studenten unseres engeren Heimathslandes mutzten in die Fremde gehen, weil es in Stratz- burg an katholischen Professoren fehlte. Bisher war Straßburg die Hochburg des Protestantismus im Elsaß. Der Staat hat das Monopol der Anstellung, er muß dafür aber auch die Bedürfnisse der Bevölkerung berücksichtigen. Das letzte Vorgehen der Regierung scheint einen Bruch mit dem bisherigen System zu bedeuten, und wird von der ganzen Bevölkerung mit Freuden begrüßt.
Abg. Schlumberger (Hosp, der Nat.-Lib.): Herr Bachem hat sich darüber beklagt, daß alle Abgeordneten aus dem Elsaß feit Langem nicht hier waren. Bei der Zolltarisberathung aber waren alle 15 Elsässer da, und haben sich für die Forderungen der Regierung ausgesprochen. Ich habe meinem Freund Sattler ge- rathen, den Fall Spahn in der Debatte nicht zu erwähnen. Ich bin für absolute Freiheit der Wissenschaft. Bei uns haben sich bis jetzt Die Verhältnisse ruhig entwickelt, doch ist es gefährlich, wenn man die religiösen Streittgkeiten ansacht. Nun sagt man, in Straßburg giebt es zwei Drittel evangelische und nur ein Drittel katholische Studenten. So viel ich aber weiß, halten sich alle elsässischen Studenten, welcher Konfession sie auch angehören mögen, von Straßburg fern.
Das Kohlensyndikat, das hier so scharf angegriffen ist, muß ich in Schutz nehmen, das Syndikat hat sehr wohlthätig gewirtt. Seit dem Bestehen des Syndikats haben wir nicht mehr solche Schwankungen wie ftüher. Tie Negierung sagt immer, daß sie die Wasser- straßen begünstigen will, weshalb werden denn die meisten Saar- kohlen per Bahn befördert? Für soziale Reformen bin ich auch, aber man muß nickst zu ungeduldig sein. Von einem sozialpolitischen Stillstand ist nicht die Rede, es bedarf der größten Arbeit, um nur die jüngsten Gesetze durchzuführen. Durch das Verbot der Kinderarbeit hat man den Arbeitern keinen Dienst erwiesen, das Geld, das früher Die Kinder verdienten, fehlt jetzt den Arbeitern. Mit solchen Gesetzen dient man dem sozialen Frieden nicht.
Abg. Schrader (frcif. Vgg.): Der Fall Spahn ist durch den Nedekampf darüber nicht klarer geworden. Auch wir wollen, daß nicht die Konfession, sondern nur Die wissenschaftliche Tüchtigkeit entfcyeidet. Dabei muß man ober auch verschieDene Meinungen hören, ich hätte selbst nichts gegen sozialDemokratische Professoren einzuwenDcn. Eine rein mechanische Abgrenzung nach Der Zahl Der Konfessionen ist zu verwerfen. Prof. Spahn ist nur ernannt, weil er Katholik ist unD so lehren soll, wie es Die katholische Kirche will. Und nur gegen diesen Zwang haben sich die Universitäten gewahrt.
Abg. Dr. Müller-Meiningen (freif. Vp.): Im Falle Spahn stehe ich ganz auf dem Standpunkt, den gestern Herr Dr. Hermes hier entwickelt hat. Die Berufung aus konfessionellen Gründen ist ebenso zu verwerfen, wie jeder Protelttonismus bei der Anstellung. Die deutsche Profefforenbewegung hat ganz das Nichtige getroffen. Wenn man den Grundsatz, den man hier bei der Geschichte angewandt hat, auch bei der Jurisprudenz und bei Den Naturwissenschaften antocnDen wollte, was toürDe Dann wohl aus unseren Universitäten werden! Prof. Mommsen hätte lieber das Wort Vorurtheilslosigkeit anstatt Voraussetzungslosigkeit brauchen sollen. Daß die katholische Wissenschaft minderwerthtg sei, hat Keiner hier behauptet. Mit der Erwähnung des Buches Des Dr. Huber ist Herr Bachem hereingefallen, seine Ausführungen haben außerhalb Des Hauses in Gelehrtenkreisen nur Heiterkeit erregt. Die protestative Unterwerfungsklausel ist erst nachträglich Dem Buche zugefügt worden. Die Wiener Akademie hat nichts davon gewußt. Wie stimmt der index librorum prohibitorum zu der Freiheit der Wissenschaft? Wie weit die Katholiken gehen, be- wcißt, daß ihnen der konfessionelle Tanzlehrer und die konfessionelle Landrattzsköchin noch nicht genügen. (Heiterkeit.) Dogma und Forschung verhalten sich wie Feuer und Wasser. Der Himmel behüte uns davor, daß konfessionelle Rücksichten für die Forschung maßgebend werden. Erinnern Sie sich des Wortes des Kaisers Friedrich, daß die heuttge Zeit der Aufklärung bedarf. (Beifall.)
Abg. Dr. Gradnauer (Soz.): Der Reichskanzler hatte keine Veranlassung, meinem Parteigenossen Bebel den Vorwurf zu machen, daß er das deutsche Heer beleidigt hätte. Hat der Reichskanzler doch selbst zugegeben, daß in jedem Krieg Grausamkeiten und Ausschreitungen vorkämen; damit hat er selbst weit Schlimmeres über unser Heer gesagt als Bebel. Die Behauptung Chamberlains, daß die englische Armee sich durch Humanität ausgezeichnet habe, ist Unwahrheit und Heuchelei. In anderen Parlamenten wird das eigene Heer weit schärfer angegriffen, als es die Sozialdemokraten hier gethan haben. Denken Sie nur an die Angriffe Campbell-Bannermans gegen ba§ jetzige englische Kabinett Auch rührt das Anklagematerial, das man hier gegen die englische Kriegführung braucht doch nur aus englischen Quellen. In England tritt aber auch die ü. urgeoisie
für eine humane Kriegführung ein, bei uns thun das nicht mal die Liberalen, trotzdem viele unter ihnen den Friedensvereinen angehören. Keiner unserer Liberalen ist für eine menschlichere Kriegführung in China eingetreten. Aus Paris haben wir 1870 71 nichts mitgenommen, aber jetzt haben wir diese Enthaltsamkeit nicht geübt. Wir sind jetzt nicht mit leeren Händen heimgekehrt, wir haben , Die astronomischen Instrumente mitgenommen. Wie man, wie der Kriegsminister, noch zweifelhaft sein kann, ob die Beschlagnahme gerechtfertigt war, verstehe ich nicht. Unser Verhalten war einfach völkerrechtswidrig. Wir müssen es sühnen und die Instrumente kostenlos nach China zurückführen. Die Hunnenbriefe darf man nicht so leicht nehmen. Die Ausführungen des Kriegsministers über diese Briefe litten an Seltsamkeit und Hilflosigkeit. Es soll ja eine Brieffabrik entdeckt sein, aber geraoe das Entscheidende, die Adressen, hat man nicht gefunden.. Der Verfasser des Flugblattes, Schumann, scheint der bekannte Polizeispitzel Normann - Schumann gewesen zu sein, den man in allen Ministerien kennt, blos nicht im Kriegsministerium. Er soll erst kürzlich in Berlin gewesen fein, man soll diesen notorischen Lumpcn hier ganz unbehelligt gelassen haben. Nur bei einem Hunnenbrief ist der Wahrheitsbeweis angetreten, und das ist der Brief, wegen dessen Hauptmann von Feilitzsch nicht mehr in die bairische Armee aufgenommen wurde. Das Verhalten des Kriegsministers im Falle Feilitzsch war betrübend, er hat ja beinahe die Mißhandlungen des Fe'litzsch beschönigt. Major v. Kettler hat in China 22 Chinesen erschießen lassen nur auf das Zeugniß von einigen chinesischen Christen hin, die ihrer Sache nicht einmal recht sicher waren. Dieser Fall kann wohl als typisch bettachtet werden. Gefangene sind in China garnicht gemacht worden. Das ist doch iu einem Kriege noch niemals dagewesen. Wir haben uns dort die Konzentrationslager gespart, während doch die Engländer in Transvaal wenigstens die Gefangenen, die Frauen und Kinder, in solche Lager gebracht und ernährt haben. Wir sind also noch inhumaner gewesen als die Engländer. Wenn der Abg. Bebel Reichskanzler gewesen wäre, würden wir sicher nicht eine solche Politik in China getrieben haben, die zur Ermordung unseres Gesandten und zu den späteren Vorkommnissen geführt hat. Der Reichskanzler hat gesagt, in nationalen Dingen verstehe er keinen Spaß. Ja, was sind denn nationale Dinge? Die Einen verstehen darunter die Bedrückung der Polen, die Anderen hohe Getteidezölle. Wir Sozialdemokraten verstehen keinen Spaß in Fragen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit.
Abg. Stockmann (Np.) billigt die Haltung der Negierung in der Chamberlain-Frage und erkennt es an. daß die Kriegervereine in dieser Frage sich Selbstbeschränkung auferlegt hätten.
Staatssekretär v. Posadowsky: Der Abg. Schlumberger hat mit vollem Recht gesagt, daß man in der Sozialpolitik nicht zu schnell vorgehen dürfe. Seine Bemerkungen über das Verbot der gewerblichen Kinderarbeit waren jedoch nicht berechtigt. Schon 1869 hat die Regierung Bestimmungen zum Schutz der jugendlichen Arbeiter vorgeschlagen, als es hier noch fast gar keine Sozialdemokraten gab. Kinder dürfen nicht gewerblich gemitzbraucht werden, daß ihre Ge» sundheit leidet. Wir werden diese Frage weiter verfolgen und rechnen dabei auf Ihre Unterstützung. (Beifall.)
Abg. Liebermann von Sonnenberg (Reichsp.) Meine letzte Rede wird im Lande nicht so beurtheilt, wie Herr Hasse sie beur- theilte. In Folge dieser Rede liegen heute wieder 311 Telegramme und Briefe hier auf meinem Platze, die alle mir zustimmen. Die offiziöse Preffe ist natürlich über mich hergefallen, obwohl ich doch gar nicht Chamberlain angegriffen, sondern nur. dessen Angriffe abgewehrt habe. Heber den Fall Krupp, der wohl England, aber nickst dem Oranje-Freistaat Waffen liefern durfte, hat der Staatssekretär nichts gesagt. Auf meine Rede ist der Reichskanzler wie ein strahlender Friedensengel aufgetreten, in England wird das aber noch immer nicht gewürdigt. Ter „Standard" schrieb sogar, Graf Bülow müßte Abbitte leisten, lieber die Rede Chamberlains herrscht unter den alten Kriegern im Lande noch immer große Erregung. Wenn der Reichskanzler, wie es in dem alten orientalischen Märchen geschildert ist, mit dem Kalifen im Lande herumziehen würde, würde er Wunderdinge hören. Ich hielt es für meine Pflicht, gegen Chamberlain vorzugehen, wie es unsere Krieger unter einem anderen Bülow bei Dennewitz machten, die mit dem Kolben dreinschlugen und sagten: Dat flutscht beter I
Staatssekretär Frhr v. Nichthofen bemerkt, es sei gänzlich unwahr, daß Die deutsche Negierung Krupp erlaubt habe, den Engländern Waffen zu liefern. Dem Oranje-Freistaat aber nicht. Es sei in keiner Weise irgcnD ein Ausfuhrverbot erlassen, in Folge dessen konnten die deutschen Firmen liefern, wohin sie wollten.
Abg. Fürst Radziwill (Pole): Wie es mit den ruthenischen Schulen aussieht. Darüber toirD sich ja später bei einer anDeren Gelegenheit reDen lassen. Genau wird Herr Dr. Sattler die Verhältnisse so wenig wie ich übersetzen. Aber er muß zugeben, daß er heute etwas anderes gesagt hat, als am 10. Dezember. Worauf es ankommt, ist, ob in Den galizischen Schulen Die Sprache Der Nuthe- nen genügend berücksichtigt wird und das ist in den utraquistischen Schulen der Fall.
Abg. Lenzmann (freif. Vp.): Die Aeußerung des Ministers Chamberlain hatte gewiß feinen Gran von Berechtigung; aber der große Lärm deswegen und die theatralische Scene, die hier aufgeführt worden ist, war nickst nöthig. — Ter Abg. Stockmann hat neulich in feiner Vertheidigung der Kriegervereine meine Partei verunglimpft (Präsident Gras B a 11 e ft r c m erklärt diesen Ausdruck für unzulässig). Ich weise diese Vorwürfe zurück. Die Kriegervereine sind nicht allein patriotisch. Der Llbg. Müller- Sagan hat keineswegs die Kriegervereine im Allgemeinen „Kriechervereine" genannt.
Abg. Schlumberger (Hosp. Der Nat.-Lib.) führt aus, daß er sich keineswegs gegen das Kinderschutzgesetz ausgesprochen, sondern nur darauf hingewiesen habe, daß das (besetz in feinen Folgen den Arbeitern vielfach nicht zum Segen gereiche.
Abg. Stockmann weist darauf hin, daß Herr Müller-Sagan direkt gesagt habe, die Kriegervereine oder richtiger Kriechervereine. Das gehe deutlich aus dem Stenogramm hervor.
Hirmit schließt die Debatte.
Persönlich bemerkt Abg. Dr. Sattler: Ich habe keineswegs die Voraussetzungslosigkeits-Professoren von meinen Nockschößen abgeschüttelt, sondern lediglich den Ausdruck „Voraussetzungslosigkeit" vermieden, weil er zu Mißverständnissen führen könnte.
Hierauf werden die wickstigslen Theile des Etats, aber im geringeren Umfange als sonst der Budget-Kommission überwiesen, und das Haus v e r tag t sich auf Mittwoch 1 Uhr (Interpellationen über die Kriegsinvaliden und die Arbeitslosigkeit.)
Schluß 5¥a Uhr.


