Ausgabe 
14.7.1902 Erstes Blatt
 
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Das Pettoleummouopol.

Die Wormser Handelskammer hat in ihrer letzten Sitzung verwunderlicherweise dem Antrag 'der Handelskammer Gießen, die deutsch-amerikanische Petroleumgesellschast, insbesondere die Errichtung von Tankanlagen zu bekämpfen, abgelehnt. Dagegen wehrt man sich in Württemberg mit aller Macht gegen d?e Ame­rikaner. Dort beabsichtigen diese, auf Bahnhöfen Petro­leumtanks zu errichten, von denen aus dem Zwischenhandel auf Kesselwagen der Bedarf an Petroleum von Zeit zu Zeit zugeführt werden soll. Um dieses System zu erreichen, machen zur Zeit Reisende jener Gesellschaft alle Anstrengun­gen; sie suchen den gesamten Zwischenhandel durch An­bietung aller Vortelle, billige Preise, alle möglichen Be- quemlichkellen, aber unterschriftlich auf Jahre hinaus zu verpflichten, dem Unternehmen beizutreten. Bedingung hierbei ist, daß das Petroleum nur so verkauft werden darf, wie es die Gesellschaft vorschreibt. Ist dies erreicht, d. h. sind die Wiederverkäufer in der Mehrzahl gebunden, so werden diejenigen, welche nicht freiwillig bellreten, durch' jede Art von Druck gezwungen, entweder beizutreten oder den Artikel aufzugeben. Selbstverständlich werden nachher, wie wir schon mehrfach ausführten, sofort die Preise höher werden, und der Konsument muß bezahlen, was die Gesellschaft verlangt. Wer hier nun unterschreibt, ist willenlos auf Jahre hinaus einer Geld- geselljchaft, die über ein Kapital von 50 Millionen verfügt, und im Jahre 1896: 27,5, 1897: 27,8, 1898: 45, 1899: 45, 1900 : 30 und 1901: 37,6 Prozent Dividenden verteilte, ozusagen als Handlanger ausgeliefert. Damll haben wir das Petroleummonopol.

Es ist Pflicht des Zwischenhandels, sich gegen solche Ausbeutungen energisch zu verteidigen; einer kann hier nichts erreichen; dies muß durch Zusammenhalten aller Interessenten, die sich nicht willenlos dem Großkapital aus­liefern wollen, mit Unterstützung der Handelskammern, der Regierung und den Ständen erreicht werden, denn ein^ Ausbeutung, wie sie hier beabsichtigt, ist noch nie vor­gekommen.

Zur Liquidation der Importfirma von russischem Pe­troleum und Mineralölen Gehlig, WachenheimL Co. in Mannheim wird noch berichtet: Die Firma'wurde vor drei Jahren gegründet zu dem Zwecke, der Deutsch-russischen Naphtaimportgesellschast Konkurrenz zu machen. ' Sie hatte in Rußland (Baku) eine eigene Raffinerie. Die Firma C. W. Gehlig in Lodz, bei der das Mannheimer Unternehmen bedeutend engagiert war und die übrigens zu den bedeu­tendsten der Mineralölbranche gehörte, ist im vorigen Jahre an mißglückten Spekulationen zusammengebrochen. Der Verkauf des Mannheimer Geschäftes, resp. der Tankanlage in Hamburg, erfolgte durch Vermittelung der Berliner Bank an ein deutsch-englisches Konsorttum, dem die Berliner Bank, owie die Rheinische Kreditbank und die Süddeutsche Bank in Mannheim angehören, und zwar steht nach einer Ber- rner Meldung noch dahin, ob das Konsorttum eine deutsche oder englische Gesellschaft koustlluieren wird. Das Kapital, >as in der Mannheimer Firma investtert ist, wird auf 45 Mill. Mark beziffert. Die Liquidationsquote wird mit IQ bis 25 Prozent angegeben.

Die Ausgestaltung der Wohuungsstatistik durch Reich, Svntt und Gemeinde.

In einer vom VereinReichswohnunasgesetz" heraus­gegebenen Schrift Dr. Kart Sentemanns wrrd die Fvige er­örtert, was Reich, Staat und Gemeinde für die Wohnungs- tatistik und für die einzelnen Zweige typischer Wohnungs-, Untersuchungen thun können und sollen. Daß das Reich' eine Wohnungsaufnahme selbst zu veranstcllten habe, be­kämpft Dr. Sentemann deswegen, weil die Verschiedenheiten der ländlichen und der städtischen Wohnuugsverhältniise zu groß seien. Eine solche Wohnungsaufnahme müßte sich!

Uolitische Tagesschau.

Eine polnische Beschimpfung des deutschen Kaisers.

Ein Telegramm unserer Samstagnummer gab berells Kunde von der neuesten unerhörten polnischen Frechheit. Es tertte mll chaß an die Prager Polizesidirektron aus einer galizischf-polnischen Gemeinde an der russischen Grenze eine autographierte Postkarte anlangte, in der um Veröffentlichung eines Steckbriefs imPolizeianzeiger" er­sucht wurde. Die Polizei druckte diese Einsendung ab und gewahrte erst nach dem Erschieinen desPolizeianzeigers", daß derSteckbrief" sich aus dien deutschen Kaiser beziehe. Sofort wurde telegraphisch von allen Behörden, an welche der Polizeianzeiger gesendet worden war, die betreffende Nummer von der Polizei zurückver- laugt. Von der Prager Polizei sind zugleich auch die Berliner Behörden verständigt worden. Die strengste Unter­suchung wurde eingeleitet.

Die betreffende Korrespondenzkarte, die den Steckbrief enthielt, war laut Poststempel in Podwolvczyska an der galizisch-preußischen Grenze aufgegeben. Man ist über­zeugt, daß die Mystifikation von polnischer Seite aus- üht. Der Prager Polizei-Direktor sandte eine ausführ- iche Eingabe w das Ministerium des Innern in Wien in der ausgeführt wird, daß nur infolge des V e r s e h e n s eines Beamten der Seckbries im Polizeianzeigert abgedruckt wurde.

DerSteckbrief", sowell er sich wiedergeben läßt, lautet:

Kaiser Wilhelm, Sohn des in Charlotten- burg bei Berlin wohnhaften Kaiser Friedrich, der iu der........des Professors Dr. Büclow (soll wohl

heißen Bülow?) in Berlin........war, ist vor einigen

Wochen von dort......... und wird seit dieser Zeit,

vermißt. Vor einigen Tagen wurde er zu Marien­burg . gesehen. Nach demselben ist eifrigst zu forschen und ein Resultat anher bekannt zu geben."

K. K. Polizei-Direktion in Prag, 23. Juni 1902.

.Wrr wollen kein Wort weller an diese Niedertracht verschwenden, auf deren Niveau bisher denn doch noch im niedrigsten Völkerhaß so leicht niemand herabgestiegen ist Wir find überzeugt, daß österreichische RegierungS- organe keinerlei Schuld trifft Eine indirekte Schuld würde allerdings mindestens die österreichische Verwaltung treffen, die entweder des Deutschen unkundige (oder böswillige!!) Tschechen zu freiwilligen oder unfteiwilligen Helfern an »iesem Bubenstück gemacht hat. Wir wollen jedenfalls bringend hoffen, daß unser Auswärtiges Amt Sorge trägt, daß die schmutzigen Fluten slawischer Pöbeleien sich nicht wieder in die Nähe des deutschen Kaiserthrones wagen! Die ,Ireuzztg." berichtet, daß der Steckbrief auch ihr im Wortlaut zugesandt worden ist und zwar als Abdruck in der in Reichenberg erscheinendenDeuffchen Volksztg." vom 1L Juli. Danach ist er in der Nr. 27 vom 3. Juli im Polizei­anzeiger, der von der k. k. Polizeidirektton in Prag heraus- gegeben wird, erschienen. Nach einer Depesche aus Prag leidet der Beamte, den das Verschulden der Veröffent­lichung trifft, sett längerer Zell an hochgradigerNer- vosität. Qx wurde von seinem Amte als Redakteur des Polizeianzeigers" suspendiert.

Kitcheners Rückkehr.

£orb Kitchener wurde am Samstag bei seiner Landung in Southampton mit einem wahren Beifallssturm em­pfangen. Der ayor der Stadt hieß ihn wlllkommen, worauf Kllchener oen Ehrenburgerbrief von Sout­hampton überreicht wurde. Um 10.45 Uhr vormittags fuhr .Kitchener nach London ab. Alle Züge brachten Tausende von Menschen aus den Provinzen nach der Pad­dington Station, wo Kitchener ankam. Der Bahnhof war prächtig geschmückt. Pünktlich aus die Minute traf der Zug auh dem Paddington-Bahnhofe ein. Brausende Hurrarufe ertönten, als Kllcheners Kopf sich salutterend am Wagen­fenster zeigte. Sobald der Zug zum Stehen gekommen war, begab sich der Prinz von Wales, gefolgt von den beiden anderen königlichen Herzögen auf die Wagenthür zu und begrüßte den Aussteigenden, der höflich dankte, mit herzlichen Worten und lebhaftem Händedruck. Kitchener wurde dann von seiner Schwester, General French von seiner Frau unter Freudenthränen bewillkommnet. Der Prinz von Wales verließ zuerst den Bahnhof, danach folgte Kitchener. Ein Orkan von Hurrarufen erhob sich- als der Wagen Kllcheners vor dem Bahnhofe erschien, und pflanzte sich aus der Fahrt durch die nach Zehntausenden zählende Menschenmasse zu beiden Sellen des Wagens fort. Die Königin erschien einen Augenblick mit ihrer Tochter aus einem großen Ballon des Buckingham-Palastes, blieb jedoch nicht, bis Kitchener in Sicht kam. Um 2.45 Uhr langte Kitchener im St. James-Palast an, wo im großen Bankettsaal ein Frühstücksttsch für etwa 50 Personen gedeckt war. Bei Schluß des Bankettes brachte der Prinz von Wales nach dem Toast auf den König die Gesundhell Kllcheners aus. Er beglückwünschte chn im Namen des Königs zu der erfolgreichen Art, wie er diesen langen und schwierigen Feldzug beendigt habe. Er sei sicher, daß das ganze Reich die Gefühle des Herrschers teile, der mit Be­wunderung die Ausdauer, die Geschicklichkeit und die Ge­duld Kllcheners beobachtet habe, in denen ihm die ganze Armee nachgeeifert habe. Kitchener dankte in ein­facher, jedem Wortschwall abholder Weise. Bald nach 3 Uhr verließ er den St. James-Palast und begab sich nach dem Buckingham-Palast zum Königspaar. Er wurde von dem Hauptportal alsbald nach dem Krankenzimmer des Königs geführt. Dieser empfing den General in halb liegender Stellung auf einer Chaiselongue lang aus- gestreckt. Er begrüßte Kitchener mll herzlichen Worten, dankte ihm im Namen des ganzen Reiches für die hervor­ragenden Dienste, die er dem Vaterlande geleistet habe, und überreichte ihm die Insignien des neuen OrdensPour le merite". Die Illumination hatte hunderttausende von Menschen auf die Straßen gelockt, jedoch ist nur ganz vereinzell von Klubs, Bierlokalen und einigen Hofliefe­ranten illuminiert worden. Auch der von Canada errichtete Triunwhbogen war erleuchtet. Am Sonntag früh reifte Lord Kitchener zum Besuche Lord Salisburys nach Hat­field ab.

Loubet gelangen Taffen.

Der Grotzherzvg von Oldenburg ist auf seiner 9)ad)t ^Lehuscm" in Peterchof zum Besuch, eingetroffen, und ben Sfinifl von Italien, Viktor Emanuel HL führcke der Eil- Lug durch Deutschland nach Rußland. Wie erwähnt, ist der Besuch des jungen Königs an der Newa nicht ohne politische Bedeutung. Seine Ankündigung erfolgte fast un­mittelbar auf die Veröffenllichung des neuen, unveränder­ten Dreibund-Verttages, und wenn König Viktor Emanuel nunmehr seine Reise unternahm, so zeigt er sich damll gleichfalls als ein Friedensfürst. Zu den Auslassungen einiger italienischer Blätter, die in der Abwesenheit des österreichisch-ungarischen Botschafters während des Besuches des Königs in Petersburg einen feindseligen Akt erblicken wollen, wlld an Wiener zuständiger Stelle versichert, daß die Abwesenhell des Botschafters Baron von Aehrenthal lediglich, aus dessen bevorstehende Vermählung zurückzu- führen sei. Wie der ,/ßoft" aus Wien gemeldet wlld, ver­lautet in dortigen maßgebenden Kreisen mll Bestimmtheit, daß Kaffer Wilhelm dem Könige von Italien im November einen Gegenbesuch, abstatten und aus seiner Reise nach Rom vom Reichskanzler Grasen Bülow begleitet sein wird.

König Edward VII. erholt sich thatsächlich und man darf heute wohl alle allarmierenden Gerüchte über seinen Gesundheitszustand afö eitle Sensattonsmacherei bezeichnen. Die Krönung fft infolgedessen für Anfang August in Aus­sicht genommen, bis zu welcher Zell sich Chamberlain von seinemSturz" wohl auch erholt haben wird. In den nächsten Tagen wlld er auch die Freude haben, den lorbeer- gekrönten General Kitchener wiederzusehen. Er hat den Wunsch ausgedrückt, den Lord, sobald die Aerzte es ihm gestatten, empfangen zu dürfen. Am gestrigen Sonntag Abend waren in London aus Anlaß der Ankunft Kllcheners zahlreiche Gebäude illuminiert. Am Samstag traf der DampferOrotawa" mit Lord Kllchener an Boü) in Sou­thampton ein. Kllchener dankte in einer kurzen Rede für den Willkommen und erklärte, alle seine Erfolge in Süd­afrika seien den Mannschaften zu verdanken. Auf lautes Verlangen der Versammelten hielten auch die Generale French und Hamilton, die Kllchener begleiteten, fnr§ Ansprachen. French erklärte, fte seien stets durch, das Bei­spiel chres Vorgesetzten angefeuert worden. Kllchener fuhr um 10 Uhr 45 Min. mit Extrazug nach London, wo die An­kunft auf dem Paddington-Bahnhof um 1 Uhr erfolgte. Darüber an ^anderer Stelle Ausführlicheres.

Schließlich, ist noch die Meldung von Bloemfontein in­teressant, daß der Kurator der ehemaligen Burenregierung sämtliche in feinen Händen befindliche Papiere, darunter auch die vertraulichen Berichte über die Bezieh­ungen Krügers zu den auswärtigen Mächten, den Engländern übergeb en hat Da können unter Um­ständen nette Überraschungen zu Tage kommen! Hoffent­lich nicht solche, die den einzelnen Mächten zu stark auf die Nerven fallen!

wieder zu erlangen. Der unschuldig Verdächtigte schildert seine Erlebnisse jetzt folgendermaßen:

Am 26. Mai kam ein Kriminalbeamter zu mir ins Geschäft und stellte an mich die Aufforderung, ich möchte ihm zur Polizei folgen. Dort wurde mir gesagt, es laufe ein Steckbrief gegen mich. Als mir derselbe verlesen wurde, erwiderte ich, daß er nicht stimme. Ich wurde hierauf gefragt, ob ich einen Fuß kürzer habe. Ich konnte dies verneinen, da ich vollständig ge­sunde Füße und normalen Gang habe. Daraufhin wurde ich entlassen mll dem Bemerken, am nächsten Tage vormittags wieder zu kommen. Als ich daraufhin er­schien, wollte man mich photographieren; ich übergab aber dem Beamten ein Büd von mir.' Am 6. Juni kamen ein Kriminalbeamter und ein Kommissar zu mir und zeigten mll ein Telegramm, mich sofort zu verhaften. Dies geschah, und ich blieb bis nächsten Tag nachmlltags 4 Uhr in Haft. Am Tage daraus, als ich mich abermals bei der Polizei einfand, wurde mir gesagt, daß acht Zeugen in Stade in meiner Photographie den Betrüger erkennen und ich auf Veranlassung des Staatsanwaltes in Stade zu verhaften sei Nachdem ich noch eine Nacht im Ge­fängnis blieb, fuhr ich am nächsten Morgen in Begleitung eines Detektivs ab. In Stade angekommen, wurde ich dem Gefängnis überliefert, bat aber, sofort dem Staats­anwall vorgeführt zu werden. Ich wurde mit ge­fesselte n Händen durch die Straßen ins Ge­richtsgefängnis geführt. Dort angekommen, trat mir ein Herr entgegen. Er sagte zu mir:Also Sie wollen der Betrüger nicht fein?" Als ich behauptete, ich sei es nicht, sagte er zu mir:Lügen Sie nicht. Sie sind es!" Ich sagte daraus:Herr, ich habe mein Geld zu dieser Reise deponiert und wünsche, den Zeugen gegen» über gestellt zu werden. Im übrigen habe ich nicht Sie zu sprechen, sondern den Staatsanwalt", woraus der Herr dann etwas besänftigt erwiderte, der Staatsanwalt wäre noch nicht da. Ich mußte wieder zurück in das Ge­fängnis. Nach Verlaus von ungefähr einer Stunde kam ich vor den Untersuchungsrichter. Dieser fragte mich dann, wodurch ich beweisen könne, daß ich im Jahre 1896 in New York war. Ich gab ihm die Belege dafür. Während dieser Unterredung kam der Staatsanwalt. Ich bat'ihn, die Zeugen kommen zu lassen, worauf mir der Bescheid wurde, dieselben seien in Launstadt, zwei Stunden von Stade entfernt. Dieselben wurden telegraphisch für den nächsten Vormittag berufen. Ich mußte die Nacht über im Gefängnis bleiben, und trotzdem ich bat, man möchte mir für Geld etwas Besseres zu essen geben, wurde mir dieses unter allen Umständen verweigert. Ich wartete den nächsten Tag bis yzll Uhr vormittags, dann wurde ich dem Amtsrichter vorgeführt. Nun wurden die Zeugen hereingelassen." Die Zeugen verneinten, den Herrn aus München zu kennen, der nunmehr freigelassen wurde.

Wenn diese Angaben richtig sind, dann wäre ein ungleich wesentlicher Grund vorhanden zu einer neuen Interpella­tion des preußischen Justtzminifters, und wir hätten dann allerdings wieder einen Beweis dafür, daß die Bestim­mungen über Verhaftungen einer bedeutend schärferen Fassung bedürfen, um endlich zu verhindern, daß immer wieder Leute ohne gan^ zwingende Gründe der Seelenqual und den sozialen gesellschaftlrchen Schädigungen ausgesetzt werden, die jede, auch die Verhaftung ohne Schuld mit sich bringt.

polizeiliche Mißgriffe?

Die ,M. Pr." veröffentlicht die Beschwerdeschrist eines .Geschäftsmannes an das Polizeipräsidium in Darmstadt, der dort am 23. Juni abends 111/2 Uhr in einem Hotel von einem Kriminalbeamten und einem Schutzmann verhaftet und zur Wache geführt wurde. Der Wortlaut der Beschwerde erzähll die nun folgenden Vorgänge also:

Durch meine von der königl. Regierung in Köln aus­gestellte Legttimattonskarte legitimierte ich mich, ferner wollte ich mich durch in Darmstadt wohnhafte Verwandte und Freunde legitimieren lassen, es wurde mir die Ant­wort:Auf Papiere geben wir nichts." Auch> meine Be­merkung, daß ich doch nicht der steckbrieflich verfolgte Simon Lion fei, sondern Moses Lion heiße, blieb erfolglos. Auf langes Bitten hin, die Akten durchzu- seyen, um daraus den Irrtum zu beweisen, begab sich der Kriminalbeamte nach den Bureaus, wo sich dieselben befanden; es war indischen 1 Uhr geworden. Nach Ver- ürus einer halben Stunde fragte er dann per Telephon bei dem mich bewachenden Schutzmann Nr. 62 an, ob ich in Freiburg längere Zeit krank gelegen, und welcher Arzt mich behandelt hätte, ferner ob ich in Göttingen (kann auch Göppingen geheißen haben) gewesen sei, welche drei Fragen ich verneinte. Auf Befragen nach dem Namen meiner Mutter gab ich an, daß dieselbe seit fünf Jahren ver­storben sei. Die Frage, ob ich llr Offenburg und Karlsruhe gewesen sei, beantwortete ich mllJa", da ich diese Plätze vorher geschäftlich besucht hatte, worauf der Kriminal­beamte dem Schutzmanne telephonisch bedeutete, daß ich emzusperren sei. Ich versuchte, dem Beamten gleichfalls telephoittsch zu verstehen zu geben, daß man sich bei der Firma Dreyfuß & Salomon, Strohhutfabrik, Darmstadt, Wendelstadtstraße, ferner bei der Firma Meyer, Hartoch Nachf., Juwelier, Darmstadt, über mich informieren könne, falls meine Legittmationskarte nicht genüge, jedoch dar­auf erhielt ich keine Antwort. Man sperrte mich in eine Zelle trotz wiederholten Bittens, doch^ dann die Nacht auf der Wachtstube verbringen zu dürfen. Am anderen Morgen bat ich den Schließer, mich doch vorführen zu lassen, worauf ich die Antwort erhielt, ich müßte warten, bis ich an der Reche sei. Ich gab demselben einen Zettel mit den Namen vorstehend genannter Verwandten mit der Bitte, dieselben doch holen zu lassen, welchem Wunsche jedoch nicht entsprochen wurde. Um 9 Uhr wurde ein Handwerksbursche in meine Zelle gebracht. Um 4.40 Uhr wurde ich dem Herrn Amtsrichter vorgeführt,welcher alsbald t>-en Irrtum feftfteHte, da der Gesuchte 55 Jahre all, aus Rhena gebürtig, ferner auf dem Nacken eine Narbe von 56'Centtmeter trug, was bei mir nicht der Fall war. Ich bin 38 Jahre alt, aus Köln. Mll einem anderen Kriminalschutzmann fuhr ich in einem Wagen zu verschiedenen Firmen, welche dem Beamten über meine PmHon genaue Auskunft gaben. Nachdem diese Vorgänge meinem Wunsche gemäß den Akten des unter­suchenden Amtsrichters beigefügt worden, wurde ich ent­lass en, es war 6 Uhr nachmittags.

Dann wäre affo der Mann unschuldig 18 Stunden in Haft gehalten worden, wenn man den Angaben dieser Be­schwerde glauben darf, was ja wohl bald behördlichersells öffentlich klargestellt wlld. Dorläuftg zweifeln' wll stark an der Richtigkeit des Jnhalls dieser Beschwerde. Unsere hessi­sche Polizei kennt glücklicherweise nicht die übertriebene preu^sche Schneidigbell, und Uebergriffe sowie Unbedacht­samkeiten, tote sie z. B. in dem bc faimten Elberfelder Fall Kuhlenkampff von preußischer Polizei geübt wurden, find bei uns in Hessen bisher unbekannt gewesen.

Gleichzellig kommt eine zweite Meldung von einem polizeilichen Mißgriff". In München wurde der Leiter eines Geschäftes wegen eines angebliche in der preußisch- hannöverschen Stadt Stade verübten Se trug es verhaftet, und erst nach mehreren Tagen gelang es ihm, die Freihell