Verfassung in Einklang stehen und sich in länger Praxis bewahrt haben, auch fernerhin durchführen ohne Kleinlichkeit, ohne überflüssige Härte, aber auch ohne Zögern und Schwanken. (Beifall.) Insbesondere werden wir es nicht dulden, datz der Ncligionsunter- , richt gemißbraucht wird, um deutsch-katholische Kinder zu polonisiren. (Beifall.) Es ist unsere Pflicht, die deutschen katholischen Minoritäten gegen die Polonisirung zu schützen. (Sehr richtig!) Das ist ein Gebot der Gerechtigkeit und ein Gebot der Staatsraison, dem wir uns nicht entziehen werden. Man sucht auf polnischer Seite, die Begriffe polnisch mit katholisch und deutsch mit protestantisch zu identifiziren. Darin liegt eine Irreführung der öffentlichen Meinung (sehr richtig!), und damit werden der Regierung Tendenzen imvutirt, welche ihr in Wirklichkeit völlig fern liegen. Die Regierung verlangt und kann verlangen, und sie mutz verlangen, daß sich die Geistlichkeit fern halte von der nationalpolnischen Agitation, da sie sich gegen den preußischen Staat und gegen das deutsche Reich richtet, aber die Regierung denkt nicht
daran, den Rechten der katholischen Kirche und den
Empfindungen der katholischen Staatsbürger im Osten zu nahe zu treten; die Regierung wird diese Rechte und
Empfindungen auf das gewissenhafteste respektiren. Nach einseitigen konfessionellen Gesichtspunkten werde ich die Politik des Landes niemals zurechtschneidcn, ich werde ebenso wenig eine protestantisch-konfessionelle und eine katholisch-konfessionelle Politik machen, wie ich eine liberale ober konservative Parteipolitik machen kann. Für mich als Ministerpräsidenten und Reichskar'.zlcr giebt es weder ein katholisches noch ein protestantisches, weder ein liberales noch ein konservatives Preußen oder Deutschland, sondern vor meinen Augen steht nur die einheitliche und untheilbarc nationale Politik. Wenn cs eine Lehre giebt, die für mich resultirt aus der deutschen Geschichte der letzten vier Jahrhunderte, so ist cs die, daß jeder Versuch der einen Konfession, die andere — ich will nicht sogen zu vernichten, das ist unmöglich und ausgeschlossen — aber auch nur zu unterdrücken, nie zu einem praktischen und dauernden Resultat geführt, wohl aber jedes Mal Schaden über das gemeinsame Vaterland gebracht hat. Nach allem Kampf und Streit kam es jedesmal doch darauf hinaus, datz alles ungefähr beim Alten blieb und man sich in einander fügen mußte. Mag sein, daß die Verschiedenheit der Konfessionen Deutschland in seinem inneren Leben nur zum Segen gereicht hat, aber, vom politischen Standpunkt betrachtet, ist die Verschiedenheit der Konfessionen für Deutschland eine Quelle großer Leiden gewesen, und wir missen daher von jedem leitenden deutschen Staatsmcmne verlangen, daß er in konfessionellen Dingen mit vorsichtiger und behutsamer Hand zu Werke gcht. Sich über prizipielle Fragen prinzipiell zu verständigen, ist überall schwierig, und das ist in Deutschland doppelt schwierig aus Gründen, die mit der Stärke und den Schwächen des deutschen Nationalcharakters zusctmmenhängen, ich bin aber überzeugt, datz es möglich ist, weil es möglich sein mutz, bei voller Wahrung der verfassungsmäßigen Rechte des Staates doch ein friedliches Zusammenleben der Staatsbürger unter einander und im Verhältniß zum Staate zu erzielen, wenn nur allseitig festgehalten wird am Geiste der Mäßigung und Billigkeit. (Sehr richtig!) Deutschland kann nur eine Weltmacht werden, wenn ivir keinen Riß aufkommen lassen in dem Gefüge unserer nationalen Geschlossenheit. (Beifall.) Ich versichere Sie als ehrlicher Mann, datz mir jeder Gedanke einer Zurückdrängnng, einer Zurücksetzung, einer Kränkung der katholischen Kirche auch in den ehemals polnischen Landestheilen vollständig fern liegt. Ich stehe auf dem Boden der Gleichberechtigung der Konfessionen und wünsche, daß jedem die Religion erhalten bleibt, in der er sich glücklich fühlte, in nationalen Fragen aber verstehe ich feinen Spaß. Es handelt sich im Osten nicht um die Vertheidigung der katholischen Kirche und des katholischen Glaubens, sondern darum, daß deutsches Nationalgefühl, deutsche Sprache und. deutsche Sitte dorr nicht zu Grunde gerichtet werden, also nicht um konfessionelle sondern um nationale Fragen, und in solchen sollen die Vertreter aller Konfessionen übereinstimmen. '.(Sehr wahr!) Wie liegen denn heute die Verhältnisse in unseren östlichen Provinzen? Früher kam in politischer Hinsicht dort fast nur der polnische Adel in Betracht, er nahm in der Bevölkerung die führende Stellung ein, er leitete die polnische Agitation, das Proletariat in Land und Stadt war ihm gehorsam und nahm keinen Antheil am politischen Leben und den kulturellen Errungenschaften. Diese Situation hat sich in den letzten Jahren vollkommen verändert, dank dem Schutze und dem befruchtenden Segen der deutschen Verwaltung. (Sehr richtig!) Dank ihr ist in den Städten des Ostens ein polnisches Bürgerthum herangewachsen, das jetzt schon im Gegensatz zu dem Adel vordrängt, in einer ähnlichen Weise, wie ein Gegensatz zwischen Tschechen und Alttschechenthum besteht, welches die Füh- rungin national-polnischem Sinne übernommen hat. Polnische Aerzte, polnische Rechtsanwälte, polnische Bauunternehmer, Handwerker und Kaufleute wenden sich gegen die Bestrebungen des Ostmarken-Ver- eins und haben sich unter rücksichtsloser Boykottirung deutscher Gewerbetreibender ihre Stellung geschaffen, durch Agitation, die sie in fanatischer, national-polnischer Weise betreiben. Sie erringen mit großer Zähigkeit sich eine feste gesellschaftliche und wirthschaftliche Stellung in ehemals polnischen Landestheilen und suchen jedes durch die Deutschen verlorene Terrain wiederzugewinnen. Wo im Osten nur Stellen für einen Rechtsanwalt oder Arzt frei werden, die von Deutschen besetzt gewesen sind, suchen sie sich festzusetzen. Wo ein städtisches oder ländliches Grundstück verkauft wird, stellt sich ein polnischer Käufer ein, Hand in Hand damit geht die Thätigkeir der polnischen Ansiedelungsbanken. Trotz der Thätigkeit der deutschen Ansiedelungskommission sind weit mehr Grundstücke aus deutschen Händen in die der Polen übergegangen, als aus polnischen in deutsche Hände. (Hörtl hört!) Gegenüber dieser planmäßigen Agitation, der es nicht an den nöthigen Mitteln fehlt und die die Wiederherstellung des national-polnischen Reiches wiederanstrebt, ist die deutsche Bevölkerung in den östlichen Provinzen in große Schwierigkeiten gerathen, sich in ihrem Besitz zu erhalten. Die Urtheile. die die Leiter unserer deutschen Verwaltungsbehörden darüber abgeben, bestätigen uns leider, daß der Deutsche vielfach in dem wirthschaftlichen und politischen Kampf nachgiebt, das Feld räumt, um sich in einer rein deutschen Gegend eine neue Heirnath zu suchen. Ich habe hier zwei Briefe liegen, von den Oberpräsidenten in Posen und Westpreußen, aus denen ich Ihnen mit Erlaubniß des Präsidenten Einiges vorlesen möchte. Unter dem 4. Januar theilt der Oberpräsident von Posen u. A. Folgendes mit: Die Gesammtbevölkcrung hat sich von 1890 bis 1900 um cirka 7% Prozent vermehrt. Der Zuwachs der polnischen Bevölkerung betrug 10% Prozent, während der der deutschen nur 3% Prozent, und nach Abzug der durch die An- siedelungskon,Mission herangezogenen Bauern sogar nur 1% Prozent war. Dabei hat die Gesammtbevölkerung des preußischen Staates in derselben Zeit um etwas mehr als 15 Prozent zugenommen. Hand in Hand mit diesem überwiegenden Zuwachs der Polen in den preußisch redenden Landestheilen auf Kosten der deutschen Bevölkerung geht auch die Vermehrung des polnischen Besitzes. Der Verlust der Deutschen an Grundbesitz betrug in derselben Zeit 1752 Grundstücke mit einem Flächeninhalt von 159 097 Hektar, also ungefähr 5 Quadratmeilen. In der Stadt Posen ist während der letzten Jahre so viel mehr Grundbesitz von Deutschen auf Polen, als von Polen auf Deutsche übergegangen, daß sich ein Wcrthverlust von 116 000 Mk. herausstellt. Ten Rückgang des deutschen Gewerbes, insbesondere des. Mittelstandes in den Städten, beleuchtet noch besonders der Wechsel der Apotheken. Damals waren 98 Apotheken in deutschen, 27 in polnischen Händen. Jetzt sind nur noch 85 deutsch und 45 polnisch. Aehnlich ungünstig liegen die Verhältnisse für die deutschen Handwerker. Früher überwogen sie mit Ausnahme vielleicht der Schuhmacher in den Städten durchaus. Jetzt mag der deutsche Handwerkerstand ziffernmäßig vielleicht dem "polnischen noch die Waage halten, aber er hat keinen Nachwuchs mehr. Selbst in der Stadt Posen ist das Verhältniß deutscher Meister ungünstig. Die auf die Bohkottirung der deutschen Geschäfte gerichteten Bestrebungen haben sich bon, Jahr zu Jahr verstärkt, und es ist kein Zweifel, daß die polnischen Führer es auf eine Bedrohung und völlige Zurückdrängung des deutschen Gewerbes daselbst abgesehen haben. Der Natur der Sache nach lassen sich hierfür alleroings Zahlcn- bewcffe schwer beibringen. In viel schnmmerer Lage befinden sich noch die kleineren Geschäfte. Tie polnischen werden nach dieser Richtung hin von ihren Landsleuten unterstützt. Am härtesten trifft der Boykott das Baugewerbe. Die deutschen Geschäftsleute werden polnischerseits streng überwacht.
Der Oberpräsident von Westpreußen, Herr von Goßler, ein
überaus tüchtiger und kenntnißreicher Verwaltungsbeamter, berichtet unter dem 3. d. M. ganz ähnlich über die Ansammlung von deutschem Grundeigenthum in polnischen Händen. Dort ha: der Verlust der Deutschen 1154 Grundstücke und 14 000 Hektar betragen. Zahlreiche polnische landwirthschaftliche Vereine und Korporationen für die wirthschaftlichen Interessen verstärken btc Macht des polnischen Elementes. In den kleinen und mittleren Städten mache sich eine Verdrängung des Mittelstandes auffällig bemerkbar. Auch die polnischen Aerzte und Rechtsanwälte mehrten sich. In Könitz ständen drei polnischen nur noch drei deutsche Aerzte gegenüber. Jede Vakanz werde sofort von den Polen erobert. Selbst in Danzig wachse die Zahl der Aerzte und Anwälte polnischer Herkunft. Ten Polen sei es gletchg:ltig, ob die Deutschen, die sie verdrängen wollten, evangelischer oder katholischer Religion wären, die Deutschen würden durch den Boykot: schließlich zum Verkauf der Geschäfte gezwungen. Die Polen würden auch sonst nicht so stark sein. In den Flugblättern wird davon gesprochen, daß die Deutschen ein Unglück für die polnische Nationalität und den polnischen Glauben seien. — Wie sind also die Verhältnisse in Posen und Westpreußen thatsäch- lich? In steigendem Maße wird das deutsche Volk zu Gunsten der polnischen Nationalität verdrängt. Mehr und mehr schreitet die Polonisirung der Grenzdistrikte vor. Gegenüber dieser Gefahr darf die königliche Regierung die Hand nicht tn den Schoß legen (sehr richtig I). sondern es ist ihre Pflicht, diesem Ansturm der Polen gegen das Deutschthum entgegenzutreten und die deutschen Elemente zu sammeln, zu stärken und widerstandsfähiger zu machen. Man kann es beklagen, daß die östlichen Provinzen der Schauplatz nationaler Kämpfe sind. Nachdem aber diese Kämpfe von den Polen eröffnet und mit steigender Erbitterung (Lachen und Oho! bei den Polen) geführt worden sind, haben wir nur zwei Möglichkeiten, nämlich entweder uns ohne Kampf besiegen zu lassen oder uns energisch unserer Haut zu wehren. (Beifall.) Wir leben nicht in einem Wolkenkukuksheim, wir leben auch nicht im Paradies, sondern wir leben auf dieser harten Erde, wo es heißt, Hammer oder Amboß sein. (Sehr richtig.) Wir können es nicht dulden, daß die Wurzeln unserer deutschen Volkskraft verdorren, daß unser Wetzen von dem Unkraut überwuchert, daß unser deutsches Volksthum von einem fremden Volke überfluthet wird. (Lebhafter Beifall.) Ich halte es nicht nur für eine der wichtigsten Fragen der Politik, wie Herr Hobrecht, sondern für diejenige Frage, von deren Entwickelung die nächste Zukunft unseres Vaterlandes abhängt. (Lebhafte Zustimmung und Unruhe.) Die geschichtliche Entwickelung hat uns in den Besitz jener Landestheile gesetzt, da sind wir und da bleiben wir (Beifall), ob es anderen Leuten angenehm ist oder nicht. (Erneuter Beifall.) Und um dort bleiben zu können, müssen wir die Mittel, die wir besitzen, durchführen (Zurufe), ohne Oscillation, darin bin ich mit dein ersten Herrn Vorredner einverstanden, in ruhiger, stetiger, sicherer Weise, um den preußischen Staatsgedanken in jenen Landestheilen aufrecht zu erhalten, um den unlöslichen Zusammenhang jener in heißem Ringen erworbenen Landestheile mit dem preußischen Staat fest zu behaupten, um die östlichen Provinzen als integrirenbe Bestandtheile unserer preußischen Monarchie für alle Zeiten sicher zu stellen, unb in bem Kampfe, der von ben Polen geführt wird, dafür zu sorgen, daß das deutsche Element gestärkt wird und nicht unterliegt. (Beifall.) In erster Linie werden wir darauf bedacht fein, die bereits dort vorhandenen Deutschen möglichst festzuhalten, ihre wirthschaftliche Leistungsfähigkeit zu stärken, ihren Zuzug zu fördern, ihren Abzug nach Möglichkeit zu verringern. Das Mittel zu diesem Zweck loirb die Fortsetzung einer zielbewußten Siedelungspolitik sein. Die Einsetzung deutscher Saliern in ben Ostmarken soll die Grundlage dieser Siedelungspolitik fein, die Scßhaftmachung deutscher Land- wirthe soll verhindern, daß das Nationalitätenvcrhältniß sich noch mehr zu Ungunsten des Deutschthums verschiebt; die Vermehrung einer planmäßigen Kolonisation soll dem Deutschthum weiteren Eingang verschaffen, an der planmäßigen Beförderung deutscher Ansiedelung in Westpreußen und Posen werden wir unentwegt festhalten, sie in beschleunigtem Tempo fort; setzen unb, sobalb unsere Fonds erschöpft sind, werden wir Ihre Genehmigung für eine Vorlage zur Bewilligung weiterer und noch reichlicherer Mittel erbitten. Wir werden neue Ansiedler schaffen unb die bestehenden in ihrem Besitz- und Nahrungsspielraum stärken, wir werden jede Bestrebung zur Stärkung dcs deutschen Bauernstandes daselbst fördern, die Bildung von Genossenschaften. von Kreditvereinen, die Förderung der Landeskultur, die Hebung des Verkehrs und der Produktion. Voii wesentlicher Bedeutung ist in denjenigen Provinzen naturgemäßer Weise der Großgrundbesitz, die Hebung der Art der Selbstverwaltung. In der Provinz Posen ist etwas über die Hälfte der landwirthschaftlichen Fläche in den Händen des Großgrundbesitzes, in dieser Provinz aber ist der Einfluß des Großgrundbesitzes in wirthschaftlicher und kultureller Beziehung verhältnißmäßig gering. Ter Grund liegt darin, daß der größere Theil des Großgrund- besitzes in Händen von Leuten ist, die außerhalb Posens wohnen. Der Besitz hat seit dem vorigen Jahrhundert sehr stark gewechselt. Wir werden den Großgrundbesitz zu stärken suchen durch Vermehrung des staatlichen Domänenbesitzes und durch die Gründung von Fideikommissen und Majoraten (hört! hört!) und dadurch, daß wir seine wirthschaftliche Leistungsfähigkeit stärken. (Erneuter Beifall.) Damit muß Hand in Hand die staatliche Fürsorge für die Städte des Ostens gehen, damit sie zu einem Mittelpunkt des deutschen Lebens unb der Kultur ausgestaltet werden. Dann muß das deutsche Bürgerthum gekräftigt unb ein tüchtiger deutscher Mittelstand geschaffen werden, der der Polonisirung einen unüber- steiglichen Damm entgegensetzt. (Lebhafter Beifall.) Es lvird sich hier namentlich um Die Hebung und Unterstützung der deutschen Handwerker und Kleingewerbetreibenden handeln, um die Förderung des Fortbildungsschulwesens, um die Schaffung deutscher Vereine als Sammelpunkt der deutschen Bewegung. Von großer Bedeutung wird auch die Belegung der Städte mit deutschen Garnisonen fein, und ich bin in der erfreulichen Lage, mitzutheilen, daß S M. der Kaiser und König durch eine Kabinetsordre vom 2. Januar verfügt hat, daß Wreschen und Schrimm je ein Bataillon Infanterie als Garnison erhalten. Im Großen und Ganzen glaube ich, unseren deutschen Beamten im Osten das Zeugniß ausstellen zu können, daß sie sich durch Pflichttreue, Gewissenhaftigkeit unb Hingabe an die anvertraute Stellung auszeichneten. Aber nach meiner Auffassung — ich nehme keinen Anstand, das hier auszusprechen und aus dieser Auffassung die Konsequenzen zu ziehen — nehmen unsere Beamten in ben östlichen Provinzen eine besonbers ehrenvolle, aber auch besonders verantwortliche Stellung ein, und wir dürfen dort nur solche Beamten dulden, die sich auch dieser Verantwortung immer bewußt sind. (Lebhafter Beifall.) Diese Beamten müssen sich nach meiner Auffassung dort im Osten nicht etwa bloß als Bureaukraten, als Mandarinen aufspielen, fonbern sie sollen da als Menschen unter Menschen leben, sie sollen sich an der Gesellschaft beteiligen und mir den Menschen verkehren, ohne jeden Unterschied des Standes. Ich betrachte eine Anstellung in ben östlichen Provinzen als ehrenvoll für jeben Beamten, als eine Auszeichnung, als eine Anwartschaft auf Beförderung. Wir werden aber nur solche Beamten wählen, die sich ihrer Verantwortung auch bewußt sind, die Erfahrung über Land und Leute gewinnen und dorthin sich auf längere Zeit begeben. (Beifall.) Gerade im Osten müssen wir die Beamten im Hinblick auf die Kontinuität der Verwaltung anstellen. Aber anderseits müssen wir diese Beamten auch entsprechend stellen und sorgen, daß ihnen ihr schwieriger Dienst erleichtert wirb, wir müssen für Dienstwohnung unb Logis sorgen, da es im Osten vielfach gerabe an geeigneten Wohngelegenbeitcn fehlt. Wir werben die Bestrebungen der Beamten unterstützen, im Wege der Genossenschaften sich Wohnungen zu beschaffen, um das Heimathsgefühl, das Gefühl provinzieller Zugehörigkeit zu stärken und sie an die Ostmark zu fesseln. Ich will gern die Hand zur Erreichung dieser Ziele bieten. (Beifall.)
Aber auch die kulturelle Hebung unserer östlichen Provinzen ist von allergrößter Bedeutung; sie ist das beste Mittel, um die von uns beklagte Abwanderung aus dem Osten zu verhindern unb deutsche Elemente nach bem Osten zu ziehen. Ein kleiner Anfang ist, wie Sie wissen, gemacht worben, mit der Errichtung des Museums und dem Bau der Kaiser Wilbelm-Bibliothek in Posen. Ich weise ferner hin auf bi" Errichtung einer landwirthschaftlichen Anstalt in Ver- bmdung mit einer Bibliothek in Bromberg. Gerade B.romberg
eignet sich vermöge seiner geographischen Lage zwischen den beide« Provinzen Posen unb Westpreußen zur Aufnahme eines solchen Instituts. Auch ist btc Vermehrung der Realanstalten der Provinz Posen in Aussicht genommen. Ich weiß sehr wohl, daß von anderer Seite diese Bestrebungen zur kulturellen Hebung des Deutschthums im Osten verspottet sind, ich halte aber diese Ironie für durchaus ungerechtfertigt. Wohin kein geistiges Leben führt, wo Kunst und Wissenschaft fehlen, da verkümmert der Deutsche. Wo der Deutsche aufblühen soll. Da muß er seine Ideale pflegen Das schließt nicht aus, daß Daneben auch die realen und praktischen Seiten die ernsteste Berücksichtigung finden werden. In einer solchen kulturellen und wirthschaftlichen Hebung des Deutschthums auf allen Gebieten des Lebens, tn der Kräftigung des Deutschthums in den östlichen Provinzen, glaubt Die Regierung den Weg für eine gesunde Ostmarken- volitik zu finden, unb sie wird dies Ziel unentwegt weiter verfolgen. Besonderer gesetzgeberischer Maßnahmen bedarf cs — und Darin stimme ich mit dem Abg. Hobrecht überein — zur Zeit nicht, w o m i t i ch mir jedoch in keiner Weise Die Hände für Die Zukunft binden will. Wir hoffen, mit der zielbewußten Anwendung der bestehenden Gesetze und Verwaltungsvorschriften auskommen zu können. Von großer Bedeutung ist cs natürlich auch, daß uns reichliche finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, und wir hoffen, daß das Haus, wenn wir im Sraatsintcresse weitere Mittel fordern, seine Mitwirkung nicht versagt. (Lebhafte Zustimmung rechts und bei ben National-Liberalen.) Vorläufig ist bie Erhöhung des Disvositionsfonds für Die OberpräsiDenten bis zu einem Gesammtbctrage von einer Million vorgesehen, Dieser Fonbs soll, wie Sie wissen, zur Kräftigung unD Stärkung Des Deutschthums Dienen. Die OberpräsiDenten sinD in Der Verfügung über Diesen Fonds unbeschränkt, sie werden auf Grund ihrer genauen Kenntniß Der lokalen Verhältnisse am besten entscheiden können, welcher Gebrauch mit diesen Fonds zu machen ist. Sollten Die Summen in Der Folge als nicht ausreichend anerkannt werden, so werden wir eine weitere Erhöhung Des DispositionssonDs im nächstjährigen Etat beantragen. Schließlich DcDarf nach meiner Meinung auch bie Frage einer sehr ernsten Erwägung, ob nicht ben Beamten in ben gemischtsprachigen Gegenden eine Gehaltszulage zu gewähren ist. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Ich möchte, Daß wir Dieser Frage recht balD näher treten. Daß wir, wie Der Vorredner meint, durch unsere Maßnahmen die Grundsätze Der Menschlichkeit, Der Gerechtigkeit und Billigkeit verletzen, heißt Doch Die Thatsachen auf Den Kopf stellen. Die nichtdeutschen Nationalitäten erfreuen sich innerhalb Der preußischen Monarchie aller verfassungsmäßigen Rechte, sie haben ihre Presse, ihr Parlament, ihre Vereine unb sie benutzen in vollstem Umfange Diese Vehikel Des moDernen Verkehrs. Aber es giebt eine Grenze, Die gezogen wird Durch Das Interesse, diesen Provinzen Den Deutschen Charakter zu wahren. Solange Das von Der anderen Seite nicht anerkannt wird, können auch wir nicht die Waffen niederlegen, die uns das Gesetz verleiht. Es ist auch Der
Rechtstitel an unseren östlichen Provinzen angezweifelt. Wir haben unsere östlichen Provinzen mit Dem Schwerte erobert auf Den Schlachtfeldern von Möckern, Dennewitz und Waterloo, wir haben sie in harter Arbeit kolonisirt. unb zu ihrer Einverleibung in das preußische Staatsgebiet die völkerrechtliche Sanktion erhalten. Unser Recht an diesen Provinzen ist ebenso geheiligt wie bas anderer Völker an ihrem Besitzstände. Niemand denkt daran, anderen Staaten zuzumuthen, frühere Eroberungen preiszugeben oder aufzugeben ober fremben Nationalitäten zuzu- rnuthen. Daß sic etwas gestatten, was mit Dem Interesse ihrer Staatseinheit im krassesten WiDersprucb steht. Nur uns Deutschen werden manchmal solche Znmuthnngen gestellt; das ist eine gute, alte Gewohnheit anderer.
Sie werben unsere Konnivenz verstehen, wenn Sie an bie Demonstrationen zurückdenken. Die hier an der Universität Berlin, in der Hauptstadt des Landes von polnischen Studenten gegen einen deutschen Professor der Geschichte hervorgerufen worden, weil er die Geschichte Der polnischen revolutionären Bewegung in einer Den Herren nicht genehmen Weise vorgetragen hat. Ich möchte einmal wisien. was sich ereignet hätte, wenn diese Demonstrationen in Paris. Oxford, Pavia, oder sagen wir auch in Lemberg oder Krakau geschehen wären, wenn ein englischer, französischer, italienischer ober polnischer Professor die Geschichte seines Volkes von seinem Standpunkt vorgetragen hätte. Es sind sogar geschichtliche That- sachen. auf welche man sich hierbei berufen kann. Würden wir die polittschen Forderungen hinsichtlich Posens und Westpreußens bewilligen, so würde man die Hände nach Schlesien und Ostpreußen ausstrecken. Ich entsinne mich eines kleinen persönlichen Erlebnisses, das mir ein Freund erzählte; er hatte in Zürich eine Unterredung zwischen dem deutschen Dichter Kinkel und dem polnischen Grafen Platen, Der allerdings mehr Dichter als Politiker war. Kinkel machte in dieser Unterredung schließlich eine Konzession nach der anderen, bis er in den schmerzlichen Ruf ausbrach : Aber Königsberg am Pregel. das sollten Sie uns doch wenigstens lassen. (Große Heiterkeit.) Aber das ist lange her. Daß die polnischen Ansprüche seitdem noch geftiegen, kann ich beweisen. (Widerspruch und sehr richttg!) Ich werde mir gestatten, einen Passus vorzulesen aus einem Lemberger Blatt. Der Slbg. v. Jazdzewski möge mich nicht falsch verstehen, idi zweifle nicht an der Loyalität der polnischen Mitglieder dieses Hause?, aber ich mochte Sie dringend bitten, ebensowenig an der Illoyalität bergroßpolnischenAgitation zu zweifeln. In bembetr. Artikel heißt es: .Wir müssen nicht nur mit Preußen, fonbern mit ganz Deutschland, nicht mit einzelnen Parteien, sondern mit Der ganzen deutschen Gesellschaft einen Kampf auf Leben und Tod fübren. Das Lebensinteresse beider Nationen kommt hier in Betracht, wir müssen uns im Nahmen Der deutschen Verfassung, so lange es möglich ist, bewegen. Ohne Königsberg und Danzig könnte das künftige Polenreich nicht bestehen. Von einem Kompromiß in der Sache kann bei uns keine Rede sein. Wir müssen fest und stets daran glauben, daß Polen zur Wiedergewinnung Der Provinzen Posen und Schlesien die nöthigen Schritte thun muß." Diese Maßlosigkeit in Der politischen Bewegung müssen wir mit unbeugsamer Energie bekämpfen, wir müssen Alles thun, was geeignet ist, das Deutschthum im Osten zu stärken. (Beifall.)
Ich will nicht schließen, ohne einen Appell zu richten an die Deutsche Bevölkerung in den gemischtsprachigen Gegenden und sie aufzufordern zu Muth und Einigkeit. Als preußischer Ministerpräsident erkläre ich, daß unsere Ostmarkenpolitik die nationalen Gleise nicht verlassen wird. Die ihnen der größte beutfdje Staatsmann, Fürst Bismarck vorgezeichnet hat. (Lebhafter Beifall.) In Wankelmuth und Nachgiebigkeit werden wir nicht verfallen. Wir werden aber die Gefahr im Osten nur Dann abwehren können, wenn Der Deutsche im Osten selbst mit Hand anlegt, wenn er nicht Alles von der Regierung erwartet , sondern an Das Wort denkt: Selbst ist Der Mann. Ms erster Diener Der Krone mahne ich daher die Deutschen im Osten zur Einigkeit. Alle Momente, welche geeignet sind, diese zu zerstören, mag es sich um einseitig wirthschaftliche ober konfessionelle Bestrebungen handeln, sind vorn liebet Es Darf nur eine Parole sein, das ist die nationale. (Lebhafter Beifall ) Es gab eine Zeit, wo man von der Kriegssucht der Deutschen sprach. Wir denken nicht daran, diese feiten zurückzurufen, wir denken nicht daran, unsere Grenzen in irgend einer Weise vorschieben zu wollen. Es giebt fein friedliebenderes Volk als das deutsche, und keins. welches weniger auf Eroberungen ausgeht. Aber das Land, das uns die Vorsehung gewährt hat als Entschädigung für andere Verluste, das Land, dessen wirthschaftliche und kulturelle Ueberwachnng, dessen Wiedergewinnung und Verschmelzung mit dem Deutschthum der schönste Ruhmestttel der preußischen Könige ist, diesen unseren Besitzstand werden wir festhalten und ausbauen mit allen Mitteln, eingedenk des Wortes: Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es. um es zu besitzen! (Stürmischer Beifall rechts und bei ben National-Liberalen.)
Minister Studt (schwer verstänblich) verliest zunächst eine Erklärung. wonach bie Schulverwaltung Alles thun wirb, um auch mit ftilfe Der Volksschule Das Deutschthum in den Ostmarken zu stärken. Wir werden auch in Zukunft Diejenigen Grundsätze befolgen. Die oon Der Unterrichtsverwaltung von jeher innegehalten worden sind. Die bisherigeArt des Vorgehens der UnterrichtSverwaltung hat zweifellos zur Hebung der Bevölkerung in Den polnischen Bezirken beigetragen. Die Einführung bet deutschen Sprache in den Reli-


