Ausgabe 
13.11.1902 Drittes Blatt
 
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-gehen ist nicht unae- englischen, kämpft oie

mit hungrigem Magen zu sprechen? (Stürmische Heiterkeit.) Ich stelle vor dem Lande fest, daß der Anfang ber Un erbrudung von Ihnen ausgegangen ist, daß wir uns nur in der Abwehr befinden. Lebhafte Zustimmung links ) Wir muffen die uns zu Gebo e stehenden Mittel zum Schutze der Minderheit anwenden. Wir wollen, daß das Volk selber noch einmal zur Entscheidung aufgc- rufen wird! Nicht wir treiben Mißbrauch, sondern Sie, die das thun wollen, wozu Sie vom Volke nicht hergeschickt worden sind. Und ich sehe das Eine voraus: Mit der lex Aichbichler werden Sie sich nicht begnügen. Sie werden immer weitere Vergewaltigungen ausdenken und beschließen. Treiben Sie cs nur so: Sie gestehen damit nur zu, daß Sie die eigentlichen Zerstörer der Gesch^ts- ordnung sind. (Großer anhaltender Lärm rechts. Lebhafter Bei­fall bei den Soz. und der Freis. Vereinigung.)

Abg Stadthagen (Soz., wie gewöhnlich nut lautem Lärm und unwilligem Gelächter empfangen. Die Rechte verläßt zum großen Theil den Saal, die Sozialdemokraten umringen die Tribüne) vole- misirt in längeren juristischen Deduktionen gegen die Auffassung des Abg. Bassermann. Was soll denn der ganze § 35 für einen Sinn haben, wenn die Majorität jeder Zeit ihre Anträge für dring­lich erklären kann? Der Antrag Aichbichler ist a priori unzu­lässig, er darf gar nicht zur Abstimmung gebracht werden. Ich würde mir einen solchen .Beschluß" auch keinesfalls gefallen lassen. Uebrigens würde er nur dazu beitragen, die Verhandlungen in die Länge zu ziehen; er würde diese wohl ungefähr verdreifachen.

Abg. Dr. Barth (freif. Vgg.): Der § 35 ist sinnlos, wenn er nicht dazu bestimmt ist, die Minderheit zu schuhen. Alle gegentheiligen Argumentationen zeigen schon durch ihre Ge­zwungenheit, wie sie auf dem Holzwege sind. Es handelt sich hier in der That um den Schutz auch der kleinsten Gruppe (Sehr richtig! bei den Soz.), jawohl, das war die Absicht des § 35. Ihre Aus­legung des Begriffs Schwerinstags würde ja nur dahin führen, daß Sie die Ihnen genehmen Anträge jeder Zeit behandeln, die Schwerinstage und damit die Ihnen unbequemen Anträge aber nie ansctzen. Was Sie wollen, ist nicht eine legale Auslegung, sondern ein Bruch der Geschäftsordnung. (Lebh. Beifall bei den

Abg Liebermann von Sonnenberg (Antts.)^ Die Herren Singer u. Genossen haben durch ihre Haltung in den letzten Wochen baS fRe# verwirkt, sich auf den Geist der Geschäftsordnung zu berufen. (Großer Lärm bei den Soz.) Der Geist der Geschäfts­ordnung (Redner spricht mit sehr lauter Stimme Von der ^nken wird ihm ironisch zugerufen: Lauter!) ist iri erster Lime, daß die ordnungsmäßige Erledigung der Geschäfte sichergestellt werden soll. iBcifall rechts.) Das aber haben die Herren durch die Fluch ihrer Anträge bisher zu verhindern gewußt. In e i n e m fünfte kann icf> Herrn Singer Recht geben, wenn er nämlich sagt, es handelt fich hier um viel mehr als um die Abänderung wgend emes Para- aravben der Geschäftsordnung. Aber meine Folgerungen sind anders als die seinigen. Allerdings , ift ein weitgehendes Lnteresse vorhanden, dem Zustand ein Ende zu machen, ter augenblicklich im Reichstag herrscht. Es handelt sich darum, ob die Vertretung des deutschen Volkes dauernd von den Herren Stadthagen und Singer tyrannisirt und an der Nase heruingefuhrt werden soll. (Großer Lärm bei den Sozialdemokraten.) Es handelt sich darum, ob die Vertretung des deutschen Volkes hier zum Ziel des Spottes für In- und Ausland werden soll. (Erneuter Lärm bei den Sozialdemokraten.) Der Grundsatz, daß die Mehrheit ent­scheidet, ist das Fundament unserer ganzen parlamentarischen Auf­fassung. (Ruf bei den Soz.: Wo ist denn die Mehrheit?) Wenn Sie diesem Grundsatz fortwährend entgegenhandeln, wie Sie es seiner Zeit bei der lex Heinze gethan haben warum bekennen Sie sich denn nicht offen dazu, daß die Minderheit entscheiden soll? Dann werden Sie logisch zum Absolutismus kommen. (Lachen bet den Soz.) Dann zerreißt man am besten die ganze Geschäftsordnung. Man hätte schon damals, als die große Generalprobe bei der lex Heinze stattfand, Ordnung schaffen sollen (Sehr richttg rechts), aber vielleicht sagte man sich, daß auf die Dauer keine Geschäftsordnung bestehen kann, wenn ein Theil des Hauses sich nicht auf die Ge­schäftsordnung verpflichtet, sondern allerlei Mittel und Schleich­wege sucht, die Geschäftsordnung unmöglich zu machen . . . .

Präsident Graf Ballcstrcm: Das Wort Schleichwege ist nicht anwendbar auf einen Abgeordneten. (Heiterkeit.)

Abg. Liebermann v. Sonnenberg (sortfahrend): Ich befinde mich auf grobem Wege, wenn ich im Augenblick nut aller Entschiedenheit ausspreche: Es steht viel mehr auf dem Spiel, als die Abänderung der Geschäftsordnung. Wenn nur Vicht das Vaterland höher stände als die Partei (Schallendes Ge­lächter links), so würde ich mich bei den Herren Singer und Stadt­hagen vom Parteistandpuntt aus besonders bedanken für die Art, wie sie den Antisemitismus im Lande schüren. (Gelachter bei den Sozialdemokraten.) , o ,

Abg. Heine (Soz.): Höher als die Meinung eines noch so hoch stehenden Abgeordneten steht die Gepflogenheit des Hauses. Und diese steht ganz auf unserer Seite. Auch der eine Fall, den der Abg. Bassermann ausfindig gemacht hat, spricht nicht gegen uns. Denn auch damals ist kein ausdrücklicher Widerspruch von 30 Mtt- Sliebem erfolgt. Die Geschäftsordnung darf aber nicht nur historisch ehandelt werden. Jetzt liegt sie einmal vor und ist Gesetz. Sie läßt ausdrücklich keine Ausnahme von der Reihenfolge zu. Daß § 85 nur auf Anträge sich bezieht, mit denen sich der Bundesrath auch zu beschäftigen hat, ist nicht zutteffend, weil er ja auch für Petitionen gilt. Der ganze § 35 bat überhaupt nicht Sinn und Zweck, wenn man sich auf den Standpuntt der Herren Richter und Liebermann von Sonnenberg die hier im trauten Verein kaum von einander zu unterscheiden sind (Heiterkeit) stellen will. Wenn überall nur der Wille der Mehrheit entscheiden soll, dann brauchen wir überhaupt keine Gesetze. (Sehr richttg! links.) Sie berufen sich auf den Geist der Geschäftsordnung! Ist das im Geiste der Geschäftsordnung, wenn Sie die Minorität vergewalttgen wollen? Ist das im Geiste der Geschäftsordnung, wenn Sie durch die Zu- sammenfaffung von 14 ober 17 nicht zusammengehörigen Punkten meinen armen Kollegen Stadthagen nöthigen, 4% Stunden lang

Soz., Lachen rechts.) ,

Abg. Bebel (Soz.): Ich konstattre, daß S:e um jeben Preis, koste was es wolle, die Minorität mundtodt machen wollen. (Stür­mische Zusttmmung bei den Soz.) Sie wollen keine Gründe hören, ich konstattre, daß die Herren von der Majorität den Saal ver­lassen haben. (Zuruf rechts: Herauslaufen bei den namentlichen Abstimmungen! Große Unruhe. Präsident Graf Ballestrem ersucht um Ruhe auf allen Seiten des Hauses.) Wir sind Ihnen bis jetzt mit übergroßem Edelmuih entgegengekommen. (Gelächter.) Wir haben so und so oft auf namentliche Abstimmungen verzichtet. Jetzt aber soll es anders werden. Beschließen Sie den Anttag Aichbichler, bann werden Sie auch die Konsequenzen voll und ganz tragen. Dann werden wir Überall namentliche Absttmmung beantragen, bei j e d e m Gegenstand, der das Haus beschäftigt, nicht nur beim Zolltarif, insbesondere auch bei jeder Etatspositton. (Hört! hört! und große Unruhe^) Es steht fest, daß der Etat selten bei beschlußfähigem Hause berochen wird; in der dritten Lesung liegt die Sache oft fo, daß wir den ganzen Etat auffliegen lassen können. Davon haben wir bis jetzt nie Gebrauch gemacht. Wollen Sie aber den Krieg, bann sollen Sie ben Krieg haben! (Großer Lärm. Zuruf: Ihre Hamburger Rebe!) Ja, es ist ganz gut, baß Sie mich auf jene Rebe bringen. In Ham­burg habe ich 700 namentliche Abstimmungen in Aussicht gestellt, da der Tarif 946 Positionen hat, bin ich auch dort noch großmüthig gewesen. (Heiterkeit.) Mer diese Ankünbiguna konnte boch nicht den Anlaß zum Anttag Aichbichler bieten, da in Der Centrumspresse schon seit langer Zeit von der Nothwendigkett, die Geschäftsord­nung zu ändern, gesprochen wird. Unser Vorgehen ist nicht unge­wöhnlich, im ältesten Parlament der Welt, im J'"'-/. *" ,''

Minorität schon seit Monaten gegen das Schulgesetz. Und wie hat es die Rechte beim Kanal gemacht? Wenn die Regierung mit neuen

Handelsverträgen kommen , ' Werter sic Konservativen a«,

dieser Vorlage den ciii/'ii .

mann von Sonnenberg, o.. hIhii -jawritat, c redet von Obstruktion! Wem. i... : wißen will, tote feine Freunde es treiben würden, wenn sie m neunenc-iuenher Zahl Ar wmen. so braucht man bloß nach dem Wiener Reichoiath (Lebhafter Bei­fall links) zu schauen! Wenn bei uns sich ,o eine Partei benehmen würde, wie die Gesinnungsgenossen des Abg Liebermann in i>ster. reich, so würden wir sie mit Schimpf und Schande aus dem Hause jagen. (Unruhe rechts^ Sie können machen, was Sie wollen, denn Sie sind die Mehrheit und haben , die Macht Wer unser Recht können Sie uns nicht nehmen, cs sei denn durch Gewalt, und das wäre brutal. (Beifall bei den Soz.) , T , v

Abg. Liebermann v. Sonnenberg (Antts.): DerAbg. Bebel hat seinem Äerger über die schmähliche Niederlage Adlers in Wien in persönlichen Ausfällen gegen mich Ausdruck gegeben. Mer eS ist nicht Alles wahr, was die Judenpresse über bte Sitzungen im Wiener Reichsrath schreibt. Ich habe keinen Einfluß auf die Wiener Antisemiten, sonst würde es dort im Reichsrath viel ruhiger An­gehen. Ich werde Ihnen mal vorlesen, wer da das Ansehen des Parlaments herabsetzt. (Redner liest einen Bericht über eine Sitzung des Wiener Reichsraths vor, bis der Präsident ihn imt den große Heiterkeit hervorrufenden Worten unterbricht: Nun ist es aber genug!) Nur noch eins: Sollte es einmal dahin kommen, daß man vom Reichstage als von Liebermann und Genossen spricht, so wurde bas dem deutschen Volke nicht so unangenehm in den Ohren klingen, als wenn man von ihm als von Singer und Genoßen spricht- Denn bann wäre es eine Judenschule. (Heiterkeit und Unruhe.)

Präsident Graf Ballcstrem: Es hat sich niemand mehr zum Wort gemeldet. Gestatten Sie mir einige Bemerkungen. Ich werde sehr kurz sein. Die Herren haben so ausführlich und so gründlich gesprochen, daß ich nach keiner Seite etwas hinzuzu- fügen habe. (Heiterkeit.) Ich bin gewissermaßen als Eideshelfer citirt worden. Ob ich die bett. Aeußerung als Abgeordneter au8 Zweckmäßigkeits- ober aus prinzipiellen Gründen gethan habe, will ich dahingestellt sein lassen. (Heiterkeit.) Wer Ems steht fest: Ich bin vom Hause desavouirt worden. Und wenn ich mich darüber äußern soll, ob es zulässig ist, daß der Anttag Aichbichler morgen auf die Tagesordnung kommt, so kann ich das nur thun mit den Worten meines hochverehrten Vorgängers auf diesem Stuhl:Da­nach geht meine persönliche Meinung dahin, daß das Haus an Tagen, wo keine Schwerinstage sind, per majora beschließen kann, daß ein Anttag vorgezogen und früher auf die Tagesordnung ge­setzt werden kann, als es die Priorität erlaubt." Nun werden wir abstimmen.

Die Geschäftsordnungsdebatte hat von 5 bis 7% Uhr gebauert

Der Antrag Singer auf namentliche Abstimmung barüber, ob morgen ber Anttag Aichbichler auf bie Tagesordnung kommen soll, wird von ben Sozialbemokraten, der freisinnigen Vereinigung, dem Abg. Roesicke-Dessau (b. k. Fr.), und dem Wg. Müller-Meiningen (freif. Vp.) unterstützt. Die übrigen Mitglieder der freisinnigen Volkspartei, darunter der Abg. Richter, erheben sich nicht von den Plätzen.

Präsident Graf Ballestrem konstattrt, daß die Unterstützung ausreicht.

Das Resultat der Mstimmung ist die Annahme des An- ttags, morgen den Anttag Aichbichler zu verhandeln, mit 187 gegen 67 Stimmen. Präsident Graf Ballesttem nebst 2 anderen Mit­gliedern haben sich der Mstimmung enthalten.

Nächste Sitzung: Donnerstag 12 Uhr (Antrag Aich­bichler auf Verkürzung der Dauer der namentlichen Msttm- mungen. Fortsetzung der zweiten Lesung des Zollwviss>

Schluß 8 Uhr.

Parlamentarisches.

Berlin, 12. Nov. Heute fand für die verstorbenen Zeutrumsabgg. Brandenburg und Dr. Lingens in der Kapelle der Maria-Viktoria-Heilanstal ein Requiem statt. Etwa 100 Personen, darunter 60 Abgeordnete der Zentrums-Fraktion des Reichs- und Landtages, wohnten derselben bei.

Berlin, 12. Nov. Wie ein parlamentarischer Be- nchterstatter meldet, gewinnt in den Kreisen der Mehr­heits-Parteien die Ueberzeugung von der Unzweckmä­ßigkeit des Antrages Aichbichler in seiner gegen­wärtigen Form immer mehr Anhänger. Besonders seien es die Nationalliberalen, die ihre Zustimmung zu einer Aenderung der Form der namentlichen Abstimmung davon abhängig machen, daß der Hammelsprung bei gleich­zeitiger Abgabe einer Zählkarte erfolge. Die Mehrheits- Parteien sollen geneigt sein, auf eine derartige Aende­rung des Antrages einzugehen.

Heer und Flotte.

Berlin, 12. Nov. Neben der neuen allge­meinen Garnison-Ordnung find besondere Gar- nison-Bestimmungen für Berlin erlassen worden, in denen es u. a. heißt, daß bei Straßen-Exzessen und Tumulten jeder Soldat, der nicht im Dienst ist, sich sofort in die Kaserne oder in sein Quartier zu begeben hat. Ueber besondere Ereignisse, welche militärische Personen oder mi­litärische Einrichtungen chres Abteilungsbereichs in der hiesigen Garnison betreffen und in der Presse Besprechung finden könnten, ist dem Gouverneur von den Truppen­teilen sofort telegraphisch Meldung zu machen.

Ausland.

Dersingham, 12. Nov. Der Kaiser, der König and der Prinz von Wales verließen in Begleitung des deutschen Botschafters Grafen Wols-Metternich und des Staatssekretärs of Lansdowne heute das Schloß Sandring­ham und begaben sich zu der aus Anlaß des Geburtstages des Königs stattfindenden Fasanenjagd. An die Jagd schloß sich ein Frühstück an. r

London, 12. Nov. Tie Buren-Generale Botha, Dewet und Delarey haben eine Denkschrift auf­gesetzt, die alle streitigen Ansprüche der Buren eingehend begründet. Dieses Schriftstück wurde gestern Chamber­lain überreicht. Botha trug den Inhalt zugleich mündliche vor und erklärte, er und seine Genossen Hütten sich zu diesem Schritt in der Hoffnung bewegen lassen, daß Chamberlain bei seinem Aufenthalt in Südafrika die betreffenden Punkte einer gründlichen Untersuchung unterziehen werde. Weiter bat Botha, den Buren-Delegierten Wessels, Fischer and Wolmarans die Rückkehr nach Südafrika zu gestatten. Doch artet man vor der Rückkehr Chamberlains aus Südafrika keine Entscheidung. Botha erklärte ferner, die Buren hätten geglaubt, die Geldbewilligung würde ausschließlich von der britischen Regierung ausgehen und bei Wiedereinsetzung der Bürger den notwendigen Bedürf­nissen Rechnung getragen werden. Chamberlain ver­sprach die Sache in Südafrika zu unter suchen, hieraus kam auch das Amsterdamer Manifest und die Reise der Generale auf dem Festlande zur Sprache. Es heißt, Zotha und Delarey wollten in nächster Zeit nach Ame­rika reifen.

Gerichtssaal.

Berlin, 12. Nov. An die Ritualmordbeschul­digung knüpft der Beleidigungsprozeß an, der heute gegen den Redakteur der antisemitischenStaatsb.- Ztg." Dr. Böckler verhandelt wurde. Der Beleidigte ist, wie wir bereits gestern mitteilten, der Theologie-Pro­fessor Dr. Hermann Strack, der wissenschaftlich in seinen Arbeiten die Unhaltbar leit der Ritualmord-Beschul­digung gegen die Juden nachgewiesen hat. Das hatte er auch als Sachverständiger in dem Prozeß vertreten. Des­halb und weil Strack den antisemitischen Professsor Rohling des Meineids beschulidgt, hatte ihn der Angeklagte in einer Volksversammlung scharf angegriffen, chn als unwissend hingestellt und behauptet, er habe den Vorwurf der Ver­leumdung und Lüge auf sich sitzen lasssen. Prof. Strack äußerte sich gegen seine Meineidsbefchuldigung gegen Prof. Rohling dahin, daß Prof. Rohling ein eid­liches Gutachten in der Judenftage abgegeben habe, das so merkwürdig sei, daß man nur annehmen könne, er habe bei Abfassung des Gutachtens grob verbrecherisch ge­handelt oder es unter der Einwirkung der Parterver- blendung abgegeben. Er müsse den .Vorwurf erheben, daß Rohling in die Texte Tinge hinein interpretiert habe, die, wenn sie nicht auf verbrecherischen Willen hindeuten, nur durch pathologische Vorgänge erklärt werden könnten. Er Halle danach den Eid für objektiv falsch und erinnere auch an folgende Thatsache: Ter Rabbiner Bloch habe s. Z. den Vorwurf des Meineides gegen Rohling erhoben; dieser habe daraufhin zwar die Klage gegen Bloch angestrengt; als aber der Termin angesetzt war, habe Pros. Rohlin die Klage im letzten Augenblick zurückgezogen. Prof. Strack führte einige Stellen aus dem Gutachten Rohlings an, die er als bewußte Fälschungen betrachten müsse. Gäbe es auch nur eine Sekte im Judentum, die sich zum Ritualmord bekenne, dann wäre er ber erste, der da sagen würde, daß die Christen verpflichtet wären, die Juden mit Stumpf und Stil auszurotten. Er behaupte aber, daß die Juden selbst eine solche Selle ausrotten würden. Er be­haupte ferner: es gebe keine Geheimlehre in der jüdischen Religion, keine einzige Stelle in der jüdi­schen Litteratnr, die ein Christ, der Sachkenntnis besitzt, nicht finden könnte. .Prof. Rohling habe auch, seinerzeit

Kus Ktadt und Land.

Bingen, 1L Nov. Gestern besuchte Finanzminister G n a u t h in Begleitung der Ministerialräte Milbrand und Dr. Decker unsere Stadt, um unter Führung des Tomanen- rats Mayer-Mainz die hier errichtete Domanialkelle- rei und das Kelterhaus zu besichtigen. Tie Einrichtungen haben sich als sehr zweckmäßig erwiesen und sanden den Beifall des Besuches. Hierauf wohnten die Herren auch noch einige Zell der Lese int Domanialweiubergeam Mainzer Wege" bei.

Wiesbaden, 12. Nov. Wie aus Schloß Rhein- stein gemeldet wird, trafen heute mittag 12 Uhr der Kronprinz und Prinz Eitel Friedrich, sowie ?Zrinz und Prinzessin von Schaumburg-Lippe, von Bonn ommend, Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen per Automobll von Darmstadt kommend, sowie Prinz und Prinzessin Karl von Hessen, von Frankfurt am Main kommend, auf Schloß Rheinstein ein. Uno 4 Uhr nachmittags reiften die Herrschaften wieder ab.

behauptet, in einer Schrift des Rabbi Mendel in Galizien^ werde der Ritualmord direll gelehrt. Er habe darauf naH Galizien geschrieben und die Antwort erhallen, daß ein solches Buch überhaupt nicht existtere. Den Borwurf beti Lüge habe er keineswegs stillschweigend hingenommen.

den Vorwurf, daß er die Beschuldigung der Lüge auf sich habe sitzen lassen, habe er sofort in dem Borwort zu ber 1900 erschienenen Auflage zu seiner Schrift llar und deud- lich geantwortet. Er habe außerdem, da er als evangelischer Theologe kein Freund von Privatklagen sei, die gegen chn geschleuderten Angriffe schriftlich und mündlich den Mi-, nistern v. Zedlitz und spater Bosse unterbreitet, und alsj 1900 neue Beleidigungen gegen chn losgelassen wurden^ habe er sich wieder an den Ministerialdireüor Althvff und den Geh. Rat Dr. Elster gewendet und angeftagt, ob er da­gegen Schritte thun solle oder nicht. Er sei dann nach Gastein gereist und habe, als er hörte, daß eine Art General­abrechnung mit derStaatsb.-Ztg." gehallen werden sollte, den Artikel derStaatsb.-Ztg." der Staatsanwaltschaft zur Kenntnisnahme eingereicht. Er habe damals nicht gewußt daß es zur Strafverfolgung eines besonderen Antrages seinerseits bedurfte. Ter Gerichtshof hiell den Angeklagten der Beleidigungin zwei Fällen auch im Sinne des! § 186 für überführt. Zu Unrecht habe er den Professor Strack als einen Mann hingestellt, der den Borwurf der Luge ruhig auf sich habe sitzen lassen. Prof. Strack IjaBe, ganz sachgemäße Schritte gethan, die mir durch eine Verkettung von Umständen fehl gingen. Das Urteil lautete auf 300 Mk. Geldstrafe.

Vermischtes.

Berlin, 12. Nov. In einem Hotel der Friedrich» stadt wurden einjungerMann und einjungesMäd- chen erschossen aufgefunden. In der Persönlichkeit des jungen Mannes wurde der 29 jährige Kurt Nißle^ der Sohn eines verstorbenen Geh. Regierungsrates, rekog­nosziert, der in letzter Zeit geistesllank war. Die Persön-- lichkell dos Mädchens ist noch nicht festgestelll Der Polizeibericht von gestern meldet vier VergiftungA- fälle, von denen drei tödlich verlaufen sind.

* Krefeld, 12. Nov. Tie verstorbene Frau Ma­rianne Rhodius vermachte der Stadt Krefeld 1800 000 M a r k zu wohlthätigen Zwecken.

* Breslau, 12. Nov. Wie aus Kauffnng gemeldet wird, stürzte dort gestern Nachmittag der Dachstuhl eines: Neubaues ein, und begrub mehrere Handwerker unter den Trümmern. Ein Zimmermann war sofort tot, ein anderer schwer verletzt.

* Gleiwitz, 12. Nov. Auf der Georgshütte der Königin Luise-Grube in Zabrze erfolgte in der letzten Nacht auf einer Kohlenstrecke ein Durchbruch bran­diger Gase, wobei fünf Bergleute schwer verbrannt wurden. Die Verunglückten sind sämtlich verheiratet.

* Paris, 12. Nov. Gestern kollidierte ein Wagen der elektrischen Sttaßenbahn mit einem Rollfuhrwerk, wo­bei der Führer des Motorwagens und sechs Passagiere verletzt wurden.

* Paris, 12. Nov. Nachdem gestern derFigaro" einen längeren Artikel darüber brachte, weshalb man die Humberts nicht wiedergefunden habe, dessen Ausführungen von denTebats" als Phantasie bezeichnet wurden, will heute dasPetll Journal" wissen, daß Fran Humbert am Tage ihrer Abreise telephonisch, benachrichtigt