Ausgabe 
11.11.1902 Zweites Blatt
 
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heute rrachmMag ein Festmahl. Ter Erbgrvßherzog hielt die erste Ansprache, in der er die wiederholte An­wesenheit des Kaisers in der Rheinprovinz wahrend der letzten Monate erwähnte und Lervorhob, daß der Kaiser sich dabei von dem großartigen Aufschwünge des Handels und der Industrie in der Rheinprovinz überzeugt und auch chm gegenüber seiner Bewunderung hierüber Ausdruck ge­geben habe. Ter Erbgroßherzog wies darauf hin, daß der Kaiser seinen zweiten Sohn der Universität Bonn rugeführt habe, nachdem schon der Kronprinz zu den akademischen Bürgern gehöre, und fuhr dann mit etwa folgenden Worten fort: Ties alles ruft lebhafte Tankgefüble hervor, an denen ich lebhaften Anteil nehme. War es doch das Vertrauen des Kaisers, das es mir vergönnte, in dieser Provinz wirken zu können. Dieses Dankgefühl löst sich ganz besonders hier in der Rheinprovinz aus, wo ich Vaterlandsliebe und Königstreue schätzen und kennen lernte. Ich bitte Sie, meine Herren, mit mir einzustimmen in den Ruf: Der Kaiser lebe hoch! Lberpräsident Nasse brachte sodann ein Hoch auf den Erbgroßherzog aus. Dieser erwiderte dankend und ver­sicherte, daß er und seine Gemahlin die Jahre, die sie in Koblenz zubrachten, zu den glücklichsten ihres Lebens zählten.

Ausland.

London, 10. Nov. Auf dem heutigen Lordmayors- Hankett sagte Parlamentssetretär der Admiralität Forster: Es ist die Pflicht der Behörden, dafür zu sorgen, daß das Land mit den nötigen Mannschaften und Geschützen versehen ist. Die Admiralität ist be­müht, diese Pflicht zu erfüllen, und ergreift Maßnahmen, um genügende Reserven für denFalleines Krie­ges zu haben. Ministerpräsident Balfour drückte seine Freude aus über den Mschluß des Friedens in Süd­afrika. Ter südafrikanische Krieg giebt eine bejahende Antwort auf die beiden vor dem Kriege gestellten Fragen, nämlich: Wünscht das englische Volk, wie früher den Frie­den, bereitet aber den Krieg und alle durch den Krieg erforderten Opfer vor. Sind die autonomen englischen Kolonien statt bloße Kommanditar-Reichshandelshäuser'zu sein, die bereit sind, an den Vorteilen tcilzunehmen, ohne sich Gefahren auszusctzen, vielmehr bereit für das Reich zu kämpfen? Der Redner bemerkte ferner, was eine andere Frage angehe, ob ein glücklicher Frieden einem glücklichen Kriege folge, so sei er von Hoffnung erfüllt, aber ohne übertriebenen Optimismus. Balfour wies dann auf den Besuch des großen befreundeten Souveräns bei seinen nächsten Verwandten hin und erklärte, er lehne es ab, auf wiloe phantastische Erfindungen ein- rugehen, die die Presse daran geknüpft habe. Die Frage des Somalifeldzuges sei keine wichtige-Reichsfrage, aber von großem Interesse, weil sie die freundlichen Ge- ühle Italiens gegenüber England hervortreten ließ, sowie )ie Bereitwilligkeit, mit derItalien England für gemein» ame Interessen beider Länder seine Mitwirkung lieh.

Madrid, 10. Nov. Ministerpräsident Sagasta über­reichte dem König heute das Entlassungsgesuch des gesamten Kabinetts. Der König erklärte Sagasta, er werde morgen hinsichtlich der Vertrauensfrage die Entscheidung treffen.

Fiume, 10. Nov. Wie verlautet, erhielt die Kur- Direktion in Mazzia eine Mitteilung, für Anfang Ja­nuar die Villa Angiolma für die deutsche Kaiserin und deren Tochter bereit zu stellen. Die Kaiserin werde bis Ostern in Mazzia verweilen, um welche Zeit Kaiser Wilhelm sie besuchen, und mit chr die Heim­reise antreten werde. Man glaubt, daß aus diesem Anlaß eine Zusammen kun ft zwischen KaiserWilhelm und Kaiser Franz Josef in Abazzra stall finden werde.

Budapest, 10. Nov. Heute verhandelte der Wehr- aus schuß über die verlangte Erhöhung des Re­krutenkontingentes. Der Honvedminister Baron Fejerwary machte die sensationelle Enthüllung, daß die geplante Truppenerhöhung mll keinerlei Mehr- k o st e n verbunden sei, weil die Kosten für die jetzt ver­langten 22 000 Mann schon seit mehreren Jahren im Budget eingestellt waren, und die betreffenden Summen unter den gemeiusamen Aktiven vorhanden sind.

Konstantinopel, 10. Nov. Die Pforte hat nun­mehr alle italienischen Bedingungen angenom­men und sich auch damit einverstanden erllärt, daß bis zur Durchführung der seitens der Türkei übernom­menen Verpflichtungen die llalienischen Kriegsschiffe vor Midi verbleiben.

Ncwyvrk, 10. Nov. Tie deutsch-amerikanische Ge­sellschaft feierte am Sonntag die durch den Besuch des Prinzen Heinrich angeregte er st jährige Feier des Deutschentages im Beisein des deutscheu Bot­schaft-Sekretärs, Legationsrat Grafen von Quadt. Der Graf brachte neben dem Präsidentenhoch ein solches auf den deutschen Kaiser aus.

Die Zahl der für die So ziali st en bei den letzten Wahlen abgegebenen Stimmen beträgt rund 250 000.

Tie Zahl der fanatischen Duchoborzen ist auf 600 Köpfe zurückgegangen. Man hat ihnen zwei Schwa­dronen kanadische Reiter entgegengeschickt, um sie mit Gewalt auf der Eisenbabn Heimzubringen und sie vor dem Verhungern uno Erfrieren zu retten. Tie Frauen und Kinder sind in Sicherhell gebracht. Inzwischen hat in Yorktown ein junges Mädchen erklärt, sie sei die Mutter Gottes und dadurch eine neue Raserei entfacht.

Tie Verhandlungen mit Columbien sind sowell ge­diehen, daß nichts mehr übrig bleibt, als ein formeller Mschluß des Vertrages zur Erbauung des Pa- namakanalS.

Ein Telegramm aus Caracas meldet: Die be- schädigten Brücken der deutschen Bahnlinie sind wicderhergestelll. Tie Flucht der Armeen der Aufständi- fd)en dauert fort. Das revolutionäre jlomitee in Caracas ift nicht im stände, die Ursache der Spaltung unter den Führern zu erklären, oder zu sagen, lvas aus den 10 000 Mann geworden sei, die bis zum 2. dlovernber unter den Waffen gestanden haben. In amtlichen Kreisen fei man der Ansicht, Mates zog sich üi der rlllchtung auf Tucacas zurück. Castro ljubc am Samstag 15 000 Mann ensaudt, um Cere anzugreifeu. Er beabsichtige, Cere, Barcelona, Ciudad-Bclivar und Cumana unverzüglich wieder zu er­obern. Tie Verbindung zwischen Caracas und Valencia und Puerto Cabello sei wiederhergestellt.

Aus Htädt uni) £nni).

Gießen, den 11. November 1902.

- Die Eröffnung des Landtages findet, wie der Darmst. tägl. Anz." meldet, gutem Vernehmen nach durch den Großherzog am Montag. 24. November, statt.

* Hofnachrichten. Aus Darmstadt wnd un§ geschrieben: Großfürst und Großfürstin Sergiu- sind Montag abend 11.47 Uhr, vom Großherzog, Prinzen Heinrich und Gefolge an die Bahn begleitet, nach Italien abgereist und werden sich vorerst direkt nach Neapel begeben; der Aufenthalt in Italien ist auf ca. 5 Wochen berechnet. Die Weihnachtstage werden die Herrschaften wieder am hiesigen Hofe zubringen. Der Prinz und die Prin­zessin Friedrich Karl von Hessen sind Montag mittag 5 Uhr 23 Minuten zum Besuche des Großherzog­lichen Hofes in Darmstadt eingetroffen. Prinz Hein­rich, welcher von der Retrutenvereidigung in Kiel wieder nach Darmstadt zurückgekehll ist, wird mit seiner Familie voraussichtlich noch bis zum 26. d. Mts. in der hessischen Residenz verbleiben. Am 25. wird der Geb urtstag des Großherzogs gefeiert. Prinz Nikolaus von Griechenland nebst Gemahlin Großfürstin Helene reifen am 12. November von Petersburg nach Griechenland ab. Die Reise des Großherzogs nach Indien roirb, wie derDarmst. Tägl. Anz." schreibt, voraussichtlich am 15. Dezember d. Js. angetreten werden und die Rück­kehr am 15. k. Js. erfolgen.

* Von der Universität. Ter zu Ehren des Pro­fessors Drude veranstaltete Fackelzug wird sein Eiide auf Den Gail'schen Wiesen an der Trace der Fuldaer Bahn finden, wo mit Erlaubnis des Herrn Kommerzienrats Gail die Fackeln zusammen geworfen werden. Der Kommers findet in Steins Saal statt.

* * Von der Universität. An der Landesuniver­sität hat sich in diesem Semester eine neue Korporation auf- gethan, der Akademisch-Neuphilologische Verein (A. N. V.). Er gehört dem Weimarer Kartell-Verband neuphilologischer Vereine an. Seine Farben sind Schwarz- Weiß-Grün.

* * Der N eubau der höheren Töchterschule. Die Ausführung des Neubaues der höheren Töchter­schule steht in nächster Zeit bevor. Bereits früher hat man das Plochsche Anwesen Gebäude mit großem Garten als Baugelände für 91 000 Mark erworben. Folgendes ist geplant: Das seitherige Gebäude der höheren Töchterschule soll nach Vollendung des Neubaues Stadtmädchenschule und die jetzige Stadtmädchenschule Bezirksschule werden, in der Knaben und Mädchen des südwestlichen Stadtbezirks gemein­sam unterrichtet werden sollen. Für die Volksschule ist die Beschaffung weiterer . Räumlichkeiten dringend erforderlich, sieben Schulbaracken stehen bereits in den Schulhöfen und in der Hammstraße. Im nächsten Frühjahr steht die Er­richtung von mindestens zwei weiteren Schulklassen bevor. Während die ersten Baracken Bretter- und Pappdeckelwände besitzen, haben die zuletzt aufgestellten Wände aus Fachwerk. Welches System des Barackenbaues den Vorzug verdient, wird der kommende Winter zeigen. Um die Errichtung weiterer Baracken zu umgehen, wird der Raum für die zu Ostern erforderlich werdenden beiden Klassen voraussichtlich durch Teilung des Zeichensaales in der Stadtknabenschule beschafft werden.

Der Neubau der katholischen Kirche zwischen Liebigstraße und Wilhelmstraße ift seit 14 Tagen begonnen worden. Man ist zunächst mit der Ausmauerung der Fun­damente beschäftigt. Wir erfahren über den Bau, daß dieser nach einem Entwurf des Architekten L. Becker in Mainz, einem bewährten Kirchenbaumeister, in rein gotischen Formen aufgeführt werden und nach der Liebigstraße hin zwei hoch­ragende Türme erhalten soll. Das Gotteshaus ist als Lang­schiffkirche entworfen, von dem allerdings erst eine Hälfte auö- geführt werden soll, und zwar nicht die Turmseite, sondern die gegenüber liegende, Chor und Sakristei enthaltende. Da­durch wird zunächst ein Raum, der zirka 600 Personen faßt, geschaffen. Als Bauzeit sind zwei Jahre vorgesehen. Wenn später die für den Weiterbau erforderlichen Mittel zur Ver­fügung stehen, soll die noch geplante andere Hälfte des Kuchenschiffes und die Türme hergestellt werden. Die Bau- lellung ist dem Architekten Kockerbeck hierselbst übertragen worden, die Mauerarbeiten werden durch Maurermeister Abermann gemeinsam mit der Baufirma Birken stock u. Schneider ausgeführt. Wir wollen hoffen, daß es dem Kirchenbau nicht wie so vielen anderen ergeht, daß er näm­lich niemals fertig wird. Wenn man berücksichtigt, daß der verhältnismäßig geringe Kosten erfordernde Teil der Kirche zuerst gebaut wird, während man die Fertigstellung des Hauptteils, vor allem der Türme, die noch dazu die Straßen­front hüben sollen, von der Zukunft erwartet, so ist jene Hoffnung sehr nötig, denn ein halber Bau verschönt das Straßenblld nie.

* * Tie Gewerkschaft Gießener Braunstein­bergwerke, vormals Fernie hat zum 17. d. M. eine Gewerke-Versaminlung nach hier einberufen. Außer mit dem Rechenschaftsbericht rc. wird sich die Versammlung mit der Anlage eines Eisenbahnanschlusses nach der locherhessischen Strecke hin beschäftigen, da bei einem etwaigen flotten Versandt die Drahtseilbahn nicht imstande ist, die Heranschaffung von Erz in genügender Menge zu bewältigen. Die Direktton des Draunfteinbergwerks hat in der Gegend refp. auf dem Gelände, auf welchem die Provinzial-Jrrenanstalt geplant ist, durch Bohrungen fest- gestellt, daß dort in gar nicht sehr großer Tiefe überaus wertvolle und leicht abbaufähige Erze lagern. Ob man dort den Bergbaubetrieb eröffnen will, Bonnten wir nicht in Erfahrung bringen.

* * Eine Straßen sze ne. Eine Frau und ein junger Bursche kamen gestern in der Steinstraße in Wortwechsel, wobei sie sich gegenfeitig beleidigten und auf offener Straße mit Steinen warfen. Es wurde Anzeige erhoben.

**TerFriedensstifterbekommtdiePrügel. Am vergangenen Sonntag abend gerieten drei Brüder von hier an der Krofdorferstraße in Streit, wobei zwei von ihnen in den Chcnllseegraben fielen; auf das Hülfe ruf en des einen tarn ein Vorübergehender hinzu und trennte die Kampfhähne. Gegen diesen Friedensstifter erhoben die Brüder Anzeige wegen Körperverletzung.

* * Ein frecher Einbruchsdiebstahl wurde gestern nachmittag im Vorplatz des Schwesternhauses in der Johannesstraße verübt. Ein feit einigen Tagen hier zugereister Monteur, der Postkarten zum Verkaufe anbot, Halle sich in den Hausflur des Schwesternhauses einzu­schleichen gewußt, erbrach eine dort aufgehängte Sammel­büchse für dieKrippe" und entwendete daraus etroa 17 Mark. Der Thäter wurde auf erstattete Anzeige bald darauf I ergriffen und dem Gericht eingcliefert.

" Die Steinkohlen-Bezugs-Gesellschaft Gießen, welche Ende des Geschäftsjahres 1901/1902 einen Mttglieder- bestand von 827 zahlte (16 Mitglieder mehr als im Vor­jahre), hat 1901/1902 im Ganzen 62 488,12 Ztr. Brenn­material umgefetzl und zwar: Nußkohlen 14 952,06 Ztr. (Winterbedarf) und 42 350,06 Ztr. (Sommerbedarf), Anthra- cilkohien 4 183,76 Ztr., Briketts 802,24 Ztr., Melierte Kohlen 200 Ztr. Die Ausgaben des Vereins betrugen 75 984.94 Mk. und zwar für Kohlen 45 158.58 Mk., Frachten 19 655.50 NU. Oktroi 2 468.32 Mk., Wiegegeld 620.91 Mk., Einbringerlohn 1 405.10 NU., Fährlöhne 3 168.50 Mk., Zinsen und zurück­gezahlte Mügliederbeittäge 1394.40 Mk Verwaltungskosten 1 875.24 Mk., Sonstige Ausgaben 252.81 Mk. Ter Reserve­fond beträgt 704.55 Mk. gegen 615.58 Mk. des Vorjahres. Die Preise der einzelnen Kohlengattungen inklusive der Ver­waltungskosten stellten sich in 1901/1902 wie folgt per Ztr.: Nußkohlen, Winter 1.15 Mk., Sommer 1.10 Mk.; Anthracit- kohlen, Wimer 1.70 Mk., Sommer 1.68 Mk.; Briketts, Winter 78 Pfg., Sommer 72 Pfg.; Meliette Kohlen 1.06 NU.

Verein zur Hebung des Fremden»Verkehrs. In Folge unseres Berichtes, daß sich hier die Gaslwitte für einen Verein zur Hebung des Fremden-Verkehrs interessieren, hat der Bürger-Verein, Bad-Nauheim, sich an den Vor­stand des Witte-Vereins-Gießen und Umgegend gewendet und diesem zu dem sehr zeitgemäßen Vorhaben, einen Verkehrs- Verein zu gründen, Glück gewünscht und hmzugefügt, daß das Verkehrs-Bureau-Bad-Nauheim auf Wunsch sehr gern bereit ist, mit Rat und That zu dienen.

)( Leihgestern, 11. Nov. Am nächsten Sonntag 2 Uhr nachmittags findet hier die Einweihung des neuen Schulhauses statt.

)( Altenstadt i. Hessen, 10. Nov. Am Samstag vor­mittag setzten sich in einem in unserer Nähe, zwischen hier und Rodenbach betriebenen Steinbruch mächtige Gestein- massen in Bewegung und verschütteten zwei Arbeiter, und zwar den eigenen Sohn des Steinbruchbesitzers, der auf der Stelle tot blieb, während dessen verheirateter Unglücksgenosse nur leicht verletzt wurde.

Darmstadt, 10. Nov. Prinz von Isenburg und Büdingen-Birstein hat, wie die Franks. N. N. melden, den Manifestalionscid geleistet.

Mainz, 10. Nov. Peinliches Aufsehen erregte die ver» flossene Woche erfolgte Verhaftung eines älteren un­verheirateten Lehrers der höheren Bürgerschule in Wörr­stadt, der im Verdacht steht, sich an einer Reihe von Mädchen dieser Schule in unsittlicher Weise vergangen zu haben.

Worms, 10. Nov. Zu den Frhr. v. Heylschen Treibjagden, die heute und morgen in den Gemark­ungen Osthofen und Herrnsheim stattfinden, traf Prinz Heinrich von Preußen mit Gefolge heute vormittag mittels Extrazugcs in Osthofen ein. Die Rückkehr nach T>armstadt erfolgt nachmittags 4.10 Uhr von Osthofen aus. Morgen wird auch der Gr o ß h e r z o g zur Jagd erwartet. Der Großherzog und Prinz Heinrich nehmen am Jagd diner in Schloß Herrnsheim teil und reifen 8.30 Uhr mittels Extrazugs nach Darmstadt zurück.

Kveryessischer Aerein für innere Mtjston.

W. Gießen, 10. November.

DaS Jahresfest des Oberhessischen Vereins für innere Mission wurde heute morgen halb 11 Uhr im Konfirmanden­saale der Matthäusgemeinde mit der ersten Haupt­versammlung des Verbandes der oberhessischeu Erziehungsvereine eingeleitet. Zu ihr waren die Ver­treter sämtlicher vorhandenen Vereine erschienen; als Ver­treter der Staatsbehörde war Regierungsrat Dr. Wagner auS Gießen erschienen.

Der Vorsitzende, Pfarrer Röschen aus Freienseen, er­öffnete die Versammlung mit Erstattung des Jahresberichts. Er warf dann vor allem einen Rückblick auf die Geschichte des Verbandes, der am 20. Januar ds. Js. in Hungen be­gründet wurde, und auf die Entwickelung der einzelnen Ver­eine, von denen die im Jahre 1865 gegründete Malhilden- ftiftung zu Friedberg der älteste ist, während bic Gründung der eigentlichen Dekanatsoereine mit der des Schottener Ver­eins im Jahre 1890 und des Grünberger im Jahre 1894 folgt, die der jüngsten erst der Anregung deS Verbandes zu verdanken ist. Die älteren Vereine bringen Kinder auch auf eigene Kosten unter und erheben daher Mitgliederbeiträge, bic jüngeren beschränken sich mehr, als Erziehungsbeirat für die Gemeinden und bic Kreisämter zu wirken. Im ganzen würben durch die Vereine 293 Kinder untergebracht, 200 Knaben und 93 Mädchen, und ihre Erziehung überwacht, davon durch die Mathildenstiftung 147, durch die Vereine in Schotten 27, in Grünberg 79, in Büdingen 26, in Nidda 7, in Gießen 4, in Schotten 3. Davon sind 24 Kinder, sämt­lich aus der Mathildensttftung, in Anstalten, die übrigen 249 in Familien untergebracht. Die Resultate wurden als recht günstige bezeichnet. Es kamen nur wenige Fälle vor, in, denen sich die Pfleglinge der Ueberwachung zu entziehen ver­suchten. Sodann wurden einzelne Fragen eingehend be­sprochen. Betreffs der Höhe des Pflegegeldes wurde unter gewöhnlichen Verhältnissen ein Betrag von 100 Mk. als ent­sprechend erachtet. Bei den in Dienststellungen befindliches Zwangszöglingen solle der Lohn von dem ErziehungSvercin verwaltet werden. Wenn durch den Verkehr der Eltern mit den Zöglingen ein ungünstiger Einfluß auf diese zu befürchten ist, müsse dieser mit allen Mitteln verhindert werden. Der Vertreter des Kreisantts sagte jede Unterstützung dabei zu. Heber die Stellung der Erziehungsoereine zu den Verwaltungs­behörden herrschte eine sehr erfreuliche Einmütigkeit. Die staatlichen und städtischen Behörden nehmen btc Dienste der Erziehungsoereine sehr dankbar in Anspruch, lassen ihnen all» gemein den nötigen Spielraum für ihre Wirksamkeit und vergüten die erwachsenden Kosten. Bezüglich des Verhält­nisses der Vereine untereinander wurde feltgeftellt, daß jeder Verein seine Thätigkeit auf sein Gebiet zu beschränken habe. Auf Grund dieser Aussprache wurden die Verbandssatzungen, sowie die vorgelegten Mustersatzungen für Einzelvereine enb- gUtig angenommen.

Am Nachmittag wurde in der am gleichen Otte statt­gehabten Mitgliederversammlung zunächst die Herren Pfarrer Euler und Professor O. DrewS in den geschästsführenden Ausschuß berufen. Sehr eingehend wurde dann über das Kollektenwesen und dessen Mißstände beraten. Allgemein wurde als das Ziel bettachtet, den Bernfskollektanten zu be­seitigen. Wie weit die Kollekte urch Pfarrer unb Kirchen- oorfianb übernommen werben L ne, unb ob bie AnttellunL