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11.11.1902 Erstes Blatt
 
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bach. Dort systems, wie

Innungen slch 175 Zwangsnrnungen uttd 1171 eie ^nnangeu auflösten (von letzteren aber 28 zur Umbildung in Zwangs- Innungen), dagegen haben 'ich insgesamt 778 Innungen neu gebildet, also mehr als dreimal >0 viel. Auch die von verschiedenen Seiten behauptete Thctt- fache, daß das Handwerk sein Dasein lediglich von der ,Lehrlingszüchterei" friste, hat sich nach den angestelltea Erhebungen als falsch erwiesen. Auf 48 Millionen Ein-» wohner (in den Bezirken der 63 Kammern) entfallen 1100 000 selbständige Handwerksbetriebe, in denen 900 00Q Gesellen und 350000 Lehrlinge beschäftigt werden. Bei einem Verhältnis von 11 :9 : 3r/z kann also von einer Lehr­lingszüchterei im allgemeinen keine Rede sein. In den­selben Bezirken bestehen ferner 2564 Zwangsinnungen mit 171000 Mitgliedern, 6271 freie Innungen mit 201 000 Mit­gliedern und 1642 gewerbliche Vereine mit 100 000 Mit­gliedern. Ferner sind 257 Genossenschaften neugebildet wor­den. Diese Fortschritte der handwerklichen Organisation finden chre Erklärung in der intensiven Arbeit der Hand­werkskammern. Diese wird auch treffend illustriert durch die Angabe, daß 14 161 Gesellen und 3603 Meisterprüfungs- ausschüsse ihres Amtes walten. Diese Zahlen illu­strieren am besten den Stand der Dinge, welcher allerdings den handwerkerfeindlichen Elementen sehr unbequem ist.

8 Butzbach, 9. Nov. Der hiesige Gesangverein Or­pheus beging heute hier seine 64. Stiftungsfeier, verbunden mit der Generalversammlung. Die durch ein reiches Mahl gewürzte Feier ist in jeder Beziehung schön verlaufen.

? Lick, 10. Nov. Seit einigen Tagen ist der unter großen Schwierigkeiten neu angelegte Teil unserer Ka­nalisation nebst dem KläÄecken im Betrieb. So mußte ein Teil der alten Wallbefestigung durchschnitten werden, auch durchzieht der Hauptabschlußkanal den fürst­lichen Schloßgarten. Die neue Anlage, ein Werk unseres rührigen Bürgermeisters, funktioniert trotz des geringen Gefälles bis jetzt ganz gut.

)( Michelbach, b. Schotten, 10. Nov. Heute sind es fünf Jahre, daß unser Dorf von dem schrecklichen Brandunglück he^mgesucht wurde. Insgesamt brann­ten zehn Gebäude nieder und sechs Familien wurden obdach­los; ein Kind fand in den Flammen seinen Tod. Des Jahrestages wird alljährlich kirchlich gedacht.

() Herchenhain, 10. Nov Gestern fand hier eine ordentliche Visitation des Kirchspiels durch Super­intendent Petersen statt.

§§ Gedern, 10. Nov. Ein hiesiger Bürger hat unter­halb unseres Städtchens einen sehr rentablen Basält­st ein bruch für 5000 Mark an eine Aktiengesellschaft verkauft. Da sich das Material vorzüglich zu Pflaster- und Bausteinen eignet, soll der Betrieb in ziemlich großem Maßstabe ins Werk gefetzt werden; auch soll eine Stein- llopfmaschine in Thatigkeit treten und das Basaltwerk mittels eines Schienenstranges mit der Eisenbahnstation in Verbindung gesetzt werden. Zum Bau der Nebenbahn­linie wird das Unternehmen eine gute Absatzquelle finden.

k. Lauterbach, 9. Nov. Geh. Kirch en rat D. Thomas Stock hat dieser Tage seinen bisherigen Wirk­ungsort Stockhausen verlassen und ist nach Gießen über­gesiedelt. Mit chm schied einer der ältesten Geistlichen Hessens aus dem Dienst der Kirche. Vor etwa 4 Jahren feierte er sei.n 50jähriges Jubiläum, aus welchem Anlaß ihn die evang. theol. Fakultät Gießen zum Dr. th. honoris causa ernannte. Nahezu 50 Jahre har T. Stock in Stock­hausen gewirkt und während dieser Zeit etwa 2500 Kinder getauft, 800 Trauungen und 1000 Beerdigungen vorge­nommen.

Eg. Alsfeld, 9. Novbr. Die Einweihung bei Schulhauses für unsere Gewerbeschule hat heute unter Beteiligung des Regierungs-Vertreters, RegierungSratS Dr. Wagner- Darmstadt, des Vertreters der Großherzogl. Zentralstelle, Regierungsrat N 0 a ck-Darmstadt, sowie ver­schiedener Gewerbevereine (Gießen war durch Kommerzienrat Heyligenstaedt vertreten) stattgefunden. Von dem bis­herigen Schullolale, dem alten sogen. Hochzeitsbau, verab­schiedete sich die Schule, deren Leiter, Hauptlehrer Schindel, in vortrefflicher Rede heroorhob, diese Räume hätten die Gewerbeschule in ihrer Kindheit ausgenommen, jetzt müsse die Schule das Elternhaus verlaßen, sie habe sich einen eigenen Herd gegründet. Das neue Schulhaus wurde bamf durch den Bauleiter dem Gewerbeoereinsvorsitzenden, RÖßner, übergeben, der es öffnete und in dem unteren Saale desselben die Festgäste herzlich begrüßte. In' formvollendeter Rede sprach dann Hauptlehrer Schindel luter die Bestrebungen und Ziele der Gewerbeschulen, und verglich unsere Verhält-

Aus Stadt und Kaud.

Gießen, 10. November 1902.

* Gedenktage. Am 12. November 1831 wurde zu Maut em in Niederösterreich der Botaniker Anton Kerner, Ritter von Marika un, geboren. Nachdem er längere Zeit als praktischer Arzt in Wien thätig war, wandte er sich dem Studium der Botanik zu. Als Professor der Botanik roirfte er in Ofen und als Direktor der Botanischen Gärten in Innsbruck und Wien. .Das Pflanzenleben der Donau­länder",Schutzmittel der Blüten gegen unberufene Gäste" und fein .Pflanzenleben" sind populäre Werke geworden. 1876 wurde Kerner in den Ritterstand erhoben.

** Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten-Versammlung Donners­tag, den 13. November 1902, nachmittags 4 llhr. 1. Ab­leben des Großh. Beigeordneten Grüneberg und des Stadt­verordneten Dr. Fuhr. 2. Mitteilungen. 3. Baugesuch des PH. Kröck für die Rodheimerftraße; hier: Dispens. 4. Ge- ländeverkauf von Jul. 9tattmann in der Diezstraße. 5. Gesuch des Fritz Teigler um Erlaubnis zur Benutzung städt. Ge­ländes und eines städt. Brunnens. 6. Gesuch des Karl Weber, z. Zt. in Straßburg i. E. um Anlage eines Gleis­anschlusses auf Bahnhof Gießen. 7. Vermietung eines Tells der Waldparzelle nördlich der Liebigshöhe als Schliefplatz. 8. Die Räume des Lesehallevereins. 9. Festsetzung von Straßenfluchtlinien für die Grundstücke Seltersweg 63 bis 77. 10. Die Abgabe von Erbbegräbnisplätzen auf dem Fried­hof am Nahrungsberg. 11. Die Kehrichtabfuhr in der Stadt Gießen. 12. Vergebung der Holzhauer- und Waldkultur- köhne in den Waldungen der Stadt Gießen für 1903/04. 13. Unterhaltung der städt. Wiesen und Beschaffung von Klee- uni> Grassamen. 14. Kullurpkan des Stadtwaldes. 15. Ge­such des Georg Jtttthsatz um Erlaubnis zum Wirtschafts­betrieb im Hause Schillersttaße 14. 16. Tesgt. des Friedrich Schäfer für Neustadt 1. 17. Desgl. des Heinrich Gratzfeld für die Steinstraße. 18. Genehmigung von Rechnungen.

** Personalveränderungen im Zieichspost- di e n st e. Der Kaiser hat dem Ober-Postsettetär K r ü g e r in Darmstadt bei seinem Scheiden aus dem Dienste den Charakter als Rechnungsrat verliehen. Versetzt wurde der Posta, sistent Seppell von Schlitz nach Witten. Bestanden hat die Postsekretärprüfung der Postverwatter Schirmann in Lich; die Postassistentenprüfung der Postgehllse Mann in Laubach. Gestorben ist der Pvstagent Fahrenbruch in Dortel­weil.

** Alpenverein,Sektion Gießen. Der siebente Vortrag im laufenden Vereinsjahre war der eigentlichen Hochtouristik gewidmet; Zahnarzt Jäger schilderte in der vorgestrigen Monatssitzung seine diesjährigen Touren. St. Anton am Ende des großen Arlbergtunnels war Ausgangspunkt für die Touren im Servall. Die nächste Unterkunft gewährt die in großartiger Umgebung gelegene Darmstädter Hütte (2426 Meter); von hier wird, trotzdem tiefer Neuschnee nicht die Spur eines Pfades er­kennen läßt, die Saumspitze (3034 M.) erstiegen. Doch gestatten die fortgesetzt ungünstigen Witte rungsverhält- nisse nur kleinere Unternehmungen, und so wird auf weitere geplante Touren in diesem Gebiete verzichtet. In rascher Fahrt gehts über Landcck nach Prutz am Ein­gang des herrlichen Kaunserthales. Thalaufwärts führt

die Wanderung znm Gepatschhans der Sektion Frank­furt, dessen wundervolle Lage die Reize des Mittel- und des Hochgebirges bereinigt Leider ist nach den Erklär­ungen der Führer auf die Möglichkeit einer Weißkugel­besteigung für die nächsten Tage nicht zu rechnen, darum erfolgt über das Weißseejoch (2970 M.) ter lieber- gang ins Sangtauferer Thal. Ueber Mals wird das Tou­risten- und Führerdorf Trafoi erreicht, inmitten eines schimmernden Kranzes von Eisbergen gelegen und über­ragt von der mächtigen Ortlerpyramide, der gleich die folgende Tour gelten soll. Tas Tadarettathal aufwärts führt der Pfad zur Payerhütte (3020 M.) Ter Auf­enthalt in diesem sonst vortrefflich bewirtschafteten Unter­kunftshause kann nicht gerade als Annehmlichkeit gellen, denn während die Änrichtungen auf etwa 60 Personen berechnet sind, nächtigen heute über 100 hier oben, die alle das wunderbar klare Wetter herbeigeführt hat. Einen unvergeßlichen Anblick aber gewährt von dem Platze vor der Hütte Die in der hellsten Mondscheinteleuchrung er­glänzende Umgebung. Ebenfalls noch beim Scheine des Mondes wird am frühesten Morgen aufgebrochen, und unter günstigen Umständen wird der Gepfel des O r t l e r gewonnen. Unbeschreiblich großartig ist das Panorama, das man von dieser höchsten Zinne Oesterreichs (3902 M.) genießt, und reichlich lohnt süh die aufgewandte Mühe. Ist doch eine eigentliche Schwierig kett nur an der einen Stelle vorhanden, wo nach dem Uetergung über den oberen Kerner der Ausstieg zum Plateau erfolgt. Nach Rückkehr zur Payerhütte, wird dann der sehr interessante Abstieg an den steilen Tabarettawänden nach Salden ge­nommen, von wo aus sofort der Angriff auf die Ko­ni g s s p i tz e (nach Meyer einer der interessantesten, aber zum Teil schwierigsten Berge) beginnt Aus der inmitten eines gewaltigen, vom Monde prächtig beleuchteten Glet- scherzirlus gelegenen Schaubach Hütte wird übernachtet und von hier aus am anderen Morgen der majestätische Gipfel bezwungen. Von der Steinschlaggefahr am sogen. Königs- joch und der steilen Stelle an derSchulter" abgesehen, zeigen sich im übrigen Dank der sehr guten Schneeverhält- nifje kaum besondere Schwierigkeiten. Ta wettere Touren in dieser Gruppe durch eintretenden Wttterungswechsel verhindert wurden, verläßt unser Tourist das Ortlergebiet, um sich über den Brenner nach der Nordsette Der Alpen zu begeben, wo im Wettersteingebirge noch einmal die Wanderung ausgenommen wird. Eine Besteigung der Zug­spitze bildet Den Abschluß der geschilderten Touren.

** Unbestellbare Postsendungen. Wir er­fahren, daß bei der Ober-Postdirektion in Darmstadt fol­gende Sendungen, deren Absender vielleicht zu unfern Lesern zählen, als unbestellbar lagern: Einschreibebrief mit 5 Mk. aus Gießen an Frl. Anna Marie Riechers in Köln (Rhein), vom 1. Februar 1902. Gewöhnlicher Brief mit einem Fingerring, aufgegeben in der Bahnpost Frankfurt- Cassel an Frl. Anna Bähre in Goslar, Georgenberg 11, vom 5. April 1902. Postanweisung über 100 Mk. aus Gießen an Pfarrer Briegleb in Pfeddersheim, vom 29. März 1902. Postanweisung über 5 Mk. aus Butzbach, Empfänger (un­bekannt) in Wieseck, vom 7. September 1901. Die zur Em­pfangnahme der Gegenstände Berechtigten müssen sich binnen vier Wochen bei der Ober-Postdirektton melden, widrigenfalls die Postanweisungsbeträge und die in den Sendungen enthaltenen oder durch Versteigerung des In­halts erlösten Geldbeträge der Postunterstützungskasse über­wiesen, die Briefe aber vernichtet werden.

** P a k e t - A u f l i e f e r u n g. Die von der Post-Ver­waltung getroffene Einrichtung, daß den Paketbestellem auf ihren Fahrten auch abzusendende Pakete behufs Auf­lieferung bei dem Hauptpostamt mitgegeben werden können, scheint immer noch nicht genügend bekannt zu sein ttotz der Bequemlichkeit, die sie namentlich solchen Personen bietet, welche wett entfernt vom Postamt wohnen ober Dienstpersonal nicht zur Verfügung haben. Die Ab- bolung der Pakete aus der Wohnung fann auch schrift­lich und gebührenfrei beim Postamt 1 bestellt werden, am besten mittels ungestempelter Postkarte, die in den nächsten Briefkasten geworfen wird. Tie Gebühr für die Abholung eines Paketes beträgt ohne Rücksicht auf das Gewicht 10 Pfennig.

*?Zwangsinnung oder freie Innung. Ter Geschäftsbericht des letzten Handwerkskammertages in Leipzig giebt einen interessanten Heb erb lief über die Organi­sation des Handwerks und läßt einen Fortschritt im Innung sieben erkennen. Es haben sich 63 von 71 Handwerks- und Gewerbekammern zusammengeschlossen. Diese bilden den Deutschen Handwerkskammertag, welcher alljährlich einmal zusammentritt. Die entsprechende Um­frage des Vorortes hat für die Bezirke der angeschlossenen Kämmern ergeben, daß bei einem Gcsamtbestand von 8800

wie sie geboten wurden, eine sehr tüchttge, Dcf^r Anerkennung werte Leistung, die für später noch sehr viel , mehr erwarten läßt. Und wenn wir versucht haben, zu erfa jzfjen, was viel­leicht Frl. L. an Stimme und Vortrag iwstlch gebricht, so mag sie uns darob nicht gram sein. Sie selber ft weiß gewiß am besten, wieviel es für sie noch jeden W- ag zu lernen giebt, um nicht zu rasten, nicht zu rosten, fonbc(c:ni die höchsten Ziele in ihrer Kunst zu erreichen.

tüchtigsten Leitung kein musterglltiges Orchester für solche Musik. Wge es bald zur Bildung eines Städtebund­orchesters ic. kommen! Zudem hat doch eine Militär- kapelle auch zu viele andere Aufgaben. Für die auf­opfernde Leistung aber gebührt auch ihr unser Aller Tank! Schade daß Einzelne hier und da ganz versagten; schweigen mir davon.

Als Sängerin erschien Fräulein Agnes Leydhecker aus Berlin. Irren wir nicht, so hat sie bereits vergangenen Sommer hier in Beethovens großer Messe gesungen. Schon damals hat uns vor allem der weiche, edle Vortrag ent­zückt, mochte es d-amals auch scheinen, als entbehre die Stimme ein wenig der zu solchem Werke nötigen Kraft. Auch diesmal konnten wir uns des Eindrucks nicht er­wehren, daß es zur Zeit der Stimme noch an jener Aus- aiebigfeit gebricht, die jeden Accent erlaubt Tie Stimme yat recht schönen Umfang, man kann auch nicht sagen, die Register fänden die rechte Verbindung unter einander nicht, und doch ist die tiefere ^age noch etwas unnatür­lich flingenb, während die Stimme in der Höhe noch nicht frei von Belastungen $u sein scheint. Doch können die fleinen Störungen, an die wir dabei denken, auch von einer geringfügigen Indisposition hcrrühren. Lim freiesten er­schien die Mittellage unb die ganz leichte Kopfstimme. Vor allem aber ist es erfreulich, daß Iräulein Leydhecker offen­bar mit ihrem Organ vortrefflich Bescheid weiß und ihm nichts zumutet, was es noch nicht hergiebt^ trotzdem sie in der Auswahl der Lieder keineswegs sich vor Schwierig­keiten gescheut hat. Sie hat eben mit ihren Mitteln und in ihrer Art zu geftallen gesucht; es ist ja doch nur zu natürlich, daß je nach dem Sttmmcharakter auch der Vortrag verschieden sein muß. Gleiche Stimmungen wieder­zugeben, gleiche künstlerische, ästhetische Wirkungen hervor- zurufen bedarf es ja doch nicht durchaus gleicher künst­lerischer Mittel; Individualität ist doch auch da ausschlag­gebend und man soll nicht einseitig urteilen. Wenn man ein Lied gut kennt, ist man ja gar zu leicht in Gefahr, falsch fcu urteilen, wenn e5 nicht so gebracht toirbv wie man sich

darin eingelebt hat. Mtt anderen 3)1 iitelu, mit anderem Klangcharakter rc. würde auch Fräuleon Leydhecker die ge­wählten Lieder in mancher Hinsicht antyerö gesungen haben, deshalb war doch auch ihre Art gut. ° Es waren Brahms' Sandmännchen und das zugegebene Beetthooensche Lied ganz vortrefflich gelungen. Bei Den anderen.hat es mich zu sehr gestört, daß der Gesichtsausdruck der Iftünftlerin dem Ge­lang sausd ruck nicht adäquat war: er wollte sich der Stim­mung nicht recht anpas,en. Sollte Frl-. L. vielleicht kurz­sichtig sein? Liegt es daran? Tann ro^ire dem doch wohl dadurch abzuhelfen, daß Frl. L. beim (?kfange sich darauf beschränkt, rote man so sagt, nur in si' ch selbst hineinzu­sehen, um jenen geistigen Ausdruck zu gern-innen, der ProteuS gleich sich jedem Stimmungsgehatt rc. c^nzupassen scheint. Dagegen auf alle sonstige Mimik zu verzichten, insbesondere aber auf den Versuch, um jeden Pretts recht freundlich auszusehen. Wie gesagt, es hat mich eirtjj hierin liegender Mangel so yestort, daß ich kaum wagen <if>u dürfen glaube, über den eigentlichen Gosangsvortrag selb bst einigermaßen richtig zu urteilen. Immerhin hatte audTa der nichts un­bedingt Zwingendes für mich und es schlS»»n mir doch, daß da nicht innerlich Erlebtes ober doch Empfaundencs gegeben ward, daß dies vielmehr in verstandesn^-aßiger Bewälti­gung der Lieder zu ersetzen versucht ward? Solche genügt zwar für die prüfende Analyse, nicht abcE^c für die künst­lerische Synthese, dazu gehört inncrllche Skdrtiefung, eigene wahrhafte Empfindung. Lb dazu für eine.» Dame die ge­wählten Lieder gerade besonders geeignet rorSren? Wie dem auch sei, es waren die Lieder unter allen«, Umständen, so

Kunstwerk! Bald aber werden wir vom hiesigen akademi­schen Gesangverein Brahms' gewalligesDe utsches Requiem zu hören bct'ommcn .! Wer geht da nicht hin? 7

Zwischen diesen großen Werken erquickten uns die schönsten Lieder. Wiederum Brahms allen voran! Wer konnte sick den Stimmungen entziehen, die diese Lieder atmen? 9tur, wer sie nicht selbst zu entpfinden vermag. Möchten es recht wenige gewesen sein! Weshalb aber mochte unser trefflicher Gast wohl Die beiden ersten Lieder nicht tu umgekehrter Reihenfolge gesungen haben? Mir wttl scheinen, daß dann das wunderbar schone Lied:Dein blaues Auge" dadurch gewonnen l)ätte, daß seine erlösende beruhigende Stimmung gewissermaßen in innerem, fort- schrertendem Gegensätze zu:Ach wende diesen Blick' ge­standen hätte. Es ist ja textlich fast Vorgang und Folge. Und daraus als Krönung:Wie bist Du meine Königin Wer mochte das liebliche Kindervolkslicd:Sandmännchen" nicht immer wieder gern hören? Wer kennt es und singt es trotzdem nicht seinen Kindern? Von Den andern Liedern ^^T^gramms ftc^n WolfsHeimweh" und Arnold Men- delesohnsAus dem 3tachtlied Zarathustras" meinem Em- psurden anr nächsten; Liszt's:Ueber allen Gipfeln ist erschien mir, obwohl ich es sonst gern höre, in dieser Umgebung etwas gekünstelt und gedehnt. Reisenauers Emkehtt aber steht hart an der Grenze des im Rahmen eines solchen Konzertes eben noch Erlaubten.

Die Auffahrung selbst anlangend, so zeugen wohl ^O-stchcnden Ausführungen bereits dafür, daß sie so vortrefflich war, als man nach Lage unserer Verhältnisse

TCÄAEen kann. Wie Herr Tr au t m ann unter ^r obwallenden Umstanden solche Leistungen ermöglicht, verdreni immer wieder un,ere vollste Bewunderung. Wir wollen wahrlich niemandem zu nahe treten, und e ist in auch kein Geheimnis, daß ünmer auswärtige Künstler herangezogen werden müssen, um den Orchester körper zu verstärken; aber in der That ist dock eine in ihrem Mtt- gllederstande so ständig wechselnde Mttuärkapelle unter der

der dortige antisemitische Wahllnann bei der Land- tagswahl in Grünberg ,^imgekippt" sein soll.

Endlich Hegt auch aus dem Odenwalde eine interessante Meldung^ vor, und zwar aus Wald-Michel-

wnrde Dank des indirekten Wahl­

bekannt, Dr. Heidenr eich mit 19 Stimmen wiedergewählt, während Pfarrer Blum in Ober-Abtsteinach nur 16 Stimmen auf seine Person ver­einigte. Zwei Wahlmänner, von Denen man seither nut Bestimmtheit annahm, daß sie Blum wählen würden, wurden, wie wtt in derN. B. L.-Z." lesen, noch kurz vor der Wahl derart bearbeitet, daß aie ganjgegen den Willen ihrer Wähle r doch noch Dr. Heidenreich wählten. Besser kann das rückständige und veraltete 2Lahl- system wohl nicht charakterisiert werden. Bei direkter Wahl wäre es, dem genannten Blatte zufolge, ge­radezu ein Tina der Unmöglichkeit, Dr. Heiden­reich im dortigen Bezirk durchzubringen. Ganz abgesehen von Dingen, wodurch sich Dr. Heidenreich so viele Gegner schuf, sind die meisten Odenlvälder doch nicht so rückständig, daß sie sich einen Abgeordneten erküren würden. Der ein so eifriger Verfechter des indirekten Wahlsystems, der Wein­steuer usw. ist, wie Tr. Heidenreich