D. Unfall. Der hiesige Spenglermeister D. und sein Gehilfe, welche am Neubau der Provinzial-Siechenanstalt beschäftigt waren, kamen gestern Morgen infolge Bruches einer Gerüstdiele zu Fall. Während es dem Gesellen gelang, sich an einer Gerüststange festzuklammern, stürzte D. in die Tiefe. Er wurde schwer verletzt in seine Wohnung gebracht.
** Zu der Frage des Fabrik- oder Hand- werksoetriejbes im Konfektionsgeschäft veröffentlicht jetzt die „Deutsche Juristenzeituna" ein bemerkenswertes Urteil des Kammergerichts, durch das der Inhaber eines großen Tamentorifektionsgeschäfts von der Anschuldigung, die Vorschriften der Gewerbeordnung für den Fabrikbetrieb verletzt zu haben, freigesprochen wurde. Nach den gerichtlichen Feststellungen lagen in dem Falle die meisten derjenigen Merkmale vor, welche in der Rechtsprechung und Wissenschaft regelmäßig als für die Annahme eines Fabrikbetriebes sprechend aufgeführt werden, so namentlich die leitende, wesentlich kaufmännische Thätig- keit des Unternehmers im Gegensatz zu der mehr technischen der Gehilfen, die große Zahl der beschäftigten Arbeiter, die Arbeitsteilung unter den Gehilfen, der große Umfang der Arbeitsräume und die Größe des Umsatzes. Tas Kammergericht erkennt jedoch nicht an, daß in denjenigen Fällen, in denen diese Merkmale vorliegen, und selbst dann, wenn noch andere für einen Fabrikbetrieb sprechende Umstände, wie z. B. die Verwendung elementarer Kraft hinzukommen, stets ein Fabrikbetrieb vorliegt, und führt u. a. aus: Für die Annahme eines Fabrikbetriebs ist immer erforderlich, daß ein Betrieb im großen statt - indet, daß also, soweit Waren hergestellt werden, diese ich als Fabrikware, nicht als Jndividual-Arbeit, als Pro- rukt handwerksmäßiger Thätigkeit oder als Kunsthandwerk darstellen. Wird in dem Gesamtbetriebe wie von den einzelnen Arbeitern gleichzeitig oder kurz hintereinander eine große Menge gleichartiger Arbeit geleistet, insbe- jonbere die Herstellung gleichartiger Ware bewirkt, so liegt ein Fabrikbetrieb auch dann vor, wenn diese Waren auf Bestellung verschiedener Personen zu deren Gebrauch gefertigt werden. Anders liegt die Sache, wenn von dem Gesamtbetrieb wie von dem einzelnen Arbeiter jede be- steÜte Arbeit einzeln und in einer von den anderen abweichenden Weise geleistet wird. Hier wird keine Arbeit /m großen, keine Fabrikarbeit, sondern eine Arbeit im einzelnen, eine Jndividual-Arbeit geleistet. Dieser Fall liegt stets vor, wenn auf Bestellung Kleidungsstücke, Wäschestücke, Schuhwaren nach Maß für einzelne Personen gefertigt werden. Die Verschiedenheit zwischen einer solchen Arbeit und einer Fabrikarbeit ist nicht bloß wirtschaftlicher, sondern auch technischer Art; sie ist ferner nicht bloß in Bezug auf die Arbeitsleistung des Gesamtbetriebes, sondern auch in Bezug auf die Arbeitsleistung des einzelnen männlichen oder weiblichen Gehilfen vorhanden.
-l- Heuchelheim, 10. Sept. Ein hier beschäftigter junger Mann befand sich in der Nacht von Sonntag auf Montag, von der Krofdorfer Kirchweihe zurückkehrend, in Begleitung eines jungen Mädchens auf dem Wege nach Heuchelheim. Bei dem Windhof wurde er von zwei unbekannten Burschen überfallen und in der rohesten Weise mißhandelt, so daß er ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen mußte. Der nicht unerheblich Verletzte befindet sich z. Z. in der elterlichen Wohnung. Die Raufbolde werden sich auf eine exemplarische Bestrafung gefaßt machen dürfen. 1 W. Darmstadt, 10. Sept. Aus Anlaß des gestern in Berlin erfolgten Ablebens des Geh. Baurats Hob recht, welcher Ehrenbürger der Stadt Darmstadt war, fand heute im Sitzungssaale des Rathauses, welchen das mit einer Trauerdekoration versehene Bild des Dahingeschiedenen schniückte, eine außerordentliche Sitzung der Stadtverordneten statt. Oberbürgermeister Morneweg widmete dem verstorbenen einen warmen Nachruf, in dem er die außerordentlichen Verdienste Hobrechts um die Wasserversorgung und Kanalisation der Stadt Darmstadt hervorhob. Die Versammlung ehrte das Gedächtnis des Entschlafenen durch Erheben von den Sitzen. Ein Beigeordneter der Bürgermeisterei wird
an der Begräbnisfeier in Berlin teilnehmen und namens der Stadt einen Kranz am Grabe de§ Ehrenbürgers von Darmstadt niederlegen.
G. Darmstadt, 10. Sept. Am 14. September d. I. findet in dem Kaisersaal, Grafenstraße 18 zu Darmstadt, der 1. hessische Spengler- und Installateur-Tag statt. Die Tagesordnung umfaßt: 1. Begrüßung; 2. die berufliche Organisation unseres Handwerks, Gründung eines Landesverbandes und Anschluß an den süddeutschen Verband; 3. Wahl des Ausschußes des Landesverbandes; 4. Wahl eines Mitgliedes m den süddeutschen Verbandsausschuß; 5. der süddeutsche Verbandstag 1904 in Darmstadt und Festlegung eines Programms; 6. der genossenschaftliche Zusammenschluß im Handwerk; 7. das Submissionswesen im Großherzoglum Hessen; 8. der obligatorische Befähigungs- nachweis in dem Bailgewerbe. Nachmittags 2 Uhr findet ein gemeinsames Mittagessen statt, um 4 Uhr Fahrt zur Ludwigshöhe, daselbst gemütliches Zusammensein.
s. Aus Rheinhessen, 10. Sept. Mit Anfang der nächsten Woche findet in den meisten diesseitigen Gemeinden Schluß der Weinberge statt. In der Gemarkung Nieder-Jngelheim wird nächste Woche bereits eine Auslese der Frühburgundertrauben vorgenommen.
Vom Main, 10. Sept. In Wicker bei Hochheim hat die R e b l a u s t o m m i s s i o n an verschiedenen Stöcken zweier Weinberge das Vorhandensein der Reblaus kon- stattert. Für das in Frage kommende Gelände sind die gesetzlichen Sperrmaßregeln angeordnet.
-k- Mainz, 10. Sept. Tie alljährliche Konferenz der Bischöfe der oberrheinischen Kirchenprovinz ist heute hier zusammengetreten. Zu derselben sind gestern hier eingetroffen der Erzbischof Dr. Nörber von Freiburg und die Bischöfe Dr. Willi von Limburg, Dr. Endert von Fulda und Dr. Keppler von Rottenburg. Den Vorsitz bei der Konferenz, an welcher außer den oe- nannten noch Bischof Brück von hier teilnimmt, führt Erzbischof Nörber von Freiburg. Bei der Konferenz kommen ausschließlich kirchliche Angelegenheiten zur Beratung.
Gießener FferdemarLt.
Der gestrige Herbst-Pferdemarkt war nicht so stark befahren wie der Frühjahrsmarkt, doch weit besser, als man unter den jeweiligen Verhältnissen erwartet hatte. Es standen ca. 300 Pferde zum Verkauf, meist treffliches Arbeitsmaterial. Der Umsatz war mäßig, wohl deshalb, weil die Landwirtschaft und das augenblicklich nicht besonders günsttg dastehende Baugewerbe in Ansehung des Winters keinen Bedarf an Pferden hat. Die Preise waren der Marktlage angemessen. Der Besuch von Interessenten war ebenfalls mäßig; die Landwirte und sonstigen Pferdeliebhaber müssen das günstige Wetter zum «Änbringew der Felderzeugnisse, in erster Linie des Grummets, benutzen, auch die mit Kosten und sonstigem Aufwand verbundenen Festlichkeiten auf dem Lande, die Kirchweihen usw. hielten manchen, der sonst den Markt besuchte, diesmal ab.
Nachstehend teilen wir das Ergebnis der Preisverteilung mit: i [ ।
I. Reitpferde, unter dem Reiter gezeigt.
Stallmeister Crentzburg- Gießen 30 Mk., Anerkennung.
II. Wagenschläge, paarweise prämiiert.
Gebrüder Löwenthal - Friedberg 1. Preis 80 Mk.
Illa. Schwere Arbeitsschläge, paarweise prämiiert.
Seligmann Salomon- Wetzlar 1. Preis 80 Mk. Simon Kaufmann -Nieder-Weisel 2. Preis 60 Mk. S. Michel- Gießen 3.Preis 40Mk. August Frensdorf -Gießen 4.Preis 30 Mk.
Illb. Leichte Arbeitsschläge, paarweise prämiiert.
S. Michel- Gießen 1. Preis 60 Mk. S. Michel- Gießen 2. Preis 40 Mk. August Frensdorf- Gießen 3. Preis 20 Mk. A. Bing- Lich 4. Preis 15 Mk.
IVa. Schwere Arbeitsschläge, einzeln prämiiert.
S. M i ch e l - Gießen 1. Preis 30 Mk. Simon Kaufmann- Nieder-Weisel 2. Preis 20 Mk.
IVb. Leichte Arbeitspferde, einzeln prämiiert.
Isidor Meyer- Ober-Mockstadt 1. Preis 30 Mark. Levi Kaufmann - Niederweisel 2. Preis 20 Mark. A. Bina - Lich 3. Preis 15 Mark. Isidor Strauß- Lber-Mockftadt 4. Preis 10 Mack.
Va. Arbeitsschläge, paarweise prämiiert.
(Tie Pferde müssen nachweislich tm Besitz von Landwirte? sein, die Mitglied des Landespferdezuchwereins oder der landwirtschaftlichen Provinzialvereine sind.)
Ga. Konrad S l r a ß h e i m - Griedel 1. Preis 50 Mark. I. Faber X. - Leihgestern 2. Preis 30 Mark. Johann Keßler XI. - Gr.-Linden 3 Preis 20 Mack.
Vb. Arbeitsschläge einzeln prämiiert.
Georg Hildebrand IV. - Niederweisel 1. Preis 30 Mack. Peter Hauser XI. - Niederweisel 2. Preis 20 Mack. Joh. Sames - Oueckborn 3. Preis 10 Mack.
Via. dreijährige Fohlen kalten und warmen Schlages.
Philipp M ü l l e r-Oberhöraern 1. Preis 50 Mark. Karl Heil- Butzbach 2. Preis 40 Mk. Gg. Konr. Straßheim- Griedel 3. Preis 80 Mack. Tret weiter ausgesetzte Preise foimten nicht vergeben werden.
VIb. Zweijährige Fohlen kalten und warmen Schlages.
Wilh. Straßheim-Griedel 1. Preis 40 Alk. August Dietz- Nieder-Weisel 2. Preis 30 Mk. Julius Philippi-Wohnback 2. Preis 30 Mk. I. Rahn II., Engelrod, 3. Preis 20 Mk. Aug. Dietz-Niederweifel 4. Pr. 10 Mk. Wilh. Müller 11^ Ober- Hörgern, 4. Preis 10 Alk. Melchior W allboll X., Garbenteich, 4. Preis 10 Mk. Heinrich Walther- Reichelsheim 4. Preis 10 Mk.
VII. Zuchtstuten kalten und warmen Schlages (für inländische Züchter, welche Mitglieder des Landes- pferdezuchtoereins sind).
Konrad Weitz IV., Dock-Gill, 1. Preis 75 Mk. Jul. Konr. Straßheim-Griedel 2. Preis 50 Alk. Heinrich Walther- Reichelsheim 2. Preis 50 Mk. Hcinckch Hanack - Kirch-Göns 3. Preis 40 Mk. Heinrich Gottfried Niarstelle r - Gröningen 4. Preis 30 Mk. Friedr. Vian t-Alünchholzhausen 4. Preis 30 Mk. Karl Heil-Butzback 5.Preis 20Mk. Johannes Samcd-CLued- born 5. Preis 20 Mk. Wilhelm Straßheim-Griedel 6. Preis 15 Mk. Wilhelm Kinzenbach- Münchholzhausen 6. Preis 15 Mk.
Die ausgesetzten Ehrenpreise wurden den Pferden der Herren Bichler, Tribus u. Sundheim, C. Klingspor und Heinrich Herzberger zuerkannt.
Vermischtes.
• Essen a. d. R., 10. Sept. In Oberhausen brach in einem Hause, in welchem sechs polnische Familien wohnen, Feuer aus. Die Polizei fand in einem Zimmer sieben Dynamitpatronen und eine große Anzahl Zündschnüre und Zündhütchen. Ein polnischer Bergmann und dessen Kost
gänger wurden verhaftet.
* Bad en-Bad en, 7. Sept- Die Wellen, die der „Fall Humbert" erregt hat, sind bis hierher gedrungen und haben ein kostbares Strandgut abgesetzt, das nun bei einem Antiquitätenhändler zum Verkauf bereit steht. Da ist, wie man der „Köln. Ztg." schreibt, eine Diana, die aus Silber besteht und 30 Pfund wiegt: das weibliche Schwindelgenie hat sie angeblich für 50 000 Fr. erworben, und jetzt soll sie zum Silberpreise losgeschlagen werden. Dann ist eine wertvolle Elfenbeinschnitzerei, eine französische Königsfamilie darstellend, zu verkaufen, die der Frau Humbert 100 000 Fr. gekostet haben soll- Ferner finden wir kostbare und zum Teil sehr geschmackvolle Bon- bonniören, Porzellane, Emaillen und eine Reihe der hübschen Nichtigkeiten, die „das Leben vergänglich zieren". Wenn jedes Ding reden könnte, würde nicht nur ein scannender Sensationsroman, sondern wohl auch ein sehr brauchbares Vademecum für Hochstapler herauskommen.
* Madrid, 10. Sept. In der Stadt Pazol? be
Borden trat eine verdächtige Krankheit auf. Aerztliccher- seits glaubt man, daß es sich um eine Art Cholev ine handelt, gereifte Fälle zeigen jedoch Symptome von geLbem Fieber. c
• Der Hofreagen mit der Prinzessin Heinrich überfuhr, wie aus Kiel gemeldet roirb, einen 11 jährigen Kieler Gemeindeschüler Franz Macht und verletzte Phn
Kölns altes und neues Theater.
Köln, 7. September.
Von all dem Glanz und Reichtum, der aus dem neuen Hause spricht, von all der Hoffnungsfreudigkeit, die man auf seine Zukunft setzt, von au der Großartigkeit, die mit dem Muscntempel des Köln von heute verbunden ist, hebt sich primitiv, schlicht, manchmal sogar tragisch Kölns theatralische Vergangenheit ab. DaS, was einstens war, und das, was heute ist, sie kennzeichnen nicht nur die Vergangenheit und die Entwickelung theatralischer Geschicke, sondern der größten, reichsten und blühendsten Stadt am Rheine, die vor 80 Jahren gegen 55 000 Einwohner zählte, und heute . . .
Einst war es in Köln sogar verboten, ein ständiges Theater zu unterhalten, es mußte sich gefallen lassen, daß seine deutsche Bühnenkunst von französischer bedrängt und unterdrückt wurde. Napoleon I. erließ ein Ministerial- dekret, laut welchem in Köln nur reisende Gesellschaften spielen dürften und die Behörden verpflichtet seien, die gastierende französische Truppe nach Möglichkeit zu unterstützen. Die Fürsorge Napoleons für seine Landsleute ging sogar so wett, daß der Bürgermeister die wohlhabenden Familien der Stadt amtlich zum Abonnement der französischen Vorstellungen auffordern und dafür sorgen mußte, daß an den Abenden, an denen die Franzosen spielten, keine größeren Familienfestlichkeiten und keine öffentlichen Vergnügen stattfanden. Als nach fünf Jahren eine deutsche Schauspielgesellschaft, der auch die Ettern von Carl und Henriette Sonntag angehörten, in Köln austrat, wurde sie ausgepfifsen, weil sie „anstatt den Anstand zu respektieren, die größten Exzesse verübt und durch die Schamlosigkeit ihres Spiels das Publikum herausgefordert". — In den Jahren 1822 bis 1832, unter der Tirettion Ringethardt, nahm das Kölner Theater, zu dessen Mitgliedern damals auch Albert Lortzing gehörte, einen gewissen Aufschwung, »)ami tarn als Leiter ein ehemaliger Bergveamler Julius '.Rühling, der infolge der guten. Tyeatergeichäfte, die er hier und später in Hamburg machte, das Hotel de Rome in Berlin übernehmen konnte. Mit der wirtschaftlichen Entwickelung der Stadt, deren Einwohnerzahl in zwei Jahrzehnten von 55 000 auf 380 000 gewachsen war, stellte sich auch eine nottvendige theatralische Reformation ein, als deren Mittelpunkt der als Kapellmeister nach Köln berufene Conradin Kreutzer gelten kann. — Direktoren kamen, Direktoren gingen, schließlich kam auch Eberhard Theodor L'Arrvnge, der Vater von Adott L'Arronae; ex
verfügte über ein gutes Schauspiel, dessen hervorragendste Kraft Fräulein Ellen Franz war, die nachherige Gemahlin des Herzogs von Meiningen. Ta brannte das Theater ab, auf seinen Trümmern erhob sich ein neuer Bau, dessen Di- rettion wiederum Theodor L'Arronge übernehmen mußte, der in der Jnterimszeit in einem provisorischen Theater die Kölner mtt den Werken ihres Landsmanns Jacques Offenbachs, dos Pariserischsten Komponisten, vertraut gemacht hatte. Unter der folgenden Tirektion Moritz Emst spiegelte sich ein eigenartige^ Stückchen Frauenemanzipation am Theater ab — die RegU des Schauspiels führte nämlich die Fran Tirettorin. Emst, der stets ein ehrenwerter, tüchtiger Bühnenleiter war, wurde von einem ausgesprochenen Pech verfolgt; als er im Jahre 1866 das Kölner Flora- Theater leitete, brannte der sommerliche Musentempel ab, und drei Jahre später widerfuhr das gleiche Schicksal dem ihm übertragenen Stadttheater. Ein neues großes Theater sollte gebaut werden, allein, da ertönte die Kriegsfanfare von 1870, und Thalia mußte in Köln in der Schildergasse wieder ein armseliges Heim beziehen, dessen Leiter ein ostpreußischer Fuhrherr Namens Eduard Kullack war, der viel Geld und außerdem das Glück hatte, für seine Oper drei Anfänger mit den später weltberühmten Namen Emil Fischer, Paul Bulß und Theodor Reichmann zu finden. Endlich am 1. September 1872 konnte das nach den Plänen des damaligen Kölner Stadtbaumeisters Raschdorf errichtete neue Theater in der engen Kreuzgasse mit dem „Freischütz^ eröffnet werden. Ter erste Direktor war Heinrich Behr, sein Nachfolger wurde der wieder zurückgemfene Adolf Emst, der inzwischen als Regisseur am Königl. Schauspielhause thätig war; allein Emst blieb sein Pech treu, es verließ ihn auch nicht, als er nachher das Berliner Viktoriatheater übernahm, an dem er Ernst v. Wildenbruchs „Karolinger" zur ersten Aufführung brachte. Nun kam Julius Hoffmann, über den Hemrick Kipper in einer interessanten Festschrift das für die früheren Kölner Theaterverhättnisse bezeichn- nende Urteil fällt, daß, „so lange in Köln Theater gespielt wurde, es noch niemandem gelungen, den schwierigen Posten so lange und in allen Ehren zu behaupten".
Julius Hoffmann besaß, wie einstens Pollini in Hamburg, das rechte Gefühl für die Entwickelung Kölns, der auch eine Steigerung und Besserung der volkstümlichsten und leichtfaßlichsten Kunst, der theatralstchen, folgen mußte. Hoffmann fand auf seinem Gebiete den richtigen Weg zum neuen Köln, er sah ein, daß er nur dann reüssieren konnte, wenn er der Stadt, die allmählich zu einer modernen Großstadt emvorwuchs, als Bühnenletter das gab, was ihr ge
bührte. Und so fand sein Wirken in Köln reiche Anerkenn > ung, und so erwarb er sich nicht nur um das Theater, son- • dem auch durch das Theater große Verdienste. Tas Kölner Stadttheater wurde unter seiner Leitung eine Kunststätte, . deren Entwickelung man auch außerhalb der rheinischen Lande mit sympathischer Aufmerksamkeit verfolgte; seine; Hauptstärke lag, wie bei allen unseren großen Provinz^ bühnen, an denen das Schauspiel leider nur unter dem Gesichtspunkt auszunützender Zugstücke oberflächlich behandelt wird, in der Oper, deren leuchtendster Stern Emil Götze war. — Julius Hoffmann hat im Verlaufe einer mehr als 20jährigen Thättgkeit dem Kölner Stadttheater nicht nur eine solide künstlerische Grundlage gegeben, sondern auch das Ansehen seiner Mitglieder, die in gesicherte finan< zielle Verhältnisse kamen, sozial gehoben, und dämm ist es erklärlich, daß ihm das auch jetzt eröffnete neue Theater, trotz der zahlreichen Bewerber, unter denen unser Königl., Schauspiel-Regisseur Max Gmbe die meisten Chancen hatte, übergeben wurde. Julius Hoffmann ist ein 62jähriger Mann, allein er, der erfahrene Bühnenleiter, hat heute einen neuen Wirkungskreis sich zu erobern, er hat das Alte zu erhalten und das Neue fest äu gestalten. Er hat heute einen täglichen Etat von 35U0 Mk.; er hat allerdings jetzt zwei Theater, das alte und das neue, allein diese beiden Bühnen ergänzen sich nicht, sondern konkurrieren fast miteinander. Man hat einen großen Fehler begangen, da man beide Theater nicht trennte, sondern einte, da man beide Theater für Oper und Schauspiel bestimmte, anstatt das alte zu einem Schauspielhause und das neue HauS, in dessen wetten, prunfooHcn Räumen eine intime Shau- spielstimrnung nimmer erzielt werden kann, ausschließlich zu einem Lpernhause zu gestatten. Köln hätte dann sein eigenes Schauspieltheater, das dieser so kunstfreudigen Stadt ernsthaft fehlt, und das Publikum brauchte über den künstlerischen Charakter der beiden .Häuser nicht im unklaren zu sein. — Vorläufig gehört das Interesse, namentlich das der Abonnenten, naturgemäß dem neuen Hause, das alte Stadttheater, das jeden Aband 1000 Mk. Abonnement hatte, ist jetzt schon miserabel besucht, und darum wäre nicht nur aus lünstlerischen, sondern auch aus prattiscken Gründen eine Scheidung notwendig gewesen, durch welche auch das Publikum, welches das Schauspiel und jenes, das die Oper bevorzugt, zu seinem klaren Recht gekommen wäre.
lieber den äußeren und inneren Eindruck, den dieses, pruntoollste aller Privattheater heroorruft, habe ich bereits referiert, sein Erbauer, der Regiemngsbaumeister Moritz.


