(43J.9 9RL), Sachseu-Meiningeu (36.86 Mk.), Waldeck (34,06 Mk.), Sachsen-Koburg-Gotha (26.58 Mk.), Elsaß- Lothringen (17,64 Mk.), Schwarzburg - Sondershausen (15.09 MkA Sachsen-Weimar (14.91 Mk.), Mecklenburg- Strelitz (14.28 Mk.), Sachsen-Altenburg (10.90 Mk.), Lippe (9.27 Mk.), Reuß j. L. (7.47 Mk.), Schaumburg-Lippe (6Jt7 Mk.) und Anhalt (4.88 Mk.). Reuß cu L. kommt in dieser Beziehung nicht in Betracht, da eine Staatsschuld dort nicht vorhanden ist, vielmehr der Staat noch ein verhältnismäßig recht erkleckliches Barvermögen besitzt.
Deutsches Reich.
Berlin, 10. Juli. Aus Kopervik wird gemeldet, Hie „Hohenzollern" mit dem Kaiser an Bord hatte nach der Fahrt von Travemünde am 7. d. M. vormittags bei schönem Wetter bis zur Höhe von FrederiVhaven gute Fahrt und abends tvegen starker Dünung im Kattegat auf der Hohe zwischen Skagen und Frederikshaven geankert. Am 9. p. M. vormittags 10 Uhr wurde die Fahrt bei gutem Wetter fortgesetzt. Gegen 11 Uhr aus der Höhe von Skagen kam das erste Geschwader, unter der Führung des Prinzen Heinrich, in Sicht. Die Nähe desselben war schon aus einer Entfernung von ca 60 Km. durch das Aussangen von elektrischen Funken in dem Telegraphenapparat an Bord konstatiert worden. Die „Hohenzollern", mit „Nymphe" und „Sleipner" im Gefolge, durchfuhr in doppelter Kiellinie das entgegenkommende Geschwader. Es wurden Salutschüsse abgegeben und! die in Paradeaufstellung stehenden Schiffs- besa^lngen brachten drei Hurras aus. Nach dem ersten Passieren des Geschwaders wendete sich die hohenzollern" und durchfuhr nochmals das Geschwader, überholte Dasselbe und setzte die Fahrt nach Norwegen fort, während das Geschwader weiter manövrierte. Bald wurde die Küste von Darwegen gesichtet und um 6 Uhr Salut mit einem aus Nordw kommenden holländischen Kriegsschifse ausgetauscht. Die Ankunft vor Kopervik erfolgte am 10. d. M. gegen 2 Uhr morgens. An Bord ist alles wohl.
— Der Kais er ist während seiner Nordlandsreise begleitet von den Generaladjutanten v. Kessel und v. Scholl, dem General v. Moltke, dem Obersten Graf v. Mollke, dem Ches des Marinekabinetts, Vizeadmiral v. Senden, dem Ches des Militärkabinetts Generalleutnant Gras Hülsen-Häseler, Flügeladjutanten Korvettenkapitän v. Gramme, tzausmarschall Frhrn. v. Lyncker, Generalarzt Dr. v. Leuthold und den Gesandten v. Tschirschky. Als Gäste fahren außerdem mit: Prinz Albert zu Schleswig-Holstein, Prinz Sayn-Wittgenstein, Graf Schlitz, genannt v. Görtz, Oberjägermeister Frhr. v. Heintze, Professor Dr. Güßfeldt, und Marinemaler Professor Saltzmann. Es fehlen also diesmal der Botschafter in Men, Fürst zu Eulenburg, und der Intendant des königl. Theaters in Wiesbaden, Kammerherr v. Hülsen. Der Grund liegt in dem leidenden Gesundheitszustand der beiden Herren.
— Wie das ,^erl Tagebl." erfährt, hat der Kaiser bei seinem letzten Bonner Aufenthalte im engeren Kreise der früheren und jetzigen Borussen noch eine für studentische Kreise sehr bedeutungsvolle Rede gegen die studentischen Trinksitten gehalleu. Der Kaiser ermahnte ftie Jugend, von dem au dem Korpswesen nagenden Mißbrauche geistiger Getränke zu lassen. Besonders abfällig sprach er sich dabei über das Zwangstrinken aus.
—r Nach Meldungen aus London veröffentllchen die dortigen Blätter eine Lissaboner Depesche, der zufolge der deutsche Gesandte Graf Tattenbach eine Privatunterredung mit dem portugiesischen Minister des Auswärtigen über den Ankauf Macaos durch Deutschland für eine Million Pfund Sterling gepflogen habe. Es verlaute, England würde ohne wesentliche Entschädigung die Abtretung Macaos an Deutschland niemals dulden. Mesen englischen Meldungen gegenüber kann das „23erL Tagebl." versichern, daß au hiesiger maßgebender Stelle von einem derartigen Angebot Deutschlands nicht das geringfte bekannt ist.
Köln, 10. Juli. Der „Köln. Ztg." wird gemeldet: In ausländischen Blättern wird jetzt wieder die Nachricht verbreitet, daß die Räumung Tientsins nur durch Schwierigkeiten, die Deutschland in den Weg werfe, hinausgezogen werde: Deutschlano stelle int Gegensatz zu anderen Staaten sehr drückende Bedingungen und suche bei dieser Gelegenheit wohl Sondervorteile für sich herauszuschlagen. Hierbei handelt es sich lvieder um eine schon oft beobachtete illoyale Berichterstattung, die nur daraus abzielt, Deutschland als Störenfried unter den Mächten hinzustellen und bei den Chinesen den Glauben zu erwecken, als ob an jeder Drangsalierung Chinas Deutschland die alleinige oder doch hauptsächlichste Schuld trüge.
Karlsr uh e, 10. Juli. Der badische Land tag wurde ai Gegenwart der Großherzogin in feierlicher Weise durch, den Großherzog geschlossen. Die Thronrede beginnt mit dem Dank des Großherzogs für die hingebende Arbeit der Stände in der verflossenen Tagung und spricht des weiteren die Hoffnung aus, daß in nicht zu ferner Zeit eine völlige Gesundung der wirtschaftlichen Verhällnisse zu erwarten sei. Sodann gedenkt die'Thrvnrede des Regierungs- subiläums und der dem Grohherzog in so reichem Maße entgegengebrachteu Beweise der Liebe und Treue und schließt mit der Bitte an die Abgeordneten, den Dank des Grotz- herzogs hierfür den einzelnen Bezirken übermitteln zu wollen. Mit einem dreimaligen Hoch der Versammlung auf den Großherzog fand die Feier ihren Abschluß,
— In einer von über 2000 Personen besuchten Protest- versammlung gegen Zulassung von Männer - orden und Klöstern begründete Professor Boeth- lin g k unter großem Beifall und teilweise lebhaftem Widersprach eine äußerst scharfe Resolution, welche besagt:
In Baden habe es bis zum heutigen "Tage keine Klöster gegeben. Unwahr sei, daß das'katholische Volk die Orden wünsche; diese würden nur bou Fanatikern gefordert, welche kein Mittel unversucht ließen, um den religiösen Frieden zu untergraben. Dre Zulassung Mich nur eines Ordens, werde folgerecht allen Orden Thür und Thor öffnen. — Beim Schlußwort: „Wozu Klöster? Wir brauchen und wollen keine!" erhob sich minutenlanger, türrntscher Beifall, der nur schwache Unterbrechung sand, ödaß der Vorsitzchlde die Annahme der Resolution fest- tellte.
Ausland.
Lo n d ou, 10. Juli. Oberhaus. Harrington kommt auf das Verhalten der Militärbehörden zu sprechen, welche 29 Kadetten von der Akademie in Sandhurst zeit- wellig entfernt hätten, weil dort Brandstiftungen und andere Verstöße gegen die Disziplin vorkämen. Redner sagte, die Behörden bestraften Unschuldige. Lord Roberts erklärt, es habe sich gezeigt, daß unter den Kadatten WarrgeL
an Disziplin herrsche. Unter diesen Umstanden sei eine allgemeine Bestrafung notwendig geworden. Man dürfe auch nicht zulassen, daß die aus der Anstalt verwiesenen Kadetten eher zurückkehrten, als bis die Ursache des Feuers aufgeklärt sei.
— Das Auswärtige Amt drückte im Namen der eng-, lischeu Regierung der deutschen ihre warme Anerkennung aus anläßlich der hochherzigen und ritterllchen Handlungsweise des Kommandeurs des am 23. Juni in den Grund gebohrten deutschen Torpedobootes, das die vier an Bord befindlichen Engländer zuerst retten ließ. Daß sein Leben habet zum Opfer fiel, werde von der englischen Regierung tief bedauert.
Utrecht, 10. Juli. Präsident Krüger ist augenblicklich! mit oer Abfassung einer Geschichte des südafrikanisch en Krieges beschäftigt. Das Material dazu wird er von den nach Europa kommenden Burenführern erhalten Das Werk dürfte bereits gegen Ende des Sommers in Druck gehen und wird sämtlichen europäischen Herr- sc^rn zugesandt werden
Paris, 10. Juli. Im Senat interpellierte der Monarchist Provost de Launay über einzelne Zwischenfälle in der Affäre Humbert, besonders über die Behandlung einer von den Humberts ausgebeuteten Frau, die vor deren Wohnung Schüsse abfeuerte, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aber verhaftet und in ein Irrenhaus gesteckt wurde. — Justizminister Balle sagt eine Untersuchung dieses Falles zu Er bedauert weiterhin, daß diejenigen, welche etwas über den Aufenthalt Humberts zu wissen glauben, nicht den Untersuchungsrichter informieren, anstatt die Justiz in der Presse anzugreifen.
Rom, 10. Juli. In der Villa Doria fanden in Gegenwart des Kriegsministers und der auswärtigen Militär- Attaches Schieß-Experimente auf einen von einem gewissen de Benedetta erfundenen angeblich kugelsicheren Panzer statt. Weder die Geschosse des englischen Armee--Revolvers N0rch dre des italienischen Militär-Gewehrs durchschlugen den Panzer, dessen geringste Stärke 3 Mm. beträgt, während die Kugeln auf dem Panzer deformiert wurden. Man wandte diesen Panzer bei einem Esel und bei einem Hahn an. Die Tiere schienen nicht einmal den Schlag des Geschosses zu spüren. Alle Anwesenden waren über das Resultat dieses Versuches aufs höchste erstaunt. Der Kriegsminister ordnete toeitere Schieß- proben am De Benedetta gestattete niemanden, das Gewebe, das beliebig verstärll werden kann, zu untersuchen.
Prag, 10. Ali. Der Landtag ertellte seine Zustimmung zur strafgerichtlichen Verfolgung derAbgg. Schalk und Wolf.
Sofia, 10. Juli Die Regierung hat in der Sobranje eine Vorlage eingebracht, wonach der Effektivbestand des Heeres für 3 Jahre von 45000 auf 10000 Mann, herab ges etzt werden soll.
Petersburg, 10. Juli. Von einem mißglückten Attentat auf den' Zaren weiß ein russisches Blatt zu berichten. Der Bericht soll als geschlossener Brief bisl zur Grenze geschickt uaib von dort telegraphiert worden feim Er lautet folgendermaßen: Das russische Kaiserpaar wollte dieser Tage der Einweihung einer in der Nähe von Peterhof errichteten Kirche beiwohnen. Wenige Minuten bevor die Feier beginnen sollte, sah man den Polizeichef General Fisch im Galopp der Eguipage des Kaiserpaares entgegensprengen und angelegentlich mit dem Kaiser reden. Er teilte dem Zaren mit, ba0 die Feier nicht statt- finden könne, da der Archirnandrit schwer erkrankt sei. In Wirllichkell hatte sicht folgendes zugetragen: Die Polizei hatte kurz vor dem Erscheinen des Kaiserpaares den Fußboden der neuen Kirche noch einmal einer gründlichen Untersuchung unterzogen und gefunden, daß er gänzlich unterminiert war. Etwa zehn Minuten nach der Ab- fahrt des Kaiserpaares erfolgte eine Explosion, die einen großen Teil des Unterbaues der Kirche zertrümmerte. Da die Kirche vorher geräumt worden war, sind Menschenopfer nicht zu besagen. — Es ist merkwürdig, daß (auch trotz der Sorgfalt der Zensur) bisher noch nichts von dem etwas dunllen Vorfall bekannt geworden ist .
Newyork, 8. Juli. Der Zar hat zwei Agenten nach Amerika gesandt, die die Baumwoll-Samenöl-Jn- dustrie studieren sollen, in der Absicht, eventuell die amerikanische Betriebsmethode auf den russischen Baumwollpflanzungen, vorerst des Zaren, zu versuchen.
Die Enteignung des Geländes für die Miuitbauteu.
-L Gießen, den 11. Juli.
Am Mittwoch verhandelte die Lokal-Kommission wegen der Enteignung des zu den Klinikbauten benötigten Geländes. Besonders für die Allgemeinheit interessant sind die Ausführungen, welche von den Parteien hierbei in Betreff der Not -- wendigkeit der Enteignung und des Geeignetseins des Geländes links von der Frankfurterstraße, auf dem die Erbauung einer chirurgischen und ophthalmolo- gischen Klinik geplant ist, machten. Das Enteignungs- Verfahren ist eingeteitet für folgende Terrains: 2457 Quadratmeter Pfarrei Gießen, 2489 Quadratmeter Rentier Karl Schwan sen., 2175 -j- 2266 Quadratmeter Andreas Weidig II, 1276 Quadratmeter Nathan Rosenthal, 1079 4- 1131 -|- 2323 + 5271 -j- 1420 Quadratmeter Gails Erben, 4076 Quadratmeter Balser-Stiftung, 1101 Quadratmeter Wilhelm Plank II, 925 + 1944 + 387 Quadratmeter August Gabriel fr. gehörig. Das Gelände ist teilweise Acker- und Gartenland mit Ausnahme der Gabrielschen Hoftaithe. Zur Vertretung der Interessenten waren erschienen die Rechtsanwälte Justizrat Hirschhorn, Katz, Römheld und Grünewald und die Staatsregierung wurde vertreten» durch den Bau-Inspektor Becker. Als Vorsitzender der Lokallommission fungierte Regierungsaffeffor Emmerling, Beisitzer waren Baurat Stahl und Stadtverordneter Haubach, lieber die Frage, ob das in Aussicht genommene Gelände für die geplanten Bauten unbedingt notwendig und geeignet sei, führte Rechtsanwalt Grünewald aus:
Heilanstalten müßten über das Weichbild der Stadt hinaus gelegt werden, so weit hinaus, daß die Entwickelung der Stadt sie in absehbarer Zeit nicht einhole. Dann aber sei der Einwand auch begründet, daß man die bauliche Entwickelung der Stadt eineuge, rund herum in dem Zuge, den sie nach Maßgabe der örtlichen Verhältnisse in unserer Stadt nehmen müsse. Es bleibe der Stadt nur die Entwickelung nach Südwesten. Diese wolle man aber unterlwechen, indem man mitten in das im Entstehen begriffene Lillenquartier die Krankenhäuser stellen toilL Cs Dringe im dw Augen, daß für Klinllshauten weit geeigneter
und gesunder sei, das am sonnigen Hang nach Osten, von Nordwinden, durch Hügel, Stadt und Tannenwald geschützte Terrain östlich der psychiatrischen Kilinik, zwischen dieser und der Schönen Aussicht gelegen. Jetzt im Enteignungsverfahren sei Gelegenheit zu ermitteln, daß jenes Gelände zwischen der Schönen Aussicht und den neuen Kliniken den Vorzug verdiene vor dem zu enteignenden. Vor allem stelle es sich heraus, daß die Besitzer der Exproprra- tionsgelände mehr als die offerierten 5 Mark für den Quadratmeter erhalten müßten. Tie sellher verhinderte Mitteilung einer in Aussicht stehenden Enteignung, dies sei bei der Wertbemessung zu berücksichtigen. Der Einwand, das von ihm vor geschlagene Gelände sei bereite für andere Universitätsbauten in Aussicht genommen, entspreche nicht den Thatsachen. Das noch freie Gelände in jener Gegend sei beinahe 150 Morgen groß, von denen höchstens bisher über 20—24 Morgen baulich disponiert sei.
Justizrat'H i r s ch h o r n als Vertreter der Balserschen Stiftung bemerkt, daß die von ihm vertretene Anstalt nach dem Willen chres Stifters ausschließlich humanem Zwecke dienen solle. Man könne nach dem Gesetz und nach der Verfassung deren Fonds — und zu diesem gehöre auch das Grundvermögen — nicht antasten, ohne die Genehmigung der Stände. Diese sei noch, nutzt erteilt worden, und bis dies der Fall sei, müsse er Namens seiner Auftraggeberin gegen das Enteignungsverfahren in Bezug von Stiftungs- geuinde protestieren, er lege Verwahrung dagegen ein, wenn trotzdem expropriiert werden' solle. Die Bcllsersche Stiftung, eine Wohlfahrtseinrichtung, die armen unbemittelten Augenkran Leu Diene, die düse Humanitätsanstall stark in Anspruch nähmen, habe sparsam in der Vergangenheit gewirtschaftet, sie verfüge über ein Kapital von nahezu 100000 Mark, und beabsichtige, sich toeiter auszudehnen. Dies sei aber unmöglich, wenn man derselben ein Gelände von über 4000 Quadratmeter abnehme, lediglich um eine Lehranstalt zu errichten, die an anderer Stelle einen geeigneteren und besseren Platz finde. Es sei nicht angängig, den armen bedauernswerten Augen kranken der Balserschen Stiftung durch die Enteignung Luft und Licht zu entziehen, um auf deren Gelände die geplante Direktor- wohnung zu errichten für die Ophtalmologische Klinik. Dieses Wohnhaus müsse nicht unbedingt an der geplanten Stelle stehen,'von der man nicht nur in die neu geplante Uni- oersitätsaugenklinik sehen könne, sondern auch dirett beobachten könne, was in der Balserschen Stiftung passiert.,. Das Wohngebäude für den dereinstigen Leiter der Augenklinik brauche nicht unbedingt in deren unmittelbaren Nähe zu stehen. Die berühmten früheren Setter dieser Anstalt hätten ebenfalls entfernt von dieser gewohnt und trotzdem Bedeutendes geleistet. Ganz entschieden muffe er aber dagegen protestieren, daß man nach den Erklärungen des Bauinspektors Becker Gelände auf Vorrat enteigne. Dieser habe zugegeben, daß die Direllorwohnmrg erst später erbaut werden solle, daß auf Dem zur Enteignung vorgeschlagenen Terrain eine Ohrenklinik und eine Klinik für Hautkrankheiten später noch gebaut werden sollen. Dies feien Projekte, zu denen die Stände erst die Genehmigung zu erteilen hätten. Das Gesetz lasse aber nur eine Enteignung für thatsächlich greifbare Zwecke, für realisierbare Zwecke zu, und die in Aussicht stehende Ohrenklinik rc. fei nicht zu verwirklichen, wenn' die Kammern hierzu die Genehmigung nicht erteilten, und bevor diese nicht vorliege, könne keine Handbreit von dem dazu notwendigen Gelände im Ent- eignungStoege in Anspruch: genommen werden. Anfänglich seien auch die Pläne zur Erbauung der beiden Institute ganz anders geartet gewesen; das nach diesen Plänen benötigte Gelände habe weit weniger Bodenflache der von ihm vertretenen ^itereffenten beansprucht. Besonders gehe dies die Gailschen Erben an, Deren Grundbesitz als ungeteiltes Ganzes überaus wertvoll werde, deren Wasserversorgungsanlage aber durch das jetzt beabsichtigte neue Projekt in Mitleidenschaft gezogen werde. Das frühere Projekt habe sich well mehr nach der „Schönen Aussicht" hin ausgedehnt und sich der Gails Erben und der Balser- Stiftung Besitzung ferngehallen. Es sei interessant, zu erfahren, welche Gründe die Projektänderung veranlaßt haben, und er bitte die Lokalkommission, danach zu forschen.
Pfarrer Dr. Naumann als Vertreter der Kirchen- behörde erklärt, daß diese Behörde das fragliche Gelände Dem Staat zur Verfügung stelle, vorbehaltlich der Er- mittelung des Wertes. Die angebotenen fünf Aiark für den Quadratmeter hält seine Behörde für zu niedrig. Er habe sich in letzter Zeit mit den einschlägigen Bestimmungen des Enteignungsgesetzes beschäftigt und Dabei mit Erstaunen gesehen, daß die oberste Instanz in dem Streitverfahren das Ministerium sei, dieselbe Behörde, welche die Erbauung der Kliniken an der zu enteignenden Stelle angeordnet hat Hieraus könne man doch schon im voraus annehmen, daß dieselbe Behörde, die die Notwendigkell und Gebotenhell der Klinllen an Der strittigen Stelle bereits anerkannt habe, als oberste Instanz von dieser Ansicht nicht abweichen würde.
Regierungsassessor Emmerling weist demgegenüber darauf hin, daß ja eben das Verfahren vor der Lokalkommission und dem Provinzialausschuß für die Interessenten das Gute und auch den Zweck habe, das Ministerium eines Besseren zu belehren, von dem etwa schlecht unterrichteten an das besser zu informierende Ministerium zu aopellierein
Bauinspektor Becker erklärte, daß ein Teil des vom Rechtsanwalt Grünewald in Vorschlag gebrachten Terrains mit Zustimmung der Stände berells angekauft sei und toeiter angetauft werde, um erstens darauf Die Klinikswäsche und weitere Universitätsinstitute zu errichten, welche nicht zur Aufnahme von Kranken dienen. Das fragllche Gelände sei auch für Klinikszwecke darum ungeeignet, well es erstens sehr dem Zuge ausgesetzt sei, und well es zweckens seiner ganzen Lage nach zu entfernt von der Bahn und Dem Verkehr liege, dann seien auch bautechnische Bedenken wegen der Plazierung der Operationssäle vorhanden, die Der Vertreter des Staates Der Lokallommission demnächst näher erläutern wolle. Wegen der juristischen Bedenken betreffs der Zulässigkeck der Enteignung des Geländes der Balser- Stiftung erklärt Bauinspektor Becker sich nicht äußern zu können, er über taffe die Prüfung dieser Frage der Lokal- lommission.
Die Verhandlung wurde am Abend um 1/27 Uhr abgebrochen und auf Samstag vormittag 8 Uhr vertagt, wo wegen des Wertes des zu enteignenden Grund und Bodens verhandelt werden soll.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 11. Juli 1902.
— Personalien. Herr Karl Stadelmann aus Berlin ist zum Präparator am zoologischen Institut der Landes-Universität, der Kreisamtsgehilfe Wllhelm Volk zu Büdingen ist zum Burcauvorstcher bei dem Kreisamt Büdingen ernannt worden.


