Ausgabe 
11.6.1902 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

erhöhte Matrikularbeitrage auszugleichen. Nun denken Sie, bitte, daran, daß wir pro 1903 mit einem Defizit von 7080 Millionen zu rechnen haben werden, wenn dazu iwch 20 Millionen Ausfall an Zuckerstcucr hinznkämen, so würden wir ein Defizit von rund 100 Millionen haben. Wie sollen die Bundesstaaten in der Lage sein, eine solche Summe durch erhöhte Matrikularbeiträge auf;u- bringcn? Selbst für einen Sraat wie Preußen ist die Balanenung des Etats kaum noch möglich, und von dem Defizit von 80 Millionen werden pro 1903 auf Preußen allein ca. 50 Millionen entfallen; viel unerträglicher als für Preußen würde aber die Steigerung der Matrikularbeiträge für die kleineren Bundesstaaten fein. Schon um ihren Anrhcil an dem Defizit von 80 Millionen durch erhöhte Matrikularbeiträge zu decken, lvürden die thüringischen Staaten genöthigt sein, ihre gesammten Staatssteucrn um Ü bis zu er­höhen. Ich denke, wir haben das größte Interesse daran, den Reichs- gedanken zu stärken und die Treue der Eiiizelstaaten zum Reich zu erhalten. Ist eine solche Entwickelung möglich, wenn die kleinen Staaten so niederdrückende Leistungen für das Meid) auf sich nehmen müssen? Wer es gut meint mit den Interessen des Reichs, der muß dahin streben, daß sick) die Ausgaben der Bundesstaaten für das Reick) in erträglichen Grenzen halten. Im Artikel 70 des Reichsverfassung sind die Matrikularbeiträge überhaupt nur als Nothbehelf bezeichnet, der durch die Erschließung direkter eigener Einnahmen des Reichs wieder ausgeschaltet werben soll; hier aber füll nicht nur keine neue Einnahmequelle erschlossen, sondern eine bereits sprudelnde Quelle verstopft werden. Wir würden es am liebsten sehen, wenn der regierungsseitig vorgeschlageiie Zucker- steucrsaß von 16 Mk. stehen bliebe, wenn das aber nicht zu er­reichen ist, dann sind wir wohl oder übel zu einer Verständigung auf den Satz von 14 Mk. bereit. Wir bitten Sie dringend, uns nicht weiter zu drängeii, und ich bitte auch den Abg. Müller-Fulda, sich auf den ersten Theil seines Antrags .zurückzuziehen uiid auf die weitere Herabsetzung der Zuckersteuer im Jahre 1906 von 14 auf 12 Mk. zu verzichten. Wenn Sie sich mit der Ermäßigung von 20 auf 14 Mk. begnügen, dann glaube ich, wird in gleichem Maße der Rübenzuckerindustrie wie dem Sionfumentcn gedient fein, und

wird dann auch der Reichskasse und den Bundesstaaten ein kaum erträglicher Schade nicht zugefügt werden. (Beifall links.)

Bairischer Bundesbevollmächtigter Graf Lcrchcnfeld: Im Namen meiner Negierung kann ich cs Ihnen nur dringend ans Herz legen, den Äommissionsantrag nicht anzunehmen und sich möglichst eng an den Vorschlag der Regierung zu halten. Als vor einigen Monaten die Brüsseler Konvention zusammentrat, da wurde von sehr maßgebender Seite der zuversichtlichen Hoffnung Ausdruck gegeben, daß durch die Beseitigung der Prämien eine Stärkung unserer Reichsfinanzen herbeigeführt werden würde; der Kommissionsantrag aber würde ein ganz entgegengesetztes Ergebmß zeitigen; in seiner Annahme würde keine Stärkung, sondern eine ganz wesentliche Schwächung der Reichsfinanzen liegen. In den Finanzen der Einzelstaaten ist doch seitdem keine Besserung ein­getreten. Auch uns in Baiern ist es in diesem Jahre nur formell gelungen, den Etat zu balauciren; es stecken nämlich noch 25 Mil­lionen ungedeckter Matrikularbeiträge darin. Die Herren, die dem bairischen Landtage angehören, wissen ganz genau, daß bei uns den fetten Jahren magere gefolgt sind, daß eine ganze Re,he von Aufgaben nicht so gelöst werden konnte, wie es eigentlich das Staatsinteresse erforderte. Dieser Zustand würde unerträglich werden, wenn das Reich in weiter steigendem Maße unsere Mittel in Anspruch nähme; wenn ein Bundesstaat aber seine eigenen Landesaufgaben nicht erfüllen kann, dann leidet darunter nicht nur eben dieser Bundesstaat, sondern auch das Reich. Für die bairische Regierung muß der Kommissionsantrag als unannehm­bar bezeichnet werden; wie sich die bairische Regierung zu den Übrigen Anträgen stellt, dazu bin ich nicht in der Lage, heute eine Erklärung abzugeben. Ich bitte Sie nur, sich nicht zu weit von dem Satze zu entfernen, den die Verbündeten Regierungen Vor­schlägen, denn sonst wird eine unerträgliche Lage geschaffen.

Abg. Graf Bernstorfs sUelzen, Welfe) bittet, unter allen Um­ständen dem Anträge Gamp zuzustimmen.

Abg. Müller (Fulda, (Str.): Wir verkennen durchaus nicht die Nothlvcndigkeit, dem Reich wenigstens seine jetzigen Einnahmen zu erhalten;z aber die Mehrheit der Kommission hat uns über­stimmt. Eine Verständigung auf 14 Mark würde wesentlich er­leichtert werden durch eine Erklärung der preußischen Eisenbahn­verwaltung, daß sie bereit ist, Frachttarifermäßigungen für Zucker im Jnlandverkehr zu gewähren. Bei den jetzigen hohen Frachten für den Jnlandverkehr ist der Jnlandverkehr theurer, als wenn man z. B. uack) der Schweiz exportirt.

Ministerialdirektor v. Möllhausen: Ich kann meine bereits in der Kommission abgegebene Erklärung dahin wiederholen, daß die preußische Eisenbahnverwaltung bereit sein wird, in eine eingehende

Untersuchung über die künftige Gestaltung der Frachttarife für Zucker einzutreten. Mehr kann ich jetzt noch nicht zusagen, da wir bei wichtigen Tarifänderungen die verschiedenen Eisenbahnbeiräthe und nach einer getroffenen Vereinbarung auch die anderen deutschen Eisenbahnverwallungen zu hören haben. Abgesehen von diesen mehr formellen Aenderungen können wir jetzt auch noch gar nicht übersehen, welche wirtbschaftlichen Konsequenzen für die einzelnen Gebiete der Zuckerindustric eine Tarifermäßigung haben würde. Auch das muß zunächst gründlich untersucht werden; ich kann er­klären, daß dies geschehen wird.

Abg. Gamv sReichsp.) befürwortet seinen Antrag und führt ans, ein Ersatz für den 'Ausfall an der.Zuckersteuer würde sich schon finden lassen.

Sächsischer Gesandter Graf Hohenthal spricht sich namens der sächsischen Regierung gegen den Kommissionsbeschluß ans. Sachsen stehe bezüglich der Einkommensteuer schlechter da als Preußen und Werben sogar Zuschläge dazu erheben müssen, wenn erhöhte Matri- kularbeircage nöthig seien.

Minister Frhr. von Nheinbaben führt aus, es fei besser. Wenn man den festen Satz von 14 Mark festsctze, als wenn man den An­trag Gamp annähme. Wenn die Zuckersteuer zu hohe Erträge geben sollre, würden schon aus dem Hanse ganz von selbst Anträge auf Ermäßigung der Zuckersteuer gestellt werden. (Heiterkeit.)

Der Antrag Müller-Fulda wird z u r u ck ge zogen.

Abg. Ledebour (Soz.) befürwortet den sozialdemokratischen An­trag. Die Hauptsache ist, daß der Konsum gesteigert wird, dies kann aber nur durch gänzliche Abschaffung der Steuer geschehen. Eine Ermäßigung von einigen Pfennigen pro Pfund würde nicht viel nützen, wenn der Zucker aber 15 Pfg. per Pfund billiger würde, Würben auch die kleinen Leute das Doppelte ihres bisherigen Quan­tums brauchen. Eiiie Hebung des Zuckerverbrauchs ist auch in sani­tärer Hinsicht zu Wünschen, da Zucker einen hohen Nährwerth besitze. Den Ausfall der Reichskasse kann man am besten durch eine Reichs­einkommensteuer decken, eine solche Steuer ist Weit gerechter als die Zuckersteuer, die nur eine Kopfsteuer, auch für die Aermsten, bedeutet. Ueberhaupt Werden ja durch das jetzige Steuerwesen des Reichs die Aermsten am meisten belastet. Und speziell sind es die hohen Ausgaben für die Flotte, die das Volk bedrücken. Es sind manche Anzeichen vorhanden, daß die Flottenausgaben Weiter ge­steigert werden sollen. Erinnern Sie sich nur der wunderbaren Bildlein, die vor einiger Zeit in der Wandelhalle des Reichstags ausgestellt Waren, die von Weitem Wie eine Kompagnie Raupen aus- sehen, die über das Papier kroch, in der Nähe betrachtet aber sich als schematische Darstellungen von Kriegsschiffen der verschieden­sten Gewässer ergeben. Diese Bilder trugen die UnterschriftWil­helm II." Wenn ein so vielbeschäftigter Mann Wie Wilhelm II. sich damit besaßt, diese wunderbaren schematischen Darstellungen zu zeichnen, so muß man doch ....

Präs. Graf Ballestrcm: Ich bitte Sie, Herr Abgeordneter, die Zeichnungen des deutschen Kaisers in diesem Zusammenhang nicht zu erwähnen. Die Ueberfendung dieser Zeichnungen an den Reichs­tag War eine Aufmerksamkeit des Kaisers und es entspricht nicht den Gepflogenheiten des Hauses, solche Handlungen des Kaisers von irgend einem Standpunkt aus zu kritisiren. (Beifall.)

Abg. Ledebour (fortfahrend): Es ist mir allerdings nicht be­kannt, ob die Zeichnungen schon als Illustrationen imReichs- Anzeiger" erschienen sind. Bis dahin Werben Wir uns also zu gedulden haben. Diese Bilder ....

Präsident Graf Ballestrcm: Herr Abgeordneter, Sie fahren fort, sich mit diesen Zeichnungen zu beschäftigen. Ich erkläre, daß dieselben nicht zur Sache gehören und rufe Sie zur Sache.

Abg. Ledebour (fortfahrend) führt aus, eine neue Flottenvor­lage komme sicher noch, dazu würden 250 Millionen für die Polen­politik gebraucht. Die Mehrheitsparteien hätten sich von den Re­gierungen von Ausgabe zu Ausgabe drängen lassen und wißen jetzt nicht, woher das Geld zu nehmen fei.

Hierauf wird die Debatte geschlossen.

Der sozialdemokratische Antrag wird gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, Polen, Antisemiten und. der Ab­geordneten des Bundes der LandWirthe abgelehnt.

Der Antrag Gamp Wird gleichfalls abgelehnt gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und der beiden konservativen Parteien.

Die Fassung der Kommission wird abgelehnt gegen dieselbe Minderheit.

Dagegen Wird der Antrag Eickhoff-Hermes (14 Mk. Steuer) angenommen, nur die Sozialdemokraten und ein Theil der Rechten stimmen dagegen.

Artikel II a setzt den Ueberzoll nach den Bestimmungen der Brüsseler Konvention (4,80 Mk.) fest.

Abg. Dr. Barth (freif. 23er.) beantragt, den Ueberzoll um

2 Mk. niedriger (also auf 2,80 Mk.) festzufetzen.

Die Sozialdemokraten beantragen, den Zoll ganz zu beseitigen.

Abg. Dr. Barth (freif. Vgg.) empfiehlt feinen Antrag. Ein Zoll von 4,80 Mark könne nur dazu beitragen, die Macht des Zuckerkartells zu erhalten.

Abg. Bernftciil (Soz.) bittet, feinen Antrag anzunehmen.

Abg. Dr. Becker ((Str.) tritt für den Kommisskonsbeschluß ein.

Abg. v. Staudy (kcns.): Der Abg. Barth eifert mit einem ge­wissen Fanatismus nickt nur gegen das je \c Zuckerkartell, sondern gegen jedes mögliche künftige Kartell. Meine säinmtlichen politischen Freunde halten an sich ein Kartell für gerechtfertigt. Wenn es auch vielleicht etwas glücklicher durchgeführr werden muß als das bis­herige. Den Zoll unter den Höchst zulässigen Betrag festzusetzcn. Würben Wir für geradezu unenrschuldbar halten.

Die Kommissronsanträge Werden unter Ab­lehnung der Anträge Barth und Bernstein an­genommen.

Artikel III (Uebergangsbestimmungen) Wird dcbattelos an­genommen.

Artikel IV bestimmt, daß das Gesetz gleichzeitig mit der Brüsseler Konventfon am 1. September 1903 in Kraft tritt.

Die Abgg. Graf v. Roon (kons.) und Müllem-Fulda ((Str.) beantragen, hier einzufügen, daß gleichzeitig auch das Saccharingesetz in Kraft treten soll.

Staatssekretär Frhr. v. Thiclmann Wendet sich gegen den An­trag Roon. Wenn der Antrag angenommen würde, so würben Weber die Verbündeten Regierungen noch das Haus sich klar dar­über fein. Was geschieht, denn das Saccharingesetz ist noch nicht verabschiedet. Ein formeller Beschluß der verbündeten Regierungen kann selbstverständlich noch nicht vorliegen. Tie Verbündeten Re­gierungen haben vor Jahr und Tag eine höhere Besteuerung des Saccharins vorgeschlagen. Ihre Kommission hat erst die Grund­prinzipien des Entwurfs angenommen; darauf hat aber das HauS die Angelegenheit von Neuem an eine Kommission verwiesen und diese andere Kommission ist zu einem anderen Ergebniß gekommen. Sie schlägt vor, an Stelle der Steuer einen Auskauf der Saccharin­fabriken vorzunehmen mit der Ermächtigung für die Regierung, in einer oder mehreren dieser Fabriken dasjenige Saccharin hcrzu- stellen. Welches aus hygienischen Rücksichten gebraucht wird. Die verbüiideten Regierungen Werben, soweit mir bekamst ist und ich glaube, daß das bei der Mehrzahl, bei den größeren Bundes­staaten der Fall sein wird auch die gegenwärtige Fassung des Saccharingesetzes annehmen, und ich glaube, unter diesen Um­ständen werden die Herren Antragsteller bei der Geschäftslage des Hauses sich vielleicht entschließen können, ihren Antrag zurückzu­ziehen.

Abg. Graf Roon (kons.) : Wir hatten bisher noch keinerlei Klar­heit darüber, daß die verbündeten Regierungen Wenigstens Wahr­scheinlich dem Süßstoffgesetz in der jetzigen Fassung zustimmen Würben; Wir Waren daher zu unserem Anträge genöthigt, um Klarheit zu erlangen. Nack; der Erklärung des Staatssekretärs bin ich in der Lage, zugleich im Namen des Abg. Müller unseren An­trag zurückzuziehen.

Artikel IV wirb angenommen.

Die Kommission hat ferner zwei Resolutionen ange­nommen; in ber erste n Wirb die Regierung ersucht, die Frage zu erwägen, ob nicht eine Besteuerung des nicht aus Rüben herge-. stellten Zuckers herbeizuführen ist, in der zweiten Wirb eine Frachtermäßigung für Zucker geforbert.

Abg. Schmidt- Wanzleben (nat.-lib.) hat eine Resolution eingebracht, die eine Steuerermäßigung ober Befreiung für Zucker, der zur Bereitung von Jams und Marmelade verwendet wirb, fordert.

Die erste Kommissions-Resolution Wirb abgelehnt, die zweite Witb angenommen.

Die Resolution Schmidt wird nach kurzer Befürwortung durch die Abgg. Schmidt- Wanzleben (nat.-lib.) und Dr. Paasche (nat.-lib.) abgelehnt.

Hiermit ist die zweite Lesung des Zuckersteuer- Gesetzes erledigt.

Das Haus vertagt sich.

Präsident Graf Ballestrem: Ich schlage Ihnen vor, die nächste Sitzung abzuhalten: Mittwoch, 9 Uhr. (Großer Lärm und Oho- Rufe.) Dagegen erhebt sich kein Widerspruch. (Große Heiterkeit.)

Nächste Sitzung also: Mittwoch, 9 Uhr. Zweite Lesung des Saccharin-Gesetzes.

Schluß 6 Uhr.

Im preußischen Abgeorduetcnhause

stand am Tknötag die zweite Lesung des Gesetze entwurss betreffend die Umlegung von Grund­stücken in Fran ksurt a. M. auf der Tagesordnung. Die Kommission hat die vom Herrenhaus beratene Vor­lage in wesentlichen Punkten abgeändert. Nachdem Abg. Göschen den Bericht der Kommission erstattet, bemerkte Minister v. T h i e l.e n, daß die Staatsregierung ein Zu­standekommen der Vorlage erhoffe und bereit fei, um das Gesetz zu stände zu bringen, in tue Streichung der Bestimm­ung zu willigen, welche die weitere Ausdehnung aus andere Gemeinden der Monarchie durch königliche Verordnung vorfieht. Abg. Rewoldt (kons.) meint, die Vorlage ent­halte eine Menge sprödes Material, das noch einer besseren Bearbeitung bedürfe. Justizminister Schönstedt ent­gegnete, an dem Gesetzentwurf fei im Parlament vier Mo­nate lang mit größter Sorgfalt gearbeitet worden. Aller­dings lägen große Schwierigkeiten in der Sache und diese verschuldeten auch, daß der Entwurf schwer lesbar ge­worden sei. Tie Stadt Frankfurt habe sich mit den Aender­ungen der Vorlage ausgesöhnt und liege doch wahrlich kein Grund vor, der Stadt Frankfurt die Wohlthaten des Gesetzes länger vorzuenthalten. Abg. Oeser (fr. Vp.) meinte, die Zurückstellung des Entwurfs würde eine große Härte gegen die Stadt Frankfurt fein. Abg. Heisig (Ztr.) teilte mit, daß ein Teil feiner Freunde große Bedenken gegen die Vorlage habe. Abg. Glatze r (nl.) stimmt der Vorlage zu. Nach weiterer Beratung wird sodann der § 1 nach den Kommissionsvorschlägen angenommen, ebenso oie §§ 2 bis 10 ohne weitere Debatte. § 11a ist von der Kommission neu angenommen und bestimmt, daß für StraßeN-Terrains eine Entschädigung an den Eigentümer gewährt werden muß, wenn die abgetretene Fläche mehr als 35 Prozent der Gesamtfläche beträgt. Verschiedene hier­zu vorliegende Anträge werden abgelehnt. Zur Annahme gelangt nur ein konservativer Antrag, der statt 35 Prozent setzen will 30 Prozent. Mit dieser Aenderung ivird der § 11 a angenommen. Ebenso wird der Rest der Vorlage mit einigen prinzipiellen Anträgen angenommen.

Politische Tagesschau.

Frankreichs Beziehungen zu Tcutschlaud.

Bezüglich der vom deutschen Reichskanzler Grafen Bülow gelegentlich der Verhandlungen über die Aufhebung des Diktaturparagraphen gehaltenen Rede sagt ein anscheinend offiziöser Artikel desFigaro":

Manche Franzosen gaben sich der Hoffnung hin, daßFrank» reich durch cm a ub e r e n r o p ci is ch e s U e lr ere i n k o m m en eine mitDeutschland gleich w er tigeGenugthuung in Europa erlangen konnte. Diese Hoffnung war eine Illusion. Aber wenn gewisse Leute noch an ihr festhalten sollte, so wollten

Gras Bülow nicht, daß sich nunmehr irgend jemand darüber täusche. Tank Bülow ist die Situation auf deutscher Seite von un­vergleichlicher Klarheit. Was uns anlangt, haben wir keine Ursache, dieselbe zu verdunkeln. Wir sind von den kor­rekten Beziehungen, die wir zu unseren Nachbarn unter­halten, befriedigt und sind bereit, die Courtoisie, für die wir wiederholt Beweise erhielten, mit gleicher Eourtoisie zu er­widern. Wir wohnen ebenso wie die Deutschen in einem Friedensgebäude, dessen Bewohner, wie der Reichskanzler jüngst in der demFigaro" bewilligten Unterredung sagte, sich je nach Zeit und Ort mehr oder weniger behaglich suhlen, aber es ist uns in noch höherem Maße unmöglich, d e in E r b g u t e nuferer (Erinnerungen jju entfagen, als es Deutsch­land schwer fällt, auf einen einzigen seiner Siege zu verzichten, und da wir außerhalb des Gebiets, auf das Deutsch­land zu begeben s i ch weigert, nichts von ihm zu verlangen haben, so werden wir auch weiterbin in den gutnachbar­lichen Beziehungen, welche die Zeit zwischen Frankreich und Deutschland hergestellt hat, den genauen und hinreichen­den Ausdruck dessen finben, was die Sorge um den allge­meinen Frieden und die Wahrung eigener Interessen von einer richtigen Politik verlangen."

DieAurore" sagt betreffs der Erklärungen des Reichs­kanzlers Grafen Bülow: Die Rede beweise, daß die Germanisierung Elsaß-Lothringens eine voll­endete Thatfache fei. Was bedeuten dieser Thatsache gegenüber die deklamatorischen Behauptungen der Revanche­helden? Wir beglückwünschen, so sagt das Blatt, die Deutschen nicht zu diesem Ergebnis, aber wer wagt, die Elsaß- Lothringer zu tadeln?

Unioersitäts Nachrichten.

München, 10. Juni. Paul Hey se, der heute sein 50 jäh - r i g e § Doktor jubiläum feiert, sind aus diesem Anlaß von allen Seiten zahlreiche Beglückwünschungen zugegangen. Die Ber­liner Universität, an der Paul Heyse am 10. Juni 1852 promo­vierte, übersandte dem Jubilar ein erneute s Diplom mit einem längeren, anerkennungSvollen Begleitschreiben.

Neueste Meldungen.

Originaldrahtmeldungen des Gießener Anzeigers.

Berlin, 11. Juni. Dem Reichstage ging zur dritten Beratung der Brüsseler Zuckerkonvention ein An- trag Herold-Kani tz-Kardorsf - Müller - Fulda zu, wonach die Kündigung des Vertrages für den 1. De­zember 1908 und die späteren Jahre rechtzeitig zu erfolgen hat, falls der Reichstag nicht vorher der Verlängerung zu- gestimmt hat.

Berlin, 10. Juni. DieNat.-Ztg." meldet: Aus zu­verlässiger Quelle geht uns die Mitteilung zu, der Minister der öffentlichen Arbeiten v. Thielen fei entschloss un- mitt?lbar nach 'ndigung der Landlagssession-, m en

Ruhestand zu treten. Wir konnten die Authentizität der Nachricht nicht feststellen; aber im Hinblick auf die Quelle müssen wir sie mit Bedauern für richtig halten. Die Nordd. Allg. Ztg." schreibt: In verschiedenen Blättern tauchen über die Vorgeschichte der vom Ministerpräsidenten Grafen Bülow am 2. Juni im Abgeordneten hause abgegebenen Erklärung allerlei Azählungen auf, denen der Gedanke gemeinsam ist, daß Graf Bülow anfänglich eine en tg egenkommende Antwort auf die Interpella­tion beabsichtigt habe und erst durch den Kaiser zu einer anderen Haltung gedrängt worden sei. Am weitesten geht darin ein rheinisches Blatt, das sogar an­gebliche Aeußerungen des Kaisers mitzuteilen weiß, durch die ein entgegenkommender Beschluß des Staatsministeriums umgestoßen worden sei. Wir müssen dieses Geschichtentragen als Unfug bezeichnen und stellen hiermit fest, um jeder weiteren Mythenbildung vorzubeugen, daß es für den Reichskanzler und Ministerpräsidenten keinen Augen­blick des Schwankens darüber gab, welche Haltung ihm durch die Interpellation aufgenötigt war und daß er hierbei ebenso auf das Vertrauen der Krone wie auf die einstimmige Unterstützung des Staats­mini st eriums rechnen konnte. Die ,Nordd. Allg. Ztg." schreibt ferner: DieRhein.-Westf. Ztg." ließ sich aus London melden, das dortige Botschafts-Palais sei am 2. Juni reich illuminiert gewesen und zwar, wie mit einer verletzenden Wendung hinzugefügt wird,zu Ehren des Unterganges der Burenrepu­bliken". Die Nachricht stellt sich als böswillige Er­findung heraus. Tas Botschafter-Palais war nicht illu­miniert.

Danzig, 11. Juni. Bei der Aufstellung eines Gerüstes zum Abputzen eines Neubaues stürzten sechs Mann herab. Drei wurden schwer und drei leicht verletzt.

Sybillenort, 10. Juni. Das heute nachmittag ausge» gebene Bulletin lautet: Der König von Sachsen brachte einen großen Teil des Tages schlafend zu. In der schlaf­freien Zeit zeigte der König etwas regere Teilnahme. Der beseitige Gesamtzustand ist im übrigen unverändert. Privat wird gemeldet: In den letzten Tagen empfing der König wiederholt den Prinzen Georg, der längere Zeit am Kranken­bett verweilte; auch sah der König die anderen hier an­wesenden Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses. Heute ließ der König sich über Regierungsangelegenheiten Vortrag halten und erledigte eine größere Anzahl ihm am Herzen liegender Gnadengesuche.

Washington, 11. Juni. Der Senat nahm die Marino Appropriationsbill mit der Abänderung an, daß zwei Schlachtschiffe 1. Klasse, zwei Panzerkreuzer 1 Klasse und zu c menboote gebaut werden sollen.