-einem bösen Artikel der „Franks. Ztg", zwischen dessen Zeilen man vielleicht lesen könne, datz es Spione in der Treberverwaltung gebe. Schmidt möge für einen guten Redner in der Verhandlung vom 23. sorgen. Man könnte nicht wissen, was die Gegner im Schilde führten. Zeuge Bollmann wird vom Vorsitzenden im Anschluß an diesen Brief um Aufklärung ersucht und spricht seine Meinung dahin aus, daß damals Indiskretionen von Beamten der Trebergesellschaft vorgekommen ,ein müßten. Es wird noch eine Reihe von Schriftstücken aus den Akten zur Verlesung gebracht. Bemerkenswert ist noch ein Brief Schmidts an Lchulze-Tellwitz, in dem er demselben Vorwürfe macht, daß er sich hinter seinem Rücken an Tr. Franz-Friedrichstadt wegen Calciumcarbid-Bereitung gewandt habe. Wenn solches" noch einmal geschehe, werde er sein Amt niederlegcn, da solches Vorgehen ihn bei seinen Beamten diskreditieren müsse.
Gegen Schluß der Sitzung werden die Sachverständigen über die zwischen den Angeklagren und dem Generaldirektor Schmidt bezw. der Leipziger Bank ausgeführten Wechseltransaktionen befragt. Sie bezeichnen dieselben als Sch e i n- ge sch äste, die einmal als zwischen dem Vorstand und Aufsichtsrai geschlossen unzulässig, und andererseits geeignet waren, den Vermögens stand der Gesellschaft zu verschleiern und eine f a l s ch e Bi l a nz a u f ste l l u n a herbeizu führen.
Are Keueralversammtung des Kundes der «Lanörvüte.
Berlin, 10. Febr.
Die 9. Generalversammlung des Bundes der Landwirte wurde heute Mittag im Zirkus Busch durch den Bmrdesvorsitzenden R o e s i ct e mit einer längeren Ansprache eröffnet. R. berührte zunächst den Zolltarif, dann die Reform des Bvriengcsetzes, von der er sagte, es sei die Reform des Gesetzes, das überhaupt noch nicht praktisch erprobt sei, da die Herren an der Börse sich berechtigt erachteten, das Gesetz zu verhöhnen, statt zu erfüllen. Redner sprach dann über die Rede des Reichskanzlers auf dem Diner des Lan d w i r t sch a f t s r a te s und erklärte, nach dieser Darlegung könnten die Landwirte nun wohl sagen: Wir haben sein Herz erkannt.' Oh, — wie schaurig sieht es darin für uns aus. Tas freundliche Anerbieten des Kanzlers, die Landwirtschaft zu einem gemeinsamen Gange, der zu einer dauernden Verbesserung führt, zu veranlassen, scheint inehr das Anerbieten einer Vernunftehe zu sein, als dem überquellenden Herzen und der Liebe zu entspringen. Die Landwirtschaft aber darf keine unglückliche Ehe eingehen, sie muß daher alle Anerbietungen zurückweisen, die nicht die mögliche Voraussetzung einer glücklichen Entwickelung in sich tragen. Schließlich führte Redner aus, eins habe der deutsche Bauer stets hoch und hehr gehalten, das sei die Treue zu Kaiser und Reich, und ec schloß mit einem Hoch auf den Kaiser.
Der nächste Redner, Frhr. v. Wangenheim, erklärte: Er wolle noch einmal kurz auf den Kampf ein gehen, den der Bund jetzt ausfechte. Der Bund wolle keineswegs eine einseitige Begünstigung der Landwirtschaft: aber die Industrie sei eine Stufe höher gerückt, während die Landwirtschaft eine Stufe herabgedrückt worden sei. Man wolle jedoch mit der Industrie zusammengehen. Diese müsse aber der Landwirtschaft entgegenkommen. Wir wollen für die Industrie nicht die Kastanien aus dem Feuer holen. Wir wollen Heimatpolitik, auch vernünftige Weltpolitik, aber nicht auf Kosten der Landwirtschaft. Selbst die Minister versichern uns heute ihres Wohlwollens, treten die Minister aber herdenweise auf, dann heißen sie Bundesrat. Furchtbar wäre es, wenn jemals der Kaiser auf seine Sonern nicht mehr höre. ALan sei am Werke, eine dunkele Wolke zwischen den Kaiser und seine treuesten Unterthanen zu schieben. Der Kaiser möge die Stimmen der Landwirtschaft endlich hören und den Verleumdungen ein Ende machen. Redner ermahnt zum festen Zusammenhalten des Bundes bis zum letzten Atemzuge, um den schweren Kampf durchzuführen, und schließt mit den Worten: „Treue unserem Gott, Treue unserem Kaiser und Treue uns selber."
Rittergutsbesitzer Bock besprach in längerer Rede das B«ör senge setz und kam zu dem Schlüsse, daß an der Getreide-Börse in alter Weise Geschäfte gemacht würden, als ob ein Verbot des Terminhandels nicht vorhanden sei. Er empfahl schließlich eine Resolution, in der verlangt wird, daß Börsengeschäfte, die entgegen den Bestimmungen des Gesetzes, mit Geld- oder eventuell Freiheitsstrafen zu belegen sckrd. Auch diese Resolution wurde angenommen.
Direktor Dr. Hahn erstattete den Geschäftsbericht. Am Schlüsse seiner Rede versprach sich Hahn bei Erwähnung des Grafen Bülow und sagte versehentlich Graf Caprivi. Aus der Versammlung hierauf aufmerksam gemacht, verbesserte er sich unter tosendem Beifall mit dem Zusatze, Bülow sei in der letzten Zeit Caprivi so ähnlich geworden, daß eine Verwechselung wohl entschuldbar sei. Aus dem Geschäftsbericht geht hervor: Der Bund zählte am 1. Februar d. I. 230000 Mitglieder, 18000 mehr als im Vorjahre. Bon diesen gehörten 217 000 dem Klein-Grundbesitz an, und nur 1500 waren Großgrundbesitzer. Von den Mitgliedern wohnten östlich der Elbe 115 000 und westlich der
Elbe 135 000. Ferner machte Dr. Hahn Mitteilung über die Anzahl der angestellten Beamten, deren Zahl sich angesichts der wachsenden Geschäfte immer vergrößert habe.
L ihn m e r m a n n referierte über den Z o l l t a r i f, der zwar einige thalsächliche Verbesserungen bringe, aber zahlreiche Mängel zeige. Ter Antrag Kanitz sei das zu erstrebende Ideal der Landwirtschaft. Der Doppeltarif müsse auf alle Getreidearten ausgedehnt werden.
Zum Zolltarif lag folgende Resolution vor: Die Landwirtschaft als solche hat kein Interesse an langfristigen Handelsverträgen, ist aber bereit, an dem Zustandekommen solcher mitzuwirken, im Interesse der heimischen Industrie. Sie kann das nur, wenn ihr im neuen Zolltarif dasjenige Maß des Schutzes gewährt wird, dessen sie neben der blühenden Industrie gegenüber dem billiger produzierenden Ausland bedarf. Tie Generalversammlung stimmt den wirtschaftlichen Anschauungen zu, welche in der Eingabe des Bundes der Landwirte an den Bundesrat und ben Reichstag am 23. Novbr. 1901 niedergelegt wurden. Tie Vorlage der verbünde t e tl R e g i e r n g e n ist für die deutsche Landwirtschaft nicht annehmbar. Sollte es nicht gelingen, derselben in der Beratung des Reichstages eine Gestalt zu geben, die den berechtigten Forderungen der deutschen Landwirtschaft entspricht, so erwartet der Bund der Landwirte eine Ablehnung derselben. — Die Generalversammlung nahm e i u st immig die Resolution a n.
In der Diskussion führte Graf Lim b ur g-Stimm aus: Tas Schicksal des Zolltarifes hänge von der festen Haltung der agrarischen Parteien, also der Mehrheit im Reichstage ab. Ein Glück sei es unter Umständen, wenn die Vorlage abgelehnt werden müsse. Bleibe die Mehrheit -einig und fest, dann werde auch die Regierung nachgeben. Man könne unter den herrschenden Umständen keinen besseren Reichskanzler bekommen, als den Grafen Bülow. Derselbe wolle soweit als möglich der Landwirtschaft helfen, habe aber äum Teil m Regiemngskreisen selbst mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Tie Vertreter der Landwirtschaft im Parlament müßten für eine Verständigung mit den anderen Parteien einrreten, da sie allein ihre Wünsche nicht durchsetzen könnten. Allerdings müsse er sagen, wenn der Tarif nicht verbessert würde, sei es besser, ihn abzulehnen.
Abg. Ring-Düppel sprach über den Berliner Milch- krieg und bat um Unterstützung, denn dieser Kampf sei vorbildlich für die landwirtschaftliche Genossenschaftsbildung.
Herr v. O l d e n b u r g - Iannschau versicherte, daß, wenn der Zolltarif so, wie er sei, durch gehe, die Landwirt s ch a f t s ch l e ch t e r stehe, als vorher. Man müsse den Kampf fortsetzen, wenn mau auch nicht wisse, wie er ende. Verlängere die Regierung die Verträge von Jahr zu Jahr, so sei das nicht so schlimm, wie eine Bindung auf lange Zeit. Greife die Regierung zu wiederholten Auflösungen des Reichstages, so werde schließlich die Sozialdemokratie obenauf kommen, und alles, was Vaterland, Religion, Monarchie heiße, zu Grunde gehen. (Stürmischer Beifall.)
Gutsbesitzer Schindler -Posen führt in urwüchsiger Art Klage über dieBedrückungdesBauernstandes durch die Geldprotzen, die den Untergang der Landwirtschaft wünschen. Zur Wahlagitation bei den nächsten Reichstagswahlen beantragt er, zum Besten des Wahlfonds den Mitgliederbeitrag in doppelter Höhe zu erheben.
Jubelnd begrüßt trat Liebermann v. Sonnenberg aus, der zu treuem Festhalten aufforderte und den deutschen Bauern und Frauen ein dreifaches Heil ausbrachte. — Pilgram vom rheinischen Bauernverein erklärte, sein Verein verlange 7,50 Mk. Getreidezoll, werde sich aber auch mit 6 Mk. begnügen. — Reichstagsabg. Dr. Oertel versicherte, wenn es sein müsse, so werden wir mit unseren Leibern den Thron decken und wenn wir unterliegen, dann werden wir nicht untreu, sondern rufen sterbend: „morituri de salutant", trotz alledem und alledem.
Es wurden Begrüßungstelegramme verlesen, darunter eins von Schönerer -Wien, unb dann mit Hochrufen auf den Bund uni) die Führer die Versammlung geschloffen.
Der Versammlung wohnten ctma 8000 Personen bei. Selbst in den Gängen stand die Menge dichtgedrängt. Aus den Tribünen sah man zahlreiche Abgeordnete.
Für die Regierung sind nach der Erklärung des Grafen Bülow weitere Erhöhungen der Getreidezölle linannehmbar — für den „Bund der Landwirte" ist nach den Reden und Beschlüssen der heutigen Generalversammlung der Zolltarif- Entwurf in seiner gegenwärtigen Form unannehmbar. Das ist von beiden Seiten deutlich gesprochen. Aber es besteht doch ein Unterschied in den Erklärungen. Der Reichskanzler trat im Namen der verbündeten Regierungen .auf; der „Bund der Landwirte" hat als solcher nicht die Gesamtheit der Vertreter der Landwirtschaft hinter sich, allerdings wohl die weit überwiegende Mehrheit. Die einmütige Annahme der Resolution über drn Zolltarif-Entwurf ist also vorerst nur ein Stimmungssymptom; allerdings ein sehr nachdrückliches. Trotzdem kommt es nun praktisch darauf an, wie sich die beiden konservativen Fraktionen und die Centrumsagrarier mit dem „Bis hierher und nicht weiter" abfinden werden. Zwar geht auch wieder aus den letzten Auslassungen der „Kreuzztg." hervor, daß man im konservativen Lager sich immer noch der Hoffnung hingiebt, Graf Bülow habe nicht
sein „allerletztes" Wort gesagt über die Getreidezoll- Forderung. Aber darum muß doch von den Fraktionen ins Auge gefaßt werden, was zu geschehen hat, wie sie stimmen wollen, wenn die Hoffnung täuschen sollte. Annehmen oder ablehnen, eine dritte Entscheidung gibt es nicht. Eine Resolution, die Graf M i r b a ch - Sorquitten der Vereinigung der Steuer- und Wirtschafts-Reformer vorge- geschlagen hat, unterscheidet sich wesentlich von dem Zolltarifbeschluß des „Bundes der Landwirte". Graf Mirbach gebraucht das Wort „Unannehmbar" nicht; er drückt „Befremden" darüber aus, daß die Zollvorschläge für die Hauptgetreidearten selbst hinter den von den Verb. Regierungen im Jahre 1887 vorgeschlagenen Zollsätzen zurückbleiben, und hegt die „zuversichtliche Erwartung" eines „wirksamen Zollschutzes". Diese Erklärung ist viel behutsamer abgefaßt, als die des Bundes, sie laßt die Möglichkeit des Rückzugs offen, falls alle Anträge scheitern.
Graf Bülow wird vom „Bund der Landwirte" als „auf- gegeben" betrachtet. „Wir haben fein Herz erkannt — o wie schaurig kalt sieht es dann für uns aus!" so rief der Bundes-Vorsitzende Dr. Roesicke. Frhr. v. Wangenheim machte in seiner Rede undeutliche Anspielungen: z,Man will eine dunkle Wolke zwischen den Kaiser und seinen treuesten Unterthanen schieben." Auf welche Personen oder Kreise soll dies „man" zielen? Vielleicht äußert sich Frhr. v. Wangenheim im Reichstage präziser. Es steht nichts un Wege, die „offenen Worte" unmittelbar an den Kaiser zu richten. Aber auch die offenen Worte werden dem Kaiser nicht sagen, was er nicht schon weiß. Und Graf Bülow hat den Gedanken, zurückgewiesen, daß zwischen dem Herrscher und seinem ersten Ratgeber Gegensätze bestehen in wirtschaftlichen Dingen. Wenn diese Woche vollendet ist, wird in der Zolltarifkommission die Entscheidung gefallen fein über die Getreidezoll-Vorschläge der Regierung. Es hätte zur Abkürzung des Verfahrens gedient, wäre diese Frage zuerst von der Kommission in Angriff genommen werden. Dies ist nicht geschehen, um Zeit zu einer Verständigung der Mehrheitsparteien zu geroinnen. Die Zeit ist dazu nicht benutzt worden. Nun müssen in aller Eite Beschlüsse gefaßt werden.
Aus Stadt und Sand.
(Der Abdruck der unter dieserRubrik befindlichen Original-Nachrichte», ist nur unter genauer Quellenangabe: „Gieß. Auz." gestattet)
Gießen, 10. Februar 1902. •
** Ter B^zirks-Lehrerturnvereiu hielt am Samstagnachmittag in der Turnhalle der Stadtknabenschule die erste Uebungsstunde in diesem Jahre ab. Lehrer Zöller- Watzenborn hatte den Stoff für das 3. und 4. Schuljahr bearbeitet. Dieses Pensum wurde z. T. durchgeturnt und besprochen. Zum Schluß wurden die neuen Stabübungen des Haupt- verems vorgeführt, die allgemein gefielen. In der Nachversammlung erstattete der Vorsitzende, Lehrer B a ch - Großen- Linden, Bericht über das erste Vereinsjahr. Der Verein zählt 16 Mitglieder, an fünf Nachmittagen wurde geturnt. Es sind zwei Probelektionen abgehalten worden, je eine in Heuchelheim und Leihgestern. Bei der letzteren hatte der Verein die Ehre, Turninspektor Schmuck in seiner Mitte zu sehen. Der Beitrag konnte ermäßigt werdem Auf der nächsten Versammlung, am 15. März, wird Lehrer Zöller sein Referat beenden. Gleichzeitig soll in dieser Versammlung der neue, für dieses Jahr aufgestellte allgemeine Uebungsstoff verteilt werden.
M. Darmstadt, 10. Febr. Am Rosenmontag ging im Hoftheater, bei festlich beleuchtetem Hause nach längerer Pause Görners Märchen „Aschenbrödel" in Szene. Eine schau- und beifallslustige Jugend, teilweise in Maskenkostüm, füllte alle Plätze. Pünktlich um 5% Uhr erschien der Groß- herzog in seiner Loge, an der Hand die kleine Prinzessin Elisabeth, deren Eintritt sofort fteudigst bemerkt wurde. Alle Blicke wandten sich nach iber Hofloge. Generaldirektor Werner erfaßte die Situation und brachte ein Hoch auf die Prinzessin aus, die, einem Wink ihres Vaters Folge .leistend, aufstand und nach allen Seiten hin grüßte.
Gerichtssaal.
sch. Gieße», 7.Febr. Schiedsgericht für Arbeiter- Versicherung. Den Vorsitz führte Kreisamtmann Dr. Heinrichs. Zur Verhandlung kamen fünf land- und forstwirtschaftliche Unfallverficherungssachen. Die Anna Elisabethe Degenhardt zu Elbenrod will am 31. Mai 1900 von einem Rind einen Trttt wider die rechte Hand erhalten haben. Gegen den die Einweisung in das medico-mechanische Institut des Dr. Lossen zu Darmstadt anordnenden Bescheid der Genossenschaft legte die D. Berufung beim Schiedsgericht ein, das 'nach Einholung weiterer ärztlicher Gutachten die Zurückziehung des Einweisungsbescheids seitens der Genossenschaft veranlaßte. Nun ließ die Genossenschaft die Klägerin gelegentlich einer Rentenreoifion durch die Kreisärzte Dr. N. zu L. und Dr. W. zu A. einer Untersuchung unterziehen, wobei festgestellt wurde, daß die Erkrankung der r. Hand, ivie schon früher kon- 'tatiert, sehr wahrscheinlich als eine chronische Gelenkentzündung anzusehen sei. Tie Genossenschaft lchnte daher jeden Entschädigungsanspruch ab. da weder riachgewiesen noch glaubhaft fei, daß die krankhafte Veränderung der r. Hand durch einen Unfall veranlaßt
feine Tochter Frau Dr. Marie Jekel-Jordan, schreibt, ganz frisch; er freut sich mit Dank, sagte er, den Tag noch erlebt zu haben. -o.
Geteiltes Leid.
Zufrieden spricht Herr Sudermann: „Ihr seht es jedem Sitte an, Daß redlich ich mir Müh' gegeben Mit meinem Stück „Es lebe das Leben!" Glaubt mir, die ihr das selbst nicht wißt, Daß qualvoll oft das Dichten ist. Gottlob, jetzt ist die Qual vorbei, Ich bin vom Sinnen und Grübeln frei; Jetzt, hochverehrtes Publikum, Quäl' du dich mit dem Stück herum!"
(Kladderadatsch).
Änuf Hamsun: „Sklaven der Liebe". Novellen. Die sechs Novellen des Buches zeichnen sich alle durch scharfen Humor au§.. Die beste Arbeit dürfte die Prairiegeschichte „Zachäus' sein: ein tragikomisches Jntriguenspiel zwischen dem Koch einer Farm und ZachäuS, einem alten, halbblinden Arbeiter. Beide ftehen einander wie zwei Kampfhähne gegen
über, stets bereit, einen Streck vorn Zaune zu brechen. Der Koch besitzt eine „Bibliothek", d. h. em halbzerfetztes Gesangbuch und ein vergilbtes Zeitungsblatt von Anno Tobak. Zachäus aber ist ein eifriger Leser. Wo er nur irgend kann, bemächtigt er sich eines Teiles der Bibliothek seines Gegners, der ihm dafür bei Gelegenheit wieder einen Schabernack spielt. Die gegenseitigen Sticheleien steigern sich mehr und mehr und nehmen einen immer ernsteren Charakter an. Das Ende ist, daß Zachäus seinen Feind, den Koch, totschießt. Es ist alles bis ins kleinste hinein mit einem fein abgetönten, über den Dingen stehenden Humor erzählt. Ernster gehalten ist die Spielergeschichte „Vater und Sohn"; grotesk wirtt „lieber das Meer", eine prächtige Schilderung seekranker Zwischendecks- Passagiere; im „Erzschelm" schließlich zeichnet Hamsun einen Menschen, der mit sich selbst und der ganzen Welt fertig ist und dem nichts weiter als ein beißender Cynismus, als ein lautes Lachen über die Wunderlichkeiten des Lebens geblieben ist.
Aus Frankfurt a. M. wird geschrieben: Reinhardts Operette „Das süße Mädel" hatte bei ihrer Erst-Aufführung im Opern Hause einen großen Erfolg. Darstellung und Ausstattung waren glänzend. — Die Universität Heivelb-erg ist bre
emsige deutscher Zunge, welche den künftigen Presse-Jüngern Schulung und Anleitung zur Berufsthätigkeit gewährt. Wie seit mehreren Semestern, so liest auch kommenden Sommer der außerordentliche Professor der Geschichte, Dr. Adolf Koch (aus Mutterstadt in der Pfalz), ein einstündiges, öffentliches Kolleg „Geschichte der Presse und des Journalismus in Deutschland" und hält daneben in je zwei Wochenstunden „ Praktische Uebungen zur Einführung in die Journalistik". — Aus Wien wird berichtet: Sudermanns „Es lebe das Leben" hatte im Burg- theccker einen durchgreifenden Theatererfolg. Es erscholl wiederholt Beifall bei offener Szene. Nach den Aktschlüssen wurde der Verfasser lebhaft akklamiert und mußte vier bis fünfmal erscheinen. Frau Hohenfels als Beate war ergreifend. — Mathilde Seraos Scheidung. Wie aus Rom berichtet wird, hat die berühmte italienische Dichterin Mathilde Serao, die Verfasserin des Romanes „Riccardos Abenteuer" (bei Albert Langen in München) einen Scheidungsprozeß gegen ihren Mann, den Herausgeber des „Mattino" in Neapel, Scarfoglio, eingeleitet. Mathilde Serao wirft ihrem Manne vor, sie in die Neapler Skandale hineingezogen und sie kom- promcktiert zu haben.


