der Oberst v. Mechow einen Kranz nieder; die Musik sstiette dabei die österreichische Nationalhymne. Ten Schluß der Feier bildete ein Parademarsch des hiesigen Husaren-Regi- rnents, dessen Kommandeur General v. Schmidt war.
Würzburg, 9. Nov. In der gestrigen Generalversammlung des Bauernbundes für Franken und Schwaben kam es zum Schlüsse zu einer Differenz, zwischen dem Bauernbundsführer Redakteur Memminger und dem Direktor des Bundes der Landwirte Dr. Diettrich Hahn. Memminger wandte sich in einem Vortrag gegen das Haus Hohenzollern und verurteilte speziell die Englandpolrtik des Kaisers. Nach einem Ver- standigungsversuch, den Tr. Hahn anbahnte, erwiderte Memminger in ziemlich schroffer Weise, worauf Dr. Hahn ostentativ während der Rede Mernrningers den Saal verließ.
Aus Stadt uud Kaud.
Gießen, 10. November 1902.
* • Gedenktage. Am 11. November 1884 starb der große Zoologe und Weltreisende Alfred Edmund Brehm in seinem Geburtsorte Renthendorf bei Neustadt a. d. O. Bevor er auf den Universitäten Jena und Wien Natur- Wissenschaften studierte, hatte er schon Egypten uud den Sudan besucht. Als Begleiter des Herzogs Ernst von Sachsen- Koburg-Gotha lernte Brehm Abessynien und mit Kronprinz Rudolf von Oesterreich die mittleren Donaugebiete kennen. Seine populären Schriften sind »Das Leben der Vögel* und das umfangreiche, in vielen Auflagen erschienene ,Tier- leben".
• • Hofnachrichten. Aus Darmstadt wird uns geschrieben: Am SamStag Abend ist Prinz Ludwig von Battenberg aus Malta resp. London hier eingetroffen und hat im Residenzschlosse Wohnung genommen. Der Groß- herzog und Prinz Heinrich von Preußen kamen am Samstag Nachmittag mit Jagdgefolge mittelst Sonderzuges wieder von Worms zurück. Am Montag früh 8 Uhr fahren die hohen Herren ebenfalls wieder mittelst Sonderzug zur Wormser Jagd und kehren Nachmittags 5 Uhr wieder zurück. — Gestern, Sonntag, folgten die hohen Herrschaften einer Einladung des russischen Gesandten, Fürsten K o u d a - schew zum Diner. Gestern sind Graf und Gräfin Erbach-Schönberg in Darmstadt eingetroffen, sie besuchten mit den übrigen Herrschaften das Theater und kehrten abends 10.15 Uhr wieder nach König zurück. — Großfürst und Großfürstin Sergius werden heute, Montag, einer Einladung des englischen Geschäftsträgers, A. Johnston folgen nnd abends 10.47 Uhr auf einige Zeit nach Italien, zunächst nach Neapel, abreiseu, später aber hierher zurückkehren.
• * Staatsminister Budde in Gießen. Der Minister der öffentlichen Arbeiten, Budde, traf gestern mit dem Schnellzug 77 abends 5.44 Uhr von Frankfurt a. M. kommend hier ein. Er besuchte eine verwandte Familie und fuhr gestern mit Schnellzug 75 abends 9.56 Uhr nach Berlin weiter. Wie wir hören, soll Minister Budde sich dahin geäußert haben, daß die Pläne für den Anbau des Empfangsgebäudes nunmehr festgestellt und genehmigt seien. Die Einwohner Gießens würden mit der Ausführung des sehr schönen Projektes gewiß zufrieden sein.
* * Von der Universität. Unsere Notiz in der Samstags-Nummer, betr. den Fackelzug zu Ehren des Professors Drude, muß dahin berichtigt werden, daß der Vertreter des mathematisch-naturwissenschaftlichen Vereins nicht auf dem Balkon, wie es infolge eines Druckfehlers heißt, sondern vor dem Balkon eine Rede halten wird.
* * Auszeichnungen. Zugfüher Range von Gießen erhielt anläßlich seines 50jährigen Dienstjubiläums von dem Großhcrzog das silberne Kreuz des Verdienstordens Philipps des Großmütigen. Der Präsident der Kgl. preuß. Direktion Frankfurt a. M., Tbomv, gratulierte telegraphisch in herzlicher Weise und übersandte dem Jubilar ein besonderes Anerkennungsschreiben für die langjährigen treu geleisteten Dienste unter Beifügung einer Anweisung für eine namhafte außergewöhnliche Reinuneration.
" Aus dem Theaterbureau schreibt man uns: Infolge Erkrankung des Frl. Feige gelangt Dienstag anstatt „Kabale und Liebe" Lessings ,Emilia Galottll zur Aufführung. — Da die am Sonntag in Szene gegangene reizende W. Mannstaedt'sche Gesangsposse „Unsere Marine" mit großem Beifall ausgenommen wurde, dürfte eine Wiederholung baldigst erfolgen. — Alwine Wiecke wird in nächster Woche ein Gastspiel am Schiller-Theater zu Berlin absoloiren und tritt dann eine auf 25 Spieltage festgesetztes Gastspiel-Tournöe an, die sie u. a. nach Gießen, Heidelberg, Mainz, Wiesbaden und Bonn führt. Die Künstlerln tritt hier nur einmal und zwar am 20. November als „Ellida" in Ibsens „Frau vom Meere" auf, welche Rolle als ihre bedeutendste Schöpfung gilt.
* * Die Idee der Errichtung eines oberhessischen Städtebundtheaters geht ihrer Verwirklichung entgegen. Äußer Gießen und Marburg ist man nun auch allem Anschein nach nahe daran, Bad-Nauheim für diese Idee zu gewinnen, und auch mit anderen Städten noch, die allerdings u. E nur in zweiter und dritter Lösung in Frage kommen könne, sind Verhandlungen im Gange, deren Ausgang der erwünschte zu werden verspricht. Ter Gedanke, ein Städtebund - Orchester mit dem Städtcbund - T h e a t e r zu vereinen, scheint dabei indes leider ganz in Vergessenheit geraten zu sein. Uns aber dünkt ein solcher Plan kaum minder wichtig als der erstere; denn das Musikleben würde zweifellos ganz unendliche Vortelle dadurch erfahren.
"Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde. Wegen des Fackelzuges und Kommerses zu Ehren des Herrn Pros. Dr. Trude findet der zweite Vortrag berclls Mittwoch, den 12. Hlovember 8y* Uhr in der Großen Aula der Universität statt. (Siche Inserat in dieser Nummer.)
** Freie Turnerschaft Gießen. Wie in so dielen Städten Deutschlands, so wurde auch in Gießen in der Arbellcrschast das Perlangen laut, einen eigenen, unpolitischen Turnverein zu gründen, ausschließlich zu dem Zweck, seine Mitglieder geistig uno körperlich zu stählen. Stur von diesen Beweggründen geleitet, hat sich in letzter Zeit in Gießen eine Anzahl, dem Turnsporl Ijulbi ■ gender Männer zusammengethan, und einen Verein gekündet, der gestern seine konstituierende, recht gut deuchte Versammlung abgehalten l-at. Um den Er- chienencn die Dortelle und den Zweck eines solchen Der-
eins vor Augen zu fuhren, war ein Turngenosse aus Frankfurt erschienen, der denn auch in einem längeren, mit großem Beifall aufgenommenen Referate die Ent- stehiing der Arbeiterturnoereine und ihre Weiterentwickelung bis zur Jetztzeit schilderte. Es folgte dann die Festsetzung der Statuten. Tie Versammlung legte dem neuen Verein den Namen „Freie Turn er schäft Gießen" bei, und beschloß ferner, daß jede mindestens 17 Jahre alte männliche Person als Mitglied ausgenommen werden kann; Minderjährige können in die Zöglingsriege eintreten. Während die Zöglinge von einem (Äntrlltsgelde befreit sind, unb einen monatlichen Beitrag von 10 Pfg. zu leisten haben, ist für die ordentlichen Mitglieder ein Eintrittsgeld von 50 Pfg. und ein Monatsbeitrag von 30 Pfg. festgesetzt worden- Mitgliederversammlungen sinden allmonatlich, Generalversammlungen jährlich statt. Um auch die event. Minderheit zur Geltung kommen zu lassen, ist nach dem Statut ein Trittel der Mitglieder zur Einberufung einer außerordentlichen Mitgliederversammlung befugt, während zwei Drittel der Mitglieder eine außerordentliche Generalversammlung beantragen können. Nachdem dann der Vorstand, dessen Stellvertreter und die Revisoren gewählt worden waren, und der Referent noch den Anschluß an die Brudervereine resp. den deutschen Turnerbmrd empfohlen, wurden einige Jnternas erledigt und daun die erste Versammlung geschlossen mit einem kräftigen „Frei Heil!"
** Der evangelische Arbeiterverein Gießen feierte am gestrigen Tage sein zehnjähriges Stiftungsfest. Um 5 Uhr nachmittags sand in der Stadtkirche Festgottesdienst statt, in welchem Pfarrer Küster aus Höchst am Main die Festpredigt hielt. Abends 81/2 Uhr begann alsdann in Steins Saalbau die eigentliche Feier. Nach einem Vortrag des Gemischten Chors „Höre uns Gott, Herr der Welt", dem die Anwesenden mit sichtlicher Hingabe zuhörten, ergriff der Vorsitzende, Pfarrer Eu l e r, das Wort zu einer markigen Ansprache. Er, der gestern zum ersten Male vor versammeltem Verein sprach, gedachte zunächst des von hier geschiedenen Pfarrers Dr. Grein, der jahrelang das Amt des 1. Vorsitzenden in dem E. A V. bekleidet habe, und dem man es mit an erster Stelle zu danken habe, daß der Verein zu dem geworden, was er heute sei. Es sei, so führte Redner weiter aus, feine Kleinigkeit, in einem derartigen Verein (derselbe zählt zur Zeit 333 Mitglieder) als Vorsitzender zu fungieren. Man könne da trotz allen Fleißes und guten Willens nicht den Wünschen aller gerecht werden, auch werde meist den vom Vorstande arrangierten Veranstaltungen nicht das gebührende Interesse entgegengebracht. Er bitte die Mitglieder, int lausenden Winter, in dem u. a. die Herren Kommerzienrat H e y l i g e n st a e d t, Prof. Weimar und Dr- Ko epp e Vorträge zugesagt hätten, und der außerdem noch einige musiialische Tar- bietungen brächte, den Veranstaltungen größere Sym- vathie entgegenzubringen. Redner sprach sodann über die Cterbekasse des Vereins. Dieselbe zählt jetzt ea. 250 Mitglieder. Es sei diese Kasse nicht mit einer Versicherung oder einer Sparkasse zu vergleichen, in der man nur das eingezahlte Geld zurückerhalte, sondern die Sterbekasse sei viel mehr zu bieten in der Lage, da mehrere Mitglieder auf Unterstützung verzichtet hätten, sowie der Kasse sämtliche Ueberschüsse des Vereins von sämtlichen Veranstaltungen mannigfachster Art zuflössen. Schließlich gedachte er noch der „Vereins-Veteranen" na- mentltch des Herrn Schufst, der seit der Gründung das Amt eines „Finanz-Ministers" belleide und hoffte, daß dem Verein zu fernerem Wachsen, Blühen und Gedeihen Glück beschieden sein möge. Tie nunmehr folgenden Ge- sangspicyen des Gemischten Chors, wie auch etliche Solls, letztere durch Zitherbegleitung von feiten des Dirigenten Gernhardt verschönt, legten Zeugnis ab von dem Können und dem Fleiß der Sänger und des Dirigenten. Bedauert wurde, daß der solchen festlichen Gelegenhellen folgende Tanz aussiel.
** „3 ft essch 0 n Feierabend?", so tönte es gestern am hellen lichten Mittag den Schutzleuten entgegen, die zu Zweien die Wirtschaften revidierten, ob etwa Gäste in Be- gteitung von Hunden ihren Frühschoppen machten. Ob diese Kontrolle zu Anzeigen geführt hat, konnten wir nicht ermitteln, doch erfuhren wir, daß die Beamten angewiesen sind, in Zukunft ein scharfes Auge darauf zu haben, daß die Wirtschaften hundesrei sind. Also Vorsicht! Man lasse seinen vierfüßigen Begleiter, wenn man ins Wirtshaus gehen will, hübsch daheim, sonst kostet der Spaß 3 Mark Strafe ohne die Kosten.
** Kurzer Prozeß. Bei einem Handwerksmeister in der Neustadt sprach gestern nach Tisch ein Wandernder vor. Ter Meister gab dem Menschen eine Kleinigkeit, bemerkte aber etwa 10 Minuten herauf, daß eine, gewöhnlich neben ber Thür an der Wand hängende Taschenuhr ver- schwunben war. Ter Bestohlene machte sich sofort auf ben Weg nach ber Polizeiwache, um Anzeige zu erstatten. Ter Zufall wollte es, baß er in ber Mitte ber Kaplansgasse ben Tieb einhotte unb ihn cmfforberte, das gestohlene Gut herauszugeben. Nach kurzem Leugnen griff der Mann in die Hosentasche und gab die Uhr zurück, worauf er als Quittung ein paar schallende Ohrfeigen bekam. Ohne sich aus Weiterungen einzulassen, eilte der Tieb von dannen.
st. SelterS, 9. Nov. Dem Molkereibesitzer F. von hier wurden gestern von seinem, aus Schlesien zugewanbctten Fuhrknecht, welcher von ihm mit Einkassierung der Milchgelder beauftragt war, 6 00 Mark unterschlagen. Heute abend gelang es, den Deftaudanten, der flüchtig geworden war, auf der Station Stockheim, gerade als er im Begriff war, mit dem Zuge nach Gießen abzudampfen, dingfest zu machen. Er wurde in8 Gerichtsgefängnis nach Crtenberg abgeführt.
-L Gedern, 8. Nov. Mit dem Bau der Teilstrecke Gedern — Grebenhain ist noch nicht begonnen worden, obwohl die Baustrma schon vor einiger Zeit fast alle Baugeräte nach Station Grebenhain hat bringen lasten. Ebenso haben auch schon die staatlichen wie privaten Baubehörden ihre m Grebenhain und hier gemieteten Wohnungen bezogen. Es sollen noch nicht die Pläne von Berlin zurück sein, werden aber jeden Tag ermattet. Viele Arbeiter haben schon vergeblich um Arbeit bei der Bauleitung nachgesucht. Während des Baues wird von einer auswärtigen Firma am Ausgang der Oberwaldstratze eine Kantine m Form einer Baracke erbaut, ebenso in Ober-Seemen.
Mainz, 9. 9Lov. Zu dem Selbstmord eines jungen Offiziers wirb noch einiges mitgeteilt. Bei einem Liebesmahl, bas im Ofsizierkasino zu Ehren eines als Bataillonskommanbcur nach auswärts versetzten Majors stattfanb, kam es zwischen dem Leutnant Siebold und dem aus cTner anderen Ai faire bekannten Lttlt. Vogt zu einem Renkontre, bas geeignet war, unangenehme Folgen
nach sich zu ziehen. Am nächsten Vormittag war ^ebolb zum Regimentskommandeur bestellt. Gegen 10 Uhr schickte ber in ber letzten Zeit immer schwermütiger gewordene junge Offizier seinen Burschen mit eincny Briefe an seine Eltern zur Post, mit einem anderen zum Obersten. Als der Bursche nach Erledigung dieser beiden Aufträge zurückkam, wurde er von Leutnant Siebold sofort noch einmal fortge- chickt, um ein Fläschchen Bier zu holen. Zurückgekehrt, fand ber Bursche seinen Herrn blutüberströmt aus dem Teppich liegen, den Revolver noch in der Hand. Ein sofort herbeigerusener Arzt legte einen Notverband an uns ließ ben Verletzten in bas Garnisonlazarett bringen. Hier an- gekommen^ hauchte ber junge Offizier, als man ihn aus bem Krankenwagen hob, fein Leben aus. Tie Beerbigung finbet in Frankfurt, bem Wohnorte ber Eltern bes Verstorbenen, statt. Ter Vater bes unglücklichen jungen Offiziers war früher Finanzminister des Großherzogtums Oldenburg.
Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Von Strolchen überfallen wurde am Samstag Abend im Klosterwald em Fuhrmann aus Holzheim auf bem Heimweg von Lieh. Zuerst begegnete dem Fuhrmann ein Mann, der ihn nach dem Wege fragte, auf erhaltene Antwort versuchte er jedoch auf ben Wagen zu pringen. Ter Fuhrmann schlägt aufs Pferd, der Strolch pfeift und mehrere Gestalten springen von allen Seiten auß dem Wald unb suchen das Fuhrwerk anzuhalten. Nur der Schnelligkeit deS Pferdes verdankt der Fuhrmann sein Entkommen. derartige Ucberfälle haben sich auf genannter Straße schon mehrfach zugelragen. — In Neu-Isenburg stürzte am 8. November abends ein Radfahrer auf der Ortsstraße. Der Fahrer, ein verheirateter Arbeiter, schlug mit dem Gesicht auf die Kante des Trottoirs und verletzte ich Nase, Oberlippe und Wangen äußerst schwer. Em Arzt veranlaßte nach Anlegung eines Notverbandes die lieber- ührung des Verunglückten ins Krankenhaus nach Frank- furt a. M.
Kunst und Wist'enschuw
DaS großh. Museum iu Darmstadt erwarb, wie man und chreibt, aus dem Besitze der Kunsthandlung von Hermes u. Co. in Frankfurt a. M. ein Gemälde von Ludwig v. Hofmann: „ftrau am Meeresstrande".
Christiauia, 8. Nov. Prof. Fritjof Nansen teilt mit, daß im nächsten Jahre eine Expedition unter der Leitung des Kapitäns Amundfen nach Grönland unb ft ä it i g S - iß i l - liamsland abgehen wird, nm von dott den magnetischen Nordpol ausznfuchen. Tann will sich die Expedition weiter westlich begeben, und durch die Behringsstraße zurückkehren. Kapitän Amundfen . wird dort magnetische Beobachtungen anstellen und das Problem der Nord west durch fahrt zu lösen suchen. Tie Expedition zählt acht Mitglieder.
Salisbury (Rhodesia), 8. Noobr. Bei Eröffnung der gefeij* gebenden Versammlung teilte der Administrator nut, daß Professor Robert Koch nach Südafrika kommen werde zu Uiuersuchungen über die Rinderpest. Zur Unterstützung der durch die Viehseuche Geschädigten wurden 35000 Pfund bewilligt.
Gerichtssaal.
M. Gicßcu, 7. Nov. Strafkammer. Den Vorsitz führt« Landgerichtsdirektor Dr. Güngerich, die Anklagebehörde vertrat Staatsanwalt Hoos. — Der Taglöhner Friedrich Flick von Großen- Linden hat vom Schöffengericht Gießen wegen Sachbeschädigung eine Gefängnisstrafe von einer Woche und wegen Werfens mit Steinen eine Haftstrafe von fünf Tagen erhalten. Seine Berufung gegen das Urteil wird, da er zum heutigen Verhandlungstermin nicht erschienen war, kostenfällig verworfen. — Der Taglöhner Karl Stephan Singel von Busenborn hat in einem Hause zu Aßen- heim unter Drohungen gebettelt und als er das Verlangte nicht erhielt, sich in den Stall geschlichen und dort aus Rache eine Kuh erheblich verstümmelt. Tas Schöffengericht Butzbach hatte gegen den Angeklagten wegen des gemeinen Motivs und der Rohheit in der Ausführung der That sowie wegen der Erheblichkeit der Sachbeschädigung auf eine Gefängnisstrafe von einem Jahre erkannt. Tas Berufungsgericht bestätigte diesErkennt- n i s und beließ es auch bet ber wegen bes Bettelns erkannten vierwöchigen Haftstrafe — mit der Abänderung, daß die letztere Strafe als durch die erlittene Untersuchimgshaft für verbüßt zu erklären sei. — Ter Taglöhner Wilhelm Tlaae II. von Homberg legte Berufung ein gegen em Urteil des Feldrügegerichts Homberg, wonach sein 13jähriger Sohn und er als haftbarer Vater wegen einer seldpolizeilichen Ueberttetung zu einer Geldstrafe von Mark 7.80 und Entrichtung eines Pfandgeldes von 80 Pfg. verurteilt worden sind. Der Junge war über einen Zaun in einen fremden Garten gestiegen unb hat dort Erbdeeren entwendet. Wegen ber unerheblichen'Quantität und des geringen Werts der entwendeten Früchte ermäßigte das Berufungsgericht die G e l d st r a f e auf Mark 1.80 und das Psandgeld dementsprecheud auf 20 Pfg. — Ter Arbeiter Jfam d'Aaostini ist der Kör-pervcrletzung mittels eines Messers angeklagt. Da der Beschuldigte bei früheren Vorfällen wiederholt von bem Verletzten gereizt worben ist und sein Vorgehen bei dem heute zur Verhandlung stehenden Vorfall in diesem Zusammenhang beurteilt werden muß, sah das
Gericht von der fönst üblichen exemplarischen Bestrafung ber Körperverletzungen mittels Messers ab und erfannte gegen den Angeklagten nur auf eine vier monatige Gefängnisstrafe, auf die ein Monat der erlittenen Untersuchungshaft aufgerechnet wurde. — Der Arbeiter Adolf Fischer von Hümme ist des im strafrechtlichen Rückfall begangenen Diebstahls angeklagt. Er wird in eine Zuchthausüra'e von 2 Jahren 6 Monaten verurteilt; auch werden ihm die bürgerlichen Ehrenrechte auf 5 Jahre aberkannt. — Ter Gastwitt Jean Blankenboni aus Bad- Nauheim ist des Vergehens gegen das Schaumwemsteueraefetz, der Heinrich Schüßler, M. I. Köngen, Gustav Aletter und Bernhard Fisch, sämtlich aus Bad-Nauheim, sind der Beihülse zu diesem Vergehen angeklagt. Ter erstgenannte Angeklagte hat 130 Flaschen Schaumwein der Besteuerung dadurch entzogen, daß er sie in verschiedenen Posten zu den übrigen Angeklagten sthaffen ließ. 2icic bestreiten, gewußt zu haben, daß es sich um eine Tefraudation handele. Wenn dem Gericht diese Bestreitung auch nicht sehr glaubhaft erschien, so mußte dennoch mangels Beweises des Gegenteils Freisprechung erfolgen. Gegen den AngeklagtenBlanlenborn wurde auf eine Geldstrafe von 260 9)1 f. unb außerbem auf eine Ordnungsstrafe von 10 Mk. — er hatte unterlassen, von 1 Flaschen ausländischen Schaumweins die Dorgcidjricbcnen ^Btcuer- niarfen anzubringen — erkannt. Tie Einziehung der 130 Flaschen Schaumwein wurde verfügt.
Leipzig, 8. Noobr. TaS Utteil im Landesverrats» vrozeß lautete gegen den Schachtmeister Beck auf 5 Jahre 6 Monate Zuchthaus, gegen benKontrolleur Bai 3 Jahre 6 Monate Zuchthaus, gegen den Erdarbeiter Prosergio auf 8 Jahre Zuchthaus. Allen dreien wurden die Ehrenrechte auf die Tauer von 10 Jahren aberkannt. Frau Bai wurde wegen Beihilfe zu 9 Monaten Gefängnis verurteilt. Außerdem ivurde gegen die Angeklagten auf Zulässigkeit der Polizei- aussicht erkannt. AuS der Begründung geben wir solgendeS wieder: Es ist als erwiesen angenommen worden, daß Beck den Versuch gemacht hat, die Schrapnelzünder C 96 unb 98 an eine fremde Regierung ausjuliejern; ferner hat er den Plan einer Brücke aus- geliefert und versucht, Abschnitte aus den Entfestigungsarbeiten von Metz zu verraten. Nicht erwiesen ist, daß dieser Plan zu denjenigen Singen gehört, bezüglich deren eine Geheimhaltungspflicht bestand. Die beiden anderen Anaeklaaten haben mit mnr


