Jfönnen, fehlt e6 ihnen aber cm der wMgen und verständnisvollen Mitarbeit ihrer Parteigenossen. Diese wieder herbeizuführen, wird, wie wir bereits wiederholt ausgeführt haben, die nächste Hauptaufgabe der Partei sein.
Die Ti)conrebe, die der Groß her zog bei dem feierlichen Schlußakt des letzten Landtages verlas, sprach in ihrem Eingang von der hingebenden Pflichttreue, mit der sich der Landtag den Angelegenheiten und dem Wohle des Landes in anstrengender Arbeit gewidmet habe. Es kann zugegeben werden, daß es der frühere Landtag cm Fleiß und gutem Willen nicht hat fehlen lasien; em gleich rühmliches Zeugnis hat man aber der politischen Einsicht und den gesetzgeberischen Fähigkeiten aller Abgeordneten mcht ausgestellt, und der parlamentarische Takt vieler hat sich bei zahlreichen Anläsieu als nicht ganz ausreichend erwiesen. Wir konnten denjenigen, die da sagten, die Debatten hüllen sich keineswegs immer auf einem wünschenswerten Niveau gehalten, nicht so ganz Unrecht geben. Das Fiasko, das die bisherige Kammer unstreitig zum Schluß hauptsächlich in der Wahlreformfrage, aber nicht in dieser allein machte, war zugleich ein unwiderleglicher Beweis für die Fadenscheinigkeit und Belanglosigkeit der Gründe, die die Verteidiger des indirekten Wahlsystems so gern ins Treffen führen. Obwohl nun auch der neue Landtag noch aus dem indirekten Wahlsystem hcrvorgegangen ist, demjenigen System, das gerade nach der Ansicht der Reaktionären die beste
Möglichkeit und Gewähr bieten soll, die geeignetsten Männer m die Volksvertretung hineinzuwählen, so
wollen wir doch hoffen, daß er mehr auf der Höhe seiner verfaffungsmäßigen Stellung sein wird. Daß er dem alten nicht ähnlich fein wird wie ein Ei dem andern, das ist heute schon feststehend. Agrarisch aber wird wohl weitere 3 Jahre Trumpf sein, und es macht für die Beurteilung der politischen Bedeutung der Wahlen nichts aus, ob hier oder dort ein nationalliberaler Agrarier durch einen Bauernbündler oder Antisemit ersetzt wurde. Der Kammerpräsident Haas, der formell zur nationalliberaleu Partei gehört, aber in Wirklichkeit die Seele des Agrariertums in Hcffen ist und, -wie die letzten Reichstagssitzungen bewiesen haben, zu den Hochschutzzüllnern sans phrase gehört, wird weitere drei Jahre von großem Einfluß auf die Gesetzgebung sein. Mancher ist der Ansicht, daß es für die Gesamtheit der heffischen Bevölkerung besser wäre, wenn dieser Mann sich auf die Förderung des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens, um das er sich außerordentliche Verdienste erworben hat, beschränken würde. Hätte nicht die Regierung vielfach unter den größten Unannehmlichkeiten der agrarischen Mehrheit entschlossenen Widerstand geleistet, so wäre die Bevorzugung des platten Landes sicher noch krasser in die Erscheinung getreten. Die Regierung hat des Oöfteren gezeigt, daß sie zeitgemäßen Reformen auf allen Gebieten des politischen und sozialen Lebens nichts weniger als abgeneigt ist. Das heffische Volk hat jetzt dafür zu sorgen gehabt, daß diese Neigung nicht durch eine reaktionäre oder unzulängliche Zusammen- 'setzung der Zweiten Kammer in ihrer Bethätigung gehemmt werde. Es hat eine Reihe zuverlässiger und umsichtiger Männer der heffischen Volksvertretung zugefügt, von der wir manches Gute zu erhoffen uns berechtigt glauben. Vor allem wollen wir hoffen, daß cs der ernste Wille von Landtag und Regierung in der nächsten Session sein wird, das alte morsche Wahlsystem zu zerbrechen, einen Anachronismus, der eines so regsamen Staates wie des hessischen einfach unwürdig ist, obwohl gerade in unserem Lande nichts ferner liegt, als etwa zwischen Ur- und Hauptwahl, wie in unserem Nachbarstaaten, Don Seiten der Regierung ein Mißbrauch ihres amtlichen Einflusses.
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Zur Landtagswahl wird uns aus dem Bezirk Herbstein-Ulrichstein geschrieben:
Mit 31 gegen 4 Stimmen siegte der bisherige Abg. Bürgermeister Schmalbach von Crainfeld über den Gegenkandidaten, Bürgermeister Muth von Salz. Zu der bevorstehenden Wahl erschien jüngst int Hungener Blatt eine Notiz, wonach die Wiederwahl von Schmalbach sehr gefährdet sei, insbesondere wegen seiner Stellung zur Je- suitensrage. Tie hier prophezeite Niederlage des Herrn .Schmalbach wirkte sehr erhetternd, wußte man doch zu genau, wer gründlich unterliegen würde und daß die Pham taste jenem Berichterstatter einen schlimmen Stretch gespielt Habe. Berechtigten Unwillen erregte dagegen der Versuch, eine Wahlparole zu bethätigen, die geeignet tst, konfefsio- neNen Unfrieden zu entfachen; das alte bereits vor sechs Jahren widerlegte Märchen war von neuem ausgewärmt worden, als habe der Abg. Schmalbach dem Zentrum bezüglich seiner Haltung zu der übrigens vor das «yorum des Reickstages gehörenden Jesuitensrage Zusicherungen gegeben. Nun, die Wahlmänner haben die einzig rtchttge Antwort darauf gegeben und unserem beliebten Abg. Schmalbach ihr unerschütterliches Vertrauen bezeugt.
Von anderer Sette schreibt man uns aus Herbstein:
Die Wiederwahl unseres verdienten Landtagsabgeordn. Schmalbach wurde überall mit großer Freude begrüßt. Nach der Wahl waren die Wahlmäuner und Freunde des Wieder- gewählten in fröhlichem Kreise vereint. Reden im Wechsel Mit Gesängen ließen die schönen Stunden nur zu rasch vergehen und das Scheiden schwer werden, besonders da Herr Schmalbach .seinen treuen Mannen in herzlichen Worten Dank gezollt und ausführlich bekundet hatte, in welcher Weise er weiter für das Wohl und Blühen seines Bezirkes wirken werde.
Kaiser Mlyelm in England.
Port Victoria, 8. Nov. Als die „Hohenzollern" langsam mit einer Eskorte von Torpedobooten um Garri- rison Point, nordwestlich von Sheemeß, herumkam, nahmen die Mannschaften auf Deck Ausstellung. Ein offizieller Empfang des Kaisers fand nicht statt. Außer Offizieren befanden |idj nur wenig Menschen auf der Mole, an der die „Hohcnzvllern", welche die deutsche und englische Flagge am Großma-ft führte, kurz vor 8 Uhr festmachte.
3O .\\ul traf der deutsche Botschafter Graf Wolff-Metternich aus der ^Hohenzollern" ein, und wurde öom Kay er empfangen. Später fand der Empfang des Ehrendienstes stau. Um 10 Uhr begab sich der Kaiser von der „Hohenzollern" zu dem Sonderzug, der alsbald noch .SHornclifse abfuhr.
London, 8. Nov. Prinz von Dales und mehrere Minister, so der Premierminister Balfour, Staatssekretär Chamberlain mit Gemahlin, der Staatssekretär Brvdrick usw. begaben sich hetllc mittag nach Sandrlligham.
London, 8. Nov. Der Sonderzug mit dem Kaiser traf bei strömendem Regen in SHornclifse ein. So- balo der Zug hielt, verließ der Kaiser den Salonwagen und begrüßte den zum Empfang erschienenen Feldmarschall Lord Roberts und General Wood. Der Kaiser stieg zu Pferde, um sich nach dem Uebungsfelde der Royal Tra- goons zu begeben. Auf dem Uebungsfelde wurde der Kaiser von dem Oberst Lord Bas in g, dem Kommandeur der kgl. Dragoner empfangen; die Musik spielte die deutsche National-Hymne. Nachdem der Kaiser die Reihen des Regiments abgeritten hatte, machte er Halt und ließ, mit dem Säbel grüßend, die Truppen im Schritt und im Trabe an sich vorüber ziehen. Als hierauf das ganze Regiment von neuem Aufstellung genommen hatte, ritt der Kaiser an dasselbe heran, und hielt folgende Ansprache:
Es hat mir große Freude bereitet, Euch heute hier zum ersten Mal zu besichtigen, settdem Eure große Königin, meine geliebte Großmutter, deren Tod ick) mit Euch beklagt habe, mir die Ehre erwies, mir die Würde des Ehreiivbersten dieses Regiments zu verleihen. Ich beglückwünsche Euch zu Eurer Heimkehr nach der langen Zeit schweren Dienstes, den Ihr wacter zur Ehre Eures Königs und Vaterlandes gethan habt. Ich beglückwünsche Euch zu Eurem prächtigen Aussehen bei der Parade und zu dem tadellosen Vorbeimarsch, der wieder einmal die schöne Haltung gezeigt hat, wegen der die Royal Tragoons so bekannt sind. Tant der Huld S. M- des Zlonigs dars ich Euch heute besichtigen, und ich kann meine Dankbarkeit Sr. Majestät gegenüber in keiner besseren Weise zum Ausdruck bringen, als dadurch, daß ich drei Hurrahs auf S. M. König Eduard VII. ausbringe.
Dann brachte der Kaiser drei Hurrahs aus. Sodann wurde im Ofsizierskasino das Frühstück eingenommen. Bei dem Lunch brachte Oberst Lord Basttrg folgenden Trinkspruch aus:
Ich weiß kaum, wie ich unsere Freude und unseren Dank zum Ausdruck bringen soll, die wir bei den Worten empfanden, die Se. Majestät auf dem Uebungsplatze an das Regiment gerichtet hat. Der heutige Tag wird für immer ein Gedenktag in den Annalen des Regimentes sein. Das große Interesse, welches Se. Majestät stets den Royal Tragoons entgegengebracht haben, und ein freundliches Gedenken haben Se. Majestät veranlaßt, den Frauen und Kindern der Mannschaften, die nach Südafrika gingen, ein so glänzendes Geschenk zu machen. Ich kann Ew. Majestät versichern, daß viele Fälle von Not gelindert sind, und viele Familien nur durch den Edelsinn Eurer M a - jestät zusammengehalten wurden. Der Stolz, den wir alle über die Tyatsache empfinden, daß Ew. Majestät unser Chef ist, trug in hohem Maße dazu bei, daß das Regiment die Würdigung genießt, die es erworben hat. Alle Mann bemühten sich, diesen Ruf in Südafrika noch zu erhöhen. Zum großen Teil ist es dem Um st and zuzu schreiben, daß Eure Majestät Chef des Regimentes sind, wenn die Royal Tragoons das populär st eRegi ment der britischen Armee ist. Wir haben 200 Mann mehr als jedes andere Kavallerieregiment der Armee. Möge uns die Anwesenhell Sr. Majestät ein Sporn sein, zu noch toeiterer Anspannung und uns in den Stand zu setzen, dem Regiment neuen Lorbeer und Ruhm zu erwerben. Ich bitte Sie, füllen Sie die Gläser und trinken Sie ein volles Glas auf den Kaiser.
Der Kaiser erwiderte:
Meine Herren! Ich möchte Ihnen zum Ausdruck bringen, in wie hohem Maße ich Seiner Majestät dem König für die Stunden dautbar bin, die ich bei meinem Regiment habe verbringen können. Mit hoher Geuug- thuung höre ich, daß mein Beitrag |o viel gethan hat, die Bedürfnisse der Frauen und Kinder der Mannschaften, die ins Feld zogen, zu befriedigen. Ich glaube, ich kann nichts Besseres thnn, um diesen Tag in den Annalen der Royal Tragoons zu kennzeichnen, als noch einen Beitrag zu dem Unter stütz- ungsfonds für die Mannjchaften und chre Familien zu stiften. Gestatten Sie mir, allen meinen Gedanken und Wünschen für das Regiment in drei Hurrahs für die Royal Tragoons Ausdruck zu geben.
Ter Kaiser hat wiederholl seine Freude über den herzlichen (Empfang ausgesprochen, welcher ihm nicht nur von seinem Regiment, jonbern auch von der Bevölkerung in SHornclifse bereitet wurde, die trotz des strömenden Regens zu Zehntausenden gekommen war, ihn yi begrüßen.
Nach dem Frühstück begab sich der Kaiser in geschlossenem Wagen nach dem Bahnhofe und fuhr über London nach Sandringham. Ter 3ug passierte die Liv er - poolftreet-Station in London gegen 3Vx Uhr. Ta der Wunsch ausgesprochen war, die Anwesenhell des Kaisers in London als privat zu betrachten, waren alle Maßnahmen getroffen, um die 'Passagiere und Schaulustige von dem Bahnsteig sernzuhalteu. Da man indessen den Zug von verschiedenen anderen Stellen ankommen sah, brach das vor dem Bahnhofe versammelte Publikum in stürmische Hochrufe aus.
Sandringham, 8. Nov. Puntt 6 Uhr lief der Zug mit dem Kaiser auf der Station Wolferton ein. Zehn Minuten vorher waren vier geschlossene zweispännige Wagen und ein Automobilgefährt von Landrmgyam auf dem Bahnhofe eingetroffen, in derem einen sich der König und der Prinz von Wales befanden. Beide erwarteten in den Fürstenzimmern die Ankunft des kaiserlichen Zuges. Als die Ankunft gemeldet wurde, traten sie auf den Bahnteig. Während der Kaiser ausstieg, ging der König auf ihn zu und küßte ihn herzlich auf beide Wangen, ebenso der Prinz von Wales. Nactjdem sich die Fürstlichkeiten noch einige Minuten auf dem Bahnsteige unterhalten hatten und dem Kaiser einige Herren vorgestellt waren, fuhren der Kaiser, der König und der Prinz von Wales nach Sandringham ab.
Sandringham, 9. Nov. Der heutige Tag war von herrlichem Wetter begünstigt. Schon vom frühen Morgen an sah man auf der nach Sandrmgham führenden Landstraße Fuhrwerke aller Art mit Bewohnern der umliegenden Ortschaften. Ter Weg zur Kirche war mit einer dichten Reihe von Zuschauern besetzt. In der Kllche fanden nur die Gemellidemllglieder und Bewohner des Schlosses Zutritt. Zuerst erschienen die Königin, der Prinz von Wales, Prinz und Prinzessin Karl von Dänemark, Lord Roberts und Gemahlin, die Gemahlin des Ministers Ebam- berlaiu und nach einiger Zell der finnig, Kaiser Wilhelm, Premierminister Balfour ui«b Chamberlain sowie die übrigen Gäste. Es wurde der üblicke Morgengottesd. nft abgehallen, zum Schlüsse jedoch die Nattr-nalhymiic gcspiell.
Ter Bischof von Ripon hielt die Predigt und sprach die Hoffnung auf eine Zell aus, wo die Rassenunterschiede zurücktreten und die Menschhell eine einzige brüderliche Gemeinschaft bilden würde. Er gedachte der lange* Krankheit und Genesung des Königs sowie des Krönungstages unb fuhr fort: Ter Monarch eines uns verwandten Volkes ist gekommen, nicht als Souverän, sondern als Verwandter uiid Freund, um unsere Freude zu teilen, wie er vor kurzem auch das Leid des englischen Volkes teilte. Thatsachen scheinen auf die Mogtichkeii der Verwirklichung des Traumes von dem Verschwinden des Rassenunierschttdes hinzudeuten. Man hat berechnet, daß in hundert Jahren die Völker des Westens beinahe doppelt so zahlreich sein werden, als des Ostens. Wie sehr auch in Teutschland und England durch den deutschen Ozean getrennt fein mögen, die aus beiden Völkern gemischte Rasse nimmt jenseits des atlantischen Ozeans immer mehr zu, wo Teutsche und Engländer eine Nationalität werden. Aber nicht ploß auf physischem Wege vollzieht sich diese Mischung, sondern durch die edleren Mittel der Intelligenz und des geistigen Zusammenwirkens. Tie Kräfte, die dem Fortschritt dienen, sind große Persönlichkeiten, große Rassen und große Ideen gewesen und übten auf die Welt einen nützlichen Einfluß aus. Wir haben ein charakteristisches Beispiel hierfür in den beiden großen Völkern Deutschlands und Englands. Redner gedachte der Haltung beider Völker im Zeitalter der Reformation und sagte, dies führte sie zusammen. In den kritischen Zellen der europäischen Geschichte erkannten sie ihre großen Verantwortlichkeit und sind gemeinsam thätig gewesen, sie übten auf die anderen Völker Europas eine große Wirkung aus und forderten den Geist der Brüderlich leit. Sie ubicn ihre Macht nicht zu ihrem eigenen Besten, sondern zum Wohle der ganzen Menschheit aus, und trugen dazu bei, den Traum zu verwirklichen, daß man einst die Rassenunterschiede aus den Augen verlieren werde.
Nach dem Gottesdienst machten der Kaiser und König Eduard einen gemeinsamen Spaziergang in den Gärten. Ter Kaiser brachte für den König und die Königin kostbare Geschenke mit, darunter ein Paar herrliche Vasen.
Prozeß Koeing.
Neuwied, 8. Nov.
Otto Boeing wurde zu einer Gesamtstrafe von vier Jahren Gefängnis, Mark 19,800 Geldstr a f e und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf fünf Jahre verurteilt. Von der Anschuldigung der Urkundenfälschung wurde er freigesprochen. Arthur Boeing wurde gänzlich freigesprochen.
Ter Staatsanwall hatte in feinem Plaidoyer u. a. folgendes ausgesührt: In der Voruntersuchung habe Boeing einmal gesagt, die Gerichtsverhandlungen würden sechs Stunden in Anspruch nehmen, später habe er zugegeben, daß sie in zwei Tagen zu Ende geführt sein könnten. Jetzt, am Ende der sechsten Woche habe man gesehen, wie es der Angellagte verstanden habe, die Sache hmzuziehen. Immer wieder habe Boeing das Schreckgespenst herausbeschworen: 2000 brotlose Arbeiter! Der Staatsanwalt begründet die einzelnen Punkte: des Konkursvergehens, der Bilanzfälschung und Urkundenfälschung. Em Betrug sellens L. O. Boeings liege auch noch vor in dem Verkauf der Aktien; dieserhalb sei aber feine Anklage erhoben. Aus den Aussagen des Zeugen Brvermanu sei heroorzuheben, wie unrühmlich im Jahre 1878 L. O. Boeing aus dem Prozesse hervorgegangen sei, als er als Haf|lerer einer Baiikfirma wegen Unterschlagung von 4000 Mark verurteilt worden sei. L. O. Boeing habe 1881 den Offenbarungseid geleistet, sei auch später im Wiederaufnahme-Verfahren freigesprochen worden. Inzwischen habe die geschädigte F-irma von dem Generaldirettor Boeing chr Geld erhallen; durch Urteil vom 20. Oktober 1885 sei L- O. Boeing von der Anklage des Betruges, der Erpressung und des Wuchers freigesprocyen worden; fein, des Staarsanwalles, Vorgänger habe den Angeklagten einen Hochstapler genannt. Ein weiteres Mitglied der Famllie, Emil Boeing, sei toegen Falsche wes im Jahre 1877 inGießen zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden. Er müsse dies alles sagen, um zu bekunden, was das für eine Familie sei, die sich 1891 veranlaßt gesehen habe, an das Vertrauen des Publikums mit ihrem Prospekte heranzu. treten, wie sie es verstanden habe, in ungesetzlicher und listiger Weise die gesetzlichen Bestimmungen zu Umgehen. Eine Schonung diesen Leuten gegenüber fei unangebracht. Während der neun Jahre seien die Mitglieder der Familie Boeing reiche Leute geworden; daß die Fabrik zu Grunde gegangen, sei lediglich Boeings Schuld. In Sachen Der Urkundenfälschung fei die freche Täuschung des Gerichts zu ahnden. Arthur Boeing sei der Beihilfe chuldig, er sei der Eideshelfer seines Bruders gewesen, der freudige Empfänger des Gewiims. Redner empfiehlt dem Gericht, wellesten Gebrauch von den beantragten Geldstrafen zu madieu. Gegen L. O. Boemg beantragte der Staatsanwalt: Wegen Untreue als Geschäftsleiter fünf Jahre Gefängnis und 20 000 Mark Geldstrafe, wegen drei Vergehen gegen 313 H.-G-B. je vier Monate Gefängnis und 10 000 Hit Geldstrafe, wegen Vergehens gegen H.-G.-B drei Monate Gefängnis und 1O00O Mk. Geldstrafe, zusammen 75 Monat Gefängnis und fünf Jahre Ehrverlust; wegen Urkundenfälschung vier Jahre Zuchthaus, 10 Jahre Ehrverlust; die 75 Monate Gefängnis gellen gleich 50 Monaten Zuchthaus, sonach beantragt er eine Gesamt- Zuchthausstrafe von acht Jahren, tiuOOO Mk. Geldstrafe eventuell 16 Monate Zuchthaus und Ehrverlust auf zehn Jahre. Gegen Arthur Boemg beantragte er 2y2 Jahre Zuchthaus, 2100 Mark Geldstrafe eventuell 140 Tage Zuchthaus und Ehrverlust auf fünf Jahre.
Tie Fabrik feuer- und säurefester Produtte in Ballen- >ar, an deren Spitze Boemg bis vor zwei Jahren stand, hatte die Aufmerksamkeit dura) verschiedene unliebsame Vorkommnisse schon seit längerer Zeit auf sich gerichtet. Tie As- atre der Nauheimer Fabrn, wie das Unternehmen kurzweg genannt wurde, hat in verschiedenen Punkten Aehn- lichkcll mit der Treberraffaire: rasch aufeinanberfolgenDe Kapitalserhöhung, hohe Dividenden, und dann plötzlich der Krach! Boemg hatte, wie festgestellt ist, mindestens eit dem Jahre 18d6 unrichtige Bilanzen aufgestellt und zu hohe Dividenden oerteill. Letzteres soll nur dadurch möglich gewesen sein, daß die ivesellschaft ihre eigenen Produkte zum Dell für den Bau ihrer eigenen Anlagen vcrwaiidte und sich selbst zu Preisen anredjnete, die well über den Marktpreis hinausgmgen. Eine Revi- ionskommission, die nach der Etitlassung Boeings eingesetzt wurde, konstatierte, daß die Anlagewerte mit ca. 6 Millionen Mark zu hoch in Die Bilanz eingestellt seien. Tas Unternehmen mußte schließlich Den Kon. ir» anmelden und, wie aus den Bekundungen des KonkursoerwalterS im T.rafprozesse hcrvorgeyt, erscheint es sehr zweisechast


