,M>eruug. Kein Mensch hat sich in Berlin um Mr. Morgan gekümmert, weil niemand von seiner Anwesenheit etwas wußte. Selbst wenn man dieselbe gekannt hätte, würden die Berliner den amerikanischen Trustkönig doch in keiner Weise gefeiert haben. Den Amerikanern ist die Freundlichkeit, die chnen deutscherseits durch den Besuch des Prinzen Heinrich und durch den Empfang Morgans beim Kaiser erwiesen' ist, augenscheinlich sehr zu Kopfe gestiegen. Auf uns kann eine solche Aeußerung des. Größenwahns nur einen komischen Eindruck machen. __-__
Rußland protestiert!
Ans Berlin, 8. Juli, wird uns geschrieben:
' Durch den formellen geharnischten Protest Rußlands gegen die Brüsseler Zuckerkonvention haben die deutsche Zuckerindustrie und die rübenbauende Landwirtschaft eine unerwartete und starke Unterstützung erhalten.. Man wird in den Kreisen der Konservativen nur das Eine lebhaft bedauern, daß der Einspruchs nicht/schon früher erfolgt ist, zu der Zeit, als im Reichstag die von dieser Seite hartbesehdete Konvention und die Novelle zum Zuckersteuer- gesch durch Mehrheitsbeschluß zur Annahme gelangten. Hebet den Protest einer Macht wie Rußland kann auch jetzt von den anderen an der Konvention beteiligten Mächten nicht wohl zur Tagesordnung übergegangen werden; die russische Regierung führt das schwere Geschütz auf, daß sie in der etwaigen Anwendung der Brüsseler Vereinbarungen gegen die russische Zuckerausfuhr eine Verletzung der bestehenden Handelsverträge erblickt. Mit anderen Worten: Die russische Regierung behält sich Bergeltungsm aßregeln für diesen Fall vor, und was Rußland auf dem Gebiet von Repressalien leisten kann, hat es wiederholt und in empfindlichster Weise gezeigt. Eine höchst unangenehme Ueberraschung für diejenigen Mächte, darunter auch Deutschland, welche die so außerordentlich schwierige Zuckerfrage durch die Brüsseler Konvention glücklich gelöst glaubten! Unter diesen Umständen gewinnt Bedeutung, daß, wie wir erfahren, in der deut- fchen Zuckerindustrie eine Agitation eingeleitet ist, um noch jetzt die Brüsseler Konvention zu Fall zu bringen. Es soll eine gemeinsame Aussprache der Interessenten herbei geführt und nötigenfalls auf die Zuckerfabriken der Nachbaarstaaten, in Oesterreich-Ungarn, Holland, Belgien, Frankreich einzu- ttriifen versucht werden, daß von diesen Staaten die Konvention nicht angenommen wird. Uns liegt ein sehr instruktiv geschriebener Aussatz vor, worin ein wissenschaftlich gebildeter Landwirt lebhaft dafür eintritt, daß die Konvention wenigstens in ihren hauptsächlichsten Punkten abgeändert werde. Die Pointe der Ausführungen liegt in dem programmatisch vorangestellten Satz: „Wir brauchen für Europa keinen Rohrzucker!" Im letzten Grunde bedeute die Brüsseler Konvention nichts anderes, als daß die alleuropäische Rübenzuckerindustrie der tropischen, insbesondere der englischen Rohrzuckerindustrie ans Messer geliefert werden solle. Das Ziel müsse aber sein: daß Europa nur europäischen Zucker verbrauche, und daß somit auch fernerhin die Millionen in Europa verbleiben, die nach den Absichten der Brüsseler Konvenllon nach den Tropen wandern sollen. — Wir geben diese Ausführungen wieder, well sie zum Verständnis der Bewegung in den beteiligten Kreisen dienen, die zumal nach dem Protest Rußlands aufs neue sich entfalten wird. Vor allem erhebt sich die Frage: Wie verhält sich Rußlands ergebener Verbündeter, Fr an k- reich, das soviel Anteil hat an dem Zustandekommen der Brüsseler Konvention, gegenüber dieser kategorischen Erklärung ? Frankreich wird Rußland bei den auf A n u l l i e - rung der Konvention gerichteten Bestrebungen mindestens keinen Widerstand entgegensetzen können. Denn aus das Ziel kommt es hinaus, wenn die russische Regierung den Mächten den Vorschlag unterbreitet, die Frage „in ihrem ganzen Umfange zu prüfen" nämlich nicht nur die Zuckerprämien-Frage, sondern auch die Bedeutung der verschiedenen Waren-Syndikate, „die von der Regierung geduldet oder begünstigt werden". Ein deutlicher Wink. Rußland giebt zu verstehen: Schlagt Ihr unseren Zuckerexport, fo schügen wir zur Revanche Eure Eisenindustrie usw. durch entsprechende Zollbehandlung._________________
Deutsches Reich.
Berlin, 8. Juli. Aus Fr ed er iksh avn wird gemeldet: Nach guter, wenn auch etwas bewegter Fahrt ging die ,^oh enzollern" mit dem Kaiser an Bord in vergangener Nacht bei Stag en vor Anker.
— Der Besuch des Königs Von Italien am deutschen Kaiserhose ist sür Ende August in Aussicht genommen und wird drei Tage in Anspruch nehmen. Die zu Ehren des Gastes geplante Parade ist auf den 30. August festgesetzt worden.
— Der „Reichsanz." veröffentlicht die Verleihung des Kronenordens 1. Klasse an den Geheimrat Krupp zu Essen.
— Die für heute abend anberaumie antisemitische Versammlung, in der Graf Pückler sprechen wollte, ist seitens des Polizeipräsidenten v. Windheim aus ord- nungs- und sicherheitspolizeilichen Gründen verboten worden. In der Verfügung heißt es, daß nach den Vorgängen in der letzten derartigen Versammlung auch heute eine Störung der öftentlichen Ruhe und Ordnung zu erwarten gewesen sei. Die „Staatsb. Ztg." bezeichnet natürlich die Verfügung als einen unberechtigten Eingriff in das preußische Vereins- und Versammlungsrecht.
— Wie ein parlamentarischer Berichterstatter meldet, hat die wachsende Ausdehnung der sozialdemokratischen Reden in der ZolltariskomMission die Besorgnis gesteigert, daß die Arbeiten nicht rechtzeitig erledigt werden könnten. Es sollen Erwägungen über Geschäftsordnungs-Bestimmungen im Gange sein, durch die es möglich wäre, ohne die Rechte der Minderheit zu beschränken, eine Beschleunigung des Fortganges der Arbeiten zu erreichen. Den sozialdemokratischen Mitgliedern sollen bereits dahingehende Andeutungen gemacht worden sein.
Bochum, 8. Juli. Der „Wiarus Polski" teilt folgendes mit: Die Bergbehörde habe angeordnet, da sämtliche unter der Erde arbeitenden Grubenarbeiter de deutschen Sprache mächtig sein müßten. Die Staatsanwälte überwachten diese Anordnung insoweit, daß sie jeden .Grubenarbeiter, der vor Gericht eine Aussage zu machen habe, der deutschen Sprache aber nicht mächtig sei, bei der Bergbehörde zur Anzeige brächten. Es sei kürzlich vorgekommen, daß ein Grubenarbeiter auf dem Bochumer Gericht erklärt habe, deutsch nicht zu verstehen. Als der Vorsitzende den Staatsanwalt aufgesordert habe, diesen Fall der Bergbehörde zur Kenntnis zu bringen, habe der .Arbeiter plötzlich angefangeu, deutsch zu sprechen. Den Verhandlungen habe auch die Ehefrau des Arbeiters beigewohnt. Als no,ch. beendeter Verhandlung der Arbeiter den Korridor betreten, habe ihm seine Frau schwere Vor- tgOtfe darüber gemacht, daß er sich habe verlellen lassen,
deutsch zu sprechen und ihm schließlich eine schallende Ohrfeige und einen Fußtritt versetzt, sodaß er vor dem „patriotischen" Weibe schnell flüchten mußte. Ter „Wiarus Polski" erzählt diesen Vorfall so ausführlich, mit der deutlichen Absicht, alle polnischen Frauen möchten sich in ähnlichen Fällen ebenso „patriotisch" zeigen .
Karlsruhe, 8. Juli. Die Erste Kammerbeschloß im Einblick auf den bevorstehenden Schluß des Landtages, von' einer Beratung des Gesetzentwurfs betreffend die Einführung des direkten Landtagswah lr echts abzusehen. (Tont comme chez nous!* D. Red.)
Stuttgart, 8. Juli. Die Abgeordnetenkammer trat mit 43 gegen 34 Stimmen für die Ein- uhrmig einer obligatorischen Besteuerung der Wareuhäuserdurch die Gemeinden ein. Die Regierung wollte eine fakultative Steuer. Ein Antrag der Steuer- kommission, die Warenhaussteuer ganz fallen zu lassen, wurde mit 49 gegen 27 Stimmen abgelehnt.
München, 8. Juli. Die sozialdemokratische Land- tagsfrallion beantragte beim Etat für Reichszwecke, an den Ausgaben von 24 000 Mk. (Diäten und Reisekosten) den auf die Bund es r atsv er tret er entfallenden Betrag so lange zu streichen, bis die Reichjstagsabgeord- neten die Diäten erhallen.
Ausland.
London, 8. Juli. Der 12. August soll sür die Krönung des Königs amtlich in Aussicht genommen ein. Wenn dies nicht möglich sei, solle der, darauf fallende Dienstag, der 19. August, der Krönungstag sein. Doch werde >er König nur an der Fahrt nach der Westminster-Abtei, nicht aber an der Umfahrt teilnehmen, die übrigens eingeschränkt werden soll. Die Krönung soll wesentlich auf die religiöse Zeremonie beschränkt bleiben.
— Oberhaus. Brassay legt dar, daß England eine von ihm einst eingenommene Position bezüglich >er schnell fahrenden Handelsdampfer v e r - oren habe und daß die englischen Schiffsbauer nicht versuchten, mit den deutschen Rhedern in Bezug auf die Schnelligkeit der Dampfer zu wetteifern. Der Erste Lord der Admiralität, Earl of Selbornc, führt aus, das Zurückbleiben Englands im Bau sehr schneller Dampfer ei darauf zurückzuführen, daß die auswärtigen Staaten S u b s i d i e n in höherem Betrage zahlten, als von England je En Erwägung gezogen sei. Solche Schiffe machten sich in kommerzieller Beziehung nicht bezahlt und benötigten deshalb Subsidien. Bezüglich des atlantischen Schiffahrtstrustes erklärt Selborne, die englische Regierung hege keinerlei Eifer- ücht gegenüber dem Verlangen Amerikas, eine eigene Han- )elsflotte zu besitzen. Amerika sei zu der vollen Beteiligung am atlantischen Handel berechtigt, England könne aber nicht zugeben, daß es selbst aus dem atlantischen Handel vertrieben werde. Die Regierung stehe dem Truste in keiner Weise feindlich, aber voller Besorgnis gegenüber.
Paris, 8. Juli. Der Ministerrat ermächtigte den Finanzminister Rouvier, in der Kammer heute die Gesetzesvorlage einzubringen, durch die die 31/2prozentige Rente in eine 3prozentige umgewandelt wird. Die Inhaber der 3r/2prozentigen Rente beziehen ihren gegenwärtigen Zinsertrag bis 31. Dezember 1902. Weiter soll chnen mit dem letzten Koupon des Jahres eine Bonifikation von 1 Frcs. für 3,50 Frcs. Rente, 0. h. ein Aequiva- lent für das ausbezahlt werden, was sie während 4 Jahren erhalten hätten, wenn eine Konversion in einer Z^proz. Rente stattgefunden hätte. Dadurch verringert sich der jährliche Gewinn -aus der Konversion um zwei Millionen. Finanzminister Rouvier wird für das Budget 1903 über 32 Millionen verfügen können. Der Staat, verpflichtet sich, während acht Jahren keine neue Konversion 3proz. Rente weder neuer noch alter vorzunehmen.
— Marineminister Pelletan hat die Direktoren der Schiffswerften des Mittelmeeres und der Gironde zu sich berufen, um von chnen die Ver zi cht l ei st u n g auf die von dem früheren Marineminister bei den betr. Werften gemachten Bestellungen aus mehrere größere Schlachtschiffe zu erlangen. Dieses Verlangen wurde jedoch abgelehnt. Der Minister ist aber entschlossen, diese Verzichtleistung unter allen Umständen herbeizuführen.
Rom, 8. Juli. Der Zar wird den Besuch des italienischen Königspaares im Januar erwidern. Wie der Zar Zanardelli mitgeteilt Haven soll, will Kaiser Nikolaus an den Tauffeierlbchkeiten für den italie Nischen Königs- spr offen teilnehmen, dessen Geburt im Dezember erwartet wird.
Petersburg, 8. Juli. Der Entbindung der Zarin wird in Zarskoje Selo bereits sür Ende Aug ust entgegensehen. Wie es heißt, will der Kaiserhof, sobald die Zarin wieder reisefähig ist, sür mehrere Monate nach Livadia in der Krim übersiedeln.
Heer und Flotte.
An Stelle des jüngst in Wetzlar verstorbenen Generalmajors Nirrnheim wurde Oberst Schneider vom 4.Artillerie-Regiment in Magdeburg zum Kommandeur der 21. Feldarüllerie-Brigade, mit dem Sitze in Frankfurt a. M., ernannt. Major Freiherr v. G illern vom 10. Feldattillerie- Regiment in Hanover wurde als Kommandeur des 4. Feldartillerie-Regiments nach Magdeburg versetzt.
Aus Stadt und Zand.
Gießen, 9. Juli 1902.
” Zweite Kammer der Land stände. Die Tagesordnung zur 127. Sitzung am 10. Juli bringt im wesentlichen nur die Wünsche der Butzbacher und Groß-Umstädter nach Ausbau ihrer Realschulen zu Ober-Realschulen. Der feierliche Schluß des Landtags findet am Freitag im Großh. Residenzschloß statt.
•* Oeffentliche Lesehalle. Im Juni wurden 1798 Bände ausgeliehen.. Von diesen Bänden kommen auf: Erzählende Litteratur 928, Illustrierte Zeitschriften 454, Verdichtungen 12, Litteraturgeschichte 11, Jugendschriften 208, Länder- und Völkerkunde 29, Kulturgeschichte 8, Geschichte und Biographien 61, Naturwissenschaft, Technologie 67, Seewesen 10, Gesundheitslehre 6, Staatswissenschaft 4 Bände. Nach auswärts kamen 42 Bände. — Vom 16. Juli bis 1. September bleibt die Bücherausgabe geschlossen»
** Stadtbaurat Schmandt. In mehreren auswärtigen Blättern, wie auch in der hiesigen „Mitteldeutschen Sonntags-Zeitung" ist das Ausscheiden des Stadtbaurats Schmandt mit Angriffen in Zusammenhang gebracht worden, welche in der Stadtoerordneten-Versammlung vor einiger Zell
gegen das Stadtbauamt gerichtet worden seren. Wie wtr aus zuverlässiger Quelle erfahren, ist diese in Form einer „Vermutung" gebrachte Meldung unzutteffend. Es wurde Herrn Schmandt lediglich eine Stelle in Köln unter so günstigen Bedingungen angeboten, daß er sich zu deren An- nähme und zur Aufgabe der Stelle des Stadtbaurats von Gießen entschlossen hat.
* * Gießener Stadttheater. Wegen Erkrankung einer Sängerin fällt das für heute angekündigte Gastspiel des Emser Kurtheater-Ensembles aus.
• * Das Tiroler-Gesangsquartett (Süddeutsche Bauern) wird am Freitag den 11. Juli im Gatten des Cafs Leib konzertieren. Freunde des Gesanges seien besonders auf dieses Konzert, das aus Koschats Steirer- und Kättner-Liedern besteht, hingewiesen.
* * Der Vorstand des hessischen Zweiges der Südwestdeutschen Konferenz für Innere Mission hat an das Ministerium wie an die 1. Kammer der Landstände eine Eingabe gerichtet, die mit folgenden Worten schließt:
Wir halten es für wünschenswett, daß, wie in Gießen, auch in anderen Städten durch Ottsstalut die Konzessionser» teilung beschränkt werde und auch auf dem flachen Lande möglichst scharf der Nachweis des Bedürfnisses gefordert und den daraus bezüglichen Ausführungen der Gemeindeoorftände so viel wie möglich stattgegeben werde. Wenn wirtlich ein Versehen geschähe rind eine Wirtschaft zu wenig erlaubt wurde, wäre das kein Schaden, während eine Wirtschaft, die überflüssig ist, in skrupellose, gewandte Hände gekommen, großen Schaden anttchterr farm. Weil die Not unmäßigen Alkoholgenuss es schwer lastet auf dem Wohlergehen unseres Volles unb Verringerung statt Vermehrung der Wirtschaften die Parole der Zukunft ist, well eine, dem entgegenstehende Maßnahme der Regierung in weilen Kreisen unseres Volkes nicht verstanden werden, sondern zur Irreführung des öffentlichen Urteils beitragen würde, so wiederholen wir ehrerbietigst obige Bitte: Dem Beschluß der 2. Kammer vom 25. April betr. Antrag Möllinger nicht stattgeben zu wollen."
— Homburg, 8. Juli. Nach einer dem Landrcll von Meister und dem Bürgermeister von Marx zugegangenen Mitteilung hat der Kaiser beschloffen, die feierliche Ent- hüllung des Kaiserin Friedrich-Denkmals zu Homburg am 19. August und diejenige des Kaiser Friedrich-Denkmals zu Cronberg nebst der feierlichen Einweihung des dorttgen Kaiser Friedrich-Patts am 20. August d. I. vorzunehmen. Die kaiserliche Familie gedenkt, wie die „Kreiszeitung" berichtet, am 16. August auf Schloß Homburg einzutreffen unb dort bis zum 23. zu verweilen.
Fr ankfurt a. M., 8. Juli. Ein folgenschweres Eisens bahnunglück, das außer sehr bedeutendem Materialschaden auch ein hoffnungsvolles Menschenleben zum Opfer gefordert und ein zweites schwer gefährdet hat, ereignete sich (wie wir bereits telegraphisch meldeten) heute morgen kurz nach 7 Uhr auf dem wesllichen Außenteile des RangieÄahnhofes. Dort tiegen nebeneinander eine Anzahl Geleise, von denen eines, ein sogen. „Auszuggeleise", mit sanfter Steigung etwa vorn HM: Rebstock ab ostwärts, bis nahe an den Lokomotivschuppen oberhalb der Heber» führungsbrücke der Vockenheimer Bahnstrecke führt und mit einem starken Prellbock mitten in der Bahnhofsanlage endigt. Um mit einem schwerbeladenen Güterzug die Steigung zu überwinden, ist es nötig, daß mit kräftigem Dampfdruck gefahren wird; andererseits müssen, um ein Heber fahren des Prellbockes, als Endpunlles, zu vermeiden, die/sämt- lichen Bremsen des Zuges rechtzeitig und wirksam in Thätig- feit gesetzt werden. Ob dies heute früh nicht gründlich genug geschehen ist, ober ob die Bremsen nicht gut funktionierten, oder was sonst die. Ursache des Unfalles ist, kann mit Bestimmtheit noch nicht gesagt werden. Jedenfalls ereignete sich wieder eine jener Katastrophen, die in der letzten Zeit auf den verschiedensten Bahnhöfen vorgekommen sind: die Lokomottve fuhr mit Vehemenz Huf den Prellbock aus, dieser widerstano aber dem furchcharen Anprall, wodurch die La st der nachfolgenden zweiundvierzig Achsen schwerbeladener Güterwagen mit ungeheurer Gewalt auf die Lokomotive drückte. Die Wirkung dieses Druckes war eine entsetzliche. Der der Lokomottve folgende geschofseneGüterwagen hob sich in die Höhe und legte sich auf den Führer stand! der Lokomotive, der total zusammengedrückt wurde. Dadurch kamen die beiden auf der Maschine befindlichen Führer, der Lokomottvsührer Heipt und der Lokomotivheizer Bischof, in eine entsetzliche Lage. Die Hintere Wand des Führerstandes drückte Bischof direkt gegen die Armaturen- und Feuerbuxenwand des Lokomvtivkesselsj und zwar mit solcher Gewalt, daß ihm der Brustkasten eingedrückt wurde unb er auf ber Stelle tot war. Stehend würbe er als Leiche Oorgefunben. Der Lokomotivführer, Heipt erlitt einen Oberschenkelbruch außerdem wurde er burch ben aus dem zertrümmerten Wasserftandsglase des Kessels heftig hervorströmenben heißen Dampf stark verbrüht. Es gelang bem Beamten aber unter Aufbietung aller Kraft, sich burch Hinausbiegen aus bem zertrümmerten Führerstanb solange dem gefährlichen Dampf zu entziehen, bis ihm durch den Eisenbahnbeamten Schäfer Hilfe wurde. Dieser befreite den Schwerverletzten aus seiner entsetzlichen Lage. Einige Minuten später — und auch dieser Nkann hätte sein Leben verloren. <2>ie Unfall stelle läßt deutlich erkennen, mit welcher Kraft der Anprall des Zuges auf ben Prellbock vor sich gegangen ist Letzterer hat stand gehalten, wenn auch bie borberen Lager sich aus der Erde gehoben haben. Hätte der Prellbock den Anprall nicht ausgehalten, so wäre der Zug unfehlbar die Böschung hinuntergefahren und das Unheil wäre vielleicht noch größer geworden. Die Vorderräder der Lokomotive schweben frei in der Luft, das tgmue Vorderteil der Lokomotive hat sich dementsprechend gehoben. Der Führerstand ist vollständig zertrümmert. Die Dampfleitungsrohre sind zerrissen und ragen in die Luft. Die Armaturen und Hebelvorrichtungen sind zerstört, die Puffer abgerissen usw. Äe Beschädigungen des Güterwagens sind weniger groß. Erstaunlich bleibt die Kraft des Puffers, der die große Last aufgehalten hat. Aerztliche Hilfe war schnell zur Stelle. Heipt, beft bei Besinnung war, erhielt einen Notverband und wurde nach dem städtischen Krankenhause gebracht. Die Leiche des verunglückten Beizers beförderte man nach dem Frankfurter Friedhöfe. Ter getötete Lokomotivheizer Johann Bischof ist 1875 zu Worms geboren, verheiratet, wohnhaft dcchier Eberstraße 9. Beibe Männer gelten als zuverlässige, pflichtgetreue Eisenbahnbeamte, sie erfreuen sich in ihren Kollegen- treisen großer Beliebtheit. Es mag hierbei bemerkt sein, baß Führer unb Heizer in Erkenntnis ber großen Gefahr burch Kontrebampf unb Bremsen ben Zug zum Stehen bringen wollten, leiber war bies nicht möglich da die nach drückende Last zu groß war. Die nUtersuchung i»st einge» lettet worden.


