Ausgabe 
9.7.1902 Zweites Blatt
 
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. Verwlschtes.

> '» Graf Pückler imb sein Wirt. Graf Mckter Hat bekanntlich in seiner am 6. Juni in Berlin gehaltenen Rede einen Gastwirt in einem Orte bei Basel des Gift- Mordversuchs gegen ihn beschuldigt. Wie demNieder- schles. Anz." aus Basel gemeldet wird, handelt es sich dabei nm den Wirt des GasthofsZum Löwen" in Hauptwerk, 'Jean Etter, der sich des besten Rufes erfreut. Dieser will den Grasen Pückler wegen Verleumderrscher Beleidigung zur Rechenschaft ziehen.

* Liebesaffaire. Dor drei Jahren lernte ein Student in München ein Mädchen kennen, das da- Wals Kellnerin war, und veranlaßte es, seine Stellung aufzugeben und mit ihm ein Verhältnis anzuknüpfen. Nach drerviertel Jahren kam es zu Zerwürfnissen, die allmählich zum Bruch führten. Später wurden von feite des Mäd­chens wiederholt Versuche gemacht, die alten Beziehungen wieder herzustellen, und ein solcher Versuch führte zum tragischen Ende. Als nämlich der Student dieser Tage gegen 12 Uhr nach seiner Wohnung ging, erwartete ihn das Mädchen mit der Bitte, es zu einer Unterredung ein­zulassen, über deren Inhalt es aus der Straße keine Aus­kunft erteilen wollte. Als ihm der Einlaß aufs Entschie­denste mehrmals verweigert worden war und es sah, daß es seine Absicht nicht durchsetzen könne, brachte es sich kurz hintereinander drei Schüsse in die Herzgegend bei, tat deren Folgen es wenige Sekunden darauf starb. Das Mädchen stand anfangs der 20 er Jahre.

*DasKrönungsdiner" der Armenin Lon- 6 0 tl Das Mahl, das der König für die Armen anläßlich seiner Lrönungsfeier geplant hatte, fand, wie es auch nach dem Krönungsaufschub vom König gewünscht war, am letzten ^cünstag statt. Jeder Arme, der eine Pfründe von Seite einer tzwafschaftsverwaltung, wo immer im vereinigten Königreiche genießt, war an diesem Tage Gast des Königs -Eduard VIL Die Abspeisung wurde an verschiedenen Punkten der Stadt vorgenommen Im Park des Bischofs von London waren durch 2i/2 Meilen Tische mit 5 Mellen Banken er­richtet, um 14 000 Personen an einem Orte zu speisen. In Islington faßte eine Halle 10000 Personen. Obwohl für Arme bestllnmt, fehlte den Veranstaltungen jeglicher Cha­rakter eines Almosens, und die Anwesenden wurden förm­lich als Ehrengäste des Königs behandelt. Geistliche und Damen der Gesellschaft arbelleten als Kellner, und Militär war mancherorts als Ehrenwache aufgezogen Sv in Is­lington 200 Indier. Der König sendete eine Botschaft, worin er bedauerte, seine Gäste nicht persönlich, besuchen zu können und seine Familienmitglieder als seine Vertreter bezeichnete. Die Prinzessinnen mit ihren Gemahlen besuchten die größten Versammlungen, lleberall hatten freiwillige Helfer die Tische festlich mit Blumen dekoriert, und zahlreiche Firmen spendeten Delikatessen zum Festmahle, das der König be­zahlte. Die Brauerei Baß spendete 3000 Faß Bier zum Schrecken der Temperenzlerführer. Alle Artistin Londons und Künstler, wie die Opernsängerin Marie Brema (die u a in den Bayreuther Festspielen schon öfter erste Rollen dargestellt) wirkten gleich! den Gesangvereinen und zahl­reichen Dilettanten mit, um überall nach dem Essen ein Konzert zu veranstalten. Jeder Gast erhielt einen irdenen Becher mit dem Bildnis des Königspaares als Andenken. Mll Begeisterung wurde das Bulletin des Tages vernommen, welches die Fortschritte im Befinden des Königs alsfort­dauernd in jeder Hinsicht befriedigend" bezeichnete. Beim Bankett in der City erschien u a eine 92jährige Greisin, Witwe eines angesehenen Bankiers- der bei einem Kurs­sturz sein Vermögen verloren und den Tod in der Themse gefunden. Sie erschien, geführt von ihren Urenkellind erpr. Die Frau trug ein schwarzes Seidenkleid nach uraltem Schnitte, wohl der letzte Rest ihrer einstigen Toilette. Der Lordmayor reichte ihr den Arßn und geleitete sie nun an ihren Platz. Aldermen führten die welleren ältesten Frauen. Der älteste Mann, der unter Vorantritt von sahnen schwin­gend en Knaben in Matros en gewändern die Reihe der männ­lichen Gäste eröffnete, war ein Greis von 98 fahren, der auf einen Stock gestützt, doch sonst ziemlich rüstig einher­schritt. Die Ladymayoreß geleitete ihn in die Halle, die sich alsbald füllte. Der Lordmayor in Amtstracht brächte der ältesten Frau den ersten Gang, seine Gattin dem ältesten Manne, damit lvar das Diner eröffnet- Abwechselnd mit der Blechmusiktapelle spielle ein Streichorchester, aus 180 Musikern bestehend. Im ganzen wurden in London (in allen Grafschastsviertein der Stadt zusammen) etwa eine halbe Million armer Leute gespeist. Hierzu wurden folgende Roh­materialien gebraucht: Zwanzig Tonnen Kartoffel, eine Viertelmlllion Pfund Fleisch, 12o000 Pfund Brot, 560 000 Pakete Schokolade, 2000 Pfund Senf, 2500 Zentner Pudding, 36 000 Gallonen Bier, 320 000 Flaschen Limonaden und 1100 Pfund Salz. Das Menu bestand aus sieben Gängen und erhielten die Gäste Bier oder moussierendes Wasser nad). BeliAen. Die Puddings waren nach dem Rezept bereitet, das noch von der Krönung Georgs IV. her stammt, sie ei> forderten 45 000 Pfund Mehl, 50 000 Pfund Rosinen und eine Viertelmillion Eier, lieber 21/2 Millionen Teller dienten zur Servierung des Mahles, das dem König 600 000 Mark kostet.

Unioersttäts Nachrichten.

DerReichsanzeiger" veröffentlicht die Ernennung des bis­herigen cr-o. Professors an der Universität Tübingen Dr. Theod. Paul zum Direktor des Kaiser!. Gesundheitsapttes.

Gerichtssaal.

M. Gießen, 8. Juli. S t r a f k a in me r. Den Vorsitz führte Landgerichtsdirektor Dr. Güngerich, die Anklagebehörde vertrat Gerichtsaffeffor Dr. Hetzel. Als einziger Verhandlungsgegenstand steht die Strafsache gegen den Heilkundig e n H e i n r r d) H a u g aus Bissingen in Baden wegen Betrugs im Rückfall und Urkunden­fälschung an. Aus seinem abenteuerlichen Vorleben werden folgende Feststellungen gemacht. Der Angeklagte ist im Jahre 1865 als L-ohn eines erzbischöflichen Revisors geboren. Er hat verschiedene Ele­mentarschulen und Gymnasien besucht, jedoch weder die Be­rechtigung als Einjährig-Freiwilliger noch das Reifezeugnis erlangt. Kurz nach seiner Einziehung entfernt er sich ohne Erlaubnis von seinem Truppenteil und wird deshalb disziplinarisch bestraft. Einige Zeü danach wird er fahnenflüchtig unter Mitnahme fremder Uni» sormstücke. Anläßlich eines Zechbetrugs erfolgt seine Festnahme, bei der er sich dem Gendarmen gegenüber als Lieutenant .pthtg ausgiebt, und die zwangsweise Zurückführung zu feinem Truppen­teil. Wegen Desertion wird er kriegsgerichtlich nut 9 Monaten Gefängnis bestraft, nack) teilweiser Strafverbüßung anläßlich des Regierungsantritts des Kaisers Friedrich jedock) begnadigt. Nach feiner Militärzeit geht der Angeklagte zur Universität,, wird in Freiburg immatrikuliert und besucht dort sowie in Tübingen und Würzburg medizinische Kollegien. Nach etwa siebensemestrigem Studium läßt er sich in Stuttgart nieder und gründet doft unter dem NamenDr. med. Haug" eine Heilanstalt für medizinische Bäder. Wegen unberechtigter Führung des Arzt-Ettels wird er vom Amtsgericht Stuttgart mit einem Strafbefehl von 50 Mk. be= legt. Du das Unternehmen nicht reüssiert, verläßt er Stuttgart

Telephonischer Kursbericht.

Frankfurt a. 31., 9. Juli 1902.

372% Reiohsanleihe . . 102.30

30/0 do. ... 92.90 3V,o/o Konsole .... 102.30 30/0 do 92.40

372% Hessen .... 100.40 371% Oberhessen . . . 99.35 4% Oesterr. Goldretne . . 103.10 472% Oesterr. Silberrente 101.80 4% Ungar. Goldrente . . 102.30 4% Italien. Rente . . . 103.25 47, % Portugiesen . . . 47.10 ü°l. Portugiesen 29.30 1% C. Türken ....

Türkenlose 111.50 4% Griech. Monopol.-Anl. 43.10 47,56 äussere Argentiner.

3% Mexikaner .... 26.30* 47s7o Chinesen .... 91.20, Electric. Scbuckort . . . 103.85 Nordd. Lloyd . . . ..

Kreditaktien .... 210.50 Diskonto-Kommandit. . . 184.30 Darmstädter Bank . » . 137.30 Dresdener Bank .... 144.90 Berliner Handelsges. . . 156.00 Oesterr. Staatsbahn . . . 149.30 Lombarden .... 117.50 Gotthardbahn .... 167.70 Laurahütte 198.75 Bochum . ..... 190.00 Harpener 169.50

Tendenz: schwach.

zeigte sich auf dem Bankenmarkte.

teile anziehen.

Hagener Gußstahlwerke verteilen für das abgelaufene Geschäftsjahr wieder keine Dividende.

Die Ledergroßhaudlung H. Hoffmeister iu Heidelberg ist iu Zahlungsstockung geraten.

Die Balleudarcr Fabrik feuerfester uud säurefester Produkte uud die Aktiengesellschaft für Glasindustrie vor­mals Friedrich Siemens iu Dresden. Anläßlich der jetzigen Einführung der neuen eine Million Mack Aktien und 6 Millionen Mark 4l 2prod. Obligationen der Dresdner Aküen-Gefellschaft für Glasindustrie wird gemeldet: Die neuen Aktien, durch deren Aus­gabe sich das Grundkapital der Gesellschaft um 10 Mill. Mark er­höht, sind durch Beschluß der Generalversammlung vorn 30. Dez. v. 3S. geschaffen worden, sie wurden bekanntlich der Konkursver- waltung der Fabrik feuerfester und säurefester Produkte zu Vallen­dar zum Emrssionskurfe von 115 Prozent überlassen, von welcher sie ein Banttonsortimn zu 180 Proz. mit der Verpflichtung über­nahm, sie den alten Aktionären zu demselben Kurse zur Verfügung zu stellen. Auf Grund der in derselben Generalversammlung er­teilten Ermächtigung hat der Vorstand am 8. Jamurr er. von der Kontursverwaltung des genannten Unternehmens das gesamte zur Konkursmasse gehörige Grund- und Bergwerkseigentum nebst sämt- lichen Fabrcken und Baulichkeiten und allem Zubehör erworben. Dem Kaufpreis ist die von der Revisionskommission aufgestellte Schätzuiig von 6 484 000 Mark zu Grunde gelegt, worin jedoch der Wert der Vorräte nicht inbegriffen ist. Der Kaufpreis ist auf den aus der Uebernahme der neuen Aktien erwachsenen Gewinn von 650 000 Mark und auf weitere 5 600000 Mark festgesetzt worden. In Anrechnung auf den Kaufpreis hat die Aktiengesellschaft Friedr. Siemens die von der Fabrik feuerfester Produkte 1897 emittierten 4proz. Obligationen in Höhe von 2 Millionen und ebenso hat sie dre aus den Grundstücken der Fabrik für die Berliner Harrdels-Ge-

15. d. M. ab fällig werden, werden von jetzt ab von der Reichs­bank angekauft. Sie find an die Reichsbank-Nebenstelle zu Pirna zu girrren.

Frankfurter Börse. Auch der heutige Geschäftsverkehr zeichnete sich durch Unlust und Trägheit aus. Nachrichten, die als Anregung dienen sollten, lagen nicht vor. Wenig Veränderung u igte sich auf dem Bankenmarkte. Kreditaktien konnten sich heute gut behaupten und sogar eine Besserung erzielen. Im Vergleiche zu gestern blieben die Kurse der übrigen Sanfen unverändert. Größere Umsätze am Montanmarkt fanden nicht stakt und zeigen die Nokirungen keine nennenswerte Veränderungen. Feste Haltung zeigten Eisenbahnaktien, besonders Oesterr. Staatsbahn, Lombarden, Henry-Bahnen sonst wenig verändert. Deutsche Fonds recht fest. Für Serben bestand Nachfrage und konnte der Kurs einige Bruch-

sellschaft und die Bergisch-Märkische Bank eingetrageneSichermrrS^ Hypothek von 3 300 000 Mark und weiter eine Grundschuld von 200 000 Mark, welche dem Halle'schen Bankverein und der Bank für Rheinland und Westfalen verpfändet war, als persönliche Schuldnerin übernommen. Um diese übernommenen Verpflich­tungen abzustoßen und um sich die zur Einrichtung und Fortfüh­rung der erworbenen Werke notwendigen Mittel zu beschaffen, hat die Verwaltung die jetzt an der Berliner Börfe zur Einführung gelangende Anleihe von 6 Mill. Mk. ausgenommen.

Personaluachrichteu. Der Teilhaber der Bankfirma tUK mann u. Una in Franfurt a. M., Herr Eugen Ullmann ift gestorben. Die Firma Conrad Kißler Wtw^ Wein- Liqueurgroßhandlung in D a r m st a d t ist auf Alfr. Hammer und Ernst Heil übergegangen, welche das Geschäft unter der Firma Alfred Hammer u. Heil vormals E, Kißler Wwe/ fortführen. .

Neueste Meldungen.

Originaldrahtmelduugen des Gießener Anzeigers.

Limburg, 9. Juli. Die Königin der Nieder^ lande wird mit ihrem heute abend in Schaumburg ein-- treffenden Gemahl voraussichtlich am 16. Juli direkt nach Holland zurückkehren.

Kiel, 9. Juli Der Chef-Jngenieur de r fra^ zösischen Marine und der General-Ingenieur General- oe Angelo besichtigten gestern die Anlagen und Neubauten auf der Kaiserwerft. ;

Straßburg, 9. Juki. In Bischweiler raufet seit heute morgen in dem Lagerhause der Jute-Spinnerei und Weberei ein großes Schadenfeuer. Die vernichteten Be­stände an Rohmaterialien werden auf ca. eine halbe Million Mark geschätzt. Eine Abteilung der Straßburger Feuerwehr weilt an der Brandstätte.

Loudon, 9. Juli. Aus Portsmouth wird gemeldet, daß gestern schleunic>N mit der Jnftandsetzun g der königlichen AacytViktoria and Albers" für die Kreuzfahrt des Königs begonnen sei W wurde eine neue Dynamo-Maschine an Bord gebracht, da die alte den Boden des königlichen Salons in starke Vibration zu versetzen pflegte, was bei dem jetzigen Zustande des Königs vermieden werden muß. Die Dacht verladet auch Kohlen, und die oberen Verdecke werden gestrichen. Säe soll (Ärde der Woche für die Ankunft des Königs in Bereitschaft ge­halten werden, doch ist noch unbekannt, wann er an Bord kommen wird. Die Verwundung des Kolonial» m i n i st e r s war doch ernster, als anfänglich angenom­men wurde. Die Besorgnis der Aerzte richtet sich eines Teiles darauf, daß die Wunde septisch werdet könnte, was sich erst in den nächsten zwei bis drei Tagen entscheiden dürfte, sowie aus die Folgen des Wundschrecks und des Blutverlustes. Es liegen jedoch^ wie von den Krankenhans- behörden erklärt wird, bisher keine Symptome bedenklicher Art vor. Vielmehr sei der Minister auch gestern abemd bei guter Stimmung gewesen und sein Befinden normal.

London, 9. Juli. General Dera et erhielt ein An­gebot von 250 Pfund Sterling pro Woche und freie Reise, wenn er in Australien ein Vorlesnugs-Tournö'e unternehmen wolle.

London, 9. Juli. Die ständige englische Gar­nison, die in Südafrika verbleiben wird, soll 5OOOO- Mann der verschiedensten Waffengattungen umfaffen. Ferner soll durch alle Mittel die Ansiedelung von Reservisten und verabschiedeten Soldaten in dem annektierten Gebiete ge­fördert werden, damit falls dies notwendig werden sollte, so­fort eine allgemeine Mobilmachung erfolgen könne.

London, 9. Juli. Einer Meldung aus Panama zra folge erhielt die dortige Regierung ein Telegramm aus Rogota, worin mitgeteilt wird, daß mehrere Generale in Begleitung des einflußreichen liberalen Führers Marin chre Unterwerfung angeboten haben, nachdem ihnen von feiten der Regierung Garantieen gewährleistet wurden. General Destaeas schlug eine Truppe liberaler Aufständischer unter dem Befehl des Generals Menoz, wobei 2000 Aufständische getötet und verwundet wurden.

London, 9. Juli. Reuter meldet aus Johannes­burg, der gegenwärtige Stand der Frage der Ginge- bor en en ar beit verursacht zweifellos große Schwierig-, feit. Die Vereinigung der Eingeborenenarbeiter ist zurzeit außer Stande, mehr zu chun, als sich mit dem monatlichen Ausfall an Arbeitskräften nach Möglichkeit abzusinden. Das Arbeiterangebot nimmt nicht zu. Das Geschäft kann sich nicht recht entwickeln. Die Schwierigkeit kann vielleicht zeitweilig dadurch gelöst werden, daß man den Eingeborenen höhere Löhne für Stückarbeit zahlt und an die Stelle der Eingeborenenarbeit minderwertige Arbeit von Weißen treten läßt, welche gerade gegenwärtig den Markt über­schwemmt und denselben in kurzer Zeit völlig an si-ch reißen dürfte. Ein anderer Ausweg besteht in der Be­schäftigung ausländischer Arbeiter. Jedoch ist Neigung vor­handen, diese Maßregel zu vermeiden, welche nur als letztes. Hilfsmittel angesehen wird.

Wien, 9. Juli. Auf der Station Klausen der Mödlitzer elektrischen Bahn entgleisten infolge falscher Weichensiellung zwei Züge, wobei zahlreiche Passagiere verletzt und ein Motorwagen zertrümmert wurde.

Klagenfurth, 9. Juli. Der große Marktflecken Cotschach im Gailthale steht in Flam men. Der halbe Ort ist bereits niedergebrannt.

New York, 9. Juli. General Lee veröffentlicht di-e Erklärung, daß Kuba an der Schwelle der Anarchie- stehe. Zunächst sei ein finanzieller Zusammen­bruch zu befürchten, weil Kubas Einnahmen allein aus den Zöllen kommen, letztere aber, seitdem die Amerikaner die Insel verließen, stark im Abnahmen begriffen seien. Ferner ständen )d)limme Unruhen von feiten der Reger bevor. Dazu käme das Schüren der Politiker gegen den Präsidenten Palmas.

unb laßt sich als praktischer Arzt inMetzeralim Elsaß nieder. Dort erwirbt er rasck) eine große Praxis mtt ca. 600 Mk. Einkommen pro Monat. Er verlobt sich mit der Tochter eines Gymnasial« oirektors, wird jedoch infolge Eckundigungen, die der letztere ein­zieht, entlarvt und von der Strafkammer in Kolmar wegen un­befugter Führung des Arzt-Titels und wegen Uckundensälschung mit Gefängnis bestraft. Nebenbei sei erwähnt, daß der Angeklagte auf einer in diese Zeit fallenden Feier in der Uniform eines Stabs­arztes erschienen war. Er wird alsdann flüchtig, während über fein Vermögen der Konkurs verhängt wird. In der Folge erhält er vom Schöffengericht Münster eine zweimonatliche Gefängnis­straße wegen Betrugs, weil er den Konkursverwalter unter der Vorspiegelmig, er wolle Gläubiger befriedigen, zur Herausgabe von 200 Mk. aus der 5konkursmaffe veranlaßt, oas Geld jedoch für sich verbraucht hat. Nunmchr läßt sich der Angeklagte in der Schweiz als praktischer Arzt itieber und verheiratet sich im Jahre 1896. Im Jahre 1897 verläßt er seine Frau und begiebt sich nach Deutsch­land zurück, wo er zahlreiche Vertretungen von Ae^ten als Dr. med. Haug annimmt. In Bonn verlobt er sich während bestehender ©fje mit der Tocbter eines dorttgen, von ihm ver­tretenen Santtatsrates. Seine Ehe wird auf Antrag der Frau auf gründ dieser Thatsache geschieden. Auf eine anonyme Anzeige wird er enttarvt und flieht 1897 aus Bonn. Ein Jahr später wird er inKarls-- ruhe wegen verschiedener Betrügereien zu einer Gefängnisstrafe ver- uckeilt und alsbald nach Bonnüberfühck. Dock erhält er wegen Betrugs im Rückfall eine Zuchthausstrafe von 2 Jahren. Kaum entlaßen, lernt er auf der Babn eine junge Dame kennen, stellt sich als Dr. med. vor und verlobt sichln der Folgezett mit ihr. Unterdeffen war es ihm gelungen, in Ulrichstein die Vertretung eines bockigen Arztes zu erhallen, dem gegenüber er sich als Dr. med. Haag und als Schiffsar^t ausgiebt. Von Mär^ bis Dezember 1901 ist er in Ulrichstem vertretungsweise chätig, sich überall als Dr. Haag ein­führend, auch alle Schckftstücke und Rezepte mit diesem Namen unterschreibend. Es gelingt ihm in hohem Grade, das Vertrauen des von ihm veckretenen Arztes und dasjenige der Bevöllerung sich zu erwerben. In die Zeit dieses Aufenthalls in Ulrichstein fallen die ihm heute zur Last gelegten Straffälle. Während seiner Ver­lobung mit der oben erwähnten Dame hat er deren Vater zur Ausstellung zweier Wechsel von 300 bezw. 250 Mk. und eines Schuldscheines in Höhe von 1000 Mk. veranlaßt. Nur den erften Wechsel hat er eingelöst. Noch während diese Verlobung bestand, ging er eine neue ein stets als Dr. Haag und erbat und er­hielt von feiner neuen Braut ein Darlehen von 150 Alk., das bei feinem Weggang von Ulrichstein noch nicht zurückgezahlt war. Während des Bestehens beider Verlobungen ließ er, was nebenbei erwähnt fei, in einer Posener Zeitung eine Heirathscmzeige erschei­nen und versuchte zu der gleichen Zeit, mit einer anderen jungen Dame eine Bekanntschaft cmzuknüpten. Während feines Aufent­haltes in Ulrichstein kontrahierte er Schulden in Hohe von etwa 1000 Mack aus Darlehen, Einkäufen von Pretiosen, Bilderu, D!ö- bel und bergt, nicht nur in Ulrichstein und Umgebung, sondern auch in Breslau, Berlin, München und anderen Städten. Als er von dem Arzte in Ulrichstein auf Vorlegung eines Approbations­scheines gedrängt wurde, ließ er sich von der Gießener Unioersitäts- quästur die^Abfchckst eines Approbationsfcheines von einem Dr. Haag aus St. Goar aussertigen, sich selbst unter diesem Namen vorstellend. Das Mißtrauen gegen ihn erhielt jedoch neue Nahrung und die Gendarmerie begann auf ihn aufmerksam zu werden. Da, Alitte Dezember 1901, flüchtete Haag, unter Zurücklassung der er­wähnten Schulden. Er ergckff jedoch sofort eine Gelegeicheit, als Dr. Haag in Wohlbeck die Vertretung eines erkrankten Arztes zu übernehmen. Hier wurde ihm, da sein Verhallen Argwohn erregte, bald gekündigt Er begab sich nach^Köln, verübte dort eine Zech­prellerei und wurde schließlich in Mühlhäusen i. E. verhaftet, nach- oem er noch vorher m Konstanz sich eines Zechbetrugs und einer Unterschlagung schuldig gemacht hatte und nachdem er sich fast 3 Monate der steckbrieflichen Verfolgung der Staatsanwaltschaft in Gießen zu eittziehen gewußt hatte. Was die ärztliche Thätigkeit des Angeklagten anbelangt, so sprechen sich abgesehen von den Patienten die beiden von chnr vertretenen praktischen Aerzte über seinen Fleiß, sein Geschick in der Behandlung des Pubckums und seine erfolgreiche, die Praxis auf dem Stand haltende Thätig- kell höchst anerkennend aus, nur chirurgische Eingriffe seien schlecht arlsgesührt worden. Allerdings handelt es sich hierbei um erkrankte und iyfolgedeffen in der Kontrolle behinderte Aerzte. Auch ein Apotheker bekundet, daß die zahlreichen Rezepte des Angeklagten ämtlich sehr ordnungsgemäß und wiffenschastlich durchaus haltbar gewesen seien. Der Sachverständige, der den Angeklagten einer Prüfung unterzogen hatte, hält die Kenntnisse des Angeklagten insbesondere in der Anatomie und Physiologie für höchst minder­wertig und nicht einmal den Anforderungen genügend, die man an einen Studenten in vorgerücktem Semester stellen dürfe. Tas Percutieren und Auscultieren z. B. verstehe der Angeklagte durch­aus nicht; anderersetts besitze er eine sehr schocke Beobachtungs­gabe, eine große Intelligenz und eine erstarmlrche Fähigkeit zu re- zeptieren. Nachdem die Staatsanwaltschaft und die Veckeidigung chre Ausführungen gemacht, erstere 4 Jahre Zuch thaus, letz­tere Freispruch beantragt hatte, wurde die Verhandlung auf Mitt­woch vertagt.

Paris, 8. Juli. In Dieppe wurde ein Großkaufmann wegen Wuchers zu 3 Monaten Gefängnis und lOOOOFrs. Geldbuße verurteilt. Er hatte an den Grafen Sturdza für 700000 Frs. Waren verkauft und sich dafür Schuldscheine in Höhe von 1 200 000 Frs.^eben-lassem^

Handel und Verkehr. Dolkswirlschast.

Reichsbauk. Wechsel auf Copitz a. d. Elbe, welche vom