Statistik des Konfesfionswechsels in Deutschland und Oesterreich.
Die statistischen Mitteilungen der Eisenacher Kirchenkonferenz für Deutschland und Oesterreich für die Jahre 1880 bis 1899 zeigen, daß die Häufigkeit des Konfessionswechsels im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte stetig zugenommen hat. Der Uebertritt vom Katholizismus zum Protestantismus ist in stärkerer Progression gestiegen als der Uebergang voni Protestantismus zum Katholizismus. Die Statistik der wirklich erfolgten Uebertritte ergiebt für die Jahre 1890 bis
1899 für
Deutschland:
Zum Protestantismus Aus dem Protestantismus vom Katholizismus: zum Katholizismus:
1890 . . 3105 1890 . . 554,
1891 . . 3202 1891 . . 442
1892 . . 3342 1892 . . 550
1893 . . 3532 1893 . . 598
1894 . . 3821 1394 . . 659
1895 . . 3805 1895 . . 588
1896 . . 4366 1896 . . 664
1897 . . 4469 1897 . . 705
1898 . . 5176 1898 . . 699
1899 . . 5549 1899 . . 660
Oesterreich:
Zum Protestantismus
vom Katholizismus: Austritt aus der
Augsb. Helo. Augsb. Helv.
Kons. Kons. Kons. Kons.
1890 . . 620 379 1890 ... 302 210
1891
. . 740
364
1891 .
. . 419
242
1892
. . 597
424
1892 .
. , 377
219
1893
. . 798
510
1893 .
. . 426
264
1894
. . 755
424
1894 .
. . 406
273
1895
. . 757
410
1895 .
. . 473
258
1896
. . 947
464
1896 .
. . 495
273
1897
. . 927
431
1897 .
. . 469
287
1898
. . 1181
417
1898 .
. . 469
275
1899
. . 5886
506
1899 .
. . 499
286
Bei dieser Tabelle bleiben die Zahlen für Deutschland etwas hinter der Wirklichkeit zurück, da nicht alle Landeskirchen statistische Angaben geben, und nicht alle Austritte, '.besonders aus der evangelischen Kirche, zur amtlichen Kenntnis kommen. Für Oesterreich beträgt infolge der evangelischen Bewegung die Zahl der Austritte aus der katholischen Kirche Von 1898—1901 zusammen allein zirka 27 000 und die Zahl der Uebertritte davon zur evangelischen Kirche zirka 20 000. Letztere ist im beständigen Wachsen begriffen.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 8. April 1902.
**TagesordnungfürdieSitzungderStadt- Verordneten-Versammlung Donnerstag, den 10. April 1902, nachmittags 4 Uhr. 1. Mitteilungen. 2. Bau- gesuche der Baugenossenschaft des Evang. Arbeitervereins dahier für die Crednerstraße. 3. Desgl. für den Mittelweg. 4. Desgl. des Heinrich Arnold II. für die Marktstraße, hier: Dispens. 5. Desgl. des Philipp Hofmann für die Wetzstein- gasse; hier: Dispens. 6. Gesuch des H. Winn um Erlaubnis zur Erbauung eines Wohnhauses für Backsteinmacher am Wißmarerweg. 7. Verpachtung eines städtischen (ehemals Throm'schen) Ackers in der Nähe der Margarethenhütte an L. Seuling hier. 8. Bepflanzung der Wieseckböschung an der Alicestraße. 9. Gärtnerische Umgestaltung des Platzes an der Nordanlage zwischen Tamm- und Wetzsteinstraße. 10. Wiederherstellung der der Stadt gehörigen Theaterrequi- fiten. 11. Die Gießener Omnibusgesellschast. 12. Gesuch des Jean Brunner dahier um Erlaubnis zum Betriebe einer Gartenwirtschaft Ecke Ludwigsplatz und Löberstraße. 13. Revisionsbemerkungen zur Rechnung der Stadt Gießen pro 1899/1900. 14. Den Haushaltungsplan der Stadt Gießen pro 1902/03.
** Prüfung im Finanzfach. Trotzdem die Zulassung zur speziellen Prüfung der ersten Kategorie des Finanzfaches (sog. Revisorexamen) durch die im Jahre 1899 erlassene Verordnung bedeutend erschwert wurde, ist der Zudrang m diesem Fach unvermindert. Zu der Prüfung, die am Freitag in den Räumen der Technischen Hochschule begonnen hat, sind nicht weniger als 68 Kandidaten erschienen. Von diesen 68 sind allerdings am ersten Tage schon 6 wieder zurückgetreten. Die erwähnte 1899er Verordnung bestimmt, daß die Zulassung zur Prüfung erst erfolgen kann, nachdem der Kandidat nach einjährigem Besuch der Untersekunda einer höheren Lehranstalt durch eine Prüfung die Reife für Oberfekunda erworben, Währeno vorher die Schulkenntnisse auch auf anderem Wege erworben werden konnten.
** Ernennung. Der Gefangenwärter am Provinzialurresthaus in Gießen Stork wurde zum Gefangenaus- seher an dieser Anstalt mit Wirkung vom 9. April ernannt.
** Das Amtsb latt Nr. 4 des Ministeriums der Justiz vom 1. April enthält ein Ausschreiben an die Großh. Justizbehörden, betreffend die Zahl der zu wählenden Geschworenen und deren Verteilung auf die Amtsgerichts- Bezirke. — Nr. 5 desselben Amtsblattes hat zum Inhalt ein Ausschreiben an sämtliche Justizbehörden, betreffend die im Auslande zu erledigenden Ersuchungsschreiben der Justizbehörden, hier im Verkehr mit Oesterreich-Ungarn.
** Tas Regierungsblatt Nr. 17, ausgegeben am il. April d. I., enthält: 1) Gesetz, die Dampfkessel und Damps- .gefäße betreffend. Vom 26. März 1902. 2) Verordnung, die Dampfkessel betreffend. Vom 26. März 1902. — 3) Verordnung, betreffend die Abänderung der Verordnung, den Vollzug der Gewerbeordnung für das Deutsche Reich in der Fassung des Abänderungsgesetzes vom 30. Juni 1900 (Reichs- gesetzblatt S. 321 ff.) betreffend. Vom 26. März 1902. (Be- tnfft die entsprechende Abänderung der §§ 33, 34 und 37 der Vollzugsordnung zur Gewerbeordnung.) — 4) Bekanntmachung, die Veranlagung der direkten Staatssteuern für das Etatsjahr 1902—1903 betreffend. Vom 27. März 1902. — 5) Bekanntmachung, die Neugestaltung des Kassewesens betreffend. Vom 27. März 1902. — Nr. 18 des Regierungsblattes, ausgegeben am 2. April l. I., enthält: Bekanntmachung, die Verlegung der Bergwerksdirektion Grube „Ludwigshoffnung" von Friedberg nach Bad-Nauheim betreffend. Vom 26. März 1902.
**TerFischereivereinfürdasGroß Herzogtum Hessen hielt am Samstag unter dem Vorsitz des Vizepräsidenten Hartmann von Worms in Seligenstadt seine Generalversammlung ab. Ter Vorsitzende erörterte Zweck! »und Ziele des Vereins und forderte zum Beitritt auf. Ter Jahresbericht, den Forstassessor Gilm er erstattete, gab ein erfreuliches Bild von der Vereinsthätig- keit. Hervorgehoben j'ei, daß eine Reihe von Anträgen und Wünschen seitens der Staatsregierung wohlwollendes Entgegenkommen fand und über einige noch Erhebungen statt- finben. Für das Aussetzen von Krebsen, Karpfen, Zandern ufto. wurden 2000 Mr. verausgabt. Sehr gelitten chat der
Krebsbestand im Weschnitz gebiete durch das Wüten der Krebspest, weshalb dort 34i/2 Pfund Krebse ausgesetzt werden sollen. Die Einnahmen des letzten Jahres betrugen 7708 Mark, die Ausgaben 6980 Mk. Vom Reiche sollen für das Jahr 1903 weitere 1000 Mk. Unterstützung erbeten werden. Bewilligt werden für das Ausfetzen von Krebsen im Wesch- nitz-Gebiet, namentlich im Mumbach, 200 Mk., für Karpfen und Schleien im Rhein 800 Mk. und im Main 600 Mk. Der Pächter des Fischfanges im Weschnitzgebiet verpflichtete sich zu einer mindestens fünfjährigen Schonzeit der Krebse.. Den Bahncnbauten an den Flüssen wird in Zukunft erhöhte Aufmerksamkeit. gewidmet werden. Der Regierung sollen eine Reihe von Wünschen zur eventuellen gesetzlichen Regelung unterbreitet werden, und zwar wurde in erster Linie ein Verbot des Freiangelns erstrebt, ferner die Erlaubnis zur ev. Tötung von Störchen, da diese ganz gefährliche Fischräuber seien. Ferner wird gewünscht, daß Enten zur Zeit des Leichens der Forellen nicht in offene Gewässer gelassen werden und die Schonzeit für Forellen bis zum 1. März ausgedehnt wird. Die nächste Generalversammlung soll, der „D. Ztg." zufolge, in Bensheim stattfinden. Die äußerst anregend verlaufene Versammlung hatte den Erfolg, daß eine stattliche Anzahl der Anwesenden sich zum Beitritt entschloß.
** Die Fürsorge für die konfirmierte Jugend ist feit vielen Jahren bei allen Volksfreunden ein Gegenstand ernstester Erwägung. Wird doch nur einem geringen Bruchteile aller Neukcmsirmierten das Glück zu teil, auch weiterhin im Elternhause verbleiben zu können, wo in Vater und Mutter mit alter Treue wachen und sorgen. Tie meisten Kinder, denn das sind ja im Grunde genommen noch alle diese „Jünglinge" und „Jungfrauen", bekommen bereits den ganzen Ernst des Lebens da „draußen" zu sehen; sie kommen unter fremde Leute und fremde Verhältnisse, und da liegt die Gefahr naturgemäß nahe, daß das kindliche, eben noch in Schule und Konsirmandenunterricht und nicht zuletzt vielleicht im Hause gepflegte Gemütsleben verkümmere oder durch schlechtes Beispiel direkt gestört werde. Möchten doch alle Lehrherren und Tienstherrschaften bedenken, daß so ein junges Menschenkind auch gerade sittlich weiter erzogen werden muß, wenn anders es einmal seinen Platz innerhalb der menschlichen Gesellschaft ordentlich ausfüllen soll. Die obrigkeitlichen Bestimmungen (man vergleiche die Regulative für Tanz und öffentliche Lustbarkeiten!), sie allein thun es noch nicht. Man zeige dem Kinde auch im fremden Hause die wohlthuende Macht eines Familienlebens und man lasse es soviel wie möglich daran teilnehmen. Jedenfalls hängt von der rechten Bewahrung der konfirmierten Jugend ein gutes Stück der Zukunft unseres Volkes ab, und schon deshalb muß diese schwierige Erziehungsfrage immer vollkommener gelöst werden!
** Tie Einführung der verlängerten Gilti gkeitsd auer der Rückfahrkarten hat die Eisenbahn-Verwaltung jetzt wieder, wie schon öfters, zu einer Verschärfung der Prüfung der Karten genötigt. Eine Kontrolle über den Beginn und die Ausführung der Reise war nur noch auf Grund der Tatumprägung der Lochzangen auszuüben. Ta jedoch diese Prägungen nicht immer deutlich genug ausfallen, so ist die Möglichkeit einer wiederholten Benutzung ein und derselben Rückfahrkarte zur Hinfahrt nicht ausgeschlossen. Häufige Betrügereien dieser Art haben daher eine Anzahl von preußischen Eisenbahndirektionen neuerdings zu der Anordnung veranlaßt, daß versuchsweise bis auf weiteres sämtliche Rückfahrkarten, also auch die Blankorückfahrkarten, nach ausgeführter Hinfahrt aus der Zielstation vom Bahnsteigschaffner nochmals an auffälliger Stelle durch locht und aus diese Weise für die Hinreise entwertet werden. Auf den Strecken ohne Bahnsteigsperre soll die zweite Durchlochung von Rückfahrkarten durch die Zugschaffner auf der Zielstation vorgelegenen Stationen ausgeführt werden. Im Zusammenhang mit der Steigerung der Betrügereien seit Einführung der 45tägigen Rückfahrkarten steht wohl auch eine eben erschienene neue Bestimmung über die Benutzbarkeit der Bahnsteigkarten. Danach ist die Giltigkeit der Bahnsteigkarten allgemein aus den Kalendertag beschränkt, an welchem die Karte benutzt und vom Bahnsteigschaffner mit der Lochzange entwertet wird. Tie zwischen 11 und 12 Uhr nachts zum Betreten des Bahnsteigs entwerteten Bahnsteigkarten gelten zum Wiederverlassen des Bahnsteigs noch am folgenden Tage. Die letzterwähnten Karten werden aber durch zweimalige Lochung besonders gekennzeichnet. Vorläufig werden die bisherigen Bahnsteigkarten weiter verwendet werden, in nächster Zeit kommen indes neue Bahnsteigkarten zur Ausgabe, denen ein Vermerk über die Geltungsdauer ausgedruckt ist. Wer den Bahnsteig mit ungiltiger Bahnsteigkarte betritt oder verläßt, hat, falls nicht etwa gegen ihn wegen Betruges einzuschreiten ist, den im Paragraphen 21 Absatz 5 der Eisenbahn-Verkehrs-Ordnung festgesetzten Betrag von einer Mark verwirkt. Bei der Entdeckung derartiger Unregelmäßigkeiten wird, wie die königliche Eisenbahndirektion bekannt giebt, künftig genau untersucht werden, ob etwa der Betreffende sich auch einer Fahrgeldhinterziehung schuldig gemacht hat. In jedem Falle wird die Persönlichkeit des Betreffenden festgestellt und die Angelegenheit behördlich weiter verfolgt werden.
** Bauernregel für den Monat April. Wenn der April bläst in sein Horn, so steht es gut um Heu und Korn. — Wenn der April Spektakel macht, giebt's Heu und Korn in voller Pracht. — Aprilen-Regen bringt stets uns Segen. — April kann rasen, nur der Mai hat Maßen. — Frösche zu Anfang April, bringt der Teufel ins Spiel. — Maikäfer, die im April schwirren, müssen im Mai erfrieren. — April dürre, macht die Hoffnung irre. — Nasser April verspricht der Früchte viel. — Der dürre trockne April ist nicht der Bauern Will', aber des Aprilen Regen ist ihnen gar gelegen. — Sind die Reben um Georgi noch blind, so erfreut sich Mann und Kind. — Bläst der April mit beiden Backen, giebt's genug zu jäten und zu hacken. — Heller Mondschein in der April- nacht schadet leicht der Bäume Blütenpracht. — Ter April ist ein Freiherr, er giebt Regen und Schnee her. Sei der April auch noch so gut, er schickt dem Schäfer Schnee auf den Hut. — April hat seine dummen Mucken, er will, daß die Bauern nach dem Wetter gucken. — Sankt George (23.) und St. Marcs (25.), die drohen uns viel Args. — So lange die Frösche vor Marci geigen, so lange müssen sie nach Marci schweigen. — Ist Ambrosius (4.) schön und rein, wird St. Florian (4. Mai) dann wilder sein. — Bleibt der Älpril recht sonnig warm, macht es den Bauer auch nicht arm. — Gedeiht die Schnecke und die Nessel, füllt sich Speicher und Fässel. — Ist der April sehr trocken, geht dann der Sommer nicht auf Socken. — Menn die Grasmücken fleißig singen, werden sie zeitigen Lenz uns bringen. —» Bauen im April schon Schwalben, giebt's viel Futter, Korn und Kalben. — Jetzt muß der Hollunder munter sprossen, sonst wird des Bauern Mien' verdrossen. — Kommt Aprilstunn schon Btt Zeiten, ijt
das Ende wohl zu leiden. — Je früher im April der Schlehdorn blüht, desto früher der Schnitter zur Ernte zieht. — Tes Aprils Lachen verdirbt des Landmanns Sachen. — Besser Wassersnot im April, als der Mäuse lustiges Spiel!
? Ruppertsburg bei Laubach, 7. April. Die hiesige zweite Schulstelle wurde dem Lehrer Eichelmann aus Groß-Eichen definitiv übertragen. Der seitherige Verwalter dieser Stelle Land mann aus Staufenberg wurde in gleicher Eigenschaft nach Neu-Isenburg versetzt.
G. Groß-Felda, 7. April. Dieser Tage wurde hier während der Nacht im Laden des Gastwirts und Kaufmanns Weisenbach eingebrochen und die Kasse mit mehreren- hundert Mark gestohlen. Der Dieb erbrach eine vor dem Haus angebrachte Fallthür, die verschlossen gewesen war, und gelangte dadurch in den Keller. Durch eine zweite Fallthür stieg er in den Laden. Man fand hier eine Menge angebrannter Streichhölzer. Der Diebstahl konnte nur non; jemand ausgeführt werden, der mit den häuslichen Verhältnissen vertraut war.' Anzeige wurde erstattet.
§ Ruppertenrod, 7. Llpril. Hier konnten - heute die Lehrer den Unterricht in den beiden Schullkassen nicht beginnen, da mehr als zwei Drittel der Schüler an ben Masern darniederliegen. Die Epidemie ist von Ober- Ohmen her weitergeschritten.
8. Ober-Ohmen, 7. April. Bei der hiesigen Beigeordnetenwahl wurde der Sohn des seitherigen Beigeordneten, Karl Gemmer, mit mehr als 40 Stimmen zum Beigeordneten gewählt. Der Gegenkandidat erhielt über 30 Stimmen.
△ Ermenrod, 7. April. Der hiesige LandwirtH. entleibte sich in seinem Wohnzimmer durch einen Schuß in den Mund, den er mittels eines neuen, mit Schrot geladenen Terzerols abgefeuert. Vor der That hatte sich der Mann mit frischer Leibwäsche versehen und feinen schwarzen Anzug cm-' gelegt. Von seiner Frau, die übrigens getrennt von ihm lebte, aber am Tage seines Abscheidens im Hause mit Kartoffelauslese beschäftigt war, hatte er Abschied mck den Worten genommen: „In diesem Leben sehen wir uns nicht mehr." Da er schon früher ähnliche Aeußerungen gethan, maß man seinen Worten keinen Glauben bei. Der Manr war psychisch und physisch in letzter Zeit zurückgekommen.
-g- Hainchen, 6. April. Der 21 Jahre alte Taglöhner Wilhelm Hinkel von hier machte am 5. d. Mts., abends gegen 7 Uhr, seinem Leben durch Erhängen ein Ende. Die That scheint in einem plötzlich eingetretenen Anfall geistiger Störung vollbracht worden zu sein, da nicht der geringste äußere Anlaß dazu vorlag und der Verstorbene, der zwar von etwas scheuem und zurückgezogenen, aber sehr gutmütigen Wesen war, vorher auch nicht die Absicht eines Selbstmordes geäußert hatte und noch bis eine Stunde vorher in gewohnter Weise seiner Arbeit nachgegangen war. Die Leiche wurde nach Gießen in die Anatomie verbracht.' Dur m st ad t, 7. April. Von einer hiesigen Kunstfreundin ist der Direktion des Ho f th e a t e r s die Summe von 1000 0 Mark zur Verfügung gestellt worden u t wt Bestimmung, daß die Zinsen dieses Kapitals bei der alljährlichen Vorstellung zum Besten des Großh. Hoftheaterchors zur Verteilung gelangen sollen. Es tff dies die erste Sttstung, die dem vielbeschäftigten Chorpersonal unseres Hoftheaters zu teil wird.
t. Wind ecken (Kr. Hanau), 7. April. Das, wie wir seinerzeit berichteten, seit Anfang Januar von hier verschollene Mädchen wurde erst vor wenigen Tagen kurz vor Büdesheim aus der Nidder geländet, wo es an einem Busch im Wasser festhing. Es dürste also mit Sicherheit anzunehmen sein, daß.das Mädchen den Rückweg von hier nach Büdesheim, wo es diente, bei der im Winter in den frühen Morgenstunden herrschenden Dunkelheit verfehlt hat und in den Fluß gekommen ist.
Die Agmrzölle i» der Zolltarisvorlage
behandelt der bekannte National-Oekonom Professor Corr r ad-Halle im letzten Bande feiner Jahrbücher. Er geht aus von einer kurzen Kritik der Begründung, die er als „außerordentlich dürftig" bezeichnet, wenn er auch zugiebt, daß die wissenschaftliche Untersuchung eine bessere Beachtung gefunden habe, als int Jahre 1879.
„Tie thörichten Schlagworte und die wüste Agitations- Hetze des Extremagrariertums sind Gott sei Dank von der Regierung beiseite gelassen worden. Vor allem ist es wichtig, hervorzuheben, daß die Vertreter der Regierung rückhaltlos anerkennen: Deutschland kann die Zufuhr an Getreide nicht entbehren; die Landwirtschaft ist nicht int stände, das zu liefern, was die Bevölkerung braucht.
Jedoch vermißt er den Beweis für die Notwendigkeit, die Getreidezölle zu erhöhen:
„Vor allen Dingen ist festzustellen, daß es nicht Sache der Gegner der Agrarzölle ist, den Nachweis zu führen, daß dieselben nicht notwendig sind, sondern umgekehrt, Sache der Regierung und ihrer Anhänger, die unbedingte Notwendigkeit zu beweisen."
Er steht aus! -dem Boden der Theorie von Friedrich' List, der die Zölle nur als Erziehungszölle gelten lassenwill, und weist den Anspruch durch die Getreidezölle eine Wiederherstellung der Preise der siebziger Jahve erzielen,' zu wollen, zurück:
„Ter große Fehler der Landwirtschaft lag, wie oft erwähnt, darin, anzunehmen, daß Diefe Preisentwicklung so weiter gehen werde, während jeder, der die Verhältnisse überschaut, sich sagen mußte, daß es sich hier nur um eine vorübergehende Erscheinung handeln könne. Wenn nun gar die Großgrundbesitzer verlangen, daß ihnen diese Preise nachhaltig garantiert werden sollen, weil sie sich damals einer unberechtigten Ueberspekulation überlassen haben, so ist das volkswirtschaftlich als absolut unwirt^ schastlich und unhaltbar zu bezeichnen; und nur zu erklären einmal, weil sie durch falsche Darstellungen der Preisentwicklung irre geleitet sind, dann, weil sie das Bewußtsein haben, die gesetzgeberische Thürklinke, wie sich Bismarck einmal ausdrückte, in der Hand zu haben und dieselbe nicht in dem allgemeinen volkswirtschaftlichen, sondern in ihrem persönlichen Interesse als Großgrundbescherklasse für sich ausnutzen zu wollen und, wie es scheint, zu können."
An der Hand statistischen Materials rechnet Prof. Conrad nach, daß von einer wesentlichen Verschlechterung der landwirtschaftlichen Lage an und für sich nicht die Rede sein könne, da die Grundstückspreise und Pachterträge gestiegen seien und andererseits ein erfreulicher Rückgang der Zwangsversteigerungen stattgefunden habe. Das Steigen der Grundstücks-Preise stehe in keinem Verhältnis zu dem der


