Ausgabe 
8.4.1902 Erstes Blatt
 
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Nr. 81 Erstes Blatt.

ISS. Jahrgang

Dienstag 8. April 1903

Erscheint tS-ktch außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt bte Siebener Familien- blätter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der B h l'schen Unwers.-Buch- u. Stein« druckeret (Pietsch Erbenl Redaktion, Expedition und Druckerei:

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger v

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

vezugSpretSr monatlich 7öPs., viertel^ jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen' monatlich 65 Pf.; durch! die Post Mk. 2.viertel jährt ausschl. Bestellg», Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis vormittags 10 Uhr.> Zeilenpreis: lokal 12P^ auswärts 20 Psg.

Verantwortlich: für den polil. u. allgem. Teil: P. Wtttko; für ,Stadl und Vanb' und ,Gerichtsfaal".R.Ditt- mann; für den An­zeigenteil: Hans Deck.

des Feldzuges an seine eigene Person, und als dienstthuender Flügeladjutant begleitete er das Hauptquartier auf dem Siegesmarsche über Gravelotte, Beaumont, Sedan bis vor die französische Hauptstadt. Er genoß das Vertrauen des Königs und Moltkes. Als im November 1870 an der Loire für die Armee des Prinzen Friedrich Karl und damit auch für die Cernierungstruppen vor Paris die Lage kritisch zu werden drohte und es darauf ankam, die Intentionen des großen Hauptquartiers dort zur Geltung zu bringen, wurde

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Graf Waldersee ui ^>pczia»uli,jiou z.u.i jungen O'twdrich Karl entsandt, und der etwas empfindliche Heerführer mag wohl zunächst diesen Delegierten als nicht besonders will­kommenen Gast empfangen haben. Sehr oald aber wußte er die Einsicht und den Beistand eines so vorzüglichen Kopses zu schätzen und erbat dann selbst vom König die Verlänger­ung des Kommandos des-Grasen Waldersee, der namentlich in der Schlacht bei Beaune la Rolande wertthäiig eingriss und dem Prinzen auch bei Orleans, Beaugeney uno Loigny zur Seite stand. Bei Beginn des Jahres 1871 wurde der junge Offizier zum Chef des Generalstabs des Großherzogs von Mecklenburg-Schwerin, der in der Normandie operierte, ernannt, und bei Le Mans und auf dem Zuge nach Rouen bewährte sich die Wahl. Seine Kenntnis der französischen Verhältnisse, seine Gewandtheit und sein repräsentatives und zielbewußtes Auftreten ließen den Fürsten Bismarck er­kennen, daß dieser Soldat die geeignete Persönlichkeit sei, die mit dem Friedensschluß wieder aufgenommenen diplo­matischen Beziehungen mit Frankreich als Geschäftsträger einzuleiten. Er erledigte diese Mission mit diplomatischer Feinheit und machte erst im August dem neuernannten Bot­schafter Grafen Arnim Platz.

Seinem militärischen Beruf zurückgegeben, stieg Graf Waldersee in schneller Folge vom Regimentskommandeur des Königs-Ulanen-Regiments zum General-Quartiermeister, in welcher Stellung er rechte yanb, Vertreter und Freund des greisen Moltke war und von diesem selbst als Nach­folger gewünscht und empfohlen wurde. Er wirkte dann auch als Chef des Generalstabes von August 1888 bis Februar 1891 im Geiste seines großen Vorgängers, und als ihn der Kaiser darauf zum Kommandeur des neunten Armeekorps ernannte, geschah das mit der Andeutung, daß General Graf Waldersee dazu berufen sei, im Kriegsfälle eine Armee zu führen. Diel Probe hierzu male Graf Waldersee bei den großen Kaisermanövern 1895 und 1896 in Pommern und in Schlesien, deren erstes ihm den Rang eines General- Obersten der Kavallerie eintrug, während nach dem zweiten er zum Chef des Schleswigschen Feldartillerie-Regiments Nr. 9 ernannt wurde. Im April 1898 vertauschte er den hohen Posten in Altona mit dem noch höheren des General- Inspekteurs der 3. Armee-Inspektion, eine Stellung, die vor ihm General-Feldmarschall Graf Blumenthal einge­nommen hatte.

In dieser hervorragenden Position feierte Graf Walder­see am 27. April 1900 sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum, das ihm reiche Auszeichnungen und Ovationen gab und dem die Ernennung zum General-Feldmarschail aus dem Fuße folgte. Diesen Rang aber sollte der 68jährige Heerführer tn weitestem Sinne zu vertreten berufen sein. Es war ihm vergönnt, an die Spitze des ersten deutschen Heereskörpers zu treten, das über das Weltmeer hinweg unter nationalen Fahnen gezogen war. Er war ausersehen, den Oberbefehl über die Truppen der Großmächte Europas, über die Kon­tingente Nordamerikas und das japanische Heer zu über­nehmen, die vereint im Felde standen, um in dem in wilder Aufregung zuckenden 300 Millionen-Reiche der Mitte begangene Frevel zu bestrafen, das verletzte Völkerrecht zu rächen, die Ordnung wiederherzustellen. Die gemeinsame Aktion verlangte eine gemeinsame Oberleitung. Nach in­timen Pourparlers kamen die Mächte überein, den von Deutschland mit dem Oberbefehl Iber die eigenen Truppen in Ostasien betrauten Feldmarschail Grasen Waldersee mit dem Oberkommando der gesamten verbündeten Heeresmacht

Kraf ZSaLdersees stetigster Heöurtstag.

Generalfeldmarschall Graf Alfred von Waldersee voll­endet heute, am Dienstag, sein siebzigstes Lebensjahr. An Arbeit, an Kämpfen, an Erfolgen reich, sind Jahrzehnte auf Jahrzehnte an Der Kraft und Elastizität des Körpers und Geistes dieses hervorragenden Soldaten fast unmerklich vor­übergegangen. Zweiundfünfzig Jahre hindurch steht Gras Waldersee bereits in Waffen. Der höchste militärische Rang, nicht mehr zu überbietende Auszeichnungen kennzeichnen seine Verdienste; auf den Schlachtfeldern in Böhmen und in Frankreich, in der Organisation und der Erziehung unseres Heeres zu Ausgaben, die die Zukunft stellen könnte, begegnet man den Spuren seines Wirkens, seiner Thätigkeit, die, wie seine Begabung in jüngster Zeit bei seiner Mission nach China der gesamten zivilisierten Welt zu tage getreten sind. Sein Posten innerhalb der heimatlichen Armee war ihm inzwischen offen gehalten worden, und er hat nach seiner Rückkehr die damit verbundenen Funktionen wieder übernommen; Es ist das Bezeichnende für die exceptionelle Stellung und Einschätzung des Grafen Waldersee, daß er mit seinen Jahren und mit feiner Erfahrung, so lange wie ihm möglich in Aktivität erhalten wird und m Bereitschaft für nicht herbeizuwünschende, aber auch nicht ungerüstet abzuwünscheude, ernste, internationale Krisen. Der Kaiser rachnet damit, daß der Feldmarschall in einem solchen Falle auf dem Kriegstheater eine führende Rolle übernehmen wird.

Aus Seitenlinien des anhaltinischen Herrschergeschlechts entstammen die Waldersee aus rechtmäßig geschlossenen Ehen männlicher und weiblicher Abkömmlinge askanischer Fürsten und Prinzen, soda-tz der Feldmarschall seine Ab­kunft auf den Sieger von Turin und von Kesseldorf, den alten D e s s a u e r", zurückführen kann. Wo die preußi­schen Bataillone und Schwadronen blutig zu ringen gehabt gab es Waldersees als Generale, als Obersten, als jüngere Offiziere.

Ter aegenlüärtigt Jubilar ijt her Sohn des Generals der Kavallerie Grafen Franz von Waldersee, der 1873 ge­storben ist. Graf Alfred, dessen Begabung sich frühzeitig Bahn brach, trat aus der Selecta des Kadettenhauses, acht­zehnjährig, am 27. April 1850 als Leutnant in das Garde- Artillerie-Regiment ein, und bei dieser wissenschaftlichen Waffe avancierte er bis zum Hauptmann. Ter junge Offizier warbemerkt" worden. König Wilhelm berief ihn zum Adjutanten seines Bruders, des Prinzen Carl, und so machte Gras Waldersee im königlichen Hauptquartier den Feldzug in Böhmen, Die Schlacht bei Königgrätz mit Er fand auch hier Gelegenheit, sich hervorzuthun, derart, daß er bald nach dem Siege d em Generalstab der Armee überwiesen und außer der Reihe zum Major befördert wurde. Nach dem Kriege wurde er dem General-Kommando des neuen zehnten Armeekorps in Hannover zugeteilt; dort bewährte sich unter schwierigen Verhältnissen sein ausgleichender Takt und sein Organisationstalent Anfangs des Jahres 1870 finden wir den Grafen Waldersee als Militärattache bei der Botschaft in Paris. Er kam dorthin zur rechten Stunde, um durch seine aufklärenden Berichte an den König über den Stand des französischen Heerwesens und der französischen Taktik unsere eigenen Maßnahmen zu beeinflussen und unser späteres Vorgehen sichern zu helfen. In Würdigung dieser Verdienste uttachierte ihn König Wilhelm bei dem Beginn

Gießen, den 4. April 1902.

Das Großheyogliche Kreisamt Gießen u« die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.

Aus den bei uns einlaufenden Protokollen über den Wiesengang haben wir ersehen, daß in vielen Gemeinden der Wiesenvorstand noch nicht auf die in Art 1 unserer Wiesenpolizeiordnung vom 8. Januar l. I. vorgeschriebene Zahl ergänzt ist.

Indem wir im einzelnen auf den oben cit Art. ver­weisen, machen wir noch besonders darauf aufmerksam, daß die eine Hälfte der Wiesenvorstandsmitglieder der Gemeinde- rat selbständig wählt, während die andere Hälfte auf Vor­schlag das Kreisamt ernennt

Sie wollen demgemäß in erster Linie feststellen, wer von den noch vorhandenen Vorstandsmitgliedern vom Ge­meinderat gewählt und wer vom Kreisamt ernannt wurde, und hiernach die Ergänzungsmitglieder im richtigen Ver­hältnis derart bestellen, daß nach Komplettierung die Hälfte vom Ortsvorstano gewählt, die andere von uns ernannt ist.

Ihren Berichten über stattgehabte Wahl sowie Vor­schlägen über die unsererseits zu ernennenden Mitglieder sehen wir bis spätestens 1. Mar l. I. entgegen.

v- Bechtold.

Bekanntmachung.

Zur Verhütung der Verschleppung der Maul- und Klauen­seuche wird die Abhaltung der auf den 9. April ds. Js. in Wetzlar und auf den 10. April in Ehringshausen anstehenden Viehmärkte an die Bedingungen geknüpft, welche durch meine den Markt in Wetzlar betreffende Bekanntmachung in Nr. 64 des Kreisblattes von 1902 veröffentlicht worden sind.

Der Austrieb beginnt in Wetzlar um 8 Uhr und in Ehringshausen um 9 Uhr vormittags.

Aus der Provinz Oberhessen des Großherzogtums Hessen darf Rindvieh nicht aufgetrieben werden.

Wetzlar, den 2. April 1902.

Der Königliche Landrat.

I. A.:

M a g n i n o, Kreissekretär.

zu betrauen. Er hatte eine improvisierte deutsche Armee,, deren einzelne Bestandteile allerdings die heimatliche Schul-e durchgemacht hatte, aber unter ganz neue Verhältnisse ver­pflanzt war, zu seiner Verfügung. Die Schwierigkeiten, die ein Koalitionsheer schon unter mehr normalen Verhältnissen in feinem einheitlichen Auftreten behindert, waren in China verhundertfacht. Die Interessen der Mächte kreuzten sich in der verwickeltsten Weise, und so gehörte ein höchst um­sichtiger, erfahrener Soldat und ein feinsinniger Diplomat zusammen, um das Deutschland überkommene Mandat zu übersehen und zum erwünschten Ende durchzuführen. Die Schwierigkeiten der Situation traten im Lause des Jahres 1900 nur zu deutlich zu tage. Graf Waldersee hat durch seine Umsicht Differenzen zwischen den Alliierten teils ver­hindert, teils geschlichtet, die Gegner aber von der Macht der Kulturstaaten überzeugt und sie dadurch zum Friedens- schluß gezwungen.

Durch ijuije Ehrungen von allen Mächten ausgezeichnet, ist Gras Waldersee in die Heimat zurückgekehrt, wo ihn sein Kaiser dankend willkommen geheißen hat. Er hat die Ge­fahren und die Strapazen, die mit feiner großen Mission verbunden gewesen, mit seinem frischen Geiste und seinem rüstigen, gestählten Körper trefflich überstanden und wirb wohl noch viele Jahre dem Vaterlande erhalten bleiben.

Politische Tagesschau.

Eia rühmloses Ende.

Mir lesen in derStrafst). Post" folgende Mitteilung aus Hessen:

Einem wichtigen Zweige der hessischen Forstwirt sch ast ist enogütig das Todesurteil gesprochen murDen. Von diesem Jahre ab läßt her Staat in seinem WaldbesitzV." die Eichenrinden nicht mehr schälen. Tie Privatwaldbesitzer, deren es in Rheinhessen eine Menge giebt, haben schon seit Jahren Schwierigkeiten beim Berkaus ihrer Rinden und find diese in diesem Jahre überhaupt nicht los geworden. Tie Ursache dürfte in der veränderten Art des Leder- gerbenS liegen, das jetzt mehr auf chemische Weise ge­schieht. Damit geht ein blühender Zweig der Forstwirtschaft rühmlos zu Grunde. Alle An­erkennung verdient die hessische Regierung, welche den Privatichälwaldbesttzern enigegeulommt und bereit ist, deren Besitz an Wald zu ziemlich annehmbaren Preisen für den Staat zu erwerben. In letzter Zeit find in Rheinhessen einige^ hundert Morgen auf diese Weise in den Bcs.tz des Staa.es übergegangen."

Dazu bemerit dieTisch, -tage-^g.Der Umstand, daß die hessische Regierung den Eiiistnsu)älmaldbetrieb auf* giebt, ist der betulichste Beweis dafür, dast die Reichs­regierung nicht beabsichtigt, einen wirksamen Zoll für ausiändstche Gerbnmteriasten, insbesondere Quebracho ein- zusühren. Es ist also an der Zeit, daß d.e Eicyenschäl- waldoauern uno die Lohgerber sich ernftlich rühren, um sich davor zu schützen, daß auch sie ein ruhmlofes Ende nehmen. Aber wir meinen auch, daß die Militär-Ver­waltung es nicht ruhig mit anfehen kann, wie man ihr die Möglichkeit rauben will, das Heer mit dauerhaften Lederstiefeln, Geschirren usw. zu vergehen. Tenn, wenn kein ausreichender Zollschutz errichtet wird, geht der Eichen- schälwaldbetrieb sowie die Eichenlohgerberei ganz sicher vollkommen zu Grunde, darüber kann man sich keinen Illusionen hingeben.

DieKreuzzeitimg" und dieDeutsche Agrarkorrespondenz".

Tas tunierbaiibe L)l<ut hat der kun,ervaiioen Agrar- Korrespondenz vorgeworsen, sie seiunablässig bemüht, zum großen Vergnügen aller freifinnigen Blatter, Mein­ungsverschiedenheiten unter den konservativen Mitgliedern der Zolltarifkommstfion nachzuweisen, welche in Wirklich­keit gar nicht bestehen" undGegensätze zwischen den fogenannten Gouverneuren taten der Rechten und dem Bunde der Landwirte heraus zu sinden", und jetzt erwidert Herr Klapper, der Herausgeber der Korre­spondenz:

Wenn sie (dieKreuz-Ztg.") wirklich glaubt, daß zwischen den vom Bunde der Landwirte vertretenen For­derungen der wirklich Konservativen im Lande und den Operationen der parlamentarischen Kompromißkünstler keine fundamentalen Meinungsverschiedenheiten obwal­ten: dann muß ihr die agrarische Tagespresse und die unabhängige tonservative Provinzialpresse allerdings vollkommen unbekannt sein. In diesen Kreisen hat schlechterdings niemand mehr ein Verständnis für Die nur von derKreuzztg." noch gebilligteVerständig- ungstaktik", die naa) dem Rezept arbeitet:Fünfund- siebzig müssen wir haben, denn so viel kostet uns daS Korn selber, Darum sondern wir wenigstens siebzig und alleräußerst fünfundsechzig, denn unter sechzig können wirs wirklich nicht lassen. Wenn wir aber nickst mal fünfundsünzig kriegen, gut, bann nehmen wir halt fünf­zig". Wir bitten bieKreuzztg.", tn ihren eigenen Spalten die Artikel nachzulesen, die sie seit 1900 über die KornzAlfordernngen veröffentlicht hat; sie beginnen mit der Eingabe des Herrn Grafen Schwerin als Vorsitzender des LandesökonomiekollegtumS, allwo 75 Mk. kBrnzollals wirklich nur das Mindestmaß des not­wendigsten Schutzes darstellend" verlangt wurden, und das vorläufige ^chkußftuck in der Artikelreihe ist der jüngsteVerftändigungsoorschlag", in welchem dieKreuz- Ztg." darauf hinweift, daß die noch bestehende Diffe^ renz (55 Mark Kompromiß uno 50 Mark Regierungs-Vor­lage) bei beiderseitigem ernsten Willen fein Hindernis für eine Verständigung sein werde. Dir vermögen zwischen obenbemeldeten Rezept und dieser Artikelreche teinen sachlichen Unterschied zu entdecken.