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8.2.1902 Erstes Blatt
 
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klagten Schlegel an Schmidt in Höhe von 100 000 Mk., die von Schlegel zugestanden und dahin erklärt wird, daß, er diese Schuld für Hergabe von Baarmitteln und Aktien von Tochtergesellschaften gehabt habe. Rechtsanwalt Bartels, der für Hermann Sumpf zahlreiche Rechtsgeschäfte besorgte, lernte diesen nur als durchaus rechtlich denkenden, soliden Mann kennen. Nach der Katastrophe der Leipziger Bank sei er als dessen Rechtsbeistand herangezogen worden, und er gewann auch in diesen Verhandlungen den Eindruck, daß Hermann Sumps von den Dingen überrascht und offen­bar in gutem Glauben gewesen sei. Es scheint dem Zeugen, daß man Schmidt zu viel freie Hand gelassen habe. Zeuge schildert eingehend, daß namentlich Hermann Sumpf versuchte, die Leipziger Bank zu einer gütlichen Vereinbarung mit der Trebertrocknungsgesellschasr bereit­willig zu machen. Er, Zeuge, hatte den Eindruck, daß Hermann Sumpf die Gesellschaft noch sanieren zu können glaubte und daß er die nötige Unterlage dafür wohl in den Geschäften selbst erblickte.

Justizrat Traube, Direktor der Dortmunder Unions- Brauerei, kannte den Vater des Angeklagten Schulze-Dell­wig, und weiß, daß dieser den Angeklagten ziemlich unselb­ständig erzogen hat. Der Angeklagte ist vertrauensseliger Optimist. Zeuge erinnert sich, daß seine Frau sich einmal mit der Frau des Angeklagten über die Dividenden-Ange- legenhcit unterhalten habe. Damals habe letztere gesagt: Was nützen uns die hohen Dividenden! Wir haben noch nichts davon gesehen! Dazu ist mein Mann noch fast ein Drittel des Jahres unterwegs." Schulze habe ihm dann, als der Zusammenbruch erfolgte, noch geraten, Aktien zu kaufen, weil jedenfalls die Konkurrenz die Trebertrock- nungs-Gesellschaft anräufen würde. Er that dies aber nicht, weil er sein Geld bereits anderweit festgelegt hatte. Zeuge erklärt, daß das Si ch n i ch t k ü m m e r n der Aus­sichtsräte um die Geschäfte allgemein üblich sei, namcnnia) da, wo die -Geschäfte gut stehen. Daß Wechsel seitens der Mitglieder des Aufsichtsrats gegeben werden in Zeiten einer Krisis, sei auch nichts Auffälliges. Zeuge Kaufmann Schäfer gab zu, daß ihm Direktor Schmidt ein Darlehen von 1500 Mk. gewährte unter der Bedingung, daß er von seiner Kenntnis der Gefängnisstrafe, die das Aussichtsratsmitglied Schlegel erlitten hatte, keinen Ge­brauch mache. Der ehemalige Oberbuchhalter der Aktien­gesellschaft für Trebertrocknung Stirl bestätigte dem Zeugen, daß zur Gründung der Fabrik Weißwasser die Leipziger Bank 1600 000 WIL gab, die während der be­treffenden Gründungssitzung auf dem Tische lagen, die aber noch an demselben Tage nach Leipzig zurückgingen. Auch der Leiter der hiesigen Reichsbank, Bantdirektor Bäthge, erteilte dem Angeklagten Sumps das beste Zeugnis. Sie wajren. beide Optimisten und hatten von Geschästsverhält- nissen der Gesellschaft fast gar keine Ahnung. Rechtsanwalt Bartels bekundet als Zeuge, er könne sich den Vorzeugen nur anfchließen. Er ist der Ueberzeugung, daß die Ange­klagten, sowie alle anderen Aufsichtsratsmitglieder voll­ständig unter dem Bann des Direktors standen, der allen anderen geistig und auch in Geschäftsangelegenheiten über­legen war. Am 3. Juli hatte er mit Schmidt und den Auf­sichtsratsmitgliedern eine Konferenz. Am 4. Juli erfolgte der Zusammenbruch. Oberbuchhalter Stirl sollte in dieser Konferenz über einige Posten Ausschluß geben. Es stellte sich dabei heraus, dag er wenige Tage vorher von Schmidt entlassen war.

Im weiteren Verlauf bekundete der Oberbürgermeister Schmieding -Dortmund, daß er den Angeklagten Otto keiner unehrenhasten strafbaren Handlung sür fähig halte. Zeuge Bankdirektor Hein sott hält den Angeklagten Schulze-Dellwig für ein Finanz-Genie.

In der Nachmittagssitzung werden verschiedene Zeugen über den Leumund der Angeklagten Hermann und Arnold Sumpf vernommen, die günstig aussagen. Direktor Rüggeberg -Neheim macht Mitteilungen über die Er­gebnisse des neuen Holzverkohlungs-Verfahrens mit der rotierenden Retorte. Dieselben seien günstig gewesen. Die Ausbeute betrug 40 Proz. Auf eine Frage, woher die un­günstigen Resultate tarnen, antwortet Zeuge, daß infolge technischer Mngel eine volle Ausnutzung nicht erzielt wer- den konnte. Es wird dann eine Reihe früherer Beamter über die Tochter-Gesellschaften und über den Wert des Bergmannschen Patentes vernommen. Kaufmann Anger- Dortmund war Buchhalter bei dem Angeklagten Otto und bekundet, daß dieser sich um das Kasseler Geschäft wenig gekümmert habe. Justizrat Friehs erklärt, daß sich ihm gegenüber verschiedene Mitglieder des Aussichtsrats vor dem Konkurse vertrauensvoll über das neue Holzverkohl- ungs-Versahren geäußert haben und es deshalb schwer be­dauerten, daß grade jetzt der Krach der Leipziger Bank alles vereitle. Oberstleutnant a. D. Rettburg hat die Jahres-Revision vorgenommen, dabei aber keine wesent­lichen Abweichungen gefunden. Zeuge hat durch seine Re­vision ein so günstiges Bild gewonnen, daß er selbst einen größeren Posten Aktien erwarb. Rechnungsrat Reckhardt hat die Bücher regelmäßig revidiert und hier und da Un­regelmäßigkeiten gefunden, die von Schmidt bereitwilligst abgeändert wurden. Kaufmann Braun war mit Otto zu­sammen in Amerika. Otto habe damals gesagt, er sei infolge des mißlichen Geschäfts moralisch so tief gesunken, daß er nicht übel Lust hätte, jemand das Bergmannsche Patent auszuschwindeln. Bücher-Revisor Haack- Dortmund hat die Ottoschen Bücher revidiert, in denen sich keine einzige Eintragung von der Hand des Angeklagten fand. Er halte Otto nicht für fähig, Bücher selbst zu führen, geschweige denn zu kontrollieren. Morgen 9 Uhr Fort­setzung.

Prokurist Scheffer besichtigte gleichzeitig mit dem An­geklagten Schlegel das Werk in Nantes und gewann als Laie einen sehr guten Eindruck von demselben, wie alle Herren, die damals dort waren. Der Rest der heutigen Zeugenver- nehn.ungen gilt verschiedenen Leumundfeststellungen.

Die Verhandlung wird auf morgen vertagt.

Ter in Paris verhaftete Direktor Schmidt hat seiner in Kassel lebenden Mutter in einem Briese angezeigt, daß er jeden Widerstand gegen seine Auslieferung auf ge geben habe und in den nächsten Tagen in Kassel eintreffen werde.

Aus Stadt und Kand.

(Der Abdruck der unter dieser Rubrik befindlichen Original-Nachrichten rst.rurr unter genauer Quellenangabe:Gieß. Anz." gestattet).

Gießen, 8. Februar 1902.

** Zweite Kammer. Die Einladung und Tagesordnung zu den am 18. Februar d. I. beginnenden Sitzungen der zweiten Kammer der Stände ist soeben verschickt worden. Die Tagesordnung enthält: 1. Die Regierungsvorlage betr. den Staatsvertrag zwischen dem Großh. Hessen und dem Groß­

herzogtum Oldenburg wegen Vertriebs der Lose der Landes­lotterie. 2. Die Regierungsvorlage, den Entwurf eines Ge­setzes die Regentschaft betr. 3. Die Regierungsvorlage, den Entwurf eines Gesetzes betr. die Abänderung des Gesetzes vom 4. April 1888 die Ausführung der Unfall- und Kranken­versicherung der in land- und forstwirtschaftlichen Betrieben beschäftigten Personen betr. Ferner sind zur vorläufigen Be­ratung im Plenum in Gemäßheit des Art. 33 und 35 der Geschäftsordnung noch vorgesehen 16 Gegenstände, von denen heroorzuheben sind, die Strafverfolgung des Landtags- Abg. Haas-Mainz; Antrag Schönberger betr. die Ver­luste der Maul- und Klauenseuche, Antrag Korell betr. Erweiterung des Seuchengesetzes, Antrag Ohl Ausbau der Realschule zu Großumstadt, zu einer Oberrealschule betr.; dringlicher Antrag Schönberger die Statuten der Spar­kassen betr., sowie eine Anzahl Vorstellungen meist persönlicher Verhältnisse betr.

** Unter dem Narrenszepter! Die Narren haben gegen­wärtig das Regiment. Wir leben in der Zeit, da das Narren­tum offiziell regiert. Die Narren spielten zu alten Zeiten und bei allen Völkern eine hervorragende Rolle. Jetzt ist, ob zum Vorteil oder Ruhme unserer Zeit, bleibe dahingestellt, blos noch die Faschingszeit die Periode ihrer absoluten Herr­schaft, obwohl die Narrheit im Allgemeinen auch bei uns iiicht mit der Laterne gesucht zu werden braucht, nur fehlen vielleicht jetzt mehr die witzigen Narren! Früher hatte man Hofnarren, die bekanntlich ihre Narrheit oft soweit trieben, daß sie gescheit und klug redeten, vergnügt waren und Ver­gnügen machten. Darum sagt auch der lachende Philosoph Demokrit:Es giebt vielerlei glückliche Menschen: Betrunkene, Verliebte, die Jugend und die Narren, und letztere sind so glücklich, wie die Kinder bei ihren Spielen. Dem-Knaben gilt fein Steckenpferd soviel, wie ein teurer Viererzug, dem Mädchen die Puppe nicht weniger, wie eine Prinzessin und dem Narren ein Strohkranz soviel wie eine Königskrone. Jetzt noch kann ein Narr nicht nur zehn Narren machen, sondern eine Modehändlerin Millionen Närrinnen; auch heutigen Tages noch kann Jeder in einer belebten Straße sich an einen beliebigen Qrt aufstellen und unverwandt irgend einen Giebel anschauen; es wird nicht lange währen, so helfen ihm zehn Andere mit schauen. Schon bei keinem Feste der Griechen durfte der Lustigmacher fehlen, Montezuma, der Herrscher der Wilden Amerikas, hatte schon seinen Hofnarren ebenso gut, wie die Sultane des Orients, wie unsere früheren Fürsten, Bischöfe und Aebte ihre Possenreißer, denen die Narrheit im Blute lag und die deshalb auchv von dieser Krankheit, oder, wenn man will, von dieser natürlichen Be­vorzugung nicht geheilt werden konnten, wie etwa die Liebes­narrheit durch die Ehe. Diese Lustigmacher waren oftmals die klugen Herren, und die vermeintlich Klugen waren ihre Narren. Groß und nicht im kleinsten Teile aufzuzeichnen ist die Zahl der schlagfertigen, weisen Worte thörichter Narren, und gut ist es, daß wenigstens zur launigen Faschingszeit die alte Narrheit wenigstens etwas zu Ehren kommt. Narrheit erzeugt Heiterkeit und Heiterkeit ist gut für den Magen, sagt der Naturarzt. Freilich gereicht die Posfenreißerei oft den Klugen zum Aerger. Nun, wer Alug ist, der kann ja die Narren wieder zum Narren haben! Versuchen mag er es wenigstens.

§ Butzbach, 8. Febr. Der im Landeszuchthaus Marien- schloß inhaftierte Strafgefangene, der, wie wir seinerzeit berichteten, dem Aufseher Kissel im Dezember mit der blechernen Zellenlampe einen Schlag auf den Kopf versetzte und Widerstand leistete, wurde von dem hiesigen Schöffen­gericht zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Nächsten Mittwoch wird bei dem hiesigen Bataillon eine Rekruten- besichtigung stattsinden. Die Bürgermeisterwahl in dem nahen Rockenberg ist auf den 15. festgesetzt worden.

d. Rabertshausen b. Hungen, 7. Febr. Gestern fand hier die Bürgermeisterwahl statt. Der seitherige Bürger­meister Widdersheim wurde zum drittenmale gewählt.

er. Ulfa, 7. Febr. Eine zu Gunsten der Buren durch Lehrer Wißner in unserem Dorfe veranstaltete Samm­lung von Geldspenden ergab den schönen Ertrag von 80 Mk. Diese Summe ist ein Zeichen dafür, wie überaus groß die Sympathie ist, diö unser Landvolk für das tapfere Buren- völkchen hat, da das Ergebnis alle anderen für mildthatige Zwecke seither hier ins Leben gerufenen Sammlungen bei weitem übertrifft.

-n. Harlmaunshain, 6. Febr. Im vergangenen Sommer hätte unsere Beigeordnetenwahl stattsinden sollen. Wegen eines Versehens unterblieb sie jedoch. Nun soll sie am 15. Februar stattsinden. Die Beigeordnetenwahl in Volkartshain wurde nicht bestätigt, weil der Gewählte zur Zeit der Wahl das hessische Staatsbürgerrecht nicht besaß und weil sein Bruder Gemeinderatsmitglied ist. Bemerkens­wert ist, daß es außerordentllch schwer hielt, einen Beige­ordneten zu finden, da mit der Wahl ein tüchtiger Freitrunk verbunden ist, wozu sich nicht jeder versteht.

8. Darmstadt, 7. Febr. Das Glückwunschtele- gramm, das die Großherzogin von Italien aus an deu Prälaten D. Habicht zu dessen 80. Geburtsfest sandte, hat folgenden Wortlaut:Erfahre soeben, daß Sie heute Ihren 80. Geburtstag feiern, und sende Ihnen dazu meine herzlichsten Glückwünsche in alter Anhänglichkeit an dem Hessenlande, an der Spitze deren Kirche Sie so lange Jahre treu gestanden haben. Vict oria Melita."

Kostheim b. Mainz, 6. Febr. Eine Masse n v erh a ft- ung erfolgte gestern hier; es wurden 11 junge Leute, die gemeinsam Zigarrendieb stähle verübt hatten, nach Mainz in das Untersuchungsgefängnis verbracht.

** Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. In Cassel wurde ein Telegraphenarbeiter das Opfer eigener Unvorsichtigkeck. Der Mann war in einem Hause im vierten Stockwerk mit Festmachen eines Telephondrahtes beschäftigt. Er stand auf der Fensterbank des offenen Fensters und wollte außen am Hause einen Krampen einschlagen. Dabei beging er die Unvorsichtigkeck, in der schwindelnden Höhe zu han­tieren, ohne sich anzuseilen. Bei dem Einschlagen des Kram­pens rutschte nun der Mann infolge Nachgebens einer Halte­vorrichtung aus, bekam das Uebergewicht und stürzte hinab zur Unkenntlichkeit zerschmettert. Er hinterläßt Frau und mehrere Kinder.

Deutscher ^audwirtschaftsrat.

Berlin, 7. Febr.

Ter deutsche Landwirtschaftsrat verhandelte heute zu­nächst über die Organisation eines telegraphischen Witterungsdienstes für die Landwirtschaft- Ter Reichskanzler wird gebeten, dahin zu wirken, daß der Bezug der von der deutschen Seewarte ausgehenden Wet­ter-Depeschen thunlichst erleichtert, bezw- auch für die CrgänzungSdepeschen ein Abonnement eingeführt werde, und eine "permanente Kommission für die landwirtschaft­liche Witterungskunde einzusetzen. In dieser Kommis­sion sollen, [0 wird vorgeschlagen, vertreten sein: Das Reichsamt des Innern, ReichSmarineamt, Reichspoftamt, das preußische Landwirtschaftsministerium, Kultusministe­rium, deutsche Secwarte, kgl- preuß meteorologisches In­stitut, der deutsche Landwirtschaftsrat und noch einige Ver­treter der Landwirtschaft und der Meteorologie- Die Ge­samtzahl sollte 12 bis 15 nicht übersteigen-

Weiter wurde verhandelt über die Reform der l a n d w ir t s ch a f tli ch e n St a t i ft i k auf dem Gebiete des Besitzwechsels und der Verschuldung und der Boden- preile, und es wurden Resolutionen angenommen, die den Wert dieser Statistik betonen- Zuletzt berichtete Frhr. v. Wangenheim Namens der Kommission für Feuer- Versicherung- Er wies auf die Uebelftänbe des Aktien- gesellschafts-Feuerverftcherungswesens hin, das bereits da­hin geführt habe, oaß z. B. der Bund der Jndustriellenf einen Schutzverband gegenüber den Feuerversicherungen gegründet habe, also eine Versicherung vor den Versicher­ungen! Demgegenüber hob er die vorzügliche Wirksam­keit der öffentlichen Sozietäten hervor und richtete die Bitte an den Vorsitzenden, sich mit dem Vorsitzenden des OelonomiekollegiumS in Verbindung zu setzen (Heiterkeit), damit dieser beim Minister versuche, die Wünsche der Land­wirtschaft durchzubringen. (Beifall.)

Tas Festmahl des Landwirtschastsrats im Kaiserhofe war glänzend besucht- Es wohnten demselben bei der Reichskanzler, die Minister v- Podbielski und v. Hammer­stein, die BundeSratSbevollmächligten Graf Lerchenfeld und v- Oertzen, Reichstagspräsident Graf Ballestrem, der Vize­präsident des Herrenhauses v- Manteuffel und der Vor­sitzende des Bundes der Landwirte v- Wangenheim. Der Vorsitzende Graf Schwerin-Löwitz brachte einen Toast auf den Kaiser aus und wünschte, wie Kaiser Wilhelm I- durch schliere Kämpfe das deutsche Volk zur Einigung geführt, so möge es dem Kaiser mit seinem als treuen Freund der Landwirtschaft bekannten Kanz­ler gelingen, die deutschen Er werb s stände wirtschaft­lich trotz aller Schwierigkeiten zu einigen- Redner er­neuerte das Gelübde unverrückbarer Treue und Ergebenheit für den Kaiser. Der Vizepräsident des Landwirtschaftsrats Frhr- v. Soden-Frauenhofen gedachte des Entgegen­kommens, das die Wünsche der Landwirtschaft bei den verbündeten Regierungen bereits gesunden, dankte den hochstehenden amtlichen Gönnern der Landwirtschaft für ihr Erscheinen, und trank auf diese Gönner- Darauf er­griff der Reicyskanzler das Word Nach der Rede, des Reichskanzlers toastete Freiherr v. Loe auf den Minister Fr hm. v. Hammerstein, dieser auf den Grafen Ballestrem, letzterer auf die Parteien des Reichstags, die auf den Boden der Zolltarifoorlage stehen-

In seiner Ansprache führte Graf Bülow folgendes aus:

Es gereicht mir zur lebhaften Befriedigung, meine Herren, daß ich wiederum gbte Freude und Ehre habe, an dem Feste der deutschen Landwirtschaft teilzunehmen. Ich danke Ihnen herzlichst wie für die liebenswürdige Einladung, so für die eben gehörte freundliche Begrüßung in Ihrer Mitte. Es ist gerade ein Jahr her, seit ich in diesem Ihrem Kreise gesagt habe, daß das Interesse, und die Sorge für die Landwirtschaft mir nicht nur Pflicht meines Amtes ist, sondern daß ich auch mit dem Herzen für die Landwirtschaft ein­trete. Daß ich das damals sagte, ist mir ja hier und da verübelt worden. (Heiterkeit.) Das hat mich aber nickt im mindesten irre gemacht- Daß ich den Wert der Lano- wirtschaft zu würdigen weiß, daran wird man sich gewöhnen müssen. (Bravo!) Ich füge hinzu, ein Reichskanzler, der für ein so wichtiges Gewerbe, wie die Landwirtschaft, das für die Struktur des Reiches von so eminenter Bedeutung ist, kein Herz hätte, das wäre ein seltsamer Kauz. (Heiter­keit) ; der würde bald kopfüber. gehen- Wlan hat auch versucht, in wirtschaftlichen Dingen einen Gegensatz zu konstruieren zwischen der Majestät dem Kaiser und mir. Von einem solchen Gegensatz ist gar keine Rede. (Lebhaftes' Bravo.) Ein Reichskanzler, der in einer so wichtigen Materie sich im Gegensatz befände zu dem Kai­ser, das ginge über die Hutschnur. (Heiterkeit.) - Die Wahr­heit ist, daß ich, indem ich die Interessen der Landwirt­schaft zu fördern trachte, die W ü n s ch e u n d A b s i ch t e n des Kaisers ausführ. (Bravo!), der sehr wohl weiß, was er an der Landwirtschaft hat, was die Landwirtschaft in wirtschaftlicher, militärischer und sozialpolitischer Hinsicht bedeutet und auf dessen Liebe und sachverständige Fürsorge die Landwirtschaft immer wird rechnen können. (Bravo!) Der Kaiser ist durchaus einverstanden mit der nationalen Wirtschaftspolitik, die jedem das Seine giebt, d- h. jedem Erwerbsstande, zumal wenn er Not leidet, so­viel, als sich ihm zuwenden läßt, ohne den übrigen Teil der Bevölkerung zu schädigen. Die verbündeten Regier­ungen sind mit der Tarifvorlage den Wünschen der Land­wirtschaft weit entgegengekommen, sie haben gethan, was für sie möglich war, um ein neues Zollgesetz mit sehr wesentlichen Vorteilen für die Landwirtschaft zu stände zu bringen und mit aller Offenheit will ich aussprechen: Menn oie verbündeten Regierungen der Landwirtschaft helfen sollen, müssen sie auch von den Freunden der Land­wirtschaft unterstützt werden. Durch nichts werden die be­rechtigten Bestrebungen der Landwirtschaft mehr gefährdet und geschädigt, als durch Uebertreibungen und Gegenseitig­keiten. Die verbündeten Regierungen sind dar­über einig, daß die von ihnen v o r g e s ch l a g en en Ge­treidezölle die Grenze bezeichnen, bis zu wel­cher jene Zölle erhöht werden können, ohne einerseits der ganzen übrigen Bevölkerung lästig zu fallen und ohne an­dererseits den Abschluß von Handelsverträgen in Frage zu stellen, wie sie Landwirtschaft und Industrie brauchen, die alle drei mit festen Verhältnissen rechnen müssen und alle das Bedürfnis nach ruhigen, gleichmäßigen Zuständen haben. Auch ist es sehr zweifelhaft, ob eine Weitere Erhöhung der Getreidezölle über die Sätze des Entwurfs hinaus für die Landwirtschaft auf die Tauer von Vorteil sein würde, denn sie könnte eine Reaktion Hervorrufen, unter deren Einfluß auch der legi­time Zollschutz der Landwirtschaft fallen würde- Meine Herren! Für denjenigen, der nicht die Verantwort­ung für das Ganze trägt, ist es leicht: und bequem, den; ftarfen Mann zu spielen mit der Parole:Alles, oder