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Erscheint täglich außer Sonntags.
Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Kesflfchen Landwirt die Lietzener FamUien- blätter viermal in der Woche beigelegt.
Rotationsdruck u. Verlag der Brüh l'schen Univers.-Buch- u.Steindruckerei (Pietsch Erben) Redaktion, Erpedttion und Druckerei:
Schul st ratze 7.
Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen.
ArrnsprkchanschlußNr.51.
Erstes Blatt. 15Ä. Jahrgang Samstag 8. Februar 1902
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W General-Anzeiger " ’SST
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen WW __ ___ zeigenteil: Hans Beck.
Gießen, 5. Februar 1902.
Sek.: Die Aufbewahrung der Gemeindegelder.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grotzh. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Greifes.
Diejenigen von Ihnen, welche unsere Verfügung vom 16. Dezember v. I. noch nicht erledigt haben, werden an Einsendung der Berichte mit Frist von 8 Tagen erinnert.
v- B ech t o ld.
Das (tzrotzh. Stener-Commissariat Gießen
an die Grotzh. Bürgermeistereien des Bezirks.
Wir ersuchen Sie, die Ihnen zugegangenen Gewerbspatente auszufertigen, und die aufgeklebten Marten vorschriftsmäßig zu entwerten.
Die Patente sind sodann von Ihnen zu unterzeichnen und umgehend, nach den Nummern genau geordnet, anher zurückzusenden.
Gießen, den 8. Februar 1902.
Dr. Metzler.
Are gemischten Hransttläger.
Dir lesen in der „Lorr, des Handelsvertrags-Vereins": In Wirklichkeit dienen die gemischten Transit- l ä a e r nicht nur den I n t e r e s s e n des Getreidehandels, sondern ebenso denen der Landwirtschaft- Sie er möglichen es, das heimische Getreide durch Mischung mit ausländischem wertvoller, es exportfähiger zu machen- Sie sichern ferner der Landwirtschaft den regelmäßigen Bezug von Futtermitteln. Durch die Lebhaftigtcit, die sie mit dem größeren Umfang gewähren, sorgen sie schließlich dafür, daß auch der Produzent nicht an einen engen Kreis von Händlern gebunden ist, welcher ihm die Preise diktieren könnte. Der Getreidehandel der Ostseestüdte, der der großen oberrheinischen Häfen ist an das Fortbestehen der gemischten Transitläger zum großen Teil gebunden- Tie oberrhermschen Häfen würden in der Versorgung der Schweiz nicht mehr gegen J)en Wettbewerb von Genua und Marseille aufzukommer^vermögen-
Schon der Regierungsentwurf bringt eine wesentliche Verschlechterung des bestehenden Zustandes- Aber er ist das weiteste Entgegenkommen, das eine auch nur halbwegs gewissenhafte Regierung beweisen kann; und da es sich um zu gelvichtige Lokalinteressen handelt, für Baden um die von Mannheim, für Bayern um die Lud- wigshafens, für die Reichslande um die Straßburgs, für Hessen um die von Worms und M a i n z usw-, so zeigt auch hier der^Bundesrat ausnahmsweise Festigkeit- Aber trotzdem der Staatssekretär des Innern und die Vertreter der Einzelstaaten die Anträge der Majorität für unannehmbar erklärten, trotzdem selbst Blätter, wie die „Schles- Ztg." und die „Post", die Majorität beschwören, in Fragen, wo das landrmrtschaftliche Interesse ein so minimales ist, wo es sich um so gewichtige Handelsinteressen handele, den Bogen nicht zu straff zu spannen, beharrt die Majorität auf ihrer Forderung. „Alles oder Nichts!" ist ihre Losung, entweder volle Unterwerfung der Negierung unter die agrarischen Forderungen, oder der Zolltarif kommt nicht zu stände-
Taß an eine Verabschiedung des letzteren bei der artigem Verhalten der Majorität nicht mehr gedacht werden kann, ist klar. Die Regierung erntet, wie sie gesät hat- Es wird einer ungewöhnlich energischen Kraft bedürfen, um diese Ketten zu zerbrechen- Aber int Interesse |
einer gesunden Entwickelung unseres Staatslebens ist es erforderlich, daß die Regierung' selbst diese Kraft finde- Niemand aber meine, wenn er am Getreidehandel nicht direkt beteiligt sei, so gehe ihn dieser Streit nichts an. Heute wird dieser Zweig getroffen, morgen jener; und selbst die Regierung ist heute nicht mehr im Un- ITaren darüber, daß jede weitere Nachgiebigkeit das Her- aufbeschwören von Zollkriegen bedeutet- Jedem einzelnen muß daher zugerufen werden: „Tua res agitur".
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Dagegen schreibt die „Ttsch- Tagesztg.":
Tie Verhandlungen der Zolltarifkömmission über die gemischten Tranfitlager haben zu der Ablehnung aller Anträge geführt- Tie Schuld trägt das Zen trum, welches durch Einbringung der Anträge Tr. Heini und Müller die zwischen den Vertretern der Mehrheitsparteien geschaffene und in dem Anträge Schwerins niedergelegte Verständigung durchbrochen hat- Man kann zugeben, daß die Durchführung der Zentrumsanträge fast zu demselben Resultat führen würde, wie der Antrag Schwerin, ihre Durchführung würde aber mit vorläufig schwer zu übersehenden praktischen Schwierig leiten verbunden fein. Es ist in hohem Grade bedauerlich, wenn von irgend einer Seite getroffene Vereinbarungen so leichthin aufgegeben werden- Auf diese Weise wird es nicht möglich sein, die Verhandlungen zu einem positiven Erfolge zu führen, ein solcher ist nur deutbar, wenn die Mehrheitsparteien sich nicht nur untereinander verständigen, sondern einmal ge troffene Vereinbarungen auch halten-
Politische Tagesschau.
lieber die Duelkanträge
im Reichstage schreibt die „Nat.-Zrg." an leitender Stelle: „Wir haben die Ansicht vertreten, daß durch Abänderung des Strafgesetzbuches die Privilegierung des Duells beseitigt werden müsse, welche jetzt besteht, lieber die Mittel hierzu, sagen wir, könne man verschiedener Meinung fein; als ein solches haben wir die vollständige Streichung des fünfzehnten Abschnitts des Strafgesetzbuchs, der vom Zweikampf handelt, bezeichiM, deren Wirkung sein würde, daß Körperverletzungen und Tötungen im Zweikampf unter das allgemeine Strafrecht fallen, also wie andere Körperverletzungen und Tötungen bestraft werden würden, somit je nach den Umständen des einzelnen Falles milder ober härter.
Ist eine Behandlung des Duells nach dem allgemeinen Strafgesetz durchführbar, bann würden wir auch keinen Einwand gegen sie in dem Umstande erblicken, baß alsbann Duelle, bei denen niemand verletzt worden, straffrei bleiben würden. Und andererseits würden mir gegen die nach unserer Meinung allein prinzipiell richtige Behandlung des Duells fein unüberwindliches Hindernis in der etwaigen Unbrauchbarkeit der jetzigen Strafbestimmungen über Körperverletzung und Tötung für diesen Zweck erblicken; man könnte sie dem erweiterten Zwecke entsprechend neu, etwa durch Zusätze, formulieren.
Sieht man von dieser Möglichkeit, das Duellunwesen enqter und wirksamer als bisher zu bekämpfen, ab, so hat der Antrag Schrader zunächst das für sich, daß er der Privilegierung des Tuells in weitgehendem Maße ein Ende machen würde. Nicht unbedingt; denn er gestattet nicht, auf Zuchthaus in den Fällen zu erlernten, in denen es, soll anders gleiches Recht für alle gelten, wegen der Ehrlosigkeit der Handlungsweise geboten ist. Ter Privilegierung des Duells würde durch den Antrag Schrader aber insofern gesteuert, als durchweg die Festungshaft durch Gefängnisstrafe ersetzt werden soll; dadurch würde der heillosen Begriffsverwirrung entgegengewirkt werden, daß das Duell
eine Handlungsweise sei, vor welcher die Staatsgewalt und die öffentliche Meinung Respekt haben müßten. Die erhebliche Verschärfung der Strafen utib der Straffolgen wurde auch auf die Verminderung der Zweikämpfe hinwirken. Der Aittrag Schrader hat aus alle Fälle das Verdienst, im Reichstage die Frage -der unerläßlichen Abänderung des Strafgesetzbuches hinsichtlich des Zweikampfes in Fluß zu bringen . Es werden dazu wohl noch andere Anträge gestellt werden."
Graf Bülow und Ludwig Fulda.
Im „Neuen Wiener Tagblatt" entrollt ein Reichsdeutscher ein anmutig erheiterndes Bild von den politischen Zuständen in Deutschland. Sie scheinen sehr verworren zu sein, aber das mächtige deutsche Reich als solches wird im Kerne von diesen Wirrsalen »licht berührt. „Ter Fulda der Wilhelmstraßc' ist der Artikel in dem genannten Blatte betitelt, der mit folgender Betrachtung schließt:
, „Aus dem jüngsten Presseball fühlten sich zwei Männer durch beiderseitige Liebenswürdigkeit magnetisch angezogen: Graf Bülow und Ludwig Fulda. Tie Politik Hal ihren Humor wie die Weltgeschichte. Tiefe hat den größeren, grimmigeren, an das Tragische streifenden, jene den kleineren, gefälligeren, mehr dem Witz verwandten. Gras Bülow nnb Fulda das ist eine so liebenswürdige Zusammenstellung, daß man dem Zufall dankbar sein kann, der dieS so gefügt hat. Es ist etwas mcrhuürbig Gleichartiges in diesen beiden Gestalten. Wenn man den Reichskanzler hört, so erfreut man sich ganz wie bei Fulda an der leichten Grazie seines Wesens, an dieser sprühenden Lebendigkeit, die über die Klüfte und Spitzen des Lebens so elegant hinweghuscht, daß man gar nicht glauben möchte, es ruhe in der Tiefe irgend etwas Schweres und Dunkeles. Tie dialektische Fertigkeit, das geistvolle Spiel mit These und Antithese müssen den Ernst und die Wucht ersetzen, mit denen die Fülle des Lebens sonst von echten Bildnern zu bewältigen versucht wird ,mögen diese als Künstler oder als Staatsmänner den lockend spröden Stoff meistern wollen. Eine Weile, eine längere Zeit sogar kann das anmutige Sichgeben eines fein abgestimmten Geistes bestechen und fesseln, aber bann kommt die Stunde, wo man mit Bebauern wahrnehmen muß, daß man sich durch Zierlichkeit hat gewinnen lassen, wo man Größe erwartet hatte. Man wird ja sehen, wohin den Grafen Bülow seine außerordentliche Geschicklichkeit führen wird. So lange die Zolltariffrage in der Schwebe bleibt, ist kein Gedanke daran, daß irgend wer Lust haben könnte, sich um die Beerbung des Reichskanzlers zu bewerben, und von einer Krise schon jetzt zu reden, wäre thöricht über die Maßen. Aber die Ereignisse könnten unvermutet ein galoppierendes Tempo annehmen, und bekanntlich reiten die Toten am schnellsten."
Aer Kasseler Hreöerprozeh.
VI.
Kas sei, 7. Februar.
Zn der heutigen Verhandlung des Trebertrocknungs- Prozesses wurden zunächst verschiedene Leumundszeugen vernommen, die sich zu Gunsten der geschäftlichen Ehrenhaftigkeit der Angeklagten Arnold und Hermann Sumps aussprachen. Reichsbankdirektor B a n t h g e - Kassel hielt Hermann Sumpf für einen großen Optimisten. Im geschäftlichen Verkehr lernte er beide Angeklagte als durchaus solide kennen. Im Treberverkehr bestand nur Girowechselverkehr. Treberaccepte wurden nur genommen, weil die Mithasten- ben hiesige gute Bankiers waren. Uebrigens sei bet Verkehr nur beschränkt gewesen. Rechtsanwalt Arntal, der Konkursverwalter Schmidts, spricht über die Schuld des Ange-
Kammermusik.
Gießen, 8. Febr.
r Wie ausgezeichnet unser vortreffliches Künstlertrio T r a u l m an n, Re bner, Hegar es versteht, in seinen Konzerten dem hiesigen musikalischen Publikum stets inter- effante Novitäten vorzuführen, davoii lieferte der gestrige in der Aula der Universität abgehaltene zweite Karnmer- mufidAbend einen glänzenden Beiveis. Uebrigens war f-.. . Lic Neuheit der verschiedenen, meist modernen Ton- fchopfungeii allein, denen das gestrige Konzert seinen großen Erfolg verdankte, sondern vor allen Tingen die Wiedergabe durch die geschätzten Künstler, die jetzt wirk- Liü) ein ganz köstliches Ensemble und eine hervorragende Sterbe des Ebener Musiklebens geworden )\nb. Tas gestrige Programm enthielt an Kammermusikwerken ein Ario in ~ mell von Arensky, eine Violinsonate von Cäsar
,vunb ~in fti C moll von Felix Mendelssohn- Bartholdy. Ein hoch interessantes Werk war namentlich das Trio des Russen Arensky, das bei seinem Reichtum an musikalischen Schönheiten und technischen Schwierig- keiteu die Künstler vor eine dankbare Aufgabe stellte, deren sie sich mit großer Bravour entledigten. Besonders reich mit Schwierigkelten ausgestattet und meist sehr voll gefetzt erschien uns die von Herrn Trautmann meisterhaft durchaefüyrte Klavierpart, sodaß ausgezeichnete Streicher, wie die Herren «ebner unb Hegar dazu gehörten, um gegenüber ber oft rauschenden Klavierbegleitung die Violine unb das Cello nicht in den Schatten stellen zu lassen. Ein gleichfalls sehr interessantes, aber schwer verständ- liches Werk ist die Violinsonate von Cösar Franck, mit deren Vortrag Herr Rebner, seinem alten Prinzip, nur nach hohen Zielen zu streben, getreu, seine Meisterschaft auf der .Geige wieder glänzend bewährte. Auch hier hatten
wir wiederholt den Eindruck, als ob der Klavierpart im Verhältnis zur Violine zu voll gefetzt sei. Hatten schon diese beiden Werke das Interesse der Zuhörer in hohem Maße in Anspruch genommen, so steigerte sich dasselbe noch mehr bei dem zum Schluß gespielten C moll-Trio von Mendelssohn, das zwar weniger tiefe Gieba men enthielt, dafür aber mit einer Fülle herrlicher Melodieen ausgestattet und rhythmisch leicht verständlich ist.
Ter Vortrag auch dieser Programmnummer war ausgezeichnet und erweckte Beifallsäußerungen, wie wir sie in diesen Kammermusik-Konzerten wohl noch nicht erlebt haben. Ten ausführenden Herren selbst wird der gestrige Abend in angenehmer Erinnerung bleiben-
Zwischen den Kammermusikwerken waren Gesangssoli eingelegt, welche die Altistin Fräulein Clara Bellwidt aus Barmen in Bezug auf Tonbildung, Auffassung und Vortrag mit bestem Erfolg zu Gehör brachte- Tie Aussprache freilich zeigte manche Mängel und war namentlich infolge ihrer Unbeutlid)Ieit nicht geeignet, die Wirkung der Lieder von Brahms (Auf dem Kirchhofe- und Schubert (Aufenthalt und Allmacht) zu erhöhen- Tes Weiteren wirkte befremdend die Wahl des französischen Textes im Vortrag der Opernarie von Saint-'Saens, der unseres Erachtens in einem deutschen Kouzertsaal besser durch die deutsche Ueberseyung erfttzt wird-
Tie Zuhörer nahmen die Darbietungen von Fräulein Bellwidt sehr freundlich auf und spendeten namentlich nach den Liedern lebhaften Beifall, ohne jedoch ihr Verlangen nach einer Zugabe erfüllt zu sehen- Pr.
Kunst und Wissenschaft.
Frankfurter Theater- Als Hamlet begann Herr Franz Lubwig von Königsberg ein auf Engagement
abzielendeS Gastspiel. Er führte die schwierige Rolle des Tönenprinzen sehr anerkennenswert durch, da er ein denkender Künstler ist, eine Routine von ansehnlicher Voll- tommenheit besitzt und sein Organ äußerst modulationsfähig ist. Man kann den weiteren Darstellungen des Gastes mit Interesse entgegen sehen- Im Opernhause gastierte der Dresdener Hofopernsänger Förch Hammer als Tannhäuser mit großem Erfolge- Ter Künstler ist ab 1. September d. Z. an das hiesige KHnst in st. tut verpflichtet.
„Maria von Schottland" will Björnstjerne BjÖrnson seine beiden Schauspiele „Tarnley" (Verlag von Albert Langen in München) und „Bothwell" als geschlossenes Ganzes nennen- Ter erste Teil des Wertes „Tarnley", Schauspiel in vier Akten, geht noch im Laufe dieser Spielzeit am Berliner Theater in Szene, während die Aufführung des zweiten Teiles, das v.eraktige Schau- spiel „Bothwell", an dessen Vollendung ber Tichter noch arbeitet, für bic nächste Spielzeit in Aussicht genommen worden ist-
Ter Komiker als Hotelbesitzer- Ter Komiker der Schlier- feer, Xaver Terofal, hat sich bereits ein hübsches Sümmchen Geld zusammengespielt, so daß er nun Hausbesitzer geworden ist- Er hat das Touristengasthaus Neuhaus bei Schliersee, bekannt durch seinen prächtigen Ausblick auf den Wendelstein, erworben, um im Sommer die Bewirtschaftung zu übernehmen.
— Tie vom Brahms-Denk Maikomitee in Wien beschlossene Ausschreibung der engeren Konkurrenz zur Erwerbung von Entwürfen für das Standbild ist erfolgt- Max Klinger in Leipzig, sowie die Wiener Bildhauer I. Bent, Professor M. °unbmann und Vrofessor R. Weyr haben sich bereit erklärt, an der Bewerbung teilzunehmen.


